“Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu”

Dreiwalden Rahja 1041

Am kommenden Morgen traf sich die Dorfgemeinschaft auf dem Dorfplatz, dessen Mittelpunkt eine alte, mächtige Linde darstellte. Auch die Boroni waren gekommen. Alles wartete auf das Erscheinen des Barons und seines Gefolges. Baron Firian Böcklin begrüßte mit grimmiger Miene die eintreffenden Dorfbewohner. Neben ihm stand Malina Bockfold, einen Weidenkorb im Arm, aus dem die Schildkröte vorwitzig herausblickte. Auf der anderen Seite stand sein Hofgeweihter, ein Diener des Alten vom Berg und auch der Halbbruder des Barons, Firutin Fesslin. Baron und Geweihter waren beide gerüstet und bewaffnet. Malina trug, wie schon die ganze Zeit, ihren Hirschfänger. Den restlichen gestrigen Tag, während die Borongeweihten mit den Vorbereitungen für die, was die Anzahl der Toten anging, recht große Beerdigung befasst gewesen waren, war der Baron von Haus zu Haus gegangen. Er hatte viele Fragen gestellt und nur wenige Zeichen gegeben, wohin seine Fragen führen sollten.

Nicht wenige der Dorfbewohner sahen alles andere als gelassen aus. Viele tuschelten untereinander und tauschten sich über die Fragen und die gegebenen Antworten aus. Schließlich waren alle versammelt.

Firian räusperte sich noch einmal kurz und erhob die Stimme: “Im Namen des Herren Praios, Firuns und ihrer Geschwister eröffne ich hiermit die Gerichtsverhandlung. Wir werden heute den oder die Schuldigen finden, der zum einen dafür verantwortlich ist, dass fünf Schneehager elendig gestorben sind, zum anderen dafür, dass sie nicht, wie es sich gehört, ordentlich bestattet wurden, sondern wie dreckige Schwarzpelze oder noch Schlimmeres irgendwo verscharrt wurden. Ebenso werde ich heute Recht über den oder die Schuldigen sprechen und ein Urteil fällen. Eines kann ich vorwegnehmen: Im Anschluss an diese Verhandlung wird die komplette Dorfgemeinschaft der ordentlichen Beerdigung der toten Familie beiwohnen. Ich hoffe für das Seelenheil eines jeden Bewohners von Dreiwalden, dass der Herr Boron nach der Beerdigung keinen Groll hegt.”

Seine Gnaden Bishdaryan blickte reglos über die versammelte Menge hinweg. Flankiert von der erfahrenen Liutperga und der mit diesem Tag um eine düstere Erfahrung reiferen Coris saß er zur Linken des Baronsgefolges auf einer schlichten Bank. Die Scheuer, in welcher die Toten noch immer aufgebahrt lagen und geduldig darauf warteten, zu ihrer endgültigen Ruhestatt gebracht zu werden, hatte er im Blickfeld. Zur Rechten des Barons und damit gleich neben der stehenden Hexe wartete die Witwe, von Trauer und Müdigkeit ausgelaugt und doch mit einem Blick, der Hoffnung erahnen ließ. Hoffnung auf eine Einkehr der Ihren in die Paradiese. Hoffnung darauf, dass sie selbst nicht verflucht war, sondern dass ihr Gerechtigkeit geschehen würde. Zwei Grundlagen der geistlichen und der weltlichen Ordnung konnten nun wiederhergestellt werden, dachte sich der Noionit. Er war zuversichtlich, dass der Herrscher über dieses Dorf in seiner robusten Art das Richtige tun und sagen würde, hatte doch der Götterfürst den zupackenden Mann an diesen Platz in der Welt gestellt. Und dann würden sie, die Borondiener, das Werk im Geiste des Schweigenden vollenden. Liutperga und Coris hatten Bishdaryan in ihre Mitte genommen. Nun sollte Recht gesprochen werden.Coris, die den Baron besser kannte als ihre Glaubensgeschwister, war sich sicher, dass es ein strenges, aber gerechtes Urteil geben würde.

Firians Gesicht wurde eine Spur milder, als er die einzige Überlebende der Familie Krayenbruch ansah: “Holdwiep, ich fordere dich hiermit auf, vor mich und die Dorfgemeinschaft zu treten und zu berichten, was geschehen ist und was dir nach dem Tod der Deinen widerfahren ist!”

Bleich, übermüdet und dennoch gefasst stand Holdwiep Krayenbruch auf und trat vor den Baron von Schneehag. Sie fühlte die wohlwollenden Blicke der drei Boroni auf sich ruhen. Das gab ihr Kraft. Die drei Diener des Unausweichlichen hatten ihr Vertrauen in die Gerechtigkeit des letzten Richters gestärkt. Nun war es an der Zeit, sich ruhigen Gewissens dem weltlichen Richter zu stellen. Nach ein paar tiefen Atemzügen, die der Sammlung der Gedanken dienten, begann Holdwiep zu sprechen. Sie berichtete von Anfang an: “Habt Dank, Hochgeboren, dass Ihr mir die Möglichkeit gebt, mich gegen die gegen mich geäußerten Vorwürfe zu verteidigen. Glaubt mir, hochverehrter Baron von Schneehag, ich habe meine Familie nicht vergiftet, wie manche hier im Ort offen oder hinter vorgehaltener Hand murmeln.” Der Blick der aufgeregten Blondine ging zunächst anschuldigend zu Girte, die mit verschränkten Armen neben ihrem Mann, dem Dorfvorsteher Helmfried saß und das Kinn bockig gen Himmel reckte. Dann kehrte Holdwieps von dunklen Augenringen gezeichneter Blick zu Firian zurück. “Musste ich nicht schon genug leiden, frage ich Euch? Durch den Tod meiner Liebsten und den Umstand, dass sie nicht borongefällig auf dem geweihten Boronanger des Dorfes bestattet wurden? Damit nicht genug! Man beschuldigte mich des Ehebruchs, der Giftmischerei und der Verwendung schwarzmagischer Praktiken! Euer Hochgeboren, nichts davon entspricht der Wahrheit!”

