Dramatis Personae
Siltja Uhleninger (die junge Wirtin der Waldschenke)
Ein Reisender
Der letzte Ritt
Die Waldschenke in Freiwalde am Rande des Dûrenwaldes, Baronie Weidenhag, Efferd 1047 BF
Siltja Uhleninger hatte die Waldschenke vor ein paar Sommern von ihren Eltern übernommen, doch noch nie zuvor hatte sie so sehr mit ausbleibenden Gästen zu kämpfen wie in den letzten Wochen. Selbst fernab der orkischen Überfälle im Schatten des Finsterkamms spürte man deutlich, dass Händler die efferdwärtigen Grafschaften der Mittnacht mieden und das machte sich schmerzhaft in Siltjas Geldbeutel bemerkbar. Normalerweise war ihr Haus am gut frequentierten Hagweg stets gut besucht gewesen; Händler, die von der Reichsstraße 1 nach Nordhag oder weiter über den Dornstieg in die praioswärtigen Baronien Bärwaldes wollten, kehrten gern im beschaulichen Gasthaus am Rand des Dûrenwaldes ein, verbrachten die Nacht, speisten, tranken … und ließen eine ansehnliche Summe Münzen da.
Der heutige Tag war ebenfalls ruhig gewesen – so ruhig, dass Siltja ihre Schankmaid früh nach Hause geschickt hatte. Die wenigen Gäste, die gekommen waren konnte sie auch allein bedienen. Seufzend blickte sie zu der kleinen Gruppe Männer hinüber, die im hintersten Eck saßen, würfelten und – abgesehen von ein paar Bieren – kaum etwas konsumierten.
Erst das Ächzen der Tür ließ sie aufblicken und riss sie aus ihren trüben Gedanken. Ein dunkel gekleideter Mann trat ein und setzte sich an den Tisch nahe des wärmenden Feuers. Der wohl wieder einsetzende Regen hing ihm in Tropfen aus dem Bart, und sein grober Wollmantel hatte die Farbe von nassem Staub und Dreck. Siltja wischte sich die Hände an der Schürze ab und musterte ihn mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht.
„Die Gütige zum Gruße“, begrüßte sie ihren eingetroffenen Gast und nahm ihm den schweren, kalten Mantel ab. „Ihr seht aus, als hättet Ihr den halben Finsterkamm auf dem Rücken getragen“, versuchte Siltja ein charmantes Lächeln.
„Wenn es nur das wäre“, murmelte der Reisende.
„Ja … es ist keine gute Zeit zum Reisen.“ Die Wirtin machte eine ausladende Geste in den leeren Schankraum. „Ihr seht ja selbst, dass sich kaum jemand auf die Straßen traut.“
Der Unbekannte nickte und verzog das Gesicht zu einer schwer deutbaren Grimasse. „Wohl wahr … keine gute Zeit für eine Pilgerreise.“
„Pilgerreise?“
„Ja. Nach Löe … um für meine kranke Frau zu bitten.“
„Löe? Also in den Finsterkamm? Ihr allein?“
Er nickte.
„Hm … trotz der Orks?“
„Von Orks war bei meinem Aufbruch noch nicht die Rede“, erklärte der alternde Mann. „Davon hörte ich erst, als ich schon am Schattenbachpass war. Ging wohl sehr schnell.“
Siltja nickte wortlos. Sie goss ihrem Gast etwas Kräuteraufguss in einen Becher - er würde aufs Haus gehen. In den letzten Tagen hatte sie viele Geschichten gehört und insgeheim war sie froh, dass die Gräuel dieses Orkensturms Weidenhag bisher verschont hatten. „Und Ihr seid nicht umgekehrt?“
„Nein. Ich war fast am Ziel. Und wenn es stimmt, dass die Göttin selbst das Kloster einst vor den Orks geschützt hat, dann gibt es wohl keinen sichereren Ort als Löe.“
Das leuchtete Siltja ein. „Aber was macht Ihr dann hier? Warum seid Ihr nicht im Kloster geblieben?“
„Ich bin nie bis dorthin gekommen.“
„Nicht?“
„Nur bis kurz vor Pergelgrund.“
„Warum? Orks?“ Siltja runzelte die Stirn.
Der Reisende nickte knapp. „Ich kam bis zur Furt. Die Menschen dort nennen sie die blutrote Furt. Ein Name, der kaum passender sein könnte.“
Siltja hatte davon gehört. Zu Zeiten der Priesterkaiser war dort eine Schlacht zwischen Rondratreuen, die sich in den Finsterkamm zurückgezogen hatten, und den Schergen der Herzogenwahrer entbrannt, die die Furt rot gefärbt haben soll.
