Ewigjunge Maid ...

Ort:
Weißensee, Junkergut Weißenstein

Dramatis Personae:

 

Weißensee, Nächtens 22.-23. Peraine 1044 BF

Nicht lange, als die anderen die Höhle verlassen hatten, bot Rondreich Hardomar ein paar Früchte, Brot und Wurst zum Abendmahl an. Es war das, was er noch schnell mitgenommen hatte, wusste er doch, dass Loreleï keine allzu gute Gastgeberin war. Aber was würde man auch von einem magischen Wesen erwarten können, dem menschliche Grundbedürfnisse fremd sind? Besagte Hausherrin war auch wieder in ihren kleinen Teich gestiegen und begann in mit einem betörenden Gesang. Um sie herum konnte der Hadinger bunte Fische sehen, die hier in der Gegend bestimmt nicht heimisch waren. Genauso wenig wie die großen, wunderschönen Seerosen.

“Du hast eine Frage, Onagya?”, fragte sie den Nordmärker direkt und unterbrach dabei ihre melodische, wunderschöne Gesangsdarbietung.

Der junge Ritter biss kräftig von der Wurststulle ab, die er sich belegt hatte. Auch wenn er keinen großen Appetit verspürte, so merkte er, wie leer sein Magen war und wie gut ihm eine Mahlzeit tat. Er dankte Rondreich mehrmals, dass dieser sein Mahl mit ihm teilte, genoss eine längere Zeit schweigend den berührenden Wohlklang der singenden Nymphe und sah sich während des Essens aufmerksam in der Höhle um, wobei er besonders interessiert die Seerosen und bunten Fische betrachtete. Ob diese bereits Teil der Feenwelt waren? “Ich hätte tatsächlich zwei, drei Fragen…”, gab er zu, als er den letzten Bissen seiner Mahlzeit heruntergeschluckt hatte. Noch immer geisterte ihm die Frage durch den Kopf, was Loreleï damit gemeint hatte, er würde nach Tod riechen. Doch wollte er nicht mit der Tür ins Haus fallen und es gab auch andere Dinge, die ihn interessierten. Er versuchte sich auf das verspielte und unbekümmerte Gemüt der schönen Nymphe einzustellen und es zunächst einmal bei einer leichten Konversation zu belassen. Neugierig lehnte er sich zu dem Seerosenbecken und richtete mit einem freundlichen Lächeln sein Wort direkt an Loreleï: “Wie muss ich mir denn deine Welt vorstellen? Bestimmt gibt es hier so viele schöne und wundervolle Sachen zu sehen… Hast du etwas, was dir besonders gut gefällt?”

“Wenn du willst, kann ich es dir zeigen”, meinte die Nymphe und klimperte mit ihren Wimpern, doch noch bevor der Ritter auf das Angebot einsteigen konnte, fühlte er Rondreichs Hand an seinem Unterarm. “Vergesst nicht warum Ihr hier seid, hoher Herr”, raunte der Ulmenauer ihm zu.

Hardomar schaute sich zu Rondreich um und winkte mit einem Schmunzeln ab. “Das würde ich niemals vergessen, keine Sorge. Mir liegt nichts mehr am Herzen, als Loreleï zu schützen und Silvagild zu retten.” Er wandte sich wieder zu der Nymphe. “Danke für das Angebot, Loreleï, aber vielleicht könntest du mir auch etwas von deiner Welt erzählen? Wie verbringst du so deine Zeit? Du singst viel, oder?”

“Ja, ich singe, schwimme mit meinen Freunden …”, es schien dem Ritter so als wies sie auf die bunten Fische um sich, “... und ich erfreue mich an der Schönheit der Welt”, wobei hierbei nicht klar war, welche Welt sie meinte. “Ich mag Euch Menschen sehr gerne … ihr seid so neugierig und viele von euch mögen schöne Dinge. Leider kommen mich sehr wenige besuchen.” Nun ließ die hübsche Nymphe ihre Mundwinkel etwas hängen, schien aber sogleich wieder einem anderen Gedanken nachzuhängen. “Weißt du, Onagya. Du erinnerst mich an einen Gast, den ich vor kurzem hier hatte …”, ihr Blick hing für einen Moment auf Rondreich, “... Hert hatte sie mir vorgestellt. Valdra … ja, sie war dir nicht unähnlich. Sie roch ähnlich wie du, Onagya. Und sie hat mich nach einem Stein gefragt.”

“Nach einem Stein?” fragte Hardomar nach und schob gleich die nächste Frage hinterher, bevor Loreleï ihm antworten konnte, “...und was meinst du damit, sie roch wie ich? Nach… Tod?” Er blickte mit leicht besorgter Miene an sich herab und deutete auf sein Kettenhemd und seinen Schwertgurt. “Ich verstehe nicht ganz… Vielleicht, weil sie bewaffnet war?” Fragend blickte der Ritter von der schönen Nymphe zu Rondreich und wieder zurück.

