Grabesstimmung in Dreiwalden
Firian Böcklin, der Baron von Schneehag, ritt auf seinem mächtigen Tralloper Riesen Graf Morgenstrahl am späten Nachmittag im Dorf Dreiwalden ein. Angesichts der Hitze war der Baron ordentlich nassgeschwitzt. Das war allerdings gegenüber seinem Pferd gar nichts: Das mächtige Tier war ordentlich am Pumpen, hatte es doch einiges an Strecke in den letzten Tagen hinter sich gebracht. Gierig soff es Wasser aus einer Tränke an einem Brunnen.
Wo der Baron alleine schon für genug Aufregung bei den Dorfbewohner gesorgt hatte, wurde diese durch seine Begleitung noch verstärkt: Zum einen war es der Hofgeweihte des Barons, ein Diener Firuns namens Firutin Fesslin, der sich mit grimmigem Blick umsah, während sich auch sein Pferd aus der Tränke versorgte. Zum anderen war das eine wohl um die 30 Winter alte Frau. Diese hatte bis gerade eben auf einem Kissen in einem großen Weidenkorb gesessen. Als ob das nicht schon merkwürdig genug sei, hatte dieser Weidenkorb sich neben den Pferden des Barons und seines Begleiters durch die Luft bewegt. Die Frau stand auf und streckte erst einmal ihre Glieder. Anschließend hob sie wie selbstverständlich eine Schildkröte aus dem Weidenkorb, setzte sie auf den Boden und redete kurz auf sie ein. Die Schildkröte schien das Gerede allerdings nicht zu stören - sie marschierte strammen Schrittes, soweit man das bei einer Schildkröte sagen konnte, auf einen kleinen Weiher zu. Während Firian und Firutin abwechselnd frisches Wasser aus dem Brunnen holten und damit ihren eigenen Durst stillten, holte die Frau noch eine größere Stoffumhängetasche aus dem Korb und hängte sie sich um. Die Frau trug die einfache Kleidung des Landvolkes aus Leinen, die in Erdtönen gehalten war. Sie sah zwar gepflegt aus, verströmte aber einen merkwürdigen Geruch, der eine Mischung aus Ziege mit Beilagen aus Bienenwachs, Kräutern und Erde war. Von der Statur konnte man sie nicht mehr als schlank oder gar zierlich bezeichnen. Sie war allerdings auch weit von “massig” entfernt. Zusammen mit der Größe von höchstens 80 Fingern würde man sie wohl als kompakt beschreiben. Sie trug keine Schuhe und so, wie ihre Füße aussahen, das wohl den ganzen Teil des Jahres, in dem das Wetter so etwas zuließ nicht. Am Gürtel hatte sie einen Hirschfänger. An den Fingern und Armen, in den Ohren und um den Hals trug sie Ringe, Armreifen Ohrringe und Anhänger an Lederriemen die allesamt aus Holz oder Horn waren . Gerade band sie sich mit einem bunten Tuch die langen und wild wachsenden rotbraunen Haare nach hinten. Erneut griff sie in den Korb und holte einen Wasserschlauch hervor. Diesen trank sie in einem Zug leer und füllte ihn dann ebenfalls am Brunnen wieder auf. Firian war derweil mit der Versorgung seines Pferdes und seiner selbst fertig was den Durst anging. Er griff sich seinen Waffengurt, den er an eines der Hörner seines Reitsattels gehängt hatte und gürtete sich diesen um. Noch einmal rückte er das Bastardschwert was an dem Waffengurt hing zurecht und sah sich erneut um.
Den Dorfbewohner, der am nächsten stand, sprach er in herrischem Ton an: “Hejda, ich hoffe er weiß wen er vor sich hat. Bring er mich sofort und umgehend zu den Geweihten des Boron die hier im Dorf sein müssten. Oder sage er mir wo diese zu finden sind!”
