Darf's a bisserl mehr sein? Eine blutige Geschichte für Gräfin Griseldis
Burg Rotdorn, Gräflich Pallingen, 24. Boron 1043

Nach eine Nacht bei ihrem gemeinsamen Freund, Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese, auf dessen Gut an der Baroniegrenze zwischen Urkentrutz und Pallingen trafen Lyssandra von Finsterborn und Oberon von Uhlredder auf Burg Rotdorn ein. Sie trugen sich in die Liste derjenigen ein, die eine Privataudienz bei der Gräfin baten. Dabei half das Schreiben, das die Gräfin der Finsterbornerin ausgestellt hatte wahre Wunder. Ihnen wurde sofort zugesichert, dass sie noch am selben Tag mit einer Audienz rechnen konnten. Solange bat man sie auf der Burg zu bleiben und versorgte sie mit Getränken.

Oberon ging ungeduldig auf und ab. Auch wenn er inzwischen einige Tage Zeit gehabt hatte die Vorkommnisse zu verarbeiten war er noch immer aufgebracht. Aufgebracht darüber, dass es so vielen Unschuldigen den Tod gebracht hatte, nicht zuletzt Lyssandras Vater, bevor der Kern des Übels gefunden war. Oberon wusste, dass man über Tote nicht schlecht sprach und hatte auch zugesagt Lyssandra das Reden zu überlassen und sich nur zu Wort zu melden falls er gefragt wird. Aber er war deutlich der Meinung, dass die verstorbene Baronin für zu mindestens einige Tote die Mitschuld trug.

„Kann eigentlich nicht sein, dass wir hier jetzt warten müssen… die Gräfin weiß doch weswegen du unterwegs warst…wir sollten vielleicht einfach reingehen?“

„Bist du wahnsinnig?“ Zwischen Lyssandras Augenbrauen zeigte sich eine steile Falte. „Du wirst es nicht glauben, aber eine Gräfin hat mehr zu tun als uns zuzuhören. Ich denke zwar auch, dass sie nach meinem Bericht anders denken wird, aber das kann sie doch jetzt noch nicht wissen. Hast du schon mal eine ganze Grafschaft geleitet? Was denkst du wohl was da alles entschieden werden muss? Fass dich in Geduld!“

Es war offensichtlich, dass sich die Junkerin über die Ungeduld ihres Freundes ärgerte. Aus seiner Sicht war das zwar verständlich, doch hatte sie schon erwartet, dass er fähig wäre, sich in die Gräfin hineinzuversetzen. Offenbar fälschlicherweise.

Oberon runzelte die Stirn und sah Lyssandra kurz böse an. Er war sichtbar immer noch anderer Meinung. Er nickte Lyssandra zu und gab ihr damit wortlos zu verstehen, dass er ihre Haltung vielleicht nicht teilte, aber sie akzeptierte und ihr folgte.

„Verzeih mir…ich bin hier um dich zu unterstützen!“

Einen kurzen Augenblick war Lyssandra versucht Oberon zu sagen, dass er sich förmlich aufgedrängt hatte, dann aber besann sie sich. Sie war ja froh und dankbar in dieser schweren Zeit nicht alleine zu sein. Also erwiderte sie: „Das weiß ich doch und dafür bin ich dir unendlich dankbar!“

 

Tatsächlich dauerte es danach auch nicht mehr lange, bis die Urkentrutzer zum Gespräch gebeten wurden. Diesmal nicht in das kleine Arbeitszimmer, das Lyssandra bereits kannte, sondern in ein größeres, deutlich repräsentativeres. Griseldis empfing die Finsterbornerin mit einem freundlichen Lächeln, den von Uhlredder hingegen bloß mit einem prüfenden Blick. Offenbar konnte sie sich nicht ganz erklären, was dessen Anwesenheit sollte.

Sie hakte aber auch nicht nach, sondern grüßte die beiden bloß höflich im Namen Travia, Rondras und Ifirns. Dann ließ sie sich Oberons Namen wie Herkunft geben, hob überrascht die Brauen, als sie ersteren hörte.

Oberon sagte nicht viel. Eine der Etikette entsprechende Begrüßung, mehr kam nicht. Er stellte sich schräg links hinter Lyssandra und deutete mit einem leichten Nicken an, dass sie es sein würde, die das Wort führen würde. Danach wirkte er mehr wie ein breitbeinig dastehendes, Bauch rein, Brust raus-Monument der Unterstützung. Eine. die sich anhand von Rüstung, Schwertgurt mit Langschwert und Eberfänger, natürlich mit Friedensband gesichert, und Haltung als eine der eher rustikaleren Art darstellte. Den Abschluss bildeten dazu dann die vor der Brust verschränkten Arme bei denen die Hände so positioniert waren, dass sie den Bizeps anhoben und betonten.

