Der Teichenberger auf der Blauenburg
Gft. Bärwalde, Wolfenbinge - Blauenburg RON 1032 BF
“Widerliche Hitze,“ Erwulf von Birselburg fuhr sich mit den Arm über seine vom Schweiß glänzende Stirn. Auch wenn sie bis eben noch durch den Bärnwald geritten waren, für seinen Geschmack war es eindeutig zu warm. Er nahm erst einmal einen tiefen Schluck aus seinem Wasserschlauch. Die Blauenburg thronte bereits vor ihnen. Bald würde er also dem Blauenburger gegenüberstehen. Er sah es als seine Pflicht an, den Baron selbst von den Umständen des Todes seiner Eltern zu unterrichten. Das gebot ihm schon seine Ehre. Aber auch andere Gründe hatten ihn den Weg von Zippeldinge antreten lassen. Der Ruf seiner Familie litt noch immer unter den Taten seiner Schwester. Außerdem, es konnte nur gut sein, sich mit dem Baron Wolfenbinges und seinem Haus gut zu stellen. Hatte er nicht auch Arlan gen Weidleth begleitet?
„Ardare, Trautmann,“ der Baron Teichenbergs drehte sich leicht zur Seite, um zu seiner Knappin und dem alten Waffenknecht zu sprechen. „Vergesst nicht, kein falsches Wort über Zippeldinge. Ich möchte nicht, dass hier irgendwelche Märchen die Runde machen,“ der stämmige Ritter wartete gar nicht erst auf eine Antwort und gab seinem Pferd die Sporen.
Bald darauf hatten sie das Dorf hinter sich gelassen und führten ihre Pferde hinauf zur Blauenburg, deren Tor offen stand. Eine Waffenmagd, die es sich zuvor im Schatten des Torturms bequem gemacht hatte, trat nun hervor und grüßte die Ankömmlinge mit dem Gruß der Rondrianer. „Rondra zum Gruße! Meldet Eurem Herrn Erwulf von Birselburg auf Fuchsstein, Baron Teichenbergs bringt wichtige Kunde und erbittet traviagefällige Gastung für sich und seine Begleiter.“
Ilene eilte geschwind durch den Torbogen um die Besucher anzukündigen, doch kaum war sie in den hellen Praiosschein des Burghofs geschritten, da sah sie ihren Herren auch schon heranschreiten. Offenbar war dem Blauenburger schon von der Turmwache das Nahen hoher Herrschaften mitgeteilt worden. Und trotzdem sah der Baron aus, als würde er aus einem Kampf kommen. Der Morgenstern in der Rechten, seinen Schild in der Linken, das Haar schweißnass, das Antlitz aber sehr zufrieden. Direkt in seinem Schatten kam sein Knappe Inghâm von Tandosch hinterdrein. Auch er war gerüstet und völlig durchnässt. Beide hatten wohl soeben ihre Waffenübungen gemacht.
Die Waffenmagd wendete auf den Hacken und hieß den Teichenberger herein treten.
Da schallte dem Herrn auf Fuchsstein auch schon der Bariton des Blauenburgers entgegen. „Teichenberg, seid mir gegrüßt und willkommen! Welch seltene Ehre in diesen Mauern!“ Rondrian von Blauenburg musterte seinen Gast, und sein Blick blieb für einen kurzen Augenblick am Kriegshammer an dessen Sattel und am Streitkolben an dessen Seite hängen. Ein Mann ganz nach des Blauenburgers Geschmack.
Inghâm ließ sich von seinem Baron dessen Waffen geben. Dabei dachte er sich, dass der Teichenberger der rechte Besuch zur rechten Zeit war. So wie der aussah, könnte er die Herren bestimmt aufheitern. Und das war auch nötig, denn erst vor wenigen Praiosläufen war traurige Botschaft auf der Burg angekommen. Beide Elternteile des Barons waren kurz aufeinander zu Boron gerufen worden. Inghâm war sich sicher, dass der Blauenburger ohne seine Liebste Roanna wieder in tiefster Schwermut versunken wäre, so wie nach dem Fall Wehrheims.
Freundschaftlich legte der Wolfenbinger seinem Gast die Linke auf die Schulter, während er mit der Rechten den Unterarm seines Gastes ergriff. „Kommt, lasst uns in die Halle gehen und einen guten Humpen nehmen.“
„Das Angebot was zu heben, nehm’ ich gern an,“ erwiderte der so gegrüßte freundlich, auch wenn sein Gesicht zeigte, dass es nicht allein Gutes war, was ihn zum Blauenburger gebracht hatte. „Allein, ich schwor der gütigen Herrin keinen Tropfen Brand mehr anzurühren, seit dieser Geschichte mit meiner Schwester.“ In Momenten wie diesen hasste er seinen Schwur besonders. Allein, es war Teil seiner Buße und er musste sie tragen.
