Blick in die Vergangenheit
Ort: Gut Weidenwald
Dramatis Personae:
- Hardomar Jast von Hadingen (Ritter von Hadingen)
- Leudara Aldieri von Rhodenstein (Schwertschwester von Dûrenbrück)
- Alwen Lidaria von Wolfenthann (Geweihte der Ifirn)
- Helchtruda aus Mittenwalde (vorlaute Krötenhexe)
- Dyderich vom Sümpfle (Weidener Barde)
- Boronmin Odulf von Henjasburg (Page von Ritter Hadomar)
- Daithi ´Adlerkralle´ von Rechklamm (Schüler von Meister Dyderich)
Weiler Weidenwald, Mittag des 22. Peraine 1044 BF
Während die Gruppe um Olin Grünstein und Leudara von Rhodenstein den Aufstieg auf den Weydensteyn begannen, war es an Dyderich und Hardomar gewesen sich in den Weiler zu begeben. Wirklich viele Menschen lebten hier nicht und all die es taten, waren wohl beinahe ausnahmslos rund um das Rittergut versammelt gewesen. Sie konnten Alwen ausmachen, wie sie ein scheuendes Pferd beruhigte und dann versorgte, während Helchtruda einem jungen Mädchen auf den verbrannten Arm spuckte.
Hardomar winkte den beiden Frauen kurz zu und deutete in Richtung des Schreins. Nach einigen Momenten des Schweigens räusperte er sich kurz und sah beim Gehen fragend zu Dyderich herüber. “Also, jetzt wo wir unter uns sind... Was hältst du davon, dass Silvi den Überfall angeführt haben soll? Kannst du dir irgendwie vorstellen, wie es dazu gekommen sein könnte?”
“Das ist eine gute Frage”, meinte der Barde ehrlich besorgt. “Vielleicht hatte Daithi recht als er meinte, dass sie unter einem Zauber stand. Immerhin ist … war Henya ja eine Borbaradianerin … oder sie hat irgendwie Silvis Gestalt angenommen?” Als Troubadour hatte Dyderich eindeutig eine sehr lebhafte Fantasie. “Aber vielleicht finden wir hier ja Anhaltspunkte.”
Der junge Ritter nickte und überlegte für einen Moment. “Ob jemand versucht, Silvagilds Ruf und Ehre zu diskreditieren, indem man sie - durch einen Bann oder Zauber oder was auch immer - dazu zwingt, verbrecherische Überfälle zu begehen? Wer weiß, vielleicht geht es darum, ihr den Titel als Junkerin und das Lehen wegzunehmen?” ‘...und das Ulmentor’, ergänzte er in Gedanken, sprach dies jedoch nicht aus, da er sich nicht sicher war, ob Dyderich neben dem Dryadenblut auch über das Tor in die Feenwelt unterrichtet war. Er lief ein paar Schritte schweigend neben dem Barden her. “Ich hoffe auch, dass wir hier was finden. Was immer das für ein Einfluss ist, unter dem Silvi steht - wir müssen sie schnell davon befreien und wieder zur Vernunft bringen.”
"Unwahrscheinlich, dass es um ihren Titel geht", befand Dyderich auf die Worte des Hadingers hin. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendjemand Interesse an Nordmärker Junkersgüter hat. In Weiden haben Titel nicht unbedingt jenes extreme Gewicht, das sie in deiner Heimat haben … der Stand des Ritters und der Leumund stehen dem Titel selbst um nicht viel nach." Der Blick des Barden ging besorgt hoch zum Felsen. "Was sie dazu bewogen hat, weiß ich nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass ihre Seele rein und unbedarft ist. Es muss ein äußerer Einfluss gewesen sein."
Hardomar folgte Dyderichs Blick hinauf zum Felsen, dann nickte er bestätigend. "Ja, davon bin ich auch überzeugt. Ihre Seele ist rechtschaffen und gut." Aus der Antwort des Barden glaubte er zu entnehmen, dass dieser nichts vom Ulmentor wusste - und Hardomar sah keine Veranlassung, ihn darüber aufzuklären. Er vertraute Dyderich durchaus, doch war es im Moment nicht bedeutsam genug, um ein weiteres von Silvagilds Geheimnissen zu verraten. Der junge Ritter seufzte leicht, als sie den Schrein erreichten. “Ich hoffe, dass wir bald alles aufklären. Immerhin scheinen wir auf Silvis Spur zu sein", fügte er hinzu, um dem Barden und sich selbst Mut zuzusprechen.
