Bericht an den Baron von Schneehag
Schwester Liutperga, Schwester Coris, Bruder Bishdaryan und die Dreiwaldenerin Perchtrudis verließen das Boronkloster Etiliengrund mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen. Es würde ein schöner Tag werden. Rosige Wolken kündigten das Erscheinen der Praiosscheibe über der hügeligen Landschaft zu Füßen des Finsterkamms an. Liutperga, die den Zug anführte, wirkte ebenso müde wie ihr alter Klepper. Das graue Haar hatte sie zu einem losen Zopf geflochten. Es schien sich nicht durch das Lederband zusammenhalten zu lassen, denn einige Strähnen hatten sich bereits aus dem Verband gelöst und klebten an ihrem Kinn oder den Schultern. Ab und an wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. An ihrer Seite ritt Perchtrudis - sichtlich unsicher - im Sattel eines genügsamen Ponys, das mit einem Führstrick am Sattel von Liutpergas Pferd befestigt war. Die Dreiwaldenerin saß zum ersten Mal im Sattel eines Pferdes und klammerte sich krampfhaft an den Sattelknauf. Hinter den beiden ritten Bishdaryan von Tikalen und Coris Fesslin. Die Gegenwart des erfahrenen Seelsorgers tat der jungen Borongeweihten gut. Zum ersten Mal verließ sie Etiliengrund nicht widerwillig, auch wenn sie durchaus Sorge hatte, was sie in Dreiwalden erwarten würde. Die langen Gespräche mit dem Noionitenbruder hatten ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie begann zu ahnen, dass sie nicht nur ein blasses Räblein war, sondern, dass ihre Fähigkeiten durchaus für die Klostergemeinschaft von Nutzen sein konnten.
Nachdem sie die Ortschaft Schneekrumme durchquert und auf den Trutzweg eingeschwenkt waren, setzte Coris zu einer Frage an: “Bruder Bishdaryan, darf ich dir eine Frage stellen?”
Er wirkte verwundert, sogar etwas amüsiert, nachdem die beiden doch schon einige Zeit gemeinsam unterwegs und durch die besonderen Umstände ihres Kennenlernens nach den Traumgesichten verbunden waren : “Ich vermute, es wird dir nicht um seelsorgerische oder traumdeuterische Dinge gehen? Nur zu.”
Coris wirkte erleichtert. “Nun, im Gespräch mit dem Abt klang es so als wenn du viel Erfahrung mit solchen geheimnis- und unheilvollen Geschehnissen hast. Ich hätte niemals so viele kluge Fragen stellen können und wenn ich ehrlich bin, ein wenig mulmig ist mir auch bei dem Gedanken, dass wir es dort mit dämonischen Umtrieben oder schwarzer Magie zu tun bekommen könnten. Ist dir auch mulmig?”
Ihre dunklen Augen musterten den Noioniten aufmerksam und voller Bewunderung. Bishdaryan ließ sein Ross ein wenig langsamer traben, sodass sich der Abstand zu Liutperga und Perchtrudis vergrößerte. Wieder einmal bemerkte Coris, wie mühelos er sein Reittier beherrschte. Er war eine Art horasischer Reitersoldat gewesen, ehe er in den Noionitenorden eintrat, hatte sie aus seinen spärlichen Bemerkungen mittlerweile kombiniert.
“Mulmig?”, fragte er zurück. “Ein seltsames, mittelreichisches, vielleicht auch norbardisches Wort.” Er überlegte. “Es beinhaltet Sorge, Furcht, Ungewissheit. Ja, das empfinde ich auch. Wir wissen nicht, was uns am Ziel unserer Reise erwartet. Und die Furcht vor dem Unbekannten ist eine der stärksten, menschlichen Ängste. Die Zwölfe haben sie uns gegeben, um uns davor zu schützen, uns leichtfertig mit fremden Dingen zu befassen, die gefährlich für uns sein könnten. Mittels unseres Verstandes können wir Wissen darüber gewinnen, und so müssen wir nicht das Unbekannte fürchten, sondern die Ungewissheit, das Unwissen und die Gefahr, in die wir geraten können, wenn wir nicht vorausschauen.”
Seine Stimme und Tonmelodie hatten den Klang angenommen, in dem er Bedrückten Mut zusprechen oder zu Gläubigen predigen mochte. “Doch wir beide, wir sind vorbereitet, schauen voraus. Wir wissen, dass auf uns Geschehnisse warten könnten, die nicht nur unseren fleischlichen Leib, sondern auch unser Seelenheil bedrohen könnten. Das zu wissen ist der erste Schritt dahin, das zu bekämpfen und zu besiegen, was diese arme Familie dahingerafft hat, und ihr den Einzug in Borons friedvolles Reich zu ermöglichen.”
Der jungen Geweihten war, als halte sich die heraufdämmernde Praiosscheibe noch etwas zurück, sie gänzlich zu bescheinen. Und schwiegen nicht die Vögel andächtig, klangen die Pferdehufe gedämpft? Ein Gefühl der Ruhe und Zuversicht umhüllte sie wie einen warmen Mantel.
Der Ältere fuhr fort: “Du fragst nach meinen Erfahrungen mit dämonischem Wirken. Ja, die habe ich gemacht. Du wirst davon erfahren, falls das notwendig werden sollte, damit du selbst eine Aufgabe erfüllen kannst. Jedoch: Nur selten - so wie in Perricm, den Zwölfen geklagt - wirken die Siebsphärigen oder der Dreizehnte direkt in der Dritten Sphäre, um uns zu verderben. Viel häufiger sind es Menschen oder oder andere, vernunftbegabte Wesen, die wissentlich oder unwissentlich deren Zerstörungswerk verrichten. Und Menschen, Schwester Coris, können bekehrt, geläutert oder überwunden werden, mit all den Gaben, die uns die guten Götter verliehen haben. Wovor also sollten wir uns fürchten, wenn wir die Gefahr kennen?”
Es klang so einfach, so einleuchtend, wenn Bishdaryan sprach. Coris ließ seine Worte noch einmal in ihrem Inneren klingen. Tatsächlich breitete sich ein Gefühl von Ruhe und Zuversicht aus. Sie war dankbar, ihn an ihrer Seite zu wissen: “Gewiss, Bruder Bishdaryan. Du hast ja Recht und an deiner Seite ist mir auch nicht so bang.”
