Ort:
Kloster Etiliengrund, Baronie Schneehag

Dramatis personae:
Bishdaryan von Tikalen, Noionit aus dem Lieblichen Feld (Wolf-Ulrich Schnurr)
Boroni aus Etiliengrund: Coris Etiliane Fesslin, Liutperga, Abt Eslmo Esalmo de las Dardas (alle Sabine)
Baron Firan Böcklin von Buchsbart zu Schneehag nebst Gattin Adaque von Mersingen und seine Entourage: Hofgeweihter Firuntin, Weise Frau Malina (Kalli)

Ankunft in Etiliengrund

“Keine Eile. Der Herr wartet geduldig auf uns.” Diese Sentenz hätte über einem Itinerär-Bild ihrer Reise stehen können, die sich im Rahja 1041 BF ihrem Ende zuneigte.

Geruhsam und gleichmütig waren die Borongeweihten ihrem Ziel zugestrebt, das sich nun im Dunst des Sommernachmittags in der Ferne erhob: Das Wehrkloster Etiliengrund mit seinen kantigen Mauern.
Keine Eile. Ruhe und Geduld. Das waren Eigenschaften, die einer Boroni gut zu Gesicht sanden. Und doch freute sich Coris Fesslin, bald ihr Heim zu erreichen.

Zwar hatte sich Bishdaryan von Tikalen als überraschend guter Reiter erweisen. Doch der horasische Glaubensbruder hatte sein Ross selten angespornt, oft gerastet, sich Zeit für die Kümmernisse von Menschen genommen, denen sie auf ihrem Weg begegnet waren, und so die Reise in die Länge gezogen.
Abgesehen von der verlängerten Dauer, bis Coris in ihre Heimat zurückkehren würde, war das nicht unangenehm gewesen: Bishdaryans Gelassenheit und stille Freundlichkeit strahlten selbst auf seine Reisebegleiter ab, Coris Fesslin, Dienerin Golgaris, und Nazir Nocturnus Heldor, einen Diener Bishdariels, denen die Einkehr in Boron nicht fremd war. Der Noionit schien einen besonderen Weg des Schweigens zu beschreiten, einen Zugang zu stillen, beruhigenden Räumen, und von den Seelen aller einen Teil ihrer Last zu nehmen, denen er sich zuwandte.
Nur in Andeutungen hatte er kundgetan, wie er zum Glauben gefunden und was ihn nach seiner späten Weihe geprägt hatte. Vielleicht würde er in jenen Stunden in Etiliengrund, in denen zu sprechen erlaubt war, mehr über sich berichten.

Als die Reisegruppe um die nächste Wegbiegung gelangte, war das Wehrkloster mit dem dazugehörigen Finsterwachtturm schon viel näher gerückt. Dunkel und doch einladend erhob es sich auf dem Krähensattel.
Coris liebte die einsame Lage des Klosters auf einem Hochplateau. Steil fielen die Hänge zu drei Seiten hin ab. Dornige Schlehbüsche machten einen Zugang von diesen Seiten her nahezu unmöglich. Efferdwärts befand sich auf einigen Terrassen, die dem Fels abgerungen waren, der klostereigene Boronanger. Auch er war umgeben von Dornenhecken.
Die Boroni und ihr noionitischer Begleiter Bisdaryan erklommen den Krähensattel über den schmalen Weg, der sich auf der rahjaseitigen, flacher ansteigenden Bergflanke in Serpentinen aufwärts wand. Dieser erreichte das Plateau und gab den Blick auf das Wehrkloster Etiliengrund frei.
Der wuchtige Finsterwachtturm, den die Etiliengrunder liebevoll “Krähenbecher” nannten, und die Türme der inneren Mauer gaben dem Kloster sein wehrhaftes Aussehen. Die Türme wurden wie immer von den namensgebenden Krähen umflogen, die eigentlich Finsterkammdohlen waren, doch kannten die einfachen Leute, welche die Katen auf dem Weg zum Kloster bewohnten, den Unterschied nicht.

Coris beobachtete die eleganten Flugmanöver der schwarzen Vögel. Wie alle Boroni, die in Etiliengrund ausgebildet worden waren, besaß auch Coris die Gabe, aus diesen zu lesen und sie als Orakel zu deuten. Der freudig-beschwingte Flug und das spielerische Auf und Ab der Vögel waren eindeutig gute Omen. Es erwartete die Rückkehrer wohl keine schlechte Nachricht und der mitgebrachte Besuch war überaus willkommen.

Die blasse Dienerin Golgaris atmete auf. Sie zügelte ihre Nordmähne und drehte sich zu Bishdaryan um: “Siehst du dort die Finsterkammdohlen über den Zinnen des Klosters? Wir lesen aus ihren Flugmanövern. Der Dunkle Vater enthüllt uns so manche Botschaft über den Flug der Vögel.”

Bishdaryan nickte im Sattel des geduldigen Warunkers, den er vor ihrer Abreise leichthin gekauft hatte: “Davon habe ich gehört, den Flug aber nie selbst zu lesen gelernt. In meinem Heimatkloster ist der Blick eher nach innen gerichtet. Du musst mir in den kommenden Wochen die Grundzüge dieser Kunst vermitteln, Schwester. Zeit wird sich finden.”

Gemeinsam ritten sie ein weiteres Stück auf das trutzige Gemäuer zu, den schweigenden Nazir hinter sich. Von der Seite musterte die junge Boroni den älteren Ordensmann in seiner schwarz-blauen Robe. Aufmerksam studierte dieser die Bauweise der Burg und drückte dann mit einen sanften Lächeln Zustimmung aus. Er schien folglich etwas von Befestigungstechnik zu verstehen, war aber gleichwohl neugierig, welche Ansätze man hier im hohen Weiden verfolgte. Denn, das hatte er während ihres Ritts berichtet, weiter nördlich als bis Darpatien war er zuvor noch nie gelangt.
Nur noch wenige Schritte trennten die drei vom äußeren Tor. Coris zügelte ihr braves Ross und stieg ab. Ihre Begleiter taten es ihr gleich. Sie merkte, wie Bishdaryan ihre Miene las: “Du fragst dich, was sich in der Zeit eurer Abwesenheit hier verändert haben mag?”, stellte er mehr fest als dass er fragte.

Wenn auch unerwartet, so überraschte es Coris nicht, dass Bishdaryan die Gabe besaß, in ihren Gedanken zu lesen. Die Jahre der inneren Einkehr in Boron hatten ihn wohl gestärkt darin, ohne Worte auszukommen und vieles aus den Gedanken seiner Glaubensbrüder und -schwestern zu erkennen. Doch zeigte diese Gabe durchaus, wie sehr der Ewige den Noioniten schätzte. Coris war beeindruckt.
“So ist es, Bruder Bishdaryan. Ich verlasse die Sicherheit der Klostermauern nur ungerne und sehne mich Nacht für Nacht danach, zurückzukehren. Der Lärm, die Unsicherheit und das umtriebige Leben außerhalb Etiliengrunds ängstigen mich. Heimkehr ist hingegen ein schönes Wort. Es trägt so viel in sich.”

Sie sah ihren Glaubensbruder an. Doch während sie scheinbar in seine Augen blickte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie eigentlich durch ihn hindurch auf die Mauern und Dächer des Klosters blickte, vielleicht sogar noch durch diese hindurch auf die wilde, einsame Landschaft des Finsterkamms.
“Dazu kommt jedes Mal die Unsicherheit, ob der Unerbittliche nicht einen der Unseren zu sich berufen hat. Ich freue mich für jeden, der seinen Körper loslassen und seine Seele Golgari anvertrauen kann, auf dass sie den Flug über das Nirgendmeer antreten mag. Doch nimmt es mir dieses so innig vermisste Gefühl der Sicherheit. Nie kann man sicher sein, dass alles noch genauso ist, wie zu dem Zeitpunkt als man das Kloster verließ. Ich aber liebe die Sicherheit. Verstehst du, was ich meine?”

Bishdaryan schob seine Kapuze in den Nacken, musterte die aufragenden Mauern einen Moment lang: “Sicherheit… dafür ist ein Wehrkloster eine taugliche Metapher. Ja, das verstehe ich gut, wenngleich ich selbst nicht in Mauern und Türmen Geborgenheit verspüre. Doch du verlangst gewiss nicht allein nach körperlicher Sicherheit? Sind das Kloster, dein Heim und die Menschen darin auch ein geistiges Refugium, ein seelischer Ankerpunkt?”

So fragt ein Noionit, ein Seelsorger, dachte Coris und erwiderte: “Natürlich hast du recht, Bishdaryan. Genau darum geht es. Etiliengrund und seine Bewohner wurden mir zur Heimat, zum Anker meines Lebens, das vor meiner Übersiedelung hinter die Klostermauern von Unsicherheit und Verlust geprägt war. Doch davon erzähle ich dir ein anderes Mal.”
“Ich werde gerne davon hören”, sagte er. “Doch jetzt lass mich dir dies in Erinnerung rufen: Der sanfte Herr hat dir die Gabe geschenkt, im Vogelflug Vorzeichen für die Zukunft zu erkennen. Das bedeutet, dass du, auch wenn du fern dieses Orts reist oder weilst”, er wies auf mit einer Handbewegung auf das Kloster, “nicht allein auf deinen festen, tröstenden Glauben bauen kannst. Du darfst auch prophezeien, was vor dir liegt und jenen, die dir etwas bedeuten. Diese Möglichkeit, Sicherheit, nein: Voraussicht zu gewinnen, ist nur wenigen Menschen gegeben.”

Dann nahm sein Gesicht einen bedrückten Ausdruck an: “Mit jedem Menschen, der vor Boron treten darf, geht ein Stück Gewissheit und schöner Gewohnheit, das fühle auch ich. Umso mehr, wenn ein lieber Mensch unerwartet oder unter gewaltsamen Umständen seine letzte Reise antritt. Jedoch”, nun hellte sich seine Miene wieder auf, “die Trauer ist ebenso endlich wie es die Zeit der Trennung ist. Unendlich jedoch die paradiesische Freude für die Gläubigen. Und auch die Zeit auf Dere sollten wir genießen, wann immer es angebracht ist.”
Nun schaute er die Reisebegleiterin fast entschuldigend an: “Ich vermute, zur letztgenannten Einsicht hat beigetragen, dass ich eine zeitlang mit einer Dienerin der Eidechse reiste.”
Coris’ Augen waren groß vor Erstaunen.
“Ich half ihr, ihr Gedächtnis wiederzufinden”, sagte Bishdaryan. “Aber davon will ich dir an einem anderen Tag erzählen. Lange genug habe ich deine Heimkehr verzögert.” Er ließ dem Pferd die Zügel locker und dieses trabte in Richtung des Tores los.

Das hölzerne Doppeltor stand offen, und als Bishdaryan und Coris es passiert hatten, sahen sie zwei Akoluthen bei den an die Innenseite der Umfriedungsmauer lehnenden Schaf- und Ziegenställen stehen. Schweigend senkten die Laienbrüder zur Begrüßung ihr Haupt. Coris und Bishdaryan taten es ihnen gleich.

Auf dem Rücken ihrer Pferde durchquerten sie die Wiesen und Weiden, die zwischen dem äußeren und dem inneren Mauerring lagen. Vier Türme waren in den inneren Ring eingelassen. Einer davon war der Torturm, auf den beide nun zuhielten. Offenbar waren sie bereits erblickt worden, denn als die Reisenden sich der Tordurchfahrt näherten, wurden sie erwartet: Die vier Novizen der Klostergemeinschaft - Hogg, Nille, Richild und Boromundes - sowie die Etilianerin Irmingard erwarteten die weitgereiste Coris und den unbekannten Gast. Die schwarz-blaue Robe machte Letzteren für alle als Ordensbruder der Noioniten kenntlich.

Die ältere Etilianerin Irmingard, deren straff zurückgebundenen, schlohweißen Haare die spitze Nase deutlich hervortreten ließen, versammelte die Novizen und Novizinnen nach Größe geordnet wie die Orgelpfeifen um sich. Ihre schneidende Stimme fragte in die Runde der Räblein:  “Welchem Orden gehört der Mann an, der an Coris Seite reitet? Und wie begrüßen wir ihn folglich?”

Richild, die älteste der Novizen, kam allen zuvor und neigte ehrfürchtig das bezopfte Haupt.
“Boron und Noiona zum Gruße, Euer Gnaden!”
Der Chor der Kinderstimmen fiel in die Begrüßung mit ein und Irmingard wiederholte sie zu Bishdaryan gewandt. Coris schenkte sie ein borongefälliges Kopfnicken. Für sie war die junge Geweihte noch immer eine ihrer Zöglinge. Dass Coris mittlerweile geweiht war, schien die Dienerin Bishdariels nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Der Noionit schlug das Segenszeichen der Heiligen über das Novizengrüppchen. Seine reglose Miene ließ keinen Rückschluss darauf zu, ob er es schätzte, von ihnen gegrüßt zu werden, oder nicht. Dann stieg er in einer flüssigen Bewegung aus dem Sattel und  verbeugte sich vor der Etilienschwester, die ihm an Erfahrung und Verantwortlichkeit älter erschien.
Auch die junge Dienerin Golgaris erwiderte nun Irmingards schweigsamen Gruß. Dann saß sie gleichfalls ab. Ein Stallknecht kam heran, um die beiden Pferde in Empfang zu nehmen.

Coris wandte sich, von ihrem Pferd befreit, Irmingard und den Novizen zu.
“Ich darf euch Seine Gnaden Bisdaryan von Tikalen vorstellen. Er stammt aus dem Lieblichen Feld und ist Mitglied des Ordens der heiligen Noiona. Über sein Tätigkeitsfeld wird er euch später im Refektorium berichten. Nicht wahr, Bruder Bishdaryan?”

“Ich bin überzeugt, dass die Schwester um die Aufgaben meines Ordens weiß”, beschied er nachsichtig. “Und dazu zählt, mehr zuzuhören als über sich selbst zu sprechen. Gleichwohl werde ich gerne von meinem Heimatkloster berichten, so Tikalen von Interesse ist, und über die für den Glauben belangvollen Geschehnisse meiner Reisen.”
Die Unruhe am Torturm lockte einige der Bewohner Etiliengrunds hervor. Bald stand ein knappes Dutzend Akoluthen und Hilfskräfte des Klosters um Coris und ihren Begleiter herum. Die Miene der Dienerin Golgaris verfinsterte sich. Sie hatte nicht vor, die Vorstellung mehrfach zu wiederholen. Stattdessen blickte sie in die neugierigen Gesichter und erwiderte boronisch knapp: “Ihr werdet heute bei der Vesper im Refektorium Gelegenheit haben, unseren Gast kennenzulernen.” Der Geweihte aus dem Horasreich nickte.

Mit einer fortscheuchenden Geste zeigte Coris unmissverständlich, dass sie mit dem Gast alleine sein wollte: “Wenn es dir recht ist, Bishdaryan, zeige ich dir die Gästeunterkünfte und erläutere dir auf dem Weg dorthin ein wenig die Örtlichkeiten.” Er nickte erneut wortlos und billigte so ihre kaum verhüllte Freude über die Heimkehr.
Als sich die neugierigen Klosterbewohner mehr oder weniger zügig von dannen gemacht hatten, war der Blick auf den Borontempel des Klosters frei. Die Mitte des Langhauses war ihnen zugewandt. Kleine, erkerartige Anbauten rechts und links des überdachten seitlichen Eingangs zur Tempelhalle gliederten die Fassade. Die Westseite wurde vom wuchtigen Finsterwachtturm dominiert, der einerseits als Teil des Tempel fungierte, andererseits dem Schutz der Klostergemeinschaft diente. An die westliche Apsis angelehnt war der Anbau, der die Sakristei und die Räumlichkeiten des Abtes beherbergte.
“Dort ist die Sakristei und die Wohnung des Abtes Eslamo Etiliano de las Dardas. Die anderen Anbauten dienen den Geweihten und Novizen als Schlafstätten. Meine ist auf der Rückseite des Tempels. Hier links…” Sie wandte sich vom Langhaus weg zu der Innenseite der Klostermauer. “... sind die Gästekammern.”

Ein kleines Fachwerkgebäude war an die Innenseite der Mauer angelehnt worden. “Hospes Boronis” stand in geschwungenen Lettern auf dem Schild neben der Holztür. Über dem Schindeldach, das schräg in den Klosterhof abfiel, konnte man den gedeckten Umgang der inneren Wehrmauer erkennen. Den Abschluss dieser Klostermauer bildete ein Turm.
“Das dort ist der Etilianerturm. Schwester Irmingard und zwei Akoluthen sind in der Regel dort zu finden. Es gibt einen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, der zum Teil auch für den Unterricht der Novizen benutzt wird und im Obergeschoss einen Raum für die Akoluthen. Ganz oben residiert Irmingard.”

Coris bog zu dem kleinen Fachwerkhaus ab und öffnete die Tür. Von einem winzigen Vorraum gingen links und rechts Türen ab. Die Dienerin Golgaris öffnete die rechte davon. Die kleine Kammer dahinter bot nur wenig Komfort. Ein schmales Bett stand an der linken Wand, rechts ein filigranes Tischchen mit Waschschüssel und einem Stuhl. Über dem Tischchen ließ ein winziges Fenster, das mit einer Holzlade verschließbar war, Licht aus dem Innenhof des Klosters ein. Zwei Haken an der Wand boten Platz für den Reisemantel und eine Robe.
“Das ist deine Kammer, Bisdaryan.”

Der Noionit stellte sein Bündel auf die Bettstatt und lächelte seine Begleiterin dankbar an: “Vielen Dank, dass du mich selbst hierher geführt und nicht zuerst deinem verständlichen Drang gefolgt bist, als erstes deine Familie zu begrüßen. Ich will mich in diesem gastfreundlichen Raum einrichten, waschen und dann dem Herrn für unsere ruhige Reise danken. Bitte trage Abt Eslamo an, dass ich mich ihm vorstellen werde, sobald er es wünscht. Oder dies vor oder nach der abendlichen Vesper tun.”
Die Hände in die Ärmel steckend nickte Coris demütig. “Ich bin sicher, dass der Abt dich vor der Vesper sehen möchte. Wenn er bereit ist, werde ich dich abholen kommen. Auch ich werde zunächst dem Herrn für die glückliche Rückkehr und die angenehme Reise danken.”
Ohne weitere Worte verabschiedeten sie sich, um für eine Weile mit ihrem Gott ins stille Zwiegespräch zu treten.



Bishdaryan von Tikalen trifft auf Abt Eslamo Etiliano de las Dardas

Etwa ein Stundenglas vor der Vesper klopfte Coris Etiliane Fesslin an die Tür der Gästeunterkunft von Bishdaryan von Tikalen. Als der Noionit öffnete, nickte sie grüßend: “Bitte folge mir”, sagte sie kurz angebunden und führte den Diener Bishdariels am Langhaus des Tempels entlang zu dem Anbau an der Apsis, der die Räumlichkeiten des Abtes beherbergte.

Sie klopfte an die massive Holztür und wartete darauf, dass geöffnet wurde. Borgol, der Akoluth der dem Abt des Klosters als persönlicher Sekretär diente, zog die Tür auf. Sein Blick verriet keine Gefühlsregung, als er Coris erblickte. Dem Gast schenkte Borgol ein Kopfnicken, obgleich der Sekretär diesen noch nie gesehen hatte. Bishdaryan erwiderte mit einer segnenden Geste, die Rabenschwingen symbolisierte. Dann trat Borgol beiseite und ließ die beiden Geweihten eintreten.

Der Vorraum, den der Akoluth bewohnte, war karg möbliert. Ein einfaches Bett in einer engen Nische und eine hölzerne Truhe waren die einzigen Möbelstücke. Der Raum war schnell durchquert und Coris klopfte an der Verbindungstür zur hinteren Kammer. Die volltönende Stimme des Abtes ließ ein “tretet ein!” hören.

Coris schob die Tür auf und ließ den Gast vor ihr eintreten. Sie schloss sich Bishdaryan an und zog die Tür hinter sich zu. Die geräumige Kammer enthielt neben dem stabilen Bett des Abtes einen mit handwerklichem Geschick hergestellten Schreibtisch eines lokalen Schreiners und eine Sitzgruppe. Der filigrane Tisch und die vier kleinen Stühlchen trugen kunstvolle Schnitzereien an den Arm- und Rückenlehnen, welche die Schwingen Golgaris zeigten. Der schwarze Stoff, mit dem die Sitzflächen bezogen waren, glänzte wie Rabengefieder. Der feine und verspielte Stil, in dem die Sitzgruppe gearbeitet war, ließ eine Arbeit aus der Heimat des Abtes erahnen, Almada. Ein Regal im Hintergrund bot nicht nur Schriftrollen Platz, sondern auch einigen dekorativen Gegenstände aus Holz, Glas und Ton. Sie zeigten, dass der Abt weit herumgekommen war auf Dere - oder zumindest gute Kontakte in weit entfernte Regionen hatte. In einer Nische des Raumes konnte man die Wendeltreppe sehen, die in die “Halle des Todes” hinab führte.

Den Andachtsraum durften nur die geweihten Borondiener betreten. Der wohlbeleibte Abt, dessen Robe in weiten Falten über den runden Bauch fiel, trat auf den Gast zu: “Boron zum Gruße, Bruder Bishdaryan von Tikalen. Wie schön, dass Ihr den Weg in unser abgeschiedenes Kloster genommen habt!” Die braunen Augen des Almadaners leuchteten fast ebenso wie seine Glatze und spiegelten sich in den grauen seines Gegenübers.

Bishdaryan kreuzte die Unterarme vor der Brust und verbeugte sich vor dem höherrangigen Glaubensbruder: “Abgeschieden, doch nicht aus der Lebenswelt genommen”, erwiderte er den Gruß. “Schwester Coris beschrieb mir in sanften, anheimelnden Farben die Vorzüge Etiliengrunds, insbesondere für Gläubige, die Einkehr suchen. Und, Hochwürden, ein solcher bin auch ich selbst: Ich möchte für eine noch nicht abzuschätzende Zeitdauer hier dem HERrn dienen, zu Eurer Gemeinschaft beitragen und so auch neue Stärke für mich selbst finden. Wie kann ich Euch und die anderen Geweihten am besten unterstützen?”

Eslamo blinzelte überrascht. Sehr direkt war dieser Horasier - dass der Bruder aus dem Lieblichen Feld stammte, hatte ihm Coris geschildert -, und er machte keine überflüssigen Ausschmückungen. Der Abt antwortete: “Nun, Bruder Bishdaryan, eine Klostergemeinschaft wie die von Etiliengrund kann jede Hilfe gebrauchen. Wenn Ihr möchtet, kann ich Euch Bruder Nikanor vorstellen. Er betreut die schwachen und kranken Seelen im Sinne der heiligen Noiona. Aber natürlich steht es Euch frei, auch die anderen Bereiche des Klosterlebens kennenzulernen. Luitperga, die Dienerin Golgaris, ist zumeist in der Grafschaft unterwegs, segnet Boronanger und leistet Seelsorge. Sie werdet Ihr sicher in einigen Tagen kennenlernen, wenn sie wieder zurückkehrt. Und ich denke Irmingard, die Etilianerin, die sich gemeinsam mit Nazir Nocturnus Heldor um die Ausbildung der Novizen kümmert, habt Ihr bereits kennengelernt.”

Eslamo Etiliano de las Dardas trat ein wenig zur Seite und bot seinem Gast und auch Coris einen Platz auf einem der mit Schnitzereien verzierten Stühle an. Borgol kam eilfertig herbei und goss aus der bereitstehenden Karaffe Wein in drei Kelche. Dann zog er sich demütig zurück. Der Abt ergriff einen Kelch und hielt ihn in die Höhe. “Mit Dank an den ewigen Vater, dass er Euch, Bruder Bishdaryan von Tikalen, unversehrt zu uns in den Finsterkamm geführt hat. Möge Boron auch weiterhin seine segnende Hand über dich halten!”

Bishdaryan wartete, bis Coris zum zweiten Kelch gegriffen hatte, ehe er selbst den letzten nahm. Er erhob das Trinkgefäß, um den Segen zu erwidern: “Möge Noiona unseren Seelen Borons Ruhe und Geborgenheit geben.” Darauf nippte der Horasier an dem Wein: “Yaquirtaler? Hier?” Er lächelte erfreut ob des unerwarteten Genusses.

Eslamo nickte, überrascht von der Weinkenntnis dieses scheinbar einfachen Geweihten. Bishdaryan ging nun auf die Vorschläge des Abts ein: “Mich mit Bruder Nikanor über unsere gewiss unterschiedlichen Erfahrungen mit der Seelenheilkunde auszutauschen und ihm helfend zur Seite zu stehen liegt nahe. Ich will mein Bestes versuchen, im Namen unserer Heiligen. Auch Schwester Luitperga will ich gerne helfen, die Ruhestätten im Umland zu hegen. Obgleich oder gerade weil ich mit dieser bedeutenden Aufgabe wenig Erfahrung habe.” Sein Antlitz bliebt unbewegt, aber jäh fühlten seine Glaubensgeschwister, dass ihn Trauer befiel: “Von der Betreuung der Novizen möchte ich jedoch absehen: Vor einiger Zeit musste ich eine junge Frau zu Grabe tragen, die ich gekannt hatte, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Jedes Kind, das ich sehe, erinnert mich an sie, und ich bezweifle daher, dass ich ein guter Lehrmeister Eurer Schützlinge sein könnte.”

Der Abt ließ mitfühlend das Haupt sinken: “Wie bedauerlich, Bruder Bishdaryan, die Wege des Unergründlichen sind manchmal eine schwere Prüfung für uns. Doch ich bin sicher, Ihr werdet in der Begleitung Nikanors oder Luitpergas sicherlich wertvolle Dienste leisten und ich hoffe, dass Ihr auch die gewünschte Ruhe und innere Einkehr finden möget. Coris kennt Ihr ja schon. Auch sie ist noch nach der Suche einer passenden Aufgabe hier in Etiliengrund. Ihre Weihe ist noch nicht lange her. Sie geht nun den Weg einer Dienerin Golgaris. Wir werden sehen, wo wir ihre Gaben und Fähigkeiten am besten einsetzen können.”

Eslamo Etiliano de las Dardas betrachtete die blasse, schweigsame Frau lange, dann lehnte er sich seufzend zurück und faltete die Hände auf seinem Wohlstandsbauch. Er wandte sich erneut dem Gast zu. “Erzählt mir doch von Euch, Bruder Bishdaryan. Kommt Ihr gebürtig aus Tikalen? Wo hat Euch der Dunkle Vater in seinen Dienst gerufen und wo und wie dient Ihr ihm jetzt?”

Der Noionit ließ sich seine Überraschung nicht anmerken: Eine solche Frage konnte wohl nur von einem ebenfalls Geweihten kommen, der selbst wusste, dass die Wege in den Dienst des HERrn so unterschiedlich sind wie die Menschen, die diesen Dienst leisten. Über seine Herkunft und seinen Werdegang hatte in den vergangenen Jahre kaum jemand etwas erfahren wollen. “Ich stamme aus Belhanka. Meine Familie zählt dort zu jenen, die Einfluss besitzen und nehmen. Ich habe im verlorenen Arivor das moderne Kriegshandwerk studiert und im Thronfolgekrieg ausgeübt - und in diesem geliebte Menschen verloren. Doch all das ist Vergangenheit. Der Herr hat mich gerufen, um mich zu trösten und dass ich meinerseits gepeinigten Seelen zu Trost und Zuversicht verhelfe. Das führte mich in den Dienst im Kloster Sancta Noiona della Quiescosa und schließlich zu meiner Weihe. Dass ich einen Ordensnamen angenommen und mein altes Leben hinter mir gelassen habe, sind die äußeren Anzeichen dieses inneren Wandels.” Er blickte einige Momente glückvoll in die Ferne: “Seitdem lenkt der Herr mich auf unerwartete Wege. Es ist mir meist nicht gegeben, lange in einem Kloster oder Tempel zu dienen: Weltliche Einladungen, Aufträge der Kirche oder gar Traumbilder brachten mich in den vergangenen Götterläufen etwa nach Perricum, Garetien oder sogar bis Selem - unterschiedliche Orte, an denen ich Gelegenheit erhielt, Gläubigen zur Seite zu stehen und einen kleinen Beitrag zu leisten, die zwölfgöttliche Ordnung zu festigen. Ich weilte…”, er zögerte einen Moment, entschied sich nach einem Blick auf seine Gesprächspartner dann zum Weitersprechen, “...in Perricum, als brüllender Wahnsinn die Verteidiger der Stadt ergriff. Doch der HERr berührte mich und führte durch mich meine Begleiter bei klarem Verstand aus diesem Schlachthaus. Und auch hierher hat er mich geführt: Er hat Bishdariel jene Träume überbringen lassen, die Schwester Coris ebenso wie mich nach Rommilys brachten, wo wir uns trafen - was mir wiederum ermöglicht, Etiliengrund und Euch kennenzulernen. Nicht geschieht zufällig, doch das erkennen wir oft erst, wenn wir auf den bereisten Wegen zurückblicken.”

Der Abt hörte zu und man konnte das ein oder andere “hm, so so” oder “sieh an!” von ihm vernehmen. Seine Augenbrauen hoben sich, als Bishdaryan auf die Vorkommnisse in Perricum zu sprechen kam, um dann sogleich erleichtert ein “wie gut, dass der Dunkle Vater seine Hand über Euch gehalten hat und Ihr bei klarem Verstand bliebt” zu äußern. Als die Rede schließlich auf die Traumbilder kam, die Coris nach Rommilys hatten aufbrechen lassen, sah Eslamo Etiliano de las Dardas die blasse Frau nachdenklich an, die wie immer unauffällig und schweigsam dem Gespräch der anderen lauschte. So kannte er Coris. Sie war geboren für den Dienst an Boron.

“Was für eine glückliche Fügung. Schwester Coris hat eine besondere Gabe, was Visionen angeht. Ob sie jedoch eher von Bishdariel gesandt werden oder von Golgari… nun, der Schweigende Kreis befand, dass wohl eher Golgari ihr Bilder sendet. Nicht wahr, Coris?” Die direkt an sie gerichtete Frage brachte Coris sichtlich aus dem Konzept. Sie blickte von ihren Händen auf und den Abt erschrocken an. Erst nach einer Weile schien sie verstanden zu haben, dass er eine Antwort von ihr wünschte. “So ist es, ehrwürdiger Abt. Meist sehe ich Golgari in meinen Visionen. So auch in der Vision, die mich nach Rommilys führte.” Ihr Blick wanderte zu Bishdaryan. “Ihr habt ihn doch auch gesehen, nicht wahr? Wir sahen beide die gleiche Vision, nicht wahr?”