Griseldis nahm dieses Verhalten mit abermals gehobenen Brauen zur Kenntnis. Lyssandra kannte die junge Gräfin nicht gut, hatte ja selbst erst einmal länger mit ihr gesprochen. Aber eins stand unzweifelhaft fest: So überraschend ihr Auftauchen beim letzten Treffen gewesen sein mochte und so unschön die Kunde, die sie brachte, nicht ein einziges Mal hatte die Miene der Pallingerin so verschlossen und abweisend gewirkt wie jetzt. Offenbar schätzte sie es nicht sonderlich, dass dass die Finsterbornerin einen Rittersmann mitgebracht hatte, der sich hinter ihr aufbaute, als würde im Haus der Gräfin irgendeine Gefahr drohen oder ihr gar jemand an die Flicken wollen.

Sie bedachte Lyssandra mit einem Blick, in dem sich Verwunderung und Enttäuschung die Waage hielten, ließ aber auch diese Begebenheit unkommentiert und kam lieber gleich zur Sache. Sie wusste natürlich bereits, dass Lyssandra wegen ihrer Ermittlungen an den Grafenhof zurückgekehrt war. Deshalb fackelte sie auch nicht lange, sondern bat gleich um einen Bericht.

„Die Zwölfe zum Gruße, Hochwohlgeboren. Ritter Oberon von Uhlredder begleitet mich zum einen als moralische Unterstützung, weil mich die Ereignisse der vergangenen Tage doch sehr mitgenommen haben, aber auch, weil ich froh bin, dass jemand bestätigen kann, was ich euch sogleich berichten werde. Die Ereignisse waren so unfassbar, so unbeschreiblich verwirrend, dass Ihr mir womöglich keinen Glauben schenken würdet.“

Mit diesen Worten versuchte Lyssandra zu erklären, warum sie nicht alleine zur Gräfin gekommen war.

"Wie käme ich denn dazu, den getreulichen Bericht einer Weidener Ritterin in Zweifel zu ziehen, Wohlgeboren?", lautete die knappe Erwiderung der Gräfin. Sie schüttelte sacht den Kopf und machte dann eine auffordernde Geste. "Legt los und bitte vertraut darauf, dass ich Euch Glauben schenken werde."

Lyssandra rang die Hände, verhakte die Finger ineinander und begann dann zu schildern, was sie in Urkenfurt erlebt hatte. Sie erzählte zunächst, was sie in Herzoglich Dornstein erfahren hatte und wie sie beschlossen hatte, auf dem Rückweg zu Griseldis, die Baronin Grimmwulf von Hartenau davon in Kenntnis zu setzten, dass ihr Sohn Ingrold nicht, wie vermutet, im Traviatempel in Dorngrund, war. Dann schilderte sie, wie eine der Mägde und schließlich auch die Burgwachen sie und ihren Vater ins Vertrauen zogen und, von den schicksalhaften Begebenheiten im Thornsaal berichteten, bei denen die Geweihte Mutter Marinad und dann auch das Baronspaar den Tod gefunden hatten. Dabei betonte Lyssandra, dass Ingrold wohl nur den Tod von Pirejus von Gortdingen selbst verursacht hatte, die anderen beiden Tode und letztlich auch der Tod des Baronets, Unfälle gewesen waren. Genauestens berichtete die Finsterbornerin von Ingrolds Gebaren als sie und ihr Vater die Toten bergen wollten und auch von dem spektakulären Fenstersturz, der dem letzten Nachkommen der Hartenaus ein Ende setzte.

„Und damit nicht genug, die Ereignisse und vielleicht auch der Stoß gegen den Kopf haben der angeschlagenen Gesundheit meines Vaters nicht gutgetan. Er starb in der Nacht nach dem selbstverschuldeten Unfalltod Ingrolds von Hartenaus.“

Nachdem die Finsterbornerin geendet hatte, herrschte einen Moment lang Schweigen im Raum. Schon während sie sprach, war klar erkennbar gewesen, wie sehr die Gräfin Anteil nahm, an dem was sie hörte. Und nun wirkte sie tatsächlich betroffen. An ein paar Stellen hatte sie vorsichtig nachgehakt, um besser zu verstehen, was Lyssandra erzählte. Dabei schien durch, wie unglückselig sie die Situation fand - traurig und bedrückend und nicht etwa als Anlass zur Rage.

"Es tut mir wirklich ausgesprochen leid, das alles zu hören", meinte sie schließlich. "Besonders das von Eurem Vater, der nun ja sozusagen in Erfüllung einer Aufgabe des Grafenhofs verstorben ist." Sie zögerte einen Moment und seufzte dann leise; "Seid Euch meiner aufrichtigen Anteilnahme gewiss. Gibt es irgendetwas, womit ich Euch in dieser Sache helfen kann? Oder ist bereits alles veranlasst?"

