Praios 1038 BF; Junkergut Wolfspfort, Heldentrutz
Dramatis Personae:
Anshold von Erlbrück, Junker des Gutes
Morand von Schwarzaue, ein fahrender Ritter
Walderia von Hohenwald, Waffenmeisterin
Arlan, Waffenknecht in Ansholds Diensten
Ein leises Klopfen an der Tür genügte, um den Junker aus dem Schlaf zu reißen. Es war eine Wachsamkeit, die er in seinen Jahren als Ritter perfektioniert und nie wieder abgelegt hatte: Ganz gleich, wie tief er ruhte – ein untypisches Geräusch genügte, und er war hellwach.
Als Arlan, der über die Jahre zu seinem persönlichen Leibwächter geworden war, vorsichtig die Tür öffnete, saß der Junker bereits aufrecht im Bett.
"Entschuldigt, Herr", flüsterte der Waffenknecht, "draußen am Tor steht ein Mann und verlangt, Euch zu sprechen. Und ...", Arlan zögerte und suchte nach den passenden Worten, "... er ist komisch."
"Komisch im Sinne von amüsant oder eher von der Sorte, die Ärger bedeutet?", fragte Anshold, obwohl er die Antwort bereits ahnte.
"Er trägt eine Klinge, demnach sollte er ein Ritter sein. Doch sein Auftreten passt nicht dazu. Seiner Art nach könnte er fast einer der unseren sein."
Anshold schluckte den Einwand herunter, dass auch er die Nase gegenüber seinen Untergebenen selten höher trug, als es der Anstand erforderte. "Nun gut. Geht zurück zum Tor, Arlan. Macht auf dem Weg bei der von Hohenwald Halt und schickt sie in die Große Halle. Ich werde unseren Gast dort empfangen."
Die Große Halle war der stolzeste Raum des Hauses – und des gesamten Ortes. Wenn man eng zusammenrückte, fanden dreißig Mannen darin Platz. Hier wurde gefeiert, hier wurde Gericht gehalten, und hier empfing der Junker seine Gäste. Anshold wartete nun mit wachsender Neugierde. Was trieb einen Mann dazu, ihn mitten in der Nacht wecken zu lassen?
Die Ecke, in der er gemeinsam mit seiner Waffenmeisterin an dem schweren Holztisch Platz genommen hatte, war hell erleuchtet. Im restlichen Saal brannten nur vereinzelte Fackeln, deren Flackern den Raum in ein tiefes, tanzendes Zwielicht hüllte.
Es klopfte erneut, und Arlan steckte den Kopf durch die Pforte. Auf ein knappes Nicken des Junkers hin ließ er den Fremden eintreten.
Anshold bedauerte nun, nicht für mehr Licht gesorgt zu haben, denn der Mann blieb im Schatten stehen. Er war groß gewachsen, so viel war zu erkennen, doch er hatte zweifellos bessere Zeiten gesehen. Sein Gewand war zerrissen und an den Säumen ausgefranst. Doch Ansholds Blick, geschärft durch Jahrzehnte des Kriegshandwerks, fiel sofort auf das Schwert: Die Scheide wirkte neu, und er hätte darauf gewettet, dass die Klinge darin zwar gezeichnet von vielen Kämpfen, aber tadellos gepflegt und scharf war.
Der Neuankömmling machte keine Anstalten, ins Licht zu treten. Stattdessen sah er sich mit einer fast schon provozierenden Ruhe um. Es überraschte Anshold nicht, dass der Blick des Fremden unverhohlen an Schwarzenschnitt hängen blieb – dem Bastardschwert, das über dem Kamin prangte.
Als der Gast schließlich näher kam, bemerkte der Junker, dass er ein Bein leicht nachzog. Kaum merklich, doch für ein geschultes Auge ein deutliches Zeichen für eine alte Verletzung – und ein Nachteil im Kampf.
Schließlich trat der Mann in den Lichtkreis, sodass sein Gesicht erkennbar wurde. Anshold fuhr so heftig auf, dass sein Stuhl mit einem lauten Knallen hinter ihm auf die Dielen schlug. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Walderia reagierte instinktiv. Bevor der Fremde einen weiteren Schritt tun konnte, hatte sie ihre Klinge gezogen und war mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze um den Tisch herumgesprungen. Gleichzeitig flog die Hallentür auf und Arlan stürmte mit gezücktem Streitkolben herein.
Der Ankömmling rührte sich nicht. Er machte keinen Versuch, sich zu verteidigen oder seine Waffe zu ziehen. Gegen drei Gegner hätte er ohnehin kaum eine Chance gehabt.
Doch Anshold war nicht nach Kämpfen zumute.
"Morand!", rief er und eilte seinerseits um den Tisch. Dass er nicht nach seinem eigenen Schwert gegriffen hatte, entspannte die Lage augenblicklich. Walderia senkte die Klinge, blieb jedoch sprungbereit.
