Ein neuer Lehnsherr für die Borondiener in Etiliengrund
Boronkloster Etiiengrund, Baronie Schneehag, Anfang Rondra 1047 BF
Die Mienen der Borondiener des Klosters Etiliengrund wirkten besonders verschlossen, als sie an diesem Abend vom gemeinsamen Abendmahl im Refektorium aufstanden. Der Abt hatte seinen Mitbrüdern und Mitschwestern, sowie den Akoluthen und Akoluthinnen des Wehrklosters am Krähensattel während der schweigend eingenommenen Mahlzeit verkündet, dass es dem Grafen gefallen habe, die Führung Schneehags einem Landvogt zu geben. Ewalt von Weißenstein sollte künftig, sicherlich unter genauer Kontrolle des Grafen, dessen Vertrauen der Weißensteiner bekanntlich hatte, die Geschicke der Baronie in der Heldentrutz lenken. Alle im Saal wussten, dass Firian Böcklin von Buchsbart von einem ohne Erlaubnis des Grafen ausgeführten Angriff auf die Schwarzpelze nicht zurückgekehrt und letztlich für tot erklärt worden war. Man hatte ihm direkt nach dieser Nachricht einen Borongötterdienst gewidmet und dafür gebetet, dass Golgari, der Seelenvogel, die Seele des Gönners des Klosters am Krähensattel wohlbehalten über das Nirgendmeer tragen möge, auf dass sie in jenem der zwölfgöttlichen Paradiese Einlass erhielt, nach der sie sich am meisten sehnte.
Nun, da der Graf entschieden hatte, den Kindern Firian Böcklins das Erbe des Baronsthrons zu verwehren, eine ungewöhnlich harte Strafe für einen Ungehorsam, mussten die Diener des Ewigen abwarten, wie sich der Landvogt ihnen gegenüber zeigen würde. Mit Betrübnis hatte Abt Eslamo Etiliano de las Dardas vernommen, dass die Witwe des Böcklin, Adaque von Mersingen, mit ihrem Hofstaat und einigen ihrer Kinder, Weiden verlassen und im Kosch eine neue Heimat gefunden hatte. Der Almadaner hatte die Gemahlin des Böcklin äußerst geschätzt. Sie war eine Frau von edler Herkunft, die in ihrer Heimat Garetien eine vortreffliche Erziehung genossen hatte. Jedes Gespräch mit der Baronsgemahlin war dem Tempelhüter eine Freude gewesen. Ihm würde der Austausch mit der gebildeten Mersingerin fehlen.
Im Innenhof des Klosters wurden zunächst Bruder Nazir Nocturnus Heldor und dann Schwester Coris Etiliane Fesslin von Borgol, dem Sekretär des Abtes, aufgehalten.
“Ihre Hochwürden bittet euch beide zum persönlichen Gespräch in seine privaten Gemächer”, näselte der Akoluth.
Schweigend nickten die beiden Diener des Dunklen Vaters und folgten dem Mann zur Sakristei und dann in die privaten Räume des Abtes.
Eslamo Etiliano de las Dardas nickte beiden zu und wies auf die Stühle aus dunklem Holz, die der Almadaner aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Die Etilianerin und der Diener Bishdariels nahmen Platz. Der Tempelvorsteher stellte sie auf eine harte Geduldsprobe. Er wanderte mit gesenktem Kopf durch den Raum, trat mal hinter den großen Schreibtisch, mal an das Bord mit Erinnerungsgegenständen. Dann wieder lief er vor ihnen auf und ab ohne sie jedoch anzusprechen. Es schien, als suche er krampfhaft nach den richtigen Worten.
Endlich blieb er stehen. Sein Blick suchte zunächst die dunklen Augen der Dienerin Golgaris. Er brauchte nichts zu sagen, sie wusste auch ohne Worte, was er ihr sagen wollte. Sie, als Bastard eines Böcklins, traf das Urteil des Grafen und die Aberkennung des Baronsthrons für die Nachkommen Firian Böcklins, besonders hart. Schweigend senkte Coris den Kopf. Eine schwere Last ruhte auf ihrem Herzen. Der für tot erklärte Baron war ihr immer sehr zugeneigt gewesen, hatte ihr Eichenkönig, das Schlachtross seines im Kampf gefallenen Bruders, in Obhut gegeben. Seither diente ihr der Rappe bei ihren weiten Wegen zu Bestattungen in der Baronie und auch in anderen Baronien als Reittier. Sie schluckte schwer.
Eslamo Etiliano de las Dardas lief wieder etwas auf und ab. Dann blieb er erneut stehen.
“Keiner von uns weiß genau was die Entscheidung des Grafen für Etiliengrund zu bedeuten hat. Baron Firian Böcklin von Buchsbart war ein großer Gönner unseres Klosters. Er hat das Kloster und die Diener Borons immer hoch in Ehren gehalten und nach Kräften unterstützt. Euch beiden muss ich das nicht erklären. Sein Tod und der Abschied seiner Familie aus Schneehag sind ein großer Verlust für uns.”
Der Abt verstummte und drehte den beiden Geweihten den Rücken zu. Coris war sich nicht sicher, ob er nur nachdachte, was er als nächstes sagen sollte, oder ob er tatsächlich so angefasst war, dass er nicht mehr weitersprechen konnte. Es dauerte eine Weile, bis der Hüter des Raben sich wieder umdrehte. “Wir wollen nicht schwarz sehen," sagte er und normalerweise hätte Nazir über diesen Ausdruck aus dem Mund eines Borondieners gelächelt, doch angesichts der Situation war ihm nicht nach Scherzen zumute. Der Abt fuhr fort: “aber wir müssen davon ausgehen, dass es Veränderungen geben wird, nicht nur für die Baronie Schneehag, sondern auch für uns. Wie tiefgreifend diese sein werden, muss sich erst zeigen. Ich möchte jedoch nichts unversucht lassen, die Beziehungen zwischen dem Kloster und dem neuen Landvogt so optimal wie möglich zu gestalten. Aus diesem Grund werde ich euch beide an den Hof zu Firnhag entsenden, damit ihr Ewalt von Weißenstein den Segen Borons erteilt und ihm ein Geschenk überbringt. Bereitet euch vor, ihr werdet gleich morgen losreiten. Ritter Heiturod wird euch als Bedeckung begleiten, es sind unsichere Zeiten. Und das hier ist unser Geschenk.”
Eslamo Etiliano de las Dardas stellte eine kleine Holztruhe vor die beiden Geweihten auf das kleine Tischchen der Sitzgruppe. Auf dem Deckel prangte die Schnitzerei eines Raben im Flug. Der Abt öffnete die Truhe. Im Inneren stand ein Tintenfass mit der berühmten roten Tinte aus den Galläpfeln der Schlehenbüsche, die das Kloster und den Boronanger umfriedeten. Neben dem Tintenfass enthielt die Truhe eine blauschwarz schimmernde Rabenfeder als Schreibgerät.
Nazir nickte und auch Coris senkte zustimmend den Kopf. “Wie Ihr wünscht, Hochwürden”, erwiderte der Diener Bishdariels, der häufig vom Abt mit diplomatischen Missionen betraut wurde. Alle drei schwiegen wieder eine Weile, dann gab Eslamo Etiliano de las Dardas den beiden Geweihten das Zeichen, dass sie entlassen waren.