Der Barde nickte ernst und steuerte weiter auf den Schrein zu.
Eben jener Schrein der milden Göttin Ifirn war vis a vis vom Gutshaus errichtet worden und zeigte wieder einmal das besondere Maß an Liebe, welches die Weidener für die Tochter des grimmigen Firun hegten. Eine Göttin, die in den Nordmarken eher selten verehrt wurde. Hier in den Bärenlanden war Ifirn das Leben und nahm mancherorts vielleicht sogar die Rolle Tsas ein. Der Schrein war aus Holz errichtet und beheimatete eine schön geschnitzte Darstellung der Göttin aus Birkenholz.
Hardomar und Dyderich konnten keine Verwüstung ausmachen, dafür war es ihnen möglich sich an den hübschen Frühlingsblumen zu erfreuen, die beim Schrein gediehen und von den Menschen hier wohl ebenfalls gepflegt wurden. Als der Blick des Ritters auf einem Ifirnglöckchen lag, sah er in seinem Blickwinkel eine Bewegung, die sich bei näherem Hinsehen als ein kapitaler Luchs herausstellte, der ihn neugierig musterte. Seltsam war hierbei, dass niemand anderer der umherwuselnden Menschen von ihm Notiz zu nehmen schienen.
Der Ritter schaute schnell zu Dyderich hinüber, doch schien auch dieser den Luchs nicht zu bemerken. Verwundert kniff Hardomar die Augen zusammen und erwiderte den Blick des Tieres. Irgendwie fühlte sich die ganze Szenerie sehr unwirklich an, fast wie in einem Traum, ein wenig auch wie im Ulmental. Aber auch… anders. Die Erinnerung an das kleine Bildnis der Heiligen im Tempel von Dûrenbrück flackerte unversehens in seinem Geist auf… das blonde Mädchen im blauen Kleid, an ihrer Seite der Luchs. Voller Ehrfurcht und Demut schlug Hardomar mit der Hand das Zeichen der Herrin Rondra. Ohne hastige Bewegungen ging er sehr langsam und vorsichtig ein paar Schritte auf die Raubkatze zu.
Der Luchs schien sich durch die Annäherung des Ritters nicht schrecken zu lassen. Stattdessen schien sein Kopf Richtung rechts zu zucken - ganz so als wolle er den Hadinger auf etwas hinweisen.
“Feuer!”, schrie eine junge Frau und Hardomar bemerkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Dort wo zuvor der Stall nur noch als verkohltes Gerippe stand, fand sich nun ein brennendes Gebäude und auch die vielen Menschen, die sich beim Gut eingefunden hatten, waren verschwunden. Genauso wie Dyderich plötzlich unauffindbar schien. Lediglich ein paar Seelen irrten umher und versuchten eine Löschkette zu organisieren und den Rest des Dorfes zusammenzutreiben.
‘Das darf doch nicht wahr sein… Was passiert hier?’ wunderte sich Hardomar, von der plötzlichen Veränderung der Szenerie völlig überwältigt, und starrte mit weit aufgerissenen Augen zur brennenden Scheune. ‘Wie kann das sein, dass alles sich so lebendig und echt anfühlt? Sehe ich wirklich, was in der Vergangenheit passiert ist? Bin ich in der Vergangenheit?’ Aufgeregt begann er in Richtung des Tumults zu rennen, wurde aber langsamer, als ihm einfiel, dass der brennende Stall nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Er blieb stehen, drehte sich langsam um seine eigene Achse, um das Dorf und die gesamte Umgebung im Blick zu haben und hielt Ausschau nach Silvagild.