Sie nickte. "Du bist ein Krieger … dazu ausgebildet Leben zu beenden und der Odor des Vergänglichen begleitet dich …", nun lächelte sie, "... mein Hert riecht nach Pferd … und manchmal nach Zwiebel." Die alterslose Frau kicherte.

"Loreleï, Liebes …", versuchte Rondreich ihre Gedanken wieder aufs Wesentliche zu lenken, "... der hohe Herr hat dich nach dem Stein gefragt."

"Ich weiß …", die Nymphe rollte mit ihren Augen, "... der Stein war nicht da. War er schon einmal, aber Valdra kam nicht mehr. Es war mächtige Magie … Elfenmagie. Er gehörte zu einem Zepter. Einem Schlüssel, wie Alari damals meinte. Sie hat es wohl ihrer Mutter genommen."

“Alari…” murmelte Hardomar mit sichtlichem Staunen. Die Geschichte der beiden Liebenden hatte das Herz des jungen Ritters berührt und er konnte immer noch schwer glauben, dass die alte Legende anscheinend mit den aktuellen Ereignissen im Zusammenhang stand. Erst wurde Perdans Schwert gestohlen, nun ging es um ein Zepter der Alari… Nachdenklich strich sich Hardomar durch die Locken. “Der Stein gehörte zu einem magischen Schlüssel? Kannst du mir mehr darüber erzählen, Loreleï? Was kann man mit diesem Schlüssel denn öffnen?”

“Das weiß ich doch nicht”, antwortete die Nymphe, als wäre diese Tatsache jedem bekannt. “Alari hatte es bei sich. Den Stein hat sie mitgenommen, den Stab hier bei mir gelassen. Das eine war ohne das andere wohl ziemlich nutzlos. Ich weiß nicht was es öffnen konnte, aber es schien ihrer Mutter sehr wichtig zu sein.”

Hardomar nickte verstehend und grübelte einige Momente schweigend vor sich hin. War es möglich, dass es bei Alaris Verfolgung vordringlich um diesen Schlüssel gegangen war und gar nicht darum, die beiden Liebenden auseinander zu bringen? Oder zumindest nicht ausschließlich? Er wandte sich mit freundlicher Miene wieder zu Loreleï: “Ist der Stab noch hier bei dir? Oder hat den diese… Valdra mitgenommen?”

"Der ist noch da, ja", bestätigte die Nymphe nickend. "Aber er ist nichts wirklich Besonderes. Als Valdra nach jenem Ding fragte, das ich für Alari behüte, war ich sicher, dass es um den Stein ging. Er war sehr schön, musst du wissen." Nun hob Loreleï ihre Schultern.

Die Augen des jungen Ritters weiteten sich. “Du hast ihn noch?” Hardomar überlegte, ob der Stab hier bei der Nymphe oder an einem anderen Ort sicherer wäre. Zumindest lag es nahe, dass Henya und der Magier hier irgendwann auftauchen und nach eben jenem Stab verlangen könnten. “Der Stab darf unter keinen Umständen in die Hände der ‘schwarzen Henya’ geraten. Meint ihr denn, dass er hier sicher verwahrt ist?” Er schaute sowohl Rondreich als auch Loreleï fragend an.

"Ich denke nicht, dass es einen sichereren Ort gäbe", meinte Rondreich knapp. "Ihr habt ja gesehen, dass es unter normalen Umständen nicht möglich ist hier hinein zu kommen." Der junge Mann nahm sein Amulett in die Hand. "Und ich werde auch hier bleiben, stelle ich doch wohl die größte Gefahr für ihre Sicherheit dar."

Währenddessen schwamm Loreleï vergnügt durch ihren Teich. "Möchtest du ihn sehen, Onagya?"

Die Neugier des jungen Ritters war groß, doch erschrak er, wie leichtsinnig Loreleï bereit war, ihm den Stab zu zeigen. Was wäre, wenn er ein Feind wäre oder Rondreich genauso manipuliert wäre, wie Silvagilds Geist von dem Magier beherrscht wurde? “Du solltest wirklich vorsichtig sein, wem du den Stab zeigst… aber…” Der Hadinger Gutsherr schaute sich um, als wollte er wirklich ganz sicher gehen, dass niemand sie beobachtete. Dann ging sein neugieriger Blick wieder zur Nymphe. “...also mal kurz draufschauen wäre schon nett.”

