De Civitate Hlûtharii

Ort: Stadt Gratenfels

Dramatis Personae:

 


Hotel Koschblick, Stadt Gratenfels, 5. Peraine 1044 BF

Die kleine Reisegruppe war die ersten beiden Tage gut vorangekommen. Wirklich ernst wirkte die Pilgerfahrt der beiden jungen Ritter dabei jedoch nicht. Man hatte sich stets gegenseitig auf der Schaufel, lachte und scherzte unentwegt. Ja, es hatte ein bisschen was von einer Lustreise durch das Reich, wie es besser betuchte Adelige - eben die, die es sich derlei Müßiggang leisten konnten - öfters einmal taten. Der erste Tagesabschnitt führte die Gruppe um die Junkerin von Ulmentor und den Ritter von Hadingen die Straße rahjawärts gen Nembutal, wo sie schon recht früh eintrafen und die Zeit nutzten um etwas durch das geteilte Städtchen zu bummeln.

Nordmärker wussten, dass sich die Baroninnen von Riedenburg und Rickenhausen seit Jahr und Tag um die Stadt stritten und man schlussendlich zur eher bedingt eleganten Lösung kam, die Grenze einfach mitten hindurch laufen zu lassen. Im Gasthaus, in welchem sie für die Nacht Unterschlupf fanden, führte dies zu der witzigen Begebenheit, dass sich Silvagilds Zimmer in Rickenhausen befand, während Hardomar in Riedenburg nächtigte. Zumindest wurde ihnen dies von der Wirtin so gesagt.

Gut ausgeruht und gestärkt legten sie am darauffolgenden Tag die nächste Wegstrecke zurück. Der Weg hoch in die Stadt Gratenfels war ebenfalls außerordentlich gut ausgebaut und gewartet. Silvagild bezweifelte, dass dies dann in den Bergen so weiterging - vor allem der Weg von Donnerbach hinunter nach Olat machte ihr Sorgen, doch lag dies vom heutigen Stand noch viel zu weit in der Zukunft um deswegen Trübsal zu blasen.

Gratenfels war ihr nächster Wegpunkt, den sie am frühen Nachmittag auch erreichten. Hier sollte sich auch die erste Station ihrer Pilgerreise befinden. Der Tempel des Heiligen Hlûthars war der wichtigste Rondratempel des Herzogtums und schon der Name des Göttinnenhauses ließ keinen Zweifel daran. Graf Hlûthar von den Nordmarken, genannt Hlûtharus Septentrionalius, ist als ehemaliger Träger Siebenstreichs und Held der ersten Dämonenschlacht vor Gareth einer der wichtigsten Heiligen der Rondrakirche und, gemeinsam mit der Praiosheiligen Lechmin, auch der Nationalheilige der Nordmarken.

Der Tempel, der ihm zu Ehren in Gratenfels gebaut wurde, schien der Bedeutsamkeit des Heiligen auch gerecht zu werden: das Haus war ein wuchtiger Wehrbau aus weiß gekalktem Stein und besaß eine wunderschöne Darstellung der Göttin Rondra als löwenhäuptige Menschenfrau in Rüstung. Die Wände waren über und über mit Gemälden und Darstellungen des Heiligen Hlûthars behangen und exakt gearbeitete Steinreliefs zeigten Bilder von Kor, Famerlor und Mythrael.

Silvagild schien sich vor allem für die Kunst und Architektur des Bauwerkes zu begeistern. In beinahe schon provokativ gemächlich zu nennendem Tempo schritt sie die Wände ab und betrachtete mit beinahe kindlicher Begeisterung die vielen Bilder. Ihr Tempo war genau richtig für Hardomar. Bedächtig und staunend schritt er durch die Halle und erklärte bei den meisten Gemälden seinem Pagen, was genau zu sehen war. Fasziniert nahm er sich vor, in den kommenden Tagen zu versuchen, eine Zeichnung vom Heiligen Hlûthar anzufertigen. Dennoch fanden sie sich dann zur Abendandacht ein und die Junkerin ließ es sich nicht nehmen, auch ein paar Takte mit der greisen Tempelvorsteherin zu sprechen.

Nun hatten sie sich zum Abendmahl ins Hotel Koschblick zurückgezogen, wo die Gruppe auch nächtigen würde. Es war das beste Haus der Stadt gewesen und Silvagild dabei jedes Silberstück wert, befand sich das Etablissement doch so weit wie möglich entfernt von diesen furchtbaren Schwefelquellen. Sie hatte nie verstanden wie man in dieser Stadt leben konnte. Gemeinsam mit Hardomar und Boronmin saß sie an einem größeren Tisch im gut gefüllten Gastraum des großen Hotels. Sogar eine Bühne gab es hier und wie es schien würde für sie noch gesungen werden. Zumindest war ein Jüngling gerade damit beschäftigt gewesen eine Laute zu stimmen.

“Ist doch nett hier”, bemerkte Silvagild lächelnd zu ihren beiden Reisegefährten. “Wer weiß wie oft wir noch in solch schönen Häusern nächtigen und speisen können, also genießt es.”

“Hast du gut herausgesucht, Silvi”, bemerkte Hardomar und freute sich sichtlich über die gemütliche Atmosphäre im Gastraum und das Glas Wein, welches ihm von der Schankmagd gereicht wurde. Er wandte sich an seinen Pagen, der gerade von seinem Himbeersaft trinken wollte: “Na Boronmin, was sagst du? Freust du dich schon auf die gemütlichen Betten heute Nacht?”

Boronmin schreckte etwas hoch, als sein Schwertvater ihn direkt ansprach. Im stillen, ernsten Haushalt eines Hüters des Raben hatte der Junge seit früher Kindheit gelernt, ausgiebig zu schweigen, dabei aber aufmerksam zuzuhören und zu beobachten. Die Erwachsenen neigten normalerweise dazu, seine Anwesenheit irgendwann zu vergessen und über Dinge zu reden, die nicht unbedingt für Kinderohren bestimmt waren. Doch seit er bei dem Hadinger war, musste er sich daran gewöhnen, von seinem Schwertvater immer wieder unvermittelt in die Unterhaltung einbezogen zu werden. Boronmin hob den Blick und nickte ernsthaft. Tatsächlich war er mehr als beeindruckt von dem prächtigen Gebäude und dem emsigen Treiben in der Gaststube.

Silvagild musterte den Hadinger derweil, genauer gesagt den Wein. “Was trinkst du denn für einen?”, fragte sie interessiert. Sie war keine Weinkennerin - in den Koschbergen wurde dieser für gewöhnlich nicht gereicht und auf Schloss Ulmen hatte sie sich damit noch nicht wirklich auseinandergesetzt.

Auch Hardomar kannte sich mit richtigem Wein nicht wirklich aus. Er lehnte sich zu Silvagild herüber, sah sie grinsend an und flüsterte mit verschwörerischer Stimme: “Keine Ahnung, ich habe einfach den teuersten bestellt.” Der junge Ritter schaute erneut in die Weinkarte. “Arivorer Blut, der kommt wohl aus Ge… Gerondra… ta…, wird als ein eher ‘schwerer Rotwein’ beschrieben.” Hardomar hob betrachtend sein Glas, schwenkte dieses gekonnt und legte seinen Kopf zur Seite. “Magst du mal probieren?”

