14. Travia 1033 BF, Junkergut Wolfspfort, Gräflich Reichsend, Grafschaft Heldentrutz

Ein Brief von Anshold von Erlbrück an seine Tochter Eldora

Meine geliebte Tochter,

während Du bei Deinem Ziehvater in die Geheimnisse der Buchführung und die Zier der Kalligraphie eingeweiht wirst, herrscht auch auf unserem Gut geschäftiges Treiben. Jüngst erreichte mich die Kunde des Wachtgrafen: Er gedenkt, den Turm Mathur unserem Lehen Wolfspfort zu unterstellen. Ich wurde bereits zu einer Audienz geladen, um die Einzelheiten dieses Vorhabens zu erörtern.

Wie Du Dir sicher denken kannst, hielt mich nichts auf dem Gut. Ich machte mich sogleich auf den Weg zum Wolfsrücken, um in Augenschein zu nehmen, welch Erbe uns die Edle von Schwarzenberg dort hinterlassen hat.

Und was soll ich Dir berichten? Meine schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen. Der Turm ist kaum mehr als ein trauriges Gerippe. Erreicht man die Anhöhe, lässt sich ein Wall im Dickicht nur noch erahnen. Dahinter bietet sich ein Bild des Jammers. Der Turm selbst ist dem Verfall preisgegeben. Einzig das Fundament und der Keller – zweifellos noch aus der finsteren Ära der Priesterkaiser stammend – trotzen seit sieben Jahrhunderten der Zeit und sind erstaunlich wohlbehalten.

Doch darüber herrscht die Not: Das erste Geschoss steht noch feucht vom letzten Regen, der ungehindert durch die geborstenen Decken drang. Die Mauern der oberen Stockwerke sind längst in sich zusammengestürzt. Neben dem Turm liegt die einstige Feuerschale achtlos im Schlamm – ein bitteres Zeugnis verfallener Wehrhaftigkeit.

Einzig ein Kuriosum gab es zu entdecken: Abseits der Stallungen steht eine kleine Hütte, die im Gegensatz zum restlichen Elend gut gepflegt wirkt. Vermutlich hat sich die Ritterin erst einmal einen Stützpunkt geschaffen, von dem aus sie die Bauarbeiten beaufsichtigen konnte.

Ich werde Dir erneut Kunde senden, sobald ich vor den Wachtgrafen getreten bin. Wenn ich jedoch diese Trümmer betrachte, kann ich nur inständig hoffen, dass er mich von der Pflicht entbindet, diese Ruine wieder zum Leben zu erwecken.

In Liebe
Dein Vater

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20. Travia 1033 BF, Junkergut Wolfspfort, Gräflich Reichsend, Grafschaft Heldentrutz

Ein weiterer Brief des Junkers Anshold von Erlbrück an seine Tochter Eldora

Meine geliebte Tochter,

drei Tage lang folgten Walderia, Arlan, Jarlan und ich dem Trutzweg gen Süden, bis wir schließlich Nordhag erreichten. Da wir Seiner Wohlgeboren nicht gezeichnet vom Reisestaub gegenübertreten wollten, suchten wir alsbald das Badehaus auf. Nach den entbehrungsreichen Nächten auf hartem Waldboden waren die Betten des Gasthauses ein Segen, den wir weidlich auskosteten.

Doch die Pflicht rief, und so brachen wir am nächsten Morgen zeitig auf, um uns dem Wachtgrafen in Nordwall zu stellen.

Ich darf Dir mit Erleichterung berichten, dass er mich wie einen alten Weggefährten empfing. Er sparte nicht mit Lob für unser Wirken auf Turm Wolfsauge und rühmte, was wir aus dem dortigen Turm gemacht haben. Doch bei aller ritterlichen Schmeichelei blieb er in der Sache unnachgiebig: Niemand anderem als uns wolle er das Schicksal von Turm Mathur anvertrauen.

Immerhin erwies er sich als einsichtig ob der Last: Er sicherte zu, den Wiederaufbau aus der gräflichen Schatulle zu stützen. Und wie von Walderia gefordert, wird er die Besatzung des Turms mit drei Schwarzfedern unterstützen. Zudem hat er einen Betrag zugesagt, um weitere Waffenknechte auszuheben.

Es bleibt eine gewaltige Aufgabe, diesen Steinhaufen wieder aufzurichten. Doch nach der Audienz bei dem Hirschenborn sehe ich zumindest einen Schimmer von Hoffnung am Horizont. Mit der Tatkraft der Männer von Wolfspfort – und dem Beistand der Zwölfe – mag es uns gelingen, dass Mathur in vielleicht drei Götterläufen wieder als wachsames Auge der Trutz über das Land blickt.

Wir werden sehen, was die Zeit bringt.

Dein Dich liebender Vater