„Habt Dank für die Anteilnahme. Er war ein tapferer und mutiger Mann, der die Diplomatie hochhielt und nichts unversucht ließ Auseinandersetzungen friedlich zu lösen. So auch in diesem Fall. Ich bin sehr stolz auf ihn.“

Lyssandra atmete tief ein und aus. „Das Wichtigste ist bereits geschehen. Mutter Marinad, die gebürtige Urkenfurterin war, wurde auf dem Boronanger der Siedlung beigesetzt. Die Familie von Hartenau stammt ursprünglich aus der Heldentrutz, aber da es, wie Ritter Ludopoldt berichtete, keine lebenden Verwandten mehr gibt, hielten wir es für angebracht, die Toten, die bereits ein paar Tage im Thronsaal gelegen hatten, schnellstmöglich zu begraben. Auch dies geschah auf dem örtlichen Boronanger. Meinen Vater habe ich verbrennen lassen. Seine Urne werde ich auf dem Heimweg mit in die Schwarze Au nehmen, wo er ein angemessenes Begräbnis erfahren wird. Und Ritter Ludopoldt übernimmt zunächst stellvertretend die Leitung von Burg Urkenfurt bis Ihr, Hochwohlgeboren, über die zukünftige Belehnung der Baronie entschieden habt.“

Nach der Schilderung der Dinge, die schon erledigt waren, kam die Finsterbornerin dann aber doch noch auf eine Sache zu sprechen, die ihr am Herzen lag. „Da wäre allerdings noch eine Angelegenheit zu erledigen. Ich würde gerne einen lokalen Steinmetz beauftragen, ein Epitaph für die Baronsfamilie von Hartenau zu fertigen, das in der Burgkapelle oder an der Außenmauer Platz finden und an die tragischen Ereignisse erinnern soll. Wenn das Eure Zustimmung findet, würde ich mich auf dem Rückweg darum kümmern.“

 

Griseldis musterte die Finsterbornerin nachdenklich und – wie die zu erkennen meinte – mit neu erwachtem Interesse im Blick. Sie saß eine ganze Weile schweigend da und es war unmöglich, zu sagen, was hinter ihrer Stirn vorging. Schließlich aber nickte sie leicht und räusperte sich vernehmlich.

„Das ist ein hehres Anliegen, Euer Wohlgeboren, und es findet meine Zustimmung. Die Familie ganz in Vergessenheit geraten zu lassen, erschiene mir nicht recht. Und wenn Ihr ein Epitaph für angemessen haltet, bin ich gern bereit, Euch in diesem Ansinnen zu unterstützen. Ihr müsst dafür aber nicht nach einem Steinmetz suchen: Wie der Zufall es will, halten sich gerade gleich mehrere davon auf Burg Rotdorn auf. Ihr wisst ja, dass hier noch viel getan werden muss. Wir nehmen einfach einen von denen. Ich schicke ihn hinter Euch her, sobald ich ihn erübrigen kann.“

 

Nachdem das gesagt war, verfiel die Gräfin erneut in Schweigen, diesmal aber nur kurz. „Ihr werdet Euren wohlgeborenen Herrn Vater nun beerben, nicht wahr? Ihr seid seine älteste Tochter, soweit ich weiß? Viel mehr ist mir allerdings nicht bekannt, außer, dass die Familie Finsterborn eine lange Tradition hier in der Grafschaft Bärwalde hat. Könnt Ihr mit bitte ein paar Takte zu Eurer Familie und zu dem Gut sagen, das Ihr verwaltet?“

Lyssandra von Finsterborn nickte auf die Frage, ob sie die älteste Tochter Theofrieds sei und damit seinen Titel und das Lehen erben würde.
„So ist es, ich bin die älteste Tochter meines Vaters. Mein Bruder Horatio ist zwei Jahre jünger, Ysilda, das Nesthäkchen, ist zwölf Jahre jünger als ich. Somit erbe ich das Junkergut Schwarze Au und auch den Titel. Die Finsterborns sind tatsächlich schon seit der Zeit der Priesterkaiser in der Grafschaft Bärwalde und sogar in Urkentrutz verbrieft. Unser Stammsitz war ein Turm am Bingenbach, der den Urkenweg und die Straße in Richtung Urken bewachte. Er wurde mehrfach zerstört. Nach einer dieser Zerstörungen haben meine Vorfahren das Gut Schwarze Au gebaut und später einen neuen Turm auf den Ruinen des alten errichtet. Er wird von uns „der alte Theo“ genannt, weil die ältesten Söhne der Finsterborns üblicherweise Theofried heißen. Mein Zweitgeborener übrigens auch. Bei meinem Bruder hat sich wohl meine Mutter durchgesetzt, Horatio heißt allerdings Theofried mit zweitem Namen.“

