Ronda 1047 BF; Herzogtum Weiden
Dramatis Personae:
Gerwulf von Obertobel, Knappe
Tiras von Gernbach, Vogt von gräfllich Reichsend
Bärfried aus Meizenich, ein Knecht
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als Gerwulf bereits das Pferd fertig machte. Neben ihm tat Bärfried es ihm gleich. Wie vom Junker gefordert, trug der Knappe bereits Waffenrock und Kettenhemd und sein Kurzschwert schlug bei jedem Schritt an sein Bein. Noch am gestrigen Abend hatte Anshold von Erlbrück den Grünen Waidmann besucht und bei dem alten Rangolf alle Wegerationen geholt, die der Wirt ihm machen konnte. So waren die Satteltaschen der beiden Reisenden mit Essen gefüllt. Auf jedem Sattel fand sich ein kleines Fass mit Dünnbier unter den Decken. Anshold hatte drauf bestanden, dass der Knappe Decken auf den Sattel schnallte und Bärfried das passende Zelt. Gleichwohl hoffte Gerwulf, nicht unter freiem Himmel nächtigen zu müssen.
Als das erste Tageslicht sich zeigte, verabschiedete er sich von seinem Schwertvater.
"Habt Dank, dass ich reiten darf. Ich werde euch nicht enttäuschen und pünktlich zurück sein." Er schaute zu Thorolf. "Ich werde jeden Abend lernen. Wenn ich wiederkomme, werdet ihr zufrieden sein."
Anshold nickte ihm zu. "Das weiß ich. Sei auf der Reise vorsichtig. Der Weg wird nicht einfach werden." Er erinnerte sich nur allzugut, wie die Nachricht gekommen war, dass Eldora von Räubern entführt worden war. Allzu viele Gefahren lauerten auf dem Weg des Knappens. "Wenn es eine Möglichkeit gibt, schließe Dich einer Reisegruppe an. Handelskarawanen sind dafür besonders geeignet. Vielleicht findest Du ja Norbarden."
Gerwulf schaute ihn an und Anshold bemerkte, dass er begann zu faseln. Er machte einen Schritt auf seinen Schwertsohn zu und umarmte ihn einmal kurz und kräftig. Dann nickte er ihm abermals zu. "Ihr müsst nun los, wenn ihr Reichsend noch vor dem Abend erreichen wollt."
Im Wegreiten winkte Gerwulf ihm nochmal zu. Dann waren Bärfried und er durch das Tor.
Der Trutzweg war gut ausgebaut und sie kamen gut voran, den Dunkeltann immer zu ihrer Linken. Sie waren wenige Stunden geritten, als Bärfried nach links deutete.
"Der Drudenturm", erklärte Gerwulf knapp.
Den Weg durch den Rohrweihen legten sie schweigend zurück und Gerwulf war froh, als dieser alte und dichte Wald sich lichtete und sie am Mittag in Scheutzen einritten. Sie nutzten die Gelegenheit und kehrten in dem kleinen Gasthof ein. Über einem Brett mit Brot und Käse machten sie ein halbes Stundenglas lang Pause, dann schwangen sie sich wieder in die Sättel.
Es dämmerte, als am Horizont - der in dieser hügeligen Gegend nie besonders weit war - die Türme und Wälle Reichsends auftauchten. Es wunderte Gerwulf, dass er von den Wachen einfach durch das Tor gewunken wurde, aber vielleicht erkannten sie ja, dass er nun fast schon ein Ritter war. Anders als im beschaulichen Wolfspfort pulsierte hier das Leben; ein Gewusel, das den Knecht Bärfried sichtlich verunsicherte. Am Tor der Festung wurden sie dann aber in der Tat angehalten. Ein mürrisch dreinblickender Wächter musterte ihn.
"Wohin des Weges, Junge?"
"Zum Vogt und seinem Sohn. Meldet ihnen, dass Gerwulf von Obertobel hier ist und Nachricht aus Wolfspfort bringt."
Der Wächter bat ihn in eine kleine Kammer neben dem Tor. Gleichzeitig winkte er nach einem Burschen, der sich um die Pferde kümmern würde. Nur Minuten später kam Tiras persönlich, um die beiden in Empfang zu nehmen.
"Gerwulf, was führt dich nach Reichsend?"
"Mein Vater ist schwerkrank. Und der Ritter hat mir erlaubt, ihn zu besuchen, wenn ich auf dem Weg einige Aufgaben für ihn erledige."
"Und was für Aufgaben sind das? Lass mich raten", er schmunzelte, immerhin war Gerwulfs Schwertbruder durch die gleiche Schule gegangen, "Du sollst niederschreiben, wie viele Waffen wir in den Kammern haben? Oder wie viele Erdäpfel wir horten? Mit dieser Aufgabe hat er schon mich durch die Trutz geschickt."