Der Baron von Schneehag konnte die drei Borongeweihten nicht sehen. Coris Etiliane Fesslin saß bei Holdwiep im Haus beim Kräutertee und hörte der untröstlichen Witwe zu. Wenn Holdwiep mal wieder in Tränen ausbrach oder nicht mehr weitersprechen konnte, bemühte sich Coris der Dreiwaldenerin von den Hallen Borons vorzuschwärmen, von der Güte Etilias und Marbos Gnade. Wieder und wieder versicherte die Dienerin Golgaris, dass die Kleinen so unschuldig gewesen waren, dass sie sicherlich in eines der Zwölfgöttlichen Paradiese eingegangen waren. Ihre Glaubensschwester Liutperga bereitete auf dem Boronanger das Familiengrab der Krayenbruchs vor. Sie hatte tatkräftige Unterstützung einiger Männer des Dorfes, die ihr beim Aushub zur Hand gingen. Und Vater Bishdaryan hielt in der Scheune, in der die Familienmitglieder aufgebahrt waren, die Totenwache. Auch dort hatten sich einige der Dorfbewohner eingefunden um Vater, Kindern und Großmutter Krayenbruch den letzten Gruß zu entbieten und mit dem Borongeweihten zu beten. Der Bauern, den Firian angesprochen hatte, zuckte ordentlich zusammen bei der harschen Anrede. Schnell teilte er dem Baron mit, wo die Geweihten wahrscheinlich zu finden waren und, da das Dorf nicht allzu groß war, deutete er gleich auf das jeweilige Haus beziehungsweise in die Richtung, wo der Boronanger lag.
Firian dachte ein paar Herzschläge lang nach. Diese Zeit nutzte die Frau in seiner Begleitung: “Ich werde mir als erstes mal schnell die Toten ansehen. Wenn ich Euch richtig verstanden habe, waren sie schon mal unter der Erde und sollten dorthin, denke ich, auch schnell wieder. Danach komme ich zur Überlebenden...”
Firian war es zwar nicht gewohnt, dass ihm Vorschläge über den Ablauf der Dinge gemacht wurden, aber zuweilen kam das doch vor. Dies war scheinbar eine dieser Gelegenheiten. Er nickte nur knapp: “Dann gehen wir gleich mal zu der Witwe… schließlich muss ich auch entscheiden was mit ihr passiert.” Die drei Neuankömmlinge trennten sich. Malina ließ ihren Weidenkorb auf dem Dorfplatz stehen und ging zu der Scheune hinüber.
***
Im Haus von Holdwiep Firian und sein Hofgeweihter führten ihre Pferde am Zügel zum Haus von Holdwiep. Dort angekommen betrat Firian ohne Umschweife das Haus, während sein Begleiter erst einmal draußen blieb. Beim Eintreten sah er sich kurz um und wurde sofort Coris’ und Holdwieps gewahr.
“Boron zum Gruß, Euer Gnaden”, begrüßte er Coris als erste. “Auch dich grüße ich, Holdwiep, und teile dir mein Beileid mit!”
Wieder allgemein aber doch schon mehr an Coris gerichtet: “Wollt Ihr mir erzählen was vorgefallen ist, soweit Ihr es wisst?”
Coris erwiderte den Gruß des Barons. “Boron zum Gruße, Baron!” Sie sah Holdwiep an, dann entschied sie sich den Schneehager Baron vor der Witwe über den Stand der Ermittlungen in Kenntnis zu setzen: “Nun, wir wissen inzwischen, dass die Verstorbenen Wasser aus einem Brunnen getrunken haben, in dem ein Stallhase verendet war. Womöglich rettete Holdwiep der Umstand das Leben, dass sie ihr Wasser immer mit Essig versetzt trinkt. Wie der Hase aber aus dem Stall in den mit einem Deckel verschlossenen Brunnen gelangt ist wissen wir nicht. Es gibt zwar einige Verdächtigungen, aber bisher konnte nichts davon bewiesen werden.”
Das waren zunächst einmal die Fakten. Über die Animositäten der Frau des Dorfvorstehers gegenüber der hübschen Holdwiep erzählte Coris erst einmal nichts. Sie wollte die Reaktion des Barons abwarten.
Firian nickte einmal kurz: “Ihr seid Euch also inzwischen sicher, dass weder ein böser Magus seine Finger im Spiel hatte, noch dass es etwas mit dem Schrecken der Sphärenschänder zu tun hat? Die Verdächtigungen… schließen sie Einfluss von außen aus? Es ist nicht die normale Art, aber ein einzelner Schwarzpelz mag bis hier in die Nähe gekommen sein… oder vielleicht eine Kreatur aus dem nahen und verfluchtem Blautann? Der Stallhase… ertrank er im Brunnen oder war er schon vorher tot und nutzt nur die Familie von Holdwiep diesen Brunnen oder noch weitere Familien?”
