Ermittlungen entlang der Nah- und Fernverbindungen
Baronie Urkentrutz, Anfang Boron 1043 BF
Schon fast eine Woche war Lyssandra nun schon mit Ritter Ludoboldt von Geißenbart unterwegs in der Schwarzen Au. Bei der Begutachtung des Fundortes war erwartungsgemäß nicht viel herausgekommen. Etwaige Spuren waren längst verschwunden. Der Besuch bei dem Freibauernehepaar Weichselbaumer hatte Lyssandras Wunsch, den Unhold baldmöglichst zu ergreifen und ihn dem Tode zu überantworten nur noch inniger werden lassen. Das Leid des Ehepaares ging ihr nah. Sie konnte mitfühlen, was die beiden durchmachen. War sie doch selbst Mutter dreier Kinder, zwei davon Töchter. Was wenn der Kerl irgendwann Minerva oder Eylin erwischte?
Die darauffolgenden Tage hatten sie die Dorfbewohner befragt und auch Ritte zu den Bauernhöfen entlang der Straße nach Kaiserlich Blaubinge und in Richtung Oberwaldig unternommen. Sie hatten Ritter Luthias von Spießling und Oberon von Uhlredder einen Besuch abgestattet und diese nach Beobachtungen in Bezug auf auffällige Personen befragt. Ohne nennenswertes Ergebnis.
Zuletzt nahmen sie sich die Straße vor, die über Urken nach Herzoglich Waldleuen führte. Nachdem es am Vortag zum ersten und einzigen Mal seit sie nach der Vermählung und Thronübernahme von Gräfin Griseldis nach Urkentrutz zurückgekehrt war, sonnig gewesen war, hingen an diesem Morgen die Wolken wieder sehr tief. Immerhin hatte es nachts nicht gefroren, doch die feuchte Kälte zog durch und durch. Warm eingepackt mit einem ledernen Wappenrock über der wollenen Tunika und einem Reiterumhang aus Wolle mit Kapuze saß sie fest im Sattel ihrer Warunkerstute Dardanella.
Auf dem Weg nach Urken besuchten sie diverse Hofstellen von Eigenhörigen, die für Lyssandras Vater Vieh hielten und das Land bestellten. Ein paar größere Hofe von Freibauern waren auch dabei. Als sie Urken erreichten war es schon später Nachmittag. Das Licht des von Wolken überzogenen Praiosmals war bereits am Schwinden. Sie würden die Nacht im Wirtshaus „Urkenstolz“ verbringen. Die Gaststätte gehörte einem Urkentrutzer, der für seine Heimatliebe berühmt war. Zu fortgeschrittener Stunde, und meist angefeuert durch einige Pinnchen Hochprozentiges, gab Dankwart Semmelweiß mit laut schmetternder Stimme gerne patriotische Lieder zum Besten.
Ludopoldt ließ sich nicht anmerken ob er die Darbietung nun mochte oder nicht. Er hielt sich an seinem Bier und dem ein oder anderen Pinnchen Urkener Saubirnengeist fest. Auch Lyssandra verschmähte diese Urkener Spezialität nicht. Wenngleich sie es bei einem bewenden ließ. Dass ihr Begleiter ein paar mehr davon genossen hatte, merkte sie erst als Ludopoldt sich mit deutlichem Zungenschlag verabschiedete und mit leichtem Rechtsdrall ins Bett verabschiedete.
Am kommenden Morgen lichtete sich der Nebel zum Erstaunen der beiden Ritter schon vor der Praiosstunde und das blassgelbe Antlitz des Götterfürsten erschien über den Häusern von Urken. Ludopoldt und Lyssandra suchten zunächst die Eltern der in der Nähe der Siedlung ermordeten Schäferin Assunta. Sie war 17 Winter alt gewesen als der Mörder ihr in einem Wäldchen bei Urken aufgelauert hatte. Lyssandra war damals alleine zur Untersuchung der Tat nach Urken geritten. Der Vater scheute in seinem Alter die weiten Wege. Leider hatte man damals keine verwertbaren Spuren am Tatort gefunden. Assunta war von einem Eigenhörigen gefunden worden, der Feuerholz gesammelt hatte gefunden worden. Es war im Peraine 1039 BF gewesen. Ein furchtbar trockener Mond damals. Sie hatte sich von dem Mann den Platz zeigen lassen, an dem die junge Schäferin in einem Brombeergesträuch gefunden worden war. Assunta hatte eine kleine Herde Rundohrenschafe am Waldrand gehütet. Dabei musste sie ihrem Mörder begegnet sein. Als der Eigenhörige über einige herumirrende Schafe gestolpert war, hatte er sich auf die Suche nach der Schäferin gemacht. Aufgefunden wurde sie schließlich ein Stück innerhalb des Waldes. An ihren zerrissenen Kleidern und den über und über zerkratzten Beinen hatte man sehen können, dass sie wohl versucht hatte zu fliehen. Doch der Mörder hatte sie eingeholt. Ob der Auffindungsort jedoch auch der Ort der Schändung und Ermordung gewesen war, konnte nicht sicher festgestellt werden. Lyssandra konnte sich kaum vorstellen, dass der Täter Assunta inmitten des Dornengestrüpps geschändet hatte. Vermutlich hätten sie nur die Umgebung intensiver absuchen müssen um Spuren zu finden. Sie ärgerte sich ein wenig, dass sie damals nicht hartnäckig genug nach Spuren gesucht hatte. Womöglich wären dort die großen Stiefelspuren zu sehen gewesen, die bei Ilmentrud und Eberhilde einen Hinweis auf den Täter gaben.
