Mitte des Monats Rondra 1047
Rittergut Rittergut Meizenich, Grafschaft Sichelwacht, Herzogtum Weiden
Dramatis Personae
Ulderich von Obertobel, Ritter zu Meizenich
Tannfriede von Obertobel, seine Frau
Drachwill von Obertobel, Ritter, sein Sohn
Gwynna von Obertobel, Peraine-Geweihte, seine Tochter
Gerwulf von Obertobel, Knappe, sein Sohn
Bärfried aus Meizenich, ein Kohlbauer
Sie waren im ersten fahlen Licht des Morgengrauens aufgebrochen. Bei Wolfegg hatten sie die Brücke über den Gotjasach überquert – jenes hölzerne Band, das Meizenich mit dem Rest des Herzogtums verband. Nun folgten sie dem alten Pfad, der sich tief in die dunklen Tannenwälder schnitt. Die Ausläufer der Sichel standen denen des Finsterkamms in nichts nach; schroff, abweisend und doch von einer herben Schönheit. Gerwulf fühlte ein Ziehen in der Brust. Alles hier erinnerte ihn an Wolfspfort. Oder war es die Erinnerung an Zuhause, die alles überlagerte?
Als der Wald schließlich zurückwich und die Siedlung Meizenich zwischen den Stämmen hervorblühte, zügelte Gerwulf sein Pferd. Bärfried hielt neben ihm inne und musterte den Jungen von der Seite.
Der junge Knappe ließ das Pferd einen Schritt machen und hielt dann sofort wieder an.
„Lange her, Herr Knappe?“, brummte der Bauer.
"Sehr lange." erwiderte Gerwulf leise. "Meine Eltern haben mich einmal in Wolfspfort besucht, als ich in den Knappenstand erhoben wurde. Das war vor fünf Götterläufen."
"Hast Du sie seitdem gesehen?"
"Nicht einmal. Aber wir haben uns geschrieben."
Tatsächlich wusste Gerwulf nicht einmal zu sagen, was ihn nun hielt. Er freute sich, seine Familie wiederzusehen. Und er wagte kaum, zu zögern, damit er nicht zu spät käme, um seinen Vater zu sehen. Und gleichzeitig … was würden sie sagen? Würden sie sich freuen, ihn wiederzusehen? Und … würden sie ihn noch als einen von ihnen erkennen?
Er gab sich einen Ruck. „Komm, Bärfried. Die Zeit wartet nicht.“
Sie ritten über die kleine Zugbrücke, die den Graben vor dem Palisadenwall überspannte. Meizenich empfing ihn mit der vertrauten Enge seiner Kindheit. Das steinerne Herrenhaus thronte unverändert über den sechs Holzhütten, die sich wie Schutzsuchende in seinen Schatten duckten. Doch beim näheren Hinsehen bemerkte er den Wandel: Eine Wäscheleine spannte sich nun zwischen den Hütten des Köhlers und des Schreiners – einstmals Todfeinde. Und die Hühner vor Bertsams Haus waren auch neu. Gerwulf erinnerte sich, wie er als kleiner Junge dort die Ziegen gejagt hatte - bis sie begriffen hatten, dass er viel kleiner war als sie und die Viecher auf ihn losgegangen waren. Er schaute auf sein Handgelenk. Die Narbe dort stammte noch von diesem Bock.
Bärfried schaute ihn an.
„Ich bringe die Tiere in den Stall und gehe dann zu meinem Weib“, sagte Bärfried und nahm Gerwulf die Zügel ab. „Geht Ihr zu den Euren.“
Wie gesteuert stieg Gerwulf vom Pferd und gab dem Bauern die Zügel. Um ihn zu holen war Bärfried nun fast zwei Monate gereist. Nur verständlich, dass er ihm nicht das Händchen halten wollte, wenn er seiner Familie gegenüber trat. Er näherte sich dem Herrenhaus, immer einen Schritt vor den anderen setzend. Zwei Stockwerke hoch reichte das steinerne Gebäude. Eine kleine Mauer, nur einen Schritt hoch und mehr Zierde als wirkliche Mauer, umrandete das Haus. Als er sich dem Tor in der Mauer näherte, hörte er Hunde bellen und nur Augenblicke später kamen zwei Saupacker um die Ecke. Seit wann hatte seine Familie Hunde? Das hatten sie nie berichtet. Er streckte die Hand nach dem Tor aus, zog sie aber schnell zurück, als der größere der beiden Jagdhunde anfing zu knurren.