“Wieso vorsichtig?”, Loreleï sah fragend zwischen Rondreich und dem Ritter hin und her, dann hob sie ihre Schultern. “Hert, bringst du bitte den Stab. Du weißt ja wo er liegt.” Der Bruder der Wirtin seufzte leise und machte sich dann auf den kurzen Weg, denn es dauerte nicht lange bis er mit einem sehr schön modellierten, weiß-goldenen Stab vor dem Hadinger stand. Fast schien es Hardomar, als wäre das kunstvolle Werk so gewachsen und nicht modelliert geworden.

Hardomar fiel fast vom Glauben ab, als Rondreich tatsächlich so schnell mit dem Stab wiederkam und ihm diesen zeigte. “Ja… die einfachen Verstecke sind manchmal die besten…”, sagte er mit einem halb ironischen, halb verzweifelten Lächeln. “Ich weiß, ihr fühlt euch hier sicher, aber Henyas Schergen könnten vielleicht doch einen Weg finden, her zu kommen. Vielleicht benutzen sie meine Freundin, die selbst Wächterin eines Feentors ist. Wer weiß, ob Silvagild nicht erahnen kann, wo sich der Eingang im Fels befindet oder…”, er musterte das Amulett in Rondreichs Hand, “...gibt es noch mehr Leute, die solche Amulette besitzen?” Hardomar seufzte. “Ich weiß nicht, wie sie hier eindringen können, aber ich bin mir fast sicher, dass die Banditen den Stab wollen…” Grübelnd ließ der Ritter seinen Blick über das Innere der Höhle schweifen und blieb bei Loreleïs Seerosenteich hängen. “Vielleicht kommen sie auch aus der Feenwelt in diese Höhle?” Vielsagend hob er eine Augenbraue.

“Soweit ich weiß, sind die anderen Tore für Menschen nicht wirklich zu erreichen …”, gab Rondreich zu bedenken, “... aber für einen Magier vielleicht schon.” Er hob seine Schultern, während Loreleï wieder das Interesse an der Unterhaltung verloren schien. “Aber sie müssten sich in der anderen Welt erst zurecht finden … wenn Ihr mich fragt, ich denke nicht, dass diese Gefahr besteht.” Dann nestelte der junge Mann abermals nach seinem Amulett. “Ich bin der einzige, der so einen Schlüssel trägt.”

“Das Amulett ist also…”, überlegte Hardomar mit einem schnellen Blick zu dem blauen Stein, “...der Schlüssel zu Loreleïs Welt? Dann ist es erst einmal beruhigend, wenn es davon nicht mehr gibt.” Für eine Weile betrachtete er nachdenklich das Innere der Höhle und die leuchtenden Blumen. Er erinnerte sich, dass Alwen gesagt hatte, die Feen würden Sterbliche oftmals ‘markieren’. “Meine Freundin Silvi trägt auffällige, bunte Hautbilder auf dem Rücken… So etwas wie verschlungene Efeuranken, die sich aber verändern und bewegen können”, erzählte er leise. “Wir haben nie darüber gesprochen, aber ich vermute, dass sie damit von den Feenwesen erwählt oder… markiert wurde. Könnten diese Bilder eventuell auch hier als Schlüssel funktionieren?” Er blickte von Rondreich wieder zu der schönen Nymphe. “Loreleï, würde eine Frau mit solch verzauberten Hautbildern hier vielleicht hereinkommen?”

Die Angesprochene verzog kurz ihre Lippen und schien zu überlegen. “Hier kommen nur diejenigen hin, die ich einlade”, versuchte Loreleï dann zu erklären. “Nur Hert darf kommen wann er mag.” Damit schienen die Fragen des Ritters für die Nymphe beantwortet zu sein. Auch der Bruder der Wirtin schien nicht so als könnte er Hardomars Anmerkungen kommentieren.

"Gut." Der Hadinger Ritter nickte der Nymphe verstehend zu. "Dann sollten wir uns vielleicht so langsam zur Nachtruhe begeben…", schlug er vor. Sein Blick wanderte herum, welcher Platz für ein Nachtlager geeignet wäre. Er war sich nicht sicher, ob er wirklich Schlaf finden würde, doch war der Tag lang und kräftezehrend gewesen. Sein Körper und Geist verlangten nach Ruhe und er wollte am kommenden Morgen bereit sein, um bei der Rettung Silvagilds sein Bestes leisten zu können. "Rondreich, was hältst du davon, wenn wir uns die Nachtwache aufteilen?"

Der Angesprochene nickte knapp und schien die Blicke des Ritters bemerkt zu haben. “Ihr könnt Euch dort nach hinten legen”, verwies Rondreich ihn auf eine, von Gräsern bewachsene Ecke. “Es ist dort sehr weich, ich liege gerne dort.” Nachdem er sich nach der Nymphe umgesehen hatte, die jedoch vergnügt durch ihren Teich schwamm, wandte sich der junge Mann abermals dem Hadinger zu: “Meint Ihr wirklich, dass die Gefahr so groß ist? Dass sie sich hier Zugang verschaffen können?”