Er hätte normalerweise auch nicht ausgeschlossen, dass Holdwiep vielleicht selber den Hasen hineingeworfen hat und dann mit Essig sich selbst gerettet hat. Doch so wie er sie hier vor sich sah und mit dem Glauben, dass niemand das so lange so überzeugend schauspielern konnte, verwarf er diese Möglichkeit sehr schnell.
“Hochgeboren, das sind viele Fragen und einige davon kann ich, können wir, noch nicht endgültig beantworten. Magisches Wirken schließen wir eigentlich aus, dennoch sind wir froh, wenn die Weise Frau, die Ihr in Eurem Gefolge habt, diese Aussage bestätigen kann. Einen Schwarzpelz würde ich auch ausschließen, da keiner beobachtet wurde. Was die Kreaturen aus dem Blautann angeht, müssten wir vielleicht auch die Weise Frau fragen. Allerdings gibt der Stallhase den sichersten Hinweis auf die Ursache der Todesfälle. Die Frau des Ortsvorstehers Helmfried verdächtigt Holdwiep, am Tod ihrer Familie schuld zu sein, also wohl auch den Hasen in den Brunnen geworfen zu haben. Die Seelenprüfung, die Bruder Bishdaryan durchgeführt hat, sprach Holdwiep jedoch frei. Diese Girte ist voller Neid und Eifersucht auf die Witwe, daher auch die Beschuldigung. Bei der Befragung der anderen Dorfbewohner kamen wir zu der Erkenntnis, dass womöglich eine persönliche Fehde hinter der Sache mit dem Stallhasen steckt. Ob Absicht dahinter steckt, müsste nun noch geklärt werden. Und auch, ob derjenige, der den Hasen tötete und in den Brunnen warf, wusste, dass das Wasser damit so vergiftet war, dass man davon krank wurde.”
Die Miene des Barons verfinsterte sich fast mit jedem Wort welches nach Schwarzpelz kam. Firian hatte, so merkwürdig es auch klang, gehofft das es irgendeine Kraft von außen gewesen war, die die Schuld für die Toten in Dreiwalden trug. Er wusste tief in sich drinnen, dass er ein großes Risiko einging, indem er so viele Menschen aus Garetien, dem Svelltland und aus den Gebieten nördlich und nordöstlich von Weiden nach Schneehag brachte. Dass zu viele die Kräfte der alteingesessenen Schneehager überfordern würden, diese zu integrieren. Die Schneehager waren ganz besondere Weidener, die sich in den inzwischen fast 100 Jahren die die Böcklins über sie herrschten, durch so einige Eigenheiten von den meisten anderen Weidenern absetzten. Wie etwa den Glauben: Wo es ansonsten in Weiden Rondra war, ersetzten in Schneehag Firun und seine Tochter Ifirn Praios als die obersten und meistverehrten Götter. Oder aber, dass sie noch schärfer als an anderen Orten in Weiden das Wirken von Magiern als überwiegend böse und schlecht ansahen, wohin hingegen in Schneehag eigentlich kein Mensch schlecht über die Töchter Satuarias sprach. Die Eigenheiten hatten, so Firians feste Überzeugung, dazu geführt, dass die Schneehager überlebt hatten. Nicht nur überlebt, sondern dass sie sich inzwischen wieder vollständig vom letzten Orkensturm erholt hatten und bereit waren, wieder gegen die Schwarzpelze zu kämpfen. Er hatte durchaus auch traviagefällig gehandelt bei vielen der Menschen, etwa Flüchtlingen aus dem Svelltland, die er nach Schneehag geholt und unter seinen Schutz gestellt hatte, dies aber auch getan, damit die Menschen aus der Fremde die Reihen der Schneehager stärken sollten. Er konnte und wollte nicht akzeptieren, wenn nun diese Gemeinschaf, die zusammenstehen und gemeinsam überleben sollte, durch solche Taten gefährdet würde. Schon jetzt beschloss er in Gedanken, ganz fest, mit äußerster Härte, den oder die Schuldigen zu bestrafen. Doch vorerst musste dieser natürlich gefunden und zweifelsfrei erkannt werden. Die Bestrafung eines falschen Schuldigen könnte noch schlimmeren Schaden anrichten.
