Letzter Tag des Praios 1047 BF; 
Junkergut Wolfspfort; Gräflich Reichsend; Herzogtum Weiden

Dramatis Personae:
Anshold von Erlbrück, Junker von Wolfspfort
Gerwulf von Obertobel, sein Knappe
Thorolf Freidank, Haushofmeister, Scriptor und Kämmerer von Wolfspfort
Eldora von Erlbrück, die Tochter des Hauses
Bärfried aus Meizenich, ein Knecht

Staub tanzte im fahlen Licht der Fenster, während die Zeit in der großen Halle des Gutes zäh wie Pech verstrich. Anshold von Erlbrück beobachtete seinen Knappen aus den Augenwinkeln. Fast hatte der Junker ein wenig Mitleid mit dem Jungen, der sich einer besonderen Herausforderung stellte. Thorolf Freidank, seines Zeichens Haushofmeister und Scriptor des Gutes, hatte ihn in seine Fänge bekommen und zwang ihn nun durch die Feinheiten der Deklinationen des Bosparano. 

"Das Heer?"

"Exercitus?"

"Ist das eine Frage oder eine Antwort?"

"Exercitus"

"Genitiv?"

"Exerciti"

"BEI DEN ZWÖLFEN! Dass ist doch eine u- und keine o-Deklination! Willst du die Orks später mit falschen Kasus zu Tode langweilen?"

Schnell hob der Ritter seinen hölzernen Becher und verbarg ein Lächeln dahinter, erinnerte ihn dieser Dialog doch an seine eigenen Schritte in dieser toten Sprache. Während der Knappe sich weiterhin auf seiner linguistischen Folterbank wand, widmete sich der alte Junker wieder den endlosen Einkaufslisten, die ihm Thorolf vorgelegt hatte. Kornpreise, Hufbeschlag, Instandsetzung der Palisaden – das tägliche Brot eines Kriegers der Wacht. Warum sollte der Junge alleine leiden?

Die Rettung kam in Gestalt von Eldora. Seine Tochter steckte den Kopf durch die schwere Eichentür, ihre Züge ernster als gewöhnlich. „Ein Bote, Vater. Aus dem Osten.“ Ein Bote bedeutete in der Trutz fast nie etwas Gutes, aber aus den Listen seines Kämmerers gerissen zu werden, war auf jeden Fall ein Segen.

Der Bote, der eintrat, wirkte gepflegt, aber irgendwie … abgerissen. Die Säume an Beinen und Armen waren ausgefranst und die Stiefel, nun ja, immerhin trug er Fußwickel. Er verbeugte sich kurz vor dem Ritter, aber da sprang Gerwulf bereits auf.

"Bärfried?" rief er dem Boten zu, "was bringt Dich her? Ist zu Hause alles in Ordnung?"

Entschuldigend wandte er sich an den Ritter: "Bärfried kommt aus Meizenich. Aber das ist ein Fußmarsch von fast einem Monat," er wandte sich wieder dem Knecht zu, "den Du bestimmt nicht ohne Grund auf Dich genommen hast?"

"Genaugenommen hat mir die Herrin ein gutes Pferd gegeben, das weite Strecken schafft. Und ich habe mir nicht erlaubt, lange zu rasten. So sind es nurmehr keine drei Wochen", er zögerte kurz, "aber in der Tat komme ich nicht ohne Grund. Der Herr ist sehr krank und die Herrin schickt mich. Ihr sollt heimkehren."

"Aber was fehlt ihm denn?" Gerwulfs Stimme zitterte.

Bärfried schüttelte den Kopf, Schweißperlen rannen in seinen Bart. „Wir wissen es nicht. Selbst die edle Gwynna ist ratlos. Er wird schwächer, das Fieber zehrt ihn auf. Und wenn er hustet ... ist da Blut. Viel Blut. Nichts, was die Geweihte an Tinkturen braut, schlägt an.“

Als Gerwulf Anshold anschaute, lag etwas Flehendes in seinem Blick. Nicht mal mehr ein Jahr vor seiner Schwertleite, war ihm klar, dass er noch einiges lernen musste und er konnte sich kaum vorstellen, dass der alte Ritter seine Pflicht, ihn auszubilden vernachlässigen und ihn ziehen lassen würde. Aber er musste zu seinem Vater. Dass selbst seine Schwester Gwynna, eine Geweihte der Peraine, offenbar keinen Rat wusste, machte ihm eine fürchterliche Angst.

