Was tun? Spricht Praios.
Baronie Urkentrutz, Junkergut Schwarze Au, Anfang Boron 1043

Der Ruf eines Habichts scholl durch den Nebel, der dicht über dem Bingenbach hing. Der Greifvogel hasste es, gestört zu werden, und so warnte er lautstark die Reiterin, die ihr Ross in der Nähe seines Horstes die Straße entlangtrotten ließ.

Lyssandra hob den Kopf und suchte nach dem Vogel. In ihrer Pagenzeit bei Otus von Uhlredder hatte die Ritterin so einiges über Greifvögel gelernt. Habichtnester waren groß und voluminös. Die Horste fand man ausschließlich auf großen, dominanten Bäumen. Der Habicht bevorzugte dafür kleine Schneisen oder eben Wege. Also passte der Platz am Bingenbach perfekt, wo sich ein alter, dichter Auwald ausbreitete und der Urkenweg die Schneise bot. Erst als der Vogel aufflog und dicht über ihr drohend einen Scheinangriff flog wusste sie, dass er sich offenbar bei der Balz gestört fühlte. Spätestens jetzt war der Habicht an der weißen und dunkelbraunen Gefiedermaserung der Unterseite seines Körpers und seiner Schwingen deutlich zu erkennen.

Dardanella hob kurz den Kopf um alsbald wieder in ihren monotonen Trott zu verfallen und auch Lyssandra kehrte schon wenig später in ihre grüblerische Stimmung zurück. Sie versuchte, Ordnung in die Informationen zu bringen, die sie in Urken gesammelt hatte.

Nachdem sie sich am Vormittag von Ludopoldt verabschiedet hatte, war sie noch einmal in den Urkener Traviatempel „Haus der Vereinenden“ zurückgekehrt. Dort hatte sie alleine mit Travistan und dieses Mal auch mit Mädelieb gesprochen. Beide erzählten freimütig, dass Traviahilf, wie das Hohe Paar den Jungen nannte, ab und an für einige Tage manchmal Wochen geholfen hatte. Mutter Marinad, seit etwa vier Jahren Hohe Mutter des Traviatempels in Dorngrund in der Baronie Herzoglich Dornstein, habe schon ein paar Mal den kräftigen jungen Mann zum Helfen geschickt, wenn die Körperkräfte der alternden Tempelhüter in Urken nicht ausreichten. Wenn renoviert werden musste oder der Astschnitt an den tempeleigenen Obstbäumen anstand. Sie mochten den stillen, jungen Mann, der kaum einen Satz sprach und lieber alleine mit irgendeiner Arbeit beschäftigt war, als die oft schwatzhaften Pilger zu speisen.

Dass er mit den Mädchenmorden etwas zu tun haben sollte, konnten sie sich zwar nicht vorstellen. Mädelieb erinnerte sich dann aber, dass Mutter Marinad gemeinsam mit Traviahilf im Peraine 1039 BF bei ihnen Quartier genommen hatten. Die Traviageweihte hatte damals den Ruf erhalten, im Tempel in Dorngrund Hohe Mutter zu werden. Sie reiste erstmals dorthin, um noch ein paar Dinge zu regeln, bevor sie Anfang 1040 ihren Abschied vom Tempel in Urkenfurt nahm. Schon damals im Peraine hatte sie den Jungen bei sich, damit er auf andere Gedanken kam und um zu prüfen, ob sich der Tempel in Dorngrund für ihn eignete. Der Mord an der Schäferin Assunta wurde an dem Tag entdeckt, als beide weiterreisten. Niemand hatte damals daran gedacht, den Baronet mit dem Mord in Verbindung zu bringen.

 

***

 

Die gesammelten Erkenntnisse erzählte die Erbjunkerin wenig später auch ihrem Vater, als sie sich bei einem Becher heißen Met aufwärmte. Theofried von Finsterborn schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Alles deutet darauf hin, dass der Baronet eine Rolle in dieser Sache spielt. Offiziell ist er aber noch immer in Dorngrund in der Obhut von Mutter Marinad. Lyssandra, es bleibt nichts. Ich schicke dich nur ungern wieder hinaus in die Kälte und Tristesse des Boron, aber wir müssen noch einmal mit Grimmwulf sprechen. Du musst sie erneut mit dem Verdacht konfrontieren und ihr alle Indizien nennen, die für Ingrold sprechen. Vielleicht kann sie dann einen Boten zu Mutter Marinad nach Dorngrund schicken, um herauszufinden, ob sich der Junge noch in ihrer Obhut befindet.“

Lyssandra nickte. Einerseits war sei ein wenig müde von den wochenlangen Ritten durch Urkentrutz und Gräflich Pallingen, doch ihr Vater hatte recht. Sie selbst würde nicht mehr ruhig schlafen können, wenn sie nicht alles dafür getan hätte, den Mörder zu stellen. Und deshalb musste sie für Gewissheit sorgen.