Sie ritten eine Weile schweigend. Die eigentümliche Landschaft der Heldentrutz, die selbst in dieser milden Jahreszeit karg erschien, wirkte auf das Gemüt der Reiter. Hügelig war das Land mit den Ausläufern des Finsterkamms. Der Sommertag gab sich große Mühe, den Gast aus dem Horasreich zu beeindrucken. Von den verstreut liegenden Gehöften schallte das Meckern der Ziegen zum Trutzweg hinüber. Die wenigen Bauern und Händler, die sie auf dem Weg in Richtung Steenbukken trafen, grüßten die Robenträger ehrfürchtig, um nicht zu sagen mit unverhohlener Furcht vor dem Unausweichlichen, dem die Boroni dienten. Gegen Mittag legten sie am Ufer eines Baches eine Rast ein, tränkten die Pferde und aßen die mitgebrachte Wegzehrung. Coris zog die Schuhe aus und kühlte ihre Füße in dem klaren, kalten Nass. Es war ungewöhnlich heiß für Weidener Verhältnisse. Bevor sie sich erneut in den Sattel schwangen, benetzte die blasse Geweihte Gesicht und Arme noch mit Wasser, in der Hoffnung die Verdunstungskälte würde noch ein wenig anhalten.
Als sie gegen Abend den Weggasthof an der Kreuzung nach Steenbukken erreichten, waren alle erschöpft, Menschen und Reittiere. Vor allem Perchtrudis, im Reiten ungeübt, klagte über Schmerzen und zeigte der mitfühlenden Coris zwei wunde Stellen an den Knieinnenseiten, wo die Steigbügelgurte die Haut aufgerieben hatten. "Ich habe eine Salbe im Gepäck, die kannst du nachher auftragen", offerierte die Borongeweihte der Dreiwaldenerin.
Liutperga sah sich inzwischen nach dem Wirt um. Sie kannte ihn, schließlich kam sie viel herum in der Baronie in ihrer Tätigkeit als Dienerin Golgaris. Alrik Röder, Wirt und Müller des Weggasthofes mit dem Namen “Rödermühle”, grüßte zurück. Die Mühle war ein trutzig wirkender Steinbau. Das Mühlrad, durch den Winterbach angetrieben, befand sich innerhalb seiner Mauern. Von außen war das Rad kaum zu sehen. Direkt am Gebäude, ein paar Schritte vor dem Mühlrad, überspannte eine kleine Steinbrücke den Winterbach. Gegenüber des eigentlichen Mühlengebäudes stand ein zweites, größeres Gebäude. Es war in Fachwerkbauweise errichtet und innerhalb seiner Wände befand sich der Gasthof. Das Gebäude ähnelte den Bauernhäusern der Freienfamilien dieser Gegend: ein Hallenhaus in Zweiständerhausausführung. An der Stirnseite, zur Mühle ausgerichtet, sah man eine große, doppelflügelige Tür, durch die man das Haus betrat. Sie diente wohl sonst dazu, Vieh rein und raus zu lassen. Öffnete man sie, stand man normalerweise in der Diele mit links und rechts liegenden Tierpferchen. Bei diesem zum Gasthaus umgebauten Haus fanden sich an deren Stelle Sitzgruppen aus groben Möbeln. In der Diele selber standen einige weitere Tische, Bänke und Stühle. Abgeschlossen wurde alles von einer breiten Theke. Über den Sitzgruppen in den ehemaligen Ställen fanden sich auf der einen Seite kleine “Kabinen”, die man über eine zur Diele führende Tür erreichte. Um zu dieser zu kommen, musste man über eine Leiter hochklettern. Auf der anderen Seite war ein großer, zum Gastraum hin offener Schlafraum mit Strohlagern. Hinter der Theke hingen über einem offenem Feuer zwei große Kochkessel an ihren Haken. Ein Grapen stand daneben direkt in der Glut.
“Die Zwölf zum Gruß, Liutperga”, begrüßte der Wirt zunächst die ihm bekannte Geweihte. Die anderen Mitglieder der Reisegruppe bekamen ebenfalls einen Gruß, der allerdings wortlos ausfiel. “Schon wieder unterwegs… wird die Tage wohl weder viel jestorben inne Trutz, wa? Scheint mir jedenfalls. Naja, mien Vadder hat immer gesacht, wenn man Arbeit hat soll man zufrieden sinn. Oda wat sacht ihr dazu?”, zettelte er weiteres Gespräch mit Liutperga, aber auch ihren Begleitern an.
Überrascht und ein wenig indigniert nahm Coris zur Kenntnis, dass der Wirt die Geweihte nicht mit “Euer Gnaden” sondern mit ihrem Rufnamen angesprochen hatte. Da Liutperga aber nicht widersprach, senkte sie nur leicht den Kopf zum Gruß. Der Mann redete wie ihm der Schnabel gewachsen war. Coris warf Bishdaryan einen Blick zu. Hatte er das Kauderwelsch des Mannes verstanden? Und wie musste diese hinterwäldlerische Bauernwirtschaft auf den Liebfelder wirken?
Der Weitgereiste schien sich an dem dahinplätschernden Redefluss des Gastgebers nicht zu stören. Er ging aber auch nicht auf die in die Gruppe geworfene Frage ein, sondern stellte seine Satteltaschen auf den Steinboden. Hilfesuchend blickte er nach einem Handlanger oder einer Laufmagd, die der Reisegruppe ihr Gepäck in ein ruhiges Zimmer für die Nacht gebracht hätte. Der Wirt schien vertrauensselig zu sein, aber ebenso geschäftstüchtig. Während er noch auf eine Antwort von Liutperga wartete, winkte er zwei Bengel heran, die beim Näherkommen Ähnlichkeit zu ihm zeigten, wie es bei Vater und Sohn üblich ist. “Woll`n die Diener der Zwölf mit innen Schlafsaal auf´n Strohsack? Bei meiner Ehre, keine Füllung ist älter als ein paar Wochen.” Er deutet mit dem Daumen auf den zum Gastraum offenen Schlafboden im Zwischengeschoss hinter sich. “Oder wie Ihre Gnadn Liutperga eins von den Schlafzimmern doar?”, und deutete unnötigerweise auf die Alternative auf der anderen Seite. “Die beidn Schietbüdel hier werdn’s Gepäck dann hochbringn, damit die Herrschaften gleich vorne an´n gutn Tisch kommen könn. Ich han heute nen gut´n Eintopp mit Kohl, Bohnen und Zwiebeln. Als Zweites wie immer der mit den Töften, Möhren und Erbsen. Im Grapen schmirgelt nen Eintopp mit Zeegenfleisch, Töften und Zwiebeln. Wenn die Herrschaften was besonders Feines wollen: Ich hab hinten noch zwei frisch erlegte Hasen hängen. Die hat meine kleine Ilme heute morgen geschossen. Brot, Wurst unn Käse hab ich natürlich auch wie immer da.”
Die weidener Borongeweihte sah Bishdaryan fragend an. Sie wusste, dass er auch mit einem einfachen Lager vorlieb nahm, wenn nichts anderes zur Verfügung stand, aber hier gab es die Auswahl. Der Abt hatte sie mit Reisegeld ausgestattet, doch war noch nicht klar, wie lang ihr Aufenthalt in Dreiwalden sich hinziehen würde. Um sicher zu sein, was auf sie zukam, fragte sie lieber nach.