Silvagild nickte. Sie nahm den Kelch von Hardomar entgegen und roch daran. Wie konnten sich Menschen nur damit auskennen? Für sie rochen die Weine doch alle gleich. "Sehr … äh … fruchtig …", tat die junge Ritterin so als würde sie sich damit auskennen. Dabei wiederholte sie irgendeinen Halbsatz, den sie einmal von einem Sommelier aufgenommen hatte. Dann schwenkte auch sie den Kelch, wie es Hardomar wenige Augenblicke zuvor getan hat, doch war Silvagild eine Grobmotorikerin gewesen. Die Bewegung geriet etwas zu schwungvoll und so verteilte sich ein Teil des kostbaren Inhalts über das weiße Tischtuch. "Oje …", entfleuchte es der Ulmentorerin leise, als sie sich der roten Flecken gewahr wurde. "Ja … äh … und die Farbe sieht auch gut aus." Noch bevor sie Hardomar ob ihres Fauxpas auslachen konnte, kostete und verzog dabei kurz ihren Mund. "Ja … äh sehr gut", log sie und suchte den Kellner. "Für mich bitte einen Krug Met, danke."

Boronmin verzog den Mund zu einem breiten Grinsen, als er das Missgeschick der Ritterin beobachtete, konnte aber erfolgreich ein Kichern unterdrücken.

Hardomar amüsierte sich prächtig. Boronmins Grinsen war ansteckend; zunächst kicherte der Hadinger mehr in sich hinein, doch umso mehr er versuchte, dagegen anzukämpfen, desto schwerer fiel es ihm, ein lautes Lachen zu unterdrücken. “Verzeih. Es tut mir leid…”, entschuldigte er sich bei Silvagild und atmete einmal tief durch. Als die Junkerin vom Schankburschen einen großen Krug Met zusammen mit zwei kleinen Tonbechern erhielt, wanderte auch Hardomars Blick zum süßen Honigwein. “Der sieht ja auch nicht schlecht aus”, gab er gierigen Blickes zu, nahm dann aber noch einen Schluck von dem restlichen Wein aus seinem Kelch.

“Und?” wandte er sich an seine beiden Reisebegleiter. “Gab es ein Gemälde vom Heiligen Hlûthar, welches euch besonders gut gefallen hat? Ich fand ja auch die Darstellung der Sturmherrin sehr beeindruckend.” Mit einem verträumten Blick säuselte er: “So eine Rondrastatue im eigenen Garten, das wäre was…”

Silvagild dann der Frage für einen Moment nach. "Mmmmh, mir haben eigentlich alle gefallen. Meine Familie legt viel Wert auf verschiedenste Künste und oft dachte ich, dass diese Vorliebe an mir vorüber ging, doch seit ich wieder auf Ulmen lebe … es gefällt mir. Ich habe nun die innere Ruhe, die Kunst auf mich wirken zu lassen." Die Ulmentorerin lächelte bescheiden. "Wenn du möchtest … mein Vetter Aelfwin lebt bei uns am Schloss und ich habe ihm dort ein Atelier zugestanden. Er ist Maler und Bildhauer. Wenn du eine Rondrastatue für den Garten willst, kann er dir helfen."

“Aelfwin… Ja, ich glaube, ich habe schon mal Werke von ihm gesehen”, sagte Hardomar mit ernsthafter Bewunderung. “Ich würde ihn wirklich gerne mal kennenlernen. Vielleicht kann er mir auch ein paar gute Ratschläge geben, wie ich meine plumpen Zeichenversuche verbessern kann.” Hardomar ließ ein leicht verlegenes Lächeln aufblitzen; obwohl er dieses Steckenpferd inzwischen nicht mehr geheimzuhalten versuchte, so erschienen ihm die Ergebnisse seiner Bemühungen doch meistens nicht gut genug, um sie vorzuzeigen. “Und du stehst dann für die Rondrastatue Modell, was?” setzte er mit einem scherzhaften Augenzwinkern hinzu.

“Ich denke nicht, dass ich der Göttin gerecht werden würde … und was würde deine Frau dazu sagen, wenn sie eine Statue der Nachbarin im Garten stehen hat …”, Silvagild schüttelte ihren Kopf, “... nein, das lassen wir mal lieber.” Nun stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. “Wenn du Aelfwin kontaktierst hätte ich nur einen Tipp … halte ihn von deiner Schwester fern … oder besser, sieht zu, dass die Sache mit der Statue erledigt ist bis sie wieder von ihrer Walz zurückkommt.”

Hardomars Miene verdüsterte sich kurz, als Silvagild Mokaschka erwähnte und er war dankbar, dass die Junkerin schnell über das Thema hinwegging. Mit einem kurzen Seitenblick vergewisserte er sich, dass Boronmin dichthielt. “Ach übrigens, Imelda ist schon vor drei Wochen von ihrer Walz zurückgekehrt. In dieser Zeit hat sie auch dein Schwert fertiggestellt. Vielleicht kommt sie zum Turnier, mal schauen. Sie würde sich freuen, dich zu sehen”, sagte er mit freundlicher Miene und einem Schulterzucken. Wieder wurde sein Blick nachdenklich und für einen Moment starrte er regungslos auf die Tischdecke vor sich. Mit einem tiefen Atemzug versuchte er seine düsteren Gedanken abzuschütteln und setzte ein betont breites Lächeln auf: “Und warum sollte ich meine Schwester deinem Vetter nicht vorstellen?” fragte er unschuldig. “Ich meine, wir wissen ja alle, dass die Ulmentorer ganz schlechter Umgang sind… Aber schlimmer als diese Hadinger nun auch nicht”, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

“Ach ist sie schon wieder ganz zurück?”, fragte Silvagild verwundert. “Na dann kommt meine Warnung wohl zu spät. Sie hat doch niemanden mitgebracht? Einen Bräutigam oder ein Bankert?”

“Nicht, dass ich wüsste”, winkte Hardomar lächelnd ab. “Aber Hilbertio… der sah schon ein bisschen schwanger aus, als die beiden von Reise zurückkamen… Liegt aber vermutlich am guten Essen, was Imelda ihm gegeben hat.” Er zuckte mit entspannter Geste mit den Achseln. “Keine Sorge, ich denke, meine Schwester weiß schon, was sie tut. Sie ist ja nicht so dumm wie ihr Bruder.” Er verzog den Mundwinkel zu einem selbstironischen Lächeln.

Silvagild neigte beim letzten Satz ihren Kopf. Ja, da war was Wahres dran. Nicht jeder würde die Gemeine, welche er schwängert, auch gleich heiraten.

"Na dann hoffe ich, dass sie mich besuchen kommt, wenn wir wieder zurück sind … oder besser, ich besuche sie in ihrem Tempel."

"Ich finde, Ihr werdet der Göttin gerecht", sagte Boronmin, der sich verträumt ein Idealbildnis der Sturmherrin vorgestellt hatte, unvermittelt mit schüchternem Blick zu Silvagild. "Eure Rüstung ist sehr prächtig."

Die junge Frau strahlte. "Das ist sehr nett von dir, Boronmin", meinte die junge Ritterin sichtlich erfreut. "Du bist ja ein richtiger Charmeur."

Im nächsten Moment begann Musik aufzuspielen.

“Am Pfad meines Lebens ruht Deine Hand.
Dem Willen der Familien zuwider, in Ewigkeit verbunden.
Herrin Rahja öffne die Wunden, und heil' sie wieder.
Bis sich Unser beider Schicksale wirres Muster zeigt.”