„Ich werde gleich morgen aufbrechen!“

Den Abend aber genoss sie sichtlich. Sie spielte mit dem Vater und ihrer Tochter Eylin eine Reihe lustiger Spiele und ließ sich von Rosalind einen wunderbaren Eintopf kochen.

 

***

 

Burg Urkenfurt, Urkentrutz, 5. Boron 1043

Fassungslos sah Lyssandra den Dienstritter der Baronin von Urkentrutz an. Ludopoldt von Geißenbarts Gesicht blieb hart und unnachgiebig:

„Es bleibt dabei. Die Baronin wird dich nicht empfangen! Grimmwulf wünscht nicht noch einmal von dir in dieser Sache belästigt zu werden. Sie will sich nicht noch einmal über deine haltlosen Vorwürfe aufregen müssen. Und auch ihr Gemahl, Pirejus von Gortdingen, hat unmissverständlich klargemacht, dass er dich nicht mehr auf Burg Urkenfurt sehen möchte. Bitte verlasst diesen Grund auf dem schnellsten Wege.“

Die Ritterin aus der Schwarzen Au atmete dreimal tief durch. „Das wird Folgen haben, Ludopoldt, für Grimmwurlf und Pirejus, aber womöglich auch für dich. Denn jetzt bleibt mir nichts Anderes, als die Gräfin einzuschalten.“

Der Dienstritter der Baronin von Urkentrutz drehte sich wortlos auf den Hacken um und ging.

Lyssandra nahm ihre Stute beim Zügel, führte sie über die Zugbrücke und schwang sich in den Sattel. Im Gasthof „Brückenwirt“ traf sie einen Händler, der am kommenden Tag in Richtung Schwarze Au aufbrechen wollte. Ihm gab sie einen kurzen Brief an den Vater mit, der ihn vom Stand der Dinge unterrichtete und ebenso mitteilte, dass sie weiterreiten würde zur Gräfin von Bärwalde, Griseldis von Pallingen.

 

Burg Rotdorn, Gräflich Pallingen, 8. Boron 1043

Mit Beharrlichkeit hatte Lyssandra eine Audienz bei der Gräfin ergattert. Zunächst war ihr vom Hofstaat erklärt worden, dass Ihre Hochwohlgeboren so kurz nach der Amtseinführung alle Hände voll zu tun und keine Zeit für unangekündigte Gäste hatte. Doch Lyssandra hatte sich nicht abwimmeln lassen – wieder und wieder betont, dass es sich um eine sehr wichtige Angelegenheit handelte und schließlich das Wort „Mädchenmorde“ fallen lassen. Offenbar wusste da jeder sofort, worum es ging. Nicht zuletzt wegen des Fantholi hatte sich die Kunde von den schlimmen Vorgängen in Urkentrutz über die Grenzen der Baronie Urkentrutz hinaus verbreitet.

So kam es, dass sie am Morgen nach ihrer Ankunft zu grauslich früher Stunde bereits in einer Schreibstube saß und darauf wartete, dass Griseldis von Pallingen ihr ein paar Momente ihrer kostbaren Zeit schenken würde. Lyssandra wusste nicht, warum sie hier saß, statt in den Thronsaal geladen worden zu sein. Vielleicht, weil man ihr klarmachen wollte, dass es sich um eine Notlösung und keinesfalls um eine offizielle Audienz mit allen verbundenen Ehren handelte? Oder, weil vor anderen Personen mit ebenfalls wichtigen Anliegen verheimlicht werden sollte, dass kurzerhand noch jemand dazwischen gequetscht worden war?

Gleich wie: Sie war froh, ihre Chance zu bekommen und würde alles daran setzen, ihren Punkt zu machen. Sie brauchte Hilfe von der Gräfin, denn allein würde sie mit ihren Ermittlungen nicht weiterkommen. Nicht gegen den Willen ihrer Baronin und schon gar nicht, da ihre Nachforschungen sie früher oder später über die Grenzen von Urkentrutz hinaus führen würden.