Tatsächlich schien die Szenerie vor Hardomar abzulaufen wie ein Film. Niemand der umherlaufenden Menschen schien Notiz von ihm zu nehmen und mit seiner Anwesenheit zu interagieren gedenken. Er sah wie Knechte und Mägde todesmutig in den Stall liefen und scheuende Tiere daraus befreiten. Ein Rossknecht bekam dabei gar einen Tritt in den Rücken. Das Kleid einer Magd schien bei einer ähnlichen Situation Feuer zu fangen, weshalb sie zu einem Wassertrog stürzte um sich selbst zu löschen. Es war Chaos, das wohl zu einem nicht unerheblichen Teil daher rührte, dass einige der Anwesenden gerade erst aus ihren Betten aufgestanden waren.
Und in die größte Unordnung hinein, griffen sie an. Zuvorderst Silvagild auf einem ihm unbekannten Rappen; ihr dunkelblondes Haar geflochten, das Kettenhemd glänzend und der Blick verwegen. Sie hatte ihr Schwert gezogen und wirbelte drohend über ihren Kopf … doch sie beließ es dabei. Genauso wie ihre Begleiter, die sie immer wieder mit Blicken musterte, ob denn einer davon aus der Reihe tanzte. Einmal schien ihre braunen Augen direkt auf Hardomar zu liegen … oder durch ihn durch zu gehen. Irgendetwas stimmte dabei nicht. Der Blick … es waren ihre Augen, aber nicht ihr Blick.
Der Hadinger erschrak, Silvagild auf dem dunklen Roß mit gezogenem Schwert zu sehen - obwohl es ein beeindruckender Anblick war und es ihn ein wenig beruhigte, dass sie anscheinend niemandem ernsthaft ein Leid antun wollte. Als ihre Augen sich zu treffen schienen, zuckte Hardomar erst entsetzt zurück, fixierte den Blick der Junkerin jedoch auf der Suche nach etwas Vertrautem, nach einer Antwort. Instinktiv verspürte er den Drang, nach ihr zu rufen; auch wenn ihm bewusst war, dass dies vermutlich nichts nützen würde. “SILVI!” brüllte er ihr winkend entgegen. “Silvi, ich bin’s!”
Wie erwartet schien die junge Ritterin nicht auf die Zurufe Hardomars zu reagieren. Für einen Moment, denn dann schwang sie sich aus dem Sattel und setzte ihren Weg zu Fuß fort. Erst schien es dem Ritter, als würde seine Freundin zu ihm kommen, doch im letzten Moment drehte sie ab und begann einen Zweikampf mit dem herbeigeeilten Vogt des Dorfes. Jenes Aufeinandertreffen war kurz und eigentlich auch überraschend einseitig gewesen. Hardomar kannte Silvagilds Kampfkünste und was sich hier zeigte, schien ihre Talente deutlich zu übersteigen. Nach einer tiefen Wunde am Arm des alten Kämpen, war dieser für den Moment kampfunfähig, doch ließ die Jungritterin dann von ihm ab und wandte sich dem Felsen zu, an dem sie hochblickte.
Frustriert gab Hardomar es auf, nach Silvagild zu rufen. Er fühlte sich machtlos und ohnmächtig, seine Freundin scheinbar so nah vor sich kämpfen zu sehen, aber doch unerreichbar, unendlich weit entfernt. Als er sie kämpfen sah, wurde ihm mehr und mehr bewusst, dass dies hier vielleicht Silvis Körper sein mochte, jedoch auf keinen Fall ihr Geist. Als sie hochblickte, folgte er dem Blick der Ritterin und schaute ebenfalls nach oben zum Felsen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was sie dort sah. Gleichzeitig bewegte er sich ein paar Schritte in Silvagilds Richtung, in der Hoffnung es mitzubekommen, wenn sie etwas sagen würde.
Hardomar erblickte am Felsen tatsächlich zwei Gestalten. Eine größere und eine kleinere. Dem Körperbau nach hätte er die kleinere Gestalt als eine Frau erkannt. Genau ausmachen konnte er sie nicht. Der Große schien jedoch nicht lange danach ein Zeichen zu geben, welches auf den Ritter so wirkte als hielte der Unbekannte eine leuchtende Kugel in seiner Hand.