“Nun”, fing sie an. “Wie ist denn der preisliche Unterschied, Wirt?” “Nu der Strohsack im Schlafsaal kommt 1 Heller die Nase. Inne Koje, nur eijner pro Koje versteht sich, 3 Heller.” Er sah die Gäste prüfend an. “Für de sicherlich ersehjnte Erholung würde ich für jeden der inne Koje schloppen will noch nen Bad im Zuber drufflegen. Da könnte ich die Hasen in der Zeit anständig braten und och noch Brattöften mit ordentlich Zwiebeln dazu machen. Im Wasser war bis jetzt auch nur meine Ilme nache Jagd drinne.” Das klang verlockend.
Coris sah wieder den fragend den Noioniten an. “Was meinst du, Bruder Bishdaryan?”
Der blickte etwas verlegen: “Das klingt alles traviagefällig gastfreundlich, soweit ich folgen konnte. Ein eigener Schlafraum wäre indes angenehm - Boron segne ihn. Nur… was ist denn eine Töfte? Aus der Küche meiner Heimat sagt mir das nichts.”
Coris war froh, dass Bishdaryan auch einen eigenen Schlafraum vorzog. Sie ahnte, dass sie schon bald nicht mehr so bequem nächtigen würden. Als der Glaubensbruder nachfragte, was der Wirt mit Töften meinte, musste sie lächeln. “Töften, Bruder Bishdaryan, ist ein weidener Dialektausdruck für Kartoffeln. Die kennt Ihr doch sicher, oder? So dicke Knollen, die man ausgraben und Kochen muss, damit sie bekömmlich sind.”
Bishdaryan nickte: “In meiner Heimat gelten sie als Delikatesse, werden vornehmlich aus dem Bornland importert und an den besten Höfen gereicht. Nicht selten in Fett gebacken und mit kostbaren Gewürzen bestreut.” Liutperga mischte sich in das Gespräch ihrer Glaubensgeschwister ein und wandte sich gleich direkt an den Wirt. “Nun, ich denke, das klingt hervorragend. Wir würden uns gerne bei dir stärken. Morgen möchten wir zum Baron auf die Burg Firnhag. Kannst du bitte einen Boten schicken und unser Kommen ankündigen?”
“Türlich Euer Gnadn… das wird goar keen Problem. Meine Frouwe die Gusella wird morjen noch vorm Hahn nach Steenbukken, um da die Felle vonne Hasen und den anneren Viechern der letzten zwee Wochen an den Gerber dort zu verkofen. Da schick ich einen vonne Bengels mit. Soll er noch mehr sagen oda nur, dass ihr kimmt?” Vater Bishdaryan deutete den anderen Geweihten, dass er antworten wolle: “Wir werden gewiss willkommen sein, und dass wir kommen, wird Seiner Hochgeboren als Kunde gewisslich genügen”, beschied er. Nicht nötig, dass zuviele Leute vom Grund ihrer Reise erführen.
Röder kratzte sich kurz am Kopf und gab seinen beiden Söhnen schon mal mit Handbewegungen zu verstehen, alles Gepäck, das die Reisegruppe loswerden wollte, die Leiter hoch in die Stuben zu bringen. “Was wollt´n ihr nu essen und soll es der Zuber sein?”
Wenn es nach Coris ging, wäre der Zuber schon recht. Im Kloster kamen sie auch nicht so oft zum Baden und so würde sie wenigstens sauber vor den Baron treten. Noch ehe sie antworten konnte, kam ihr Liutperga zuvor. “Auf jeden Fall den Zuber. Die Frauen zuerst!”, sie warf Bishdaryan einen strengen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete. Der verzog keine Miene, überlegte lediglich, was die alte Schwester wohl von der Geselligkeit etwa des belhanker Badehauses gehalten hätte.
Der Wirt schien fast zufrieden: “Also für jeden ne Koje inne Stube und nen Zuber. Das haben wir… bleibt noch das Essen. Wat soll et werden? Nehjmt ihr de Hasens mit Brattöften und ordentlich Zwiebelchen?” Er klatschte sich vor die Stirn: “Naja und wat dazu...ich heb wie immer mein Kastanienbier und dat jute Gagelbier…. beide vom Fass… ich könnte aber auch ne Flasche vonne Schüttinger Brauerei aus Geestingen anbieten. Ich hab dit Schankbier „Hager Feder“, dit “Hager Schwarzbier“ und des Emmerbier “Hager Krumme” da… nur vom Bockbier von de Schüttingers is gerade nix zu kriegen. Kräutertee natürlich och und wenn ihr wollt och Ziegenmilch. Die is allerdings von heute morgen.” Es schien so als ob ihm im letzten Moment noch was eingefallen war: “Och ja… seid´n letzten Mal hab ich nem fahrenden Händler och ne Flasche Wein abgekoft. Die könnt ich natürlich och aufmachen… mit´n Schnappes machen wir dann erst nach´m Essen weiter oder?”
Bei Boron, der Mann quasselte wie ein Wasserfall! Coris holte tief Luft. Sie warf einen fragenden Blick in die Runde. Liutperga entschied schließlich auch diese Frage für alle. “Wir nehmen den Hasen mit Bratkartoffeln und Zwiebeln. Ein gutes Bier dazu wäre recht. Was meinst du, Bruder Bishdaryan? Welches Bier würde dir zum Hasenbraten wohl munden?”
“Ein Tee würde mir zwar genügen, guter Mann. Indes sehe ich, dass Ihr Euer Bestes gebt, möglichst viele verschiedene Bräue vorzuhalten, um ein traviagefälliger Gastgeber zu sein. Dann schenkt mir doch das Bier ein, das Euch selbst am besten mundet. Das will auch ich genießen.” Dann strich er sich mit dem Zeigefinger über die Lippen. Es schien den aufmerksameren seiner Begleiter, als würde es augenblicklich ein wenig ruhiger im Raum, als würde es draußen ein Stück dunkler. Und ihrem redseligen Gastgeber gelang es tatsächlich, seinen Redefluss etwas einzudämmen, sodass die Borongeweihten und ihre Begleiterin bald darauf in relativer Ruhe an einem Tisch saßen, Trinkkrüge vor sich stehen hatten und schweigend warteten, bis die Speisen aufgetragen wurden.
Coris und Liutperga nickten ihrem Glaubensbruder dankbar zu. Es war eine Labsal, dass der Wirt sie mit seinem Gebabbel in Ruhe ließ. Nachdem sie gebadet hatten und wieder alle am Tisch saßen, brachte der Wirt auch die angekündigten Speisen. Der Hasenbraten hatte ordentlich Bärlauch bekommen und in seinem Sud war eine kräftige Beigabe von Gartenkräutern. Die Bratkartoffeln und Zwiebeln kamen in einer großen Portion und waren zwar recht scharf angebraten und mit ordentlich Röstaroma versehen, aber wenn man dies mochte sehr schmackhaft. Braten, Brattöften und das dazu gereichte Bier, der Wirt hatte sich für das gehaltvolle Emmerbier entschieden, war allerdings nicht gerade als leichte Speise anzusehen.Deshalb gingen sie frühzeitig zu Bett, um am kommenden Morgen auch beizeiten zur Burg Firnhag aufbrechen zu können.