Nach dem Ausflug in die Finsterborner Namenskunde erzählte Lyssandra vom Junkergut.
„Das Gut liegt direkt am Bingenbach, der auch den Teich speist, der das Gut auf einer Seite umgibt. Die andere Seite ist vom Hochufer des Bingenbachs geschützt. Mein Vater hat das Gut vor einigen Jahrzehnten mit einer einfachen Mauer mit Wehrgang und kleinen Wachtürmen umgeben. Innerhalb des Mauerrings befindet sich das Gutshaus, leicht erhöht auf einem künstlichen Hügel, ebenso wie „der alte Theo“, der sich auch auf einem künstlichen Hügel erhebt. Ich nehme an, dass sich darunter die Reste der Vorgängerbauten befinden. Das zum Junkergut gehörige Land ist geprägt vom Bingenbach. Da ist zum einen ein Auwald, mit der typischen Fauna und Flora, und im Hinterland des Baches fruchtbares Acker- und Weideland, sowie ausgedehnte Streuobstwiesen. Seinen Namen hat die Schwarze Au wohl zum einen von den dunklen Rohrkolben am Bingenbach und seinen Überschwemmungsbereichen, zum anderen von den Früchten der Vierblättrigen Einbeeren, die zuhauf dort wachsen. Zum Lehen gehören auch zwei Dörfer, nämlich das Dorf Schwarze Au und das Dorf Urken an der Straße nach Herzoglich Waldleuen. Ihr müsst uns unbedingt einmal besuchen kommen, Hochwohlgeboren, und unsere berühmte Einbeerenmarmelade probieren!“

„Einbeerenmarmelade, ja. Davon habe ich welche als Hochzeitsgeschenk aus Urkentrutz erhalten“, murmelte Griseldis. „Wenn ich das richtig verstehe, ist ... war Ihre Hochgeboren Grimmwulf eine eifrige Verfechterin der Ansicht, dass es in ganz Weiden keine bessere Marmelade gibt. Und sie hat gern Kostproben davon überall hin mitgenommen? Nun, ich muss gestehen, dass ich davon bisher nicht gekostet habe. Irgendwie ... hat sich ... noch keine Gelegenheit ergeben.“

Nachdem das gesagt war, schweifte der Blick der Gräfin ab. Die Erwähnung der Marmelade und Grimmwulfs schien sie gedanklich ein wenig aus der Bahn geworfen zu haben. Kurz starrte sie schweigend ins Leere und sah Lyssandra dann wieder an. „Wie ist es mit Euch, Wohlgeboren? Erzählt mir doch bitte etwas über Euren Werdegang. Ihr seid eine Weidener Ritterin, nicht wahr? Obwohl Eure Mutter aus dem Horasiat kam und sich womöglich etwas anderes für ihre Töchter vorgestellt hatte? Als Erbin des Gutes blieb Euch wahrscheinlich keine Wahl? Wo habt Ihr Eure Knappenschaft verbracht? Und wart Ihr mal im Alten Reich?“

Ein wenig überraschte es Lyssandra, dass die Gräfin so viel von ihr wissen wollte. Sie hatte eher erwartet, dass Griseldis mehr zu den Todesfällen auf Burg Urkenfurt wissen wollen würde. Aber vielleicht wollte sie ihr Gegenüber auch erst besser kennenlernen, um feststellen zu können, ob sie ihr trauen konnte, was die absurde Geschichte rund um das Ende der Hartenaus anging. Also antwortete die Finsterbornerin wahrheitsgemäß.

„Eine Wahl hatte ich zwar nicht, aber hätte ich auch nicht haben wollen. Ich bin in dem Selbstverständnis aufgewachsen, als Älteste das Gut zu übernehmen, und auch die Ausbildung zur Ritterin war ganz in meinem Sinne. Die Pagenzeit habe ich auf Gut Stegelsche der von Uhlredders verbracht.“

Sie sah sich nach Oberon um. „Ritter Oberons Onkel Otus hatte ein Auge auf meine Grundausbildung. Knappin war ich dann bei Ritter Accolon von Chircin, dem Gemahl Yolandas von Brachfelde. Es war eine hervorragende Schule, mein Schwertvater streng und gerecht, seine Gemahlin in vielem ein echtes Vorbild. Meine Schwertleite erhielt ich nach dem Ysilia-Feldzug. Danach nahm ich die Einladung der Familie meiner Mutter aus dem Lieblichen Feld an und verbrachte drei Jahre bei Garis und Alisa ya Papilio auf Gut Montalto. Mein Onkel war zu dem Zeitpunkt Inspectionsrat in der Verwaltung der Domäne Pertakis, er hat sich als Baumeister viel mit Befestigungsarchitektur befasst. Ich habe ihn auch öfter auf Auswärtstermine begleitet und Erfahrung in der Verwaltung gesammelt. Die Tante, Alisa ya Papilio, war zu der Zeit Iustitiarin, also oberste Richterin der Domäne Peratiks, so dass Rechts- und Staatskunde ein beliebtes Thema im Hause war.“

Die Finsterbornerin schien ihren Gedanken nachzuhängen. Dann fiel ihr noch ein, dass Griseldis vermutet hatte, dass ihre Mutter sich eine andere Zukunft für ihre Tochter vorgestellt haben könnte. Dem wollte sie noch wiedersprechen.
„Meine Mutter war glücklich in Weiden. Natürlich hat sie Wert auf Etikette und Bildung gelegt und doch sicher das ein oder andere ihrer Erziehung im Horasiat in die Erziehung ihrer Kinder einfließen lassen. Dennoch war es für sie selbstverständlich, dass ihre Kinder in Weiden ihre Heimat haben. Und ganz ehrlich, Hochwohlgeboren, das Leben in der horasischen Gesellschaft ist ganz schön anstrengend. Es gibt so viele Kleinigkeiten zu beachten. So viele kleine Fallen, in die man tappen kann…“