Firians Blick war hart und unbewegt. Sowohl als Holdwiep berichtete, bei ihren Blicken zu den anderen Dorfbewohnern und auch bei ihren Fragen. Er beantwortete ihre Fragen nicht. Einzig sein Blick, der jetzt alleine auf ihr ruhte, wurde etwas milder und vielleicht enthielt er sogar eine Spur Verständnis. “Wer ist es, der euch dieser Taten beschuldigt? Welche Beweise wurden dafür vorgebracht und was haben inzwischen die weise Frau Malina Bockfold und die Geweihten des Dunklen Vaters über die tatsächlichen Ursachen für die Tode herausgefunden? Als letztes möchte ich wissen wie dein Verhältnis zu Girte ist und seit wann ihr euch kennt.”

“Offen beschuldigt hat mich Girte, die Frau unseres Dorfvorstehers Helmfried. Niemand in der Dorfgemeinschaft hat ihren Verdächtigungen widersprochen. Beweise hatte sie keine dafür, wie sollte sie auch! Sie hat meine Versuche, meine Familie mit Hilfe von Heilkräutern zu heilen, als Vergiftung gedeutet. Mein Verhältnis zu Girte? Es ist wie zu jedem anderen hier im Dorf. Also eigentlich…, denn wir sind nicht verwandt oder verschwägert. Tatsache ist aber, dass sie mich schon seit einiger Zeit verdächtigt, ein Verhältnis mit ihrem Mann zu haben. Wie sie darauf kommt, weiß ich allerdings nicht.”

Ihr Blick ging nun zu Malina Bockfold und den Boroni, die ihre Erkenntnisse mitteilen sollten. Liutperga verwies auf Bruder Bishdaryan, der die Seelenprüfung durchgeführt hatte und auch sonst der Erfahrenste von ihnen bei der Untersuchung ungewöhnlicher Todesfälle war.

Firian nickte mehrfach verstehend und mit einer herrischen Geste brachte er Girte zum Schweigen, die aufbegehren wollte: “Du erhältst noch das Wort!”, ließ er grollend und mit eisigem Ton folgen. Sein Blick ging zu der Seite an der die Boronis saßen: “Eher Seine Gnaden Bishdaryan. Was könnt Ihr zu den Ausführungen von Holdwiep sagen?”

Der Horasier erhob sich ungewohnt abrupt, so als ob er aus der Rolle des Seelsorgers in eine aus seinem früheren Leben zurückfalle: “Was die Witwe Euch und der Versammlung berichtete, hat Sie zuvor auch uns glaubhaft kundgetan, wenn auch in anderen Worten und anderem Ton. Schwester Coris hat getreu und geordnet aufgeschrieben, was wir erfuhren. Diese Niederschrift deckt sich inhaltlich mit dem, was Ihr soeben hörtet. Weitere Aspekte des Geschehens, die Frau Krayenbruch im mündlichen Bericht nun nicht nannte, die ich aber erfragen konnte, tauchen gleichfalls darin auf. So etwa jener Umstand, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Ursache des Todes der ganzen Familie gewesen ist - und auch ener, weshalb der HERr die Witwe noch nicht zu sich gerufen hat. Ich möchte dies als mögliches Wissen des oder der Verantwortlichen noch nicht aussprechen.” Er hielt kurz inne und wartete, bis das Gemurmel der Zuhörer zu fast unhörbarer Stille abgesunken war, damit auch jeder zu hören vermochte, was er anfügte und so hervorhob: “Eines aber will ich für die Kirche des HERn Boron offen sagen: Holdwiep Krayenbruch trägt kein Schandmal des Frevels auf sich, wie es der Fall sein müsste, wenn sie in dämonenbuhlerischer, götterlästerlicher und heimtückischer Weise ihre Familie vergiftet hätte.”

“Hört, hört!”, donnerte der Firungeweihte - seine ersten Worte, seitdem er im Dorf war.

Nun wanderte Firians Blick zur anderen Frau des Dorfes, die bisher schon erwähnt worden war: “Nun, Girte ist dein Moment gekommen. Der Moment in dem du das Wort erhältst. Überlege dir gut, welche Worte du sprichst und welche Dinge du damit kund tust. So viel will ich dir raten!”

Girte hatte ihre rotblonden Haare hochgesteckt. Ihre braunen Augen funkelten. Sie sah den Baron mit einem gekonnten Augenaufschlag an: “Nun, Euer Hochgeboren, ich habe wohl mal den Verdacht geäußert, dass die Witwe Krayenbruch aus niederen Beweggründen ihre Familie losgeworden sei. Ich sah sie schließlich in den Wald gehen und mit einem vollen Korb Kräuter wiederkehren. Und das nicht nur einmal. Überhaupt ging sie sehr gerne in den Wald… was hat sie da wohl immer gemacht?” Die Rotblonde stemmte ihre Hände in die Seiten und sah Firian herausfordernd an.

Eiskalte Wut stieg in Firian, hoch als die in Garetien geborene Frau ihre Worte äußerte. Ihr Verhalten und alles, was er bisher in diesem Dorf über die Menschen und ihr Verhalten gehört, hatte gefiel ihm überhaupt nicht. Ihm war inzwischen sehr klar geworden, dass er schnell und sehr dringend eingreifen musste, damit Dreiwalden sich weiterhin in die gleiche Richtung wie die gesamte Baronie entwickelte und nicht zu einem schwärenden Krankheitsherd würde. Eine letzte Gelegenheit wollte er der Frau aber noch geben: “Sie ist sich ganz sicher, dass dies alle Worte sind, die sie zu der ganzen Sache verlieren will? Sie ist sich sicher, dass sie nichts weiter zu ihrem eigenen Tun gegenüber Witwe Krayenbruch sagen will? Sie ist sich sicher, dass sie hier, immerhin vor gleich vier Dienern der Zwölf stehend, keine Worte der Reue und des Eingestehens sagen will? Dass sie kein Wort über einen Hasen verlieren will?” Firians Rede hatte als leises Grollen begonnen, wie Hunde es manchmal von sich geben, bevor sie richtig anfangen zu knurren. Schnell war es aber lauter und bedrohlicher geworden. Der letzte Satz schließlich fühlte sich so an, bei denjenigen die es erlebt hatten oder es sich vorstellen konnten, wie es sein müsste, wenn sich ein Bär vor einem aufrichtete und einen anbrüllte.