So folgte Erwulf dem Baron in die Kühle seiner Burg, während sie Höflichkeiten und die ein oder andere Neuigkeit austauschten. Im großen Saal der Burg angekommen, war der Birselburger sichtlich beeindruckt von den Trophäen an den Wänden. Insbesondere der gewaltige Schädel des Drachens, den der Wolfenbinger einst erschlug, beeindruckte ihn. Eine Heldentat von vielen, die Rondrian noch weit über seinen Tod hinaus einen Platz in der Reihe der großen Recken Weidens sichern würde.
Nachdem der Teichenberger wie üblich seltsame Blicke erntete, als er das gute Bier ausschlug, und sie beide auf Weiden und die Herzogin angestoßen hatten, räusperte er sich. „Nun, eh,“ Erwulf fuhr sich nachdenklich durch seinen langen Bart, „ich bin kein Freund umständlicher Reden. Ich bin hier, um Euch zu berichten, was ich für schändliche Dinge erfahren habe, die Euer edles Geschlecht betreffen.“ Er blickte seinen Gastgeber ernst an, ehe er fortfuhr.
„Ich war in Zippeldinge, um dem Vogt mit diesem Heckenritter zu helfen. Was uns aber dann dort erwartet hat, konnte ja keiner wissen. Aufgehetzte Goblins, dunkle Magie und ruchlose Spitzohren. Natürlich sind wir dem nachgegangen. Ihr müsst wissen, in Zippeldinge war auch ein Elf, Bastard vom Pagol von Löwenhaupt, mit Gefolge. Er und die seinen steckten hinter den seltsamen Dingen. Ging um irgendein elfisches Artefakt, ein verfluchtes Schwert, dass die Rondrianer vor langer Zeit gesichert hatten. Um das zu bekommen, haben die Elfen auch vor feigem Mord nicht zurückgeschreckt. Ich und einige andere sind dann nach Menzheim und Baliho, wohin uns Spuren führten.“ So recht verstanden hatte er das Ganze bis jetzt noch nicht. Wenn es um einen ordentlichen Kampf ging oder darum seine Baronie zu führen, da machte ihm so schnell keiner was vor. Aber die Sache in Zippeldinge? So etwas wollte er gar nicht verstehen.
„Leider, leider Blauenburger, wussten auch Eure edlen Eltern etwas über die Klinge. Als sie das einem Spitzohr nicht sagen wollten, hat er sie feige ermordet! Eure Mutter muss er mit Magie besiegt, Euren Vater gar mit Gift getötet haben. Ich hab’ den Kerl selbst erschlagen, aber macht das seine Taten nicht ungeschehen.“ Hätte er sich nur nicht hinreißen lassen und diesen Verbrecher erschlagen. Aber was hätte er sonst tun sollen, er hatte doch versucht ihn zu verzaubern. „Ich wollte Euch das selbst berichten und Rede und Antwort stehen. Eines versichere ich Euch aber, wenn es irgendetwas gibt, was ich oder mein Haus in dieser Sache tun können, wir werden es mit Freude tun.“
Eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten des Türbogens. Roanna, die Gefährtin des Wolfenbingers näherte sich mit nahezu lautlosen Schritten. So gehüllt in eine ausgeschnittene dunkelblaue samtene Robe, die langen dunklen Haare offen und wild in die Stirn gelockt, sah sie ein wenig verwegen aus.
Der Gast musste wohl wissen, dass sie bis vor kurzem eine einfache Zahori war – dies jedoch hatte den Baron nicht davon abgehalten, den gemeinsamen Bastard anzuerkennen und diesem Weibe ein Eheversprechen zu geben. Am meisten empörte sich der Adel, dass er seine Herzensdame nach den ersten Spötteleien kurzerhand zur Edlen von Buchheim erklärte, was ihnen doch ein wenig den Wind aus den Segeln nahm.
Lief sie baren Fußes? Fragte sich der Teichenbinger noch, als sie plötzlich neben Rondrian stand. Katzenhaft fast.
Schüchtern sah sie den Fremden mit großen Augen an, während sie ihr Kinn kurz neigte. Besorgt sah sie zu dem weit größeren Geliebten hoch, während sich eine Hand seinen Ellenbogen zart umfasste.
„Eure Eltern … erschlagen?“ flüsterte sie atemlos. Dabei spürte sie, wie sich die gewaltigen Muskeln seines Armes anspannten. Sie spürte als erste das Zittern, als sich sein ganzer Körper verkrampfte.
Mühsam um Beherrschung kämpfend drehte sich der Baron von Wolfenbinge um und schwer stützte er sich auf seinen thronartig geschnitzten Lehnstuhl. Seine Knöchel knirschten, als sich seine Finger immer fester um das Holz schlossen.