Als sie ein Geräusch an der Tür vernahm, erhob sich die Finsterbornerin rasch – und damit gerade rechtzeitig, um sich umzudrehen und zu sehen, wir Griseldis in das Kämmerchen eintrat. Sie war nicht allein, sondern in Begleitung eines Bediensteten, der eine Kladde und einen Kohlestift mit sich führte. Wohl um Notizen zu machen, falls dies erforderlich sein sollte. Lyssandra verneigte sich ehrerbietig, als die Gräfin an ihr vorbei zog und sich hinter den wuchtigen Tisch begab, der fortan wie eine Barriere zwischen ihr und der Urkentrutzerin stehen würde.

Lyssandra spürte, dass der prüfende Blick der Gräfin auf ihr lang. Ein ganzes Weilchen. Als einen vorsichtigen Blick nach schräg oben wagte, erspähte sie die gerunzelte Stirn der Pallingerin, die gerade damit beschäftigt schien, ihr Gesicht irgendwie einzuordnen. Sie fragte sich wohl, ob sie sie schon einmal gesehen, womöglich bereits mit ihr gesprochen hatte.

Die Ritterin aus der Schwarzen Au hielt dem investigativen Blick stand und hoffte, dass sich die Gräfin daran erinnern würde, dass Lyssandra mit ihrem Vater und ihrer jüngsten Tochter Eylin Gast auf ihrer Hochzeit und Inthronisierung gewesen war.

„Erhebt Euch!“, meinte die Gräfin schließlich und lächelte Lyssandra freundlich an, als sie der Aufforderung nachkam. „Willkommen im Namen Travias, Rondras und der milden Ifirn, Euer Wohlgeboren. Ich habe gehört, dass Ihr mit einem wichtigen Anliegen zu mir gekommen seid. Da ich wenig Zeit habe, müssen wir leider auf höfliche Floskeln verzichten und unser Gespräch so kurz wie möglich halten. Also sagt mir bitte: Womit kann ich Euch helfen?“

Griseldis setzte sich nicht einmal, sondern blieb hinter dem Schreibtisch stehen, während der Schreiber zu ihrer Linken den Stift zückte und Lyssandra ebenso erwartungsvoll anblickte wie seine Herrin es tat.

„Habt Dank, Euer Hochwohlgeboren, für diese Audienz, obwohl ich keine Zeit hatte, meinen Besuch voranzukündigen. Ich muss Euch in einer sehr wichtigen und etwas heiklen Sache sprechen.“

 

Lyssandra setzte die Gräfin über den jüngsten Mord in der Schwarzen Au und den Stand der Ermittlungen in Kenntnis. Dabei ließ sie auch nicht aus, dass es Indizien gab, die sie den Baronet Ingrold von Hartenau verdächtigen ließen. Sie erwähnte ausführlich die Beschreibungen, die so gut auf den Spross der Baronin passten. Zuletzt kam sie darauf zu sprechen, wie kläglich ihr letzter Versuch gescheitert war, zu Grimmwulf vorzudringen, um sie persönlich darum zu bitten, den Verbleib ihres Sohns unzweifelhaft aufzuklären.

„Eines steht fest, der Verdacht lässt sich nur aus der Welt schaffen, wenn nachgewiesen werden kann, dass Ingrold, den man auch Traviahilf nennt, tatsächlich im Traviatempel von Dorngrund ist. Jetzt wollte ich Euch, Hochwohlgeboren, darum ersuchen, einen Boten nach Herzoglich Dornstein zu entsenden, der diesen Sachverhalt klärt. Kaum eine Mutter macht in Urkentrutz noch ein Auge zu, solange nicht geklärt ist, wer für diese schreckliche Mordserie verantwortlich ist. Mich eingeschlossen, denn auch ich habe zwei Töchter.“

Griseldis hatte Lyssandras Ausführungen aufmerksam und mit ernster Miene gelauscht. Ein paarmal konnte sie die Überraschung über das, was sie hörte, nicht verbergen – sie war eben sehr jung, noch frisch im Amt und Welten von der Abgeklärtheit einer Walderia von Löwenhaupt entfernt. Nachdem der Bericht beendet war, ließ sich Griseldis mit einem leisen Seufzen auf ihren Stuhl sinken und bedeutete der Finsterbornerin, sich ebenfalls zu setzen. Während die Feder des Schreibers über das Pergament kratzte, weil er noch immer damit beschäftigt war, zusammenzufassen, was ihm soeben zu Ohren gekommen war, musterte sie ihr Gegenüber nachdenklich.