“Kaum war ich über der Furt, hatte ich plötzlich Orks im Rücken. Sie waren überall … auf dem Weg, im Wald … wahrscheinlich Dutzende und sie kamen aus der Richtung von Gramstein.“ Die Augen des Reisenden weiteten sich und er begann zu zittern. „Sie waren wohl auf dem Weg nach Pergelgrund … oder nach Löe … oder zu beiden. Ich dachte, es wäre um mich geschehen.“
Auch Siltjas Wangen färbten sich leicht. „Und wie seid Ihr …?“
„Wie ich entkam?“ Er wartete ihr Nicken ab. „Das glaubt Ihr mir nie. An der Furt war ein Hinterhalt vorbereitet. Als die Schwarzpelze übersetzen wollten, wurden sie angegriffen.“
„Ach?“ Siltja hob überrascht die Brauen. „Von wem?“
„Von der Orkschädelbande“, flüsterte der Mann. „Unter anderem. Wie ich später erfuhr, waren auch Pergelgrunder dabei.“
„Orkschädelbande?“ Siltja verzog das Gesicht. „Raubritter. Wegelagerer. Gesindel …“
„Mag sein“, unterbrach er sie ruhig. „Aber an diesem Tag standen sie gegen die Schwarzpelze. Ihr Feldzeichen - ein abgeschlagener Orkkopf auf einem Speer - ragte über den Kämpfenden wie ein grausamer Schwur. Sie fielen jenen Orks in die Flanke, die bereits über die Furt gesetzt hatten und was eben noch mein sicherer Tod war, wurde zu einem Schlachtgetümmel, das mich rettete.“
Er schwieg einen Moment und rieb sich die Schläfe.
„Es war wohl ihr Anführer … ein breitschultriger Mann in rotem Wappenrock … der den ersten Sturm führte. Ich sah, wie er drei Orks niederstreckte, ehe der vierte ihn traf. Er fiel und mit ihm brach etwas im Mut seiner Leute. Doch sie kämpften weiter, wild und verzweifelt, bis die sichtlich überraschten, aber dennoch überlegenen Schwarzpelze sich zurückzogen.“
Siltja setzte sich ihm gegenüber. „Und dann?“
„Die Pfeile flogen, alles ging so schnell. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dort kämpften, aber sie waren wohl in der Unterzahl. Als die Orks flohen, sprach mich eine junge Frau an, Bogen und Köcher auf dem Rücken. Sie hatte Dreck im Gesicht, den ich erst für eine Wunde hielt. Sie meinte, ich solle mit ihnen nach Pergelgrund kommen, denn dort sei ich sicher. Aber ich wollte nur … weg.“ Er machte eine bedeutsame Pause. „Also schlug ich mich tagelang durch Wald und Wildnis und gelangte schließlich nach Wargentrutz. Von dort aus wusste ich den Weg nach Hause.“
„Und die Orkschädelbande? Wisst Ihr …?“
„Nein“, unterbrach er sie. „Ich weiß nicht, ob es ihr letzter Ritt gewesen war. Aber ihr Anführer … ich sah es mit eigenen Augen.“
„Hm.“ Siltja nickte langsam. „Und was macht Ihr jetzt wegen Eurer Frau? Ihr habt es nicht bis zum Kloster geschafft.“
„Meine Frau braucht mich zu Hause.“ Er senkte beschämt den Blick. „Es war eine dumme Idee. Wäre mir etwas passiert, meine Tochter müsste sich alleine um sie kümmern … ich bin ohnehin schon zu lange fort.“
Siltja dachte einen Moment nach. „Eine Tagesreise von hier liegt das Kloster Sankta Perainme zu Pergelfurt. Das Wasser der Furt soll heilende Kräfte haben und die Geweihten verstehen sich auf die Heilung von Krankheiten.“
Der Mann musterte sie skeptisch.
„Fragt dort nach Bruder Perainumund und richtet ihm Grüße von mir aus. Er wird Euch helfen.“ Sie lächelte aufmunternd.
„Habt Dank“, murmelte der Reisende und erwiderte das Lächeln müde.
„Und nun lasst uns anstoßen“, sagte Siltja. „Auf die, die fallen, damit andere weitergehen können.“
Der alte Mann hob seinen Becher und prostete ihr leise und ernst zu.
-Fin-
Die junge Wirtin Siltja Uhleninger spricht mit ihrem Gast Die Orkschädelbande |