Trotzdem schürzte Girte die Lippen und verschränkte die Arme vor der Brust. “Reue, Baron? Eingestehen? Was sollte ich wohl eingestehen? Ist ja lächerlich!”

Stille in der Versammlung. Die Dorfgemeinschaft hielt den Atem an. Die Stimmung war geladen wie bei einem Gewitter, kurz bevor der erste Blitz zu Boden zuckt.

“Nun gut”, antwortete Firian knapp. Mit einer Handbewegung gab er zu verstehen, dass er Girte das Wort entzogen hatte.

Er drehte sich zu seinem Hofgeweihten und sagte ein paar wenige Worte in einer allen Anwesenden unbekannten Sprache. Anschließend erteilte er Malina Bockfold das Wort. Diese trat vor und berichtete, was sie über die tote Familie und über Holdwiep herausgefunden hatte: Dass die Toten keinerlei Spuren von Magie oder Verderbnis zeigten. Dass Holdwiep ebenso frei davon war, mit dem Unterschied lebendig zu sein. Sie erzählte etwas über die vermutete Todesursache und brachte so den Hasen im Brunnen ins Gespräch. Im Anschluss daran ergriff Firian wieder das Wort und wiederholte die Inhalte einiger Gespräche mit Bewohnern von Dreiwalden. Dabei wurden diese immer direkt angesprochen, ob das vom Baron Wiedergegebene der Wahrheit entspreche. Jeder Angesprochene bestätigt dies.

Schließlich trat Firian einen Schritt vor, legte die Hand auf seinen Schwertgriff und begann mit überaus ernster Stimme zu sprechen: “Das soll reichen! Ich habe genug gehört. Im Beisein von vier Dienern der Zwölf und durch die mir gegebene Macht und der praiosgefälligen Ordnung folgend, fälle ich folgendes Urteil! Holdwiep Krayenbruch wird von mir von allen Anschuldigungen freigesprochen! Nichts von dem, was ihr vorgeworfen wurde, trifft zu. Sämtliche Beschuldigungen sind frei erfunden oder niederträchtig angedichtet worden. Ich bitte die anwesenden Geweihten des Dunklen Vaters, sich ihrer anzunehmen, damit sie an Seele und Körper genesen kann. So sie es denn will auch an einem anderen Ort!”

Der Witwe war die Erleichterung deutlich anzusehen. Dennoch schien sie sich nicht freuen zu können. Zu tief hatten sich die schrecklichen Erlebnisse in ihre Seele eingebrannt. Ihr dankbarer Blick ging jedoch hinüber zu den drei Boroni, die zufrieden mit dem Urteilsspruch des Barons wirkten und Holdwiep aufmunternd zunickten.

Firians Blick schweifte über die Dorfgemeinschaft: “Ich verurteile die Dorfgemeinschaft dazu, das Land von Familie Krayenbruch weiter zu bewirtschaften. Von den Erträgen den Zehnt an Adel und den Zehnt an die Zwölf zu zahlen. Der Tempelzehnt wird dabei an das Kloster Etiliengrund abgeführt! Der Überschuss, den das Land eventuell abwirft, geht an Perchtrudis, die diesen für Holdwiep verwahrt. Ihr ist es erlaubt, bis zu Holdwieps Rückkehr ein Drittel dieser Überschusses für sich zu behalten!”

Der Blick des Barons von Schneehag blieb auf eben genannten Perchtrudis hängen. Die kleine Frau mit den dicken, roten Zöpfen ließ überrascht den Mund offen stehen. “Ebenso ernenne ich eben genannte Perchtrudis zur neuen Dorfschulzin und entziehe damit gleichzeitig Helmfried dieses Amt. Perchtrudis war es, die das ganze Dorf davor bewahrt, hat einen Frevel zu vollenden! Sie war es, die Hilfe geholt hat, als diese bitter nötig war. Einen Dorfvorsteher, der Morde unter fadenscheinigen Anschuldigungen durchgehen lässt und dann auch noch die Körper guter Schneehager Bauern einfach irgendwo verscharren lässt, als wären sie irgendwelche Kreaturen, kann und werde ich nicht dulden!”

Die grauen Augen von Perchtrudis wurden groß wie Suppenteller. Mit Genugtuung lauschte sie, was der Baron von Schneehag zu verkünden hatte. Doch schon jetzt wusste sie, dass sie keine leichte Aufgabe zugeteilt bekommen hatte. Wie die Dorfgemeinschaft darauf wohl reagieren würde?

Firians Blick war zu Helmfried gewandert. Dieser öffnete den Mund, um sich zu verteidigen und gegen den Baron aufzubegehren. Dann aber wartete er ab, was dieser weiter ausführen würde. “Ebenso verurteile ich dich, Helmfried, dazu, zusammen mit deiner Familie, die Hofstelle der Familie Krayenbruch instandzuhalten, so dass diese nach der Rückkehr von Holdwiep augenblicklich wieder bewohnbar ist. Ferner wirst du die nächsten zwölf Götternamen den doppelten Tempelzehnt entrichten und dich mindestens einmal nach Etiliengrund begeben, um Buße zu tun. Vielleicht vergibt dir der Ewige dir so deine Sünden!”

Die Mienen der drei Boroni deuteten an, dass sie diese Strafe für angemessen hielten. Helmfried schien fassungslos. Er schüttelte ungläubig seinen Kopf: “Das ist nicht Euer Ernst, Hochgeboren, oder doch?”