Als die Stimme des Mannes in Silvagilds Rücken erklang, spannte sie sich an. Den Refrain sangen beide Künstler im Duett:


“Jeden Morgen, fliehst Du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich golden Locken -
Deine eisblauen Augen von Tränen nass.

Dem Schrei meines Herzens nach folge ich in den dunkel´ Forst.
Um dein wunderbares Herz abermals aufzuspüren.
Durch Sehnsucht und Trauer, in Stein verwandelt.
Lass mich Deine Lippen küssend mit Leben erfüllen.

Jeden Morgen, fliehst du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich goldene Locken -
Deine eisblauen Augen von Tränen nass.

Ich frage mich, ob du mein Schicksal bist.
Oder ob Rahjens Laune uns zusammenführte.
Als wir uns trafen in der Dûren Schatten.
Wurdest du gezwungen, mich zu lieben?

Jeden Morgen, fliehst du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich golden Locken -
Deine eisblauen Augen von Tränen nass.”
(Vorlage: Wolven Storm von Marcin Przybyłowicz, leicht abgeändert)


Als der Barde geendet hatte und das Publikum Applaus spendierte, wandte sich die Junkerin immer noch nicht zu ihm um. “Oje, das wird jetzt … übel …”, murmelte sie.


“Komm, komm, komm doch …”,


hob der Sänger in den Applaus hinein an,


“... lass mich doch nicht sterben!
Hyrie … Hyria!
Schäme dich, wenn du so lachst,
um mir zu schaden!
Daran tust du nicht recht.
Ach es ist verlorene Zeit …”,


die Stimme und der Lautenklang kamen näher,


“... wenn von einem reizend Mund
solch Lieblosigkeit ausgeht!”


“Hallo Silvi …”, richtete der Künstler, nun am Tisch der Adeligen stehend, das Wort an die Ulmentorerin. Das Publikum applaudierte, hielt es diese Darbietung doch für einen Teil der Aufführung. Kurz maß der Barde Hardomar mit einem freundlichen Blick, nickte ihm zu, dann wandte er sich um und ging wieder zur Bühne zurück.

Derweil waren die Wangen der jungen Ritterin gerötet und sie wagte es nicht ihren Blick zu heben. “Ähm, wisst ihr schon was ihr zum Essen bestellen wollt?”, versuchte sie die peinliche Situation in einem verzweifelten Versuch zu überspielen.

“Ein herrliches Stück…”, trat der junge Mann mit der Laute in der Hand, der vielleicht 17 Götterläufe zählte, begeistert an den Künstler heran, mit dem er im Duett gesungen hatte. Dann verstummte er und blickte auf die Ritterin, den Ritter und seinen Pagen am Tisch. Er nahm eine gewisse Spannung wahr, vor allem zwischen der Ritterin und dem Künstler. Verunsichert trat er einen halben Schritt zurück. Offensichtlich kannte der junge Mann die Ritterin, traute sich aber gerade nicht, sie zu begrüßen, und wartete vorsichtig ab.

“Nun, holde Silvi, mein lieblich´ Schatz…”, ahmte Hardomar amüsiert die leicht weinerliche Stimme des Barden nach. “Nach dieser hervorragenden Vorstellung will ich irgendwas mit Rahjasinen”, flachste er zwinkernd. Doch auch wenn Hardomar es amüsant gefunden hätte, Silvagild noch etwas länger mit dem ihm fremden, ihr aber offenbar gut bekannten Bänkelsänger aufzuziehen, merkte er doch, dass seiner Freundin die Situation wirklich unangenehm war. Als ob gar nichts Ungewöhnliches passiert wäre, fragte er freundlich: “Was hättest du denn gerne? Meinst du, die bieten hier Koschammerzungen an?”

“Tun sie sicher …”, meinte Silvagild und ließ sich dankbar auf das Spiel ein, so zu tun, als wäre nichts passiert, “... aber ich esse nicht Zungen, für die man Singvögel umbringt. Das ist … dekadent.”

Hardomar stimmte der Ulmentorerin zu. “Ja, du hast recht… und man wird davon sicherlich sowieso nicht satt.” Er überlegte weiter, von welchen besonderen Spezialitäten der Region er schon gehört hatte, doch fiel ihm spontan keine ein. Die Ulmentorerin schob kurz nachdenklich ihre Brauen zusammen.

“Junger Herr … Raidri … richtig?”, wandte sie sich an den Bardenschüler, der in der Nähe des Tisches stehen geblieben war. “Kannst du uns etwas empfehlen?

Wie gebannt hatte Boronmin die Musikdarbietung verfolgt. Die Lautenklänge und der Gesang der beiden Männer verbanden sich in seinen Ohren zu einer wunderschönen, zauberhaften Harmonie, und obwohl der Achtjährige nicht genau verstand, worum es in dem Lied ging - irgendwas Trauriges mit Liebe - machte ihn die Musik irgendwie... glücklich. Bei seinen ernsten, nachdenklichen Eltern wurde nie viel gesungen oder musiziert; außer, wenn eine seiner älteren Schwestern mal ein Lied angestimmt hatte. Doch dann war eine nach der anderen außer Haus gezogen und es war noch stiller zu Hause geworden. Boronmin schluckte, als er an seine Schwestern dachte und starrte mit leuchtenden Augen die beiden Künstler an, versuchte sich diesen wundervollen Moment, jeden einzelnen Ton, genau einzuprägen und in sein Herz aufzunehmen. Als das Lied schließlich endete, klatschte der Junge stürmisch und laut in die Hände; er hoffte von ganzem Herzen, dass es gleich noch mehr Lieder und Musik geben würde. Erst, als er einen begeisterten Seitenblick zu der Ulmentorer Junkerin warf, fiel ihm auf, dass diese irgendwie unzufrieden oder abgelenkt wirkte. Wie konnten die Erwachsenen nach so schöner Musik bloß nur ans Essen denken?

“Ich… äh”, der Bardenschüler war irritiert, dass sie ihn ansprach und nicht seinem Lehrmeister. “Mein Name ist Daithi. Und vielleicht probiert Ihr einmal den Gratenfelser Sauerbraten?!”, schlug er vor und fügte noch hinzu: “… mit Rahjasinen…” Aber als er letzteres aussprach, ahnte er, dass er in einen Fettnapf getreten war.

“Sauerbraten … ja”, Silvagild lachte. “Der Herr Daithi hat recht. Vom Sauerbraten habe ich hier schon gehört. Aber Rahjasinen …”, sie verzog kurz ihren Mund, “... das passt doch nicht.”

“Rosinen natürlich…”, murmelte Daithi schüchtern, leise vor sich hin.

Hardomar hob die Augenbrauen und nur mit größter Mühe konnte er den Rotwein in seinem Mund herunterschlucken. Ein vielsagender Blick ging kurz zu seiner Freundin. Bemüht freundlich sagte er zu dem Bardenschüler: “Habt Dank für Euren teuren Rat, Herr ähm… Dotti.” Der Hadinger wandte sich der Runde an seinem Tisch zu: “Wollen wir alle Sauerbraten nehmen?”

Kurzentschlossen winkte er eine Schankmagd herbei, welche eiligen Schrittes an den Tisch kam. “Also, wir hätten gerne den Sauerbraten. Was gibt es denn noch als Beilagen dazu? Klöße? Für die wohlgeborene Dame…”, er deutete auf Silvagild, “...eine normale Portion. Für mich; ich muss mich auf ein Turnier vorbereiten…”, er klopfte auf seinen unter der Tunika erkennbar flachen und eher muskulösen Bauch, “...die Kinderportion bitte und für meinen Gefährten hier…”, Hardomar legte den Arm um seinen Pagen und zwinkerte ihm väterlich zu: “...die große Portion für starke, kräftige Ritter, die noch ein wenig wachsen müssen.”