„Das ist nun wahrlich heikel ...“, murmelte die Gräfin nach einer Weile, lehnte sich im Stuhl zurück und faltete die Hände, als würde ihr das beim Denken helfen. Denn dass sie dachte, angestrengt nachdachte, war nur allzu deutlich erkennbar. „Frau Walderia hatte immer nur Gutes über Ihre Hochgeboren von Hartenau zu sagen“, meinte sie schließlich. „Sie hat sie mir als aufrechte, tüchtige und loyale Gefolgsfrau ohne falsche Eitelkeiten beschrieben, auf die man sich blind verlassen kann. Es fällt mir daher schwer zu glauben, dass sie nicht nach bestem Wissen und Gewissen ermitteln und den Mann stellen würde, der die Mädchen getötet hat. Dennoch ist es ... wohl etwas anderes, wenn es die Familie betrifft, nicht wahr? Welcher Mutter würde es schon leicht fallen, in Betracht zu ziehen, dass der eigene Sohn solche Grausamkeiten begehen könnte?“

Einen Moment sah sie Lyssandra schweigend an – die Stirn noch immer gerunzelt, den Mund zu einem schiefen Strich verzogen. „Ich habt sie gesehen und mit Ihr gesprochen, das ist ein klarer Vorteil mir gegenüber, Wohlgeboren. Also schildert mir doch bitte: Was für einen Eindruck hattet Ihr? Kam es Euch vor, als wüsste sie, wie sich die Dinge verhalten und würde versuchen, sie nicht ans Tageslicht kommen zu lassen? Oder ... gibt es vielleicht einen anderen Grund dafür, dass sie nicht mehr mit Euch sprechen wollte, als Ihr es mit den neuen Erkenntnissen noch einmal versuchen wollte? Was denkt Ihr?“

Lyssandra dachte nach. Sie ging in sich und versuchte so gut wie möglich zu schildern, wie Grimmwulf ihr vorgekommen war.

„Ich gebe Euch vollkommen Recht, Hochwohlgeboren. Grimmwulf von Hartenau ist mit Sicherheit eine loyale Gefolgsfrau ohne falsche Eitelkeiten. Gewiss ist sie dem Grafenthron treu ergeben. Und auch sonst hört man weit und breit keine Klagen über die Führung der Baronie. Doch natürlich ist eine Mutter in der Betrachtung etwaiger negativer Eigenschaften ihrer Kinder selten objektiv, wie Ihr bereits vermutetet. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass die Baronin ins Zweifeln geriet, als sie die Beschreibung des mutmaßlichen Täters vernahm. Sie schien allein der Gedanke zu beruhigen, dass sie den Baronet in sicherer Obhut wusste. Dieser Umstand brachte ihr die Ruhe und Zuversicht zurück, dass Ingrold unschuldig sein musste.“

Die Ritterin zögerte ein wenig, ging noch einmal in sich, rekapitulierte die Gesprächssituation.
„Nun, ich habe ja auch einige Zeit mit Ritter Ludopoldt von Geißenbart verbracht. Er steht absolut loyal zu seiner Dienstherrin und ihrer Familie. Im Laufe der Zeit, die wir gemeinsam bei den Ermittlungen verbrachten, beschlich mich jedoch das Gefühl, dass er die Befragungen in eine Richtung lenkte, die ihm zupasskam, die gesammelten Erkenntnisse schönte und in die für seine Dienstherrin passende und erträgliche Fassung brachte. Ich weiß nicht, wie viele der – und das ist selbstverständlich auch subjektiv und aus meiner Warte betrachtet – erdrückenden Indizien den Weg in die Kemenate der Baronin fanden.“

Sie hielt noch einmal inne und berichtete dann auch, was ihr die Magd Wigdis unter vier Augen verraten hatte.  „Mit Verlaub, Euer Hochwohlgeboren, von einer Magd der Baronin habe ich mir sagen lassen, dass der Baroninengemahl, Pirejus von Gortdingen, seine Frau nur mit gefilterten Nachrichten versorgt. Es würde mich also nicht wundern, wenn Grimmwulf arglos ist und somit selbstverständlich nach wie vor von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt ist. Insofern ist es durchaus möglich, dass gar nicht sie selbst mich abgewiesen hat, sondern Ritter Ludopoldt in Rücksprache mit dem Baronsgemahl entschied, mich ungehört fortzuschicken.“

„Hmhum“, machte Griseldis leise und kratzte sich am Kinn. „Also schön ... auch mir fällt es schwer, zu glauben, dass der Sohn und Erbe einer meiner Baroninnen für diese Schandtaten verantwortlich sein soll. Und vielleicht ist es ja gar nicht so. Es sprechen immer noch ein paar Dinge dagegen, wiewohl … ich mich der Tatsache nicht verschließen kann, dass ihr schon sehr gründlich nachgeforscht habt und leider fast alles in eine sehr, sehr unglückliche Richtung deutet.“