Gerwulf grinste. "Fast. Ich soll überall notieren, wie die einzelnen Güter gewappnet sind, damit ich vorbereitet bin, wenn ich irgendwann selbst ein Lehen bekomme." Er zuckte mit den Schultern. "Als ob das passiert. Wir alle wissen, dass mein Bruder Drachwill das Rittergut Meizenich erben wird. Und ich selbst werde als Dienstritter in irgendeinem Gut leben."
Währenddessen hatten sie den Speisesaal erreicht. Zu Gerwulfs Überraschung ließ Tiras Bärfried wie selbstverständlich mitkommen.
"Nun, selbst als Dienstritter, ist solches Wissen nützlich", wandte Tiras nun ein. Denke an Wolfspforts eigene Waffenmeisterin. Walpurga?"
"Walderia."
"Walderia, natürlich." Tiras nickte. "In meiner Zeit auf Wolfspfort habe ich mehr als einmal die Klinge mit ihr gekreuzt. Sie ist eine hervorragende Kämpferin. Sie hat nur das Pech, dass es zuletzt keine große Schlacht gab, in der sie brillieren konnte. Sonst hätte sie bestimmt ihr eigenes Lehen. Aber so dient sie Anshold. Und der ist ja selbst Ritter und hat Ahnung von dem, was er tut. Aber nimm mal an, Du kommst als Waffenmeister an ein Gut, mit lauter weisen Bücherwürmern."
Gerwulf lachte auf. "Und die ganze Zeit wird nur bosparan gesprochen."
Das zauberte ein Lächeln auf Tiras Gesicht. "Oh, wittere ich da eine kleine Schwäche? Aber im Ernst. Es gibt genügend Adlige in Weiden, die keine Ahnung haben, wie sie ihr Lehen verteidigen. Wenn Du die Erfahrungen dieser Reise hast, wirst Du ein hervorragender Waffenmeister für sie werden. Und nun lass uns anfangen."
Er trat ans Fenster und winkte den Knappen zu sich.
Er zeigte nach draußen. "Die Festung selbst ist durch eine massive Steinmauer geschützt. Ihr selbst vorgelagert sind die Altenburg und das Ritterdorf. Wenn also jemand Reichsend erobern will, muss er sich erst durch die ganzen Vorburgen kämpfen."
"Oder er greift gleich die Außenmauer der Feste an", warf Gerwulf ein.
Tiras brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln.
"Die Mauern sind mehr als sieben Schritt hoch. Wer da rauf will, muss wirklich gut klettern können. Sie sind rund um die Uhr bemannt. Glaube mir, würde ich Reichsend angreifen wollen, ich würde mir nicht an diesen Mauern die Zähne ausbeißen."
"Und wie viele Mannen habt ihr hier unter Waffen?"
"Ganz genau kann ich dir das gar nicht sagen", gab Tiras zu, "dafür müssten wir die Hauptfrau fragen." Er zwinkerte Gerwulf zu. "Übrigens ist Erlgard Hohenwald auch eine Dienstritterin. Und Hauptfrau der Garde." Eine kleine Pause. "Genaugenommen ist sie keine Ritterin, sondern eine Soldatin, aber dieses Detail können wir wohl aussparen."
Er überlegte kurz und Gerwulf sah, wie er im Kopf rechnete. "Aber es müssten so ein Dutzend Büttel und Torwachen in der Stadt sein. Ein Dutzend Rundhelme der Reiterei, zwei Dutzend Grünröcke als schwere Fußtruppen, ein Dutzend Ritter mit Gefolge und fast drei Dutzend Schwarzschilde." Er überlegte kurz und lächelte das zufrieden. "Wenn man es genau bedenkt, ist das schon eine recht große Streitmacht. Und wenn ich es genau bedenke, würde ich nicht nur die Mauern nicht angreifen, sondern als Gegner die Stadt insgesamt links liegen lassen. Wer Reichsend angreift, bezahlt einen blutigen Preis."
Gerwulf schrieb fleißig in sein Buch. Er machte sich Notizen. Der Abend wurde länger. Die beiden beugten sich über Karten, erdachten gemeinsam Schlachtpläne und wie sie die Verteidigung dagegen organisierten. Sie bemerkten kaum, wie es dunkel wurde und Bärfried Kerzen aufstellte und die Laternen anzündete.
Es war weit nach Mitternacht, als Tiras Gerwulf in eine Gästekammer geleitete und eine gute Nacht wünschte.
