Mitte Travia 1033 BF, Junkergut Wolfspfort, Gräflich Reichsend, Grafschaft Heldentrutz
Dramatis Personae:
Anshold von Erlbrück, Junker zu Wolfspfort
Walderia von Hohenwald. Erste Ritterin und Waffenmeisterin von Wolfspfort
Thorolf Freidank, Haushofmeister, Scriptor und Kämmerer von Wolfspfort
"SO EIN HIMMELSCHREIENDER MIST" Ein lautes Poltern begleitete diesen Ausruf. "WELCHER HIRNVERBRANNTE TOMPEL KÄME AUF SO EINE IDEE?" Ein Schlag und gleich darauf ein Klirren.
Im Hause Erlbrück herrschte schlagartig Stille. Der Junker von Wolfspfort war im Allgemeinen ein besonnener Mann – doch wenn ihn der Zorn packte, tat man gut daran, nicht in seiner Nähe zu sein.
Entsprechend langsam näherte sich Walderia der Tür des Zimmers. Die Ritterin und Waffenmeisterin des Gutes wusste, dass was immer diesen Ausbruch verursacht hatte, einen unmittelbaren Gesprächsbedarf bedeutete. Direkt vor der Tür stand Arlan. Oder Jarlan. Die beiden Zwillingsbrüder hatten erst vor wenigen Tagen ihren Dienst als Waffenknechte getan. Und nun der junge Mann wirkte sichtlich überfordert. Kein Wunder – solche Ausbrüche zeigte der Junker gewöhnlich nur hinter verschlossenen Türen.
"DIESE DUMME, UNFÄHIGE PERSON!" Wieder ein Klirren – vermutlich das Silbergeschirr.
"WAS HAT SIE SICH DABEI NUR GEDACHT!" Ein Humpen zerschellte.
"WIE KONNTE ER NUR..." Ein weiterer Schlag. Dann klang es als ob etwas umfiele und Augenblicke später hörte sie ein kurzes Stöhnen aus dem Raum. Arlan? Jarlan? Wer auch immer streckte zögerlich die Hand nach der Tür aus, um zu sehen, ob er seinem Herrn helfen müsste, aber die Ritterin hielt ihn mit einer schnellen Geste ab. Er ließ die Hand sofort sinken, geradezu dankbar, dass er doch nicht in die Höhle des Wolfes treten musste.
Von der anderen Seite des langen Flures kam - ebenfalls sehr gemäßigten Schrittes - Freidank, der Haushofmeister, auf sie zu. Währenddessen hörte man von der anderen Seite der Tür ein nur noch leises Klirren und Geräusche, als würde etwas Schweres über den Boden geschoben werden.
Einen Moment später öffnete sich die Tür und der Junker steckte seinen Kopf in den Flur.
"Hier seit ihr also", fauchte er. Nur um gleichzeitig eine einladende Geste in den Raum zu machen und dann vorzugehen ohne auf sie zu warten.
Fast hätte die Ritterin dem Kämmerer den Vortritt gelassen, aber das hätte sich kaum geziemt. Also nahm sie ihren Mut zusammen und betrat die große Halle.
Dieser Raum war gleichzeitig Esszimmer, Gerichtssaal, Besprechungsraum und Empfangsbereich des Junkers.
Walderia blickte sich um. Nach dem Lärm von eben hätte sie ein absoluten Tohuwabohu erwartet, aber das Gegenteil war der Fall. Der große Eichentisch, der eigentlich in der Mitte des Raumes stand, stand nun etwas verrückt und schief im Raum. Und das Silbergeschirr hatte einen neuen Platz auf dem Sekretär gefunden. Nun, wenn der Geschirrschrank repariert war, würde es sich wohl dort wieder einfinden.
Inzwischen war Anshold an den Tisch herangetreten und hatte seinen Stuhl - den letzten, der noch lag, wie die von Hohenwald bemerkte - aufgehoben.
Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss, als Freidank eintrat und sich kurz umsah. Dann nahm er zielstrebig Kurs auf den Tisch, packte sein ewigpräsentes Ledermäppchen mit dem Papier und der Feder aus, stellte mit einer enervierenden Ruhe ein kleines Tintenfässchen auf und wandte dann seinen Blick seinem Herrn zu. Walderia setzte sich ihm gegenüber und wartete, wer nun die Eröffnung machen und den Ritter ansprechen würde.
Tatsächlich war es Anshold, der ansetzte, etwas zu sagen. Dann fiel sein Blick auf etwas hinter Walderia. Er stand auf, ging zur Wand, an der Schwarzenschnitt hing. Sie drehte sich um und sah gerade noch, wie er das schwere Bastardschwert wieder geraderückte, so dass es wieder mittig unter dem Familienwappen hing. Dann setzte er sich zurück.
Noch einmal stand er auf, griff drei Krüge - die im Hause Erlbrück nur zufällig alle aus Steineichenholz waren - und stellte sie auf den Tisch und füllte sie mit Leichtbier.
"Darf ich annehmen", wagte sich Freidank aus der Deckung, "dass Euer erhitztes Gemüt mit dem Boten zusammenhängt, der vorhin gegangen ist?"