"A…", betonte Silvagild und hob dabei ihren Zeigefinger, "... Daithi." Die Ritterin sah zum Bardenschüler und rollte mit ihren Augen, ganz so als wollte sie dem jungen Rechklammer ein 'er lernt es wohl nicht' verklickern, wiewohl sie selbst den Namen des Mannes nur wenige Momente zuvor falsch genannt hatte.

Hardomar ergriff amüsiert mit seiner Hand den ausgestreckten Zeigefinger Silvagilds und schaute diese mit einem neckischen Blick an. Dann wandte er sich kurz an den Bardenschüler. “Ich bitte um Vergebung, aber wie meine Freundin richtig bemerkte, habe ich Euren Namen falsch ausgesprochen, Herr Daithi.” Er nickte diesem kurz lächelnd zu und richtete sein Wort leise flachsend an die Junkerin, deren Finger er nun wieder losgelassen hatte. “Ich weiß, das wäre Ihrer Wohlgeboren natürlich nie passiert...”

"Du solltest jedoch eine anständige Portion nehmen. Du brauchst Kraft …", sie lächelte, "... sonst fällst du wieder gegen einen Koscher vom Pferd."

Nachdem Silvagild ihre Spitze angebracht hatte, wandte sie sich wieder entschuldigend dem Schüler zu. "Vielleicht möchte der junge Herr auch etwas essen?", galten die Worte jedoch dem Hadinger.

Mit ironischem Unterton antwortete Hardomar: “Danke für deinen Hinweis, meine Liebe. Es soll ja durchaus schon Ritter gegeben haben, die bereits beim Anritt vor Schwäche vom Pferd gefallen sind… habe ich zumindest gehört.” Dabei schaute er sie mit einem herausfordernden Grinsen an.

Zur Antwort rollte die junge Frau jedoch bloß mit ihren Augen.

Der Rechklammer hatte den Eindruck, dass er bei dieser Unterhaltung eigentlich gar nicht gemeint war, dass es vielmehr um etwas ging, was die beiden Ritter untereinander austrugen. Darum schwieg er dazu.

Auch Boronmin verzichtete darauf, sich an der Unterhaltung zu beteiligen und beäugte interessiert die Laute des jungen Mannes.

“Spielst Du auch ein Instrument?”, fragte der Bardenschüler den Pagen des Ritters, als er wahrnahm, dass er so interessiert an der Laute war.

Boronmin schüttelte energisch den Kopf. "Ich? Nein!", entgegnete er scheu und betrachtete das Musikinstrument mit ehrfürchtiger Bewunderung. "Das sieht sehr schwierig aus… Wie bekommt man da so schöne Töne raus?"

Daithi nickte und lächelte den Pagen freundlich an. “Es gibt kompliziertere Instrumente. Aber die kann man meistens auch nicht mit sich herumtragen.” Dann zeigte er auf die Laute. “Schau”, er drückte die Finger seiner linken Hand auf die Saiten am Hals der Laute. “Es ist eigentlich gar nicht so schwierig.” Dann spielte er ein paar Töne an.

Staunend beobachtete Boronmin, wie Daithis geschickte Finger die Laute zum Erklingen brachten. "Es klingt so schön", jubelte er mit strahlenden Augen, runzelte dann aber die Stirn. "Vater sagt immer, dass die meiste Musik nur Lärm ist, der die heilige Ruhe des Ewigen stört...", murmelte der Junge leise, mehr zu sich selbst.

“Oh. Es gibt auch Musik, die dem Herrn Boron zur Ehr komponiert wurde. … Doch würde es hier nicht passen, wenn wir nicht wollen, dass alle Gäste zugleich einschlummern”, sagte der Bardenschüler mit einem freundlichen Grinsen, das an seinen Vater erinnern würde, wenn man den Isenhager Magier kennen würde.

Der Junge nickte eifrig. "Ich denke auch, dass der Herr Boron nichts gegen schöne Lieder haben dürfte... Sonst würde ich ja nicht manchmal im Traum Musik hören, oder?" Mit großen, dunkelbraunen Augen schaute er zu dem jungen Mann auf. "Werdet Ihr gleich noch mehr spielen?"

“Da bin ich mir sicher”, antwortete Daithi freundlich und lugte zu seinem Meister, ob er das nächste Lied aufspielte, in dem er mit einsteigen konnte.

Boronmin lächelte schüchtern, richtete seinen Oberkörper auf und reckte aufmerksam den Hals in Richtung der Bühne. Er wollte auf keinen Fall etwas von der Vorstellung verpassen.

Dyderich war derweil in seinem Element. Er stimmte seine Laute an und ging hin zu Boronmin, dessen Begeisterung für gutes weidener Liedwerk er sehen konnte. Mit einem Mal lagen deshalb alle Augenpaare der anwesenden Menschen auf dem jungen Knaben. “Wir haben heute die Ehre hier vor einigen Rittern zu spielen …”, hob er laut an, damit seine Stimme im Gastraum vernommen werden konnte, “... und auch vor einem zukünftigen Ritter, wie es mir scheint.” Charmant lächelnd drehte sich der Barde einmal um die eigene Achse und wies dann auf den Henjasburger.

Einige Herzschläge danach zwinkerte Dyderich seinem Begleiter zu und begann zu spielen. Der Meister und sein Schüler verstanden sich und so fiel es dem jüngeren auch nicht schwer in die Klänge einzustimmen. “Was macht es denn eigentlich aus ein Ritter zu sein?”, fragte der Sänger gekonnt, während die Saiten seines Instruments bereits schwangen und die Melodie des folgenden Liedes sich formte:


“Ritter sein, wenn der Herold lädt
zur großen Herzogen-Turney.
In rauhen Mengen fließt der Met
und lieblich klingen die Schalmei'n.
Ritter sein, wenn die grünen Schleier
von Trallops Mauern grüßend weh'n:
Das ist des Daseins schönste Feier!
Oh, lass sie nie zu Ende geh'n.”
 
“Ritter sein, wenn die Humpen kreisen,
in lieberschloss'nem Freundesbund
von alter Treue bei den Weisen
der Väter jauchzt der junge Mund.
Ritter sein, wenn die Herzen freier
auf der Begeist'rung Höhe stehen:
Das ist des Daseins schönste Feier!
Oh, laß sie nie zu Ende geh'n.”
 
“Ritter sein, wenn zwei Augen locken,
ein süßer Mund verschwiegen küßt,
dass jählings alle Pulse stocken,
als ob im Rausch man sterben müsst'.
Ritter sein, in der Liebe Morgen,
wenn jeder Wunsch ein frommes Flehn:
Das ist das Leben ohne Sorgen!
Oh, lass es nie vorübergehn!”
 
“Ritter sein, wenn die Hiebe fallen
im scharfen Gang, der selbst gewählt,
im blut'gen Aneinanderprallen
der Mut sich für das Leben stählt.
Ritter sein, wenn dein einzig Sorgen,
ob fest und tapfer du wirst stehn:
An deines Lebens Wagemorgen,
oh, lass die Zeiten nie vergehn!”
 