Ihr beunruhigter Unterton machte dem Noioniten deutlich, dass Coris Sorge hatte, der Abt glaube, sie sei verrückt. Schließlich waren ihre Visionen schon im zarten Alter eines Kindes der Grund gewesen, warum sie nach Etiliengrund gekommen war. Dort hatte man sie bewusst in der Obhut Bruder Nikanors gelassen, der sich um die geistig Verwirrten kümmerte. Lange genug waren sie seit Rommilys gemeinsam gereist, dass Bishdaryan wusste, dass die junge Boroni keiner dauerhaften Seelsorge bedurfte. Gleichwohl ahnte er, dass das Erfahren und Deuten von Traumgesichten im bodenständigen Weiden ein “Geschmäckle” tragen mochte, wie man in Gratenfels gesagt hätte. “Wenn unser geschätzter Glaubensbruder Aedin von Naris, der Sprecher des Kreises, und die Schweigenden befunden haben, dass Eure Traumbilder vom Alveraniar Golgari stammen, so besteht kein Zweifel daran, dass dem so ist”, legte er ein großes Gewicht für Coris Glaubwürdigkeit in die Waagschale. “Ich habe mehrfach gemeinsam mit dem Prätor Borondienste gefeiert und erfahren, dass er einen innigen Bezug zum HERrn hat, der ihm tiefe Einblicke in geistliche Dinge verleiht.” Er nahm einen Schluck Weins, ehe er fortfuhr: “Und wie wir in der Traviamark erfahren haben, stimmten unsere Träume tatsächlich bis in Details überein. Das ist bemerkenswert”, richtete er in dozierendem Ton an den Abt, “denn in aller Regel schöpfen Träume ihre Ikonografie aus dem bildlichen Erfahrungsschatz des Träumenden. Wenn also zwei Menschen, zu jenem Zeitpunkt einander vollkommen unbekannt, dasselbe träumen, ist das ein unzweifelhafter Beweis höheren Wirkens.”

Der Abt nickte wieder nachdenklich: “Da gebe ich Euch selbstverständlich Recht, Bruder Bishdaryan. Nun, wir werden sehen, wie sich diese Fähigkeiten hier in der Heldentrutz einsetzen lassen.” Eslamo Etiliano de las Dardas stellte seinen Becher ab. “Habt Ihr eigentlich schon den berühmten Etiliengrunder Totentanz auf der Außenmauer des Finsterwachtturmes gesehen? Auf dem Weg zur Vesper im Tempel kann ich ihn Euch gerne noch zeigen. Wollt Ihr mir folgen?” Bishdaryan von Tikalen schüttelte erst den Kopf und nickte dann: “Mir war nicht bekannt, dass es auch hier einen Chorea Machabaeorum gibt. Doch gerne will ich ihn in Augenschein nehmen. Sogleich?” “Warum nicht?”, erwiderte der Abt.

Er schien sehr stolz auf das groteske Gemälde an der Fassade des Tempels zu sein. Gemeinsam verließen der Abt, Bishdaryan und Coris die Räume des Abtes und wanderten entlang des Tempellangschiffes zum Finsterwachtturm. An dessen Außenseite konnte man die makaber anmutende Tanzszene bewundern, die ein lokaler Künstler angebracht hatte. Es war kein Kunstwerk höchsten Ranges, sondern eine eher rustikal anmutende Szenerie. Die dargestellten Skelette und die Gestalten der Armen und Reichen, der Kaufleute und Geweihten, der Bauern und Edeldamen, die sich zum Tanze versammelt hatten machten jedoch einen lebendigen Eindruck. Sie nahmen sich bei den Händen und vollführten einen Reigen zu Ehren des Unausweichlichen. Frauen in edlen Gewändern, Mägde und Kinder aber auch gekrönte Häupter, Geweihte und Ritter in glänzender Rüstung mussten dem Dunklen Vater in Gestalt des Schnitters oder tanzenden Skeletts folgen und sich dem Tanz des Todes, der allem Leben ein Ende bereitet, anschließen. Über den Köpfen der Tänzer zog Golgari seine Kreise.

Beifall heischend drehte sich Eslamo Etiliano de las Dardas zu seinem Gast um: “Nun, was sagt Ihr, als weit gereister Mann, Bishdaryan von Tikalen?” Der Horasier zeigte nicht einmal ein Zucken der Mundwinkel, das man als belustigt hätte missverstehen können: “Die Größe der Darstellung ist beeindruckend, ihr Inhalt traditionell und dem Thema angemessen. Der Stil naturalistisch und nicht beschönigend, wie man ihn bis zur Renascentia in meiner Heimat pflegte. Ich vermute, Ihr erlaubt der Bevölkerung der umliegenden Höfe und Weiler, an Festtagen des HERrn in Andacht vor diesem Bild zu verweilen?” “Selbstverständlich!”, bestätigte der Abt. “Besonders beeindruckend und lebendig wirkt der Totentanz im Fackelschein. Wenn die Geweihten und die Gläubigen am ersten Boron zum Totenfest in einer langen Prozession vom Dorf heraufkommen und an dem Gemälde vorbeischreiten, scheinen sich im flackernden Licht der Fackeln die Figuren zu bewegen, ja machen den Eindruck lebendig zu werden, zu tanzen! Das ist wirklich erhebend.”

Das Leuchten in den Augen des Klosteroberhauptes zeigte Bishdaryan, dass Eslamo Etiliano de las Dardas im tiefsten Herzen ein treuer Anhänger des Dunklen Vaters war. „Es ist sicherlich auch beeindruckend und für manche Menschen beängstigend. Doch so empfinden viele, wenn nicht gar die meisten im Angesicht des Todes: Zwar wissen wir, was danach folgt, doch der Moment des Übergangs ist es, wovor man sich fürchtet, den jeder für sich alleine und zu der von BORon gesetzten Stunde erlebt. Es ist unsere Aufgabe als SEIne Diener, die Gläubigen darauf vorzubereiten. Eine bildliche Darstellung, auch wenn sie so metaphorisch ist, die verdeutlicht, dass Herzogin und Bettelmann vor dem Schweigenden gleich werden, mag dabei helfen“, schloss Bishdaryan seine Wertung des zu Sehenden.

Eslamo schien vor Stolz ein Stücklein zu wachsen. Dann drehte sich der Abt um und sah wie die letzten Gläubigen und Bewohner des Klosterareals im Tempel verschwanden: “Es scheinen alle da zu sein. Ich denke wir können mit dem Götterdienst beginnen.” De las Dardas ließ seinem Gast den Vortritt und betrat als letzter den Tempel.



Seuchengefahr (Rahja 1041)

Es regnete. Die Wolken hingen so tief über dem Finsterkamm, dass man von den Türmen des Klosters die äußere Begrenzungsmauer und das Tor zur Klosteranlage nicht sehen konnte. Das Leben in Etiliengrund schien im Schneckentempo zu verlaufen. Die meisten Klosterbewohner zogen es vor, den Tag innerhalb der Gebäude zu verbringen. Schwester Liutperga war erst seit einem Tag wieder in Etiliengrund, als der Abt nach ihr rufen ließ. Seufzend setzt sie sich in Bewegung. Das Wetter setzte ihr zu. Sie war schon viele Jahre tagein, tagaus auf einem Maultier in der Baronie Schneehag und einigen angrenzenden Baronien der Heldentrutz unterwegs um der Bevölkerung Etilias Trost zu spenden, Boronanger einzusegnen, Beichten abzunehmen und Begräbnisse zu leiten. Das Wirken Borons zu erklären, alte und sterbenskranke Menschen zu trösten, ihnen den letzten Segen zu spenden und den Weg über das Nirgendmeer zu erleichtern, war ihr täglich Brot. Darüber war Liutperga selbst alt und müde geworden. Die Gelenke schmerzten vom Reiten im nasskalten Wetter an Weidens Außenposten im Finsterkamm.

Auf ihr Klopfen an der Tür hin öffnete Borgol, der Schreiber des Abtes. Eslamo Etiliano de las Dardas stand mit Bruder Nikanor, Coris und dem Gast Bishdaryan von Tikalen in der Sakristei des Borontempels. Den Geweihten gegenüber sah Liutperga eine junge Frau mit dicken, roten Zöpfen. Die Dienerin Golgaris trat ein und schloss die Tür hinter sich. Sie sah die unbekannte Frau neugierig an. “Schön, dass du es einrichten konntest, Liutperga”, begrüßte der Abt die ältere Geweihte freundlich. “Darf ich dir Bishdaryan von Tikalen vorstellen? Er ist ein Diener Bishdariels und zur Zeit bei uns zu Besuch. Und die junge Dame hier ist Perchtrudis, sie kommt aus Dreiwalden.”

Liutperga begrüßte den unbekannten Geweihten mit einem schweigenden Kopfnicken. Die junge Frau ebenso. Dann wartete sie darauf, dass der Abt ihr erklären würde, weshalb sie gerufen worden war. Eslamo Etiliano de las Dardas blickte zu der jungen Frau hin und begann dann zu sprechen. “Perchtrudis erzählte uns gerade von einer Familie in Dreiwalden, die von einer unbekannten Seuche befallen wurde. Alle Familienmitglieder bis auf die Mutter wurden zu Boron befohlen. Es waren sechs Kinder, der Ehemann und die alte Mutter der Überlebenden. Ein schweres Schicksal für die Frau. Sie scheint daran zu zerbrechen. Dazu kommen auch noch böse Gerüchte…”

Der Abt brach ab und sah Liutperga an. Diese fragte zurück: “Was für Gerüchte?” Anstelle des Abtes antwortete Perchtrudis. “Es gibt Stimmen im Dorf, die behaupten, Holdwiep habe ihre Familie umgebracht um frei zu sein für einen Liebhaber.”

Hörbar sog Liutperga die Luft ein. “Das ist ein schwerwiegender Vorwurf! Gibt es Hinweise auf den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte?” Perchtrudis senkte das Haupt. “Nein, die gibt es nicht wirklich. Sie ist eine sehr attraktive Frau und ich denke, dass einige Frauen im Dort neidisch auf sie sind. Die arme Holdwiep ist untröstlich. Sie weint Tag und Nacht und hat mir gesagt, dass sie nicht mehr leben möchte, wo doch alle ihre Lieben tot sind. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass sie freiwillig zu unserem Dunklen Vater geht. Deshalb komme ich und bitte um Hilfe.”

Eslamo Etiliano de las Dardas sah in die Runde und hoffte auf Reaktionen seiner Mitbrüder. Es war ausgerechnet der fremde Geweihte, der als erster das Schweigen brach, nachdem er einige Momente auf eine Äußerung der Einheimischen gewartet und Blicke mit Coris getauscht hatte.

Der Noionit sprach mit einer kultivierten, leicht singenden, angenehmen, beruhigenden Stimme, die Liutperga verriet, dass er weit aus dem Süden kam: “Meine Tochter”, richtete er das Wort an die Rothaarige aus Dreiwalden: “Ich komme nicht aus der Gegend und du magst mir nachsehen, wenn ich womöglich für die Schwestern und Brüder aus dem Kloster selbstverständliche Dinge frage: Erstens, um was für eine Seuche soll es sich gehandelt haben? Zweitens, welcher weltlichen Obrigkeit untersteht das Dorf, und welche Schritte hat diese in der geschilderten Sache - Seuchen- und Tötungsverdacht - unternommen? Drittens, was ist der Verbleib der sterblichen Hüllen des Mannes und der Kindlein? Viertens, was ist dein Interesse an dieser Angelegenheit, darüber hinaus, dass du aus demselben Dorf kommst? Fünftens, in welcher Beziehung stehst du zu der Witwe und ihrer Familie? Sechstens, welches Amt übst du in… Dreiwalden war es?... aus?”

Liutperga bemerkte, dass Coris den Ordensmann überraschte ansah. Sie war also ebenso verwundert, dass er Fragen in einem Stil stellte, der weniger zu einem Seelsorger als zu einem hoheitlichen Ermittler gepasst hätte.

“Äh… Euer Gnaden, ich…”, stammelte Perchtrudis. “Also, es ist eine Seuche mit hohem Fieber und heftigen Husten, schließlich spucken die Menschen Blut, und dann geht es schnell dahin mit ihnen.” Die Rothaarige versuchte sich zu konzentrieren, wusste aber längst nicht mehr die Reihenfolge der Fragen. Sie versuchte, sie nach besten Möglichkeiten zu beantworten. “Also, die Toten wurden auf dem Grund und Boden der Familie begraben. Man traute sich nicht, sie auf dem örtlichen Boronanger zu bestatten, zumal ohne geweihten Beistand. Ich bin nur eine Nachbarin und Freundin der Familie und habe Holdwiep bei der Niederkunft ihrer Kinder zur Seite gestanden. Ich finde es ungerecht, dass man munkelt, sie sei Schuld am Tod ihrer Familie. Ich möchte, dass die Toten und ihre Grablege ordnungsgemäß von einem Borongeweihten eingesegnet werden. Und natürlich… also, nur falls da wirklich ein unheiliges Geschehen hinter den Todesfällen steht… glaube ich, braucht es auch die Hilfe der Götter und ihrer Stellvertreter auf Dere.” Perchtrudis dachte nach. Hatte sie alle Fragen beantwortet?

Die Geweihte Coris sprang ihr helfend bei. “Die weltliche Obrigkeit, der Dreiwalden untersteht, dürfte der Baron von Schneehag sein, Bruder Bishdaryan.” Doch auch Coris wunderte sich über die gezielte Befragung der Frau aus Dreiwalden. Gab es einen unbekannten Abschnitt in der Vita des Noioniten? Eine, die weniger mit der Seelsorge als mit einer Ermittlungsfunktion zu tun hatte?

“Ich bin kein Heilkundiger”, sagte Bishdaryan. “Doch deine Beschreibung lässt mich an den Roten Tod denken, der in meiner Heimat wütete, als ich noch ein Kind war. Doch angesteckt hat sich bislang noch keiner außerhalb der Familie? Dann könnte es auch ein finsterer Fluch sein”, spekulierte er. “Ohne Ansteckung ist es keine Seuche, so verstehe ich das jedenfalls. Zurück zu meiner Frage: Welche Schritte hat der Baron von Schneehag unternommen? Falls schlicht eine Krankheit die Familie deiner Freundin dahinraffte, ist es des Herrschers Aufgabe, deren Ausbreitung zu verhindern. Falls indes götterfeindliches Wirken dahinter steckt, können Geweihte eher helfen. Du tatest in jedem Fall gut daran, hierher zu kommen: Eine borongefällige Grabsegnung vermögen die Schwestern und Brüder des Klosters leisten, sei unbesorgt.”

Abt Eslamo hatte eine Weile lang schweigend zugehört. Nun aber mischte er sich ein: “Ich denke es ist auf jeden Fall unsere Aufgabe, die borongefällige Grabsegnung und die Aufklärung des möglicherweise unheiligen Geschehens in Angriff zu nehmen. Dazu würde ich euch, Liutperga und Coris, bitten mit Perchtrudis nach Dreiwalden zu reisen und euch der Sache anzunehmen. Und…”, der Abt sah Bishdaryan direkt an, “... nachdem Ihr erfahren in solchen Dingen scheint, Bruder Bishdaryan, wenn Ihr es einrichten könnt… wäre es Euch möglich, die beiden und Perchtrudis begleiten?”

Die vergangenen Wochen hatte sich der Horasier bei verschiedenen Tätigkeiten im Kloster eingebracht. Still, ruhig, verlässlich, wie es eben seine Art war. Dennoch schien ihn die Aussicht auf einige Tage außerhalb der dicken Mauern zu beflügeln: “Trost der Trauernden zu bringen und zu prüfen, ob mehr hinter diesen Toden steckt als nur eine Sieche? Das will ich gerne tun, und den beiden Schwestern mit Rat und Tat zur Seite stehen.” Unwillkürlich fasste er an seinen Gürtel, an dem auf der Reise hierher sein Rabenschnabel gehangen hatte - den würde er nicht zurücklassen in dieser menschenarmen Gegend.

Eslamo Etiliano de las Dardas nickte dem Liebfelder dankbar zu: “Sei sei es denn. Und bitte reitet auf dem Weg nach Dreiwalden beim Baron von Schneehag vorbei und unterrichtet ihn von den Vorgängen. Ich nehme an, dass er noch gar nicht informiert ist. Er möge entscheiden, ob er euch jemanden mitschicken mag.”

Der Abt winkte Borgol, seinem Schreiber, zu und diktierte ihm einen Brief an den Baron von Schneehag, der in kurzen Sätzen die Problematik und die Bitte beschrieb, die an das Kloster herangetragen wurden. Dazu bat er darum, der Baron möge entscheiden ob er jemanden entsenden wolle, die Umstände der ungeklärten Todesfälle zu untersuchen. Zu Bisdaryan, Liutperga und Coris sagte er: “Ich denke es ist das Beste, wenn ihr bald aufbrecht. Perchtrudis soll sich stärken, ihr packt alles zusammen, was ihr braucht. Dann könnt ihr morgen früh losreiten, abends auf Burg Firnhag sein und dem Baron Bericht erstatten. Es wird Zeit, dass sich jemand der Sache annimmt. Man hat ohnehin viel zu viel Zeit verloren.”

Schweigend nickten die Geweihten und wandten sich um, um zu ihren Zellen zu gehen. Bishdaryan wirkte gelassen und erfreut, mehr von der Region kennenzulernen, Liutperga pflichtbewusst und mit den Gedanken schon im unbequemen Sattel, Coris hingegen betrübt, die sicheren, heimischen Mauern für eine Weile hinter sich zu lassen. Doch was hatte ihr der Reisegefährte in einer Meditation vermittelt? “Trage die freudigen Erinnerungen im Herzen bei dir, und die Aussicht auf ein Wiedersehen als Anker zwischen dir und der fernen Heimat. Der Glaube daran gibt dir Stärke und Zuversicht, und der HERr nimmt dir die Sorge.” Sie würde versuchen, damit ihr Heimweh zu trösten. Mit leichteren Schritten strebte sie ihrem Quartier zu und begann dort, die Dinge zu ordnen, die sie nach Dreiwalden mitnehmen wollte.



Bericht an den Baron von Schneehag

Schwester Liutperga, Schwester Coris, Bruder Bishdaryan und die Dreiwaldenerin Perchtrudis verließen das Boronkloster Etiliengrund mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen. Es würde ein schöner Tag werden. Rosige Wolken kündigten das Erscheinen der Praiosscheibe über der hügeligen Landschaft zu Füßen des Finsterkamms an. Liutperga, die den Zug anführte, wirkte ebenso müde wie ihr alter Klepper. Das graue Haar hatte sie zu einem losen Zopf geflochten. Es schien sich nicht durch das Lederband zusammenhalten zu lassen, denn einige Strähnen hatten sich bereits aus dem Verband gelöst und klebten an ihrem Kinn oder den Schultern. Ab und an wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. An ihrer Seite ritt Perchtrudis - sichtlich unsicher - im Sattel eines genügsamen Ponys, das mit einem Führstrick am Sattel von Liutpergas Pferd befestigt war. Die Dreiwaldenerin saß zum ersten Mal im Sattel eines Pferdes und klammerte sich krampfhaft an den Sattelknauf. Hinter den beiden ritten Bishdaryan von Tikalen und Coris Fesslin. Die Gegenwart des erfahrenen Seelsorgers tat der jungen Borongeweihten gut. Zum ersten Mal verließ sie Etiliengrund nicht widerwillig, auch wenn sie durchaus Sorge hatte, was sie in Dreiwalden erwarten würde. Die langen Gespräche mit dem Noionitenbruder hatten ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie begann zu ahnen, dass sie nicht nur ein blasses Räblein war, sondern, dass ihre Fähigkeiten durchaus für die Klostergemeinschaft von Nutzen sein konnten.

Nachdem sie die Ortschaft Schneekrumme durchquert und auf den Trutzweg eingeschwenkt waren, setzte Coris zu einer Frage an: “Bruder Bishdaryan, darf ich dir eine Frage stellen?”

Er wirkte verwundert, sogar etwas amüsiert, nachdem die beiden doch schon einige Zeit gemeinsam unterwegs und durch die besonderen Umstände ihres Kennenlernens nach den Traumgesichten verbunden waren : “Ich vermute, es wird dir nicht um seelsorgerische oder traumdeuterische Dinge gehen? Nur zu.”

Coris wirkte erleichtert. “Nun, im Gespräch mit dem Abt klang es so als wenn du viel Erfahrung mit solchen geheimnis- und unheilvollen Geschehnissen hast. Ich hätte niemals so viele kluge Fragen stellen können und wenn ich ehrlich bin, ein wenig mulmig ist mir auch bei dem Gedanken, dass wir es dort mit dämonischen Umtrieben oder schwarzer Magie zu tun bekommen könnten. Ist dir auch mulmig?”

Ihre dunklen Augen musterten den Noioniten aufmerksam und voller Bewunderung. Bishdaryan ließ sein Ross ein wenig langsamer traben, sodass sich der Abstand zu Liutperga und Perchtrudis vergrößerte. Wieder einmal bemerkte Coris, wie mühelos er sein Reittier beherrschte. Er war eine Art horasischer Reitersoldat gewesen, ehe er in den Noionitenorden eintrat, hatte sie aus seinen spärlichen Bemerkungen mittlerweile kombiniert.

“Mulmig?”, fragte er zurück. “Ein seltsames, mittelreichisches, vielleicht auch norbardisches Wort.” Er überlegte. “Es beinhaltet Sorge, Furcht, Ungewissheit. Ja, das empfinde ich auch. Wir wissen nicht, was uns am Ziel unserer Reise erwartet. Und die Furcht vor dem Unbekannten ist eine der stärksten, menschlichen Ängste. Die Zwölfe haben sie uns gegeben, um uns davor zu schützen, uns leichtfertig mit fremden Dingen zu befassen, die gefährlich für uns sein könnten. Mittels unseres Verstandes können wir Wissen darüber gewinnen, und so müssen wir nicht das Unbekannte fürchten, sondern die Ungewissheit, das Unwissen und die Gefahr, in die wir geraten können, wenn wir nicht vorausschauen.”

Seine Stimme und Tonmelodie hatten den Klang angenommen, in dem er Bedrückten Mut zusprechen oder zu Gläubigen predigen mochte. “Doch wir beide, wir sind vorbereitet, schauen voraus. Wir wissen, dass auf uns Geschehnisse warten könnten, die nicht nur unseren fleischlichen Leib, sondern auch unser Seelenheil bedrohen könnten. Das zu wissen ist der erste Schritt dahin, das zu bekämpfen und zu besiegen, was diese arme Familie dahingerafft hat, und ihr den Einzug in Borons friedvolles Reich zu ermöglichen.”

Der jungen Geweihten war, als halte sich die heraufdämmernde Praiosscheibe noch etwas zurück, sie gänzlich zu bescheinen. Und schwiegen nicht die Vögel andächtig, klangen die Pferdehufe gedämpft? Ein Gefühl der Ruhe und Zuversicht umhüllte sie wie einen warmen Mantel.

Der Ältere fuhr fort: “Du fragst nach meinen Erfahrungen mit dämonischem Wirken. Ja, die habe ich gemacht. Du wirst davon erfahren, falls das notwendig werden sollte, damit du selbst eine Aufgabe erfüllen kannst. Jedoch: Nur selten - so wie in Perricm, den Zwölfen geklagt - wirken die Siebsphärigen oder der Dreizehnte direkt in der Dritten Sphäre, um uns zu verderben. Viel häufiger sind es Menschen oder oder andere, vernunftbegabte Wesen, die wissentlich oder unwissentlich deren Zerstörungswerk verrichten. Und Menschen, Schwester Coris, können bekehrt, geläutert oder überwunden werden, mit all den Gaben, die uns die guten Götter verliehen haben. Wovor also sollten wir uns fürchten, wenn wir die Gefahr kennen?”

Es klang so einfach, so einleuchtend, wenn Bishdaryan sprach. Coris ließ seine Worte noch einmal in ihrem Inneren klingen. Tatsächlich breitete sich ein Gefühl von Ruhe und Zuversicht aus. Sie war dankbar, ihn an ihrer Seite zu wissen: “Gewiss, Bruder Bishdaryan. Du hast ja Recht und an deiner Seite ist mir auch nicht so bang.”

Sie ritten eine Weile schweigend. Die eigentümliche Landschaft der Heldentrutz, die selbst in dieser milden Jahreszeit karg erschien, wirkte auf das Gemüt der Reiter. Hügelig war das Land mit den Ausläufern des Finsterkamms. Der Sommertag gab sich große Mühe, den Gast aus dem Horasreich zu beeindrucken. Von den verstreut liegenden Gehöften schallte das Meckern der Ziegen zum Trutzweg hinüber. Die wenigen Bauern und Händler, die sie auf dem Weg in Richtung Steenbukken trafen, grüßten die Robenträger ehrfürchtig, um nicht zu sagen mit unverhohlener Furcht vor dem Unausweichlichen, dem die Boroni dienten. Gegen Mittag legten sie am Ufer eines Baches eine Rast ein, tränkten die Pferde und aßen die mitgebrachte Wegzehrung. Coris zog die Schuhe aus und kühlte ihre Füße in dem klaren, kalten Nass. Es war ungewöhnlich heiß für Weidener Verhältnisse. Bevor sie sich erneut in den Sattel schwangen, benetzte die blasse Geweihte Gesicht und Arme noch mit Wasser, in der Hoffnung die Verdunstungskälte würde noch ein wenig anhalten.

Als sie gegen Abend den Weggasthof an der Kreuzung nach Steenbukken erreichten, waren alle erschöpft, Menschen und Reittiere. Vor allem Perchtrudis, im Reiten ungeübt, klagte über Schmerzen und zeigte der mitfühlenden Coris zwei wunde Stellen an den Knieinnenseiten, wo die Steigbügelgurte die Haut aufgerieben hatten. "Ich habe eine Salbe im Gepäck, die kannst du nachher auftragen", offerierte die Borongeweihte der Dreiwaldenerin.

Liutperga sah sich inzwischen nach dem Wirt um. Sie kannte ihn, schließlich kam sie viel herum in der Baronie in ihrer Tätigkeit als Dienerin Golgaris. Alrik Röder, Wirt und Müller des Weggasthofes mit dem Namen “Rödermühle”, grüßte zurück. Die Mühle war ein trutzig wirkender Steinbau. Das Mühlrad, durch den Winterbach angetrieben, befand sich innerhalb seiner Mauern. Von außen war das Rad kaum zu sehen. Direkt am Gebäude, ein paar Schritte vor dem Mühlrad, überspannte eine kleine Steinbrücke den Winterbach. Gegenüber des eigentlichen Mühlengebäudes stand ein zweites, größeres Gebäude. Es war in Fachwerkbauweise errichtet und innerhalb seiner Wände befand sich der Gasthof. Das Gebäude ähnelte den Bauernhäusern der Freienfamilien dieser Gegend: ein Hallenhaus in Zweiständerhausausführung. An der Stirnseite, zur Mühle ausgerichtet, sah man eine große, doppelflügelige Tür, durch die man das Haus betrat. Sie diente wohl sonst dazu, Vieh rein und raus zu lassen. Öffnete man sie, stand man normalerweise in der Diele mit links und rechts liegenden Tierpferchen. Bei diesem zum Gasthaus umgebauten Haus fanden sich an deren Stelle Sitzgruppen aus groben Möbeln. In der Diele selber standen einige weitere Tische, Bänke und Stühle. Abgeschlossen wurde alles von einer breiten Theke. Über den Sitzgruppen in den ehemaligen Ställen fanden sich auf der einen Seite kleine “Kabinen”, die man über eine zur Diele führende Tür erreichte. Um zu dieser zu kommen, musste man über eine Leiter hochklettern. Auf der anderen Seite war ein großer, zum Gastraum hin offener Schlafraum mit Strohlagern. Hinter der Theke hingen über einem offenem Feuer zwei große Kochkessel an ihren Haken. Ein Grapen stand daneben direkt in der Glut.

“Die Zwölf zum Gruß, Liutperga”, begrüßte der Wirt zunächst die ihm bekannte Geweihte. Die anderen Mitglieder der Reisegruppe bekamen ebenfalls einen Gruß, der allerdings wortlos ausfiel. “Schon wieder unterwegs… wird die Tage wohl weder viel jestorben inne Trutz, wa? Scheint mir jedenfalls. Naja, mien Vadder hat immer gesacht, wenn man Arbeit hat soll man zufrieden sinn. Oda wat sacht ihr dazu?”, zettelte er weiteres Gespräch mit Liutperga, aber auch ihren Begleitern an.

Überrascht und ein wenig indigniert nahm Coris zur Kenntnis, dass der Wirt die Geweihte nicht mit “Euer Gnaden” sondern mit ihrem Rufnamen angesprochen hatte. Da Liutperga aber nicht widersprach, senkte sie nur leicht den Kopf zum Gruß. Der Mann redete wie ihm der Schnabel gewachsen war. Coris warf Bishdaryan einen Blick zu. Hatte er das Kauderwelsch des Mannes verstanden? Und wie musste diese hinterwäldlerische Bauernwirtschaft auf den Liebfelder wirken?

Der Weitgereiste schien sich an dem dahinplätschernden Redefluss des Gastgebers nicht zu stören. Er ging aber auch nicht auf die in die Gruppe geworfene Frage ein, sondern stellte seine Satteltaschen auf den Steinboden. Hilfesuchend blickte er nach einem Handlanger oder einer Laufmagd, die der Reisegruppe ihr Gepäck in ein ruhiges Zimmer für die Nacht gebracht hätte. Der Wirt schien vertrauensselig zu sein, aber ebenso geschäftstüchtig. Während er noch auf eine Antwort von Liutperga wartete, winkte er zwei Bengel heran, die beim Näherkommen Ähnlichkeit zu ihm zeigten, wie es bei Vater und Sohn üblich ist. “Woll`n die Diener der Zwölf mit innen Schlafsaal auf´n Strohsack? Bei meiner Ehre, keine Füllung ist älter als ein paar Wochen.” Er deutet mit dem Daumen auf den zum Gastraum offenen Schlafboden im Zwischengeschoss hinter sich. “Oder wie Ihre Gnadn Liutperga eins von den Schlafzimmern doar?”, und deutete unnötigerweise auf die Alternative auf der anderen Seite. “Die beidn Schietbüdel hier werdn’s Gepäck dann hochbringn, damit die Herrschaften gleich vorne an´n gutn Tisch kommen könn. Ich han heute nen gut´n Eintopp mit Kohl, Bohnen und Zwiebeln. Als Zweites wie immer der mit den Töften, Möhren und Erbsen. Im Grapen schmirgelt nen Eintopp mit Zeegenfleisch, Töften und Zwiebeln. Wenn die Herrschaften was besonders Feines wollen: Ich hab hinten noch zwei frisch erlegte Hasen hängen. Die hat meine kleine Ilme heute morgen geschossen. Brot, Wurst unn Käse hab ich natürlich auch wie immer da.”