Anshold warf ihm einen Blick zu. Und als verließe ihn auf einmal alle Kraft, ließ er die Schultern nach vorne sinken. Nur um sich seines Standes zu besinnen und gleich wieder aufzurichten.
"Ganz Recht", erklärte er nun in einem völlig aufgeräumten Ton, "das war ein Bote mit einer Einladung. Der hochgeborene Herr von Hirschenborn hat mich zu sich geladen."
Walderias Kopf ruckte hoch. Halgan von Hirschenborn war nicht nur der Junker zu Nordwall, sondern vor allem der Wachtgraf der Finsterwacht. Wenn er nun den Wolfspfort "zu sich lud", konnte das nichts Gutes bedeuten.
"Hat er gesagt, was er will?" fragte sie rundheraus.
"Selbstverständlich hat er das", knurrte ihr Herr. "Der edle Wachtgraf hat mich informiert, dass die Edle Walpurga von Schwarzenberg einen Kampf mit dem Drachen Feracinor gewagt und verloren hat. Zu meinem allergrößten Bedauern hat Boron schon im Rahja sein stilles Tuch über ihr ausgebreitet." Jetzt klang er ehrlich. "Sie war eine Gute. Möge sie an Rondras Seite reiten."
"Walpurga von Schwarzenberg?" Irgendwas klingelte bei dem Namen, aber sie konnte ihn nicht zuordnen, "ich dachte die Schwarzenbergs sind eigentlich von Trutzkahns?"
"Sind sie auch. Mit dem Rittergut Schwarzenberg hat der Graf dem Edlen Rondrian von Trutzkahn belehnt. Erinnert ihr euch nicht an den Streit, der daraufhin ausbrach, weil Walpurga ihren Anspruch auf das Lehen gelten machte? Und Graf Emmeran gab ihr nicht etwa das beanspruchte Lehen.Stattdessen erhielt sie den Turm Mathur."
Nun horchte Freidank auf. Er ahnte Schlimmes. "Und wenn die Edle nun verstorben ist, was passiert mit dem Turm."
Müde sah Anshold seinen Kämmerer an. "Von Hirschenborn hat mich zu sich geladen, um mir den Turm zum Geschenk zu machen."
Freidank keuchte. "Wir haben es gerade geschafft, Wolfsauge wieder aufzubauen. Wie sollen wir es schaffen, Mathur wieder herzurichten? Davon, ihn zu besetzen, ganz zu schweigen."
Der Junker schüttelte langsam den Kopf. "Ich vermag nur zu hoffen, dass der Hirschenborn uns wirklich ein Geschenk machen will. Wolfsauge ist ein Turm geworden, auf den man wirklich stolz sein kann. Ich bin geneigt, Mahtur als ein Zeichen zu sehen, dass auch der Wachtgraf diese Entwicklung gesehen hat und das als ein Lob für eine gelungene Arbeit sieht." Er zögerte, "auf der anderen Seite kann ich mich an nichts erinnern, womit ich ihn oder den Grafen so verärgert haben könnte, dass sie mir den Turm als Strafe geben."
Flink flog die Feder seines Kämmerers über das Papier. Einen Moment brauchte er, dann schaute er wieder zu seinem Herrn auf. "Wenn der Wachtgraf uns wohlgesonnen ist und das 'Geschenk' mit einer kleinen Förderung garniert, können wir es schaffen."
"Und die Besetzung?" warf Walderia ein, "wir finden kaum genug begabte Kämpfer, um Wolfspfort ausreichend zu besetzen. Wenn wir Mahtur mitbesetzen, dünnen wir Wolfspfort aus."
"Nun", das Lächeln des Junkers wirkte nicht fröhlich, "ich denke, dass wir auch hier investieren müssen. Ich hoffe, dass der Graf auch hier die Ausbildung neuer Landsknechte unterstützt. Und vielleicht bekommen wir sogar genug, dass ich einen Dienstritter für Mahtur begeistern könnte."
"Und was wäre mit Schwarzfedern?"
Anshold blickte sie scharf an. "Niemals haben wir zur Erfüllung unserer Pflichten andere Mannen gebraucht. Wir haben Wolfspfort immer mit unseren eigenen Leuten verteidigt. Und als Wolfsauge wieder aufgebaut wurde, haben wir auch den mit eigenen Leuten besetzt."
Walderia gab sich noch nicht geschlagen. "Wir können die Dörfler nicht zu noch mehr Wachdiensten verpflichten. Wenn der Wachtgraf uns Schwarzfedern zur Verfügung stellt, können wir unsere Leute weiter ausbilden, so dass sie unterstützen können. Aber mit Verlaub, allein schaffen wir das nicht."
Der Blick, mit dem ihr Herr sie maß, gefiel ihr nicht. Aber letztlich war es Anshold, der langsam nickte. "Ihr habt vielleicht Recht. Ich werde den Hirschenborn darauf ansprechen."
Das Lächeln, dass sich nun auf Ansholds Lippen stahl wirkte fast echt. Am nächsten Tag würde er sich auf den Weg zum Wachtgrafen machen. Und mit der Hilfe der Götter würde Wolfspfort auch diese Herausforderung meistern.