*****
War der Trutzweg nach Reichsend gut ausgebaut gewesen, zeigte sich der Weg nach Beonfirn als nicht mehr als ein Trampelpfad. An weiten Stellen zeigte sich der Weg durch wenig mehr als niedergedrücktes Gras. Er führte an Untergernbach und Torfendorf vorbei, von denen die Reiter die Türme Hohensitz und Tauberturm sehen konnten. Eigentlich hatte Gerwulf geplant, bis zum Mittag in Beonfirn zu sein und am Abend Olat zu erreichen. Aber damit hatte er sich vollkommen verrechnet. Es war schon Nachmittag, als sie Beonfirn durchquerten. Danach hatte sich der Weg verändert und sie ritten auf dem befestigten Dammweg von Olats Wall, entlang des Finsterbachs. Aber sie hatten gerade erst Turm Idramun links liegen gelassen, als es anfing zu dämmern. Olat würden sie erst spät in der Nacht erreichen. Nach elf oder zwölf Stunden im Sattel.
„Herr Knappe?“, unterbrach Bärfried die Stille. Für den stämmigen Knecht war das beinahe ein Redeschwall. Sonst war der stämmige Bursche so schweigsam, dass mancher Borongeweihte gegen ihn geschwätzig wirkte.
"Ja, Bärfried?"
"Wir waren doch heute Nacht in Reichsend", wandte sich Bärfried an den Junker.
"Ja, richtig?"
"Das ist eine ziemlich große Stadt."
"Ja, richtig?" Gerwulf war gespannt, wo diese Konversation hinführen würde.
"Und Olat ist auch eine sehr große Stadt."
"Ja, richtig." Er begann eine Ahnung zu entwickeln, worauf der Knecht hinaus wollte.
"Glaubt Ihr nicht, dass der Ritter nicht nur die Verteidigung großer Städte wissen will, sondern auch kleiner Türme?" Für Bärfried war das schon fast ein Monolog.
"Was meinst Du?" Gerwulf war jetzt wirklich interessiert. Nicht umsonst kam Bärfried so aus sich raus.
"Wir werden ja noch ein paar Türme passieren. Vielleicht sollten wir nicht bis Olat reiten, sondern in einem der Türme davor nächtigen."
Gerwulf überlegte. Der letzte Turm in der Kette wäre der Turm bei Ognin. Und sein Ritter war … Galathan von Firunsgrund. Er hatte ihn mal mit Anshold besucht, als dieser nach Olat gereist war. Er musste Bärfried zustimmen. Die Aussagen, wie dieser Ritter der Wacht sein Gut und die Menschen darin schützte, würde Anshold wohl eher wertschätzen als Informationen über die Garnison Olats. Und Tiras hatte Recht. Wenn er als Waffenmeister dienen wollte, müsste Gerwulf wissen, wie er ein Gut verteidigte. Er machte sich keine falschen Hoffnungen. Ein solches Gut würde eher Ognin gleichen als Olat.
Er schaute zu Bärfried. "Wenn wir in Ognin nächtigen, wird uns das ein wenig zurückwerfen. Zwischen Olat und Trallop ist viel Land, aber es gibt nur wenige Weiler." Tatsächlich konnte der Knappe sich an keinen Ort am Neunaugensee erinnern. "Wir müssten schnell und lange reiten, um die Nacht in Trallop zu verbringen. Die Pferde schaffen das. Aber wir?" Zweifel lagen in seinem Blick.
"Nun, wenn wir es nicht schaffen, haben wir das Zelt." der Meizenicher zeigte eine stoische Gelassenheit. "Und dann müssen wir uns halt ein wenig beeilen. Den Pferden wird das nicht schaden. Und der Herr Knappe wird dann ja ein Bett finden, in dem er seinen ritterlichen Hintern ausruhen kann."
Das schockierte Gerwulf. Aber Bärfried hatte Recht. Damit war es beschlossen.
Sie erreichten Ognin spät am Abend. Galathan erinnerte sich nicht mehr an Gerwulf, sehr wohl aber an Anshold, den er schätzte. Und da ohnehin in alter weidener Tradition niemand die Nacht vor den Toren verbringen musste, lud er den Knappen in das Gut ein und beantwortete seine Fragen zur Verteidigung des Gutes.
*****
Die Tage verschwammen. Regen setzte ein, ein feiner, weidener Niesel, der durch das Kettenhemd und durch jede Naht des Gambesons kroch. Nach der Durchquerung Trallops und der Weiterreise über die Reichsstraße, durch kleine Orte und Weiher, an deren Namen er sich nie wieder erinnern würde, erreichte Gerwulfs Erschöpfung in Salthel ihren Höhepunkt. Seine Innenschenkel waren wundgeritten, jede Bewegung eine Qual. Gerwulf hatte keine Ahnung, wie er die weitere Reise auf dem Sieben-Baronien-Weg überstehen sollte.