Die weidener Borongeweihte sah Bishdaryan fragend an. Sie wusste, dass er auch mit einem einfachen Lager vorlieb nahm, wenn nichts anderes zur Verfügung stand, aber hier gab es die Auswahl. Der Abt hatte sie mit Reisegeld ausgestattet, doch war noch nicht klar, wie lang ihr Aufenthalt in Dreiwalden sich hinziehen würde. Um sicher zu sein, was auf sie zukam, fragte sie lieber nach.

“Nun”, fing sie an. “Wie ist denn der preisliche Unterschied, Wirt?” “Nu der Strohsack im Schlafsaal kommt 1 Heller die Nase. Inne Koje, nur eijner pro Koje versteht sich, 3 Heller.” Er sah die Gäste prüfend an. “Für de sicherlich ersehjnte Erholung würde ich für jeden der inne Koje schloppen will noch nen Bad im Zuber drufflegen. Da könnte ich die Hasen in der Zeit anständig braten und och noch Brattöften mit ordentlich Zwiebeln dazu machen. Im Wasser war bis jetzt auch nur meine Ilme nache Jagd drinne.” Das klang verlockend.

Coris sah wieder den fragend den Noioniten an. “Was meinst du, Bruder Bishdaryan?”

Der blickte etwas verlegen: “Das klingt alles traviagefällig gastfreundlich, soweit ich folgen konnte. Ein eigener Schlafraum wäre indes angenehm - Boron segne ihn. Nur… was ist denn eine Töfte? Aus der Küche meiner Heimat sagt mir das nichts.”

Coris war froh, dass Bishdaryan auch einen eigenen Schlafraum vorzog. Sie ahnte, dass sie schon bald nicht mehr so bequem nächtigen würden. Als der Glaubensbruder nachfragte, was der Wirt mit Töften meinte, musste sie lächeln. “Töften, Bruder Bishdaryan, ist ein weidener Dialektausdruck für Kartoffeln. Die kennt Ihr doch sicher, oder? So dicke Knollen, die man ausgraben und Kochen muss, damit sie bekömmlich sind.”

Bishdaryan nickte: “In meiner Heimat gelten sie als Delikatesse, werden vornehmlich aus dem Bornland importert und an den besten Höfen gereicht. Nicht selten in Fett gebacken und mit kostbaren Gewürzen bestreut.” Liutperga mischte sich in das Gespräch ihrer Glaubensgeschwister ein und wandte sich gleich direkt an den Wirt. “Nun, ich denke, das klingt hervorragend. Wir würden uns gerne bei dir stärken. Morgen möchten wir zum Baron auf die Burg Firnhag. Kannst du bitte einen Boten schicken und unser Kommen ankündigen?”

“Türlich Euer Gnadn… das wird goar keen Problem. Meine Frouwe die Gusella wird morjen noch vorm Hahn nach Steenbukken, um da die Felle vonne Hasen und den anneren Viechern der letzten zwee Wochen an den Gerber dort zu verkofen. Da schick ich einen vonne Bengels mit. Soll er noch mehr sagen oda nur, dass ihr kimmt?” Vater Bishdaryan deutete den anderen Geweihten, dass er antworten wolle: “Wir werden gewiss willkommen sein, und dass wir kommen, wird Seiner Hochgeboren als Kunde gewisslich genügen”, beschied er. Nicht nötig, dass zuviele Leute vom Grund ihrer Reise erführen.

Röder kratzte sich kurz am Kopf und gab seinen beiden Söhnen schon mal mit Handbewegungen zu verstehen, alles Gepäck, das die Reisegruppe loswerden wollte, die Leiter hoch in die Stuben zu bringen. “Was wollt´n ihr nu essen und soll es der Zuber sein?”

Wenn es nach Coris ging, wäre der Zuber schon recht. Im Kloster kamen sie auch nicht so oft zum Baden und so würde sie wenigstens sauber vor den Baron treten. Noch ehe sie antworten konnte, kam ihr Liutperga zuvor. “Auf jeden Fall den Zuber. Die Frauen zuerst!”, sie warf Bishdaryan einen strengen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete. Der verzog keine Miene, überlegte lediglich, was die alte Schwester wohl von der Geselligkeit etwa des belhanker Badehauses gehalten hätte.

Der Wirt schien fast zufrieden: “Also für jeden ne Koje inne Stube und nen Zuber. Das haben wir… bleibt noch das Essen. Wat soll et werden? Nehjmt ihr de Hasens mit Brattöften und ordentlich Zwiebelchen?” Er klatschte sich vor die Stirn: “Naja und wat dazu...ich heb wie immer mein Kastanienbier und dat jute Gagelbier…. beide vom Fass… ich könnte aber auch ne Flasche vonne Schüttinger Brauerei aus Geestingen anbieten. Ich hab dit Schankbier „Hager Feder“, dit “Hager Schwarzbier“ und des Emmerbier “Hager Krumme” da… nur vom Bockbier von de Schüttingers is gerade nix zu kriegen. Kräutertee natürlich och und wenn ihr wollt och Ziegenmilch. Die is allerdings von heute morgen.” Es schien so als ob ihm im letzten Moment noch was eingefallen war: “Och ja… seid´n letzten Mal hab ich nem fahrenden Händler och ne Flasche Wein abgekoft. Die könnt ich natürlich och aufmachen… mit´n Schnappes machen wir dann erst nach´m Essen weiter oder?”

Bei Boron, der Mann quasselte wie ein Wasserfall! Coris holte tief Luft. Sie warf einen fragenden Blick in die Runde. Liutperga entschied schließlich auch diese Frage für alle. “Wir nehmen den Hasen mit Bratkartoffeln und Zwiebeln. Ein gutes Bier dazu wäre recht. Was meinst du, Bruder Bishdaryan? Welches Bier würde dir zum Hasenbraten wohl munden?”

“Ein Tee würde mir zwar genügen, guter Mann. Indes sehe ich, dass Ihr Euer Bestes gebt, möglichst viele verschiedene Bräue vorzuhalten, um ein traviagefälliger Gastgeber zu sein. Dann schenkt mir doch das Bier ein, das Euch selbst am besten mundet. Das will auch ich genießen.” Dann strich er sich mit dem Zeigefinger über die Lippen. Es schien den aufmerksameren seiner Begleiter, als würde es augenblicklich ein wenig ruhiger im Raum, als würde es draußen ein Stück dunkler. Und ihrem redseligen Gastgeber gelang es tatsächlich, seinen Redefluss etwas einzudämmen, sodass die Borongeweihten und ihre Begleiterin bald darauf in relativer Ruhe an einem Tisch saßen, Trinkkrüge vor sich stehen hatten und schweigend warteten, bis die Speisen aufgetragen wurden.

Coris und Liutperga nickten ihrem Glaubensbruder dankbar zu. Es war eine Labsal, dass der Wirt sie mit seinem Gebabbel in Ruhe ließ. Nachdem sie gebadet hatten und wieder alle am Tisch saßen, brachte der Wirt auch die angekündigten Speisen. Der Hasenbraten hatte ordentlich Bärlauch bekommen und in seinem Sud war eine kräftige Beigabe von Gartenkräutern. Die Bratkartoffeln und Zwiebeln kamen in einer großen Portion und waren zwar recht scharf angebraten und mit ordentlich Röstaroma versehen, aber wenn man dies mochte sehr schmackhaft. Braten, Brattöften und das dazu gereichte Bier, der Wirt hatte sich für das gehaltvolle Emmerbier entschieden, war allerdings nicht gerade als leichte Speise anzusehen.Deshalb gingen sie frühzeitig zu Bett, um am kommenden Morgen auch beizeiten zur Burg Firnhag aufbrechen zu können.

 

Wie versprochen hatte der Wirt beim ersten Hahnenschrei schon seine Tochter vorausgeschickt, um sie anzukündigen. Die Gruppe ritt durch sanfte Hügel, die Kämme des Finsterkamms im Rücken am Flüsschen Winterbach entlang. Nach irgendwas zwischen fünf und sieben Meilen auf der leidlich guten Straße, die natürlich nicht gepflastert war, erreichten sie Steenbukken, den Hauptort der Baronie. Das Dorf mochte gut 360 Seelen beherbergen und lag in einer großen Senke der Hügellandschaft. Die Straße führte genau durch den Ort. Am Dorfplatz, auf dem eine sehr alten Kastanie stand und der von einigen etwas größere Gebäude umringt war, mussten sie sich kurz orientieren. Das geübte Auge erkannte einen Tempel der Peraine und einen ungewöhnlich großen, einem der Zwölf würdigen Tempel der Ifirn.

Coris kannte den Weg zur Burg Firnhag. Sie war schon ein paar Mal dort gewesen. Besonders gerne mochte sie die Baronin Adaque von Mersingen. Sie war eine warmherzige Frau und beeindruckende Persönlichkeit. Der Baron war eher etwas grobschlächtig im Erscheinungsbild und auch ruppig in seinem Verhalten. Coris mochte ihn, hatte aber auch etwas Angst vor seiner manchmal polternden Art. Dass er Firun so intensiv verehrte war ihm deutlich anzumerken. Und auch wenn Coris das Baronsehepaar nur flüchtig kannte, fühlte sich der Besuch auf Burg Firnhag wie der Besuch bei guten Bekannten an. Was vermutlich an dem einnehmenden Wesen der Baronin lag.

Nachdem sie ihren Weg fortsetzen und einen weiteren Hügel überquerten kam die Baronsburg in Sicht. Der Winterbach hatte sich in Steenbukken zwischen den Häusern durchgeschlängelt. Hier war abgezweigt worden, um den Burggraben zu füllen. Dabei hatte er an drei Seiten die normalen Ausmaße eines Burggrabens, lediglich hinter der Burg begann ein gut 200 Schritt durchmessender See, wobei der Graben sich schon etwa ab der Mitte der Burg anfing zu verbreitern. Beim Näherkommen sahen sie, dass sowohl im Graben als auch im See Karpfen und andere Fische schwammen. Auf der anderen Seite des Sees begann direkt am Ufer ein urtümlicher und unberührt aussehender Wald. Als die Burg in Sicht, kam war Coris wieder einmal sehr beeindruckt. So musste eine Weidener Burg aussehen: Sie besaß die Trutzigkeit, die benötigt wurde, um den Schwarzpelzen zu trotzen und ließ doch eine gewisse Behaglichkeit und raue Schönheit erkennen. Soviel bei dem kühlen Klima und den erschwerten Wachstumsbedingungen für die Pflanzenwelt so nah am Finsterkamm möglich war. Das Burgtor stand offen, die Zugbrücke war heruntergelassen und als man sie bemerkte konnte man einen kurzen Ruf hören.

Wenig später, in dem Moment in welchem die Reisegruppe die Zugbrücke erreichte, erschien neben beiden Torwachen ein weiterer, nicht gerüsteter Mann: “Boron zum Gruß, verehrte Geweihte des Ewigen. Der Baron und Burg Firnhag heißt Euch willkommen und bietet Euch sichere Gastung. Meine Name ist Ademar Schüttinger, ich diene dem Baron als Burgsass und Herold. Ich könnte Eure Gnaden direkt zum Baron führen oder, wenn gewünscht, vorher noch an einen Ort der Ruhe, wo Ihr Euch kurz von der Reise erfrischen mögt. Wie es den Dienern des Ewigen beliebt?”

Liutperga, die dienstälteste der Gruppe übernahm die Begrüßung. Sie segnete den Burgsass mit dem Boronsrad und sprang vom Ross. “Boron zum Gruße! Wir hatten gestern schon ein Bad, guter Mann. Wenn der Baron uns empfangen möchte, würden wir es vorziehen ihn gleich zu sprechen. Die Sache hat eine gewisse Dringlichkeit.”

Auch Coris stieg vom Pferd und übergab einem der herbei eilenden Knechten die Zügel. Sie sah sich im Burghof um. Vater Bishdaryan hatte die Eindrücke des Gemäuers und der nach seinen Maßstäben winzigen Siedlung schweigend aufgenommen. Auch er stieg vom Pferd, um das Reittier sowie sein Gepäck einem Bediensteten zu überlassen. Nur seinen geweihten Rabenschnabel nahm er aus der Befestigung am Sattel und hängte ihn an seinen Gürtel. Sollte der hiesige Herrscher nur sehen, dass nicht alle ihrer kleinen Reisegruppe leiblichen Schutzes bedurften, falls der Baron dieses Landstrichs solchen als notwendig erachtete. Er nickte Luitperga zu. Sie sprach ihm aus dem Herzen. Lange wollte er sich auf Burg Firnhag nicht aufhalten, so interessant eine Studie ihrer traditionellen Bauweise auch gewesen wäre.

Der Burgsass nickte kurz: “Natürlich!” Er wartete noch einen Moment, bis alle aus der Gruppe ihre Reittiere losgeworden waren, und bat dann mit einem knappen “folgt mir”, genau dies zu tun. Er führte die Gäste über den Hof der Vorburg. Der Boden bestand aus festgetrampeltem Erdreich. Linkerhand waren etliche Obst- und Nussbäume, hauptsächlich Walnuss und Pflaumen, und dahinter das große Stallgebäude. Rechterhand war ein dichtes Brombeergebüsch direkt am Rand des Burggrabens, der voller Entengrütze und Enten war. Über eine Zugbrücke ging es durch einen mächtigen Torturm in die Kernburg. Hier war der Boden aus Felsstein. Umringt von acht kräftigen Birkenbäumen stand ein bis auf den Teil, der zur Burgmauer gehörte, aus dunklem Walnussholz gebauter Tempel. Das Portal aus Eichenholz stand halb offen und fast spürte man kalte Luft aus dem Inneren des Tempels strömen. An den Längsseiten hatte der Tempel schießschartenartige Öffnunge, die mit Fenstern verschlossen waren. Diese bestanden allerdings nicht aus Glas, sondern aus Eis. Zwischen Tempel und Mauer zur Vorburg sahen und hörten die Etiliengrunder Hunde kläffen. Auf der anderen Seite des Tempels befand sich hinter den Birkenbäumen und durch ein offenes Portal erreichbar ein großer Küchengarten. Der L-förmige Palas ragte hoch über dem Burghof auf. An ihn schloss sich ein mächtiger runder Bergfried, an der der älteste Teil der Burg zu sein schien. Dann folgten drei Fachwerkgebäude, die man leicht als Schmiede, Bäckerei und Werkstatt erkannte. Nachdem der Blick der Geweihten einmal geschwenkt war, sahen sie linkerhand das Ziel ihres Besuches: An der Mauer neben dem Torturm waren mehrere Zielscheiben aus Strohballen aufgebaut. Der Baron, einige Ritter und einige Kinder, zumeist wohl Knappen, übten hier mit Wurfspeeren. Vor der Bäckerei lagen und saßen mehrere große Hunde.

Gerade als sie ankamen hörte man den Baron noch sagen: “Siehst du Lebanus...so wird es gemacht!”

Er nahm ein paar Schritte Anlauf. Bei den Zielscheiben spurtete ein Knecht gebückt los und hielt eine massive Holzkonstruktion, die ein Wildschwein dar stellte, zwischen sich und den Werfer. Der Speer wurde geworfen und traf das “Wildschwein” knapp vor den Hinterläufen. Bevor der Baron fortfahren konnte sprach der Burgsass ihn an. Firian stockte, sah auf und seine Gäste. Er machte die paar Schritte auf diese zu. Während die anderen Menschen mit ihrem Tun weitermachten erhoben sich die Hunde sofort und folgten ihrem Herren sofort.

“Boron zum Gruß! Was kann ich für die Geweihten des Ewigen tun?” Liutperga deutete eine Verbeugung an und schlug das Boronsrad in Richtung des Barons. “Boron zum Gruße. Der Segen des Ewigen für Euch, Hochgeboren. Darf ich Euch meine Gefährten vorstellen? Bishdaryan von Tikalen, Coris Etiliane Fesslin und Perchtrudis aus Dreiwalden. Können wir Euch eventuell persönlich sprechen? Es ist besser wenn diese Angelegenheit unter uns bleibt.”

Firian neigte vor jedem Geweihten ein wenig das Haupt. Perchtrudis erhielt dagegen nur ein minimales Nicken. Im Blick des Barons war aber am ehesten Neugierde zu sehen. Bei Bishdaryans Rabenschnabel blieb sein Blick kurz hängen. “Das können wir!” Er wandte sich an einen älteren Ritter der im Hintergrund die Übungen beaufsichtigte: “Rauert der Hof ist deiner… nimm sie noch ordentlich ran. Das war bisher nichts!” Er wandte sich wieder den Gästen zu: “Geht es um Dinge des Glaubens oder um Dinge niederen Ursprungs?” Er schien danach entscheiden zu wollen, wohin er die Gäste führte.

Wieder antwortete Liutperga: “Das ist leider noch nicht klar. Ihr sollt gleich mehr erfahren, Baron.” Eine Augenbraue des Barons hob sich kurz, dann traf er aber eine Entscheidung: “Dann folgt mir bitte.” An den Burgsass gerichtet sagte er: “Gebt meiner Frau Bescheid, dass wir im Rittersaal sind und der Küche, dass sie für das Übliche Sorgen soll!”

Anschließend setzte er sich in Richtung des Palastgebäudes in Bewegung. Sobald Firian losging, standen auch die Hunde auf und folgten ihm in ein paar Schritten Abstand. Über eine Treppe im Eck des Gebäudes, die in ein höher gelegenes Erdgeschoss führte, betraten sie den Palas. Als sie durch die Tür kamen, fanden sie sich nach einem kleinen Windfang, sogleich im einzigen großen Raum wieder, der die gesamte Fläche des vorspringenden Teils des Palas einnahm. Der Raum war mindestens zwei Stockwerke hoch, man konnte aber erkennen, dass es noch ein Dachgeschoss über dem Saal geben musste, da es keine schrägen, sondern nur waagerechte Deckenbalken gab. Kam man über die Treppe in den Saal, befand sich an der gegenüberliegenden Wand, leicht in Richtung Vorburg versetzt, ein großer, offener Kamin. Davor standen im Halbkreis fünf bequem aussehende Sessel. War der Steinboden in der restlichen Halle mit frischem Stroh, Reisig und Binsen eingestreut, befanden sich hier diverse Felle und Teppiche auf dem Boden, so dass wohl auch einige weitere Personen auf dem Boden das nahe Feuer genießen konnten. Am Kamin selbst sowie links und rechts daneben waren einige Waffen und Rüstungsteile als Schaustücke an den Wänden angebracht. Einigen sah man an, dass sie wohl Beutestücke waren. In der Ecke rechts neben dem Kamin stapelte sich ein ordentlicher Haufen Holz. Direkt rechterhand des Eingangs befand sich eine kleine, hölzerne Empore. Linkerhand standen mittig im Saal drei große Holztische mit etlichen daran stehenden Hochlehnstühlen. Die Tische waren so breit, dass auch an den Enden zwei Personen nebeneinander sitzen konnten. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich drei weitere Tische und weitere Stühle, so dass man wohl alles zu einer großen, U-förmigen Tafel aufbauen konnte. Hinter den mittigen Tischen, mit einigem Abstand, befand sich eine weitere, schmälere Empore. Auf dieser standen zwei Throne. Der Thron des Barons war dabei ein wenig größer als der seiner Frau, ansonsten aber nur an dem unterschiedlichen Wappen auf der Oberkante der Rückenlehne zu unterscheiden. Die hölzerne Wand dahinter, Richtung Osten, war die einzige Wand, die keine Außenwand des Gebäudes darstellte. Die Wände in den Zwischenräumen zwischen den Fenstern an den drei Außenwänden, besonders aber die Holzwand im Osten, hingen voller Jagdtrophäen.

Firian bot seinen Gästen Plätze an der Tafel an und nahm selbst am Kopfende Platz. Wenig später kam Adaque von Mersingen in den Rittersaal. Sie trug lederne Kleidung und schnallte sich beim Reinkommen noch einen Falknerhandschuh ab. “Boron zum Gruß”, begrüßte sie die ihr bekannten Gesichter von Liutperga und Coris freundlich. Firian übernahm die Vorstellung seiner Frau und die Vorstellung der beiden ihr unbekannten Personen. Einen Lidschlag später kam ein Knecht mit einem Tablett herein. Auf diesem befanden sich entsprechend der Anzahl der Gäste Scheiben dunklen Brotes, welches ordentlich mit Knoblauch und Butter eingerieben war. Eine Magd folgte dem Knecht. Sie hatte hölzerne Humpen und einen Krug mit dunklem Bier auf dem Arm. Brote und Bierhumpen wurden an alle verteilt.

“Im Namen der Eidmutter heiße ich euch auf Burg Firnhag willkommen und gewähre euch Gastung”, sprach Firian förmlich, biss vom Brot ab und trank einen Schluck. Nun, wo den weidener Gastgeboten und Traditionen Folge geleistet war, sah Firian neugierig seine Gäste an. Von dem fremden Geweihten mit dem südländische klingenden Namen ging eine Aura freundlichen, beruhigenden Wohlwollens aus. Er wirkte in keiner Weise von den hiesigen Sitten verwundert, nahm Speis und Trank mit wortlosem Dank entgegen. Der Mann stemmte den vollen Humpen ohne erkennbare Mühe, anders als das ältliche Muttchen aus Etiliengrund, die beide benötigte. Firian blickte auf Bishdaryans Handrücken: Kleine Narben zeigten dem Baron, dass der stille Gast in der Vergangenheit mehr als nur einen Strauß gefochten hatte. Firiam nahm beides, die Art wie er die weidener Tradition aufnahm als auch die Narben auf dem Handrücken, mit wohlwollen wahr.

Coris freute sich, die Baronin wiederzusehen. Sie war eine ungewöhnliche Frau. Nicht nur die Jagdleidenschaft zeichnete die gebürtige Garetierin aus, sondern auch ihre unprätentiöse Aufmachung und der ebenso herzliche Umgang mit Menschen jedweder Herkunft. Sie machte keinen Unterschied, ob ihr Gegenüber von Adel oder ein einfacher Bauer war. So ließ sie sich auch bei der Vorstellung Perchtrudis den Standesunterschied nicht anmerken und begrüßte diese ebenso freundlich wie Coris, Liutperga und Bishdaryan.

Letzteren fragte Adaque mit unverhohlener Neugier: “Seid Ihr noch neu im Kloster Etiliengrund, Euer Gnaden? Ich kenne zwar nicht alle Bewohner des Boronklosters, aber ich bin sicher Euch noch nicht gesehen zu haben.”

Der Geweihte verblüffte Adaque, als er auf der burschikos gereichten Hand einen Handkuss in bester, höfischer Manier andeutete, eher er antwortete: “Das habt Ihr aufmerksam beobachtet, Euer Hochgeboren. Ich bin vor einigen Wochen in das Kloster gekommen, von dessen Ruhe, schöner Lage und heimeliger Gastfreundlichkeit Schwester Coris bereits im fernen Rommilys schwärmte. Ich unterstütze die Arbeit der Glaubensschwestern und -brüder seither nach bestem Vermögen - dort, und vielleicht nun auch in Eurem Lehen, das manchem horasischen Landschaftsmaler Entzücken ob seiner Ansehnlichkeit entlocken würde. Denn”, leitete er das Gespräch unumwunden wieder zu Liutperga zurück, “eine Herausforderung, die sicher das Wirken der Borondiener erfordert, womöglich aber auch jenes der weltlichen Obrigkeit, führt uns hierher, zum Herrscher über diesen Landstrich, der so rauh wirkt wie seine Bewohner gastfreundlich sind.”

Äußerlich blieb Firian zunächst unbewegt und sah stoisch drein. Innerlich freute er sich für Adaque ob des neuen Gesprächspartners. Er war sich sicher, dass sie Schneehag und Burg Firnhag inzwischen als Heimat beziehungsweise Zuhause ansah. Auch mochte sie die meiste Zeit über die rauhen und harten Menschen hier. Doch zuweilen ließ sie durchaus durchblicken, dass sie sehr gerne ab und an auch mal ein Gespräch führen würde, wie sie es am Grafenhof zu Eslamsgrund kennengelernt hatte. Als der Geweihte dann weiter ausführte, verringerte er seine Aufmerksamkeit ein wenig. Lediglich beim Herrscher über das Land nickte er kurz. Damit konnte ja nur er selbst gemeint sein. Vorerst überließ er aber Adaque das Wort. Die Baronin lächelte, als Bishdaryan Weiden wortgewandt beschrieb. Sie hörte ihm gerne zu. Seine ruhige, sanfte Stimme und seine zugewandte Art gefielen ihr.

Als der Noionit dann andeutete, dass irgendetwas im Lehen ihres Gemahl das Wirken eines Borondieners oder der weltlichen Gerichtsbarkeit erforderte, runzelte sie leicht die Stirn: “Wie meint Ihr das, Euer Gnaden? Das klingt ja beunruhigend! Was gibt es im beschaulichen Schneehag für Machenschaften, die uns nicht bekannt sind? Oder hast du etwas derartiges vernommen, Firian?” Sie sah ihren Gemahl fragend an. Verheimlichte er ihr etwas? Womöglich um sie nicht zu beunruhigen?

“Ich hab nichts Besonderes gehört. Das Wild verhält sich normal. Das Wetter entspricht der Jahreszeit. Die Bauern sind friedlich und gehen ihrem Tagwerk nach. Vielleicht meint Seine Gnaden den dräuenden Ork. Als Neuling in diesen Landen ist er vielleicht noch nicht an die dauerhafte Bedrohung gewohnt. Auch wenn mir scheint, dass er nicht wehrlos dem Schwarzpelz gegenüber ist.” Firians Blick ging nochmal kurz zu Rabenschnabel und Handrücken. “Jedenfalls vermelden die Wachtürme keine gesteigerte Bewegungen oder vermehrte Rauchfahnen.” Firian dachte kurz nach: “Letzten Götternamen haben die Valburnfûrnjäger sieben Orkohrenpaare gebracht… das ist auch nur wenig mehr als sonst…”, Firian war auch ratlos. Mit einem Blick gab der Horasier zu verstehen, dass er nicht der alten Geweihten vorgreifen wollte, die das Kloster repräsentierte und ihm in Rang und Erfahrung übergeordnet war - zumindest was diese Gegend und den Umgang mit ihren Bewohnern betraf.

Liutperga nahm diese Respektbezeugung an und begann zu erklären: “Nun, das ist eine eigenartige Geschichte, Euer Hochgeboren. Perchtrudis hier", die Etilianerin schob die junge Frau vor, "berichtete von einer anrührenden und zugleich etwas befremdlichen Geschichte. Komm, meine Gute, setz’ seine Hochgeboren über die Geschehnisse in Kenntnis."

Die Dreiwaldenerin begann das Schicksal der Familie der bemitleidenswerten Holdwiep zu erzählen Sie schloss damit, dass die Boroni den Verdacht hatten, dass es bei jenen Todesfällen nicht mit rechten Dingen zuging, weniger weil sie Holdwiep verdächtigten, aus Arglist gehandelt zu haben, sondern vielmehr weil sie schwarzmagisches oder dämonisches Wirken befürchteten.

Liutperga nickte: "So ist es, Baron von Schneehag. Da es sich aber sehr wohl um einen Fall für die weltliche Gerichtsbarkeit handeln könnte und auch Euer Lehen ist, sind wir hier um Euch zu informieren und um Hilfe zu bitten."

Firian hörte sich die Geschichte von Holdwiep und ihrer Familie an. Er wartete noch einen Moment ob einer der anderen Geweihten noch etwas beizutragen oder ergänzen hatte. Dann stand er auf: “Zunächst einmal unterstütze ich das Ansinnen, dass die Toten unbedingt auf einen Boronanger gehören. Egal wie sie gestorben sind, sie gehören anständig begraben und ein Segen muss gesprochen werden damit ihre Seelen Frieden finden! Ich werde denjenigen streng bestrafen, der die Entscheidung gefällt hat, sie zu verscharren und damit zu versuchen, die Augen vor einem Problem zu verschließen und es so vielleicht noch größer zu machen!” Firians Worte und Tonlage waren die eines Mannes, der das Herrschen gewohnt war und Firuns Strenge schwebte für einen Moment im Raum. Er trat ganz nah an die Bäuerin heran und sah ihr direkt in die Augen “Ich stelle diese Frage nur einmal und erwarte die reine Wahrheit. Anschließend wird es keine weitere Gelegenheit mehr geben. Sollte etwas fehlen oder hinzugefügt worden sein, was bei der Klärung der Umstände hinderlich sein wird, erwartet auch sie die Strenge des Alten vom Berg. Also ist sie sich sicher das die Geschichte genau so gewesen ist wie berichtet?”

Die Augen der Dreiwaldenerin weiteten sich vor Schreck. Man konnte erkennen, dass sie Angst vor dem Baron und seiner angedrohten Strafe hatte. Ihre Stimme war leise und zittrig als sie antwortete: "Bei den Zwölfen und allen voran der Eidmutter, so hat es sich zugetragen, Euer Hochgeboren!"

Nach der Antwort wandte sich Firian wieder den anderen zu: “Ich werde der Sache nachgehen und bitte euch darum, mich auf diesem Weg zu begleiten! Unheilige Umtriebe lassen sich nur selten alleine mit dem Schwertarm wirklich von Grund auf tilgen. Mein Hofgeweihter wird uns ebenfalls begleiten. Doch frage ich nach deiner Meinung”, er sah Adaque an, “und Eurer Meinung”, an die Geweihten gerichtet, “handelt es sich um Gift oder Krankheit… wäre es nicht besser wir nähmen noch eine Weise Frau mit? Sie kennen sich auf diesen Gebieten am Besten aus!”

Die Baronin überlegte - und noch während sie das tat, ergriff der Noionit das Wort: “Euer Hochgeboren, ich habe bereits während ihres ersten Berichts, als sie das Kloster aufsuchte, kein Anzeichen dafür gefunden, dass Meisterin Perchtrudis etwas anderes erzählt hätte als das, was sie als wahr und geschehen betrachtet. Auch bin ich überzeugt, dass sie es nicht wagen würde, Euch als ihren gestrengen Herrscher in die Irre zu leiten.”