“Gibt es außer dieser Girte und Holdwiep noch andere, die als mögliche Täter in Frage kommen, und wo befindet sich diese Girte? Aus wessen Stall kam der Hase? Um was dreht sich dieser… Streit?” Firian war nicht bereit, so etwas mit dem Wort Fehde zu ehren.
Der Baron war ungehalten und Coris konnte seinen Unmut durchaus verstehen. Sie wollte sich bemühen, ihm nach Kräften bei der Klärung behilflich zu sein. “Nun, prinzipiell kommt natürlich jeder hier im Dorf als Täter in Frage. Doch hatte sonst niemand ein Motiv. Girte hingegen vermutete schon länger, dass ihr Mann Helmfried sie mit Holdwiep betrog. Doch wir prüften die Witwe auf den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen und soviel diese Prüfung ergeben hat, spricht sie die Wahrheit.” Die Borongeweihte sah zu Holdwiep hin, die ihre Hände ineinander verkrallt der Unterhaltung der beiden folgte. Diese nickte bestätigend. “Zu Eurer weiteren Frage: Der Hase kam aus Holdwieps Stall. Er muss also entwendet worden sein. Doch das dürfte nicht allzu schwierig gewesen sei, ist der Stall doch draußen.”
Firian hörte weiter zu. Aus seiner Sicht wurde die Sache dabei noch klarer als sie es eh schon gewesen war. Doch ging es hier um eine sehr wichtige Entscheidung. Bevor er sich nun entschloss zu handeln, gab es noch ein paar Möglichkeiten auszuschließen: “Ich gehe davon aus dass Ihr keinerlei Anzeichen dafür gefunden habt, dass irgendwer sonst etwas vom Tod von Holdwiep und ihrer Familie gehabt hätte oder? Niemand der schon lange ein Auge auf das Land geworfen hätte oder dergleichen? Als letzte Frage fürs erste.. .wurden vorher schon einmal Hasen aus deinem Stall gestohlen?”
Oh, wie genau er es wissen wollte! Die Fragen des Barons waren sehr investigativ und Coris merkte, dass sie nicht genau genug recherchiert hatten. Sie versuchte nach bestem Wissen und Gewissen zu antworten: “Tatsächlich scheint niemand sonst der Familie mit Missgunst begegnet zu sein. Auf die Frage nach dem Land kann ich Euch keine befriedigende Antwort geben, fürchte ich, und was den Hasen angeht gab es wohl keine aktuellen Verluste, außer diesem einen. Ein wenig klang es so, als ob sich womöglich schon das ein oder andere Mal einer der Dorfbewohner einen Hasen für seinen Kochtopf ‘ausgeborgt’ habe. Zumindest wurde dieser Verdacht geäußert.”
Firian nickte verstehend: “Gut… ich werde der Sache nachgehen und dann eine Entscheidung treffen. Malina wird sicherlich bald hier sein und sich Holdwiep noch einmal ansehen. Danach werde ich Gericht halten!” Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, verließ der Baron von Schneehag das Gebäude.
***
Malina betrat die Scheune, in der die Leichen aufgebahrt waren. Dabei wirkte sie zunächst wie eine, bisher wohl noch nicht gesehene Bäuerin des Dorfes. Sie grüßte zunächst Bishdaryan mit einem kurzem “Euer Gnaden”, verlor dann aber keine weiteren Worte.