Wie versprochen hatte der Wirt beim ersten Hahnenschrei schon seine Tochter vorausgeschickt, um sie anzukündigen. Die Gruppe ritt durch sanfte Hügel, die Kämme des Finsterkamms im Rücken am Flüsschen Winterbach entlang. Nach irgendwas zwischen fünf und sieben Meilen auf der leidlich guten Straße, die natürlich nicht gepflastert war, erreichten sie Steenbukken, den Hauptort der Baronie. Das Dorf mochte gut 360 Seelen beherbergen und lag in einer großen Senke der Hügellandschaft. Die Straße führte genau durch den Ort. Am Dorfplatz, auf dem eine sehr alten Kastanie stand und der von einigen etwas größere Gebäude umringt war, mussten sie sich kurz orientieren. Das geübte Auge erkannte einen Tempel der Peraine und einen ungewöhnlich großen, einem der Zwölf würdigen Tempel der Ifirn.
Coris kannte den Weg zur Burg Firnhag. Sie war schon ein paar Mal dort gewesen. Besonders gerne mochte sie die Baronin Adaque von Mersingen. Sie war eine warmherzige Frau und beeindruckende Persönlichkeit. Der Baron war eher etwas grobschlächtig im Erscheinungsbild und auch ruppig in seinem Verhalten. Coris mochte ihn, hatte aber auch etwas Angst vor seiner manchmal polternden Art. Dass er Firun so intensiv verehrte war ihm deutlich anzumerken. Und auch wenn Coris das Baronsehepaar nur flüchtig kannte, fühlte sich der Besuch auf Burg Firnhag wie der Besuch bei guten Bekannten an. Was vermutlich an dem einnehmenden Wesen der Baronin lag.
Nachdem sie ihren Weg fortsetzen und einen weiteren Hügel überquerten kam die Baronsburg in Sicht. Der Winterbach hatte sich in Steenbukken zwischen den Häusern durchgeschlängelt. Hier war abgezweigt worden, um den Burggraben zu füllen. Dabei hatte er an drei Seiten die normalen Ausmaße eines Burggrabens, lediglich hinter der Burg begann ein gut 200 Schritt durchmessender See, wobei der Graben sich schon etwa ab der Mitte der Burg anfing zu verbreitern. Beim Näherkommen sahen sie, dass sowohl im Graben als auch im See Karpfen und andere Fische schwammen. Auf der anderen Seite des Sees begann direkt am Ufer ein urtümlicher und unberührt aussehender Wald. Als die Burg in Sicht, kam war Coris wieder einmal sehr beeindruckt. So musste eine Weidener Burg aussehen: Sie besaß die Trutzigkeit, die benötigt wurde, um den Schwarzpelzen zu trotzen und ließ doch eine gewisse Behaglichkeit und raue Schönheit erkennen. Soviel bei dem kühlen Klima und den erschwerten Wachstumsbedingungen für die Pflanzenwelt so nah am Finsterkamm möglich war. Das Burgtor stand offen, die Zugbrücke war heruntergelassen und als man sie bemerkte konnte man einen kurzen Ruf hören.
Wenig später, in dem Moment in welchem die Reisegruppe die Zugbrücke erreichte, erschien neben beiden Torwachen ein weiterer, nicht gerüsteter Mann: “Boron zum Gruß, verehrte Geweihte des Ewigen. Der Baron und Burg Firnhag heißt Euch willkommen und bietet Euch sichere Gastung. Meine Name ist Ademar Schüttinger, ich diene dem Baron als Burgsass und Herold. Ich könnte Eure Gnaden direkt zum Baron führen oder, wenn gewünscht, vorher noch an einen Ort der Ruhe, wo Ihr Euch kurz von der Reise erfrischen mögt. Wie es den Dienern des Ewigen beliebt?”
Liutperga, die dienstälteste der Gruppe übernahm die Begrüßung. Sie segnete den Burgsass mit dem Boronsrad und sprang vom Ross. “Boron zum Gruße! Wir hatten gestern schon ein Bad, guter Mann. Wenn der Baron uns empfangen möchte, würden wir es vorziehen ihn gleich zu sprechen. Die Sache hat eine gewisse Dringlichkeit.”
Auch Coris stieg vom Pferd und übergab einem der herbei eilenden Knechten die Zügel. Sie sah sich im Burghof um. Vater Bishdaryan hatte die Eindrücke des Gemäuers und der nach seinen Maßstäben winzigen Siedlung schweigend aufgenommen. Auch er stieg vom Pferd, um das Reittier sowie sein Gepäck einem Bediensteten zu überlassen. Nur seinen geweihten Rabenschnabel nahm er aus der Befestigung am Sattel und hängte ihn an seinen Gürtel. Sollte der hiesige Herrscher nur sehen, dass nicht alle ihrer kleinen Reisegruppe leiblichen Schutzes bedurften, falls der Baron dieses Landstrichs solchen als notwendig erachtete. Er nickte Luitperga zu. Sie sprach ihm aus dem Herzen. Lange wollte er sich auf Burg Firnhag nicht aufhalten, so interessant eine Studie ihrer traditionellen Bauweise auch gewesen wäre.
Der Burgsass nickte kurz: “Natürlich!” Er wartete noch einen Moment, bis alle aus der Gruppe ihre Reittiere losgeworden waren, und bat dann mit einem knappen “folgt mir”, genau dies zu tun. Er führte die Gäste über den Hof der Vorburg. Der Boden bestand aus festgetrampeltem Erdreich. Linkerhand waren etliche Obst- und Nussbäume, hauptsächlich Walnuss und Pflaumen, und dahinter das große Stallgebäude. Rechterhand war ein dichtes Brombeergebüsch direkt am Rand des Burggrabens, der voller Entengrütze und Enten war. Über eine Zugbrücke ging es durch einen mächtigen Torturm in die Kernburg. Hier war der Boden aus Felsstein. Umringt von acht kräftigen Birkenbäumen stand ein bis auf den Teil, der zur Burgmauer gehörte, aus dunklem Walnussholz gebauter Tempel. Das Portal aus Eichenholz stand halb offen und fast spürte man kalte Luft aus dem Inneren des Tempels strömen. An den Längsseiten hatte der Tempel schießschartenartige Öffnunge, die mit Fenstern verschlossen waren. Diese bestanden allerdings nicht aus Glas, sondern aus Eis. Zwischen Tempel und Mauer zur Vorburg sahen und hörten die Etiliengrunder Hunde kläffen. Auf der anderen Seite des Tempels befand sich hinter den Birkenbäumen und durch ein offenes Portal erreichbar ein großer Küchengarten. Der L-förmige Palas ragte hoch über dem Burghof auf. An ihn schloss sich ein mächtiger runder Bergfried, an der der älteste Teil der Burg zu sein schien. Dann folgten drei Fachwerkgebäude, die man leicht als Schmiede, Bäckerei und Werkstatt erkannte. Nachdem der Blick der Geweihten einmal geschwenkt war, sahen sie linkerhand das Ziel ihres Besuches: An der Mauer neben dem Torturm waren mehrere Zielscheiben aus Strohballen aufgebaut. Der Baron, einige Ritter und einige Kinder, zumeist wohl Knappen, übten hier mit Wurfspeeren. Vor der Bäckerei lagen und saßen mehrere große Hunde.