Die Weidenerin entspannte sich ein wenig, und Bishdaryans behutsame Wortwahl gab dem Baron keinen Anlass aufzubrausen. “Euer sofortiger Ansporn, Euch persönlich dieser seltsamen Angelegenheit anzunehmen, zeichnet Euch als Mann der Tat aus. Und gut tut Ihr daran, Kundige in Eurem Gefolge mitzunehmen, die Euch bei jenen Belangen zu raten vermögen, in denen Ihr nicht beschlagen seid.”

Firian merkte, wie seine Gedanken abzuschweifen begannen und zwang sich, dem dahin mäandrierenden Redefluss des Horasiers weiter zu folgen. “Die Umbettung Verstorbener ist allerdings keine angenehme Sache, und bedürfte Eurer Anwesenheit nicht - wiewohl ich keinesfalls daran zweifle, dass Ihr mit Eurer Person diesem Vorgang weltliche Würde verliehet, was dem Seelenfrieden Eurer zu Tode gekommenen Untertanen zuträglich sein könnte. Ebenso würde Euer Auftreten in Dreiwalden den Einwohnern die Wichtigkeit der Angelegenheit vor Augen führen. Allerdings könnte es auch geschehen, dass gerade Eure Präsenz die Witwe, wie auch Leute, die etwas über diese zu wissen meinen, einschüchterte, was es schwieriger machen könnte, mit Noionas Segen den zu Befragenden Gelassenheit zu vermitteln, sodass jene offener sprechen. Vielleicht wäre es angeraten, dass zuerst wir Diener des Raben mit der Hinterbliebenen und anderen Dörflern sprechen, dann in Anwesenheit einer - wie sagt Ihr? Weisen Frau? einer Heilkundigen? - die Toten zur Ruhe getragen werden und schließlich Ihr mit Eurer Autorität weiteren, womöglich erforderlichen Maßnahmen die angemessene Wichtigkeit verleiht.”

Adaque beobachtete gespannt ihren Gemahl. Der Noionit war sehr geschickt vorgegangen. Er hatte das Für und Wider abgewogen und gab damit Firian ordentlich Stoff zum Grübeln. Wie würde er sich entscheiden? Sie würde seine Entscheidung nicht beeinflussen und hielt sich deshalb zurück, auch wenn sie den Boronis und der Weisen Frau den Vortritt geben würde. Was würde Firian antworten?

Firian musste einen Moment nachdenken. Es fiel ihm immer schwer, den geschwurbelten Reden der Südlander zu folgen. Er beschloss daher, einfach nochmal von vorne anzufangen. “Das ist gut, dass sie die Wahrheit spricht! Im Kleinen wie im Großen ist das der einzige Weg, besonders im Umgang mit ihrem Lehnsherren. Denn dieser wird die Wahrheit immer ehren.”

Firian machte in Perchtrudis Richtung eine Handbewegung mit ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger und schickte sie so erst einmal fort. Für das folgende Gespräch war ihre Anwesenheit, so Firians Meinung, unnötig. “Mein Schwertvater lehrte mich, dass man für jeden Gegner die passende Waffe braucht und kein Mensch es schaffen kann alle Waffen… die des Arms, die des Geistes und die von den Göttern gewährten… zu meistern. Daher überlasse ich natürlich die Umbettung der Körper der Toten ebenso wie das Sprechen der Segen für das Seelenheil eben der Seelen der Toten Euch. Auch wenn ich betonen will, dass ich kein verweichlichter Hor… äh … Almadaner bin. Ich scheue nicht davor zurück, unangenehmen Dinge zu tun, wenn sie nötig sind. Dass diese Bauern auf einen ordentlichen Anger gehören, ist nötig!” Nachdem das klargestellt war, beschloss Firian nun die nächsten Schritte einzuleiten: “Dass einige Bauern aus Dreiwalden Angst haben, wenn ich komme, ist angesichts ihrer scheinbaren Verfehlungen durchaus angebracht. Doch wissen meine Untertanen, wenn ich selber erscheine, dann ist noch Zeit und Gelegenheit zu reden. Hätte ich mein Urteil schon gefällt und sie für schuldig befunden, würde ich an meiner Statt die beiden jungen Runkelritter schicken. Wenn meine Kettenhunde alleine auftauchen, wissen alle, welche Stunde geschlagen hat. Aber weder die beiden noch meine Person sind vielleicht die Richtigen, um trauernde Hinterbliebene delkta... delit… äh... Fragen zu stellen, die sehr nah gehen. Daher werden wir es so machen. Wir reiten gemeinsam nach Dreiwalden, doch dort angekommen werden ich und mein Hofgeweihter zunächst weiter gen Blautann reiten. Malina Bockfold, eine Tochter der Erde, hat dort ihre Behausung. Wir werden sie um Hilfe bitten und dann nach Dreiwalden bringen. Ich denke sie ist bei Krankheit und eventuell Gift die bessere Wahl als Luzelin oder Rowina. Oder was meinst du?”

Der letzte Satz war direkt an Adaque gerichtet die Firian damit zusätzlich aufforderte ihre Meinung zu seinem Plan zu äußern. Er war gespannt wie diese ausfallen würde und was die Boronis von allem halten würden.

Adaque nickte zustimmend. “Malina ist sicher eine gute Wahl. Nicht, dass ich Rowina oder Luzelin damit herabwürdigen möchte, aber in diesem Fall ist eine Tochter der Erde sicher eine gute Unterstützung. Wenn du das machen würdest, Firian? Aber gib den Geweihten des Ewigen genügend Zeit, sich ihren Aufgaben zu widmen. Seelsorge wird vonnöten sein und erst recht eine Umbettung mit Einsegnung… du weißt, da ist Ruhe und Besonnenheit angebracht.”

Die Baronin hoffte, dass ihr Gemahl ein Einsehen hatte, denn er trat doch nicht selten herrschsüchtig und forsch auf. Das konnte die einfachen Leutchen in Dreiwalden ordentlich verschrecken. Umso besser, wenn die Geweihten da Vorarbeit leisteten. Firian rang einen Moment mit sich. Die Sache mit Malina war nach Adaques Zustimmung für ihn entschieden. Aber die andere Sache… er konnte sich schon denken, worauf Adaque hinaus wollte. Es war ja in den letzten Jahren schon oft so gewesen, dass er den harten und sie den milden Part in der Regentschaft über Schneehag eingenommen hatte. Es war nur wichtig, dass keine Seite die Oberhand gewann. So jedenfalls seine Meinung.

“Du hast vollkommen Recht und ich bin mir auch sicher, dass Rowina nur schwer zu überzeugen wäre, bei diesem Problem zu helfen. Und Luzelin… nein, Malina ist die Richtige dafür. Ich werde sie wie gesagt besuchen.” Es entstand eine kurze Pause bevor er fortfuhr: “Ich verstehe, was du meinst. Doch denke auch daran, dass der Alte vom Berg uns lehrt: Strenge und Härte sind wichtig. Hier ist nicht die Goldene Aue… Schwäche können wir uns nicht leisten. Wenn es in Dreiwalden eine wie auch immer geartetes Fäulnis gibt, müssen wir sie ausmerzen, bevor sie sich ausbreitet!” Der Baron von Schneehag sah die Boronis an: “Was sagt ihr zu meiner Entscheidung und was würdet Ihr sagen, ist in Euren Augen genügend Zeit?” Bishdaryan von Tikalen blickte zu Schwester Liutperga, doch sie schien tatsächlich ihm das Gespräch mit dem Baron überlassen zu wollen. “Rasch und direkt zu handeln ist bei jeder Art von manifester Bedrohung das richtige Vorgehen, Euer Hochgeboren. Euer Wille zum Handeln ist daher gut und angebracht. Wenn Ihr der Meinung seid, dass eine Satuarientochter dabei von Hilfe sein kann... nun, Ihr kennt die Gefahren des Landes und Eure Untertanen am besten, und so mag jene eine sinnvolle Begleitung sein. Gleichwohl erscheint es mir weise, zuerst seelsorgend mit der Witwe zu sprechen und mit jenen Dörflern, denen der Tod der Familie zu Herzen gegangen ist. Erst dann würde ich mit einer genaueren, nachdrücklichen Befragung und womöglich sogar arkanen Untersuchung der Umstände und Verstorbenen beginnen. Ist eine Schwelle erstmal überschritten, fällt die Tür leicht hinter einem zu, heißt in Belhanka ein Sprichwort, das Ihr fraglos auch versteht?”

Da pflichtete ihm nun auch Liutperga zu, die froh war, dass Bishdaryan, der offenbar viel beschlagener in solchen Dingen war als sie, das Wort geführt hatte. Coris schien erleichtert zu sein, dass sie nicht alleine der Gefahr gegenüberstehen würden, die womöglich in Dreiwalden auf sie lauerte. Sollte es tatsächlich ein Fall für die weltliche Gerichtsbarkeit sein, so war es gut, wenn der Baron selbst die Untersuchung und gegebenenfalls Bestrafung übernähme.

“Dann wird es so geschehen. Wir reiten morgen gemeinsam los. In Dreiwalden angekommen lass ich euch zuerst alleine in das Dorf und hole Malina. Bis zu ihrer Hütte und zurück werden wir sicherlich, zusätzlich mit dem Gespräch und dem Zusammensuchen von den Dingen die Malina braucht, einen Tag benötigen. Den habt ihr also schon einmal… Vorsprung, wenn man so sagen will. Wenn wir angekommen sind, spreche ich erst mit euch bevor ich dann sehe, wie es weitergeht!” Damit war für Firian die Sache geklärt und der Plan gefasst. “Gut… ich werde mich dann jetzt erst einmal wieder in den Hof zu den Knappen begeben. Da gibt es noch einiges zu tun! Seid meine Gäste, ihr könnt euch frei auf der Burg bewegen!”

Firian nickte Adaque kurz zu und übergab ihr damit quasi den Auftrag, das Gesinde zu informieren, dass es die Kammern bereitmache und dergleichen. Anschließend stand er auf, drückte noch kurz Adaques Hand und verließ den Rittersaal. Natürlich dicht gefolgt von seinen Hunden.

Die Baronin wandte sich an die Boroni: “Ich hoffe, wir dürfen Euch noch ein Nachtquartier und eine gepflegte Mahlzeit bieten, bevor Ihr morgen aufbrecht. Für Eure Mission wünsche ich Euch viel Erfolg und hoffe, dass die eigenartigen und traurigen Geschehnisse in Dreiwalden aufgeklärt werden können. Boron möge euch beschützen! Lebt wohl!”



Unheimliche Todesfälle in Dreiwalden

Die Boroni und Perchtrudis erreichten den Weiler Dreiwalden am späten Nachmittag. Perchtrudis zeigte: "Da liegt Dreiwalden, seht Ihr? Dort links ist mein Haus und die arme Holdwiep wohnt dort."

Sie wies dabei auf ein altes, ein wenig heruntergekommenes Bauernhaus. Ziegen weideten auf einer winzigen Weide. Im Schutz von Kastanien- und Walnussbäumen standen fünf oder sechs Bauernhäuser und ein paar Katen. Hühner liefen umher. Kein Mensch war zu sehen. Liutperga hielt auf das einfache Bauernhaus zu. Als die drei Boroni und Perchtrudis in die Nähe der Häuser gelangten, sahen sie plötzlich, wie sich einige Türen öffneten. Misstrauische Blicke folgten den Dienern des Dunklen Vaters. Coris fragte sich, ob sie mit ihrer Präsenz der armen Holdwiep wirklich einen Gefallen taten.

Vater Bishdaryan ließ seinen Warunker leicht zur Seite schreiten, unmittelbar an jenem Gebäude vorbei, das ihm in diesem Dörflein am prächtigsten erschien. Er hielt vor den Bewohnern, die ihn unterm Türstock hervor mit Blicken maßen und schob seine Kapuze in den Nacken, damit sie sein Gesicht gut erkennen konnten: “Bishdariel schenke euch angenehme Träume, meine Kinder”, grüßte er sie in leicht singendem Ton mit seiner angenehmen, dunklen Stimme. Es schien seinen Begleiterinnen, als schöbe sich eine Wolke vor die Sonne, als sänken die Geräusche von Hühnern, Ziegen und Blätterrauschen ein wenig ab. Eine Aura der Ruhe umfing Bishdaryans Umgebung und auf das Grüppchen, in dem der Geweihte den Dorfvorsteher vermutete, hatte der Gruß eine beruhigende Wirkung.

Ein untersetzter Mann mit schütterem Haar trat vor die Türschwelle und erwiderte diesen: “Die Zwölfe zum Gruße Euch, Diener Borons!” Der Mann sah sich unsicher um, dann öffnete er die Tür weiter. “Folgt mir!”

Er ging voran und führte die Borongeweihten in das Haus. Die Einrichtung war funktionell. Ein Tisch mit mehreren Hockern, ein paar einfache Regale, eine Feuerstelle und unter dem Dach, erreichbar über eine Stufenleiter, wohl die Schlafstätte der Familie. Außer dem Mann, der vorangegangen war, sahen die eintretenden Boroni eine großgewachsene Frau und drei Kinder, die neugierig auf die Gäste guckten.

Liutperga, die im Dorf bekannt war, stellte sich und ihre Begleiter vor. Dann kam sie zum Grund ihres Besuchs: “Wir sind hier, weil wir von ungeklärten Todesfällen in eurem Dorf erfahren haben. Was kannst du uns darüber sagen, Helmfried?” Der Dorfvorsteher sah seine Frau an, dann begann er eher zögerlich zu sprechen. “Nicht viel. Es betrifft nur die Familie von Holdwiep Krayenbruch und deren alte Mutter. Ich denke, zuerst starb das jüngste der Kinder, dann die Alte… naja und ehe wir uns versahen, waren sie alle tot. Eine schreckliche Seuche das… “

Kopfschüttelnd hob der Mann die Arme um seine Hilflosigkeit zu zeigen. Als er das Wort “Seuche” ausgesprochen hatte, hörte man die Frau des Dorfvorstehers verächtlich schnauben.

“Seuche? Da lache ich doch! Umgebracht hat sie sie, alle, sie hat allen die Seuche angezaubert!” Die braunen Augen der rotblonden Frau funkelten wütend.

Der Mann sprach von einer Seuche, die Frau von Zauberei. Bishdaryan entging diese Diskrepanz ebensowenig wie seinen Begleiterinnen. Er blickte die Herrin des Hauses freundlich an: “Dein Zorn lässt mich vermuten, dass du um Bauer Krayenbruch und seine Kinder trauerst, Frau…?”

Der Blick der Frau wurde misstrauisch, sie verschränkt die Arme vor der Brust. "Ich habe selbst drei Kinder und finde den Tod der Kinder und des Mannes furchtbar. Aber ich sage Euch, Euer Gnaden, die Hexe Holtwiep ist an allem schuld. Das weiß jeder hier in Dreiwalden. Sie ist eine Hexe oder Schlimmeres…"

Mit einem Blick deutete Bishdaryan Liutperga, dass sie die Kinder zur Seite nehmen möge. Halb stellte der Seelsorger die folgende Frage an seine beiden Mitgeweihten: “Ich stamme nicht aus dieser Region, hatte aber bislang den Eindruck, dass Satuarias Töchter hierzulande als ‘Weise Frauen’ wertgeschätzt würden? Andernorts sagt man zu jenen ja Hexen - oder ist dieser Begriff in Weiden für böse Schadenszauberinnen aufgespart?”

Liutperga und Coris schüttelten zugleich den Kopf. Die Ältere antwortete dann für beide: “Hier werden die Töchter Satuarias als ‘Weise Frauen’ durchaus wertgeschätzt. Ich nehme an, dass die Frau entweder schlechte Erfahrungen hat mit einer weisen Frau, die sich auf Schadenszauber verstanden hat oder sie hat vielleicht einen anderen kulturellen Hintergrund, ist erst nach Weiden gezogen?”

Nun richtete er das Wort wieder ausschließlich an die Herrin des Hauses: “Frau… wie ist doch gleich dein Name?… dein Mitgefühl als Mutter und Gemahlin für die Kindlein und den Verstorbenen scheint stark und jedem fühlenden Menschen ehrenwert. Indes, müsste nicht auch diejenige, die du hinter dem Tod der Familie dünkst, ob ihres Verlusts in gleicher Weise empfinden? Was lässt dich glauben, dass sie nicht nur eine böse Hexe ist - oder Schlimmeres? was wäre das denn? -, sondern ihrer eigenen Familie das schlimmste Leid angetan hat?”

Die Frau blickte von einem Geweihten zum anderen. Als Liutperga von schlechten Erfahrungen sprach, nickte sie. Dann runzelte sie die Stirn und letztendlich nickte sie wieder. Bishdaryans Frage konfrontierte die Frau erneut mit ihren Glaubenssätzen. Das brachte die Rotblonde zum Grübeln: “Also, also…”, sie stammelte. “Ich heiße Girte und stamme tatsächlich nicht aus Weiden sondern aus Garetien. Natürlich weiß ich von meinem Mann, dass man in Weiden auch gute Hexen kennt, die sie hier als ‘Weise Frauen’ bezeichnen, aber ich kenne Hexen aus meiner Heimat nur als böse Zauberweiber, die alles daran setzen, ihre Nachbarn zu piesacken und ihnen Übel anzuhängen.” Girte sah nun direkt Bishdaryan an. Die folgenden Worte presste sie wütend hervor: “Habt Ihr sie gesehen? Diese Holtwiep? Und habt Ihr gesehen, wie die Männer auf sie reagieren? Der waren ihr Mann und ihre Kinder im Weg bei ihren Rahjaspielchen. Und wenn Ihr mich fragt, was es noch Schlimmeres sein könnte als eine HEXE…” Die Frau holte tief Luft: “...eine Paktiererin zum Beispiel!”

Man hätte ein Lindenblatt zu Boden fallen hören können, so still war es in den Momenten, nach denen diese Bezichtigung ausgesprochen war. Doch hatte Bishdaryan nicht diese Anschuldigung, welche die Geweihten bereits geahnt hatten, mit seinen Fragen geradezu aus Girte gerungen?

Wie ein Fallbeil folgten nun seine Schlüsse: “Das ist ein schlimmer Verdacht. Einem solchen muss nachgegangen werden. Umso mehr, wenn es darauf konkrete Hinweise gibt, ohne die niemand ihn aussprechen würde. Neben dir wird es gewiss weitere Zeugen geben, die ebenso Hinweise auf ein Vergehen Holtwiep Krayenbruchs geben können. Du wirst sie Schwester Coris zum Aufschreiben nennen, ebenso wie deine Belege. Das wird der weltlichen Obrigkeit Fragen ersparen, wenn diese die Ermittlungen aufnimmt, und uns Orientierung geben, worauf zu achten ist, wenn wir die Seele der Beschuldigten prüfen. Du darfst gewiss sein, dass meine Schwestern und ich ohne Rücksicht auf die Person ergründen werden, ob ein Vergehen gegen die Götter vorliegt. Denn der Herr BORon ist unerbittlich, aber gerecht. Als Witwer weiß ich zudem selbst, wie man empfinden sollte, wenn man um einen Ehepartner traut. Und ich will auch selbst erfahren, wie Holtwiep auf ‘die Männer’ wirkt.” Falls er den letzten Satz im Scherz gemeint hatte, war das seiner Stimme und seiner Miene ebensowenig anzumerken wie seine Gefühle hinsichtlich der Beschuldigung der Witwe als Paktiererin.

Während Coris die Zeugin sanft zur Seite führte, um die geforderten Auskünfte niederzuschreiben, ging der Noionit mit Liutperga nach draußen, wo Perchtrudis wartete, die von dem Wortwechsel im Inneren des Häuschens nichts vernommen hatte. Ohne auf deren wissbegierigen, besorgten Blick zu reagieren, tauschte er sich leise mit der alten Geweihten aus: “Ich hoffe, Ihr habt mit der Seelenprüfung Erfahrung, Schwester? Meine Weihe habe ich selbst erst vor fünf Götterläufen erhalten. Ich traue auf die Macht des HERrn, doch mit dieser Liturgie bin ich nur in Grundzügen vertraut. Und ich bin überzeugt: Wir müssen diese vollziehen, um zweifelsfrei zu klären, ob die Dorfschöne erzdämonischen Makel auf sich geladen hat oder nicht. Das ist neben der ordentlichen Beisetzung der Gestorbenen unsere vordringlichste Aufgabe. Ob sie zaubermächtig ist, muss die Satuarientochter ergründen, die der Baron holt, eine mögliche weltliche Schuld dann ebendieser. Die Seele aber ist unser Metier.”

Liutperga schien ebenfalls sehr beeindruckt zu sein von den schweren Vorwürfen, die Girte ausgesprochen hatte. Sie hörte Bishdaryan zu und nickte: “Nun ich bin schon einige Jahre im Dienste Borons in der Heldentrutz unterwegs, allerdings muss ich sagen, dass ich noch nie damit konfrontiert wurde, dass einer Person angelastet wurde, ein Paktierer zu sein. Das ist ein schwerer Vorwurf und wenn der zutrifft… “, sie stockte, “dürfte es schon einiger erfahrener Geweihter oder Hochgeweihter bedürfen, um diesen zu entlarven und zu bannen. Aber wir können es mit der Seelenprüfung versuchen. Wenn uns diese keine Aussage gibt, wäre auch noch die Möglichkeit, das Grab der Unglücklichen abzusuchen nach Geistern, unruhigen Seelen, die den Weg übers Nirgendmeer nicht gefunden haben. Das könnte uns helfen zu verstehen, ob Holdwieps Mann und Kinder eines natürlichen Todes gestorben sind. Marbos Geisterblick könnte uns dabei helfen. Ob sie allerdings mit uns sprechen können, ist nicht sicher. Ich habe diese Liturgie schon einige Male genutzt, um Geister aufzuspüren und ihnen den ersehnten Weg zu Uthars Pforte zu weisen. Auf jeden Fall sollten wir uns zuvor gemeinsam um den Weisheitssegen Borons beten. Was meinst du?”

Er wirkte nach ihren Worten erleichtert, obgleich er sonst selten seine persönlichen Gefühle zeigte: “Die Seelenprüfung will ich gerne leiten, doch beim Blick nach Geistern musst du mir zeigen, was zu tun ist, Schwester. Der Toten nahm ich mich kaum einmal an, Hätte ich das nur, dann wäre es leicht gewesen, den Mörder der kleinen Udora rasch zu entlarven.”

Währenddessen brachte Coris die Aussagen Girtes zu Papier. Sie wurde den Verdacht nicht los, dass eher persönliche Abneigung und eine große Abscheu vor den Töchtern Satuarias zu Girtes Anschuldigungen führten. Es schien ihr, dass Perchtrudis durchaus Recht haben konnte, mit einer krankhaften Eifersucht auf die offenbar sehr schöne Holdwiep. Dennoch ließ sie sich nichts anmerken, fragte nach Beweisen oder Hinweisen auf die Behauptungen und bekam nicht viel mehr zu hören, als dass Holdwiep gerne oft alleine in den Wald ging, angeblich um Kräuter oder Pilze zu sammeln und Mann und Kinder dann zuhause gelassen hatte. Girte vermutete deshalb, dass Holdwiep dort die Zutaten für Liebestränke, Zauberelixiere und mehr gesammelt habe, sich mit den “verhexten” Männern getroffen habe und sich mit ihrem Dämon verbunden habe. Beweise konnte sie keine dafür anbringen. Girte wies aber darauf hin, dass die Küche der Holdwiep voller Behältnisse für Kräuter, Tränke und Elixiere sei. Also fragte Coris nach äußerlichen Hinweisen an Holdwiep, die auf eine Veränderung durch den Pakt mit einem Dämon hinwiesen. Girte schüttelte den Kopf. Damit waren für Coris die wichtigsten Aussagen gesammelt. Sie bedankte sich und stieß wieder zu Bishdaryan und Liutperga, die sich vor dem Häuschen unterhielten.

Man weihte sich in die Überlegungen ein und Coris zeigte den Glaubensgeschwistern ihre Aufzeichnungen. Dann fragte sie ihren Glaubensbruder: “Wollen wir uns zunächst zum Gebet zurückziehen oder willst du zuerst einen Eindruck von Holdwiep bekommen, Bishdaryan?”

“Lasst uns zum Haus der Witwe Krayenbruch gehen, solange die Nachricht unserer Ankunft noch neu ist. Perchtrudis mag uns gleich dorthin führen.” Die Einheimische wartete noch immer in einigem Abstand. “Wir wollen ihr gegenüber ebenso wie beim Dorfvorsteher als jene gegenübertreten, deren Anwesenheit Hilfe und Gerechtigkeit verspricht, auch Trost. Wie, denkt Ihr, sollten wir der Witwe nahelegen, dass es zu Ihrem Wohle ist, dass sie sich der Seelenprüfung ergibt?” Als Bishdaryan diese Frage stellte, waren die drei Boroni bereits auf dem Weg zu dem heruntergekommenes Haus der Beschuldigten.

Coris meldete sich zu Wort: "Ich glaube, dass Holdwiep ein Einsehen haben wird, wenn ihre Seele rein ist und sie nichts zu befürchten hat. Eine Weigerung könnte ein Hinweis auf ihre Schuld sein. Was meinst du Liutperga?"

Auch die ältere Etilianerin stimmte zu. "Wir sollten ihr sagen, dass es angesichts der letzten Prüfung vor Rethon das beste ist, wenn sie sich uns öffnet. Sei es in einer Beichte oder mit Hilfe der ‘Seelenprüfung’. Wir werden ja sehen, wie sie reagiert."

Perchtrudis, die die Diener Borons geführt hatte, klopfte nun an die Tür des Hauses. Eine blonde Frau öffnete die Tür. Ihr schönes Gesicht wirkte hohlwangig, der Teint aschgrau. Aus traurigen, blauen Augen sah sie den Besuchern entgegen. Der Anblick der drei Geweihten ließ ihr das Wasser in die Augen steigen. Einzig der Freundin schenkte sie ein angedeutetes Lächeln: "Tretet ein, ihr Diener des Grausamen, wenn ihr Euch über die Schwelle dieses verfluchten Hauses traut. Denn verflucht muss dieses Haus sein, nach allem was sich hier in den vergangenen Wochen ereignet hat."

Sie schluchzte laut auf, drehte sich von der Tür weg und überließ sie es den Geweihten, ob diese ihr folgen würden. Doch dies war ja der Grund, weswegen die drei zu ihr gekommen waren. Vater Bishdaryan duckte sich unter dem niedrigen Türstock hindurch, gefolgt von seinen Glaubensschwestern. Perchtrudis deutete er mit einem Blick, erneut draußen zu warten. Eigentlich hätte sie zu ihrem eigenen Heim gehen können, traute sich aber nicht, die Geweihten um Erlaubnis zu fragen.

Drinnen trafen diese auf deutliche Anzeichen dafür, dass die vor Leid Niedergedrückte seit Wochen kaum mehr nach ihrem Haushalt schaute. Gerade noch gelang es Holdwiep, drei Hocker freizuräumen, auf denen die Besucher Platz nehmen konnten. Sie selbst lehnte sich gegen einen gemauerten Kochherd, auf dem sich benutztes Geschirr stapelte. “Dank dir, dass du uns in den Haus bittest, Frau Krayenbruch”, begann Bishdaryan, nachdem sie saßen. “Und dies, obgleich du uns als Diener des Schweigenden erkennst, der all deine Lieben zu sich genommen hat. Wisse aber, dass der HERR nicht grausam ist, obgleich es uns so erscheinen kann. Nein, er blickt auch auf dein Leid: Deine Freundin Perchtrudis hat er nach Etiliengrund geführt, auf dass sie meine Schwestern und mich hole, die wir dir in deiner Finsternis beistehen sollen. BORons Diener sorgen nicht nur für die Verstorbenen - und auch nach jenen wollen wir schauen -, sondern auch für die Lebenden. Für dich.”

Der Seelsorger stand auf und winkte die Witwe zu seinem Platz: “Setze dich hierher. Du glaubst, du seist verflucht? Berichte uns, was deiner Familie widerfahren ist. Sage uns, wie wir dir helfen können.”

Während die Frau zögerlich Platz nahm, zog er ein Holzfläschen aus seiner Gürteltasche, entkorkte dieses und goss eine dunkle Flüssigkeit in ein halbwegs sauberes Becherchen, das er vom unaufgeräumten Tisch in der Mitte der Stube nahm. Als er es Holdwiep reichte, verbreitete sich der süße Duft fremder Kräuter im Raum. Liutperga erkannte Noioniskraut und Vragieswurz sowie Honig. Das Getränk sollte die Leidende gewiss beruhigen.

Nach einem ersten, vorsichtigen, und einem zweiten, gierigen Schluck begann diese zu sprechen: "Oh ja, Euer Gnaden, und nennt mich bitte nur Holdwiep, ich fühle mich verflucht! Es muss so sein: Um mich herum sterben alle meine Lieben. Der Unausweichliche muss mich strafen wollen und ich weiß wirklich nicht wofür!" Sie weinte herzzerreißend. Doch nach einer Weile ebbte das Schluchzen ab. Sie sah den Diener des Dunklen Vaters vertrauensvoll an: "Es ging los mit Durchfall. Meine Mutter und das jüngste meiner Kinder wurden krank. Ich ging in den Wald um Heilpflanzen zu pflücken, die den Durchfall stoppen sollten. Am nächsten Tag hatten auch die anderen Kinder Durchfall und dann mein Mann. Ich kochte ihnen allen einen Heiltrank, doch nichts half. Im Gegenteil, sie erbrachen sich, zitterten und krampften. Dann starb einer nach dem anderen - innerhalb weniger Tage. Nur ich blieb verschont, dabei wünschte ich nichts mehr als die heilige Marbod hätte Gnade mit mir und würde auch mir Golgari schicken…"

Was sie sagte, bestätigte die Befürchtung, die Perchtrudis ausgesprochen hatte. Es schien jedoch nicht das erste Mal zu sein, dass jemand gegenüber dem Noioniten einen Todeswunsch äußerte. Unbewegt, aber zugewandt, legte er der Frau die Hand auf die Schulter: “ER wird dich rufen, wenn deine Zeit gekommen ist. Doch das ist sie noch nicht. Ich höre und verstehe deinen Schmerz: Du hast versucht, den Deinen zu helfen und glaubst…”, er hielt inne und ließ seine Stimme fester werden, die kurz gezittert hatte, “...dass du dabei versagt hast. Du willst bei Ihnen sein. Aber dein Platz ist hier. Und du hast mindestens drei Aufgaben vor dir: Hilf uns, die Verstorbenen an einem geweihten Platz zu bestatten. Hilf uns, herauszufinden, was der Grund ihres Dahinsiechens gewesen ist. Und dann lebe. Denn du sollst in der Erfüllung der ersten beiden Aufgaben wieder Kraft und Mut dazu finden.”