“Das ist mein voller Ernst… er kann froh sein, dass ich so milde über ihn urteile, bei dem was sein Handeln hätte anrichten können!” Schlussendlich landete Firians Blick auf Girte und sowohl sein Blick als auch seine Züge wurden eiskalt: “Im Namen Firuns und seiner Geschwister spreche ich dich, Girte, schuldig! Du bist schuldig, durch dein Handeln die gesamte Familie Krayenbruch, mit Ausnahme von Holdwiep, zu Tode gebracht zu haben. Du hast dabei aus niederträchtigen und eingebildeten Beweggründen gehandelt! Du hattest viele Male die Gelegenheit, dich zu besinnen und auf deinem Weg umzukehren. Noch eben gerade hast du die Gelegenheit gehabt, dich als im Kern gut zu erweisen, zu gestehen und zu beichten. Dies hast du nicht getan. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass du durch und durch schlecht und niederträchtig bist. Ich kann und werde weder Mörder unter meinen Untertanen dulden, noch dulden, dass die Saat ihres Handelns andere ansteckt und sich wie eine Krankheit verbreitet. Ich verurteile dich hiermit zum Tod durch den Strang! Aufgrund deiner Uneinsichtigkeit und Niedertracht verfüge ich ebenfalls, dass deine Leiche im Anschluss verbrannt und dir dadurch der Einzug in Borons Hallen verwehrt wird! Deine Asche wird in den Fialgralwa gestreut werden in der Absicht, damit alle Spuren deines Handelns zu tilgen.”

Firian war gespannt und bereit zu reagieren, jetzt wo er sein Urteil gefällt hatte. Seine Hand ruhte weiterhin auf seinem Schwertgriff und im Hintergrund hatte sein Hofgeweihter einen Bogen gespannt und bereit gemacht.

Der Aufschrei Girtes hallte allen Anwesenden in den Ohren und schien von den Schädeldecken zurückgeworfen zu werden. Mit weit aufgerissenen Augen sank die Frau auf die Knie. Auch die Dreiwaldener blieben nicht unberührt von dem harten Urteil. Unmut war ebenso zu vernehmen wie zustimmendes Nicken zu sehen. Die Meinungen waren also geteilt. Der lauteste Protest kam wie erwartet von Helmfried, der mit geballten Fäusten auf Firian zuging. Während seine Frau wimmernd auf dem Boden kauerte, schien sich der Dorfvorsteher nicht mit dem gefällten Urteil abfinden zu wollen: “Mit Verlaub, Hochgeboren, das ist kein gerechtes Urteil! Das ist Rache! Was haben wir Euch getan, Baron? Haben wir nicht all die Jahre Euch gute Dienste geleistet? Ihr könnt doch meine Frau nicht so schwer bestrafen für eine nicht nachgewiesene Sache. Wer sagt, dass sie den Hasen getötet und in den Brunnen geworfen hat? Niemand! Keiner hat sie dabei beobachtet, oder etwa doch?”

Er sah sich in der Dorfgemeinschaft um. Die Gesichter blieben stumm. Manche zuckten nur mit den Schultern, andere schüttelten den Kopf. “Da habt Ihr es, Baron! Sie ist unschuldig! Das ist nur ein weiterer Verdacht, der dieses Mal nicht gegen Holdwiep gerichtet ist, sondern nun ist meine Frau das Opfer von offen ausgesprochenen Rufmord. Sie war es nicht! Das schwöre ich Euch!”

Helmfried gelang es in der Aufregung, sehr viele Worte hervorzubringen, bevor der Baron reagieren konnte. Zusätzlich hatte dieser sich zunächst noch einen Überblick verschafft, wie die Dorfgemeinschaft reagierte.

Als der Baron begonnen hatte, sein Urteil zu fällen, hatte sich der horasische Borongeweihte erhoben. Wohl war er dies aus seiner fernen Heimat so gewohnt. Nicht aber hatte er mit dem weiteren Verlauf dieses Verfahrens gerechnet: Bei Firians Worten gegen die Frau des Dorfvorstehers war Bishdaryans Miene ausdruckslos geworden. Niemand vermochte zu sagen, wie er über das Gehörte dachte. Nun tat er inmitten der Aufregung einen Schritt zur Seite, trat schräg hinter den Herrscher. Außenstehende mochten dies als Geste verstehen, die Entscheidung des Rechtsprechenden mit geistliche Autorität zu stützen. Die Worte, die er zu Firian sprach, so leise, dass nur jener und die unmittelbar um ihn Stehenden sie unter dem Klamor der Dörfler verstehen konnten, waren jedoch ebenso gut überlegt wie darauf angelegt, den Baron in seinem Furor zum Nachdenken anzuregen: “Euer Hochgeboren, weder bin ich mit der hiesigen Verfahrensführung vertraut, noch würde ich vor Untertanen Zweifel an den Entscheidungen eines adeligen Richters bedingen wollen. Auch bewundere ich Euer Vorgehen, die am Leid der zu Unrecht Beschuldigten Schuldige mittels größter Härte zu einer Schuldeinlassung zu bewegen. Gegen Brunnenvergifter muss in einem rechtschaffenen Landstrich unnachgiebig vorgegangen werden.”

Firian versuchte, dem weiten Redebogen zu folgen, den der Seelsorger mit ruhiger Stimme beschritt. Der Baron entspannte sich ein wenig, wie auch die Dörfler ein wenig Ruhe gewannen, da sie den ersten Zorn ihres Herrschers gelindert sahen.