Gerade als sie ankamen hörte man den Baron noch sagen: “Siehst du Lebanus...so wird es gemacht!”
Er nahm ein paar Schritte Anlauf. Bei den Zielscheiben spurtete ein Knecht gebückt los und hielt eine massive Holzkonstruktion, die ein Wildschwein dar stellte, zwischen sich und den Werfer. Der Speer wurde geworfen und traf das “Wildschwein” knapp vor den Hinterläufen. Bevor der Baron fortfahren konnte sprach der Burgsass ihn an. Firian stockte, sah auf und seine Gäste. Er machte die paar Schritte auf diese zu. Während die anderen Menschen mit ihrem Tun weitermachten erhoben sich die Hunde sofort und folgten ihrem Herren sofort.
“Boron zum Gruß! Was kann ich für die Geweihten des Ewigen tun?” Liutperga deutete eine Verbeugung an und schlug das Boronsrad in Richtung des Barons. “Boron zum Gruße. Der Segen des Ewigen für Euch, Hochgeboren. Darf ich Euch meine Gefährten vorstellen? Bishdaryan von Tikalen, Coris Etiliane Fesslin und Perchtrudis aus Dreiwalden. Können wir Euch eventuell persönlich sprechen? Es ist besser wenn diese Angelegenheit unter uns bleibt.”
Firian neigte vor jedem Geweihten ein wenig das Haupt. Perchtrudis erhielt dagegen nur ein minimales Nicken. Im Blick des Barons war aber am ehesten Neugierde zu sehen. Bei Bishdaryans Rabenschnabel blieb sein Blick kurz hängen. “Das können wir!” Er wandte sich an einen älteren Ritter der im Hintergrund die Übungen beaufsichtigte: “Rauert der Hof ist deiner… nimm sie noch ordentlich ran. Das war bisher nichts!” Er wandte sich wieder den Gästen zu: “Geht es um Dinge des Glaubens oder um Dinge niederen Ursprungs?” Er schien danach entscheiden zu wollen, wohin er die Gäste führte.
Wieder antwortete Liutperga: “Das ist leider noch nicht klar. Ihr sollt gleich mehr erfahren, Baron.” Eine Augenbraue des Barons hob sich kurz, dann traf er aber eine Entscheidung: “Dann folgt mir bitte.” An den Burgsass gerichtet sagte er: “Gebt meiner Frau Bescheid, dass wir im Rittersaal sind und der Küche, dass sie für das Übliche Sorgen soll!”
Anschließend setzte er sich in Richtung des Palastgebäudes in Bewegung. Sobald Firian losging, standen auch die Hunde auf und folgten ihm in ein paar Schritten Abstand. Über eine Treppe im Eck des Gebäudes, die in ein höher gelegenes Erdgeschoss führte, betraten sie den Palas. Als sie durch die Tür kamen, fanden sie sich nach einem kleinen Windfang, sogleich im einzigen großen Raum wieder, der die gesamte Fläche des vorspringenden Teils des Palas einnahm. Der Raum war mindestens zwei Stockwerke hoch, man konnte aber erkennen, dass es noch ein Dachgeschoss über dem Saal geben musste, da es keine schrägen, sondern nur waagerechte Deckenbalken gab. Kam man über die Treppe in den Saal, befand sich an der gegenüberliegenden Wand, leicht in Richtung Vorburg versetzt, ein großer, offener Kamin. Davor standen im Halbkreis fünf bequem aussehende Sessel. War der Steinboden in der restlichen Halle mit frischem Stroh, Reisig und Binsen eingestreut, befanden sich hier diverse Felle und Teppiche auf dem Boden, so dass wohl auch einige weitere Personen auf dem Boden das nahe Feuer genießen konnten. Am Kamin selbst sowie links und rechts daneben waren einige Waffen und Rüstungsteile als Schaustücke an den Wänden angebracht. Einigen sah man an, dass sie wohl Beutestücke waren. In der Ecke rechts neben dem Kamin stapelte sich ein ordentlicher Haufen Holz. Direkt rechterhand des Eingangs befand sich eine kleine, hölzerne Empore. Linkerhand standen mittig im Saal drei große Holztische mit etlichen daran stehenden Hochlehnstühlen. Die Tische waren so breit, dass auch an den Enden zwei Personen nebeneinander sitzen konnten. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich drei weitere Tische und weitere Stühle, so dass man wohl alles zu einer großen, U-förmigen Tafel aufbauen konnte. Hinter den mittigen Tischen, mit einigem Abstand, befand sich eine weitere, schmälere Empore. Auf dieser standen zwei Throne. Der Thron des Barons war dabei ein wenig größer als der seiner Frau, ansonsten aber nur an dem unterschiedlichen Wappen auf der Oberkante der Rückenlehne zu unterscheiden. Die hölzerne Wand dahinter, Richtung Osten, war die einzige Wand, die keine Außenwand des Gebäudes darstellte. Die Wände in den Zwischenräumen zwischen den Fenstern an den drei Außenwänden, besonders aber die Holzwand im Osten, hingen voller Jagdtrophäen.
Firian bot seinen Gästen Plätze an der Tafel an und nahm selbst am Kopfende Platz. Wenig später kam Adaque von Mersingen in den Rittersaal. Sie trug lederne Kleidung und schnallte sich beim Reinkommen noch einen Falknerhandschuh ab. “Boron zum Gruß”, begrüßte sie die ihr bekannten Gesichter von Liutperga und Coris freundlich. Firian übernahm die Vorstellung seiner Frau und die Vorstellung der beiden ihr unbekannten Personen. Einen Lidschlag später kam ein Knecht mit einem Tablett herein. Auf diesem befanden sich entsprechend der Anzahl der Gäste Scheiben dunklen Brotes, welches ordentlich mit Knoblauch und Butter eingerieben war. Eine Magd folgte dem Knecht. Sie hatte hölzerne Humpen und einen Krug mit dunklem Bier auf dem Arm. Brote und Bierhumpen wurden an alle verteilt.