Die Gräfin hielt kurz inne und versank in Gedanken. Schließlich straffte sie ihre Haltung wieder und suchte Lyssandras Blick: „Mir gefällt nicht, was Ihr über den Ritter und den Baroninnengemahl erzählt. Es klingt, als hätten diese beiden sie der Möglichkeit beraubt verantwortlich zu handeln – so wie man es als Lehnsherrin, die dem Schutz ihrer Vasallen verpflichtet ist, in jedem Falle tun sollte. Das darf nicht sein ... so was. Gleich ob es aus guten oder aus bösen Absichten geschieht. Auf mich hat Frau Grimmwulf auch nie gewirkt, als wäre sie ein Mensch, der unter der Last der Wahrheit allzu leicht zerbräche ... aber ich bin keine Mutter ... ich kann es wohl nicht richtig beurteilen ...“

Einen Moment sah es aus, als wolle sie die deutlich ältere Lyssandra, die im Gegensatz zu ihr schon mehreren Kindern das Leben geschenkt hatte, nach ihrer Meinung fragen. Doch dann räusperte sie sich leise und schüttelte den Kopf.

„Nun gut“, meinte Griseldis schließlich. „Es verhält sich leider so, dass wir hier gerade sehr viel um die Ohren habe. Die meisten gräflichen Ritter sind bereits in meinem Auftrag unterwegs, ich würde in einer Angelegenheit von solcher Bedeutung aber niemanden anders als einen eben solchen schicken wollen.“ Sie musterte Lyssandra nachdenklich. „Ihr seid mit der Sache ohnehin bereits vertraut, Wohlgeboren. Keiner von meinen Leuten könnte die Aufgabe besser erledigen als Ihr. Also wie wäre es, wenn ich Euch mit den nötigen Befugnissen ausstatte und Ihr das selbst übernehmt?“

Die Ritterin aus der Schwarzen Au nickte erfreut. „Mir ist bewusst, Hochwohlgeboren, dass Ihr so kurz nach der Thronbesteigung und Eurem Lebensbund mehr als genug zu erledigen habt. Umso mehr danke ich Euch für Euer offenes Ohr und die Unterstützung in dieser fatalen und leider dennoch dringlichen Angelegenheit. Mit den entsprechenden Befugnissen und einem Schreiben, das Euer Siegel trägt, ausgestattet, wäre es möglich, dass ich selbst herausfinde, ob der Baronet in Dorngrund weilt und wenn nicht, so werde ich Euch sogleich Bericht erstatten.“

„Sehr gut“, meinte Die Gräfin und schenkte der Ritterin ein verbindliches Lächeln. „Es freut mich, das zu hören, Wohlgeboren, und ich werde auf der Stelle alles Notwendige veranlassen.“ Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich dem Schreiber zu und bedeutete ihm mit einer knappen Geste, dass er sich um die Angelegenheit zu kümmern hatte. „Ich schlage vor, Ihr begebt Euch in den Rittersaal und dort wartet. Ein halbes Wassermaß ... vielleicht ein ganzes, dann sollten wir alles zusammen haben, was Ihr braucht. Ich lasse Euch dort eine Kleinigkeit zu Essen servieren – es ist ja noch sehr früh, ich nehme an, da blieb keine Zeit für Frühstück?“

Sie wartete das Nicken der Finsterbornerin ab und erhob sich: „Alsdann. Ich danke Euch, dass Ihr hergekommen seid und mich über diese Sache unterrichtet habt. Ich sehe es wie Ihr: Es ist höchste Zeit, dass diesem Verbrecher das Handwerk gelegt wird – egal, wer es sein mag.“ Sie zögerte einen Moment und seufzte leise. „Ich wünsche Euch viel Erfolg auf Eurer Reise und: Ja, bitte, informiert mich, wenn Ihr neue Erkenntnisse habt. Sollten sich Eure Vermutungen bewahrheiten, werdet Ihr ohne mich eh nicht weiterkommen, nicht wahr?“

Lyssandra bestätigte das mit einem Nicken, erhob sich dann ebenfalls und verbeugte sich in tiefer Dankbarkeit. Dann ließ sie sich zum Rittersaal geleiten, nahm das dargebotene Frühstück ein und wartete darauf, dass die Gräfin ihr das versprochene Schriftstück aushändigen ließ. Bereits am kommenden Morgen wollte sie sich auf den Weg nach Herzoglich Dornstein machen.