Entscheidungen
Urkentrutz, Junkergut Schwarze Au, 17. Boron 1043

Der Schnee war wieder in Regen übergegangen. Ein auffrischender Augrimmer trieb tiefliegende Regenwolken über die Aulandschaft am Bingenbach. Missmutig ließ Dardanella den Kopf hängen. Das Himmelswasser troff von der strähnigen Mähne der Warunkerstute zu Boden und vermengte sich dort mit den schlammig-braunen Pfützen aus Schmelz- und Regenwasser. Lyssandras musste die tropfnasse Kapuze immer wieder neu über den Kopf ziehen. Der Augrimmer spielte sein Windspiel mit ihr, foppte sie und lachte sich vermutlich einen Ast, wenn sie wieder zu spät versuchte, seinen Angriff zu parieren und er sie im Zweikampf besiegte.

Als sie zur nachmittäglichen Boronstunde, bei Einsetzten der Dunkelheit das Junkergut erreichten, waren Reiterin und Pferd vollkommen durchnässt.
Leubrecht, der Waffenknecht, kam über den Hof gelaufen. Im Zickzack-Kurs wie ein Hase versuchte er die tiefsten Pfützen zu umgehen.
„Wohlgeboren! Wie schön, dass Ihr wieder da seid. Euer Vater hat schon gehofft, heute oder spätestens morgen mit Euch essen zu können. Er ist sehr gespannt auf die Neuigkeiten.“

Lyssandra lächelte. „Ja, es passiert ja sonst nicht so viel hier in der Schwarzen Au. Da ist er natürlich um jede Abwechslung froh. Ich werde erstmal was Trockenes anziehen.“

Sie versuchte gar nicht erst, den Pfützen auszuweichen. Das Wasser quatschte in den Stiefeln bei jedem Schritt. Es fühlte sich an als steige sie bei jedem Auftreffen der Sohle in eine Pfütze. Am Fuß der Treppe zum Gutshaus kam ihr Anci entgegen. Sie half dabei die Stiefel auszuziehen und kümmerte sich darum, dass die nassen Sachen getrocknet wurden. 

 

Etwa ein Wassermaß später erschien Lyssandra im Rittersaal. Ihr Vater saß, wie eigentlich immer, am offenen Kamin. Eine karierte Decke um die Beine geschlagen, den Humpen in der Hand, starrte er in die tanzenden Flammen und schien zu meditieren. Zu seinen Füßen, in sicherer Entfernung zum Feuer lag Rapunzel, die alternde Jagdhündin. Inzwischen war die alte Dame so taub, dass sie die Ritterin nicht bemerkte als sie den Rittersaal betrat. Erst als sie bis auf fünf Schritte an das Paar am Kaminfeuer herangekommen war, spitzte die Onjarop-Bracke plötzlich die Ohren und mühte sich auf die Beine zu kommen. Die Reaktion des Hundes ließ auch den Hausherren den nahenden Besuch zu bemerken.
„Oh, Lyssandra! Leubrecht hat gesagt, dass du ganz durchnässt warst. Ein furchtbares Wetter, was? Und das im Boron. Komm, setz dich zu uns.“

Die Ritterin drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und nahm auf dem zweiten Lehnstuhl Platz, der ebenfalls aufs Kaminfeuer ausgerichtet stand. Anci erschien und fragte, was Lyssandra trinken wollte. Sie entschied sich für einen warmen Met.

Kaum war die alte Magd verschwunden, richtete sich Theofried auf. „Und?“, fragte er neugierig. „Lass mich raten! Der Baronet ist nicht im Traviatempel in Dorngrund, oder?“

Seine Ältesten nickte bestätigend. „Genau! Weder er noch die Tempelhüterin Mutter Marinad.“

„Ha! Das ist es, jetzt hast du ihn! Nun gibt es keinen Zweifel mehr oder zumindest muss Grimmwulf jetzt eine sehr gute Erklärung dafür präsentieren!“

Ein Kopfschütteln begleitete seine Feststellung. „Wer hätte das gedacht… unfassbar eigentlich, oder? Der Sohn der Baronin ist ein Mädchenmörder!“

„Alles deutet darauf hin, Vater. Aber komisch ist es schon. Viele sagen, dass er sehr zurückhaltend ist und eher introvertiert. Außerdem mögen ihn die meisten und kaum einer traut ihm so eine Tat zu. Geschweige denn gleich vier Morde. Was, wenn wir uns da in was verrannt haben, Vater? Je deutlicher die Indizien sind, desto unsicherer werde ich. Kann das wirklich sein?“

Lyssandras griff dankbar den Becher mit heißem Met aus Ancis Händen. Dann sah sie ihren Vater erwartungsvoll an.
Theofried von Finsterborn sah eine Weile lang in die Flammen des Kaminfeuers. Ganz so als sei die Antwort auf diese schwierige Frage darin verborgen. Dabei drehte er unaufhörlich seinen Humpen.

„Ach, Kleines“, begann er schließlich und sah seine älteste, ganze 42 Winter alte Tochter nachdenklich an, „stille Wasser gründen manchmal tief! Er wäre nicht der erste Mörder, der für seine Freundlichkeit im Familien- und Freundeskreis bekannt ist. Aber vielleicht ist er sich seiner Taten auch gar nicht bewusst? Es gibt Menschen, die im Wahn töten. Ich habe schon von Leuten gehört, die auf bestimmte Substanzen wie Alkohol oder Pflanzentränke mit Tobsucht und Wahnsinn reagieren. Wenn der Körper die Substanz dann ausgeschieden hat, werden sie wieder lammfromm.“

Sie nickte langsam. „Sicher, so war könnte schon sein. Es wird nichts Anderes bleiben als Grimmwulf noch einmal damit zu konfrontieren. Mit den Befugnissen, die mir die Gräfin übertragen hat, wird man mich vorlassen müssen.“

„Auf jeden Fall! Ich würde dich gerne begleiten.“ Der 82 Winter zählende Junker schien sich sicher zu sein. Ganz im Gegensatz zu seiner Tochter. Lyssandra sah ihn zweifelnd an.

„Ich will dir nicht zu nahetreten, Vater, aber das ist kein Familienbesuch. Es könnte anstrengender sein, also du es dir jetzt vorstellst. Und ich möchte keine Zeit verlieren. Die Gräfin erwartet informiert zu werden. Folglich möchte ich auf dem kürzesten und schnellsten Weg nach Pallingen. Du kannst nicht mehr reiten, müsstest also den Wagen nehmen. Und das bei dem Wetter und den schlechten Straßenverhältnissen. Ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist.“

Unwirsch winkte der Junker ab. „Ach was. Ein Tag mehr oder weniger.... das spielt doch jetzt keine Rolle mehr. Ich kenne Grimmwulf seit sie ein Kleinkind war. Vielleicht ist sie mir gegenüber zugänglicher? Und ich möchte dich einfach unterstützen. Es könnte unangenehm werden. Da kann meine Hilfe nicht schaden.“

„Natürlich würde ich dich gerne an meiner Seite haben bei so einem schwierigen Gespräch. Nun gut. Aber wir müssten gleich morgen aufbrechen. Siehst du dich dazu in der Lage?“

„Aber sicher!“ Theofried rief Anci und wies sie an, sogleich Leubrecht und Kunibert Bescheid zu geben, dass er am kommenden Morgen den Reisewagen benötigte.

Während des Abendessens besprachen sie, wie sie Grimmwulf die Erkenntnisse schonend unterbreiten konnten. Es war wahrlich eine heikle Aufgabe.