Die tröstenden Worte beruhigten Holdwiep. Vertrauensvoll nickte sie Bishdaryan zu: “Gerne will ich helfen, Euer Gnaden!” Bishdaryan winkte Coris, erneut Protokoll zu führen: “Holdwiep, zuerst berichte uns, wo die Leiber der Gestorbenen begraben sind und auch, weshalb sie nicht an dem dafür vorgesehenen, dem HERrn geweihten Platz mit SEInen Riten bestattet worden sind. Danach erinnere dich, ob es in der Zeit, ehe sie krank wurden, ungewöhnliche Ereignisse gegeben hat, ob beispielsweise jemand aus deiner Familie - vielleicht du selbst? - mit jemandem einen Zwist hatte.” Seine Stimme war vom beruhigenden in einen ermunternden Ton gewechselt. “Und wenn du geendet hast, wollen wir gemeinsam beten, auf dass BORon deine Seele prüfen möge. Dann werden wir erkennen, ob ein Fluch auf dir lastet.”

Ein Fluch. Auch der Diener Borons glaubte also, dass sie womöglich verflucht war. Holdwiep stiegen erneut die Tränen in die Augen. Dann aber zwang sie sich an das zu denken, was Bishdaryan gesagt hatte: Falls sie ihm half, würde sie wieder Kraft und Mut finden. Also der Reihe nach. Der Bestattungsplatz: “Man hat meine Lieben am Waldrand in eine Grube geworfen. Aus Angst vor einer Seuche oder vor unheiligem Wirken. Ich kann euch hinführen. Und was den Zeitraum anging als alle erkrankten… nun, es gab eigentlich keine besonderen Ereignisse. Einer unserer Hasen war verschwunden und mein Mann hatte vermutet, dass einer der Nachbarn ihn womöglich in seinen Kochtopf geworfen hatte. Doch dann haben wir ihn ein paar Tage später mit dem Wassereimer aus dem Ziehbrunnen gezogen. Also war es wohl doch keiner der Nachbarn…”

Holdwiep zuckte mit den Schultern. Dann wartete sie darauf, dass Bishdaryan ihr vorbeten würde. Sie hatte keine Einwände gegen eine Seelenprüfung: “Wollen wir nun beten, Euer Gnaden?”

Coris notierte inzwischen alle Informationen, die Holdwiep Bishdayan gegeben hatte. Liutperga hörte aufmerksam zu. Zwischen ihren Augenbrauen hatten sich tiefe Falten gebildet. Es war deutlich, dass sie angestrengt nachdachte. Und vielleicht hatte die Alte die gleichen Gedankengänge wie der deutlich jüngere Geweihte?

Er jedenfalls sann gleichfalls erkennbar über das Gesagte nach und schien seine Überlegungen auf gerade Wege leiten zu wollen, eher er Holdwiep antwortete: “Gedulde dich noch ein wenig, wie auch der HERr geduldig ist.” Zuversicht klang in seiner Stimme, begründet darin, dass die Frau trotz ihres Leides die Hoffnung auf die helfende Kraft des Gebets nicht verloren hatte: “Dank dir für die ersten Erklärungen. Ich weiß, dass es dir schwerfällt, in der Zeit zurück blicken zu müssen. Gleichwohl mag dir gerade dies helfen, einen Teil der Last des Geschehenen abzulegen. Uns wiederum hilft es zu verstehen, was geschehen ist. Darum bitte ich dich, weiter geradeheraus zu antworten. Das Grab deiner Lieben werden wir zur gegebenen Zeit aufsuchen und für deren Leiber Sorge tragen. Doch sage: Welche Person hat veranlasst, diese an jener Stelle beizusetzen und - obwohl doch der Verdacht verderblichen Wirkens im Raume stand - ohne einen Grabsegen?” Er räusperte sich und fuhr fort: “Jener Hase, den du erwähntest, hieltet ihr diesen gezähmt in einem Käfig? Vermagst du zu sagen, wie lange sein Kadaver in eurem Brunnen gelegen hatte? Und ob er darin ersoffen oder schon zuvor geschlagen oder geschlachtet worden war? Eine für ihre Familie kochende Frau wie du wird wissen, an welchen Wunden ein Tier gestorben ist, nicht?”

Die Dreiwaldenerin dachte nach. Der Geweihte wollte es ganz genau wissen. "Der Dorfvorsteher wollte, dass die Körper der Verstorbenen so schnell wie möglich verschwinden. Er behauptete, dass er das wegen der Seuchengefahr so schnell wollte. Und dass sie in ungeweihten Boden kamen lag an der Anschuldigung Girtes, ich hätte mit der Hilfe dämonischer Mächte oder schwarzer Magie den Tod meiner Familie hervorgerufen. Sie haben eben auch als Argument angeführt, dass es Tage dauert, bis jemand nach Etiliengrund läuft und Liutperga für die Einsegnung und Grabsegnung holt."

Da Bishdaryan auf den Hasen zu sprechen gekommen war, musste Holtwiep erneut nachdenken: "Das war ein Stallhase, richtig, Euer Gnaden. Und dem Kadaver war nicht anzusehen woran er gestorben ist. Also, er hatte keine sichtbaren Wunden. Ob ihm aber jemand den Hals umgedreht hat, vermag ich nicht zu sagen. Er sah ja nun nicht mehr sehr frisch aus, nachdem er schon ein paar Tage im Brunnen gelegen hatte." Dann wurde die Frau wieder sehr nachdenklich. Sie ergriff die Hand des Borondieners. "Habt Ihr bereits eine Vermutung, Euer Gnaden, wo die Wurzel des Übels liegt? Verdächtigt Ihr mich auch der Hexerei mit schwarzer Magie oder des Bundes mit Dämonen?" Angst sprach aus ihrem Blick.

„Verdächtigungen auszusprechen ist leicht, doch allein Sache der weltlichen Obrigkeit. Daher verdächtige auch ich niemanden, und es steht außer dem Baron dieses Landstrichs niemandem sonst zu, dies zu tun“, sagte Vater Bishdaryan bestimmt, aber beruhigend. Er hielt die Hand der verunsicherten Witwe weiter, legte seine Linke zudem in einer Halt gebenden Geste darauf: „Meine Glaubensschwestern und ich sammeln lediglich ohne Vorbehalt und Ansehen der Person, wie es unserem Gott entspricht, was uns in dieser Sache wichtig erscheint.“ Er wirkte etwas unsicher, als er weiterfragte: „Du würdest uns doch gewiss beichten, falls irgendeine der von anderer Seite geäußerten Vermutungen zuträfe?“

"Selbstverständlich, Euer Gnaden!", erwiderte Holdwiep und sah Bishdaryan aufrichtig in die Augen. Wie hätte den Verdacht der Hexerei, Schwarzmagie oder gar Dämonenpaktiererei auch irgendjemand bestätigen wollen – egal ob zutreffend oder nicht? Bishdaryans Miene wechselte von Erleichterung rasch zu Verlegenheit und dann zu ratlosem Erstaunen, als er gänzlich profan nach den Hintergründen der Tragödie fragte: „Ihr hattet also einen verwesenden Hasen im Brunnen? Hältst du es für möglich, dass er aus seinem Stall entfleuchte und aus eigener Kraft in den Schacht fallen konnte? Oder ist ein Deckel über jenem? Und ihr habt alle von dem Wasser getrunken? Und du warst die einzige, die nicht erkrankte?“

"Der Brunnenschacht war schon abgedeckt, gerade auch damit keines der Kinder hineinfiele." Die Witwe schluchzte auf und legte ihre Hände über die tränennassen Augen. "Ich glaube nicht, dass der Hase selbst in den Brunnenschacht fiel. Er hätte ja die Klappe anheben müssen. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber ich vermute durchaus, dass das Tier absichtlich in den Schacht geworfen wurde." Sie dachte weiter nach. "Wir alle tranken von dem Wasser, auch ich. Wobei ich oft ein wenig Essig in mein Wasser gebe. Ich mag das so. Der Rest meiner Familie trank das Wasser aber ohne Essig. Die mochten das nicht. Es war ihnen zu sauer."

Bishdaryan schnaufte ungläubig, fuhr dann aber beherrscht fort: „Euer Dorfvorsteher, das ist Helmfried, richtig? Und Girte ist seine Gemahlin? Hat sie Beweise dafür erbracht, dass deine Lieben übernatürlichem Wirken zum Opfer gefallen sind und nicht einer Krankheit? Und einen Grund genannt, weshalb ausgerechnet du an diesem Tod schuldig sein solltest? Hattest du ihr je geschadet oder auch nur einen Streit mit ihr vom Zaune gebrochen?“ Seine Stimme blieb gleichmütig und ruhig. Es war ihm nicht anzumerken, ob er bei irgendeinem der angesprochenen Sachverhalte die eine oder die andere Deutungsmöglichkeit für wahrscheinlich hielt.

Wieder hörte Holdwiep gut zu, sie nickte zunächst um zu bestätigen, dass es sich bei Helmfried und Girte um den Dorfvorsteher und seine Gattin handelte. Dann schüttelte sie den Kopf: "Girte hat keine Beweise gebracht, nur Anschuldigungen. Sie glaubt, ich wollte meine Familie aus dem Weg räumen, um frei für einen anderen Mann zu sein. Dabei stimmt das gar nicht! Sie verdächtigt mich, dass ich ihrem Mann schöne Augen machen würde und auch anderen Männern im Dorf. Ich weiß gar nicht woher sie diese Vermutung nimmt. Ich war meinem Mann stets treu. Bitte, ihr glaubt mir doch, nicht wahr Euer Gnaden? "

“Ich will dir glauben, dass du treu warst. Und wenn es nicht so wäre, müsstest du nicht bei uns, sondern beim Traviageweihten der hiesigen Gegend Abbitte leisten.” Die Frage der Treue schien dem Noioniten tatsächlich nachgeordnet zu sein. Vielleicht stimmte es ja, dass man im Horasreich andere Sitten hegte. Jedoch: Bishdaryan hatte auch noch nie seine verstorbene Frau oder eine geliebte Person namentlich erwähnt. “Die eheliche Tugend ist Sache der Diener des Herdfeuers”, fügte er an und fuhr fort: “Was ich nicht glauben will ist, dass selbst wenn jemand kokett ist, ihm oder ihr dies Grund genug wäre, nicht nur die oder den Anvermählten zu töten, sondern auch die geliebten Kinder. Umso weniger in deinem Fall, da wir nun bereits ahnen, was mit deiner Familie geschehen ist und weshalb du verschont geblieben bist.”

Ohne dies genauer auszuführen, wandte er sich zu den beiden anderen Boroni um und nahm sie zur Seite: “Meine Schwestern, nach dem was wir gehört haben, wollen wir mit der Trauernden beten und ihr mit Hilfe des Herrn eine Linderung geben. Auf eine Prüfung ihrer Seele müssen wir nicht bestehen - es sei denn, Seine Hochgeboren sollte uns nach Kenntnisnahme aller bislang bekannten Sachverhalte dennoch darum bitten. Mir scheint eindrücklich, diese Angelegenheit ist eine Sache der Seelsorge, der göttergefälligen Bestattung sowie der weltlichen Ermittlung und Rechtsprechung, keine von jenseitiger Buhlerei, Schwarzkunst und Mord. Hier sickert das böse Gift des Neides und der Verleumdung. Und doch muss der Baron Recht sprechen, nicht unser Mitgefühl. Wir wollen für die Witwe und die Körper ihrer Familie sorgen, wie es Sache unseres Glaubens und Handelns ist. Aufklärung und Gerechtigkeit bringt der Herrscher dieses Dorfes morgen hierher. Deine Niederschrift, Coris, wird ihm alles von Belang darlegen. Bis er eintrifft, werden wir die Trauernde nicht alleine lassen. Eine von euch bleibt bei ihr und tröstet sie, während wir anderen beiden zum Dorfvorsteher gehen und einen Schaufeltrupp zusammenrufen lassen. Die Leichname kommen zurück ins Dorf und werden aufgebahrt, dann soll sich die ‘Weise Frau’ sie morgen anschauen. Wer bleibt bei Holdwiep, wer kommt mit mir, und was ist aus eurer Sicht heute noch zu tun oder zu erfragen?”

Die beiden Glaubensschwestern nickten. Die erfahrene Liutperga teilte die Einschätzung Bishdaryans. Auch sie ging von einer Angelegenheit aus, die nicht aufgrund von schwarzer Magie oder Mord zustande gekommen war. Alles sprach für einen Akt der Missgunst. Coris erklärte sich bereit, bei Holdwiep zu bleiben und mit der Trauernden zu beten. Liutperga hingegen kannte alle Dorfbewohner und war sich sicher, in Kürze einige tatkräftige Helfer zu finden, die bei der Exhumierung helfen konnten. Sie wollte mit Bishdaryan den Weg zum Dorfvorsteher antreten. “Ich bin sehr gespannt, wie der Baron die Sache sehen wird und vor allem, was die ‘Weise Frau’ herausfindet. Ich persönlich würde die Dorfbevölkerung fragen, ob sie schon Ähnliches erlebt haben. Nun, ich will Girte nicht zu nahe treten, aber vielleicht ist Holdwiep nicht die einzige, die sich ihren Unmut zugezogen hat. Und vielleicht hören wir auch noch andere Einschätzungen zu der Angelegenheit.”

Bishdaryan nickte und trat wieder zu der Witwe hinüber: “Schwester Coris wird bei dir verweilen, während Schwester Liutperga und ich alles für eine göttergefällige Bestattung arrangieren… ich meine: veranlassen”, ersetzte er sogleich das hochgestochene Horathi durch ein einfacheres Wort. “Doch zuvor wollen wir beten und schweigen und schweigend beten, auf dass der HERr dir wohlgesonnen ist und Stein für Stein deiner großen Last dir von der Seele fallen kann.” Die vier knieten nieder und begannen, den Herrn des Todes zu ehren.

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Später führte Liutperga den Horasier in eine kleine Schänke in einem der nahen Höfe. Ehe sie sich daran machten, Helfer für das grässliche Werk des Leichenbergens zu suchen, ließen sie sich beim ein oder anderen Gagelbier mehr über die Witwe Krayenbruch und die Frau des Dorfvorstehers erzählen. Als Borongeweihte und Seelsorger verstanden sie es gut, zuzuhören und an den richtigen Stellen die richtigen Fragen zu stellen, und so erfuhren sie, dass die Missgunst Girtes gegenüber Holdwiep allgemein bekannt war. Auch die anderen Dorfbewohner, die in der kleinen Schänke beim Gagelbier zusammen saßen, hatten bemerkt, dass der Dorfvorsteher der hübschen Holdwiep schöne Augen machte. Ob die verheiratete Frau die Annäherungsversuche erwidert habe, konnten sie nicht sagen, die meisten aber glaubten nicht, dass Holdwiep ihren Mann betrogen habe. Eine der Frauen des Dorfes erzählte schließlich, dass Girte auch schon auf sie eifersüchtig gewesen sei, da Helmfried „gerne jedem Rock hinterhergucke“, wie sie sich ausdrückte. Die Borondiener hörten aufmerksam zu und machten sich dabei ihre Gedanken. Als sie sich auf den Weg zum Haus des Dorfvorstehers begaben, wo sie die Nacht verbringen wollten, besprachen sie das Gehörte. Man kam überein, die weiteren Nachforschungen - insbesondere die Frage, wie der tote Hase in den Brunnen gelangt sei - und die Bewertung der Aussagen dem Baron zu überlassen. Coris blieb die Nacht über bei der Witwe Holdwiep Krayenbruch.

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Am kommenden Morgen fanden sich die freiwilligen Helfer und die Borondiener zum Öffnen der Gräber an der Stelle ein, wo die Familienmitglieder der Krayenbruchs, die unter ungeklärten Umständen so plötzlich und zeitgleich verstorben waren, schnell und ohne die göttergefälligen Riten vergraben worden waren. Die Dienerin Golgaris bat Bishdaryan, den erfahrenen Noioniten, an der Seite der armen Witwe Holdwiep zu bleiben, wenn die Gräber geöffnet wurden. Sie befürchtete, dass Holdwiep angesichts des Anblicks zusammenbrechen würde. Inzwischen hatte sich beinahe die gesamte Dorfgemeinschaft am Waldrand eingefunden, wo die Familie verscharrt lag. In ihren Gesichtern war eine Mischung aus Ekel und Neugierde zu lesen.

“Es muss so sein, dass die Gemeinschaft hier versammelt ist”, gab Bishdaryan Liutpergas und seine Überlegungen wieder. “So werden sie sehen, dass du nicht scheust, die sterblichen Leiber der Deinen zu schauen, sondern mit aufrichtiger Trauer und reinem Gewissen hier stehst.” Unausgesprochen ließ er, dass Girte der grausigen Tätigkeit fern blieb. Ihr Mann Helmfried musste qua Amtes zugegen sein, stützte sich aber mit bleichem Gesicht auf eine Schaufel, statt jene selbst zu schwingen, wie es eine ansehnliche Schar Frauen und Männer des Dorfs mit hartem Blick taten.

Die Witwe Krayenbruch stand wie entrückt neben dem Geweihten, der seine Linke Halt gebend auf ihrer Schulter ruhen ließ. Es war ein flaches Erdloch, das die Beteiligten wenige Wochen zuvor ausgehoben und die Leichen hineingleiten lassen hatten. Nicht lange daher, dass eine der Schaufeln dumpf klang und der kräftige Knecht, der sie führte innehielt: “Wir ham sie”, teilte er mit.

Vater Bishdaryan hob die Rechte gen Alveran, halb um die Menge zur Ruhe zu mahnen, halb um den Beistand Borons zu erbitten. Kein Wort ward gesprochen, bis plötzlich aus dem Morgennebel ein Rabe über die Lichtung flatterte und sich dumpf krächzend auf einem kahlen Ast gleich über dem geöffneten Erdgrab niederließ. Einige der Anwesenden wendeten die Gesichter mit Grausen ab. Andere waren von dem göttlichen Zeichen so beeindruckt, dass sie murmelnd zum Gott der Toten beteten.

Der Beistand des Noioniten half der Witwe Krayenbruch, nicht vollkommen zusammenzubrechen. Leise tropften die Tränen, als die Leiber ihrer Lieben entstellt von den Zeichen der Verwesung vor ihr lagen . Dass Girte nicht an der Öffnung der Gräber teilnahm war natürlich auch Liutperga und Coris aufgefallen, die bedeutungsvolle Blicke tauschten. Sie hatten alles für den Grabsegen vorbereitet, der am Grab der Familie Krayenbruch auf dem Boronanger Dreiwaldens stattfinden würde. Flach atmend hoben die Helfer die garstige Last auf grobe Sacktücher, in die sie die Körper hüllten, und dann auf einen vierrädrigen Karren. Diesen zogen ein paar kräftige Mägde und Knechte zu einer Scheune im Dorf, wo die Verstorbenen zur Beschauung aufgebahrt wurden. Der Rauch von frischer Baumrinde überdeckte kaum das üble Miasma, das von ihnen aufstieg. Sobald der Baron und die Hexe die toten Körper geschaut hatten, mussten diese auf den Boronanger, schwor sich Bishdaryan. Aber zuvor würde er dafür sorgen, dass die Frau, die womöglich für den Tod der Kinder und der beiden Erwachsenen verantwortlich war, vor den Folgen ihres Tuns stände.



Grabesstimmung in Dreiwalden

Firian Böcklin, der Baron von Schneehag, ritt auf seinem mächtigen Tralloper Riesen Graf Morgenstrahl am späten Nachmittag im Dorf Dreiwalden ein. Angesichts der Hitze war der Baron ordentlich nassgeschwitzt. Das war allerdings gegenüber seinem Pferd gar nichts: Das mächtige Tier war ordentlich am Pumpen, hatte es doch einiges an Strecke in den letzten Tagen hinter sich gebracht. Gierig soff es Wasser aus einer Tränke an einem Brunnen.

Wo der Baron alleine schon für genug Aufregung bei den Dorfbewohner gesorgt hatte, wurde diese durch seine Begleitung noch verstärkt: Zum einen war es der Hofgeweihte des Barons, ein Diener Firuns namens Firutin Fesslin, der sich mit grimmigem Blick umsah, während sich auch sein Pferd aus der Tränke versorgte. Zum anderen war das eine wohl um die 30 Winter alte Frau. Diese hatte bis gerade eben auf einem Kissen in einem großen Weidenkorb gesessen. Als ob das nicht schon merkwürdig genug sei, hatte dieser Weidenkorb sich neben den Pferden des Barons und seines Begleiters durch die Luft bewegt. Die Frau stand auf und streckte erst einmal ihre Glieder. Anschließend hob sie wie selbstverständlich eine Schildkröte aus dem Weidenkorb, setzte sie auf den Boden und redete kurz auf sie ein. Die Schildkröte schien das Gerede allerdings nicht zu stören - sie marschierte strammen Schrittes, soweit man das bei einer Schildkröte sagen konnte, auf einen kleinen Weiher zu. Während Firian und Firutin abwechselnd frisches Wasser aus dem Brunnen holten und damit ihren eigenen Durst stillten, holte die Frau noch eine größere Stoffumhängetasche aus dem Korb und hängte sie sich um. Die Frau trug die einfache Kleidung des Landvolkes aus Leinen, die in Erdtönen gehalten war. Sie sah zwar gepflegt aus, verströmte aber einen merkwürdigen Geruch, der eine Mischung aus Ziege mit Beilagen aus Bienenwachs, Kräutern und Erde war. Von der Statur konnte man sie nicht mehr als schlank oder gar zierlich bezeichnen. Sie war allerdings auch weit von “massig” entfernt. Zusammen mit der Größe von höchstens 80 Fingern würde man sie wohl als kompakt beschreiben. Sie trug keine Schuhe und so, wie ihre Füße aussahen, das wohl den ganzen Teil des Jahres, in dem das Wetter so etwas zuließ nicht. Am Gürtel hatte sie einen Hirschfänger. An den Fingern und Armen, in den Ohren und um den Hals trug sie Ringe, Armreifen Ohrringe und Anhänger an Lederriemen die allesamt aus Holz oder Horn waren . Gerade band sie sich mit einem bunten Tuch die langen und wild wachsenden rotbraunen Haare nach hinten. Erneut griff sie in den Korb und holte einen Wasserschlauch hervor. Diesen trank sie in einem Zug leer und füllte ihn dann ebenfalls am Brunnen wieder auf. Firian war derweil mit der Versorgung seines Pferdes und seiner selbst fertig was den Durst anging. Er griff sich seinen Waffengurt, den er an eines der Hörner seines Reitsattels gehängt hatte und gürtete sich diesen um. Noch einmal rückte er das Bastardschwert was an dem Waffengurt hing zurecht und sah sich erneut um.

Den Dorfbewohner, der am nächsten stand, sprach er in herrischem Ton an: “Hejda, ich hoffe er weiß wen er vor sich hat. Bring er mich sofort und umgehend zu den Geweihten des Boron die hier im Dorf sein müssten. Oder sage er mir wo diese zu finden sind!”

Der Baron von Schneehag konnte die drei Borongeweihten nicht sehen. Coris Etiliane Fesslin saß bei Holdwiep im Haus beim Kräutertee und hörte der untröstlichen Witwe zu. Wenn Holdwiep mal wieder in Tränen ausbrach oder nicht mehr weitersprechen konnte, bemühte sich Coris der Dreiwaldenerin von den Hallen Borons vorzuschwärmen, von der Güte Etilias und Marbos Gnade. Wieder und wieder versicherte die Dienerin Golgaris, dass die Kleinen so unschuldig gewesen waren, dass sie sicherlich in eines der Zwölfgöttlichen Paradiese eingegangen waren. Ihre Glaubensschwester Liutperga bereitete auf dem Boronanger das Familiengrab der Krayenbruchs vor. Sie hatte tatkräftige Unterstützung einiger Männer des Dorfes, die ihr beim Aushub zur Hand gingen. Und Vater Bishdaryan hielt in der Scheune, in der die Familienmitglieder aufgebahrt waren, die Totenwache. Auch dort hatten sich einige der Dorfbewohner eingefunden um Vater, Kindern und Großmutter Krayenbruch den letzten Gruß zu entbieten und mit dem Borongeweihten zu beten. Der Bauern, den Firian angesprochen hatte, zuckte ordentlich zusammen bei der harschen Anrede. Schnell teilte er dem Baron mit, wo die Geweihten wahrscheinlich zu finden waren und, da das Dorf nicht allzu groß war, deutete er gleich auf das jeweilige Haus beziehungsweise in die Richtung, wo der Boronanger lag.

Firian dachte ein paar Herzschläge lang nach. Diese Zeit nutzte die Frau in seiner Begleitung: “Ich werde mir als erstes mal schnell die Toten ansehen. Wenn ich Euch richtig verstanden habe, waren sie schon mal unter der Erde und sollten dorthin, denke ich, auch schnell wieder. Danach komme ich zur Überlebenden...”

Firian war es zwar nicht gewohnt, dass ihm Vorschläge über den Ablauf der Dinge gemacht wurden, aber zuweilen kam das doch vor. Dies war scheinbar eine dieser Gelegenheiten. Er nickte nur knapp: “Dann gehen wir gleich mal zu der Witwe… schließlich muss ich auch entscheiden was mit ihr passiert.” Die drei Neuankömmlinge trennten sich. Malina ließ ihren Weidenkorb auf dem Dorfplatz stehen und ging zu der Scheune hinüber.

 

***

 

Im Haus von Holdwiep Firian und sein Hofgeweihter führten ihre Pferde am Zügel zum Haus von Holdwiep. Dort angekommen betrat Firian ohne Umschweife das Haus, während sein Begleiter erst einmal draußen blieb. Beim Eintreten sah er sich kurz um und wurde sofort Coris’ und Holdwieps gewahr.

“Boron zum Gruß, Euer Gnaden”, begrüßte er Coris als erste. “Auch dich grüße ich, Holdwiep, und teile dir mein Beileid mit!”

Wieder allgemein aber doch schon mehr an Coris gerichtet: “Wollt Ihr mir erzählen was vorgefallen ist, soweit Ihr es wisst?”

Coris erwiderte den Gruß des Barons. “Boron zum Gruße, Baron!” Sie sah Holdwiep an, dann entschied sie sich den Schneehager Baron vor der Witwe über den Stand der Ermittlungen in Kenntnis zu setzen: “Nun, wir wissen inzwischen, dass die Verstorbenen Wasser aus einem Brunnen getrunken haben, in dem ein Stallhase verendet war. Womöglich rettete Holdwiep der Umstand das Leben, dass sie ihr Wasser immer mit Essig versetzt trinkt. Wie der Hase aber aus dem Stall in den mit einem Deckel verschlossenen Brunnen gelangt ist wissen wir nicht. Es gibt zwar einige Verdächtigungen, aber bisher konnte nichts davon bewiesen werden.”

Das waren zunächst einmal die Fakten. Über die Animositäten der Frau des Dorfvorstehers gegenüber der hübschen Holdwiep erzählte Coris erst einmal nichts. Sie wollte die Reaktion des Barons abwarten.

Firian nickte einmal kurz: “Ihr seid Euch also inzwischen sicher, dass weder ein böser Magus seine Finger im Spiel hatte, noch dass es etwas mit dem Schrecken der Sphärenschänder zu tun hat? Die Verdächtigungen… schließen sie Einfluss von außen aus? Es ist nicht die normale Art, aber ein einzelner Schwarzpelz mag bis hier in die Nähe gekommen sein… oder vielleicht eine Kreatur aus dem nahen und verfluchtem Blautann? Der Stallhase… ertrank er im Brunnen oder war er schon vorher tot und nutzt nur die Familie von Holdwiep diesen Brunnen oder noch weitere Familien?”

Er hätte normalerweise auch nicht ausgeschlossen, dass Holdwiep vielleicht selber den Hasen hineingeworfen hat und dann mit Essig sich selbst gerettet hat. Doch so wie er sie hier vor sich sah und mit dem Glauben, dass niemand das so lange so überzeugend schauspielern konnte, verwarf er diese Möglichkeit sehr schnell.

“Hochgeboren, das sind viele Fragen und einige davon kann ich, können wir, noch nicht endgültig beantworten. Magisches Wirken schließen wir eigentlich aus, dennoch sind wir froh, wenn die Weise Frau, die Ihr in Eurem Gefolge habt, diese Aussage bestätigen kann. Einen Schwarzpelz würde ich auch ausschließen, da keiner beobachtet wurde. Was die Kreaturen aus dem Blautann angeht, müssten wir vielleicht auch die Weise Frau fragen. Allerdings gibt der Stallhase den sichersten Hinweis auf die Ursache der Todesfälle. Die Frau des Ortsvorstehers Helmfried verdächtigt Holdwiep, am Tod ihrer Familie schuld zu sein, also wohl auch den Hasen in den Brunnen geworfen zu haben. Die Seelenprüfung, die Bruder Bishdaryan durchgeführt hat, sprach Holdwiep jedoch frei. Diese Girte ist voller Neid und Eifersucht auf die Witwe, daher auch die Beschuldigung. Bei der Befragung der anderen Dorfbewohner kamen wir zu der Erkenntnis, dass womöglich eine persönliche Fehde hinter der Sache mit dem Stallhasen steckt. Ob Absicht dahinter steckt, müsste nun noch geklärt werden. Und auch, ob derjenige, der den Hasen tötete und in den Brunnen warf, wusste, dass das Wasser damit so vergiftet war, dass man davon krank wurde.”

Die Miene des Barons verfinsterte sich fast mit jedem Wort welches nach Schwarzpelz kam. Firian hatte, so merkwürdig es auch klang, gehofft das es irgendeine Kraft von außen gewesen war, die die Schuld für die Toten in Dreiwalden trug. Er wusste tief in sich drinnen, dass er ein großes Risiko einging, indem er so viele Menschen aus Garetien, dem Svelltland und aus den Gebieten nördlich und nordöstlich von Weiden nach Schneehag brachte. Dass zu viele die Kräfte der alteingesessenen Schneehager überfordern würden, diese zu integrieren. Die Schneehager waren ganz besondere Weidener, die sich in den inzwischen fast 100 Jahren die die Böcklins über sie herrschten, durch so einige Eigenheiten von den meisten anderen Weidenern absetzten. Wie etwa den Glauben: Wo es ansonsten in Weiden Rondra war, ersetzten in Schneehag Firun und seine Tochter Ifirn Praios als die obersten und meistverehrten Götter. Oder aber, dass sie noch schärfer als an anderen Orten in Weiden das Wirken von Magiern als überwiegend böse und schlecht ansahen, wohin hingegen in Schneehag eigentlich kein Mensch schlecht über die Töchter Satuarias sprach. Die Eigenheiten hatten, so Firians feste Überzeugung, dazu geführt, dass die Schneehager überlebt hatten. Nicht nur überlebt, sondern dass sie sich inzwischen wieder vollständig vom letzten Orkensturm erholt hatten und bereit waren, wieder gegen die Schwarzpelze zu kämpfen. Er hatte durchaus auch traviagefällig gehandelt bei vielen der Menschen, etwa Flüchtlingen aus dem Svelltland, die er nach Schneehag geholt und unter seinen Schutz gestellt hatte, dies aber auch getan, damit die Menschen aus der Fremde die Reihen der Schneehager stärken sollten. Er konnte und wollte nicht akzeptieren, wenn nun diese Gemeinschaf, die zusammenstehen und gemeinsam überleben sollte, durch solche Taten gefährdet würde. Schon jetzt beschloss er in Gedanken, ganz fest, mit äußerster Härte, den oder die Schuldigen zu bestrafen. Doch vorerst musste dieser natürlich gefunden und zweifelsfrei erkannt werden. Die Bestrafung eines falschen Schuldigen könnte noch schlimmeren Schaden anrichten.