Als Anshold und Morand sich in die Arme fielen, ließen die Waffenmeisterin und Arlan ihre Wehr endgültig sinken.
"Du siehst schrecklich aus!", stellte Anshold fest und sprach damit das Offensichtliche aus. Dann wandte er sich hastig an Arlan: "Schnell, hol einen Humpen Dunkles für unseren Gast!" Der Junker war sichtlich aufgewühlt – doch es war eine helle, freudige Aufregung.
"Setz dich, Morand. Setz dich und erklär mir, was dich in diese Gegend treibt. Und das ausgerechnet zur Geisterstunde!"
Morand tat wie geheißen. Er nickte Walderia respektvoll zu und bedankte sich bei Arlan, als dieser einen Krug vor ihm abstellte.
"Vielleicht solltest du mich erst einmal der Dame des Hauses vorstellen", begann Morand.
Walderia zuckte zusammen. Den Junker auf die "Dame des Hauses" anzusprechen, war selbst zwölf Götterläufe nach ihrem Tod ein sicherer Weg, einen Zornesausbruch heraufzubeschwören. So tief saß der Schmerz über den Verlust seiner geliebten Frau noch immer. Sie sah, wie ihr Herr sich versteifte ... doch nur einen Herzschlag später antwortete er, als sei nichts gewesen.
"Walderia von Hohenwald ist meine Waffenmeisterin."
"Dann solltest du die Gelegenheit nutzen und nicht nur diese holde Maid vorstellen, sondern auch mich." Morand ließ dem Junker keine Zeit zur Antwort. "Morand von Schwarzaue ist mein Name. Und was dieser ungehobelte Tölpel von einem Ritter euch eigentlich sagen will, ist: Ich bin sein alter Schwertbruder."
"In der Tat", warf Anshold ein. "Wenngleich er mein junger Schwertbruder ist. Morand kam zu meinem Schwertvater, als ich gerade meine Pagenzeit beendet hatte. Ein kleiner, klapperdürrer Junge, der kaum das Holzschwert halten konnte."
Walderia staunte. Sie kannte viele Facetten ihres Herrn, doch jemanden derart freundschaftlich zu necken, war ihr völlig neu.
"Und das", Ansholds Stimme verlor plötzlich den scherzhaften Unterton, "ist mehr als zwanzig Götterläufe her. Jahre, in denen er sich nicht gemeldet hat. In denen kein Brief kam und niemand wusste, ob er überhaupt noch unter den Lebenden weilt."
"Wohl wahr", gestand Morand ein. "Dein Herr weiß natürlich, dass mir der Stahl schon immer besser in der Hand lag als die Feder. Aber er hat recht. Es ist viel zu viel Zeit vergangen."
"Und warum ausgerechnet jetzt?" Trotz der Freude blieb der Junker wachsam.
"Weil ich dich um Hilfe bitten muss", gab der Gast unumwunden zu. "Meine Familie war nie reich begütert. Das Gut reichte gerade so für meinen Bruder – ein eher unangenehmer Zeitgenosse." Er machte eine kurze Pause, dann zuckte er mit den Schultern. "Ein Posten in der Heimat blieb mir verwehrt. Also zog ich als Dienstritter durch die Lande. Reichsend, Tobrien, die Wildermark ... ich habe genug Schlachtfelder für drei Leben gesehen."
"Und was suchst du hier? Schlachten kann ich dir kaum bieten."
"Das weiß ich", nickte Morand ernst. "Aber ich bin alt geworden. Bei meinem letzten Scharmützel hätte ich fast mein Bein verloren. Ich bringe Erfahrung mit, doch meine Schläge sind langsamer geworden. Und um ehrlich zu sein: Ich möchte nicht einsam im Dreck krepieren. Nimm mich in deine Dienste, alter Bruder. Ich verlange nicht viel. Nur ein Dach, ein warmes Bett und einen Ort, an dem ich sicher bin."
Anshold war kein Mann für voreilige Entschlüsse, doch dieses Mal zögerte er nicht einmal, um Walderia anzusehen.
"Tatsächlich kann ich einen erfahrenen Recken gut gebrauchen. Der Wachtgraf hat uns den Turm Mathur anvertraut. Walderia und ich können uns zwar um das Lehen kümmern und Wolfsauge besetzen, doch Mathur zusätzlich zu halten, bereitet uns Kopfzerbrechen. Wenn du bereit bist, dort die Wacht zu übernehmen, biete ich dir ein Heim und ein warmes Feuer." Er grinste spitzbübisch. "Und was angemessene Kleidung angeht ... da lässt sich sicher auch etwas finden."
Damit war es besiegelt, und ein neues Mitglied war in den Haushalt von Wolfspfort aufgenommen.