“Im Namen der Eidmutter heiße ich euch auf Burg Firnhag willkommen und gewähre euch Gastung”, sprach Firian förmlich, biss vom Brot ab und trank einen Schluck. Nun, wo den weidener Gastgeboten und Traditionen Folge geleistet war, sah Firian neugierig seine Gäste an. Von dem fremden Geweihten mit dem südländische klingenden Namen ging eine Aura freundlichen, beruhigenden Wohlwollens aus. Er wirkte in keiner Weise von den hiesigen Sitten verwundert, nahm Speis und Trank mit wortlosem Dank entgegen. Der Mann stemmte den vollen Humpen ohne erkennbare Mühe, anders als das ältliche Muttchen aus Etiliengrund, die beide benötigte. Firian blickte auf Bishdaryans Handrücken: Kleine Narben zeigten dem Baron, dass der stille Gast in der Vergangenheit mehr als nur einen Strauß gefochten hatte. Firiam nahm beides, die Art wie er die weidener Tradition aufnahm als auch die Narben auf dem Handrücken, mit wohlwollen wahr.
Coris freute sich, die Baronin wiederzusehen. Sie war eine ungewöhnliche Frau. Nicht nur die Jagdleidenschaft zeichnete die gebürtige Garetierin aus, sondern auch ihre unprätentiöse Aufmachung und der ebenso herzliche Umgang mit Menschen jedweder Herkunft. Sie machte keinen Unterschied, ob ihr Gegenüber von Adel oder ein einfacher Bauer war. So ließ sie sich auch bei der Vorstellung Perchtrudis den Standesunterschied nicht anmerken und begrüßte diese ebenso freundlich wie Coris, Liutperga und Bishdaryan.
Letzteren fragte Adaque mit unverhohlener Neugier: “Seid Ihr noch neu im Kloster Etiliengrund, Euer Gnaden? Ich kenne zwar nicht alle Bewohner des Boronklosters, aber ich bin sicher Euch noch nicht gesehen zu haben.”
Der Geweihte verblüffte Adaque, als er auf der burschikos gereichten Hand einen Handkuss in bester, höfischer Manier andeutete, eher er antwortete: “Das habt Ihr aufmerksam beobachtet, Euer Hochgeboren. Ich bin vor einigen Wochen in das Kloster gekommen, von dessen Ruhe, schöner Lage und heimeliger Gastfreundlichkeit Schwester Coris bereits im fernen Rommilys schwärmte. Ich unterstütze die Arbeit der Glaubensschwestern und -brüder seither nach bestem Vermögen - dort, und vielleicht nun auch in Eurem Lehen, das manchem horasischen Landschaftsmaler Entzücken ob seiner Ansehnlichkeit entlocken würde. Denn”, leitete er das Gespräch unumwunden wieder zu Liutperga zurück, “eine Herausforderung, die sicher das Wirken der Borondiener erfordert, womöglich aber auch jenes der weltlichen Obrigkeit, führt uns hierher, zum Herrscher über diesen Landstrich, der so rauh wirkt wie seine Bewohner gastfreundlich sind.”
Äußerlich blieb Firian zunächst unbewegt und sah stoisch drein. Innerlich freute er sich für Adaque ob des neuen Gesprächspartners. Er war sich sicher, dass sie Schneehag und Burg Firnhag inzwischen als Heimat beziehungsweise Zuhause ansah. Auch mochte sie die meiste Zeit über die rauhen und harten Menschen hier. Doch zuweilen ließ sie durchaus durchblicken, dass sie sehr gerne ab und an auch mal ein Gespräch führen würde, wie sie es am Grafenhof zu Eslamsgrund kennengelernt hatte. Als der Geweihte dann weiter ausführte, verringerte er seine Aufmerksamkeit ein wenig. Lediglich beim Herrscher über das Land nickte er kurz. Damit konnte ja nur er selbst gemeint sein. Vorerst überließ er aber Adaque das Wort. Die Baronin lächelte, als Bishdaryan Weiden wortgewandt beschrieb. Sie hörte ihm gerne zu. Seine ruhige, sanfte Stimme und seine zugewandte Art gefielen ihr.
Als der Noionit dann andeutete, dass irgendetwas im Lehen ihres Gemahl das Wirken eines Borondieners oder der weltlichen Gerichtsbarkeit erforderte, runzelte sie leicht die Stirn: “Wie meint Ihr das, Euer Gnaden? Das klingt ja beunruhigend! Was gibt es im beschaulichen Schneehag für Machenschaften, die uns nicht bekannt sind? Oder hast du etwas derartiges vernommen, Firian?” Sie sah ihren Gemahl fragend an. Verheimlichte er ihr etwas? Womöglich um sie nicht zu beunruhigen?
“Ich hab nichts Besonderes gehört. Das Wild verhält sich normal. Das Wetter entspricht der Jahreszeit. Die Bauern sind friedlich und gehen ihrem Tagwerk nach. Vielleicht meint Seine Gnaden den dräuenden Ork. Als Neuling in diesen Landen ist er vielleicht noch nicht an die dauerhafte Bedrohung gewohnt. Auch wenn mir scheint, dass er nicht wehrlos dem Schwarzpelz gegenüber ist.” Firians Blick ging nochmal kurz zu Rabenschnabel und Handrücken. “Jedenfalls vermelden die Wachtürme keine gesteigerte Bewegungen oder vermehrte Rauchfahnen.” Firian dachte kurz nach: “Letzten Götternamen haben die Valburnfûrnjäger sieben Orkohrenpaare gebracht… das ist auch nur wenig mehr als sonst…”, Firian war auch ratlos. Mit einem Blick gab der Horasier zu verstehen, dass er nicht der alten Geweihten vorgreifen wollte, die das Kloster repräsentierte und ihm in Rang und Erfahrung übergeordnet war - zumindest was diese Gegend und den Umgang mit ihren Bewohnern betraf.
Liutperga nahm diese Respektbezeugung an und begann zu erklären: “Nun, das ist eine eigenartige Geschichte, Euer Hochgeboren. Perchtrudis hier", die Etilianerin schob die junge Frau vor, "berichtete von einer anrührenden und zugleich etwas befremdlichen Geschichte. Komm, meine Gute, setz’ seine Hochgeboren über die Geschehnisse in Kenntnis."
Die Dreiwaldenerin begann das Schicksal der Familie der bemitleidenswerten Holdwiep zu erzählen Sie schloss damit, dass die Boroni den Verdacht hatten, dass es bei jenen Todesfällen nicht mit rechten Dingen zuging, weniger weil sie Holdwiep verdächtigten, aus Arglist gehandelt zu haben, sondern vielmehr weil sie schwarzmagisches oder dämonisches Wirken befürchteten.