Bishdaryan fuhr fort, unverändert leise und zurückhaltend: “Darob möchtet Ihr mir drei Fragen und einen Hinweis entschuldigen: Ist es erstens in der Weidener Rechtsprechung üblich, Anklage gegen eine Person zu erheben und die Strafe wegen derselben Sache gegen eine andere zu verhängen, ohne letztere förmlich anzuklangen und eine Beweisaufnahme gegen diese zu führen? Falls dem nicht so wäre, würdet Ihr dann zweitens den Einwand Helmfrieds berücksichtigen - vorausgesetzt seine Frau gestände nicht von sich aus -, es gebe keinen Beweis dafür, dass diese den Krankheit und Tod bringenden, toten Hasen in den Brunnen geworfen habe? Denn zumindest darin stimme ich dem Mann zu: Wer dies und in welcher Absicht getan hat, wäre dann noch zu untersuchen und zu belegen, selbst da an der Schuld der Verleumderin an der Erdlegung der Verstorbenen ohne die erforderlichen Riten kein Zweifel besteht. Brunnenvergiftung und Verbreitung von Seuchen ist aus meiner Sicht und drittens eine so grässliche und efferd- wie perainelästerliche Tat, dass selbst die Schulzengattin nicht ohne Beweise deren schuldig gesprochen werden sollte, falls dies nicht den Regeln der hiesigen Jurisdiction entspricht, nicht? Zuletzt mein Hinweis, mit dem ich nicht Euer Vorgehen in Frage stellen sondern lediglich die Trennung weltlicher und kirchlicher Befugnisse verdeutlichen möchte: Allein hohe Diener der Zwölfe dürfen in besonderen und durch erwiesenen Frevel an der göttlichen Ordnung begründeten Fällen Menschen das Seelenheil versagen und diese aus der Gemeinschaft der jeweiligen Kirche verstoßen. Das Verbrennen eines Leichnams mag hierzulande eine Strafe zur gesellschaftlichen Ächtung und aus Eurer Sicht als Richter angebracht sein - den Einzug in Borons Hallen verweigert sie für sich genommen nicht… und über die Bestattungsriten in verschiedenen Regionen erzähle ich Euch gerne, wenn wir diese unerfreuliche Situation hier hinter uns gelassen haben.”

Noch während Firian dem fremden Boroni zuhörte ging sein Blick einmal kurz zu den anderen Geweihten neben und hinter ihm. Die beiden Etiliengrunder Boronis schienen Bishdaryan zuzustimmen und seiner Meinung zu sein. Firutin, sein Halbbruder und Hofgeweihter gab dagegen mit einem winzigem Nicken seine Zustimmung. Firian wusste, dass er ihm folgen würde, egal wie er entschied. Einige Dinge, die Bishdaryan gesagt hatte, ergaben durchaus Sinn.

Bevor er sich wieder an die Bauern wandte, antwortete der Baron dem Geweihten. Dabei zeigten seine Worte und Gesten keinerlei Spur von Ärger oder ähnlichem. Sie klangen ehrlich und dankbar für den Ratschlag: “Habt Dank für euren Rat! Nicht alles, was Ihr gesagt habt, werde ich hier und jetzt beantworten oder beachten. Aber ich würde mich gerne, vielleicht auf dem Ritt zurück nach Etiliengrund, noch einmal länger darüber mit Euch austauschen. Nur soweit: Was das mit dem förmlich Anklagen angeht… so förmlich halten wie es hierzulande nicht… also was die Niederschrift des Ganzen angeht. Das Brimborium machen und dergleichen. Das kann schon mal sehr schnell gehen und sehr wenige Worte brauchen, um von einem zum anderen Richtspruch zu kommen. Was mein Urteil angeht… nach allem, was ich gehört habe, bin ich mir sicher genug, um es zu fällen. Ich bin bereit zu riskieren, dass an einem hoffentlich noch fernen Tag dieses genommene Leben auf meiner Sündenseite Rethons liegen wird. Doch ich bin festen Glaubens und Überzeugung dass es, wenn auch nicht als Wohltat, eines Tages doch als gerecht gewogen werden wird.”

Dann aber ging sein Blick wieder zu Bauer Helmfried und seiner Frau: “Bauer Helmfried… ich rate ihm vorsichtig zu sein in der Wahl seiner Worte. Dies ist keine Rache… dies alles hier ist unnötige Verschwendung… und ihr alle wisst, wie sehr der Herr Firun unnötige Verschwendung hasst. Wie sehr er sie verabscheut. Ihr alle wisst, wie hart das Leben hier am Rande des Finsterkamms nahezu ständig im Angesichts der Fratze des Schwarzpelzes ist. Wir müssen hart sein! Wir müssen stark sein! Wir müssen einig sein, um zu bestehen!”

“Lass uns stark sein, grimmiger Herr!” intonierte Firutin eine bekannte Anrufung an den Weißen Jäger.

Firian wiederholte sie kurz leise und fuhr dann fort: “Die Taten deiner Frau und deine eigenen haben unsere Gemeinschaft geschwächt. Sie haben zu nicht weniger als fünf toten Schneehagern geführt! Fünf Armpaare. Fünf Herzen. Fünf Seelen, die Dreiwalden und ganz Schneehag fehlen werden. Es mag sein, dass beim nächsten Sturm genau diese fehlen werden, um unser Überleben zu sichern! Niemals könnte ich deshalb leichtfertig und aus solch niederen Gefühlen wie Rache heraus ein sechstes Leben aus unserer Mitte entfernen! Helmfried du fehlst ein weiteres Mal, wenn du sagst, ich müsste deiner Frau etwas nachweisen. Ich muss lediglich etwas entscheiden und ausführen! Ihre… eure Taten sprechen eine eindeutige Sprache und nur die Tatsache dass du, seitdem ich dich kenne, immer ein guter und gottesfürchtiger Untertan warst, lassen mich dich so milde bestrafen für deine Taten. Doch für deine Frau sehe ich, nicht zuletzt durch ihr Auftreten hier vor mir, keine Hoffnung.”

Der Schneehager Baron hob die Hand und unterdrückte mit seiner ganzen Autorität weitere aufkeimende Worte: “Doch nicht zuletzt durch die Fürsprache der Diener Borons hier neben mir habe ich noch einmal überdacht! Sie halten deine Seele, Helmfried, offenbar, trotz aller Taten mit der von mir beschlossenen Strafe noch zu retten. Girte!” Firian wechselte vom Ehemann zur Ehefrau und sprach diese nun direkt an: “Ich will dir hiermit eine wirklich allerletzte Gelegenheit geben. So du hier mit diesen Dienern der Zwölf einen Eid auf den Herrn Praios und seine Geschwister ablegst, dass du unschuldig bist ob der vorgeworfenen Taten. So du nach dem Schwur keine Spuren einer Frevlerin zeigst. So werde ich mein Urteil widerufen und ein anderes fällen. Ebenso noch ein letztes Mal die Möglichkeit deinem Gewissen Erleichterung zu verschaffen und geläutert, dein Körper in Boron gesegneter Erde ruhend, vor Rethon zu treten!”