Lyssandra rollte mit den Augen. „Ein falsches Wort oder Bewegung, oder ein falscher Wink mit dem Fächer…naja, meine Tante hat extra einen „Tanzlehrer“ für mich engagiert, der mich gedrillt hat in all den ach so wichtigen Kleinigkeiten, die ein Horasier für essentiell erachtet und um mir einen Fauxpas zu ersparen, bei denen die Familie meiner Mutter vor Scham im Boden versunken wäre.“

Die Junkerin seufzte. „Kurz und gut, ich bin gern nach Weiden zurückgekehrt, wenngleich ich viel gelernt habe und es auch einige moderne Errungenschaften im Horasreich gibt, von denen wir Weidener durchaus profitieren könnten.“

"Ich schätze, in jeder Provinz gibt es Kleinigkeiten, über die man stolpern und zu Fall kommen kann, wenn man sich nicht auskennt", meinte Griseldis nachdenklich. "Ich kann mir gut vorstellen, dass es im Alten Reich komplizierter ist als hier bei uns, aber die Folgen sind vermutlich auch nicht viel schmerzhafter."

Sie überlegte kurz und hob dann die Schultern: "Klingt, als wärt Ihr weit herumgekommen und hättet dabei ganz verschiedene Erfahrungen gesammelt, Wohlgeboren. Gut für Euch und auch für das Lehen, dessen Verwaltung Ihr nun übernehmen werdet. Wie lange lebt Ihr denn schon wieder in Urkentrutz? Und was ist eigentlich mit Eurem Mann?"

Die Junkerin aus der Schwarzen Au begann sich zu entspannen und das Gespräch mit der Gräfin sogar zu genießen. Sie fand es ungewöhnlich, dass die Hochadelige so für ihr bescheidenes Leben interessierte. Sie hatte doch sicher wichtigere Dinge, mit denen sie sich beschäftigen musste.
„Ich bin 1026 nach Weiden zurückgekehrt. Die Herzoginmutter, wie ihr wisst selbst aus dem Horasreich stammend, lud mich ein, ihr von Neuigkeiten aus der alten Heimat zu erzählen. Ich genoss ein paar Monde lang ihre Gastfreundschaft und lernte dabei meinen Mann kennen. Er war einer der Baumeister im Dienste der Herzogin, zuständig für die Steinbeschaffung. Meine Erfahrungen mit der Baukunst des Horasreichs führten dazu, dass wir immer Gesprächsstoff hatten. Nun, ich will gar nicht zu ausführlich werden. Ich bat meinen Vater einem Bündnis mit einem Bürgerlichen zuzustimmen."

Sie machte eine Pause, wurde nachdenklich. Dann fuhr sie fort. „Ich denke er hat es nie bereut. Er schätzte Wonnebolts zupackende Art und profitierte auch von seinem Fachwissen, was die Befestigung des Gutshofes anging. Wonnebolt war ein wunderbarer Mann und liebevoller Vater."

An diesem Punkt des Berichts hob die Gräfin überrascht die Brauen und Lyssandra meinte fast, sie würde noch aufmerksamer zuhören als vorher schon. Ein leicht wehmütiger Ausdruck trat auf Griseldis' Züge, als sie die Geschichte über diese ungewöhnliche Hochzeit hörte. Irgendwie schien sie etwas in ihr anzurühren --- und zwar nicht auf negative, sondern durchaus positive Art.

"Leider ereilte ihn schon früh Borons Ruf", fuhr die Finsterbornerin unterdessen fort. " Er starb 1034, als er für die Herzogin einen Steinbruch in der Langen Klamm inspizierte. Der andauernde Regen muss den Hang unterspült haben, der in Bewegung kam und ihn und seinen Trupp Arbeiter begrub.“

Die Erinnerungen waren schmerzlich. Sie war damals mit Eylin, ihrer Jüngsten, schwanger gewesen. Die Nachricht, und wenig später der Anblick des übel zugerichteten Körpers, hatten ihr schwer zugesetzt. Letztlich hatte es sie und ihren Vater nur noch mehr zusammengeschweißt. Theofried hatte versucht, ihren Kindern den Vater zu ersetzen und hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen gehabt.
„Das Junkergut Schwarze Au ist mir immer ein sicherer Hafen gewesen und es bot auch unserer verjüngten Familie genug Platz. Mein Vater liebte es, seine Enkelkinder um sich zu haben. Meine jüngste Tochter Eylin lebt noch bei uns. Die beiden älteren sind ja bereits in der Knappenschaft.“

"Ein recht bewegtes Leben, will mir scheinen, aber auch ein erfülltes", meinte die Gräfin und wog gedankenverloren den Kopf. "Jetzt kommen auch noch diese verrückte Geschichte und der Verlust Eures Vaters dazu. Die gesamte Entwicklung ist ... wirklich sehr bedauerlich." Griseldis überlegte kurz, ehe sie schwer seufzte: "Und der Junge hat wirklich gerufen, dass Hochwürden ausharren soll, weil er im Begriff sei, Hilfe zu holen? Als er aus dem Fenster sprang?"