Doch dann flog die schwere Eichentür auf. Tannfriede trat heraus. Als sie den jungen Mann am Tor sah, hielt sie kurz inne, dann rannte sie los, als wären die Götter hinter ihr her. Sie riss das Gatter auf, schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihn so fest, dass ihm der Atem stockte. Dann schob sie ihn eine Armlänge zurück, musterte sein Gesicht, seine Statur.
„Komm erst einmal rein, Junge“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Komm einfach rein.“
Saupacker waren nicht gerade für ihre überbordende Intelligenz berühmt. Aber dafür hatten sie ihn nun schnell als Teil des Rudels akzeptiert und trotteten ihnen eifrig schnüffelnd hinterher.
Sie querten die große Kammer mit den beiden gewaltigen Holztischen und dem ebenso gewaltigen Kamin. Von dort führte eine Treppe nach oben und Gerwulf war überrascht, dass seine Mutter nicht auf diese zuhielt. Immerhin lagen oben die Gemächer. Stattdessen hielt sie auf das Amtszimmer seines Vaters zu. Sie lächelte ihm entschuldigend zu. "Er kann doch keine Treppen mehr steigen."
Das Amtszimmer hatte sich sehr wohl verändert. Der massive Arbeitstisch war in die Ecke gerückt, um Platz für ein breites Lager in der Mitte zu machen. Dort lag Ulderich. Der einst so kräftige Ritter wirkte unter den schweren Pelzdecken zerbrechlich, seine Haut fahl wie Pergament. Eine Frau in einer grünen Robe stand auf der einen Seite des Bettes und ein junger Mann in einer groben blauen Tunika auf der anderen. Es brauchte einen Moment, bis Gerwulf begriff, dass diese beiden Gwynna und Drachwill waren. Als er Meizenich verlassen hatte, war Gwynna ein Mädchen von gerade 11 Jahren gewesen. Und Drachwill, nun der war schon zu seinem Schwertvater gezogen, als Gerwulf noch klein gewesen war. An ihn erinnerte der Knappe sich kaum.
Ein schweres Schweigen lastete auf dem Zimmer, nur unterbrochen vom rasselnden Atem des Schlafenden. Drachwill trat vor, baute sich vor seinem kleinen Bruder auf und musterte ihn von oben bis unten. Der Ritter war noch immer einen Kopf größer als Gerwulf.
„Bekommt ihr in der Heldentrutz nichts zu essen, Kleiner?“, grollte Drachwill schließlich.
Gerwulf blinzelte. „Ich… naja, doch, aber…“
„Lass ihn, Drachwill“, mahnte die Mutter, doch der ältere Bruder gluckste bereits. „Immerhin bist du immer noch unser Kleinster.“ Mit einem Bärenlachen riss er Gerwulf in eine Umarmung, die fast so schmerzhaft war wie das Knurren der Hunde zuvor. Das Eis war gebrochen.
Kurz darauf erwachte Ulderich. Seine Augen, trüb vom Fieber, klärten sich für einen Moment, als er Gerwulf erkannte. Ein schwaches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Du bist hier“, flüsterte er und drückte die Hand seines Sohnes mit überraschender Kraft, bevor er wieder in einen tiefen, nun ruhigeren Schlaf sank.
Tannfriede duldete keinen Widerspruch: Es wurde aufgetischt, direkt dort im Amtszimmer, am verschobenen Tisch. „Travia will keine leeren Mägen, wenn die Familie nach so langer Zeit wieder eins ist“, erklärte sie.