Girte rappelte sich auf. Ihre gesamte Körperhaltung hatte sich verändert. Die Schultern hingen und auch der Kopf war mit dem Kinn aufs Brustbein gesunken. Die Frau des ehemaligen Dorfschulzen war eine gebrochene Frau. Ihre Selbstsicherheit und der Hochmut waren verschwunden: “Vor den Dienern des Boron und dem Diener Firuns werde ich keinen Meineid schwören, Hochgeboren. Meine Seele soll doch noch die Chance erhalten, eines fernen Tages vor Rethon Gerechtigkeit zu erfahren. Ich habe den Hasen getötet und in den Brunnen geworfen. Aus Eifersucht und Neid, weil sich mein Gatte... ja Helmfried, das bist du! …. mehr für diese Blondine mit den drei plärrenden Bälgern interessierte als für mich. Ich wollte niemanden umbringen damit, aber ich hatte schon gehofft, dass sie alle ordentlich krank werden und die Scheißerei bekommen. Ja, das hätte ich ihr gegönnt, dieser Holdwiep mit ihrem unverschämten Glück!”

Die Frau war in Fahrt geraten. Sie redete sich um Kopf und Kragen. Trotz des Geständnisses, oder besser gesagt gerade deshalb, fürchtete Coris mehr und mehr um Girtes letztes Gericht vor der unbestechlichen Rethon. Oh weh, gerade vor dem Baron von Schneehag und seinem unerbittlichen Firunhofgeweihten so auszupacken war ein Fehler. Am liebsten hätte Coris Girte Einhalt geboten. Aber sie tat es nicht. Es war nicht an ihr, den Lauf der Dinge zu beeinflussen und sie wusste, die letzte Entscheidung über ein Eingehen in die Zwölfgöttlichen Paradiese gebührte ohnehin Boron. Sie konnte getrost diese Entscheidung dem Unausweichlichen überlassen.Alle Augen waren auf den Baron von Schneehag gerichtet. Wie würde er das Geständnis auffassen? Und würde Bishdaryan noch einmal versuchen, mäßigend auf den Lehnsherrn der Dreiwaldener einzuwirken?

Der Baron war für einen kurzen Moment tatsächlich überrascht. Er hatte fest damit gerechnet, dass die Frau den Eid verweigern würde. Aber dass sie dann auch gestehen würde, damit hatte er nicht mehr gerechnet. Umso besser für die Gemeinschaft, denn so waren alle Zweifel ausgeschlossen. Die nach dem Geständnis noch folgenden Worte waren dazu geeignet, ihn sehr sehr zornig zu machen. Ein früherer, jüngerer Firian hätte die Frau wohl sehr schnell gewaltsam zum Schweigen gebracht. So nahm er die Worte aber stoisch und mit eiskalter Miene hin. Was wirklich alle Anwesenden sehen konnten war, dass der Baron keineswegs triumphierend wirkte ob der Tatsache, dass er Recht behalten hatte. Der Mann von Girte dagegen brach unter den Worten und Anschuldigungen seiner Frau zusammen und ging auf die Knie.

Firians eiskalter und mitleidloser Blick ruhte auf der Frau, die endlich aufgehört hatte zu reden: “Nun… sehr spät, aber immerhin. Ich wünschte es hätte nicht fünf Leben gekostet, deinen verdorbenen Kern zu enttarnen, Girte!”

Er sah sich kurz um und sein Blick fiel auf zwei kräftige junge Bauern. Er kannte sie von einer Jagd, die er vor ein paar Götternamen hier in der Gegend veranstaltet hatte und die beiden als Aushilfsjagdknechte angestellt hatte: “Helme, Nille nehmt Girte und bringt sie in die Scheune da drüber. Achtet darauf, dass sie nicht wegrennt!”

Die beiden Bauernburschen schluckten kurz, folgten dann aber der Anweisung von Firian. Dieser sah sich einmal um und seine Blicke schienen an den Bäumen der Umgebung hängen zu bleiben.

Schließlich wandte er sich an seinen Hofgeweihten: “Besorg uns ein passendes Seil und geh dann zur Scheune. Helme und Nille sind gute Jungs aber eben noch junge Burschen!”

Firutin nickte kurz und ging davon. Firian wandte sich noch einmal an die versammelten Dorfbewohner: “Ihr alle habt gehört, was Girte gesprochen hat! Es gibt keinen Grund, Gnade oder Mitleid mit ihr zu zeigen. Aus diesem Grund bleibt mein Urteil bestehen! Bestehen mit einer Änderung”, er sah kurz zu Bishdaryan: “Girte wird alsbald durch den Strang sterben. Sobald sie tot ist, bleibt ihr Körper für einen Götternamen hängen. Im Anschluss erlaube ich es, der Zustimmung seiner Geweihten vorausgesetzt, dass sie borongefällig auf dem Anger bestattet wird.” Firian sah nun die Boronis an. Noch immer lag keine Spur Triumph in seiner Miene. Fast schon eher Trauer: “Eine unschöne Sache findet ihr Ende… wenigstens ist es nicht das Wirken eines Magiers gewesen oder dergleichen. Ich möchte Euch bitten, falls ihr dies in Borons Namen für angebracht haltet, noch zu Girte zu gehen und ihr die Gelegenheit zu geben, ihr Gewissen zu erleichtern. Ich beabsichtige das Urteil noch heute zu vollstrecken. Ebenso denke ich, spätestens nach den Worten, die auf das Geständnis folgten, wäre es wohl auch besser wenn sich jemand um das Seelenheil des Mannes kümmert. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, möchte ich Helmfried, nach seiner Strafe und wenn er Buße getan hat und vor Boron frei von Sünde ist, als Untertanen behalten. Schneehag hat heute schon genug schlagende Herzen verloren und ich will keine Waisen schaffen. Was meint ihr?”