„Ganz ehrlich, Hochwohlgeboren, er wirkte in keinster Weise planvoll, eher verwirrt und nicht Herr seiner Sinne. So wie es schien, wollte er gerade den Tod der Geweihten Mutter Marinad gar nicht wahrhaben. Er behandelte sie, als sei sie lediglich verletzt, als könne sie jederzeit die Augen wieder aufschlagen. Die Geschehnisse dieser Tage müssen seinen Geist schwer verwirrt haben. Und irgendwie betrachtete er auch meinen Vater und mich wohl eher als eine Bedrohung, denn als Hilfe. Anders kann ich mir den Ausruf, dass er Hilfe holen wolle, bevor er aus dem Fenster sprang, wirklich  nicht erklären.“

Lyssandra sah die Gräfin nachdenklich an. „Wen er wohl um Hilfe bitten wollte? Ich wüsste gerne, von wem er sich Hilfe erwartet hätte. Insgesamt war die ganze Situation mehr als absurd. Ingrold sah uns ja auch gar nicht an. Als wir uns ganz vorsichtig ihm und den mutmaßlich Verletzten näherten, wirkte vollkommen teilnahmslos.“

Der Gesichtsausdruck und die gesamte Körperhaltung der Finsterbornerin schwankten zwischen Verzweiflung und Unverständnis.

„Glaubt mir, Gräfin, etwas Vergleichbares ist mir in meinem Leben noch nicht passiert.“

„Ich glaube Euch“, erwiderte die Gräfin seelenruhig und ihre Miene verriet, dass dem tatsächlich so war. Es verhielt sich genau, wie sie am Anfang des Gesprächs angekündigt hatte: Nicht ein Wort des Zweifels kam über ihre Lippen.  Sie nahm das, was die Finsterbornerin ihr erzählt hatte, für bare Münze – so schwer es für einen gesunden Verstand auch nachvollziehbar sein mochte. „Ich denke mal, das ist auch besser so, oder nicht? Wenn einem derlei öfter im Leben wiederfahren würde, geriete man am Ende noch ins Zweifeln. Es ist ja auch nicht leicht, so etwas zu verarbeiten und zu verkraften. Es passt einfach nicht in unsere Vorstellung von dem, was logisch und gut und ... irgendwie ‚richtig‘ ist.“

Wie zu erwarten gewesen war, war auch Griseldis schockiert und irritiert von dem Bericht über die Ereignisse auf Burg Urkenfurt.
„So ist es, Hochwohlgeboren. Es ist mit gesundem Menschenverstand kaum nachvollziehbar was den jungen Mann zu seinen Taten getrieben hat und ich nehme gar an, dass er sich derer noch nicht einmal vollständig bewusst war. Wenn man von einem Unrechtsbewusstsein überhaupt ausgehen kann. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass er ganz grundsätzlich nicht komplett zwischen Realität und Wahn unterscheiden konnte … vermutlich der Ursprung all der Gräueltaten …“

 

Nachdem das gesagt war, hielt Griseldis einen Moment nachdenklich inne. „Wenn ich mich recht entsinne, habt Ihr vorhin gesagt, dass Ritter Ludopoldt es übernehmen soll, Burg Urkentrutz zu führen, bis ich einen Verwalter und irgendwann auch einen neuen Baron bestellt habe. Wie kommt es denn dazu, Wohlgeboren?“, fragte sie dann. „Hat Ihre Hochgeboren Grimmwulf etwa keinen Kastellan gehabt, der diese Aufgabe fürs Erste übernehmen könnte? Oder ist das bislang auch die Aufgabe von Herrn Ludopold gewesen?“

Lyssandra pausierte nachdenklich.
„Die Burg ist bei Ritter Ludopoldt zumindest vorübergehend in guten Händen“, meinte sie dann. „Er hatte wohl gemeinhin ein wenig die Aufgabe eines Kastellans. Zudem gibt eine Hausdame, Traugunde Plötzenbühler, die der gute Geist des Baronshaushalts ist. Ritter Ludopoldt ist bereits seit  Jahrzehnten der Dienstritter der Baronin von Urkentrutz, war ihr in jeder Hinsicht loyal ergeben, so dass ich davon ausgehen konnte, dass er mit allen notwendigen Aufgaben wohlvertraut ist.“

„Das mag sein, Wohlgeboren, aber Ritter Ludopoldt ist nicht derjenige, der hierher zu mir kam, als sich abzeichnete, dass etwas in Urkentrutz nicht mit rechten Dingen zugeht“, erwiderte Griseldis, diesmal ganz ohne zu zögern. „Ich respektiere das auf der einen Seite, denn unbestreitbar gehören Loyalität und Gehorsam gegenüber der Dienstherrin zu den ritterlichen Tugenden. Andererseits sind Ritter aber auch zum Schutz der Schwachen verpflichtet, nicht wahr? Wer, wenn nicht wir, soll dafür sorgen, dass der hier in der Mittnacht gewährleistet ist? Mir will scheinen, damit wurde es am Urkentrutzer Baronshof zuletzt nicht mehr ganz so genau genommen. Dessen hat sich auch Ritter Ludopoldt schuldig gemacht, darüber kann und will ich nicht hinwegsehen.“