Roanna sah, wie ihr Liebster mit sich kämpfte, verzweifelt darum rang, die Fassung zu wahren. Doch dieses Mal musste der Blauenburger unterliegen.
Mit einem geradezu tierisch anmutenden Aufbrüllen packte Rondrian sein schweres Sitzmöbel mit einer Hand, hob es empor und schleuderte es mit solcher Wucht in den großen Kamin, dass der Stuhl mit rondragleichem Donner auf dem Stein aufschlug und in unzählige Teile zerbarst.
Nun erst war der Ritter wieder zu klarer Rede in der Lage. „FEIGER MORD?! GIFT?! MAGIE?!“ Rondrian schnappe nach Luft. Dann wankte er und setzte sich auf den strohbedeckten Boden – er hatte ha keinen Stuhl mehr.
„Diese götterverfluchten Spitzohren. Das werden sie bereuen. Ich war immer so nachsichtig mit ihnen. Habe ich nicht meine Bauern davon abgehalten übermäßig Holz zu schlagen? Habe ich nicht alles getan, um ein einvernehmliches Miteinander zu ermöglichen? Ich wollte sogar meine Tochter in Donnerbach unterrichten lassen. Ja sogar diese unverschämten Forderungen der... der sogenannten Vana-Elfen hab ich mir anhören müssen.
Und wie dankt mir dieses Elfengeschmeiß das? Mit feigem Mord.“ Fassungslos sprach Rondrian mehr zu sich selbst, als zu den beiden Adligen.
Dann aber wurde er sich seiner unrühmlichen Position bewusst und er erhob sich hastig.
Noch während er sich Strohhalme aus den Falten seiner Cotta strich, knurrte er bedrohlich: „Aber das hat nun ein Ende. Ich werde den Spitzohren schon zeigen, was es bedeutet, sich die Blauenburger zum Feind zu machen.“
Das Funkeln seiner Augen ließ für einen Augenblick befürchten, der ‚Fluch des Wolfes’ von dem die Dienerschaft schreckhaft flüstert, sei zurückgekommen, doch einen Moment später, hatte sich der Baron wieder im Griff. Sehr viel ruhiger sprach er zu seinem Gast, während er die Hand Roannas mit seiner Pranke umschloss. Sie fühlte, wie er Kraft aus dieser Berührung gewann. „Birselburg ... Erwulf ... habt Dank! Habt Dank für Eure schnelle und ehrliche Kunde. Und habt meinen Dank dafür, dass ihr den Ruchlosen erschlagen habt. Dafür stehe ich in Eurer Schuld.“
In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und zwei Waffenknechte schauten, alarmiert durch den Lärm, herein. Doch als ihnen gewahr wurde, dass keine akute Gefahr drohte, nahmen sie sofort Haltung an und erwarteten ihre Befehle. Jetzt galt es, ja nichts falsch zu machen. Sonst würde das nächste „Blauenburger Unwetter“ möglicherweise sie treffen.
Aber die beiden hatten das Glück auf ihrer Seite. Als Baron Rondrian die Beiden bemerkte, hellten sich seine Züge auf. „Ah, gut! Vortrefflich! So will ich meine Mannen sehen. Erwartungsvoll und kampfbereit. Sehr gut! Meldet sofort meinem Onkel, dass er Reiter aussenden soll. Sie sollen dem Rothenwalder, dem Eibenhofer, dem Brockinger, der Rosenhagerin und dem Grenfell mitteilen, dass ich sie unverzüglich hier auf der Blauenburg erwarte. Ich will alle meine Ritter hier haben. Ruft mir auch den Eichensteiner. Und jeden ehrbaren fahrenden Ritter, den ihr unterwegs antreffen mögt! Wir werden Kriegsrat halten.
Und sendet auch meinem Bruder einen Boten. Er soll nicht weiter unwissend bleiben über das Schicksal unserer Eltern. Und nun los, eilt Euch!“
Dann wendete sich der Baron an seine zukünftige Gemahlin. „Roanna, bitte teile auch deinem Lehnsmann, dem Ährenbacher, mit, dass wir ihn hier erwarten.“ Dabei legte er sanft seine Rechte auf ihre zitternde Hand.
Zu seinem Gast gewandt, fügte Rondrian hinzu: „Erlwulf, Ihr fragtet, was Ihr für mich tun könntet. Ihr habt schon mehr als genug getan. Nehmt nochmal meinen Dank dafür. Aber um eines möchte ich Euch noch bitten. Ich erwarte, dass nicht jeder meine Handlungen gutheißen wird. Viele werden es nicht verstehen. Und auch ich habe Neider.
Also bitte ich Euch, im Rat der Barone für mich zu sprechen. Erklärt jenen, die mich anfeinden werden, meine Beweggründe, wenn ich es nicht selbst kann. Würdet Ihr mir diesen Freundschaftsdienst leisten?“
Fortsetzung folgt...