“Ritter sein, wenn im Abendschatten
dein Weg sich sacht schon niederneigt,
von West die Schar der Wolkenschatten
schon vor das Blau des Tages steigt.
Ritter sein, wenn der Sang verklungen,
der deinem Lenz einst Flügel lieh
und jung du trotzdem mit den Jungen,
dann war es recht, dann stirbst du nie.”
(Irdische Vorlage: "Student sein wenn die Veilchen blühen"
von Josef Buchhorn)


Als die letzten Klänge der Lauten beider Männer verklangen, verneigten sich Dyderich und Daithi vor ihrem Publikum.

“Lasst mich uns Euch vorstellen”, wandte der Barde sich nun Hardomar zu, dessen Antipathie er fühlen konnte. “Dyderich vom Sümpfle … Dichter … Barde … Künstler …”, er verneigte sich kurz vor dem Hadinger, “... aus dem schönen Weidner Land. Und mein nicht minder begabter Schüler …”, der Musiker wies ausladend auf den jungen Mann neben ihm, “... Daithi Adlerkralle von Rechklamm. Ein Landsmann von Euch aus dem schönen Eisenstein´schen.”

Nun löste sich der Blick des galanten Mannes und er sah zu Silvagild. “Silvi, möchtest du uns deinen Freund nicht vorstellen?”

“Hardomar, Ritter von Hadingen”, antwortet die Angesprochene knapp.

“Ich freue mich sehr”, antwortete Daithi geflissentlich und verneigte sich höflich. Der Bardenschüler musterte den jungen Ritter aufmerksam.

Der junge Page blickte mit geröteten Wangen zwischen den beiden fremden Männern hin und her. Nicht nur, dass sie so wundervoll musiziert und gesungen hatten - das zweite Lied mit den Rittern hatte ihm noch viel besser gefallen als das erste - jetzt waren die Künstler ausgerechnet an ihren Tisch gekommen! Offenbar kannte die Junkerin den Barden! Ein begeistertes Lächeln stahl sich auf Boronmins Gesicht und er platzte heraus: "Das Lied war herrlich!" Schüchtern senkte er schnell wieder den Blick; er hätte die Barden nicht ungefragt ansprechen dürfen, doch sein Herz schäumte vor Freude ob des gerade Erlebten immer noch über.

Hardomar musterte seine beiden Gefährten; auf der einen Seite sein begeisterter Page, der die meiste Zeit seines Lebens in einem düsteren Turm verbracht hatte und heute dementsprechend euphorisch schien - und auf der anderen Seite Silvagild, die einen überaus angespannten Eindruck machte. Der Hadinger Ritter versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Ihre Worte ‘das wird jetzt übel’ spukten in seinem Kopf herum; es war für ihn offensichtlich, wie unangenehm ihr diese Situation war. Ihm war bewusst, dass sie zahlreiche Liebhaber hatte und sie hatte schon angedeutet, dass es ein Problem für sie war, wenn diese ihr zu sehr auf die Pelle rückten. Ob dieser ‘Künstler’ sie danach nicht mehr in Ruhe gelassen hatte? Oder war es ihr einfach nur peinlich, sich mit so einem überkandidelten Gecken eingelassen zu haben? Vielleicht wäre es besser, den Fremden ein wenig auf Distanz zu halten, doch wurde von ihm nun eine Reaktion erwartet. Entsprechend der Etikette richtete er mit einer angedeuteten grüßenden Verneigung sein Wort an Dyderich: “Habt Dank für Eure Künste! Wie Ihr sehen könnt, hat meinem Pagen Eure Musik ausgezeichnet gefallen. Sicher habt Ihr das Spiel mit der Laute von den Besten der Besten erlernt?”

"Euer Page hat Geschmack", bemerkte Dyderich lächelnd und nickte dem Jungen zu. "Silvagild gefiel es auch, als ich für sie spielte. Sie wirkt ein bisschen grob, aber in ihr schlägt ein musisches, von Rahja berührtes Herz." Das Augenrollen der jungen Ritterin bei diesen Worten schien der Weidener zu ignorieren.

Der Barde schob einen Stuhl heran und setzte sich ungefragt an den Tisch, wiewohl er dabei dennoch einen Abstand zu den anderen wahrte, der nicht als aufdringlich oder unangenehm wirkte. Seine Laute hing er sich an einem Gurt über die Schulter an den Rücken. "Ausgebildet wurde ich …", er sah hoch zu Daithi, "... wir … an der Schule des Aldifreid zu Trallop. Einst war er der König der Barden, heute bilden seine geistigen Nachfolger die wohl besten Barden des Kontinents aus. In meiner Heimat ist diese Kunstform hoch geachtet. Die Nordmärker sind ein etwas schwierigeres Publikum, aber ich hoffe sehr, dass mein Schüler die Herzen Eurer Landsleute für dieses rahjagefällige Tun öffnen kann. Das Talent hat er ja dazu."

Als sein Meister sich setzte blieb Daithi unentschlossen stehen. Konnte er sich nun auch einfach dazu setzen? Die Plauderei über die Tralloper Bardenschule gefiel ihm. Er wollte sich gerne dazu setzen und an der Unterhaltung Anteil haben. Doch war das wirklich höflich? Vorsichtig fragte er: “Darf ich mich ebenfalls dazu gesellen, Frau Silvagild, Herr Hardomar?”

"Ja, bitte", wies die Junkerin resignierend auf den Tisch. "Warum nicht? Dein Meister hat ja gar nicht erst gefragt."

Auf Dyderichs Bemerkung, Silvagild wäre etwas grob, warf der Hadinger dem Barden einen unterschwellig warnenden Blick zu. Natürlich war da was Wahres dran, doch Hardomar wollte Silvagild vor allem signalisieren, dass er, wenn nötig, unterstützend an ihrer Seite war. “Herr Dyderich, die Nordmärker Art mag Euch im ersten Moment vielleicht grob und schroff erscheinen, doch verbergen sich dahinter oftmals Herzlichkeit und Wärme. Sicher werdet Ihr und Euer Schüler mit Eurer wunderbaren Kunst auch in Zukunft die Herzen der ‘schwierigen’ Nordmärker Zuhörerschaft erwärmen und begeistern können”, versuchte er das Gespräch von Silvagild auf allgemeinere Themen abzulenken. “Sagt, wart Ihr schon einmal am Hofe in Herzogenfurt zu Gast? Man hört, unsere junge Baronin sei den schönen Künsten durchaus zugetan.”

In diesem Moment kam die Schankmagd zum Tisch und brachte drei Portionen Sauerbraten in unterschiedlichen Größen. Noch bevor sie die Gerichte abstellen konnte, bedeutete ihr Hardomar, dass er mit seinem Pagen die Teller tauschen würde. Er nahm die größte Portion in Empfang und warf Silvagild einen kurzen, fragenden Blick zu, ob sie diese vielleicht haben wollte.

"Na na, hoher Herr", Dyderich hob beschwichtigend seine Hand. "Da habt Ihr mich falsch verstanden. Ich schätze die Nordmärker sehr für ihr Wesen. Was ich meinte ist, dass sie alles in allem ein etwas kritischeres Publikum sein mögen als es meine Landsleute sind. Wo ein Weidener Fräulein bereits an unsereins Lippen hängt, ist ein Nordmärker Fräulein noch etwas skeptischer. Aber wer wären wir denn, wenn wir die Herausforderung nicht annehmen und schätzen würden." Der Barde lächelte breit und sah kurz zu seinem Schüler, der nun auch mit am Tisch saß. "Vor der Baronin durften wir beim Klangfeuer auf Schloss Ulmen schon spielen, an ihren Hof wurden wir jedoch noch nicht geladen."