Die Gräfin bedachte ihr Gegenüber mit einem langen, prüfenden Blick, was schon ein wenig merkwürdig wirkte, da sie ja nun mal deutlich jünger war als Lyssandra. „Mir persönlich“, fügte sie schließlich an, „ist auch viel an einer gesunden Urteilskraft gelegen und daran, dass meine Vasallen aufrecht zu ihrer Meinung stehen. In anderen Grafschaften mag momentan in erster Linie Kadavergehorsam gefragt sein, aber in Bärwalde war dies unter Frau Walderia schon nicht so und unter mir wird sich daran nichts ändern. Nehmt daher meine ausdrückliche Anerkennung für Eure Haltung entgegen, Wohlgeboren, und auch den Dank dafür, dass Ihr der Grafschaft damit einen guten Dienst erwiesen habt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sich niemand dieser verflixten Sache angenommen hätte.“

Griseldis schüttelte den Kopf und schob das Kinn leicht vor. Eine Geste, die halb störrisch, halb herausfordern wirkte – als habe sie innerlich gerade eine Entscheidung gefällt und sich dafür gewappnet, sie im Zweifel auch gegen Widerstände durchzusetzen: „Ich werde einen Verwalter nach Urkentrutz entsenden, bis die Entscheidung über eine Nachfolge für Grimmwulf von Hartenau gefallen ist. Und ich will, dass Ihr an seiner Seite steht. Ihr kennt Euch in der Baronie gut genug aus, oder nicht? Das Schicksal der Menschen dort liegt Euch am Herzen, das habt Ihr ja nun zur Genüge bewiesen. Wenn Ihr denkt, es reicht nicht, greift gern auf Herrn Ludopoldt und Frau Traugunde zurück, die ja ebenfalls am Hof sind. Aber erste Ansprechpartnerin und Beraterin meines Verwalters werdet  Ihr sein!“

Die Analyse der Gräfin war klar und scharfsinnig. Lyssandra hatte dem nichts hinzuzufügen. Die Loyalität des Dienstritters stand außer Frage, aber wenn sie sich nicht um die Mordfälle gekümmert hätte, wären sie wohl nie aufgeklärt worden und vor allem wären vermutlich weitere dazu gekommen. Auch stimmte Lyssandra Griseldis zu, dass Walderia eine klare Haltung ihrer Vasallen geschätzt hatte. Sie freute sich, dass sich dies unter der neuen Griseldis nicht ändern würde. Dankbar für das Lob senkte sie demütig das Haupt.

„Habt Dank für die wohlmeinenden Worte, Hochwohlgeboren. Ich bin erfreut, dass meine Handlungen Eure Zustimmung gefunden haben. Das Wohlergehen der Baronie Urkentrutz und ihrer Bewohner ist selbstverständlich schon aus Eigennutz eines meiner Anliegen. Und ich beuge mich Eurem Wunsch, Euren Verwalter nach besten Kräften zu unterstützten. Allerdings wäre ich dankbar, Die Junkerin dachte kurz nach. „Ich denke ein Mond wäre wohl besser. Aber ich werde versuchen, den Aufenthalt auf Gut Schwarze Au so kurz wie möglich zu halten und sobald alles geregelt ist, nach Urkenfurt zurückzukehren, um dem von Euch eingesetzten Vogt nach Kräften zu unterstützen.“

wenn ich beizeiten der Bestattung meines geliebten Vaters im Kreise der Familie beiwohnen dürfte. Darf ich für diese Zeit, den von Euch eingesetzten Verwalter auf Burg Urkenfurt alleine lassen?“

„Selbstverständlich“, erwiderte die Gräfin ohne zu zögern. „Eure Familie ist jetzt erst einmal das Wichtigste und Ihr sollt natürlich auch Zeit bekommen, die Dinge auf Eurem Gut zu ordnen, bevor Ihr meinen Vogt dabei unterstützt, das Chaos in Urkentrutz zu beseitigen. Was denkt Ihr, wie viel Zeit Ihr dafür braucht? Zwei Wochen? Oder ... vielleicht besser einen Mond?“

Lyssandra wurde etwas verlegen. „Nun ja, und dann ist da noch die Sache mit Ritter Ludopoldt. Könntet Ihr den Verwalter damit beauftragen, ihm zu erklären, warum ich ihm als Ansprechpartnerin und Beraterin des Verwalters vorgezogen werde? Ich fürchte, unser Verhältnis hat unter den Mordermittlungen ein wenig gelitten. Er hat mir schließlich indirekt mangelnde Loyalität der Baronin gegenüber vorgeworfen und seine Loyalität über die Ermittlung der Wahrheit gestellt. Wobei ich nicht sicher bin, ob er die unangenehme Wahrheit nur ausgeblendet oder sie mutwillig verschwiegen oder zurechtgebogen hat. Das möchte ich nicht beschwören müssen.“