Den alten Ritter hingegen bewegten ganz andere Gedanken. Offenbar war der listige Gott heute wirklich mit ihm. In den letzten Monaten hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass die Orks aggressiver wurden - sofern so etwas überhaupt möglich war. Man musste dem Böcklin lassen, dass er die Situation richtig erkannt hatte und versucht hatte, den Kampf zu den Schwarzpelzen zu tragen. Dass er dabei umgekommen war, war ein Unglück gewesen. Anders als er, würde Anshold sich dem Willen des Grafen natürlich nicht widersetzen, gleichwohl fühlte er, dass die Schwarzpelze nicht mehr ruhten. Da lag etwas in der Luft. Und wenn er ehrlich war, wollte er den Jungen nicht in der Nähe haben, wenn er Recht hätte. 

„Nun“, setzte Anshold an und seine Stimme klang tiefer, autoritärer. „Es ist eine unglückliche Zeit. Die Schwarzpelze rühren sich und jeder Arm wird gebraucht.“ Er sah, wie Gerwulf zusammenzuckte, die Hoffnung in seinen Augen erlosch.

„Aber“, fuhr Anshold fort, „ich predige stets, dass die Familie das Fundament unseres Standes ist. Nur die Pflicht gegenüber dem Reich steht darüber. Und derzeit, Gerwulf, hast Du keine andere Pflicht, die nicht aufzuschieben wäre.“

Die Erleichterung im Gesicht des Knappen war fast schmerzhaft mitanzusehen.

"Sicherlich wird Dich Deine Abwesenheit zurückwerfen. Aber Schwertkampf zu trainieren, ist kein Grund die Familie zu vernachlässigen. Und damit Thorolf nicht umsonst graue Haare bekommen hat: Der Bosparano-Almanach wandert in deine Satteltasche. Jeden Abend wirst du lernen.“

Gerwulf nickte eifrig, bereit, selbst die ganze Bibliothek mitzuschleppen.

"Du wirst bald ein Ritter sein, also musst Du Dich an das Gewicht der Rüstung auch auf Reisen gewöhnen. Während Deines Ritts wirst Du das Kettenhemd tragen und das Schwert an Deiner Seite." Das war eine lösbare Herausforderung und der Knappe nickte eifrig.

"Und damit man mir nicht nachsagen kann, dass ich mich nicht um Deine Ausbildung kümmere, wirst Du während Deines Rittes Tagebuch führen. Dein Knecht und Du, ihr werdet jeden Abend bei den Edlen auf Eurem Weg einkehren. Grüßt sie von mir, aber vor allem lass Dir von ihnen berichten, wie sie ihre Wacht wahrnehmen. Lass Dir ihre Wehren beschreiben. Ihre Landknechte. Lass Dir erklären, wie sie ihre Güter verteidigen und schreibe jeden Abend einen kleinen Bericht in dein Buch, was Du gelernt hast und wie Du gedenkst, es später anzuwenden, wenn Du Dein eigenes Gut führst."

Gerwulf knabberte auf seiner Unterlippe. Das war eine knifflige Aufgabe für ihn, aber Anshold sah, wie er das Problem in seinem Kopf bereits wälzte und überlegte, welches Gut er auf seiner Reise besuchen würde.

Anshold warf Gerwulf und dem Knecht einen Blick zu. "Reitet über Reichsend. Besucht seine Wohlgeboren Tiro von Gernbach. Und vor allem Tiras. Fangt bei ihm an und lasst Euch berichten, was er bei mir gelernt hat. Und vor allem, grüße Deinen Schwertbruder besonders herzlich von mir."

"Zuletzt", er wusste, dass dies die schwerste seiner Forderungen war, "musst Du Dich eilen und schon am ersten Tag des Travia wieder hier sein." Er sah, wie Gerwulf schluckte. Mit den Reisezeiten bedeutete das nur wenige Wochen bei seinem Vater. Aber hier blieb Anshold eisern. Hier rief die Pflicht. "Du weißt, dass Prinz Arlan von Löwenhaupt zu seiner Hochzeit geladen hat. Und ich gedenke, seiner Einladung zu folgen und sowohl Eldora als auch Dich an meiner Seite zu wissen. Diese Einladung ist eine besondere Ehre für uns. Und Du wirst auf diesem Fest Deine Pflicht tun."

Gerwulf zögerte nur kurz. Dann nickte er ernst und Anshold wusste, dass er sich an diese Regeln und Aufgaben halten würde.

Er guckte aus dem Fenster wo die Praiosscheibe ihren Weg fast vollendet hatte. Heute Abend würden die beiden nicht mehr losreiten. Sie würden gemeinsam speisen und die Reise vorbereiten, so dass der Junge gleich morgen früh los könnte. Er hatte den Jungen weggeschickt, um ihn zu retten – und ihm gleichzeitig die Last eines Mannes aufgebürdet.

„Möge Peraine deinem Vater gnädig sein, Gerwulf“, murmelte er in die Leere. „Denn Travia wird uns dieses Jahr keinen Frieden bringen.“