Nur wenige Herzschläge nachdem das gesagt war, wandte er sich Silvagild zu. "Es überrascht mich sehr dich hier zu treffen Silvi. Gehst du auf Reisen?"

"Ja … Pilgerreise", antwortete die Junkerin knapp.

"So ..? Wohin geht's denn?"

"Weiden, Donnerbach … du weißt schon", antwortete die Junkerin überraschend bereitwillig, aber latent genervt von den Fragen des Barden.

"Ha … so wie wir …", strahlte Dyderich nun, "... also nach Weiden … nicht pilgern." Er sah zu Hardomar und Boronmin, dann wieder zu Silvagild. "Zwei junge Nordmärker Ritter, im Vernehmen von Rondras Ruf, auf dem Weg zur Wiege der Ritterschaft … das ist Stoff für eine Ballade!"

“Donnerbach?!”, wiederholte Daithi aufgeschreckt. Verschiedene Erinnerungen und Emotionen stiegen in ihm auf. Er hatte dort drei Jahre seines Lebens verbracht - am Seminar der elfischen Verständigung und natürlichen Heilung. Sein Vater hatte gewünscht, dass sein Sohn wie er einmal Magier sein sollte. Doch das passte nicht zu seinen wahren Talenten. Es zog ihn hin zur Musik. Darum war er froh, als er dann mit elf Jahren auf die andere Seite des Neunaugensees ziehen durfte, nach Trallop an die Bardenschule Aldifreids.

“Ja, Donnerbach …”, bestätigte Silvagild auf den Ausspruch des Bardenschülers hin, “... zu den Donnerfällen und dem Skrugbrandur.” Die Junkerin war stolz darauf sich den Namen des Tempels gemerkt zu haben - in Weiden und Donnerbach hatten die nämlich oftmals so seltsame Bezeichnungen. “Du kennst die Stadt?”

Daithi nickte. “Ich habe dort als Kind gelebt. Drei Götterläufe. Als ich acht war haben mich meine Eltern dorthin gegeben.”
Anerkennend nickte Hardomar, als die Junkerin die Sehenswürdigkeiten Donnerbachs so gekonnt aus dem Ärmel schüttelte. “Silvagild hat sich hervorragend auf unsere Pilgerreise vorbereitet und alles detailliert durchgeplant”, erklärte Hardomar dem Bardenschüler freundlich und stupste die Ritterin ein wenig an: “Naja, bis ich mit meinem Turnier ihre Pläne durchkreuzt habe; aber wir haben die Reise ganz gut umplanen können. Ich hab nämlich vor, beim Angbarer Turnier anzutreten”, verkündete er sichtlich stolz.

“Ein Turnier …”, warf Dyderich begeistert ein, “... das wird ja immer besser. Daithi …”, wandte er sich seinem Schüler zu, “... das schreit doch förmlich nach unserer Begleitung. Diese Ballade schreibt sich von ganz alleine! Und die beiden hohen Herrschaften haben ortskundige Begleiter … in Weiden … und in Donnerbach. Das ist doch großartig!”

“Ähhh …”, kam es darauf eher zögerlich über Silvagilds Lippen, “... begleiten?”

“Ja natürlich, Silvi. Schließlich sind wir doch auch auf dem Weg zurück nach Weiden. Baliho, genauer gesagt. Du wirst es uns doch nicht verwehren.” Der Barde sah zum kleinen Boronmin. “Und während wir durch die Lande ziehen, kann der junge Herr etwas mit meiner Übungslaute üben … so er das möchte. Mir scheint nämlich, dass wir hier einen Liebhaber der Bardenkunst gefunden haben.”

Boronmin horchte interessiert auf, sagte jedoch nichts, da er registrierte, dass seine beiden erwachsenen Begleiter nicht gerade begeistert ausschauten. Er biss sich auf die Unterlippe und wartete ab, was sein Schwertvater und die Ulmentorerin erwidern würden.

“Oh, ja, ein Turnier”, begeisterte sich Daithi. “Schade, dass wir das Herzogenturnier in Elenvina verpasst haben. Da soll ein Weidener gewonnen haben… Haben wir da eine passende Hymne zu, Meister Dyderich?”

“Eine Ode auf die Weidener ..?”, fragte der Barde augenzwinkernd. “Natürlich … hört gut zu.” Dann begann er, immer noch auf seinem Stuhl sitzend aufzuspielen. Zum Lautenklang ließ er rhythmisch eine seiner Fersen auf den Holzboden schnellen:

“Im Kettenhemd ein jeder uns kennt,
wir sind die stolzen Weid'ner.
Hört unseren Ruf,
hört unseren Schwur:
den Zwölfen zur Ehre streiten wir.
 
Stolze Weid'ner voran,
stolze Weid'ner voran!
Lasst die Banner wehen,
der Herrin zur Ehre streiten wir.

Uns leuchtet ein Licht,
Frauwen Walpurga spricht:
"Wir schreiten der Praiosscheib' entgegen."
Doch groß war die Not,
nach des Bären Tod!
Die Trauer erfasste jedes Herz.

Stolze Weid'ner voran,
stolze Weid'ner voran!
Lasst die Banner wehen,
der Herrin zur Ehre streiten wir.

Wir reiten mit,
wir kämpfen mit,
wir führen das Banner zum Sieg!
Unser Ruf, der erschallt
und niemals verhallt,
er zieht mit uns hinaus in die Welt.

Stolze Weid'ner voran,
stolze Weid'ner voran!
Lasst die Banner wehen,
der Herrin zur Ehre streiten wir.”
(von Lars Blumenstein, Guido Kluge, Jan Liedtke und Oliver Schiepan, leicht abgewandelt)
 
Mit einem breiten Lächeln, beendete er die Vorführung dann. “Den Rest singe ich euch vielleicht vor, wenn wir Weidener Boden betreten haben …”, abermals folgte ein Lachen Dyderichs.
 
“Ja! Das war trefflich”, freute sich der Bardenschüler, der nach der zweiten Strophe in den Refrain eingestiegen war. “Da kann ich mir gut vorstellen, dass es Freude macht, eine Ballade über das Angarer Turnier und die Pilgerfahrt der beiden Rittersleute zu dichten.” Dann ergänzte er noch mit Blick auf Boronmin: “… und ihres tapferen Pagen natürlich.”
 
Silvagild atmete tief durch. Immerhin hielt Dyderich hier am Tisch dicht und die gemeinsame Reise mit den beiden Barden, machte es bestimmt auch etwas kurzweiliger, vor allem wenn sie dann in die lichter besiedelten Gebiete vorstießen. “Nun denn, von mir aus … aber eine Bitte hätte ich …”, die Junkerin hob ihre Augenbrauen und musterte den Weidener.
“Für dich alles, Liebes”, gab dieser zur Antwort.
 
“Zwei Bitten …”, ergänzte die Ulmentorerin nach einem leichten Seufzen, “... erstens, nenn mich nie wieder ´Liebes´ … und zweitens, keine Ballade … bitte.” Silvagilds Blick ging weiter zum Hadinger. “Auch muss mein Begleiter zustimmen. Was sagst du?”
 
Als Silvagild ihn nach seiner Meinung fragte, warf Hardomar ihr einen prüfenden Blick zu, als wollte er sie wortlos fragen, ob es wirklich für sie in Ordnung war oder sie sich nur aus Höflichkeit breitschlagen ließ.
 