Es gab weidener Hausmannskost: Deftiger Kohleintopf mit Speck, dazu dunkles, kräftiges Brot und ein Krug dünnes Bier. Gwynna segnete die Speisen im Namen der Geberin, doch die andächtige Stille hielt nicht lange vor.
„Erzähl mir von der Heldentrutz“, forderte Drachwill zwischen zwei Bissen. „Stehen die Mauern noch? Oder habt ihr sie vor lauter Exerzieren dünn poliert?“
Gerwulf lachte zum ersten Mal seit Tagen. Er erzählte vom harten Drill, von den Patrouillen im Schatten des Finsterkamms und vom Wind, der dort oben kälter pfiff als hier in der Sichelwacht. Gwynna hingegen berichtete leise von ihren Gebeten und den Heilkräutern, die sie im Wald sammelte, während Tannfriede darauf achtete, dass Gerwulfs Brett niemals leer wurde. Es war ein seltsames Mahl – im Angesicht der Krankheit des Vaters, untermalt von seinem Schnarchen, aber getragen von einer Wärme, die Gerwulf in den vergangenen fünf Jahren schmerzlich vermisst hatte. In diesem Moment, zwischen dem Duft von Eintopf und dem herben Geruch von Kräutern, fühlte er sich zum ersten Mal wieder wirklich als Teil der Obertobels.
*****
Die Zeit in Meizenich schien in den folgenden Tagen einem anderen Rhythmus zu folgen. Die erste Woche war geprägt von stiller Sorge und der Geduld der Peraine-Geweihten. Gerwulf verbrachte viele Stunden am Bett seines Vaters, las ihm aus alten Chroniken vor oder hielt einfach nur seine Hand. Es war die Gnade der Götter – oder wie Gwynna lächelnd bemerkte, die heilende Kraft der Heimkehr –, dass das Fieber nach dem siebten Tag endgültig wich. Ulderich begann wieder, feste Nahrung zu sich zu nehmen, und die Farbe kehrte langsam in sein Gesicht zurück.
In der zweiten Woche kehrte das ritterliche Leben zurück. Drachwill nahm seinen kleinen Bruder hart ran. Dabei machte er reichlich Gebrauch von der größeren Reichweite, die er durch seine Größe hatte und einmal mehr bedauerte Gerwulf seine eigene Größe von gerade mal 167 Halbfingern. Aber dafür war er auch flinker als sein Bruder. Und sein Übungsschwert fand immer öfter Lücken in der Verteidigung des Größeren mit seinem Hammer. Der ältere Bruder korrigierte Gerwulfs Haltung mit rauen Worten und noch raueren Stößen, doch abends saßen sie gemeinsam am Kamin und Drachwill teilte sein Wissen über die Tücken des weidener Lehnsrechts und die Schwierigkeiten des Mühlrechts, nur um die kleine Sägemühle am Fluss betreiben zu können.
In der dritten Woche geschah das kleine Wunder, auf das sie alle gehofft hatten. Ulderich verließ zum ersten Mal das Bett. Gestützt auf Gerwulf und Drachwill machte er seine ersten wackeligen Schritte durch das Haus. Der alte Stolz blitzte wieder in seinen Augen auf, als er die Saupacker zur Ordnung rief und sich von Gwynna die neuesten Berichte der Bauern vorlegen ließ.
Als der Tag des Abschieds kam, war die Stimmung wehmütig, aber fest. Gerwulf musste zurück, um sein Versprechen gegenüber seinem Herrn Anshold zu halten und pünktlich zurück zu sein. Ulderich begleitete ihn – langsam, aber aus eigener Kraft – bis zum Tor.
Dort verabschiedeten sie sich. Die Umarmung war nun nicht mehr die eines Sterbenden, sondern die eines Ritters, der seinen Sohn mit Stolz wieder in die Welt entließ.
Als Gerwulf die Zugbrücke hinter sich ließ und in den Wald ritt, blickte er nicht zurück. Er wusste jetzt, dass Meizenich standhielt – und dass er einen Platz hatte, an den er immer zurückkehren konnte.