Der Noionit hatte sie noch nicht gesehen gehabt und deutete richtig, dass sie mit dem Baron gekommen war. Das musste also diese “weise Frau” sein. Er folgte dem, was sie nun tat, mit scharfem Blick. Schweigend ging sie zunächst zur Großmutter hinüber. Sie schien keine Berührungsängste zu haben, selbst da der Leichnam, nach der Zeit, die er bereits ein solcher war und auch schon unter der Erde gelegen hatte, nicht mehr im besten Zustand war. Sanft strich sie der Frau ein paar Haare aus dem Gesicht. Streichelte ihr mit den Fingerrücken der rechten Hand über die Wange. Schließlich beugte sie ihren Kopf hinunter und schien etwas zu flüstern. Es dauerte eine ganze Weile, während der Malina ein paar Mal nickte, als ob die Tote ihr geantwortet hätte. Danach ging sie zum Mann der Beschuldigten. Diesem brachte sie wesentlich weniger… Zuneigung entgegen. Sie sah ihn mit skeptischem Blick an und begann ebenfalls eine Untersuchung, es fehlte aber zum Beispiel das Streicheln. Sie tastete den sich blähenden Bauch des Mannes ab, besah sich Finger und Füße, Zähne und Zahnfleisch sowie die Augenhöhlen. Zum Schluss stellte sie sich neben ihn legte eine Hand auf die Stirn und eine weitere auf den Bauch. Bishdaryan hatte kurz das Gefühl, dass die Luft knisterte. Dann war es aber auch schon wieder vorbei. Nun folgten die Kinder. Bei jedem war nun wieder die Zuneigung zu spüren, die Untersuchungen fielen aber noch kürzer aus.
Als sie mit dem letzten fertig war, machte sie ein paar Schritte zu Bishdaryan. Sie sah, als sie näher kam, irgendwie älter aus als vorhin und wirkte so, als ob sie einen Tag schwerer Feldarbeit hinter sich habe. “Wegen mir können sie nun unter die Erde. Ich bin sicher dass sie nicht dem Wirken eines bösen Zauberers erlegen sind. Oder etwas noch Verderblicheres, wie es in Tobrien noch alltäglich ist, sie getötet hat. Wenn du nichts dagegen hast, seh ich mir jetzt das Haus, die Frau und eventuell noch andere Verdächtige an?”
Der Geweihte entspannte sich, sagte aber nichts, sondern führte die Frau wortlos aus dem Scheuer. Erst dort und nachdem das Tor geschlossen war, sprach er: “Ich habe keine weltliche Hoheit, dir etwas zu erlauben oder untersagen, Weise. Doch so du gewiss bist, dass keine finstere Magie diese Familie vorzeitig zum Dunklen Vater geführt hat, dann mag es sinnvoll sein, deren Heim und die Hinterbliebene aufzusuchen. Weitere Verdächtigungen als jene gegen die Witwe wurden indes nicht offen ausgesprochen. Soll ich dich begleiten?”
Malina überlegte einen Moment: “Sehr gerne, weiß ich doch gar nicht so genau, wo das Haus der Holdwiep is. Ich mein, finden würd ich es, so groß is Dreiwalden ja net. Aber ich muss ja nicht in jede Stube rinnlaufen.”
Malina schien in der Öffentlichkeit eine andere Rolle einzunehmen. Die einer einfachen Bauersfrau vom Lande. Jedenfalls ließ sie ihre Aussprache, eben noch einwandfrei, plötzlich ordentlich schleifen.
***
Als Malina und Bishdaryan beim Haus Holdwieps ankamen, verließ Firian dieses gleich wieder. Malina grinste ihn nur kurz frech an und ging hinein. Firian ignorierte dieses Verhalten glattweg und grüßte den horasischen Borongeweihten knapp. Er berichtete, was er von Coris erfragt hatte, und hakte bei Bishdaryan nach, ob der noch etwas bezüglich anderer Motive für den Mord wisse. Etwa Verlangen nach dem Land der Familie oder dergleichen.
“Ich möchte nicht äußern, was ich vermute, sondern nur das, was ich mit einiger Sicherheit weiß”, erwiderte der Noionit ruhig. “Über die Besitzverhältnisse des Grunds, auf dem die unglückliche Familie Krayenbruch lebte und wirtschaftete, haben wir nicht gesprochen. Meine Glaubensschwestern und ich haben zwar nebenbei einige Zusammenhänge erhellt, uns aber im Kern auf geistliche und seelische Belange beschränkt, um Eure hoheitlichen Rechte zu achten. Weiteres solltet eher Ihr als weltlicher Herrscher erfragen, nun da Ihr zugegen seid. So Ihr wünscht, werde ich Euch bei weiteren Befragungen und einer möglichen Verhandlung indes gerne zur Verfügung stehen. Dringlichste Anliegen sind aus meiner Sicht zuvor allerdings die Beisetzung und Totenfeier sowie die baldige, öffentliche Exkulpation der zu Unrecht beschuldigten Witwe. Wie wollt Ihr weiter handeln?”