Ausnahmsweise meldete sich die sonst so stille Coris zu Wort: “In der Tat ist das eine sehr unschöne Sache, Hochgeboren. Auch wir sind froh, dass kein unheiliges Wirken die Ursache war. Den Richtspruch werde ich nicht kommentieren, doch möchte ich im Namen des Totenrichters Boron mahnen, dass es nicht borongefällig ist, einen toten Körper so lange unbestattet zu lassen. Zumal wir Geweihten gerade hier sind, um eine borongefällige Bestattung auch für die Frevlerin zu gewährleisten und Boron ohnehin schon gelästert worden ist durch das Verscharren der Familienmitglieder. Ich denke, ich spreche für meine Glaubensgeschwister, wenn ich dafür plädiere, dass die durch die Strafe geläuterte Girte sofort nach ihrer Hinrichtung borongefällig bestattet wird. Wir können auf Wunsch auch einen gesonderten Bereich auf dem Anger dafür abtrennen.”

Firian wirkte etwas überrascht. Weniger darüber dass Coris als erste das Wort ergriffen hatte. Mehr wegen des Inhaltes: “Ich hatte ursprünglich eine noch viel längere Zeit im Sinn. Sowas wie bis der Strang von alleine reißt oder dergleichen. Weniger als Mahnung, doch war ich mir eigentlich sicher… oder besser ausgedrückt unsicher, ob sie überhaupt nach ihren Taten derlei Behandlung bekommen sollte. Seid ihr nicht der Meinung, dass sie vor Rethon scheitern wird?”

“Das ist alleine Borons Entscheidung. Ihm allein gebührt der letztgültige Richtspruch. Es ist nicht an uns, über ihr Seelenheil zu richten. Damit diese Dorfgemeinschaft wieder zur Ruhe kommen kann, sollte es ein Ende mit Schrecken geben anstatt eines Schreckens ohne Ende. Niemand hier wird diesen Richtspruch vergessen, seid unbesorgt, Baron!”, versicherte die Geweihte dem Schneehager Baron.

Firian runzelte die Stirn und dachte einen Moment nach. Er hatte sich wirklich zu wenig mit der Boronverehrung beschäftigt. Auch wenn viele seiner Standesgenossen das anders sehen würden. Immerhin hatte er als einer der wenigen, wenn nicht als einziger Baron einen Borontempel in seiner Baronie. Sogar ein ganzes Kloster! “Natürlich fällt er den Richtspruch… den endgültigen. Doch ehren wir sie nicht vorschnell und in seinem Namen, wenn wir sie nach seinen Geboten beerdigen? Ich meine, wir Menschen können nur raten, was die Götter meinen und entscheiden. Aber wenn ich in diesem Fall raten sollte, würde ich raten dass Rethon ihr den Einzug verwehren wird...”

Nun stand Liutperga auf und meldete sich zu Wort: "Wir als Geweihte des Unausweichlichen werden Euch niemals etwas anderes raten als die Gebote unseres Herrn Boron zu befolgen. Vor Boron sind grundsätzlich alle Menschen gleich. Ein Edelmann und ein Bettler, ein Geweihter oder ein Frevler. Einzig seine Seele mag zu schwer wiegen auf der Waagschale Rethons. Das aber lasst Girtes Sorge sein, Hochgeboren. Sie hat ihr Leben verwirkt. Ob sie auch nach dem Tod bestraft wird, entscheidet einzig Boron."

Firian blickte zu Bishdaryan der sich bisher noch nicht geäußert hatte. Ohne dem die Möglichkeit nehmen zu wollen darauf zu antworten hakte er auch noch einmal nach: “Was sagt ihr dazu und zu meiner Frage bezüglich Helmfried?”

“Meine Glaubensschwestern haben treffend gesprochen: Es steht keinem Sterblichen zu, einem anderen zu verweigern, vor die Totenwaage zu treten. Ob Seelen dadurch schwerer oder leichter werden und ob in Borons Hallen derjenige nicht gelangt, dessen Seele zu leicht oder zu schwer ist, das ist eine theologische Debatte, mit der ich diese Runde nicht behelligen will”, ergänzte Bishdaryan mit leichtem Lächeln. “Wohl aber können wir den Gläubigen helfen, ihre schlechten Taten zu bereuen. Und so sollten wir überlegen, wer von uns Geweihten”, sein Blick bezog Firutin mit ein, “in ihrer letzten Nacht bei der Verurteilten bleibe, auf dass sie bereuen und die Schuld von ihrer Seele abstreifen kann. Ich”, sagte er mit beschämt zu Boden gerichtetem Blick”, möchte diese Aufgabe gerne einem von euch überlassen, dem das Schicksal der Familie weniger nahe geht denn mir. Ich zweifle an mir selbst, dass ich der Seelsorger sein könnte, dessen Girte bedarf.” Dann klang er wieder zuversichtlicher: “Ihr wisst, Baron Firian, dass eine Seele nicht vor Rethon treten kann, solange der tote Leib nicht nach den Riten der Götter zur Ruhe gelegt ist. Der Leib ist bis dahin nicht nur tierischen Aasfressern ausgeliefert, sondern auch… jenseitigen. Das könnte im schlechtesten Fall Gefahr für alle Dorfbewohner bergen. Coris’ Anliegen ist daher vollkommen berechtigt, die Gehängte rasch zu bestatten. Ihr Schicksal und Euer Urteil werden Eure Untertanen auch so nicht vergessen, Hochgeboren.”

Coris erklärte sich bereit, die Nacht bei Girte zu verbringen und ihr die Beichte abzunehmen. Natürlich hatte sie noch keine Erfahrung mit der Vollstreckung von Todesurteilen, aber sie fühlte den innigen Wunsch dieser Frau, dass sie ihr in deren letzter Nacht auf Dere beistehe. Schließlich waren es gerade diese Momente, in denen Menschen an der Gerechtigkeit Borons Zweifel hegten und die Sorge um ihr jenseitiges Los sie zermürbte. Coris fühlte sich berufen, Girte die Liebe und Gerechtigkeit des Totenrichters Boron zu vermitteln und ihr die Hoffnung auf das Totengericht vor Rethon wiederzugeben.