Liutperga nickte: "So ist es, Baron von Schneehag. Da es sich aber sehr wohl um einen Fall für die weltliche Gerichtsbarkeit handeln könnte und auch Euer Lehen ist, sind wir hier um Euch zu informieren und um Hilfe zu bitten."
Firian hörte sich die Geschichte von Holdwiep und ihrer Familie an. Er wartete noch einen Moment ob einer der anderen Geweihten noch etwas beizutragen oder ergänzen hatte. Dann stand er auf: “Zunächst einmal unterstütze ich das Ansinnen, dass die Toten unbedingt auf einen Boronanger gehören. Egal wie sie gestorben sind, sie gehören anständig begraben und ein Segen muss gesprochen werden damit ihre Seelen Frieden finden! Ich werde denjenigen streng bestrafen, der die Entscheidung gefällt hat, sie zu verscharren und damit zu versuchen, die Augen vor einem Problem zu verschließen und es so vielleicht noch größer zu machen!” Firians Worte und Tonlage waren die eines Mannes, der das Herrschen gewohnt war und Firuns Strenge schwebte für einen Moment im Raum. Er trat ganz nah an die Bäuerin heran und sah ihr direkt in die Augen “Ich stelle diese Frage nur einmal und erwarte die reine Wahrheit. Anschließend wird es keine weitere Gelegenheit mehr geben. Sollte etwas fehlen oder hinzugefügt worden sein, was bei der Klärung der Umstände hinderlich sein wird, erwartet auch sie die Strenge des Alten vom Berg. Also ist sie sich sicher das die Geschichte genau so gewesen ist wie berichtet?”
Die Augen der Dreiwaldenerin weiteten sich vor Schreck. Man konnte erkennen, dass sie Angst vor dem Baron und seiner angedrohten Strafe hatte. Ihre Stimme war leise und zittrig als sie antwortete: "Bei den Zwölfen und allen voran der Eidmutter, so hat es sich zugetragen, Euer Hochgeboren!"
Nach der Antwort wandte sich Firian wieder den anderen zu: “Ich werde der Sache nachgehen und bitte euch darum, mich auf diesem Weg zu begleiten! Unheilige Umtriebe lassen sich nur selten alleine mit dem Schwertarm wirklich von Grund auf tilgen. Mein Hofgeweihter wird uns ebenfalls begleiten. Doch frage ich nach deiner Meinung”, er sah Adaque an, “und Eurer Meinung”, an die Geweihten gerichtet, “handelt es sich um Gift oder Krankheit… wäre es nicht besser wir nähmen noch eine Weise Frau mit? Sie kennen sich auf diesen Gebieten am Besten aus!”
Die Baronin überlegte - und noch während sie das tat, ergriff der Noionit das Wort: “Euer Hochgeboren, ich habe bereits während ihres ersten Berichts, als sie das Kloster aufsuchte, kein Anzeichen dafür gefunden, dass Meisterin Perchtrudis etwas anderes erzählt hätte als das, was sie als wahr und geschehen betrachtet. Auch bin ich überzeugt, dass sie es nicht wagen würde, Euch als ihren gestrengen Herrscher in die Irre zu leiten.”
Die Weidenerin entspannte sich ein wenig, und Bishdaryans behutsame Wortwahl gab dem Baron keinen Anlass aufzubrausen. “Euer sofortiger Ansporn, Euch persönlich dieser seltsamen Angelegenheit anzunehmen, zeichnet Euch als Mann der Tat aus. Und gut tut Ihr daran, Kundige in Eurem Gefolge mitzunehmen, die Euch bei jenen Belangen zu raten vermögen, in denen Ihr nicht beschlagen seid.”
Firian merkte, wie seine Gedanken abzuschweifen begannen und zwang sich, dem dahin mäandrierenden Redefluss des Horasiers weiter zu folgen. “Die Umbettung Verstorbener ist allerdings keine angenehme Sache, und bedürfte Eurer Anwesenheit nicht - wiewohl ich keinesfalls daran zweifle, dass Ihr mit Eurer Person diesem Vorgang weltliche Würde verliehet, was dem Seelenfrieden Eurer zu Tode gekommenen Untertanen zuträglich sein könnte. Ebenso würde Euer Auftreten in Dreiwalden den Einwohnern die Wichtigkeit der Angelegenheit vor Augen führen. Allerdings könnte es auch geschehen, dass gerade Eure Präsenz die Witwe, wie auch Leute, die etwas über diese zu wissen meinen, einschüchterte, was es schwieriger machen könnte, mit Noionas Segen den zu Befragenden Gelassenheit zu vermitteln, sodass jene offener sprechen. Vielleicht wäre es angeraten, dass zuerst wir Diener des Raben mit der Hinterbliebenen und anderen Dörflern sprechen, dann in Anwesenheit einer - wie sagt Ihr? Weisen Frau? einer Heilkundigen? - die Toten zur Ruhe getragen werden und schließlich Ihr mit Eurer Autorität weiteren, womöglich erforderlichen Maßnahmen die angemessene Wichtigkeit verleiht.”
Adaque beobachtete gespannt ihren Gemahl. Der Noionit war sehr geschickt vorgegangen. Er hatte das Für und Wider abgewogen und gab damit Firian ordentlich Stoff zum Grübeln. Wie würde er sich entscheiden? Sie würde seine Entscheidung nicht beeinflussen und hielt sich deshalb zurück, auch wenn sie den Boronis und der Weisen Frau den Vortritt geben würde. Was würde Firian antworten?
Firian musste einen Moment nachdenken. Es fiel ihm immer schwer, den geschwurbelten Reden der Südlander zu folgen. Er beschloss daher, einfach nochmal von vorne anzufangen. “Das ist gut, dass sie die Wahrheit spricht! Im Kleinen wie im Großen ist das der einzige Weg, besonders im Umgang mit ihrem Lehnsherren. Denn dieser wird die Wahrheit immer ehren.”