Silvagild nahm wohl eben dieses Signal zum Anlass um laute Anweisungen zu geben: “Los, Abzug!” Zwei ihrer Leute griffen daraufhin nach umherlaufenden Pferden und schwangen sich auf deren ungesattelten Rücken. Vielleicht um einen Grund für den Überfall zu inszenieren. Wiewohl diese Mähren es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wert waren solch ein Wagnis einzugehen.
Es markierte den Schlusspunkt des Überfalls - so schnell sie gekommen waren, so schnell verschwand die Gruppe auch wieder im Morgengrauen. Zurück blieben Chaos … und ein Flammenmeer. Als Hardomar sich wieder halbwegs gefangen hatte und die Eindrücke verarbeitet hatte, vernahm er den Luchs an seiner Seite. “Deine Freundin ist nicht sie selbst …”, hob das Tier mit einer weiblichen Stimme an, “... sie ist ein Werkzeug. Ein Werkzeug, um an die blaue Maid unter dem weißen Felsen zu gelangen. Schütze sie und rette damit auch das Seelenheil deiner Freundin…”
…
“Heeey, aufwachen …”, dämmerte eine andere, ihm aber nicht unbekannte weibliche Stimme in Hardomars Kopf, “... Alwen, hol doch mal einen Eimer Wasser. Das sollte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurückbringen.”
Als Antwort folgte lediglich ein Schnauben.
“Nichts da”, war das Dyderich? “Da, er öffnet seine Augen.”
Der Hadinger fand sich auf dem Rücken liegend zwischen den Frühlingsblumen am Fuße des Schreins. Über ihm konnte er - erst schemenhaft, dann immer deutlicher - die Gesichter der Geweihten Alwen, des Barden Dyderich und der Hexe Helchtruda ausmachen, die allesamt gebeugt über ihm standen.
“Guten Morgen”, grüßte letztere frech.
Blinzelnd schlug der Ritter die Augen auf. “Ähm, guten… Morgen?” erwiderte er verwirrt den Gruß Helchtrudas. Er versuchte sich ein wenig auf seine Unterarme zu stützen, um seine Umgebung besser wahrnehmen zu können, blickte in die um ihn versammelte Runde und fragte mit benommener Stimme: “Was ist passiert? Wie lange war ich denn weg?” Nachdem Hardomar sich in eine sitzende Position aufgerichtet hatte, rieb er sich für einige Augenblicke die Schläfe und versuchte er die Benommenheit aus seinem Kopf zu schütteln. “Ein Luchs hat mit mir gesprochen…”, murmelte er tonlos, “... und ich hab Silvi gesehen…” Verlegen fuhr der Ritter sich durchs Haar. “Ich denke, ich habe miterlebt, was hier vorhin bei dem Überfall geschehen ist…”
Während Dyderich die Worte mit sichtbarer Verwunderung vernahm, schienen Helchtruda und Alwen gefasster. "Etwa ein halbes Wassermaß … setzt Euch einmal auf", wies ihn die hilfsbereite Ifirndienerin an und half ihm dabei. "Trudi bringt Euch Wasser. Vielleicht warten wir noch auf die anderen …", sie machte eine bedeutungsschwangere Pause, "... dann erzählt was Ihr erlebt habt. Es könnte tatsächlich sehr wichtig sein."
Dankend nahm Hardomar das Wasser von Helchtruda und trank dieses in großen Schlucken halb aus. Nachdem er sich sicher war, dass ihm nicht gleich wieder schwarz vor Augen werden würde, stand er langsam auf und klopfte sich den Staub von den Beinlingen. “Ja, ich glaube, dass es wichtig ist”, bestätigte er, noch immer mitgenommen von dem gerade Erlebten.
Es brauchte etwa noch ein halbes Wassermaß bis die vier vom Weydensteyn zurück in den Weiler kamen. Inzwischen schienen jene versorgt zu sein, die nach dem Brand Hilfe benötigten. Hardomar und die anderen im Weiler verbliebenen, hielten sich nahe dem Gutshaus auf. Der Hadinger mit etwas Blässe um die Nasenspitze und die anderen davor, wobei Dyderichs Antlitz ein gewisses Maß an Besorgnis nicht verhehlen konnte.