Firian hörte aufmerksam zu. Man konnte förmlich sehen, wie er sich in Gedanken zu dem ein oder anderen, das gesagt oder bestätigt wurde, eine geistige Notiz machte oder eine Entscheidung fällte. “Gut soweit… ich benötige Eure Hilfe bei der Befragung nicht. Ich hätte aber gerne, dass Ihr und Eure Glaubensschwestern bei der Verhandlung anwesend seid. Ich werde das Dorf morgen früh versammeln und dann die Verhandlung führen. Das Urteil wird bis spätestens zur Mittagsstunde gefällt. Anschließend, falls möglich, würde ich die Beerdigung dann von Euch durchführen lassen. Was meint Ihr, ist das ein machbarer Zeitplan?”
Bishdaryan nickte und antwortete, ohne eine Miene zu verziehen: “Die Toten eilt es nicht, Hochgeboren.” Ein Scherz? Schwer zu deuten und unwahrscheinlich. Ein seltsamer Vogel, dieser Geweihte, ging es dem Baron durch den Kopf.
***
Der Baron hatte erst wenige Herzschläge zuvor das Gebäude verlassen, als sich die Tür erneut öffnete. Coris und Holdwiep erblickten die ihnen noch unbekannte Malina. Diese sah die beiden Frauen kurz an: “Hallo… ich bin Malina.” Sie schien davon auszugehen, dass dies als Erklärung ausreichte. Während Coris nur eine kurze Begrüßung bekam, schenkte Malina Holdwiep einiges mehr an Aufmerksamkeit. Sie näherte sich ihr und sprach eine Weile leise mit ihr. Coris konnte ganz ohne zu lauschen mitbekommen, dass Malina ihr davon erzählte, dass Holdwieps Mutter und Großmutter schon zu Malina und deren Mutter gekommen waren. Sie schimpfte sie ganz sacht, dass sie noch nie bei ihr gewesen sei. Irgendwann nahm sie sie in den Arm und Holdwiep weinte bitterlich. Es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden Frauen sich lösten.
Malina trat auf Coris zu: “Ich denke wir sollten etwas tun, damit die Gute sich eine ganze Weile in die Arme deines Vaters begeben kann. Hast du etwas dabei, um ihr das Einschlafen zu vereinfachen?”
Coris schüttelte den Kopf bei der Frage nach einem Schlafkraut. Im Puniner Ritus war der Einsatz verpönt und die wirklich wirksamen Substanzen waren in Weiden nur schwer zu beschaffen und dann sehr teuer. "Aber ich könnte mit ihr zu Boron beten und ihn um tiefen und erholsamen Schlaf bitten. Wenn Holdwiep mit mir betet, mag der Dunkle Vater ihr Schlaf schenken. Ich beherrsche die Liturgie, die Schlaf hervorruft, sehr gut."
Malina nickte zustimmend. Sie kannte zwar einige Kräutermischungen, einen Trank oder einen Zauber der helfen könnte, aber wenn es mit einer Liturigie auch gehen würde hatte sie nichts dagegen. Es würde ihre Kraft und Mitteln schonen und sie wusste ja nicht, wie die Sache hier noch weiterging. “Ich denke das wäre eine gute Lösung.”
Erwartungsvoll sah sie die Geweihte an und schien bleiben zu wollen. Weniger um mit zu beten, mehr weil sie vorhatte, anschließend mit der Geweihten noch etwas zu besprechen. Etwas, was ihrer Meinung zwingend notwendig war. Die Geweihte bat Holdwiep sich hinzulegen. Dann setzte sich Coris an ihre Seite. Sie holte aus ihrer Gürteltasche ein Fläschchen mit Lotusöl. Mit sanfter, leiser Stimme bat sie den Herrn Boron um einen tiefen, erholsamen Schlaf für Holdwiep und salbte ihr gleichzeitig die Stirn mit einem Boronsrad. Mit weiteren Worten bat die Dienerin Golgaris Bishdariel als Herrn der Träume, der Witwe erquickende Bilder einzugeben. Sie hatte noch nicht geendet, da schlief Holdwiep bereits tief und fest.