Bärfried lenkte sein Pferd wortlos zu einem Krämer und kehrte mit einem Tiegel zurück, der eine weißliche, zähe Masse enthielt.
"Hier, Herr Knappe. Nehmt das und schmiert es euch auf die Schenkel."
Gerwulf nahm den Topf dankbar an, um gleich darauf entsetzt zurückzufahren. Das Zeug stank bestialisch. Er sah zu Bärfried und sah dessen schadenfrohes Grinsen.
"Beim Namenlosen, was ist das für ein Zeug?"
"Da, edler Knappe, müsst ihr durch", er zögerte einen Moment und wurde dann wieder ernst. "Aber es hilft wirklich. Gänseschmalz, Schafsfett und Ziegenmilch. In der Sonne gegoren."
Gerwulf suchte sich eine dunkle Ecke, entledigte sich seiner Hose und schmierte die Creme auf seine Beine. "Seid großzügig damit", erinnerte Bärfried. "Viel hilft viel."
Tatsächlich musste Gerwulf dem erfahrenen Mann Recht geben. Noch immer zogen seine Beine, gleichwohl er seine Decke zusätzlich auf den Sattel gelegt hatte. Aber immerhin konnte er nun wieder halbwegs reiten und stabil im Sattel sitzen.
Und so erreichten sie am Abend Runhag.
*****
Über die nächsten Tage lässt sich wenig sagen. Acht Tage lang zogen sie über den Sieben-Baronien-Weg, jeden Abend in einem anderen Gasthaus schlafend. Bärfried hatte Recht behalten. Seine Salbe stank zwar dämonisch, aber schon nach wenigen Tagen waren die wunden Stellen verheilt und Gerwulf konnte wieder wie immer reiten. Tatsächlich waren die Strecken nun aber auch wesentlich kürzer, da sie nicht weiter als bis zum nächsten Wirtshaus reiten konnten.
Eine Abwechslung vom Einerlei aus Bäumen, Bergen und kleinen Gasthäusern bot Neu-Dragenfeld. Das war eine richtige Stadt. Die letzte vor Wolfegg, wo eine Brücke über den Gotjasach führte, der das letzte Hindernis auf dem Weg nach Meizenich war. Nicht mehr als drei Tage noch, so schätzte Gerwulf, dann wäre er zu Hause.
*****
Wie geplant erreichten sie Wolfegg am Abend des übernächsten Tages. Eine letzte Nacht noch, dann würde Gerwulf zu Hause sein.
Am Abend saß er in dem kleinen Gasthaus des Weilers, seine beiden Bücher vor sich. Er hatte allerlei Informationen zu den Befestigungen von Orten aller Größe gesammelt. Der alte Ritter würde zufrieden mit ihm sein. Anders wohl als Thorolf. Wie versprochen hatte Gerwulf sich jeden Abend hingesetzt und fleißig Vokabeln gepaukt. Aber gegenüber den Gesprächen mit den Rittern, handfesten Informationen zu Belagerungen, Befestigungen und Besatzungen nahm sich eine alte und tote Sprache einfach sinnlos aus. Gerade grübelte er über einem Satz und versuchte diesen aus dem Bosparan in eine richtige Sprache zu übersetzen. "Die Garether kämpften mit den Fröschen." Er war sich sehr sicher, dass das so nicht da stand, konnte aber im Almanach keine ordentliche Lösung finden. Er machte eine kleine Notiz. So könnte er Thorolf wenigstens zeigen, dass er es versucht hatte.
Dann legte er sich schlafen.
*****
Am Morgen des 17. Tages war er unglaublich aufgeregt, bald wieder daheim zu sein. Aber gleichzeitig war er fürchterlich nervös. Mehr als einen Monat war es her, seit Bärfried zu Hause aufgebrochen war. Wie würde es seinem Vater inzwischen ergangen sein. Gerwulf hoffte, ihn noch einmal zu sehen. Vielleicht ging es ihm sogar besser.
Das Frühstück gestaltete sich unter diesen Voraussetzungen spärlich. Allzu schnell wollte der Knappe wieder im Sattel sitzen. Beim Reiten bemerkte er, dass das Tempo nun merklich angezogen hatte. Nicht mehr er ritt vorne, sondern Bärfried ritt nun voran. Eigentlich war auch das nicht richtig. Es war sein Pferd, dass den nahen Heimatstall witterte und zog.
Und so erreichten die beiden am frühen Nachmittag den Weiler Meizenich.