"Ah, da seid ihr ja", bemerkte Helchtruda freudig die Zurückkommenden. "Wir haben Neuigkeiten … der hohe Herr hat gesehen was hier im Dorf passiert ist."
Hardomar kratzte sich verlegen durch sein Haar. “Mir ist etwas sehr merkwürdiges passiert…”, begann er, “...das hört sich jetzt sehr seltsam an, aber ich habe einen Luchs gesehen… so einen wie auf dem Bildnis der heiligen Matissa im Tempel.” Er legte mit einem verlegenen Lächeln kurz den Kopf zur Seite. “Jedenfalls habe ich dann miterlebt, wie Silvagild mit einigen Schergen das Dorf überfallen hat. Doch war sie nicht sie selbst, glaube ich. Es war zwar ihr Körper, aber da war etwas… Fremdes in ihren Augen. Und sie hat auch anders gekämpft als sonst. Ihr Geist… es erschien mir, als wäre der Geist in ihrem Körper jemand anders.” Er zuckte mit den Schultern. “Sie blickte zur Turmruine. Da oben waren zwei Gestalten zu erkennen, eine große und eine kleine. Der Große schien eine leuchtende Kugel oder sowas in Hand zu halten… Dann hat Silvagild - oder die Frau, die aussah wie sie - die Aktion abgebrochen.” Hardomar blickte nachdenklich in die Runde seiner Gefährten und versuchte sich jedes Detail seiner Vision zu vergegenwärtigen. “Am Ende hat der Luchs mit mir gesprochen. Er… oder sie - es war eine weibliche Stimme - sagte, Silvagild wäre ein Werkzeug. Um an eine gewisse ‘blaue Maid’ zu gelangen, unter dem ‘weißen Felsen’... Ich solle diese beschützen. So könnte ich auch Silvagilds Seele retten…” Mit großen Augen schaute er die anderen an, in der Hoffnung, dass sie ihn nach dieser unglaublichen Geschichte nicht für völlig verrückt halten würden.
Boronmin nickte seinem Schwertvater sehr eifrig und aufgeregt zu. "Das stimmt! Ein Großer und ein Kleiner waren da oben! Wir haben an dem Turm elfische Zauberzeichen gefunden. Und Spuren von zwei Leuten. Die sind wohl auf magische Weise in den Turm rein! Und der Herr Vogt sagt, dass das Tobrier waren, einer groß, einer klein, mit Mänteln, die haben nach Perdans Schwert gefragt. Wahrscheinlich, um den Wargen zu töten!"
Völlig überwältigt von diesem Redeschwall seines Pagen schaute Hardomar fragend zu Leudara und Daithi hinüber.
“Nun”, stimmte Daithi nachdenklich ein, immer noch verblüfft über die Geschichte des Hadingers. “Ein Schwert um ein Feenwesen zu töten. Vielleicht den Wargen. Das zumindest ist die Theorie unseres Meisterermittlers.” Dabei nickte er Boronmin mit einem freundlichen Lächeln zu und klopfte ihm auf die Schulter. “Mmh…”, sann er weiter. “'Blaue Maid'... 'Weißer Stein'...”, wiederholte er Hardomars Worte verfälscht in einer unterbewussten Fehlleistung. Ohne seinen Fehler zu bemerken fuhr er mit einem Lächeln fort: “Die Burg meiner Großmutter Noitburg, die 'Scheuburg', steht auf dem Weißenstein. Dort bin ich geboren. … Gibt es in Weiden auch einen Weißenstein?”
“Ja, den gibt es …”, nickte Leudara, “... es ist die Festung, die du vorhin vom Weydensteyn aus gesehen hast. Ein paar Meilen firunwärts von hier.”
Währenddessen schien Dyderich in grüblerische Gedanken verfallen. “Blaue Maid … unter weißem Felsen … Waffe, die Feenwesen verletzen soll.” Er rieb sich sein Kinn. “Ich kenne die Waffe, von der du erzählt hast. Sie ist eine Sache, die bei der romantischen Form der Sage von Perdan und Alari immer ausgespart wird. Perdan soll den Wächter überwunden haben, mit einem Schwert, das die Zwerge des Finsterkamms ihm geschmiedet hatten. Es gab, meines Wissens nach, noch keinen Hinweis darauf, dass diese Waffe tatsächlich existiert. Ob wirklich aus Zwergenhand geschaffen, ist überhaupt unklar und scheint mir eine Mär zu sein.” Fragend sah der Barde zur Schwertschwester, die jedoch lediglich unwissend ihre Schultern hob.