“Gibt es außer dieser Girte und Holdwiep noch andere, die als mögliche Täter in Frage kommen, und wo befindet sich diese Girte? Aus wessen Stall kam der Hase? Um was dreht sich dieser… Streit?” Firian war nicht bereit, so etwas mit dem Wort Fehde zu ehren.

Der Baron war ungehalten und Coris konnte seinen Unmut durchaus verstehen. Sie wollte sich bemühen, ihm nach Kräften bei der Klärung behilflich zu sein. “Nun, prinzipiell kommt natürlich jeder hier im Dorf als Täter in Frage. Doch hatte sonst niemand ein Motiv. Girte hingegen vermutete schon länger, dass ihr Mann Helmfried sie mit Holdwiep betrog. Doch wir prüften die Witwe auf den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen und soviel diese Prüfung ergeben hat, spricht sie die Wahrheit.” Die Borongeweihte sah zu Holdwiep hin, die ihre Hände ineinander verkrallt der Unterhaltung der beiden folgte. Diese nickte bestätigend. “Zu Eurer weiteren Frage: Der Hase kam aus Holdwieps Stall. Er muss also entwendet worden sein. Doch das dürfte nicht allzu schwierig gewesen sei, ist der Stall doch draußen.”

Firian hörte weiter zu. Aus seiner Sicht wurde die Sache dabei noch klarer als sie es eh schon gewesen war. Doch ging es hier um eine sehr wichtige Entscheidung. Bevor er sich nun entschloss zu handeln, gab es noch ein paar Möglichkeiten auszuschließen: “Ich gehe davon aus dass Ihr keinerlei Anzeichen dafür gefunden habt, dass irgendwer sonst etwas vom Tod von Holdwiep und ihrer Familie gehabt hätte oder? Niemand der schon lange ein Auge auf das Land geworfen hätte oder dergleichen? Als letzte Frage fürs erste.. .wurden vorher schon einmal Hasen aus deinem Stall gestohlen?”

Oh, wie genau er es wissen wollte! Die Fragen des Barons waren sehr investigativ und Coris merkte, dass sie nicht genau genug recherchiert hatten. Sie versuchte nach bestem Wissen und Gewissen zu antworten: “Tatsächlich scheint niemand sonst der Familie mit Missgunst begegnet zu sein. Auf die Frage nach dem Land kann ich Euch keine befriedigende Antwort geben, fürchte ich, und was den Hasen angeht gab es wohl keine aktuellen Verluste, außer diesem einen. Ein wenig klang es so, als ob sich womöglich schon das ein oder andere Mal einer der Dorfbewohner einen Hasen für seinen Kochtopf ‘ausgeborgt’ habe. Zumindest wurde dieser Verdacht geäußert.”

Firian nickte verstehend: “Gut… ich werde der Sache nachgehen und dann eine Entscheidung treffen. Malina wird sicherlich bald hier sein und sich Holdwiep noch einmal ansehen. Danach werde ich Gericht halten!” Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, verließ der Baron von Schneehag das Gebäude.

 

***

 

Malina betrat die Scheune, in der die Leichen aufgebahrt waren. Dabei wirkte sie zunächst wie eine, bisher wohl noch nicht gesehene Bäuerin des Dorfes. Sie grüßte zunächst Bishdaryan mit einem kurzem “Euer Gnaden”, verlor dann aber keine weiteren Worte.

Der Noionit hatte sie noch nicht gesehen gehabt und deutete richtig, dass sie mit dem Baron gekommen war. Das musste also diese “weise Frau” sein. Er folgte dem, was sie nun tat, mit scharfem Blick. Schweigend ging sie zunächst zur Großmutter hinüber. Sie schien keine Berührungsängste zu haben, selbst da der Leichnam, nach der Zeit, die er bereits ein solcher war und auch schon unter der Erde gelegen hatte, nicht mehr im besten Zustand war. Sanft strich sie der Frau ein paar Haare aus dem Gesicht. Streichelte ihr mit den Fingerrücken der rechten Hand über die Wange. Schließlich beugte sie ihren Kopf hinunter und schien etwas zu flüstern. Es dauerte eine ganze Weile, während der Malina ein paar Mal nickte, als ob die Tote ihr geantwortet hätte. Danach ging sie zum Mann der Beschuldigten. Diesem brachte sie wesentlich weniger… Zuneigung entgegen. Sie sah ihn mit skeptischem Blick an und begann ebenfalls eine Untersuchung, es fehlte aber zum Beispiel das Streicheln. Sie tastete den sich blähenden Bauch des Mannes ab, besah sich Finger und Füße, Zähne und Zahnfleisch sowie die Augenhöhlen. Zum Schluss stellte sie sich neben ihn legte eine Hand auf die Stirn und eine weitere auf den Bauch. Bishdaryan hatte kurz das Gefühl, dass die Luft knisterte. Dann war es aber auch schon wieder vorbei. Nun folgten die Kinder. Bei jedem war nun wieder die Zuneigung zu spüren, die Untersuchungen fielen aber noch kürzer aus.

Als sie mit dem letzten fertig war, machte sie ein paar Schritte zu Bishdaryan. Sie sah, als sie näher kam, irgendwie älter aus als vorhin und wirkte so, als ob sie einen Tag schwerer Feldarbeit hinter sich habe. “Wegen mir können sie nun unter die Erde. Ich bin sicher dass sie nicht dem Wirken eines bösen Zauberers erlegen sind. Oder etwas noch Verderblicheres, wie es in Tobrien noch alltäglich ist, sie getötet hat. Wenn du nichts dagegen hast, seh ich mir jetzt das Haus, die Frau und eventuell noch andere Verdächtige an?”

Der Geweihte entspannte sich, sagte aber nichts, sondern führte die Frau wortlos aus dem Scheuer. Erst dort und nachdem das Tor geschlossen war, sprach er: “Ich habe keine weltliche Hoheit, dir etwas zu erlauben oder untersagen, Weise. Doch so du gewiss bist, dass keine finstere Magie diese Familie vorzeitig zum Dunklen Vater geführt hat, dann mag es sinnvoll sein, deren Heim und die Hinterbliebene aufzusuchen. Weitere Verdächtigungen als jene gegen die Witwe wurden indes nicht offen ausgesprochen. Soll ich dich begleiten?”

Malina überlegte einen Moment: “Sehr gerne, weiß ich doch gar nicht so genau, wo das Haus der Holdwiep is. Ich mein, finden würd ich es, so groß is Dreiwalden ja net. Aber ich muss ja nicht in jede Stube rinnlaufen.”

Malina schien in der Öffentlichkeit eine andere Rolle einzunehmen. Die einer einfachen Bauersfrau vom Lande. Jedenfalls ließ sie ihre Aussprache, eben noch einwandfrei, plötzlich ordentlich schleifen.

 

***

 

Als Malina und Bishdaryan beim Haus Holdwieps ankamen, verließ Firian dieses gleich wieder. Malina grinste ihn nur kurz frech an und ging hinein. Firian ignorierte dieses Verhalten glattweg und grüßte den horasischen Borongeweihten knapp. Er berichtete, was er von Coris erfragt hatte, und hakte bei Bishdaryan nach, ob der noch etwas bezüglich anderer Motive für den Mord wisse. Etwa Verlangen nach dem Land der Familie oder dergleichen.

“Ich möchte nicht äußern, was ich vermute, sondern nur das, was ich mit einiger Sicherheit weiß”, erwiderte der Noionit ruhig. “Über die Besitzverhältnisse des Grunds, auf dem die unglückliche Familie Krayenbruch lebte und wirtschaftete, haben wir nicht gesprochen. Meine Glaubensschwestern und ich haben zwar nebenbei einige Zusammenhänge erhellt, uns aber im Kern auf geistliche und seelische Belange beschränkt, um Eure hoheitlichen Rechte zu achten. Weiteres solltet eher Ihr als weltlicher Herrscher erfragen, nun da Ihr zugegen seid. So Ihr wünscht, werde ich Euch bei weiteren Befragungen und einer möglichen Verhandlung indes gerne zur Verfügung stehen. Dringlichste Anliegen sind aus meiner Sicht zuvor allerdings die Beisetzung und Totenfeier sowie die baldige, öffentliche Exkulpation der zu Unrecht beschuldigten Witwe. Wie wollt Ihr weiter handeln?”

Firian hörte aufmerksam zu. Man konnte förmlich sehen, wie er sich in Gedanken zu dem ein oder anderen, das gesagt oder bestätigt wurde, eine geistige Notiz machte oder eine Entscheidung fällte. “Gut soweit… ich benötige Eure Hilfe bei der Befragung nicht. Ich hätte aber gerne, dass Ihr und Eure Glaubensschwestern bei der Verhandlung anwesend seid. Ich werde das Dorf morgen früh versammeln und dann die Verhandlung führen. Das Urteil wird bis spätestens zur Mittagsstunde gefällt. Anschließend, falls möglich, würde ich die Beerdigung dann von Euch durchführen lassen. Was meint Ihr, ist das ein machbarer Zeitplan?”

Bishdaryan nickte und antwortete, ohne eine Miene zu verziehen: “Die Toten eilt es nicht, Hochgeboren.” Ein Scherz? Schwer zu deuten und unwahrscheinlich. Ein seltsamer Vogel, dieser Geweihte, ging es dem Baron durch den Kopf.

 

***

 

Der Baron hatte erst wenige Herzschläge zuvor das Gebäude verlassen, als sich die Tür erneut öffnete. Coris und Holdwiep erblickten die ihnen noch unbekannte Malina. Diese sah die beiden Frauen kurz an: “Hallo… ich bin Malina.” Sie schien davon auszugehen, dass dies als Erklärung ausreichte. Während Coris nur eine kurze Begrüßung bekam, schenkte Malina Holdwiep einiges mehr an Aufmerksamkeit. Sie näherte sich ihr und sprach eine Weile leise mit ihr. Coris konnte ganz ohne zu lauschen mitbekommen, dass Malina ihr davon erzählte, dass Holdwieps Mutter und Großmutter schon zu Malina und deren Mutter gekommen waren. Sie schimpfte sie ganz sacht, dass sie noch nie bei ihr gewesen sei. Irgendwann nahm sie sie in den Arm und Holdwiep weinte bitterlich. Es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden Frauen sich lösten.

Malina trat auf Coris zu: “Ich denke wir sollten etwas tun, damit die Gute sich eine ganze Weile in die Arme deines Vaters begeben kann. Hast du etwas dabei, um ihr das Einschlafen zu vereinfachen?”

Coris schüttelte den Kopf bei der Frage nach einem Schlafkraut. Im Puniner Ritus war der Einsatz verpönt und die wirklich wirksamen Substanzen waren in Weiden nur schwer zu beschaffen und dann sehr teuer. "Aber ich könnte mit ihr zu Boron beten und ihn um tiefen und erholsamen Schlaf bitten. Wenn Holdwiep mit mir betet, mag der Dunkle Vater ihr Schlaf schenken. Ich beherrsche die Liturgie, die Schlaf hervorruft, sehr gut."

Malina nickte zustimmend. Sie kannte zwar einige Kräutermischungen, einen Trank oder einen Zauber der helfen könnte, aber wenn es mit einer Liturigie auch gehen würde hatte sie nichts dagegen. Es würde ihre Kraft und Mitteln schonen und sie wusste ja nicht, wie die Sache hier noch weiterging. “Ich denke das wäre eine gute Lösung.”

Erwartungsvoll sah sie die Geweihte an und schien bleiben zu wollen. Weniger um mit zu beten, mehr weil sie vorhatte, anschließend mit der Geweihten noch etwas zu besprechen. Etwas, was ihrer Meinung zwingend notwendig war. Die Geweihte bat Holdwiep sich hinzulegen. Dann setzte sich Coris an ihre Seite. Sie holte aus ihrer Gürteltasche ein Fläschchen mit Lotusöl. Mit sanfter, leiser Stimme bat sie den Herrn Boron um einen tiefen, erholsamen Schlaf für Holdwiep und salbte ihr gleichzeitig die Stirn mit einem Boronsrad. Mit weiteren Worten bat die Dienerin Golgaris Bishdariel als Herrn der Träume, der Witwe erquickende Bilder einzugeben. Sie hatte noch nicht geendet, da schlief Holdwiep bereits tief und fest.

Malina wartete, bis Holdwiep ruhig und regelmäßig atmete: “Das ist gut”, sagte sie, zunächst ohne weitere Erklärung. Sie wartete noch einen Moment, bis Coris ihre Sachen wieder zusammengepackt hatte. Erst dann sprach sie weiter: “Ich habe ihre Gedanken gelesen und die Zeichen im Dorf. Krubaan hält auch noch Ausschau. Aber ich glaube nicht, dass er noch etwas findet, was für ein anderes Urteil spricht. Es ist traurig, aber ich bin der Meinung, Holdwiep kann hier nicht bleiben. Weißt du, ob der große Bock schon irgendwelche Pläne hat und hast du eine Idee, wo sie hin kann? Ich könnte sie zwar mit zu mir nehmen, aber das wird sehr eng in meiner kleinen Hütte. Außerdem wohne ich alleine im Wald, da würde es Holdwiep schon alleine wegen der Lage nicht besser gehen. Sie hätte dort auch nichts zu tun.”

Stirnrunzelnd sah die Borondienerin die Weise Frau an: “Denkst du wirklich? Ich dachte nicht, dass man sie hier für schuldig hält…” Coris hielt inne. “Nun ja, vielleicht hast du recht, denn die Missgunst Girtes wird ihr das Leben hier schwer machen. Was denkst du wäre ein guter Ort für sie? Ein weltlicher Ort oder vielleicht sollte ich gar den Abt Etiliengrunds fragen, ob wir sie bei uns aufnehmen könnten? Nach allem was sie erlebt hat…” “Nein, ganz recht, ich bin mir sehr sicher, dass sie unschuldig ist. Ich glaube nur, dass sie hier ständig an alles, vor allem den frühen Tod ihrer Familie erinnert wird. Dazu die Beschuldigungen der Nachbarn, die anstatt von Anteilnahme kamen. Vielleicht kann sie irgendwann heimkehren, aber bis dahin... Ich denke, ein guter Ort wäre einer, wo sie körperlich arbeiten kann, da sie das aus ihrem Alltag gewohnt ist und gleichzeitig sich jemand um ihre Seele kümmern kann.”

“Und woran dachtest du konkret, Malina?”, fragte die Dienerin Golgaris nach. Sie konnte sich noch keinen Reim darauf machen, worauf die Weise Frau hinaus wollte. “Nun soweit ich weiß kennen sich die Diener Borons ganz gut mit der Seelenheilkunde aus. Ich habe nur keinen Schimmer wie ihr euren Alltag in einem Kloster verbringt und ob da Platz für eine Bäuerin ist?”

Nun kratzte sich die Dienerin des Ewigen am Kopf: "Nun, nicht direkt für eine Bäuerin, aber eigentlich werden im und am Kloster immer helfende Hände gebraucht. Ich müsste aber zunächst den Abt fragen. Womit du allerdings recht hast ist die Seelenheilkunde. Ich übe mich noch darin, aber wir haben ja Bishdaryan momentan bei uns und Bruder Nikanor. Da finden sich schon kundige Heiler der Seele."

“Das ist gut…”, kam zunächst nur wieder von Malina. Es schien manchmal als ob sie es gewohnt war, dass diese drei Worte als Antwort reichten. “Dann werde ich jetzt zum Baron gehen und ihm das so sagen und wenn dein Abt nein sagt, wird sich sicherlich eine andere Lösung finden. Bleibst du noch bei der Schlafenden oder kommst du mit?”

"Gegen eine befristete Aufnahme in Etiliengrund zu Heilungszwecken hat der Abt sicher nichts dagegen. Alles andere wird sich zeigen", erklärte Coris. Und auf die Frage nach ihrem Verbleib antwortete sie: "Wir lassen sie noch etwas schlafen. Sollte etwas ihre Anwesenheit notwendig machen, kann ich sie jederzeit wecken. Ich folge dir."



“Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu”

Dreiwalden Rahja 1041

Am kommenden Morgen traf sich die Dorfgemeinschaft auf dem Dorfplatz, dessen Mittelpunkt eine alte, mächtige Linde darstellte. Auch die Boroni waren gekommen. Alles wartete auf das Erscheinen des Barons und seines Gefolges. Baron Firian Böcklin begrüßte mit grimmiger Miene die eintreffenden Dorfbewohner. Neben ihm stand Malina Bockfold, einen Weidenkorb im Arm, aus dem die Schildkröte vorwitzig herausblickte. Auf der anderen Seite stand sein Hofgeweihter, ein Diener des Alten vom Berg und auch der Halbbruder des Barons, Firutin Fesslin. Baron und Geweihter waren beide gerüstet und bewaffnet. Malina trug, wie schon die ganze Zeit, ihren Hirschfänger. Den restlichen gestrigen Tag, während die Borongeweihten mit den Vorbereitungen für die, was die Anzahl der Toten anging, recht große Beerdigung befasst gewesen waren, war der Baron von Haus zu Haus gegangen. Er hatte viele Fragen gestellt und nur wenige Zeichen gegeben, wohin seine Fragen führen sollten.

Nicht wenige der Dorfbewohner sahen alles andere als gelassen aus. Viele tuschelten untereinander und tauschten sich über die Fragen und die gegebenen Antworten aus. Schließlich waren alle versammelt.

Firian räusperte sich noch einmal kurz und erhob die Stimme: “Im Namen des Herren Praios, Firuns und ihrer Geschwister eröffne ich hiermit die Gerichtsverhandlung. Wir werden heute den oder die Schuldigen finden, der zum einen dafür verantwortlich ist, dass fünf Schneehager elendig gestorben sind, zum anderen dafür, dass sie nicht, wie es sich gehört, ordentlich bestattet wurden, sondern wie dreckige Schwarzpelze oder noch Schlimmeres irgendwo verscharrt wurden. Ebenso werde ich heute Recht über den oder die Schuldigen sprechen und ein Urteil fällen. Eines kann ich vorwegnehmen: Im Anschluss an diese Verhandlung wird die komplette Dorfgemeinschaft der ordentlichen Beerdigung der toten Familie beiwohnen. Ich hoffe für das Seelenheil eines jeden Bewohners von Dreiwalden, dass der Herr Boron nach der Beerdigung keinen Groll hegt.”

Seine Gnaden Bishdaryan blickte reglos über die versammelte Menge hinweg. Flankiert von der erfahrenen Liutperga und der mit diesem Tag um eine düstere Erfahrung reiferen Coris saß er zur Linken des Baronsgefolges auf einer schlichten Bank. Die Scheuer, in welcher die Toten noch immer aufgebahrt lagen und geduldig darauf warteten, zu ihrer endgültigen Ruhestatt gebracht zu werden, hatte er im Blickfeld. Zur Rechten des Barons und damit gleich neben der stehenden Hexe wartete die Witwe, von Trauer und Müdigkeit ausgelaugt und doch mit einem Blick, der Hoffnung erahnen ließ. Hoffnung auf eine Einkehr der Ihren in die Paradiese. Hoffnung darauf, dass sie selbst nicht verflucht war, sondern dass ihr Gerechtigkeit geschehen würde. Zwei Grundlagen der geistlichen und der weltlichen Ordnung konnten nun wiederhergestellt werden, dachte sich der Noionit. Er war zuversichtlich, dass der Herrscher über dieses Dorf in seiner robusten Art das Richtige tun und sagen würde, hatte doch der Götterfürst den zupackenden Mann an diesen Platz in der Welt gestellt. Und dann würden sie, die Borondiener, das Werk im Geiste des Schweigenden vollenden. Liutperga und Coris hatten Bishdaryan in ihre Mitte genommen. Nun sollte Recht gesprochen werden.Coris, die den Baron besser kannte als ihre Glaubensgeschwister, war sich sicher, dass es ein strenges, aber gerechtes Urteil geben würde.

Firians Gesicht wurde eine Spur milder, als er die einzige Überlebende der Familie Krayenbruch ansah: “Holdwiep, ich fordere dich hiermit auf, vor mich und die Dorfgemeinschaft zu treten und zu berichten, was geschehen ist und was dir nach dem Tod der Deinen widerfahren ist!”

Bleich, übermüdet und dennoch gefasst stand Holdwiep Krayenbruch auf und trat vor den Baron von Schneehag. Sie fühlte die wohlwollenden Blicke der drei Boroni auf sich ruhen. Das gab ihr Kraft. Die drei Diener des Unausweichlichen hatten ihr Vertrauen in die Gerechtigkeit des letzten Richters gestärkt. Nun war es an der Zeit, sich ruhigen Gewissens dem weltlichen Richter zu stellen. Nach ein paar tiefen Atemzügen, die der Sammlung der Gedanken dienten, begann Holdwiep zu sprechen. Sie berichtete von Anfang an: “Habt Dank, Hochgeboren, dass Ihr mir die Möglichkeit gebt, mich gegen die gegen mich geäußerten Vorwürfe zu verteidigen. Glaubt mir, hochverehrter Baron von Schneehag, ich habe meine Familie nicht vergiftet, wie manche hier im Ort offen oder hinter vorgehaltener Hand murmeln.” Der Blick der aufgeregten Blondine ging zunächst anschuldigend zu Girte, die mit verschränkten Armen neben ihrem Mann, dem Dorfvorsteher Helmfried saß und das Kinn bockig gen Himmel reckte. Dann kehrte Holdwieps von dunklen Augenringen gezeichneter Blick zu Firian zurück. “Musste ich nicht schon genug leiden, frage ich Euch? Durch den Tod meiner Liebsten und den Umstand, dass sie nicht borongefällig auf dem geweihten Boronanger des Dorfes bestattet wurden? Damit nicht genug! Man beschuldigte mich des Ehebruchs, der Giftmischerei und der Verwendung schwarzmagischer Praktiken! Euer Hochgeboren, nichts davon entspricht der Wahrheit!”

Firians Blick war hart und unbewegt. Sowohl als Holdwiep berichtete, bei ihren Blicken zu den anderen Dorfbewohnern und auch bei ihren Fragen. Er beantwortete ihre Fragen nicht. Einzig sein Blick, der jetzt alleine auf ihr ruhte, wurde etwas milder und vielleicht enthielt er sogar eine Spur Verständnis. “Wer ist es, der euch dieser Taten beschuldigt? Welche Beweise wurden dafür vorgebracht und was haben inzwischen die weise Frau Malina Bockfold und die Geweihten des Dunklen Vaters über die tatsächlichen Ursachen für die Tode herausgefunden? Als letztes möchte ich wissen wie dein Verhältnis zu Girte ist und seit wann ihr euch kennt.”

“Offen beschuldigt hat mich Girte, die Frau unseres Dorfvorstehers Helmfried. Niemand in der Dorfgemeinschaft hat ihren Verdächtigungen widersprochen. Beweise hatte sie keine dafür, wie sollte sie auch! Sie hat meine Versuche, meine Familie mit Hilfe von Heilkräutern zu heilen, als Vergiftung gedeutet. Mein Verhältnis zu Girte? Es ist wie zu jedem anderen hier im Dorf. Also eigentlich…, denn wir sind nicht verwandt oder verschwägert. Tatsache ist aber, dass sie mich schon seit einiger Zeit verdächtigt, ein Verhältnis mit ihrem Mann zu haben. Wie sie darauf kommt, weiß ich allerdings nicht.”

Ihr Blick ging nun zu Malina Bockfold und den Boroni, die ihre Erkenntnisse mitteilen sollten. Liutperga verwies auf Bruder Bishdaryan, der die Seelenprüfung durchgeführt hatte und auch sonst der Erfahrenste von ihnen bei der Untersuchung ungewöhnlicher Todesfälle war.

Firian nickte mehrfach verstehend und mit einer herrischen Geste brachte er Girte zum Schweigen, die aufbegehren wollte: “Du erhältst noch das Wort!”, ließ er grollend und mit eisigem Ton folgen. Sein Blick ging zu der Seite an der die Boronis saßen: “Eher Seine Gnaden Bishdaryan. Was könnt Ihr zu den Ausführungen von Holdwiep sagen?”

Der Horasier erhob sich ungewohnt abrupt, so als ob er aus der Rolle des Seelsorgers in eine aus seinem früheren Leben zurückfalle: “Was die Witwe Euch und der Versammlung berichtete, hat Sie zuvor auch uns glaubhaft kundgetan, wenn auch in anderen Worten und anderem Ton. Schwester Coris hat getreu und geordnet aufgeschrieben, was wir erfuhren. Diese Niederschrift deckt sich inhaltlich mit dem, was Ihr soeben hörtet. Weitere Aspekte des Geschehens, die Frau Krayenbruch im mündlichen Bericht nun nicht nannte, die ich aber erfragen konnte, tauchen gleichfalls darin auf. So etwa jener Umstand, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Ursache des Todes der ganzen Familie gewesen ist - und auch ener, weshalb der HERr die Witwe noch nicht zu sich gerufen hat. Ich möchte dies als mögliches Wissen des oder der Verantwortlichen noch nicht aussprechen.” Er hielt kurz inne und wartete, bis das Gemurmel der Zuhörer zu fast unhörbarer Stille abgesunken war, damit auch jeder zu hören vermochte, was er anfügte und so hervorhob: “Eines aber will ich für die Kirche des HERn Boron offen sagen: Holdwiep Krayenbruch trägt kein Schandmal des Frevels auf sich, wie es der Fall sein müsste, wenn sie in dämonenbuhlerischer, götterlästerlicher und heimtückischer Weise ihre Familie vergiftet hätte.”

“Hört, hört!”, donnerte der Firungeweihte - seine ersten Worte, seitdem er im Dorf war.

Nun wanderte Firians Blick zur anderen Frau des Dorfes, die bisher schon erwähnt worden war: “Nun, Girte ist dein Moment gekommen. Der Moment in dem du das Wort erhältst. Überlege dir gut, welche Worte du sprichst und welche Dinge du damit kund tust. So viel will ich dir raten!”

Girte hatte ihre rotblonden Haare hochgesteckt. Ihre braunen Augen funkelten. Sie sah den Baron mit einem gekonnten Augenaufschlag an: “Nun, Euer Hochgeboren, ich habe wohl mal den Verdacht geäußert, dass die Witwe Krayenbruch aus niederen Beweggründen ihre Familie losgeworden sei. Ich sah sie schließlich in den Wald gehen und mit einem vollen Korb Kräuter wiederkehren. Und das nicht nur einmal. Überhaupt ging sie sehr gerne in den Wald… was hat sie da wohl immer gemacht?” Die Rotblonde stemmte ihre Hände in die Seiten und sah Firian herausfordernd an.

Eiskalte Wut stieg in Firian, hoch als die in Garetien geborene Frau ihre Worte äußerte. Ihr Verhalten und alles, was er bisher in diesem Dorf über die Menschen und ihr Verhalten gehört, hatte gefiel ihm überhaupt nicht. Ihm war inzwischen sehr klar geworden, dass er schnell und sehr dringend eingreifen musste, damit Dreiwalden sich weiterhin in die gleiche Richtung wie die gesamte Baronie entwickelte und nicht zu einem schwärenden Krankheitsherd würde. Eine letzte Gelegenheit wollte er der Frau aber noch geben: “Sie ist sich ganz sicher, dass dies alle Worte sind, die sie zu der ganzen Sache verlieren will? Sie ist sich sicher, dass sie nichts weiter zu ihrem eigenen Tun gegenüber Witwe Krayenbruch sagen will? Sie ist sich sicher, dass sie hier, immerhin vor gleich vier Dienern der Zwölf stehend, keine Worte der Reue und des Eingestehens sagen will? Dass sie kein Wort über einen Hasen verlieren will?” Firians Rede hatte als leises Grollen begonnen, wie Hunde es manchmal von sich geben, bevor sie richtig anfangen zu knurren. Schnell war es aber lauter und bedrohlicher geworden. Der letzte Satz schließlich fühlte sich so an, bei denjenigen die es erlebt hatten oder es sich vorstellen konnten, wie es sein müsste, wenn sich ein Bär vor einem aufrichtete und einen anbrüllte.

Trotzdem schürzte Girte die Lippen und verschränkte die Arme vor der Brust. “Reue, Baron? Eingestehen? Was sollte ich wohl eingestehen? Ist ja lächerlich!”

Stille in der Versammlung. Die Dorfgemeinschaft hielt den Atem an. Die Stimmung war geladen wie bei einem Gewitter, kurz bevor der erste Blitz zu Boden zuckt.

“Nun gut”, antwortete Firian knapp. Mit einer Handbewegung gab er zu verstehen, dass er Girte das Wort entzogen hatte.

Er drehte sich zu seinem Hofgeweihten und sagte ein paar wenige Worte in einer allen Anwesenden unbekannten Sprache. Anschließend erteilte er Malina Bockfold das Wort. Diese trat vor und berichtete, was sie über die tote Familie und über Holdwiep herausgefunden hatte: Dass die Toten keinerlei Spuren von Magie oder Verderbnis zeigten. Dass Holdwiep ebenso frei davon war, mit dem Unterschied lebendig zu sein. Sie erzählte etwas über die vermutete Todesursache und brachte so den Hasen im Brunnen ins Gespräch. Im Anschluss daran ergriff Firian wieder das Wort und wiederholte die Inhalte einiger Gespräche mit Bewohnern von Dreiwalden. Dabei wurden diese immer direkt angesprochen, ob das vom Baron Wiedergegebene der Wahrheit entspreche. Jeder Angesprochene bestätigt dies.