„Gut. Ich kann Eure diesbezüglichen Bedenken nachvollziehen, Wohlgeboren. In einer derart angespannten Lage würde wohl niemand der Überbringer der ... nun ja, schlechten Kunde sein wollen. Abgesehen davon soll es nicht Eure Aufgabe sein, meine Entscheidungen zu erklären“, ein feines Lächeln schlich sich auf die Lippen der Pallingerin, während sie dem Schreiber bedeutete, diesen Punkt zu notieren. „Das stellt kein Problem dar. Ich instruiere den Vogt entweder, oder ich gebe ihm ein Schreiben mit, das Herrn Ludopold meine Beweggründe darlegt. Ich hoffe, dass es danach nicht zu Feindseligkeiten kommt, sondern er mit Euch an einem Strang zieht – und erwarte das auch. Etwas Anderes würde ich ihm als Ungehorsam mir gegenüber auslegen.“

Die Finsterbonerin bedankte sich: „Habt Dank für Euer Verständnis. Ich bin selbst gespannt, wie es sich mit der Loyalität von Ritter Ludopold verhält, wenn meine Wenigkeit ihm faktisch vorgesetzt wird. Aber an mir soll es nicht liegen. Ich achte und schätze seine Loyalität und erwarte, dass er sie auch mir gegenüber an den Tag legen wird. Wisst Ihr schon, wen Ihr als Vogt einsetzten werdet?“

Im nächsten Moment bereute Sie ihre Neugierde und errötete leicht. „Verzeiht die Neugierde, Gräfin, das geziemt sich wohl nicht. Es ist nicht an mir eine solche Frage zu stellen.“
Sie ließ den Kopf demütig sinken.

„Das ist schon in Ordnung“, Griseldis schien sich an der Frage nicht zu stören. Sie sah Lyssandra einen Moment nachdenklich an und hob dann die Schultern: „Allerdings bin ich im Moment noch ratlos. Bis eben war mir ja gar nicht bewusst, dass ich jemanden brauche, der diese Aufgabe übernimmt. Ich werde nun jedoch unverzüglich mit meinen Überlegungen in der Sache beginnen, denn sie scheint mir sehr dringend. Dringender jedenfalls, als einige andere Dinge, mit denen wir uns hier aktuell befassen müssen.“ Aus ihrer Stimme war bei diesen Worten leichter Unmut herauszuhören, ihre Miene aber blieb gelassen.

„Wie sieht es aus, Wohlgeboren? Gibt es noch irgendetwas, womit ich Euch helfen kann?“, fragte sie schließlich. „Habt Ihr irgendwelche Fragen? Oder ist so weit alles klar?“

Lyssandra von Finsterborn konnte verstehen, dass sich die Gräfin gut überlegen wollte, wen sie mit der Sache betraute.
„Nun, wen auch immer Ihr für diese Aufgabe aussuchen werdet, ich werde ihm oder ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen. Nur eine Frage zum Ablauf habe ich noch. Wollt Ihr die Entscheidung innerhalb der kommenden Tage treffen oder wollt Ihr Euch noch etwas Zeit lassen? Dann würde ich darum bitten, bis zu Eurer Entscheidung in die Schwarze Au abreisen zu dürfen, um meinen Vater zu bestatten.“

„Ich werde das in den kommenden Tagen entscheiden, Euer Wohlgeboren. Ich denke, in dieser Sache ist kein weiterer Aufschub ratsam“, meinte Griseldis. „Das soll Euch allerdings nicht davon abhalten, nach Hause zu reiten und Euch um Eure Angelegenheiten zu kümmern. Das sind – wie schon gesagt – erst mal die vordringlichsten. Ich entsende meinen Vogt direkt nach Urkentrutz und Ihr stoßt dann einfach dazu, wenn in der Schwarzen Au alles so weit geregelt ist, schlage ich vor.“

Sie wartete, bis Lyssandra bestätigend zu diesen Worten genickt hatte, und schenkte ihr anschließend ein verbindliches Lächeln: „Dann ist zwischen uns beiden alles geklärt, würde ich meinen? Und wir können Abschied vorerst Abschied voneinander nehmen?“

„Habt Dank für Euer Verständnis, Hochwohlgeboren!“, erwiderte die Finsterbornerin. „Dann werde ich sogleich abreisen, um die Urne meines Vaters zur letzten Ruhe zu bitten. Anschließend treffe ich dann in Urkenfurt auf Euren Vogt und will sehen, wie ich ihn unterstützen kann.“

Sie knickste, wie sie es im Horasreich in unendlich erscheinenden Übungsstunden geübt hatte. „Mögen die Zwölfe Euch segnen!“

Gemeinsam mit Oberon von Uhlredder, der sich ebenfalls von der Griseldis verabschiedet hatte, verließ sie die Gräfin von Bärwalde.