Dann setzte er sich aufrecht hin und sah den Barden mit ernster Miene an: “Ich schließe mich der Meinung meiner Freundin an. Und auch für mich gelten zwei Regeln, wenn ihr uns bis nach Baliho begleiten wollt. Erstens: Respektiert, dass dies eine Reise ganz im Sinne der Herrin Rondra ist. Wir werden sehr früh aufstehen und widmen unseren Geist der Sturmherrin, unter anderem in Gebeten und Schwertübungen. Und zweitens…”, er kniff seine Augen zusammen und musterte Dyderich: “...nennt auch mich nicht Liebster, bitte.” Er blickte kurz zu dessen Schüler. “Diese Regeln gelten natürlich auch für Euch!”
Daithi überlegte kurz leicht irritiert, ob und wann er zuletzt den Ritter `Liebster´ genannt haben mochte.
 
Doch Dyderich ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Es steht mir fern Euch so zu nennen und selbstverständlich werden wir die Natur Eurer Reise als Pilgerreise und Rondradienst respektieren. Ihr werdet oftmals gar nicht merken, dass wir hier sind."
 
“Wunderbar … und als Dank für deine Anwesenheit, lieber Dyderich …”, Silvagilds Augen blitzten und vor allem Hardomar wusste, dass dies wohl jetzt nichts Gutes für den Barden bedeuten würde, “... können wir auf unserem Weg ja den Baron von Kressenburg besuchen, dann den Botschafter der Herzogin von Weiden in Greifenfurt, die Baronin von Weidenhag und die Landvögte von Reichsend und Dornstein … und … habe ich jemanden vergessen? Mmmh … deine hochgeweihte Frau Mutter? Die freut sich bestimmt dich zu sehen und jetzt, da dein Bruder endlich unter der Haube ist, hat sie bestimmt wieder Zeit und Elan sich dem anderen Sohn zuzuwenden.”
 
Der Angesprochene lachte. “Das lassen wir mal lieber, Lieb … äh Silvi. Am Ende kämen wir dann noch in die Verlegenheit, ihnen deine Hautbilder erklären zu müssen”, antwortete der Barde schlagfertig, aber in gedämpftem Ton. “Oder noch schlimmer … am Ende sähe Mutter dich noch als passende Partie für mich.” Er lachte.
 
“Nur in deinen Träumen!”, begehrte Silvagild auf und schien sich dann erst wieder der anderen am Tisch gewahr zu werden. “Entschuldigt”, warf sie kleinlaut nach.
 
Daithi schmunzelte. Meister Dyderich kam mit seinem Charme in der Damenwelt immer gut an. Er spielte mit ihnen und wusste stets die rechten Töne anklingen zu lassen. Na, das wird bestimmt eine lustige Reise, dachte er.
 
Hardomar hörte dem Gespräch Silvagilds und Dyderichs aufmerksam zu und vergaß für einen Moment weiterzuessen. Es wunderte ihn eigentlich nicht, dass die Ulmentorerin mit dem geckenhaften Bänkelsänger das Lager geteilt hatte - Hardomar hatte sich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass eine gewisse Exzessivität und Wildheit einfach in der Natur der jungen Frau lag - auch wenn sie bei Dyderich tatsächlich besonders schlechten Geschmack bewiesen hatte. Aus der Unterhaltung konnte er sich zusammenreimen, dass Dyderich offenbar kein Gemeiner war, sondern ebenfalls aus höheren Adelskreisen stammte... wobei dessen unkultiviertes Verhalten dazu nicht recht passen wollte. Hardomar runzelte griesgrämig die Stirn, während er einen Schluck aus seinem Becher nahm. Warum prahlte dieser Maulheld in aller Öffentlichkeit und noch dazu vor einem Kind damit, Silvis Hautbilder zu kennen? Ein wahrer Kavalier sollte und würde über so etwas schweigen. Hardomar vermutete, dass es ein tumber Versuch sein sollte, ihn irgendwie zu provozieren oder eifersüchtig zu machen und zwang sich, Dyderich betont entspannt und höflich anzulächeln. “Ähhh, Eure Frau Mutter? Eine Hochgeweihte?” ging ein fragender Blick zu dem Barden. "Auch wenn unsere Reise - wie gesagt - im Zeichen der Leuin steht, möchte ich selbstverständlich nicht derjenige sein, der Euch grausamerweise den sicherlich langersehnten Besuch im heimischen Elternhause verwehrt", raspelte er Süßholz. "Dies lässt sich ganz bestimmt mit unserer Route verbinden... Falls dieses 'Sümpfle' nicht allzu abgelegen ist."
 
Silvagild lachte. "Dieses Sümpfle-Ding ist nur sein Künstlername …", erklärte sie und wandte sich dann dem Barden zu, "... gibt es in deiner Heimat überhaupt einen Sumpf?"
 
"Nicht nur einen", führte der Barde aus. "Den Makkeblink … das Nebelmoor. Aber lassen wir das, vielleicht ergibt sich tatsächlich die Möglichkeit meine Mutter zu besuchen …", strahlte der junge Mann seine Begleiter an, "... ich bin mir sicher, dass sie sich darüber freut eine junge, unverheiratete Dame über die Wichtigkeit aufzuklären, sie der Herrin Travia zuzuführen." Dyderich hob seine Schultern. "Ich habe dich gewarnt, bin mir aber sicher, dass der hohe Herr Hardomar derlei Gespräche nicht zu fürchten hätte, nicht wahr?"
 
Auf Dyderichs Frage schnürte sich Hardomars Kehle zusammen; er wurde ein wenig blasser und schluckte sichtlich. Auf gar keinen Fall wollte er über seinen Traviabund im Beisein dieses dreisten Bänkelbarden diskutieren. Um Fassung bemüht, zwang er sich zu einem breiten Lächeln: “Wenn Ihre Hochwürden bereits auf den eigenen Sohn einen derart nachdrücklichen und überzeugenden Einfluss hat, brauchst du dir wohl keine Sorgen machen, Silvi, gegen deinen Willen vorzeitig der Ehe zugeführt zu werden.”
 
“Lass den Unsinn”, rief Silvagild den Barden zur Räson, nachdem sie auch dem Hadinger einen bösen Blick zuwarf, und wandte sich dann gänzlich Letzterem zu. “Kennst du den Pagen Travinian? Er ist ja gemeinsam mit deiner Schwester auf Gut Schweinsfold … nun, Dyderich, oder Thordenan, wie ihn seine Eltern genannt hatten, ist sein Onkel zweiten Grades.” Der Blick der Ritterin streifte den Weidener, ob sie das Verwandtschaftsverhältnis richtig zitiert hatte und dieser nickte ihr knapp zu.
 
“Ja, ich glaube, ich hab den kleinen Travinian mal getroffen”, nickte Hardomar und fixierte Dyderich mit einem durchdringenden Blick über seinen Weinkelch hinweg. “Übrigens, es ist Euer Wohlgeboren. Ich bin Gutsherr von Hadingen. Wie war noch gleich Euer werter Name, wenn es nicht ‘Thordenan vom Sümpfle’ ist?”
 
"Thordenan Isegrein von Gugelforst", meinte der Barde immer noch freundlich, auch wenn ihm die Antipathie des Hadingers nicht entgangen war. "Für Euch aber gerne … Meister Dyderich."
 