“Ich kann mir denken, wer diese Maid ist …”, fuhr Dyderich deshalb fort, “... Loreleï, die Nymphe des Weißensees. Ihre Grotte soll unterhalb des Weißensteins liegen … aber …”, er seufzte und rieb sich den Nacken, “... so leicht kommt man nicht an sie heran. Eigentlich gar nicht.”
“Und warum Silvagild als Werkzeug?”, fragte Alwen und nahm Bezug auf die Worte des Ritters. “Ist sie der Schlüssel zu dieser Nymphe? Wenn ja, warum?”
“Ich weiß es nicht”, log Dyderich daraufhin. Die Junkerin war ein Feenblut und diesen sagte man nach, dieserlei Tore leichter durchschreiten zu können, als es bei Normalsterblichen der Fall war. Vielleicht würde sogar das Feenwesen selbst den Kontakt suchen? “Normalerweise markieren solche Feen gewisse Sterbliche, zu denen sie Kontakt haben. Das könnten Wächter der Tore sein, oder Besucher, mit denen sie sich gerne umgeben.”
“Und sie möchten der Nymphe etwas tun?”, warf nun auch Helchtruda ein. “Warum denn sonst diese Waffe, die Feenwesen verletzen kann? Oder ist sie auch ein Teil des Schlüssels?”
“Gerin und Harmwulf”, sagte der Bardenschüler nachdenklich den Kopf leicht gesenkt etwas aus dem Kontext gerissen. Er bemerkte es selbst und hob die Augen. “So nannten sich die beiden Fremden - mutmaßlichen Tobrier - gegenüber dem Vogt. Einer von beiden trug ein Licht, habt Ihr erzählt Herr Hardomar. Ich kenne so etwas von meinem Vater. Er ist Gildenmagier und hat einen Stab. Diesen kann er zum Leuchten bringen. Vielleicht ist einer der beiden Tobrier ein Magier? Wenn die beiden wirklich aus Tobrien stammen sollten, wäre es denkbar, dass sie im Auftrag der Borbaradanhänger unterwegs sein könnten, solche vielleicht selbst sind.”
"Die Namen sagen mir leider nichts", gab Dyderich zu und auch Helchtruda und Alwen wirkten eher ratlos. "Aber dass ein Magier dabei ist, würde schon ins Bild passen. Hochwürden meinte ja, dass Henya nicht die Macht dazu hätte einen Willen zu unterwerfen … und ich denke, dass wenn sie es wirklich auf eine Fee abgesehen haben …", der Barde kratzte sich an seiner Schläfe, "... was auch immer man sich dadurch erwartet … dann wird das vielleicht auch eher von dem Magier ausgehen. Borbaradianer vielleicht sogar, wie du richtig sagst."
"Erst vor wenigen Götterläufen …", brachte sich nun Alwen in die Unterhaltung ein, "... haben Schwarztobrier die Fee Pandlaril angegriffen. Irgendeine Faszination haben Feen wohl auf dieses Geschmeiß."
"Sie gelten ja auch oft als Wächter. Pandlaril vor allem behütet das Weidener Land", gab nun auch die junge Hexe in der Runde ihr Wissen Preis. "Was die Nymphe hier im Weißensee behütet, weiß ich nicht. Sie ist ja eher ein Ärgernis, lockt sie doch gerne junge Männer zu sich, von denen nicht jeder wiederkehrt."
“Na, das hört sich ja nach einer ganz reizenden Maid an”, sagte Hardomar mit einem leicht ironischen Lächeln. “Aber wie auch immer, wir müssen dieser Loreleï helfen, wenn wir Silvagild retten wollen. So hab ich meine… Vision jedenfalls verstanden.” Er schaute immer noch etwas unsicher und verlegen in die Runde; die Erfahrung war neu für ihn. “Die Frage ist nur, wie finden wir diese Nymphe?”