Hardomar nickte. “Ja, ich fürchte, dass sie den Stab wollen. Wie sie sich Zugang verschaffen, kann ich nicht sagen… Aber dass dieser Magier mächtig ist, haben wir daran gesehen, wie er Silvagild kontrollieren konnte. Und das Schwert aus dem Turm geholt hat. Da ist er auch einfach so eingedrungen, mit elfischen Glyphen oder sowas.” Der Ritter schaute Rondreich sehr ernst und eindringlich an. “Es ist für mich eigentlich nicht die Frage, ob sie herkommen, sondern wann. Wenn wir Glück haben, spüren wir die Banditen morgen auf, bevor sie Loreleï was tun können.” Er begab sich zu der von Rondreich gewiesenen Ecke, ging in die Knie und fuhr prüfend mit der Hand über das weiche Gras. “Ich übernehme die zweite Wache. Die Gefahr mag gegen Ende der Nacht am größten sein. Würde mich jetzt also für ein paar Stundengläser hinlegen, dann weck’ mich bitte, Rondreich. Aber auch jederzeit, wenn ihr beide irgendwas Ungewöhnliches hört oder bemerkt, was euch seltsam erscheint.”

Ernst nickte Rondreich ihm zu. Es war undenkbar für ihn gewesen, dass hier jemand eintreten konnte, den Loreleï nicht eingeladen hatte. Undenkbar, dass ein Mensch die Macht hat sich gegen ihre Magie und ihren Schutz zu stellen. Aber er nahm die mahnenden Worte des Ritters sehr ernst.

Der junge Ritter machte es sich auf dem Schlafplatz gemütlich. Er war sich nicht sicher, ob er angesichts der Situation zur Ruhe kommen würde. Doch das weiche Gras erinnerte ihn an seine Heimat, an die Stunden, in denen er sich während eines Ausritts gemütlich auf einer Blumenwiese niederließ, einfach nur die Geräusche und den Duft der Natur in sich einsog, gelegentlich in seinem Notizheft zeichnete und versuchte zu entspannen. Das war etwas, was er schon seit langer Zeit nicht mehr gemacht hatte, war er doch inzwischen mit vielen Aufgaben der Lehensverwaltung und der Ausbildung Boronmins beschäftigt. Hardomar schloss die Augen und versuchte zu entspannen… loszulassen von all den belastenden Gedanken. Der lange Tag steckte in seinen Knochen und er fiel schneller, als er erwartet hatte, in einen tiefen Schlaf.

Wie abgemacht, wurde Hardomar zur Mitte der Nacht geweckt und hatte dann die zweite Schicht über. Es war ruhig gewesen. Anfangs sang die Nymphe leise vor sich hin, dann schien sie verschwunden zu sein. In ihrem Teich oder den Rosen, wie der Hadinger befand, denn ab und an konnte er ihr leises Summen vernehmen. Ein Sirenengesang, aber der Ritter fokussierte sich auf seine eigene Aufgabe.

Flüchtig dachte er darüber nach, ob Nymphen überhaupt Schlaf brauchten, verzichtete aber darauf, Loreleï anzusprechen. Irgendwann würde sie bestimmt auch mal schlafen müssen, überlegte er, aber vielleicht weniger als Menschen. Eventuell schlief sie ja auch unter Wasser?

Als hätte er eine innere Uhr, erwachte Rondreich am frühen Morgen von alleine und tauchte dann an der Seite des Nordmärkers auf. “Es ist früher Morgen, hoher Herr”, gab er bekannt. “Ob die anderen schon wieder hier sind? Möchtet Ihr die Höhle verlassen? Ich bleibe hier.”

“Guten Morgen! Ich hoffe, du konntest etwas Schlaf finden?” begrüßte Hardomar den jungen Stallburschen. “Ich würde tatsächlich mal nachschauen, wie draußen die Lage ist…”, beantwortete er dessen Frage, zumal er auch seine Blase drücken fühlte. Kurz überlegte er, ob er den wohlgeborenen Herrschaften auf Burg Weißenstein einen Besuch abstatten sollte, allerdings wusste er nicht, wie viel er dem ‘reitenden Troll’ über die Nymphe verraten durfte oder sollte. Außerdem würde dies möglicherweise alles zu lange dauern und dann wären die anderen vielleicht vor ihm wieder hier. Nein, er würde besser in der Nähe bleiben. “Doch wie komme ich wieder herein? Soll ich rufen oder anklopfen?”

Der Mann lächelte. “Sie wird wissen wann Ihr da seid”, erklärte er vielsagend. “Ihr wisst ja wo Ihr hin müsst.”

Der Hadinger nickte Rondreich verstehend zu und begab sich zu der Wand, durch die er hineingekommen war. “Gut, dann bis gleich!”