Silvagild rollte mit ihren Augen. "Ich denke, dass uns … Meister Dyderich und sein Schüler … am heutigen Abend bestimmt noch mit der einen oder anderen Darbietung erfreuen wollen. Deshalb wollen … wir …", die Ritterin schloss dabei auch Hardomar mit ein, "... euch beide nicht länger davon abhalten wollen. Wir brechen morgen nach dem Morgenmahl auf."
Der Künstler nickte. "Da hast du recht Silvi, Daithi, wir werden nicht fürs Nichtstun bezahlt. Also lass uns weitermachen. Wir sehen uns dann morgen … Silvi …", er erhob sich und machte einen theatralisch tiefen Knicks vor Hardomar, "... Euer Wohlgeboren."
 
Tatsächlich war Daithi nun ganz froh auf die Aussicht nun wieder aufspielen zu dürfen, war die Stimmung bei Tisch doch gerade etwas angespannt. Darum erhob er sich fast zeitgleich mit seinem Meister und verneigte sich höflich und ehrlich freundlich vor der Ritterin und dem Ritter. “Frau Silvagild, Wohlgeboren Hardomar, es ist mir eine Ehre.”
 
Diesmal war es Hardomar, der mit seinen Augen rollte, gefolgt von einem amüsierten Lachen. "Herr Daithi!” rief er ihm kurzerhand zu. ”Nennt mich einfach nur Hardomar." Dabei zwinkerte er dem jungen Bardenschüler mit einem Lächeln zu.
Etwas irritiert darüber, dass er zuvor die korrekte Anrede eingefordert hatte bei seinem Meister, und dies nun aber nicht mehr wollte, nickte der Isenhager, verkniff sich aber eine Nachfrage oder ein Kommentar. Dann schaute er, was Meister Dyderich machte und welches Lied er darbieten wollte.
 
Als die beiden Künstler den Tisch verließen, maß die Junkerin den Ritter mit einem unbegeisterten Blick. “Na das lief ja traumhaft. Vielleicht solltest du die Familie eines Weideners nicht unbedingt so … nun ja, das über seine Mutter war nicht nötig. Die Duellhandschuhe sitzen dort oben locker, das mag vielleicht bei Dyderich kein Problem sein, als Barde ist er nicht wirklich satisfaktionsfähig, aber sonst … Und vor allem, da seine Mutter eine Hochgeweihte der gütigen Mutter ist.”
 
“Ja, wahrscheinlich hast du recht. Entschuldige, ich wollte dir nicht den Abend verderben. Und ich verspreche, dass ich mich in keine Duelle verstricken lasse”, sagte Hardomar aufrichtig, musste aber wieder leicht schmunzeln. “Auch wenn es lustig wär’ zu wissen, ob der Herr Dyderich das Schwert richtig herum halten kann.”
 
Der Blick der Junkerin war immer noch etwas angesäuert. Es war klar, dass ihr das Verhalten Hardomars nicht wirklich zusagte.
 
Der Ritter nahm einen kleinen Schluck von seinem Wein und sah Silvagild für ein paar längere Momente nachdenklich an. “Man könnte sich aber schon fragen, ob das Engagement unseres Meisterbarden auf Schloss Ulmen nicht mit gewissen Hintergedanken deiner Mutter verbunden war…” Hardomars Augen fixierten bedeutungsvoll die ihren. Er rückte etwas näher an Silvagild heran und sprach nun recht leise: “Ist doch komisch, dass gleich zum Beginn unserer Reise ausgerechnet dieser eine Weidener Barde hier aufspielt, findest du nicht?” Er zuckte kurz mit den Schultern und winkte leichthin ab. “Nur so eine Idee… Vermutlich seh’ ich bloß Gespenster.”
 
“Das tust du”, bestätigte Silvagild. “Meine Mutter mochte ihn nicht, weil er mir … nun ja … nachgestellt hat. Du solltest am besten wissen was das bedeutet, wenn sich ein Mann mit mir umgibt, den meine Mutter als nicht passend empfindet. Ein reisender Barde … Künstler … ist dabei in ihren Augen wohl noch ungeeigneter als ein verheirateter Ritter und Vater.” Die Junkerin schmunzelte. “Deshalb seid ihr beiden euch wahrscheinlich ähnlicher als du denkst. Auch was das Leiden unter der Erwartungshaltung angeht, die familiär in einen gesetzt wird.”
 
“Na, wenn du meinst.” Er hob die Schultern und schenkte ihr ein flüchtiges, bitteres Lächeln. Insgeheim konnte er sich durchaus vorstellen, dass der gute Name des Burschen bei Miriltrud ziehen könnte - wenn diese erst einmal einen gewissen Verzweiflungsgrad erreicht hatte. Vielleicht kannte sie ihre Tochter gut genug um zu wissen, dass so ein Künstler besser zu Silvagild passen würde als ein traviafanatischer Weidener Ritter? ‘Und wie könnte ihre Mutter Silvi leichter verkuppeln als zu behaupten, sie könne den nicht leiden… Aber vermutlich hat sie recht und es ist nur ein Hirngespinst...’, überlegte er mit gerunzelter Stirn; dann starrte er mit brütender Miene für einige Zeit schweigend ins Leere. Wenn Silvagild nur wüsste, wie schlimm es mit der Erwartungshaltung seiner eigenen Familie im Moment tatsächlich bestellt war… Dass diese Reise für ihn mehr eine verzweifelte Flucht war als alles andere…
 
“Es tut mir leid, dass ich mich von ihm hab provozieren lassen.” Hardomar stieß ein müdes Seufzen aus und schaute der Junkerin direkt in die Augen. “Ich lege - wie gesagt - Wert darauf, dass das hier eine rondrianische Pilgerreise bleibt. Aber wenn es wirklich dein Wunsch ist, den Barden mitzuschleppen, dann werde ich mich mit ihm vertragen. Zumindest werd’ ich mir ernsthaft Mühe geben.”
 
Auf diese Worte hin nickte die Junkerin ihm dankbar zu. Sie wollte hier keinen Unfrieden.
 
Der lange Tag, das viele gute Essen und die aufregende Musikdarbietung hatten dazu geführt, dass Boronmins Augenlider immer schwerer und schwerer wurden. Wenn sein Kopf zur Brust hinunter zu sacken drohte, richtete er sich jedes Mal tapfer wieder auf und versuchte, aufmerksam der Unterhaltung der Erwachsenen zu folgen - doch die vielen fremd klingenden Namen und Orte sagten ihm nichts, so dass seine Gedanken abglitten und der Gebieter der Nacht ihn erneut in einen sanften Schlummer lockte. Schließlich bettete der Junge den Kopf zwischen seinen Armen auf der Tischplatte und schloss für einen winzigen Moment die Augen. Nur ganz kurz, so lange, bis die Barden das nächste Lied anstimmen würden…
 
Der Anblick des friedlich schlafenden Jungen löste in Hardomar etwas Beruhigendes aus. “Schau mal”, sagte er mit sanfter Stimme zu Silvagild. “Ich glaube, wir sollten unseren kleinen Ritter ins Bett bringen und uns dann selbst schlafen legen. Morgen geht es wieder früh raus.”
 
“Du hast recht”, meinte Silvagild. Es war wirklich langsam an der Zeit gewesen ihr Zimmer aufzusuchen. Vielleicht würde sie dieses auch versperren - sicher war sicher, bei diesen beiden Stelzböcken. Der Gedanke daran ließ sie lächeln.