Malina wartete, bis Holdwiep ruhig und regelmäßig atmete: “Das ist gut”, sagte sie, zunächst ohne weitere Erklärung. Sie wartete noch einen Moment, bis Coris ihre Sachen wieder zusammengepackt hatte. Erst dann sprach sie weiter: “Ich habe ihre Gedanken gelesen und die Zeichen im Dorf. Krubaan hält auch noch Ausschau. Aber ich glaube nicht, dass er noch etwas findet, was für ein anderes Urteil spricht. Es ist traurig, aber ich bin der Meinung, Holdwiep kann hier nicht bleiben. Weißt du, ob der große Bock schon irgendwelche Pläne hat und hast du eine Idee, wo sie hin kann? Ich könnte sie zwar mit zu mir nehmen, aber das wird sehr eng in meiner kleinen Hütte. Außerdem wohne ich alleine im Wald, da würde es Holdwiep schon alleine wegen der Lage nicht besser gehen. Sie hätte dort auch nichts zu tun.”
Stirnrunzelnd sah die Borondienerin die Weise Frau an: “Denkst du wirklich? Ich dachte nicht, dass man sie hier für schuldig hält…” Coris hielt inne. “Nun ja, vielleicht hast du recht, denn die Missgunst Girtes wird ihr das Leben hier schwer machen. Was denkst du wäre ein guter Ort für sie? Ein weltlicher Ort oder vielleicht sollte ich gar den Abt Etiliengrunds fragen, ob wir sie bei uns aufnehmen könnten? Nach allem was sie erlebt hat…” “Nein, ganz recht, ich bin mir sehr sicher, dass sie unschuldig ist. Ich glaube nur, dass sie hier ständig an alles, vor allem den frühen Tod ihrer Familie erinnert wird. Dazu die Beschuldigungen der Nachbarn, die anstatt von Anteilnahme kamen. Vielleicht kann sie irgendwann heimkehren, aber bis dahin... Ich denke, ein guter Ort wäre einer, wo sie körperlich arbeiten kann, da sie das aus ihrem Alltag gewohnt ist und gleichzeitig sich jemand um ihre Seele kümmern kann.”
“Und woran dachtest du konkret, Malina?”, fragte die Dienerin Golgaris nach. Sie konnte sich noch keinen Reim darauf machen, worauf die Weise Frau hinaus wollte. “Nun soweit ich weiß kennen sich die Diener Borons ganz gut mit der Seelenheilkunde aus. Ich habe nur keinen Schimmer wie ihr euren Alltag in einem Kloster verbringt und ob da Platz für eine Bäuerin ist?”
Nun kratzte sich die Dienerin des Ewigen am Kopf: "Nun, nicht direkt für eine Bäuerin, aber eigentlich werden im und am Kloster immer helfende Hände gebraucht. Ich müsste aber zunächst den Abt fragen. Womit du allerdings recht hast ist die Seelenheilkunde. Ich übe mich noch darin, aber wir haben ja Bishdaryan momentan bei uns und Bruder Nikanor. Da finden sich schon kundige Heiler der Seele."
“Das ist gut…”, kam zunächst nur wieder von Malina. Es schien manchmal als ob sie es gewohnt war, dass diese drei Worte als Antwort reichten. “Dann werde ich jetzt zum Baron gehen und ihm das so sagen und wenn dein Abt nein sagt, wird sich sicherlich eine andere Lösung finden. Bleibst du noch bei der Schlafenden oder kommst du mit?”
"Gegen eine befristete Aufnahme in Etiliengrund zu Heilungszwecken hat der Abt sicher nichts dagegen. Alles andere wird sich zeigen", erklärte Coris. Und auf die Frage nach ihrem Verbleib antwortete sie: "Wir lassen sie noch etwas schlafen. Sollte etwas ihre Anwesenheit notwendig machen, kann ich sie jederzeit wecken. Ich folge dir."