Firian machte in Perchtrudis Richtung eine Handbewegung mit ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger und schickte sie so erst einmal fort. Für das folgende Gespräch war ihre Anwesenheit, so Firians Meinung, unnötig. “Mein Schwertvater lehrte mich, dass man für jeden Gegner die passende Waffe braucht und kein Mensch es schaffen kann alle Waffen… die des Arms, die des Geistes und die von den Göttern gewährten… zu meistern. Daher überlasse ich natürlich die Umbettung der Körper der Toten ebenso wie das Sprechen der Segen für das Seelenheil eben der Seelen der Toten Euch. Auch wenn ich betonen will, dass ich kein verweichlichter Hor… äh … Almadaner bin. Ich scheue nicht davor zurück, unangenehmen Dinge zu tun, wenn sie nötig sind. Dass diese Bauern auf einen ordentlichen Anger gehören, ist nötig!” Nachdem das klargestellt war, beschloss Firian nun die nächsten Schritte einzuleiten: “Dass einige Bauern aus Dreiwalden Angst haben, wenn ich komme, ist angesichts ihrer scheinbaren Verfehlungen durchaus angebracht. Doch wissen meine Untertanen, wenn ich selber erscheine, dann ist noch Zeit und Gelegenheit zu reden. Hätte ich mein Urteil schon gefällt und sie für schuldig befunden, würde ich an meiner Statt die beiden jungen Runkelritter schicken. Wenn meine Kettenhunde alleine auftauchen, wissen alle, welche Stunde geschlagen hat. Aber weder die beiden noch meine Person sind vielleicht die Richtigen, um trauernde Hinterbliebene delkta... delit… äh... Fragen zu stellen, die sehr nah gehen. Daher werden wir es so machen. Wir reiten gemeinsam nach Dreiwalden, doch dort angekommen werden ich und mein Hofgeweihter zunächst weiter gen Blautann reiten. Malina Bockfold, eine Tochter der Erde, hat dort ihre Behausung. Wir werden sie um Hilfe bitten und dann nach Dreiwalden bringen. Ich denke sie ist bei Krankheit und eventuell Gift die bessere Wahl als Luzelin oder Rowina. Oder was meinst du?”
Der letzte Satz war direkt an Adaque gerichtet die Firian damit zusätzlich aufforderte ihre Meinung zu seinem Plan zu äußern. Er war gespannt wie diese ausfallen würde und was die Boronis von allem halten würden.
Adaque nickte zustimmend. “Malina ist sicher eine gute Wahl. Nicht, dass ich Rowina oder Luzelin damit herabwürdigen möchte, aber in diesem Fall ist eine Tochter der Erde sicher eine gute Unterstützung. Wenn du das machen würdest, Firian? Aber gib den Geweihten des Ewigen genügend Zeit, sich ihren Aufgaben zu widmen. Seelsorge wird vonnöten sein und erst recht eine Umbettung mit Einsegnung… du weißt, da ist Ruhe und Besonnenheit angebracht.”
Die Baronin hoffte, dass ihr Gemahl ein Einsehen hatte, denn er trat doch nicht selten herrschsüchtig und forsch auf. Das konnte die einfachen Leutchen in Dreiwalden ordentlich verschrecken. Umso besser, wenn die Geweihten da Vorarbeit leisteten. Firian rang einen Moment mit sich. Die Sache mit Malina war nach Adaques Zustimmung für ihn entschieden. Aber die andere Sache… er konnte sich schon denken, worauf Adaque hinaus wollte. Es war ja in den letzten Jahren schon oft so gewesen, dass er den harten und sie den milden Part in der Regentschaft über Schneehag eingenommen hatte. Es war nur wichtig, dass keine Seite die Oberhand gewann. So jedenfalls seine Meinung.
“Du hast vollkommen Recht und ich bin mir auch sicher, dass Rowina nur schwer zu überzeugen wäre, bei diesem Problem zu helfen. Und Luzelin… nein, Malina ist die Richtige dafür. Ich werde sie wie gesagt besuchen.” Es entstand eine kurze Pause bevor er fortfuhr: “Ich verstehe, was du meinst. Doch denke auch daran, dass der Alte vom Berg uns lehrt: Strenge und Härte sind wichtig. Hier ist nicht die Goldene Aue… Schwäche können wir uns nicht leisten. Wenn es in Dreiwalden eine wie auch immer geartetes Fäulnis gibt, müssen wir sie ausmerzen, bevor sie sich ausbreitet!” Der Baron von Schneehag sah die Boronis an: “Was sagt ihr zu meiner Entscheidung und was würdet Ihr sagen, ist in Euren Augen genügend Zeit?” Bishdaryan von Tikalen blickte zu Schwester Liutperga, doch sie schien tatsächlich ihm das Gespräch mit dem Baron überlassen zu wollen. “Rasch und direkt zu handeln ist bei jeder Art von manifester Bedrohung das richtige Vorgehen, Euer Hochgeboren. Euer Wille zum Handeln ist daher gut und angebracht. Wenn Ihr der Meinung seid, dass eine Satuarientochter dabei von Hilfe sein kann... nun, Ihr kennt die Gefahren des Landes und Eure Untertanen am besten, und so mag jene eine sinnvolle Begleitung sein. Gleichwohl erscheint es mir weise, zuerst seelsorgend mit der Witwe zu sprechen und mit jenen Dörflern, denen der Tod der Familie zu Herzen gegangen ist. Erst dann würde ich mit einer genaueren, nachdrücklichen Befragung und womöglich sogar arkanen Untersuchung der Umstände und Verstorbenen beginnen. Ist eine Schwelle erstmal überschritten, fällt die Tür leicht hinter einem zu, heißt in Belhanka ein Sprichwort, das Ihr fraglos auch versteht?”
Da pflichtete ihm nun auch Liutperga zu, die froh war, dass Bishdaryan, der offenbar viel beschlagener in solchen Dingen war als sie, das Wort geführt hatte. Coris schien erleichtert zu sein, dass sie nicht alleine der Gefahr gegenüberstehen würden, die womöglich in Dreiwalden auf sie lauerte. Sollte es tatsächlich ein Fall für die weltliche Gerichtsbarkeit sein, so war es gut, wenn der Baron selbst die Untersuchung und gegebenenfalls Bestrafung übernähme.
“Dann wird es so geschehen. Wir reiten morgen gemeinsam los. In Dreiwalden angekommen lass ich euch zuerst alleine in das Dorf und hole Malina. Bis zu ihrer Hütte und zurück werden wir sicherlich, zusätzlich mit dem Gespräch und dem Zusammensuchen von den Dingen die Malina braucht, einen Tag benötigen. Den habt ihr also schon einmal… Vorsprung, wenn man so sagen will. Wenn wir angekommen sind, spreche ich erst mit euch bevor ich dann sehe, wie es weitergeht!” Damit war für Firian die Sache geklärt und der Plan gefasst. “Gut… ich werde mich dann jetzt erst einmal wieder in den Hof zu den Knappen begeben. Da gibt es noch einiges zu tun! Seid meine Gäste, ihr könnt euch frei auf der Burg bewegen!”
Firian nickte Adaque kurz zu und übergab ihr damit quasi den Auftrag, das Gesinde zu informieren, dass es die Kammern bereitmache und dergleichen. Anschließend stand er auf, drückte noch kurz Adaques Hand und verließ den Rittersaal. Natürlich dicht gefolgt von seinen Hunden.
Die Baronin wandte sich an die Boroni: “Ich hoffe, wir dürfen Euch noch ein Nachtquartier und eine gepflegte Mahlzeit bieten, bevor Ihr morgen aufbrecht. Für Eure Mission wünsche ich Euch viel Erfolg und hoffe, dass die eigenartigen und traurigen Geschehnisse in Dreiwalden aufgeklärt werden können. Boron möge euch beschützen! Lebt wohl!”