Schließlich trat Firian einen Schritt vor, legte die Hand auf seinen Schwertgriff und begann mit überaus ernster Stimme zu sprechen: “Das soll reichen! Ich habe genug gehört. Im Beisein von vier Dienern der Zwölf und durch die mir gegebene Macht und der praiosgefälligen Ordnung folgend, fälle ich folgendes Urteil! Holdwiep Krayenbruch wird von mir von allen Anschuldigungen freigesprochen! Nichts von dem, was ihr vorgeworfen wurde, trifft zu. Sämtliche Beschuldigungen sind frei erfunden oder niederträchtig angedichtet worden. Ich bitte die anwesenden Geweihten des Dunklen Vaters, sich ihrer anzunehmen, damit sie an Seele und Körper genesen kann. So sie es denn will auch an einem anderen Ort!”

Der Witwe war die Erleichterung deutlich anzusehen. Dennoch schien sie sich nicht freuen zu können. Zu tief hatten sich die schrecklichen Erlebnisse in ihre Seele eingebrannt. Ihr dankbarer Blick ging jedoch hinüber zu den drei Boroni, die zufrieden mit dem Urteilsspruch des Barons wirkten und Holdwiep aufmunternd zunickten.

Firians Blick schweifte über die Dorfgemeinschaft: “Ich verurteile die Dorfgemeinschaft dazu, das Land von Familie Krayenbruch weiter zu bewirtschaften. Von den Erträgen den Zehnt an Adel und den Zehnt an die Zwölf zu zahlen. Der Tempelzehnt wird dabei an das Kloster Etiliengrund abgeführt! Der Überschuss, den das Land eventuell abwirft, geht an Perchtrudis, die diesen für Holdwiep verwahrt. Ihr ist es erlaubt, bis zu Holdwieps Rückkehr ein Drittel dieser Überschusses für sich zu behalten!”

Der Blick des Barons von Schneehag blieb auf eben genannten Perchtrudis hängen. Die kleine Frau mit den dicken, roten Zöpfen ließ überrascht den Mund offen stehen. “Ebenso ernenne ich eben genannte Perchtrudis zur neuen Dorfschulzin und entziehe damit gleichzeitig Helmfried dieses Amt. Perchtrudis war es, die das ganze Dorf davor bewahrt, hat einen Frevel zu vollenden! Sie war es, die Hilfe geholt hat, als diese bitter nötig war. Einen Dorfvorsteher, der Morde unter fadenscheinigen Anschuldigungen durchgehen lässt und dann auch noch die Körper guter Schneehager Bauern einfach irgendwo verscharren lässt, als wären sie irgendwelche Kreaturen, kann und werde ich nicht dulden!”

Die grauen Augen von Perchtrudis wurden groß wie Suppenteller. Mit Genugtuung lauschte sie, was der Baron von Schneehag zu verkünden hatte. Doch schon jetzt wusste sie, dass sie keine leichte Aufgabe zugeteilt bekommen hatte. Wie die Dorfgemeinschaft darauf wohl reagieren würde?

Firians Blick war zu Helmfried gewandert. Dieser öffnete den Mund, um sich zu verteidigen und gegen den Baron aufzubegehren. Dann aber wartete er ab, was dieser weiter ausführen würde. “Ebenso verurteile ich dich, Helmfried, dazu, zusammen mit deiner Familie, die Hofstelle der Familie Krayenbruch instandzuhalten, so dass diese nach der Rückkehr von Holdwiep augenblicklich wieder bewohnbar ist. Ferner wirst du die nächsten zwölf Götternamen den doppelten Tempelzehnt entrichten und dich mindestens einmal nach Etiliengrund begeben, um Buße zu tun. Vielleicht vergibt dir der Ewige dir so deine Sünden!”

Die Mienen der drei Boroni deuteten an, dass sie diese Strafe für angemessen hielten. Helmfried schien fassungslos. Er schüttelte ungläubig seinen Kopf: “Das ist nicht Euer Ernst, Hochgeboren, oder doch?”

“Das ist mein voller Ernst… er kann froh sein, dass ich so milde über ihn urteile, bei dem was sein Handeln hätte anrichten können!” Schlussendlich landete Firians Blick auf Girte und sowohl sein Blick als auch seine Züge wurden eiskalt: “Im Namen Firuns und seiner Geschwister spreche ich dich, Girte, schuldig! Du bist schuldig, durch dein Handeln die gesamte Familie Krayenbruch, mit Ausnahme von Holdwiep, zu Tode gebracht zu haben. Du hast dabei aus niederträchtigen und eingebildeten Beweggründen gehandelt! Du hattest viele Male die Gelegenheit, dich zu besinnen und auf deinem Weg umzukehren. Noch eben gerade hast du die Gelegenheit gehabt, dich als im Kern gut zu erweisen, zu gestehen und zu beichten. Dies hast du nicht getan. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass du durch und durch schlecht und niederträchtig bist. Ich kann und werde weder Mörder unter meinen Untertanen dulden, noch dulden, dass die Saat ihres Handelns andere ansteckt und sich wie eine Krankheit verbreitet. Ich verurteile dich hiermit zum Tod durch den Strang! Aufgrund deiner Uneinsichtigkeit und Niedertracht verfüge ich ebenfalls, dass deine Leiche im Anschluss verbrannt und dir dadurch der Einzug in Borons Hallen verwehrt wird! Deine Asche wird in den Fialgralwa gestreut werden in der Absicht, damit alle Spuren deines Handelns zu tilgen.”

Firian war gespannt und bereit zu reagieren, jetzt wo er sein Urteil gefällt hatte. Seine Hand ruhte weiterhin auf seinem Schwertgriff und im Hintergrund hatte sein Hofgeweihter einen Bogen gespannt und bereit gemacht.

Der Aufschrei Girtes hallte allen Anwesenden in den Ohren und schien von den Schädeldecken zurückgeworfen zu werden. Mit weit aufgerissenen Augen sank die Frau auf die Knie. Auch die Dreiwaldener blieben nicht unberührt von dem harten Urteil. Unmut war ebenso zu vernehmen wie zustimmendes Nicken zu sehen. Die Meinungen waren also geteilt. Der lauteste Protest kam wie erwartet von Helmfried, der mit geballten Fäusten auf Firian zuging. Während seine Frau wimmernd auf dem Boden kauerte, schien sich der Dorfvorsteher nicht mit dem gefällten Urteil abfinden zu wollen: “Mit Verlaub, Hochgeboren, das ist kein gerechtes Urteil! Das ist Rache! Was haben wir Euch getan, Baron? Haben wir nicht all die Jahre Euch gute Dienste geleistet? Ihr könnt doch meine Frau nicht so schwer bestrafen für eine nicht nachgewiesene Sache. Wer sagt, dass sie den Hasen getötet und in den Brunnen geworfen hat? Niemand! Keiner hat sie dabei beobachtet, oder etwa doch?”

Er sah sich in der Dorfgemeinschaft um. Die Gesichter blieben stumm. Manche zuckten nur mit den Schultern, andere schüttelten den Kopf. “Da habt Ihr es, Baron! Sie ist unschuldig! Das ist nur ein weiterer Verdacht, der dieses Mal nicht gegen Holdwiep gerichtet ist, sondern nun ist meine Frau das Opfer von offen ausgesprochenen Rufmord. Sie war es nicht! Das schwöre ich Euch!”

Helmfried gelang es in der Aufregung, sehr viele Worte hervorzubringen, bevor der Baron reagieren konnte. Zusätzlich hatte dieser sich zunächst noch einen Überblick verschafft, wie die Dorfgemeinschaft reagierte.

Als der Baron begonnen hatte, sein Urteil zu fällen, hatte sich der horasische Borongeweihte erhoben. Wohl war er dies aus seiner fernen Heimat so gewohnt. Nicht aber hatte er mit dem weiteren Verlauf dieses Verfahrens gerechnet: Bei Firians Worten gegen die Frau des Dorfvorstehers war Bishdaryans Miene ausdruckslos geworden. Niemand vermochte zu sagen, wie er über das Gehörte dachte. Nun tat er inmitten der Aufregung einen Schritt zur Seite, trat schräg hinter den Herrscher. Außenstehende mochten dies als Geste verstehen, die Entscheidung des Rechtsprechenden mit geistliche Autorität zu stützen. Die Worte, die er zu Firian sprach, so leise, dass nur jener und die unmittelbar um ihn Stehenden sie unter dem Klamor der Dörfler verstehen konnten, waren jedoch ebenso gut überlegt wie darauf angelegt, den Baron in seinem Furor zum Nachdenken anzuregen: “Euer Hochgeboren, weder bin ich mit der hiesigen Verfahrensführung vertraut, noch würde ich vor Untertanen Zweifel an den Entscheidungen eines adeligen Richters bedingen wollen. Auch bewundere ich Euer Vorgehen, die am Leid der zu Unrecht Beschuldigten Schuldige mittels größter Härte zu einer Schuldeinlassung zu bewegen. Gegen Brunnenvergifter muss in einem rechtschaffenen Landstrich unnachgiebig vorgegangen werden.”

Firian versuchte, dem weiten Redebogen zu folgen, den der Seelsorger mit ruhiger Stimme beschritt. Der Baron entspannte sich ein wenig, wie auch die Dörfler ein wenig Ruhe gewannen, da sie den ersten Zorn ihres Herrschers gelindert sahen.

Bishdaryan fuhr fort, unverändert leise und zurückhaltend: “Darob möchtet Ihr mir drei Fragen und einen Hinweis entschuldigen: Ist es erstens in der Weidener Rechtsprechung üblich, Anklage gegen eine Person zu erheben und die Strafe wegen derselben Sache gegen eine andere zu verhängen, ohne letztere förmlich anzuklangen und eine Beweisaufnahme gegen diese zu führen? Falls dem nicht so wäre, würdet Ihr dann zweitens den Einwand Helmfrieds berücksichtigen - vorausgesetzt seine Frau gestände nicht von sich aus -, es gebe keinen Beweis dafür, dass diese den Krankheit und Tod bringenden, toten Hasen in den Brunnen geworfen habe? Denn zumindest darin stimme ich dem Mann zu: Wer dies und in welcher Absicht getan hat, wäre dann noch zu untersuchen und zu belegen, selbst da an der Schuld der Verleumderin an der Erdlegung der Verstorbenen ohne die erforderlichen Riten kein Zweifel besteht. Brunnenvergiftung und Verbreitung von Seuchen ist aus meiner Sicht und drittens eine so grässliche und efferd- wie perainelästerliche Tat, dass selbst die Schulzengattin nicht ohne Beweise deren schuldig gesprochen werden sollte, falls dies nicht den Regeln der hiesigen Jurisdiction entspricht, nicht? Zuletzt mein Hinweis, mit dem ich nicht Euer Vorgehen in Frage stellen sondern lediglich die Trennung weltlicher und kirchlicher Befugnisse verdeutlichen möchte: Allein hohe Diener der Zwölfe dürfen in besonderen und durch erwiesenen Frevel an der göttlichen Ordnung begründeten Fällen Menschen das Seelenheil versagen und diese aus der Gemeinschaft der jeweiligen Kirche verstoßen. Das Verbrennen eines Leichnams mag hierzulande eine Strafe zur gesellschaftlichen Ächtung und aus Eurer Sicht als Richter angebracht sein - den Einzug in Borons Hallen verweigert sie für sich genommen nicht… und über die Bestattungsriten in verschiedenen Regionen erzähle ich Euch gerne, wenn wir diese unerfreuliche Situation hier hinter uns gelassen haben.”

Noch während Firian dem fremden Boroni zuhörte ging sein Blick einmal kurz zu den anderen Geweihten neben und hinter ihm. Die beiden Etiliengrunder Boronis schienen Bishdaryan zuzustimmen und seiner Meinung zu sein. Firutin, sein Halbbruder und Hofgeweihter gab dagegen mit einem winzigem Nicken seine Zustimmung. Firian wusste, dass er ihm folgen würde, egal wie er entschied. Einige Dinge, die Bishdaryan gesagt hatte, ergaben durchaus Sinn.

Bevor er sich wieder an die Bauern wandte, antwortete der Baron dem Geweihten. Dabei zeigten seine Worte und Gesten keinerlei Spur von Ärger oder ähnlichem. Sie klangen ehrlich und dankbar für den Ratschlag: “Habt Dank für euren Rat! Nicht alles, was Ihr gesagt habt, werde ich hier und jetzt beantworten oder beachten. Aber ich würde mich gerne, vielleicht auf dem Ritt zurück nach Etiliengrund, noch einmal länger darüber mit Euch austauschen. Nur soweit: Was das mit dem förmlich Anklagen angeht… so förmlich halten wie es hierzulande nicht… also was die Niederschrift des Ganzen angeht. Das Brimborium machen und dergleichen. Das kann schon mal sehr schnell gehen und sehr wenige Worte brauchen, um von einem zum anderen Richtspruch zu kommen. Was mein Urteil angeht… nach allem, was ich gehört habe, bin ich mir sicher genug, um es zu fällen. Ich bin bereit zu riskieren, dass an einem hoffentlich noch fernen Tag dieses genommene Leben auf meiner Sündenseite Rethons liegen wird. Doch ich bin festen Glaubens und Überzeugung dass es, wenn auch nicht als Wohltat, eines Tages doch als gerecht gewogen werden wird.”

Dann aber ging sein Blick wieder zu Bauer Helmfried und seiner Frau: “Bauer Helmfried… ich rate ihm vorsichtig zu sein in der Wahl seiner Worte. Dies ist keine Rache… dies alles hier ist unnötige Verschwendung… und ihr alle wisst, wie sehr der Herr Firun unnötige Verschwendung hasst. Wie sehr er sie verabscheut. Ihr alle wisst, wie hart das Leben hier am Rande des Finsterkamms nahezu ständig im Angesichts der Fratze des Schwarzpelzes ist. Wir müssen hart sein! Wir müssen stark sein! Wir müssen einig sein, um zu bestehen!”

“Lass uns stark sein, grimmiger Herr!” intonierte Firutin eine bekannte Anrufung an den Weißen Jäger.

Firian wiederholte sie kurz leise und fuhr dann fort: “Die Taten deiner Frau und deine eigenen haben unsere Gemeinschaft geschwächt. Sie haben zu nicht weniger als fünf toten Schneehagern geführt! Fünf Armpaare. Fünf Herzen. Fünf Seelen, die Dreiwalden und ganz Schneehag fehlen werden. Es mag sein, dass beim nächsten Sturm genau diese fehlen werden, um unser Überleben zu sichern! Niemals könnte ich deshalb leichtfertig und aus solch niederen Gefühlen wie Rache heraus ein sechstes Leben aus unserer Mitte entfernen! Helmfried du fehlst ein weiteres Mal, wenn du sagst, ich müsste deiner Frau etwas nachweisen. Ich muss lediglich etwas entscheiden und ausführen! Ihre… eure Taten sprechen eine eindeutige Sprache und nur die Tatsache dass du, seitdem ich dich kenne, immer ein guter und gottesfürchtiger Untertan warst, lassen mich dich so milde bestrafen für deine Taten. Doch für deine Frau sehe ich, nicht zuletzt durch ihr Auftreten hier vor mir, keine Hoffnung.”

Der Schneehager Baron hob die Hand und unterdrückte mit seiner ganzen Autorität weitere aufkeimende Worte: “Doch nicht zuletzt durch die Fürsprache der Diener Borons hier neben mir habe ich noch einmal überdacht! Sie halten deine Seele, Helmfried, offenbar, trotz aller Taten mit der von mir beschlossenen Strafe noch zu retten. Girte!” Firian wechselte vom Ehemann zur Ehefrau und sprach diese nun direkt an: “Ich will dir hiermit eine wirklich allerletzte Gelegenheit geben. So du hier mit diesen Dienern der Zwölf einen Eid auf den Herrn Praios und seine Geschwister ablegst, dass du unschuldig bist ob der vorgeworfenen Taten. So du nach dem Schwur keine Spuren einer Frevlerin zeigst. So werde ich mein Urteil widerufen und ein anderes fällen. Ebenso noch ein letztes Mal die Möglichkeit deinem Gewissen Erleichterung zu verschaffen und geläutert, dein Körper in Boron gesegneter Erde ruhend, vor Rethon zu treten!”

Girte rappelte sich auf. Ihre gesamte Körperhaltung hatte sich verändert. Die Schultern hingen und auch der Kopf war mit dem Kinn aufs Brustbein gesunken. Die Frau des ehemaligen Dorfschulzen war eine gebrochene Frau. Ihre Selbstsicherheit und der Hochmut waren verschwunden: “Vor den Dienern des Boron und dem Diener Firuns werde ich keinen Meineid schwören, Hochgeboren. Meine Seele soll doch noch die Chance erhalten, eines fernen Tages vor Rethon Gerechtigkeit zu erfahren. Ich habe den Hasen getötet und in den Brunnen geworfen. Aus Eifersucht und Neid, weil sich mein Gatte... ja Helmfried, das bist du! …. mehr für diese Blondine mit den drei plärrenden Bälgern interessierte als für mich. Ich wollte niemanden umbringen damit, aber ich hatte schon gehofft, dass sie alle ordentlich krank werden und die Scheißerei bekommen. Ja, das hätte ich ihr gegönnt, dieser Holdwiep mit ihrem unverschämten Glück!”

Die Frau war in Fahrt geraten. Sie redete sich um Kopf und Kragen. Trotz des Geständnisses, oder besser gesagt gerade deshalb, fürchtete Coris mehr und mehr um Girtes letztes Gericht vor der unbestechlichen Rethon. Oh weh, gerade vor dem Baron von Schneehag und seinem unerbittlichen Firunhofgeweihten so auszupacken war ein Fehler. Am liebsten hätte Coris Girte Einhalt geboten. Aber sie tat es nicht. Es war nicht an ihr, den Lauf der Dinge zu beeinflussen und sie wusste, die letzte Entscheidung über ein Eingehen in die Zwölfgöttlichen Paradiese gebührte ohnehin Boron. Sie konnte getrost diese Entscheidung dem Unausweichlichen überlassen.Alle Augen waren auf den Baron von Schneehag gerichtet. Wie würde er das Geständnis auffassen? Und würde Bishdaryan noch einmal versuchen, mäßigend auf den Lehnsherrn der Dreiwaldener einzuwirken?

Der Baron war für einen kurzen Moment tatsächlich überrascht. Er hatte fest damit gerechnet, dass die Frau den Eid verweigern würde. Aber dass sie dann auch gestehen würde, damit hatte er nicht mehr gerechnet. Umso besser für die Gemeinschaft, denn so waren alle Zweifel ausgeschlossen. Die nach dem Geständnis noch folgenden Worte waren dazu geeignet, ihn sehr sehr zornig zu machen. Ein früherer, jüngerer Firian hätte die Frau wohl sehr schnell gewaltsam zum Schweigen gebracht. So nahm er die Worte aber stoisch und mit eiskalter Miene hin. Was wirklich alle Anwesenden sehen konnten war, dass der Baron keineswegs triumphierend wirkte ob der Tatsache, dass er Recht behalten hatte. Der Mann von Girte dagegen brach unter den Worten und Anschuldigungen seiner Frau zusammen und ging auf die Knie.

Firians eiskalter und mitleidloser Blick ruhte auf der Frau, die endlich aufgehört hatte zu reden: “Nun… sehr spät, aber immerhin. Ich wünschte es hätte nicht fünf Leben gekostet, deinen verdorbenen Kern zu enttarnen, Girte!”

Er sah sich kurz um und sein Blick fiel auf zwei kräftige junge Bauern. Er kannte sie von einer Jagd, die er vor ein paar Götternamen hier in der Gegend veranstaltet hatte und die beiden als Aushilfsjagdknechte angestellt hatte: “Helme, Nille nehmt Girte und bringt sie in die Scheune da drüber. Achtet darauf, dass sie nicht wegrennt!”

Die beiden Bauernburschen schluckten kurz, folgten dann aber der Anweisung von Firian. Dieser sah sich einmal um und seine Blicke schienen an den Bäumen der Umgebung hängen zu bleiben.

Schließlich wandte er sich an seinen Hofgeweihten: “Besorg uns ein passendes Seil und geh dann zur Scheune. Helme und Nille sind gute Jungs aber eben noch junge Burschen!”

Firutin nickte kurz und ging davon. Firian wandte sich noch einmal an die versammelten Dorfbewohner: “Ihr alle habt gehört, was Girte gesprochen hat! Es gibt keinen Grund, Gnade oder Mitleid mit ihr zu zeigen. Aus diesem Grund bleibt mein Urteil bestehen! Bestehen mit einer Änderung”, er sah kurz zu Bishdaryan: “Girte wird alsbald durch den Strang sterben. Sobald sie tot ist, bleibt ihr Körper für einen Götternamen hängen. Im Anschluss erlaube ich es, der Zustimmung seiner Geweihten vorausgesetzt, dass sie borongefällig auf dem Anger bestattet wird.” Firian sah nun die Boronis an. Noch immer lag keine Spur Triumph in seiner Miene. Fast schon eher Trauer: “Eine unschöne Sache findet ihr Ende… wenigstens ist es nicht das Wirken eines Magiers gewesen oder dergleichen. Ich möchte Euch bitten, falls ihr dies in Borons Namen für angebracht haltet, noch zu Girte zu gehen und ihr die Gelegenheit zu geben, ihr Gewissen zu erleichtern. Ich beabsichtige das Urteil noch heute zu vollstrecken. Ebenso denke ich, spätestens nach den Worten, die auf das Geständnis folgten, wäre es wohl auch besser wenn sich jemand um das Seelenheil des Mannes kümmert. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, möchte ich Helmfried, nach seiner Strafe und wenn er Buße getan hat und vor Boron frei von Sünde ist, als Untertanen behalten. Schneehag hat heute schon genug schlagende Herzen verloren und ich will keine Waisen schaffen. Was meint ihr?”

Ausnahmsweise meldete sich die sonst so stille Coris zu Wort: “In der Tat ist das eine sehr unschöne Sache, Hochgeboren. Auch wir sind froh, dass kein unheiliges Wirken die Ursache war. Den Richtspruch werde ich nicht kommentieren, doch möchte ich im Namen des Totenrichters Boron mahnen, dass es nicht borongefällig ist, einen toten Körper so lange unbestattet zu lassen. Zumal wir Geweihten gerade hier sind, um eine borongefällige Bestattung auch für die Frevlerin zu gewährleisten und Boron ohnehin schon gelästert worden ist durch das Verscharren der Familienmitglieder. Ich denke, ich spreche für meine Glaubensgeschwister, wenn ich dafür plädiere, dass die durch die Strafe geläuterte Girte sofort nach ihrer Hinrichtung borongefällig bestattet wird. Wir können auf Wunsch auch einen gesonderten Bereich auf dem Anger dafür abtrennen.”

Firian wirkte etwas überrascht. Weniger darüber dass Coris als erste das Wort ergriffen hatte. Mehr wegen des Inhaltes: “Ich hatte ursprünglich eine noch viel längere Zeit im Sinn. Sowas wie bis der Strang von alleine reißt oder dergleichen. Weniger als Mahnung, doch war ich mir eigentlich sicher… oder besser ausgedrückt unsicher, ob sie überhaupt nach ihren Taten derlei Behandlung bekommen sollte. Seid ihr nicht der Meinung, dass sie vor Rethon scheitern wird?”

“Das ist alleine Borons Entscheidung. Ihm allein gebührt der letztgültige Richtspruch. Es ist nicht an uns, über ihr Seelenheil zu richten. Damit diese Dorfgemeinschaft wieder zur Ruhe kommen kann, sollte es ein Ende mit Schrecken geben anstatt eines Schreckens ohne Ende. Niemand hier wird diesen Richtspruch vergessen, seid unbesorgt, Baron!”, versicherte die Geweihte dem Schneehager Baron.

Firian runzelte die Stirn und dachte einen Moment nach. Er hatte sich wirklich zu wenig mit der Boronverehrung beschäftigt. Auch wenn viele seiner Standesgenossen das anders sehen würden. Immerhin hatte er als einer der wenigen, wenn nicht als einziger Baron einen Borontempel in seiner Baronie. Sogar ein ganzes Kloster! “Natürlich fällt er den Richtspruch… den endgültigen. Doch ehren wir sie nicht vorschnell und in seinem Namen, wenn wir sie nach seinen Geboten beerdigen? Ich meine, wir Menschen können nur raten, was die Götter meinen und entscheiden. Aber wenn ich in diesem Fall raten sollte, würde ich raten dass Rethon ihr den Einzug verwehren wird...”

Nun stand Liutperga auf und meldete sich zu Wort: "Wir als Geweihte des Unausweichlichen werden Euch niemals etwas anderes raten als die Gebote unseres Herrn Boron zu befolgen. Vor Boron sind grundsätzlich alle Menschen gleich. Ein Edelmann und ein Bettler, ein Geweihter oder ein Frevler. Einzig seine Seele mag zu schwer wiegen auf der Waagschale Rethons. Das aber lasst Girtes Sorge sein, Hochgeboren. Sie hat ihr Leben verwirkt. Ob sie auch nach dem Tod bestraft wird, entscheidet einzig Boron."

Firian blickte zu Bishdaryan der sich bisher noch nicht geäußert hatte. Ohne dem die Möglichkeit nehmen zu wollen darauf zu antworten hakte er auch noch einmal nach: “Was sagt ihr dazu und zu meiner Frage bezüglich Helmfried?”

“Meine Glaubensschwestern haben treffend gesprochen: Es steht keinem Sterblichen zu, einem anderen zu verweigern, vor die Totenwaage zu treten. Ob Seelen dadurch schwerer oder leichter werden und ob in Borons Hallen derjenige nicht gelangt, dessen Seele zu leicht oder zu schwer ist, das ist eine theologische Debatte, mit der ich diese Runde nicht behelligen will”, ergänzte Bishdaryan mit leichtem Lächeln. “Wohl aber können wir den Gläubigen helfen, ihre schlechten Taten zu bereuen. Und so sollten wir überlegen, wer von uns Geweihten”, sein Blick bezog Firutin mit ein, “in ihrer letzten Nacht bei der Verurteilten bleibe, auf dass sie bereuen und die Schuld von ihrer Seele abstreifen kann. Ich”, sagte er mit beschämt zu Boden gerichtetem Blick”, möchte diese Aufgabe gerne einem von euch überlassen, dem das Schicksal der Familie weniger nahe geht denn mir. Ich zweifle an mir selbst, dass ich der Seelsorger sein könnte, dessen Girte bedarf.” Dann klang er wieder zuversichtlicher: “Ihr wisst, Baron Firian, dass eine Seele nicht vor Rethon treten kann, solange der tote Leib nicht nach den Riten der Götter zur Ruhe gelegt ist. Der Leib ist bis dahin nicht nur tierischen Aasfressern ausgeliefert, sondern auch… jenseitigen. Das könnte im schlechtesten Fall Gefahr für alle Dorfbewohner bergen. Coris’ Anliegen ist daher vollkommen berechtigt, die Gehängte rasch zu bestatten. Ihr Schicksal und Euer Urteil werden Eure Untertanen auch so nicht vergessen, Hochgeboren.”

Coris erklärte sich bereit, die Nacht bei Girte zu verbringen und ihr die Beichte abzunehmen. Natürlich hatte sie noch keine Erfahrung mit der Vollstreckung von Todesurteilen, aber sie fühlte den innigen Wunsch dieser Frau, dass sie ihr in deren letzter Nacht auf Dere beistehe. Schließlich waren es gerade diese Momente, in denen Menschen an der Gerechtigkeit Borons Zweifel hegten und die Sorge um ihr jenseitiges Los sie zermürbte. Coris fühlte sich berufen, Girte die Liebe und Gerechtigkeit des Totenrichters Boron zu vermitteln und ihr die Hoffnung auf das Totengericht vor Rethon wiederzugeben.

Dann wandte sie sich wieder an den Baron von Schneehag: “Dann, Euer Hochgeboren, ist es an Euch nun das endgültige Urteil zu fällen und die notwendigen Anordnungen zu treffen.”

Firian dachte noch eine kurze Weile nach. “Nun gut ich will eurem Rat folgen und meinen Entschluss erneut ändern.” Firian sah besorgt zu seinem Hofgeweihten hinüber: “Ich hoffe, dies sind keine Anzeichen dafür dass ich zu… weich und mitleidig werde. Es werden noch Zeiten kommen, in denen Schneehag ohne die ganze Härte, die Firun uns gebietet, nicht bestehen kann. Wenn selbst ich aber schon zu sehr der Tochter folge und milde gestimmt bin… wer sorgt dann für die Härte? Andererseits ist das hier auch kein Zweikampf in der Wildnis und ein anderer Grad und Mischung von Härte und Mitleid, Gnade und Gnadenlosigkeit gefragt…”

Firutin nickte mehrfach und sagte nur knapp: “Wir werden das alsbald ergründen.” Damit ließ Firian es bewenden und löste die Versammlung auf. Coris sollte wie besprochen sich vornehmlich sowohl um Girte und Helmfried als auch um Holdwiep kümmern. Solange sie bei Girte, war wachte Malina über Holdwiep. Bishdaryan und Liutperga sollten sich, nach der noch einmal formal vorgetragenen Bitte um das Begräbnis von Holdwieps Familie kümmern. Firian und sein Hofgeweihter bereiteten erst die Hinrichtung vor und hielten danach Schriftliches fest. Zum einen Notizen, die er später auf Burg Firnhag in sein Gerichtsbuch sorgfältig würde verzeichnen lassen. Zum anderen für das Tempelbuch des Traviatempels zu Altenfurten. Dieser betreute das Dorf und den Traviaschrein in Dreiwalden mit. Das Urteil lautete in seiner endgültigen Fassung wie folgt: Holdwiep Krayenbruch wurde von Seiner Hochgeboren Firian Asralion Böcklin von Buchsbart, Baron zu Schneehag, von allen Anschuldigungen freigesprochen. Nichts von dem, was ihr vorgeworfen wurde, trifft zu. Sämtliche Beschuldigungen sind frei erfunden oder niederträchtig angedichtet worden. Sie wird bis zur Genesung ihrer geschädigten Seele im Kloster Etiliengrund verbleiben. Die Dorfgemeinschaft von Dreiwalden wird dazu verurteilt, das Land von Familie Krayenbruch weiter zu bewirtschaften. Von den Erträgen den Zehnt an Adel und den Zehnt an die Zwölf zu zahlen. Der Tempelzehnt wird dabei an das Kloster Etiliengrund abgeführt. Der Überschuss, den das Land eventuell abwirft, geht an Perchtrudis aus Dreiwalden, die diesen für Holdwiep verwahrt. Ihr ist es erlaubt, bis zu Holdwieps Rückkehr ein Drittel dieser Überschusses für sich zu behalten. Ebenso wurde mit sofortiger Wirkung eben jene Perchtrudis zur neuen Dorfschulzin ernannt und gleichzeitig dem bisherigen Dorfschulzen Helmfried dieses Amt entzogen. Eben jener Helmfried wurde ferner dazu verurteilt, zusammen mit seiner Familie die Hofstelle der Familie Krayenbruch instandzuhalten, so dass diese nach der Rückkehr von Holdwiep augenblicklich wieder bewohnbar ist. Ferner wurde ihm für die nächsten zwölf Götternamen der doppelten Tempelzehnt auferlegt. Dazu wurde ihm dringend angeraten, sich mindestens einmal nach Etiliengrund begeben, um Buße zu tun. Einen Mord unter fadenscheinigen Anschuldigungen durchgehen zu lassen und dann auch noch die Körper guter Schneehager Bauern einfach irgendwo zu verscharren, als wären sie irgendwelche Kreaturen, war großes Unrecht. Es bleibt fraglich ob der Ewige ihm seine Sünden vergeben wird. Dies liegt aber nicht im Richtspruch eines Barons! Schlussendlich lautete der Richtspruch über Girte wie folgt: Im Namen Firuns und seiner Geschwister spreche ich dich, Girte, schuldig. Du bist schuldig, durch dein Handeln die gesamte Familie Krayenbruch, mit Ausnahme von Holdwiep, zu Tode gebracht zu haben. Du hast dabei aus niederträchtigen und eingebildeten Beweggründen gehandelt. Du hattest viele Male die Gelegenheit, dich zu besinnen und auf deinem Weg umzukehren. Noch direkt vorm Richtspruch hast du die Gelegenheit gehabt, dich als im Kern gut zu erweisen, zu gestehen und zu beichten. Dies hast du nicht getan. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass du durch und durch schlecht und niederträchtig bist. Ich kann und werde weder Mörder unter meinen Untertanen dulden, noch dulden, dass die Saat ihres Handelns andere ansteckt und sich wie eine Krankheit verbreitet. Ich verurteile dich hiermit zum Tod durch den Strang. Erst nach diesem Urteil hast du gestanden und wenigstens dadurch und sehr spät deine Seele erleichtert. Aufgrund dieses Geständnisses und der Fürsprache durch anwesende Borongeweihte wird verfügt, dass deine Leiche nach einem Stundenglas abgenommen werden darf und nach den üblichen Riten und mit dem Segen Borons bestattet wird.

