Die Jagd - Prolog
Ort: Hohenforst
Dramatis Personae:
- Grimmbart der Graue (Vorsteher des Ulmenauer Firuntempels)
- Helchtruda aus Mittenwalde (vorlaute Krötenhexe)
- Alwen Lidaria von Wolfenthann (Geweihte der Ifirn)
- Boronmin Odulf von Henjasburg (Page von Ritter Hadomar)
- Daithi ´Adlerkralle´ von Rechklamm (Schüler von Meister Dyderich)
Hohenforst, Nacht und Morgen des 23. Peraine 1044 BF
Nicht lange nach dem Besuch brach die kleine Gruppe, bestehend aus dem Firungeweihten Grimmbart, der Ifirngeweihten Alwen, der Hexe und Waldläuferin Helchtruda und ihrer beider Begleiter Daithi und Boronmin in Richtung des Hohenforsts auf. Wie besprochen hatte der Hochgeweihte eine Nachricht für Baronet Wilfred, die Schwertschwester Leudara und Ritter Hardomar zurückgelassen. In dieser fand sich eine kurze Beschreibung des Vorhabens und dass sie Kontakt aufnehmen würden, sobald sie Informationen zum Standort und eventuell auch Vorhaben ihres Ziels hatten.
Grimmbart hielt seine Begleiter an sich mit Proviant einzudecken oder noch einmal zu essen, während er seine letzten Vorbereitungen traf. ´Man würde die nächste Zeit nicht mehr Zeit dafür haben´, begründete dies der alte Asket. Wie lange diese ´nächste Zeit´ dauern würde, kommentierte der Geweihte nicht, wohl auch weil er es selbst nicht abschätzen konnte.
Der Weg von Ulmenau hin zum Hohenforst war kein sehr langer, aber in der Nacht dennoch nicht allzu leicht zurückzulegen. Unermüdlich und unerbittlich stapfte der Firungeweihte vorneweg. Zu seiner Rechten hielt er seinen Jagdspeer, über die Schulter einen edlen Jagdbogen. Wiewohl die Nacht klar war, wäre es ohne Fackeln nicht möglich gewesen die Strecke zurückzulegen - und auch nicht wirklich empfohlen, da in den durchquerten Heiden immer wieder von Baumreihen und Büschen durchzogen waren und manch tückische Unebenheit bei unachtsamen Tritten gefährlich werden konnte.
Zielstrebig führte er die Gruppe nach etwa drei Stundengläsern in den Hohenforst hinein, wo es nun wirklich Stockdunkel war, doch schien das den Alten nicht weiter zu stören. Der gemeinsame Weg führte sie immer tiefer in den Wald hinein und für Ortsunkundige würde hier selbst bei Tageslicht ein Winkel des urigen Forstes genauso aussehen wie das nächste. Dennoch kamen selbst Boronmin und Daithi nicht umhin zu bemerken, dass sie sich auf einer doch recht gut ausgetretenen Schneise durch den Urwald bewegten. Dass dies bloß durch Wildwechsel hervorgerufen wurde, war unwahrscheinlich gewesen. Ihr Ziel war eine kleine Jagdhütte gewesen, die die Gruppe mit der ersten Morgendämmerung erreichte.
“Ich weiß wo sich Henya vor einiger Zeit mit Sicherheit aufgehalten hat”, hob Grimmbart an, als die Gruppe beim Jagdhaus eine kleine Pause einlegte. “Ob sie noch immer dort ist, weiß ich nicht, aber von hier aus sollten wir unsere Jagd beginnen.”
“Hier?”, fragte Alwen verwundert.
“Unweit von hier liegt ein alter Höhlenkomplex”, erklärte der Firungeweihte. “Es ist einer von Henyas Unterschlüpfen. Einst hatte eine Gruppe Adelige aus eben dieser Höhle einige Dörfler aus Meisen befreit. Dann war sie verwaist … bis vor einigen Monden, da konnte ich ausmachen, dass sie wohl wieder bewohnt ist.”
“Das heißt wir gehen weiter zu dieser Höhle?”, warf nun Helchtruda ein. Ihr konnte man eindeutig die Müdigkeit der übergangenen Nachtruhe anmerken.
“Es gibt zwei Möglichkeiten … den direkten Weg vor die Höhle …”, Grimmbart sah ernst durch die Runde, “... oder den Hintereingang. Ungleich gefährlicher, sollte sie tatsächlich von Henyas Leuten besetzt sein, aber erfolgversprechender, um etwas über ihr Vorhaben herauszufinden.”
Daithi hatte unterwegs geschwiegen. Der finstere Wald und die Aussicht hier auf die berüchtigte 'Schwarze Henya' zu treffen hatten ihn tief beeindruckt. Er hatte gehofft, dass das elfische Blut in ihm irgendwie helfen würde bei dieser Jagd. Doch ihm fehlte jegliche Erfahrung. Als kleines Kind war er durch den heimischen Breewald gestriffen. Doch das war nichts gegen den Hohenforst. Nun lauschte er Grimmbarts Ausführungen und ein leichter Schauer lief ihm über den Rücken. “Wenn die Möglichkeit besteht”, fing er vorsichtig an zu sprechen, “dass wir Silvagild vielleicht bereits hier befreien können, so würde ich gerne den gefährlicheren Weg nehmen und durch den Hintereingang vordringen.”