"Oben auf dem Weydensteyn waren Hufspuren. Die Tobrier sind also nicht den direkten Weg hoch, sondern irgendwie von der Rückseite rauf. Und bestimmt auch wieder runter. Vielleicht kann ihre Gnaden Alwen diese Spuren verfolgen?” schlug Boronmin vor.
“Gibt es einen Weg, die ‘blaue Maid’ schneller zu kontaktieren? Ihr mitzuteilen, dass mutmaßliche Schwarztobrier ihr nach dem Leben trachten?”
Boronmin dachte an die Glyphen am Turm. “Vielleicht könnten wir diese Elfensippe fragen, von der Trudi erzählt hat. Diese ‘Herbstlaub’-Leute?” Fragend schaute er zu Helchtruda. “Die wissen vielleicht, was die Nymphe behütet. Und sie wollen bestimmt auch nicht, dass hier Borbaradianer Jagd auf Feenwesen machen.”
“Ich könnte mir auch vorstellen”, warf der Bardenschüler ein, “dass wir uns jetzt erst einmal schnell zum Weißenstein aufmachen. Denn wenn wir hier erst noch lange Spuren suchen oder Elfen, werden wir vielleicht zu spät kommen. Wir wissen ja jetzt, wo diese Tobrier hin möchten und was wir verhindern müssen. Die werden ja schließlich auch versuchen, die Nymphe zu kontaktieren oder zu ihr vorzudringen. Vielleicht können wir sie dabei einfach stören…” Daithi überlegte. Dann blickte er Hardomar an und machte einen aus seiner Sicht verwegenen Vorschlag: “Vielleicht könnt Ihr, Herr Ritter, als stattlicher, junger Mann die Nymphe herauslocken? Sie scheint es ja darauf abgesehen haben.”
"Ich denke auch, dass wir keine Zeit verlieren sollten", stimmte Leudara zu. "Es scheint ja klar zu sein, was sie wollen, denn ich denke nicht, dass der Traum des hohen Herrn uns auf eine falsche Fährte locken sollte. Darüber hinaus denke ich nicht, dass die Elfen sich dafür als zuständig betrachten. Sie sind wild und halten sich aus unseren Belangen heraus. Ihre Sorge gilt vor allem ihrem Wald." Die Schwertschwester sah zu Helchtruda, die den Ball daraufhin sofort aufnahm.
"Wir könnten meine Freundin Ilme in Ulmenau kontaktieren. Sie weiß sehr viel über die Gegend. Vielleicht hat sie eine Idee, wie wir an die Nymphe herankommen", warf die junge Hexe ein.
"Oder seine Hochwürden Grimmbart", setzte dann Alwen nach. "Er kennt sowohl das Land, als auch Henya gut. Vielleicht kann er uns helfen einen Plan zu schmieden, wie wir die Sache angehen."
Die daraufhin entstandene, kurze Ruhe, nutzte Dyderich nach wenigen Herzschlägen für eine Wortmeldung: "Oder man versucht es tatsächlich auf dem direkten Weg. Dass Daithi und Hardomar sich als Lockvögel inszenieren und darauf hoffen, dass diese Loreleï sie zu sich ruft. Wiewohl ich schon zu bedenken gebe, dass das kein alltäglicher Vorgang ist. Also, dass hier täglich Männer verschwinden, meine ich."
Hardomar verzog den Mund und rollte in Dyderichs Richtung mit den Augen. “Warum wir beide? Sollten wir nicht gleich versuchen, die blaue Maid mit den minniglichen Künsten eines wahren Meisterbarden zu bezaubern?”
“Ihr beide fällt am Ehesten in ihr Beuteschema. Ich fürchte, dass ich ihr zu alt bin”, bescheiden lächelte der Barde. “Aber vielleicht hilft es ja wenn Daithi ihr etwas vorspielt.”
Daithi war ganz erstaunt, dass er jetzt irgendwie in die nähere Auswahl geraten war. “Aber… aber…”, stotterte er und versuchte ein Argument zu finden, “... der Herr Ritter ist doch wahrlich viel stattlicher als ich…”
“Ich würde sagen, wir versuchen es einmal bei den anderen beiden Kontakten”, ging Leudara dazwischen. “Die Möglichkeit mit dem Minnegesang für die Nymphe können wir uns ja noch aufheben.”