Dann wandte sie sich wieder an den Baron von Schneehag: “Dann, Euer Hochgeboren, ist es an Euch nun das endgültige Urteil zu fällen und die notwendigen Anordnungen zu treffen.”

Firian dachte noch eine kurze Weile nach. “Nun gut ich will eurem Rat folgen und meinen Entschluss erneut ändern.” Firian sah besorgt zu seinem Hofgeweihten hinüber: “Ich hoffe, dies sind keine Anzeichen dafür dass ich zu… weich und mitleidig werde. Es werden noch Zeiten kommen, in denen Schneehag ohne die ganze Härte, die Firun uns gebietet, nicht bestehen kann. Wenn selbst ich aber schon zu sehr der Tochter folge und milde gestimmt bin… wer sorgt dann für die Härte? Andererseits ist das hier auch kein Zweikampf in der Wildnis und ein anderer Grad und Mischung von Härte und Mitleid, Gnade und Gnadenlosigkeit gefragt…”

Firutin nickte mehrfach und sagte nur knapp: “Wir werden das alsbald ergründen.” Damit ließ Firian es bewenden und löste die Versammlung auf. Coris sollte wie besprochen sich vornehmlich sowohl um Girte und Helmfried als auch um Holdwiep kümmern. Solange sie bei Girte, war wachte Malina über Holdwiep. Bishdaryan und Liutperga sollten sich, nach der noch einmal formal vorgetragenen Bitte um das Begräbnis von Holdwieps Familie kümmern. Firian und sein Hofgeweihter bereiteten erst die Hinrichtung vor und hielten danach Schriftliches fest. Zum einen Notizen, die er später auf Burg Firnhag in sein Gerichtsbuch sorgfältig würde verzeichnen lassen. Zum anderen für das Tempelbuch des Traviatempels zu Altenfurten. Dieser betreute das Dorf und den Traviaschrein in Dreiwalden mit. Das Urteil lautete in seiner endgültigen Fassung wie folgt: Holdwiep Krayenbruch wurde von Seiner Hochgeboren Firian Asralion Böcklin von Buchsbart, Baron zu Schneehag, von allen Anschuldigungen freigesprochen. Nichts von dem, was ihr vorgeworfen wurde, trifft zu. Sämtliche Beschuldigungen sind frei erfunden oder niederträchtig angedichtet worden. Sie wird bis zur Genesung ihrer geschädigten Seele im Kloster Etiliengrund verbleiben. Die Dorfgemeinschaft von Dreiwalden wird dazu verurteilt, das Land von Familie Krayenbruch weiter zu bewirtschaften. Von den Erträgen den Zehnt an Adel und den Zehnt an die Zwölf zu zahlen. Der Tempelzehnt wird dabei an das Kloster Etiliengrund abgeführt. Der Überschuss, den das Land eventuell abwirft, geht an Perchtrudis aus Dreiwalden, die diesen für Holdwiep verwahrt. Ihr ist es erlaubt, bis zu Holdwieps Rückkehr ein Drittel dieser Überschusses für sich zu behalten. Ebenso wurde mit sofortiger Wirkung eben jene Perchtrudis zur neuen Dorfschulzin ernannt und gleichzeitig dem bisherigen Dorfschulzen Helmfried dieses Amt entzogen. Eben jener Helmfried wurde ferner dazu verurteilt, zusammen mit seiner Familie die Hofstelle der Familie Krayenbruch instandzuhalten, so dass diese nach der Rückkehr von Holdwiep augenblicklich wieder bewohnbar ist. Ferner wurde ihm für die nächsten zwölf Götternamen der doppelten Tempelzehnt auferlegt. Dazu wurde ihm dringend angeraten, sich mindestens einmal nach Etiliengrund begeben, um Buße zu tun. Einen Mord unter fadenscheinigen Anschuldigungen durchgehen zu lassen und dann auch noch die Körper guter Schneehager Bauern einfach irgendwo zu verscharren, als wären sie irgendwelche Kreaturen, war großes Unrecht. Es bleibt fraglich ob der Ewige ihm seine Sünden vergeben wird. Dies liegt aber nicht im Richtspruch eines Barons! Schlussendlich lautete der Richtspruch über Girte wie folgt: Im Namen Firuns und seiner Geschwister spreche ich dich, Girte, schuldig. Du bist schuldig, durch dein Handeln die gesamte Familie Krayenbruch, mit Ausnahme von Holdwiep, zu Tode gebracht zu haben. Du hast dabei aus niederträchtigen und eingebildeten Beweggründen gehandelt. Du hattest viele Male die Gelegenheit, dich zu besinnen und auf deinem Weg umzukehren. Noch direkt vorm Richtspruch hast du die Gelegenheit gehabt, dich als im Kern gut zu erweisen, zu gestehen und zu beichten. Dies hast du nicht getan. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass du durch und durch schlecht und niederträchtig bist. Ich kann und werde weder Mörder unter meinen Untertanen dulden, noch dulden, dass die Saat ihres Handelns andere ansteckt und sich wie eine Krankheit verbreitet. Ich verurteile dich hiermit zum Tod durch den Strang. Erst nach diesem Urteil hast du gestanden und wenigstens dadurch und sehr spät deine Seele erleichtert. Aufgrund dieses Geständnisses und der Fürsprache durch anwesende Borongeweihte wird verfügt, dass deine Leiche nach einem Stundenglas abgenommen werden darf und nach den üblichen Riten und mit dem Segen Borons bestattet wird.

Girte nahm das endgültige Urteil kaum mehr wahr. Sie kauerte auf dem Boden, das Gesicht in den Händen verborgen. Die Aushilfsjagdknechte Nille und Helme griffen ihr unter die Arme und zogen sie hoch. Helmfried schluchzte auf. Hilflos hob er die Hände und musste zusehen, wie die beiden Dorfbewohner seine Frau in die Scheune brachten, wo sie ihre letzte Nacht verbringen sollte. Die Borongeweihte Coris “Etiliane” Fesslin folgte ihr. Sie würde ihr, wenn es sie dazu drängte, die Beichte abnehmen und mit ihr beten.