"Kannst du mit einer Waffe umgehen?", fragte der Geweihte daraufhin kühl.
"Mein Schwertvater hat mir ein paar Grundtechniken gezeigt, um mich zu verteidigen." Der junge Page legte die Hand auf das Knappenschwert an seinem Schwertgürtel, verzog dann aber nachdenklich das Gesicht. "Aber er hat mir auch erklärt, dass noch sehr viel Übung nötig ist, bis ich im Duell gegen einen gelernten Kämpfer bestehen könnte. Ich glaube nicht, dass wir jetzt einen Kampf riskieren sollten...", er blickte fragend in die Runde der Erwachsenen, "...aber vielleicht können wir uns heimlich reinschleichen und sie da rausholen?"
Daithi blickte sorgenvoll. Ja, genau das war wohl seine Schwäche. Etwas verzagt antwortete er daher: “Nein, Hochwürden, wirklich gut kann ich das nicht. Ich führe einen Dolch an meiner Seite, bin jedoch sehr ungeübt in der Nutzung einer Waffe.”
Der Geweihte erkannte, dass er seine Worte falsch gewählt hatte. Er schüttelte sein Haupt. “Nein, ich möchte keinen offenen Kampf führen. Wir wären hoffnungslos unterlegen, aber der Wald … und unser Weg, kann andere Gefahren … Herausforderungen … für uns bereithalten. Überlegt noch einmal ob ihr mir auf alle Fälle folgen wollt.”
Tatsächlich war Daithi gerade verunsichert. Er war sich seiner Schwächen bewusst. Und dennoch: Er wollte Silvagild unbedingt helfen und war bereit, dazu das Nötige zu riskieren. Darum antwortete dann mit überzeugter Stimme: “Doch, ich möchte mit Euch in diese Höhle gehen, Hochwürden.”
"Und ich auch", fügte Boronmin entschlossen hinzu.
Der Bardenschüler musterte den Pagen. Für einen kurzen Moment hatte er Zweifel. Immerhin hatte Hardomar ihm seinen Knappen anvertraut und er war dafür verantwortlich, dass ihm nichts zustieß. Doch dann schüttelte Daithi den Kopf. Er würde am besten auf ihn Acht geben können, wenn er an seiner Seite blieb. Dann klopfte er Boronmin auf die Schulter und sagte: “Schön. Worauf warten wir noch?”
Der alte Mann sah auf die beiden jungen Begleiter. Eigentlich war es unrational die beiden mit auf die Jagd zu nehmen. Würden sie tatsächlich eine Hilfe sein, oder nicht eher ein Klotz am Bein? Von der Gefahr ganz zu schweigen. Der Alte vom Berg würde sie prüfen und wenn es ihr Wunsch war? Grimmbart waren väterliche Gefühle fremd, weshalb er auch kein Nachsehen hatte. “Gut, wie ihr wollt”, nickte er noch einmal ernst. “Alwen kommt mit uns, Helchtruda …”, der jungen Frau waren die Augen zugefallen und sie schreckte hoch, als der Hochgeweihte sein Wort an sie richtete. “Ich möchte, dass du zum Eingang der Höhle gehst. Nicht nur um dort den Überblick zu behalten, sondern auch dass du zurück nach Ulmenau eilst, sollten wir in zwei Stundengläsern immer noch nicht von uns hören gemacht haben.”
Die junge Hexe nickte pflichtbewusst, aber ungewohnt wortkarg.
“Gut, dann lasst uns gehen”, wandte Grimmbart sich an die anderen und gemeinsam brachen sie ins dunkle Unterholz auf.
Boronmin stürmte schnell zu Helchtruda und umarmte sie sehr stürmisch und sehr fest. "Viel Glück, Trudi!" Insgeheim machte sich der Junge schon Sorgen, ob er bei der Mission eine Hilfe wäre oder nur im Weg - aber von sich aus würde er auf keinen Fall darum bitten, mit Helchtruda gehen zu dürfen. Nein, er wollte hier dabei sein und seinen Beitrag leisten, um Silvagild zu retten. Tapfer und eifrig straffte er seinen Körper und nickte mit entschlossener Miene in die Runde. "Ich bin bereit."
Daithi nickte Helchtruda nur schweigend zum Dank und Abschied zu. Er klopfte dann noch einmal dem Pagen auf seine Schulter und folge dann dem Firungeweihten, darauf achtend, dass Boronmin vor ihm in seinem Blickfeld blieb. Ja, auch er hatte ziemlichen Respekt davor, was sie wohl nun erwartete. Aber er hatte auch die Hoffnung, dass die Götter mit ihnen waren, sonst hätten sie nicht Leudara, Alwen und Grimmbart an ihre Seite gestellt.