Ein wenig fiel dem Bardenschüler ein Steinchen vom Herzen. Er schaute in die Runde und erwartete den baldigen Aufbruch.
"Der Warg mag vielleicht auch Musik..." warf Boronmin, der eine gewisse Begeisterung für die Kreatur entwickelt hatte, nachdenklich ein.
Der Bardenschüler zog die Augenbrauen zusammen und warf dem Pagen einen etwas erschrockenen Blick zu. “Möchtest du mich jetzt auch dem Wargen vorwerfen?”
"Vorwerfen? Nein!" Boronmin schüttelte energisch den Kopf. "Ich meine nur, dass der Warg vielleicht nur so garstig ist, weil noch niemand nett zu ihm war..."
Leudara lächelte auf die Worte des Pagen hin milde. “Wenn das alles vorbei ist und dein Schwertvater noch Zeit dafür findet, können wir uns den Wald ansehen, wo der Warg haust, solange wir uns nicht zu tief hinein wagen.” Ihr Blick ging kurz zu Hardomar. “Er ist nicht weit von Dûrenbrück … vielleicht kommt ihr ja auf dem Rückweg auch durch?”
“Ja, das wird sich sicherlich einrichten lassen”, gab der Hadinger mit einem bemühten Lächeln zurück. “Erst müssen wir jedoch Silvagild wohlbehalten zurückbekommen.” Nun wieder mit ernstem Blick trat er näher an die Schwertschwester heran. “Hochwürden, Ihr sagtet, dass mein Traum uns nicht auf eine falsche Fährte locken soll. Aber seid Ihr Euch da sicher?” Er rieb sich nachdenklich die Schläfe. “Silvagild hatte auch etwas gesehen, bevor sie… verschwand”.
"Ich denke, dass weder Silvagild noch du getäuscht wurden", meinte Leudara auf die Zweifel des Ritters hin. "Vielleicht ist es eine Prüfung der Göttin, vielleicht auch nur Zufall, dass ihr beiden zur falschen Zeit am falschen Ort wart. Aber mit Göttervertrauen und der Hilfe von Freunden werden wir diese Sache bald schon hinter uns lassen können, dessen bin ich mir sicher." Nun dämpfte sie ihre Stimme etwas. "Es blieb mir nicht verborgen, dass ihr beide etwas mit euch schleppt. Jeder für sich, aber es lässt euch nicht los." Die Schwertschwester hob sogleich beschwichtigend ihre Hand. "Ihr müsst nicht darüber reden, aber wer weiß, vielleicht dient diese Queste hier auch dazu, dass ihr selbst mit euch ins Reine kommt."
Der Ritter sah die Schwertschwester mit erstaunten Augen an und antwortete ebenfalls mit leiser Stimme: “Ihr habt ein gutes Gespür”, gab er bedächtig zu. “Das, was mich belastet… hat mit meiner Familie zu tun und wartet zu Hause in Hadingen auf mich. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Reise mir dabei helfen kann… ins Reine zu kommen.” Für einen Moment starrte er nachdenklich ins Leere. “Und was Silvagild angeht… Ich kann nur mutmaßen, dass ihre Mutter immer nachdrücklicher von ihr fordert, endlich zu heiraten und sie sich nicht bereit dafür fühlt…” Er hob die Schultern und seufzte. “Zunächst einmal müssen wir sie ja aus der Gewalt dieser Leute befreien. Und ich hoffe und bete…”, seine Stimme wurde noch leiser und rauer, “dass auch ihre Seele dies unbeschadet übersteht.” Er atmete tief durch und zwang sich wieder zu einem schmalen Lächeln. “Ich bin so dankbar, dass die Götter und vor allem die Sturmherrin uns bei diesem Weg zur Seite stehen. Und Ihr, Hochwürden.”
Die Geweihte nickte verständnisvoll und klopfte dem größeren Ritter auf die Schulter. "Wir werden Silvagild zurückholen", meinte sie überzeugt. "Unbeschadet … da bin ich mir sicher."