Girte nahm das endgültige Urteil kaum mehr wahr. Sie kauerte auf dem Boden, das Gesicht in den Händen verborgen. Die Aushilfsjagdknechte Nille und Helme griffen ihr unter die Arme und zogen sie hoch. Helmfried schluchzte auf. Hilflos hob er die Hände und musste zusehen, wie die beiden Dorfbewohner seine Frau in die Scheune brachten, wo sie ihre letzte Nacht verbringen sollte. Die Borongeweihte Coris “Etiliane” Fesslin folgte ihr. Sie würde ihr, wenn es sie dazu drängte, die Beichte abnehmen und mit ihr beten.



Die letzte Ruhe

Die drei Boroni machten sich am Abend vor der Verhandlung auf den Weg zum Boronanger, um die Grabstelle für die Familie Krayenbruch zu weihen. Später sollten die Männer und Frauen, die beim Exhumieren der verscharrten Leichen geholfen hatten, an der geweihten Stelle ein ordentliches Familiengrab ausheben. Der Boronanger von Dreiwalden machte einen traurigen Eindruck. Er lag am Rand der Siedlung, wie auch sonst üblich. Eine steinerne Stele mit eingemeißeltem Boronsrad stand an der schmaleren Seite des Rechtecks. Eine Trauerweide beugte ihre ausladenden Äste über dieses einzige sichtbare Mal der Verehrung Borons. Im Geviert davor waren vereinzelte, hölzerne Boronsräder verteilt, windschief und stark verwittert. Einfache Holzlatten, auf die man am oberen Ende ein Boronsrad eingebrannt hatte, komplettierten das Bild eines verwahrlosten Totenangers.

Seufzend sah Liutperga ihre Glaubensbrüder an. “Nun, das sieht nach Arbeit aus.”

Vater Bishdaryan nickte, wirkte dabei aber nicht unglücklich: “Es gibt doch unangenehmere Pflichten als diese, einen Anger ordentlich vorzubereiten, sodass er nicht nur der letzten Ruhe der hier Gebetteten einen würdigen Rahmen verleiht, sondern auch den Lebenden einen Platz anbietet, an dem sie der Verstorbenen gedenken können. Dieser Ort hier kann ein guter Ort sein, ein schönerer allemal als die hastig eingesegneten Reihen von Gräbern am Rande von Schlachtfeldern, und um alles besser als die boronlose Grube, in der die Familie Krayenbruch gelegen hat. Lasst uns ans Werk gehen!”

Nun hielten die drei Diener des Unabwendbaren zunächst ein stilles Gebet ab, bevor sie den geweihten Bereich betraten. Gemeinsam richteten sie Boronsräder auf, pflegten die Gräber und erneuerten Holzstelen wo es notwendig war. Erst als die Dämmerung schon einbrach waren sie zufrieden mit ihrem Werk. Dann beschlossen sie ganz in der Nähe der Stele, die das Boronsrad trug und offensichtlich als Ersatz für einen Schrein diente, einen Bereich zu konsekrieren. Sie bereiteten alles außerhalb des Boronsangers vor und umschritten dann zunächst mit Fackel und Räucherschale den gesamten Boronanger. Dabei sangen sie den Choral der Toten. Letztlich betraten sie den Anger erneut, stellten um die auserkorene Grabstelle vier Feuerschalen auf. Eine weitere kam in die Mitte. In allen Schalen ließen sie Weihrauch abbrennen. Der Rauch der Harztränen bildete eine Art von Bodennebel, was den Boronanger im aufgehenden Licht des Madamals in eine außergewöhnliche Atmosphäre tauchte. Gemeinsam stellten sie sich um das aus ausgewählte Geviert.

Liutperga betete vor “Silencium Boronem delectat!”

Coris und Bishdaryan wiederholten es. Es folgte eine Phase der Stille.

“Herr, verstehe bitte, dass ich die Stille breche. Ich erbitte das Wort”, fuhr die Borongeweihte fort.

Dann begann sie mit dem Gebet für die Familie Krayenbruch. “Herr Boron, Unausweichlicher, Vater der Toten, wir wollen hier in dieser Erde die sterblichen Überreste der Familienmitglieder von Holdwiep Krayenbruch zur Ruhe betten. Schenke ihnen an diesem Platz die verdiente Ruhe, die ihnen bislang verwehrt gewesen ist. Mögen sie an diesem geweihten Platz die ewige Ruhe finden.”

Liutperga warf Erde in die nächststehende Feuerschale:“Heiliger Golgari, nehme die Seelen der Irrenden und bringe sie über das Nirgendmeer.”

Coris warf als nächste Erde in die neben ihr stehende Feuerschale: “Heilige Marbo, bitte bei Boron für diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben, auf dass sie ein milderes Urteil bekommen mögen.” Sie ging weiter zur nächsten Schale und sprach das Gebet für Noiona. “Heilige Noiona schenk den Hinterbliebenen das Vergessen und den toten die Ruhe des Grabes.”

Nun war es an Bishdaryan über der nächsten Schale den Wunsch an den heiligen Bishdariel zu sprechen. “Heiliger Bishdariel, erlöse die Hinterbliebenen von den Alpträumen der vergangenen Jahre und schenke ihnen einen ruhigen Schlaf.”

Als Letzte warf erneut Liutperga Erde in die vierte Schale: “Heiliger Khalid, segne die geschändeten Gebeine auf dass sie in Borons Erde Ruhe finden.”

Zu dritt fanden sie sich erneut an der mittleren Feuerschale ein. Schweigend ließen sie die Worte nachklingen. Dann hoben sie die Hände zum Himmel.

“Im Namen Borons!
Im Namen der Alveranie! Im Namen aller Heiliger!
Oh, Boron, bei deiner Macht, siehe auf uns herab,
Bei den mächtigen Alverans,
Bei den Heiligen deiner Kirche,
Bei allen Geweihten und Gläubigen!
Sei bei uns in der Stunde deiner Herrlichkeit!”

Liutperga machte eine ausladende Geste über den gesamten, gesegneten Bereich des Boronangers:

“Dieser Boden sei den Toten eine Decke, schütze sie und gebe ihnen Ruhe.
Dieser Grund sei den Gebeinen eine Heimstatt und ehre die Reste ihres derischen Seins!”

Dann falteten alle drei die Hände zum letzten Gebet. Liutperga sprach es vor.
“So segne ich diesen Anger im Namen Borons!”

Zufrieden blickten die drei auf das gesegnete Gräberfeld und den im Feuerschein und Mondlicht besonders stimmungsvoll beleuchteten Boronanger. Alles war bereit um am kommenden Tag die Gebeine der Familie Krayenbruch aufzunehmen.

 

***

 

Der Morgen brach mit einem arangenfarbenen Sonnenaufgang an, den man unter anderen Umständen als romantisch bezeichnet hätte. Der Tag versprach allerdings alles andere als romantisch zu werden. Die Dorfgemeinschaft hatte sich an der Scheune versammelt und wartete auf die Vollstreckung des Urteils für Girte. Schwester Coris hatte gemeinsam mit Girte die ganze Nacht über gewacht und gebetet. Die Frau des ehemaligen Dorfschulzen hatte ein großes Mitteilungsbedürfnis gehabt und viel gebeichtet. Sie wollte sich vor ihrem Zusammentreffen mit dem Totenrichter alles von der Seele reden und die Nachtstunden nutzen, um zu beten. Übernächtigt, aber gefasst, trat sie an der Seite der beiden Aushilfsjagdhelfer aus der Scheune ans Licht. Die Geweihte folgte, schweigend, die Hände vor dem Körper gefaltet, den Blick gesenkt.

Firian hatte zusammen mit seinem Halbbruder und Hofgeweihten die Nacht über in einer anderen Scheune des Dorfes übernachtet. Jeweils die halbe Nacht hatte einer von beiden gewacht. Weniger weil sie einen nächtlichen Angriff oder dergleichen befürchteten: Firian hielt es nicht für ausgeschlossen, dass in der Nacht der Ehemann versuchen würde, zu seiner Frau zu kommen und vielleicht sogar zu fliehen. Er hatte die beiden Bauernburschen zwar als tatkräftig anerkannt, aber sie waren jung und Helmfried bis vor kurzem noch der Schulze gewesen. Doch die Nacht war ohne Ereignisse verstrichen. Ebenfalls mit in der Scheune hatte die weise Frau Malina Bockfold geschlafen. Während sie die ganze Nacht, leicht schnarchend im Stroh gelegen hatte, war ihr Vertrauter, der Schildkröterich Krubaan, so schnell wie es ihm möglich war durch das Dorf und die Scheune gekrochen. Das ständige Rascheln hatte zwar für einige Schreckmomente, gesorgt aber auch dafür, dass es für den jeweiligen Nachtwächter fast unmöglich gewesen war einzuschlafen. Erst kurz vor Sonnenuntergang hatte sich das Tier laut ächzend in den Weidenkorb begeben, der neben Malina stand, und alle Extremitäten eingefahren.

Mit den ersten Strahlen der Sonne standen schließlich sowohl Baron als auch Geweihter vor der Scheune und beobachteten wie das Dorf langsam zum Leben erwachte. Der horasische Boroni trat wortlos neben sie. Er war schon länger wach, dafür aber früher zu erholsamem, borongegebenem Schlaf niedergelegen. Ein überdachtes Heulager nahe des Gatters, an das die Pferde angebunden waren, hatte ihm als Lagerstatt gedient. Er wirkte erholt, zeigte aber kein Gefühl, das sich auf das Bevorstehende hätte beziehen lassen.

Alle Augen richteten sich auf den Baron. Würde er noch etwas zu ihr sagen und wo sollte das Urteil vollstreckt werden?

Firian hatte noch einen Moment gewartet bis er zufrieden war mit der Anzahl der anwesenden Dorfbewohner. Es mochte so sein, dass einige, besonders junge, fehlten. Er ließ aber nicht durchzählen oder dergleichen. Firutin hatte derweil das Pferd des Barons, Graf Morgenstrahl, aus dem Stall geholt. Es war gesattelt und an dem vorderen beiden Hörnern des Sattels war ein Hanfseil gebunden. Der Rest vom Seil hing aufgerollt an einem der hinteren Hörner und endete in einer Schlinge.

Firian nickte den versammelten Geweihten jeweils einmal zu und forderte dann die beiden Helfer mit Girte in der Mitte auf, ihm zu folgen. Es ging ein kleines Stück außerhalb des Dorfes, vielleicht ein Dutzend Schritte zur einer kräftigen Kastanie. Firutin führte Graf Morgenstrahl nicht direkt unter den Baum, sondern ein paar Schritte weiter. Er ließ das Pferd kurz alleine stehen, nahm das aufgerollte Seil vom Sattel und warf es über einen sehr kräftigen, seitlich austreibenden Ast der Kastanie. Firian übernahm Girte von den beiden Bauernburschen und entließ diese aus ihrer Aufgabe. Erleichtert gesellten diese sich zu ihren Familien. Girte wurde direkt unter dem Ast gestellt und bekam die Schlinge um den Hals gelegt. Firutin, inzwischen wieder beim Grafen angekommen, zog das Seil vorerst auf die passende Länge, damit es zwar um den Hals der Verurteilten lag, aber weder herunterhing noch schon anfing sie zu würgen.

Firian ergriff das Wort und sprach in die Runde: “Im Namen der Zwölf habe ich Gericht über dich gehalten und dich zum Tode verurteilt. Bevor ich dich nun gleich mit trockener Hand richten werde bekommst du die Gelegenheit für ein deine letzten Worte in dieser Welt!”

Der Baron wartete einen Moment und gab ihr die Gelegenheit noch etwas zu sagen. Girte schüttelte trotzig den Kopf. Anschließend sah der Baron kurz zu den Boronis hinüber, ob diese noch vor der Vollstreckung ein Gebet sprechen wollten oder irgendetwas anderes. Die Boronis schwiegen ebenfalls. Sie wussten, dass der Herr des Todes das Schweigen liebte. Es waren genügend Worte gefallen. Hässliche Worte, Worte der Reue, des Zweifeln und Verzweifelns. Der Rest war Schweigen.

Als auch dieser Part abgeschlossen war, sah Firian kurz zu Firutin. Beide sprachen laut und deutlich und fast mit einer Stimme: “Eiskalter Herr, gerecht ist dein Weg. Hilf ihr in ihren Qualen und lass den Schmerz schnell enden!”

Beim Wort “enden” ließ Firutin den Grafen ein paar Schritte tun, die ausreichten um Girte gut anderthalb Schritt hochzuheben. Beim Anziehen keuchte Girte kurz auf und ihr Körper spannte sich krampfhaft an. Es dauerte ungefähr zehn Herzschläge bis das Aufbäumen aufhörte und Girte bewusstlos wurde. Nach Ablauf eines Viertelwassermaßes ließ Firutin den Grafen langsam Schritte rückwärts tun, die dafür sorgten, dass der leblose Körper von Girte hinunter kam und langsam zu Boden ging. Firian half kurz mit einem Handgriff dafür zu sorgen, dass der Körper sich beim zu Boden gehen nicht unnatürlich verdrehte und durch das eigene Gewicht Knochen brachen oder ähnliches. Girte lag schließlich ausgestreckt auf dem Boden und Firian nahm ihr den Strick ab. Anschließend sah er zu den Boronis hinüber ob diese ab hier übernehmen wollten.

Bishdaryan hatte beim glücklicherweise kurzen Todeskampf der Verurteilten den Blick nicht abgewandt. Was er von dieser Form des Hängens hielt, bei der anders als in seinem Heimatland nicht augenblicklich der Henkersknoten das Genick der Verurteilten brach, sondern diese erwürgt wurde, zeigte er mit keiner Bewegung und keinem Blick. Stattdessen entrollte er nun gemeinsam mit Coris das Totentuch, um es über den Leichnam zu decken, der vom Schritt abwärts auf dem Gewand die Zeichen nach dem Tode freigegebener Exkremente zeigte. Erst als der Gehängten so ein wenig Würde zurückgegeben war, sprach Liutperga einen ersten Totensegen, um der Seele den Aufstieg gen Alveran zu erleichtern.

Liutperga trat vor und nickte ihren beiden Glaubensgeschwistern dankbar zu. Sie öffnete über dem Leichnahm Girtes die Hände zum Himmel und sprach:

“Herr Boron, Herr der letzten Dinge, Totenrichter,
wir bitten dich auf diese erlöste Seele herabzublicken.
Golgari, Sendbote des Dunklen Vaters,
nimm diese Seele mit dir, geleite sie sicher über das Nirgendmeer,
führe sie vor Rethon, die allwissende Waage,
auf dass sie vor den Richter der Toten treten möge.”

Die grauhaarige Dienerin des Ewigen schlug das Boronsrad über der Toten und trat dann wieder zwischen Coris und Bishdaryan zurück. Nun würde das Begräbnis folgen. Zunächst die Bestattung der Familie Krayenbruch und dann, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nur im Beisein der Boroni und einer oder zweier Helfer, die Grablegung der Gehenkten.

Firian hatte stumm dem liturgischem Wirken der Borongeweihten zugesehen. Nach dem ausgesprochenen Gebet schlug auch er ein Boronsrad und trat ein paar weitere Schritte zurück. Er wollte ab jetzt vorerst nur stiller Beobachter bei den folgenden Ritualen zu sein. Vater Bishdaryan winkte den Helfern, die Gerichtete in das Tuch zu schlagen und in die nächste Scheune zu tragen, wo der Körper gesäubert werden würde, um zumindest am Leibe rein vor den letzten Richter zu treten. Es war weder der erste noch der letzte Körper, der hier im Dorf zur Erde gebracht werden würde, nur die Umstände zuvor waren außergewöhnlich gewesen, daher sollte diese Handlung nicht zu lange dauern. Nach der Waschung würde ein weiterer Segen folgen und ein dritter, bevor sich kühle Erde auf das Tuch deckte. Die Borongeweihten waren mit dem Baron einer Meinung gewesen, auf einen hölzernen Sarg zu verzichten.

 

***

 

In einer langen Prozession folgten Baron und Gefolge sowie die Dreiwaldener den Boronis, die wiederum dem Wagen folgten. Auf die Ladefläche hatte man die fünf Särge mit den Überresten der Familie Krayenbruch geladen. Die beiden einfachen Särge der Mutter Holdwieps und ihres Mannes, für die man sich angesichts des fortgeschrittenen Verwesungszustands der Leichen entschieden hatte, standen unten, die drei kleineren Kindersärge darauf, Seite an Seite.

Das Gefährt stoppte vor dem gesäuberten und hergerichteten Geviert des Dreiwaldener Boronangers. Helfer hoben die Kindersärge herab und trugen sie neben das ausgehobene Familiengrab. Dann kamen sie zurück und schleppten die Särge der Erwachsenen zur Grube. Als alles vorbereitet war, betraten die Boroni den Anger. Sie verweilten vor der Stele mit dem eingemeißelten Boronsrad und sprachen ein stilles Gebet. Dann nahmen sie ihre Positionen am Grab ein.

Mit einem Kopfnicken bedeutete Liutperga dem Baron, dass er nun die Teilnehmer der Grablegung anführen sollte, auf dass sie sich in einem Halbkreis um das Grab der Krayenbruchs aufstellen mögen. Direkt vor der Grabgrube stand eine Räucherschale mit glühender Kohle, daneben ein Gefäß mit Weihrauch und ein hölzerner Eimer mit geweihter Erde. Coris trug eine kleine Schale in der eine Mischung aus geweihter Asche und Lotusöl zu einer schwarzen Paste verrührt war. Liutperga wartete, bis alle Teilnehmer der Grablegung ihren Platz eingenommen hatten. Sie ließ die borongefällige Stille wirken. Aller Augen ruhten auf den fünf Särgen.

“Oh Herr Boron, Ewiger, Unausweichlicher, wir sind hier zusammengekommen um Dir fünf Menschen anzuempfehlen. Dort die hochverehrte Hedwiga Krayenbruch, Mutter der Holdwiep, daneben Waldhold Krayenbruch, Ehemann Holdwieps und die drei Kinder des Paares: Einbet, Heldar und Erlwidda. In Deiner barmherzigen Güte gewähre ihnen die Gerechtigkeit Deines göttlichen Urteils für ihre Seelen. Mögen sie Einlass finden in die zwölfgöttlichen Paradiese nach denen sich ihre Herzen sehnen. Schicke Golgari aus um ihre Seelen aufzunehmen und sie auf seinem leichten Gefieder über das Nirgendmeer zu tragen! Möge Uthar sie einlassen in Dein Reich, möge Rethon, die Allwissende, ihnen die Gnade Deiner Gerechtigkeit zeigen und mögen ihre Seelen Dein gerechtes Urteil finden!”

Während Liutperga sprach, nahm sie eine Handvoll Weihrauch und warf ihn in die glühende Kohle. Duftender Rauch erhob sich kräuselnd und zog gen Himmel. Dann trat sie mit Coris vor den ersten Sarg. Sie tauchte den Zeigefinger in die schwarze Asche-Öl-Mischung und malte das Boronsrad auf den Sarg der Hedwiga. Dasselbe folgte bei den anderen vier Särgen. Gemeinsam traten die Boroni zurück und warteten darauf, dass die Helfer einen Sarg nach dem anderen in die Grabgrube hinabgleiten ließen. Jeden von ihnen bedeckten sie mit einer Handvoll geweihter Erde. Den Rest der Erde kippten sie schließlich über den Särgen aus. Der Baron legte selbst mit Hand an als der Sarg von Holdwieps Mutter hinab gelassen wurde. Er hatte sich erinnert, dass vor vielen Jahren, als er keine 10 Winter gesehen hatte, er mit seinem Vater öfter in der Gegend jagen gewesen war. Hedwiga hatte sie damals immer als Jagdhelferin begleitet und Firian erinnerte sich daran dass sie den Lehren des Weißen Jägers nahe gestanden hatte. Den Abschluss bildete ein gemeinsames, schweigendes Gebet.

Wie üblich wurde jedem der Anwesenden die Zeit gegeben ans Grab zu treten und Abschied zu nehmen. Der Baron von Schneehag war der erste. Dann führte er die Prozession an, die schweigend den Boronanger verließ, während die drei Diener des Ewigen die Arbeit der Totengräber überwachten und auch noch den Leichnam der Verurteilten in geweihte Erde legten. Vor Boron waren alle Menschen gleich.

Firian war mit seinem Halbbruder an die Gräber getreten. Bei Hedwiga sprachen sie beide ein kurzes Gebet: “Herr der schneebedeckten Weiten, weise ihr den Weg!” Bei den anderen hatten sie nur kurz inne gehalten.

 

***

 

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages fielen flach über die Bäume auf den Totenacker. Gleich neben dem Eingang hatte Bishdaryan von Tikalen Aufstellung genommen. Seinen geweihten Rabenschnabel trug er am Gürtel und obgleich er kein Golgarit war, wirkte seine Rüstung, die nun nicht von der schwarzen Kutte verdeckt war, beeindruckend genug. Niemand hatte einen anderen Vorschlag gemacht, als er ankündigte, er werde in dieser Nacht über den frischen Gräbern wachen. Niemand zweifelte auch daran, dass diese tief genug waren und dass die Segenssprüche wirkten. Aber aus Andeutungen des Geweihten wusste zumindest Coris Fesslin, dass er auf seinen Reisen einige grausige Dinge erlebt hatte und um keinen Preis riskieren wollte, dass etwas Jenseitiges oder auch Diesseitiges die Ruhe der Bestatteten stören mochte. Die Dörfler, der Baron und die anderen nahmen noch den kargen Leichenschmaus zu sich.

Damit auch der Glaubensbruder nicht hungrig durch die Nacht müsse, trug Coris einen abgedeckten Tonteller mit sämiger Suppe und ein Stück Brot zu ihm.

Bishdaryan drehte sich auf ihre nahenden Schritte hin um, erkannte sie und entspannte sich. Mit dankbarem Blick nahm er den Teller entgegen, aus dem sich Dampf empor kräuselte. Ehe er zu essen begann, schaute der Noionit die junge Frau an, wartete ab, ob sie noch etwas sagen wollte. Zum ersten Mal seit vielen Stunden waren sie unter sich, kein lauschendes Ohr in ihrer Nähe.

Coris lehnte sich an die Umzäunung des Boronangers. Man konnte erkennen, dass die Ereignisse der vergangenen Tage sie tief beeindruckt hatten. Nachdenklich sah auch sie zu Bishdaryan hinüber. Sie wollte gerne mit dem Noioniten darüber sprechen, zumal sie hoffte, dass er ihr helfen konnte die Dinge richtig einzuordnen. “Ich hoffe wirklich sehr, dass die Seelen derjenigen, die nun eingesegnet auf dem Boronanger hier ruhen, auch wirklich ihre verdiente Ruhe in Boron finden. Was meinst du, Bishdaryan? Ist das Ganze hier ausgestanden? Und was wird es mit der Dorfgemeinschaft von Dreiwalden machen? Hast du Erfahrung mit solchen Urteilen?”

Der Horasier tunkte das Brotstück in die Suppe, biss ab und kaute ruhig. Er schluckte herunter und antwortete erst dann: “Ich glaube fest, dass die Segnungen, die auf den Gräbern ruhen, böse Geister davon abhalten werden, von den Leibern Besitz zu ergreifen. Auch stehen die Sterne so, dass die Seelen der Beigesetzten gen Alveran emporsteigen können, um gewogen zu werden und in die Zwölfgöttlichen Paradiese zu gelangen. Ich wache hier vor allem, um eventuellen weltliche Störungen der Totenruhe zu begegnen.” Er aß drei Löffel Suppe und fuhr dann fort: “Was sich aus den Ereignissen für das Dorf entwickeln mag.... Der Baron tat gut daran, an seiner Hoheit und der Bedeutung der zwölfgöttlichen Gebote keinen Zweifel zuzulassen. Die Menschen hier sind geradlinig und verstehen das. Vielleicht auch dahingehend, dass die Missachtung der geltenden Regeln von außen ins Dorf getragen wurde - das kann ihren Gemeinschaftsgeist stärken und sie leichter Versuchungen widerstehen lassen. Doch ich habe nur gelernt, Kämpfer zu führen, nicht Bauern, und das Recht nur in der Theorie, nicht der Anwendung. Zumal die Landbevölkerung meiner Heimat einen anderen Charakter hat als die Menschen hier, sind diese Überlegungen nur Spekulationen meinerseits. Du kennst die Geisteshaltung der Dreiwaldener - darum beantworte du selbst dir und mir deine Fragen.”

Bishdaryan aß ruhig weiter, während Coris überlegte. Coris dachte nach. Sie war Weidenerin, kannte also den Menschenschlag. Ja, was Bishdayan sagte, war richtig. Der Baron hatte genauso gehandelt wie die Dreiwaldener es erwartet hatten und wohl auch wertschätzen. “Nun, so ist das in Weiden. Du hast das, denke ich, richtig eingeschätzt. Hier erwartet man klare und harte Entscheidungen. Ich frage mich nur wie es für Holdwiep wird. Zunächst einmal halte ich es für gut, sie mit uns nach Etiliengrund zu nehmen. Deine Fähigkeiten als Noionit und dann sicher auch die von Bruder Nikanor können ihr hoffentlich helfen mit den Geschehnissen abzuschließen und zur Ruhe zu kommen. Aber wie wird es sein, wenn sie dereinst in die Dorfgemeinschaft zurückkehrt?”

Bishdaryan sah vom Teller auf. Seine grauen Augen nahmen einen traurigen Blick an und er sah durch Coris in die Ferne: “Den Gemahl zu verlieren und alle Kinder… eine schwächere Frau als diese wäre gewiss bereits daran zerbrochen. Doch manche Verletzungen der Seele heilen nie ganz. So ist die eigentliche Frage nicht, wie es sein wird, wenn Holdwiep hierher zurückkehrt, sondern vielmehr, ob sie je hierher zurückkehren wird, soll, will.”

Die Dienerin Golgaris blickte ihren Glaubensbruder traurig an. Er wusste offenbar sehr gut, aus eigener Erfahrung, wie es mit Verletzungen der Seele war - genau wie sie. Beide konnten auf Erfahrungen zurückblicken, die sich tief in ihre Seelen eingegraben hatten. Wie sollte es Holdwiep anders gehen? Also nickte sie. Coris schwieg lange. Als Bishdaryan seinen Teller leer gegessen hatte, trat sie zu ihm, um diesen entgegenzunehmen. Ihre Hände berührten sich einen Augenblick. Coris sah ihm in die Augen. Einen Augenblick lang sah sie in die Tiefen seiner Seele und auch er konnte einen Blick in ihre traurige Vergangenheit werfen. Beide waren auf immer gezeichnet von dem, was sie leidvoll hatten ertragen müssen. Doch beide hatten den Weg zu Boron und so zu Trost und Glauben gefunden. Vielleicht war das auch der Weg den Holdwiep gehen musste.

Die Frage stand in ihren Augen, die weiterhin diejenigen ihres Glaubensbruders fixierten. Der Augenblick zog sich in die Länge. Derart in die Länge, dass Coris nicht wusste, ob er angenehm oder unangenehm war. Sie blicken einander an - und durch einander hindurch. Das Gefühl, das tiefe Rauschen großer Schwingen zu hören... sie waren erleuchtet, beide wiederholt vom Herrn des Schlafes, des Todes, des ewigen Friedens berührt.

“Sie wird…”, begann Bishdaryan, “...ihren Platz…”, fuhr Coris ohne Unterbrechung fort, “...finden. Da der Herr sie noch nicht zu sich genommen hat…”, “...wird sie ihm mit ihren Gaben…”, “...an jenem Ort dienen…”, “...an welchen er sie weisen wird…”, “...wie er es auch mit uns getan.”

Beseelt von dem Gefühl der Entrückung das beide ergriffen hatte, fühlte sich Coris dem Ewigen so nah wie selten. Gleichzeitig fühlte sie, dass die Tiefe der Ergriffenheit auch von der Kraft Bishdaryans abhing. Dadurch, dass sich ihre beiden Seelen verbunden hatten, war die Entrückung auf dieses hohe Niveau gehoben worden. Sie war dankbar für diese Erfahrung. Als sich die Entrückung langsam abschwächte, bildete sich unwillkürlich ein sanftes Lächeln auf den Lippen der Dienerin Golgaris. Sie formulierte einen stillen Dank an den Noioniten. Dann überließ sie ihm die Nachtwache am Boronanger.