Gemeinsam mit Ludopoldt besuchten sie die Eltern der schönen Schäferin. Zumindest dachte die Ritterin von Gut Schwarze Au das. Doch als sie an der Kate der Eigenhörigen klopften, die für Lyssandras Vater eine Schafherde hütete, trafen sie nur den Vater an. Die Mutter war, wie Grunwulf der Schäfer, ihnen offenbarte, im vergangen Phex in einem nahen Waldteich ertrunken. Der arme Mann wirkte gänzlich gebrochen. Er hatte also innerhalb weniger Götterläufe ein Kind und die Frau verloren. Die Finsterbornerin erinnerte sich, dass es neben Assunta noch ein Zwillingpaar gab, das deutlich jünger gewesen war. Sie sprach Grunwulf ihr Beileid aus und erkundigte sich nach den Zwillingen. Der Eigenhörige nickte.
„Jo“, sagte er sparsam. „die sind schon bei mir.“
Lyssandra nahm sich vor, mit ihrem Vater über die Angelegenheit zu sprechen. Vielleicht konnte man da was für den Mann arrangieren, dass er nicht mehr so viel Arbeit hatte.
Ludopoldt schien wenig Mitleid zu haben. Er begann sofort mir der Befragung. Viel Neues gab es für ihn ja nicht zu erfragen, Schließlich hatte der Ritter aus Urkenfurt damals auch die Familie besucht und befragt. Allerdings einige Wochen nach dem Mord. Spuren waren zu dem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr zu finden gewesen. Aufmerksam verfolgte die Ritterin das Gespräch und versuchte alle wichtigen Details zu memorieren, um sie später mit ihren Aufzeichnungen von damals vergleichen zu können.
Grunwulf sprach davon, dass Assunta häufig schon am Morgen die Schafe weidete. Sie war gerne früh auf den Beinen gewesen, während er sich schwer tat aus dem Bett zu kommen und seine Frau damals noch sehr mit den Kleinen beschäftigt gewesen war.
„Ich hab´ mich so um die Praiosstunde auf den Weg gemacht, sie abzulösen. Da kam mir schon der aufgeregte Kundolf entgegen. Der war zum Reiser holen im Wald gewesen. Gemeinsam mit ihm hab´ ich Assunta dann heimgetragen.“
Während Ludopoldt nach weiteren Zeugen fragte, wollte Lyssandra wissen ob er nicht nach Spuren gesucht habe und ob er nicht auch der Meinung sei, dass der Fundort nicht der Tatort gewesen sei.
Grunwulf rieb sich die Nase. „Wisst Ihr, jetzt wo Ihr es sagt, Hohe Dame, …. Ich hab´ da gar nicht so weit gedacht. Aber ja, mein Weib hat auch schon gemeint, dass es nicht dort passiert sein kann…“
Dann wandte sich der Eigenhörige an den Ritter aus Urkenfurt. „Nun, Wohlgeboren, ich denke nich´ dass es Zeugen gab, außer den Schafen vielleicht…“
Lyssandra riss die Befragung an sich. „Sag, Grunwulf, hast du in den Tagen vor und nach der Ermordung deiner Tochter jemanden in Urken gesehen, der besonders groß war? Jemand den du noch nie dort gesehen hattest? Oder der nur ab und an ins Dorf kam? Jung, groß und grobschlächtig, mit riesigen Füßen?“
Der Eigenhörige grübelte. „Hm, den Kerl kenne ich, den du ansprichst. Ob der aber zu der Zeit hier war… Mann, das kann ich nich´ mehr sagen. Und die Krinhild kann ich nich´ mehr fragen…“
Ludopoldt schien nicht weiter auf die Fragen der Finsterbornerin eingehen zu wollen und fragte stattdessen, ob Assunta nicht reichlich Verehrer gehabt habe. Lyssandra wusste, dass der Vater nicht gerne davon sprach und sie war sich sicher, dass der Geißenbart damals genau dieselbe Vermutung geäußert hatte. Er war davon ausgegangen, dass ein abgewiesener Liebhaber die junge Schäferin getötet hatte. Ganz abwegig war das natürlich auch nicht. Assunta war außergewöhnlich liebreizend gewesen.
Grunwulf druckste deshalb auch herum. „Nun, naja, da war schon der ein oder andere, der ihr schöne Augen gemacht hat, aber sie war ein braves Mädchen! Gewiss, nicht wahr, Wohlgeboren. Ihr glaubt mir doch, dass sie es nicht herausgefordert hat, nicht wahr?“
Lyssandra nickte. „Bewusst sicher nicht.“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au erinnerte sich daran, dass Assunta selbst im Tod noch schön gewesen war. Zart und zerbrechlich hatte sie gewirkt. Die dunkelroten Kratzer der Dornen hatten in starkem Kontrast zu ihrer weißen Haut gestanden. Ihre rechte Gesichtshälfte war blutverschmiert gewesen. Die Lippe aufgeplatzt, die Schläfe mit einem frischen Bluterguss versehen, das Auge auf der Seite teilweise zugeschwollen. Der Täter hatte sie ganz offensichtlich mit dem Handrücken geschlagen. Und auch am Hals hatten sich die rötlich-blauen Würgemale deutlich auf der blassen Haut abgezeichnet. Man konnte nur hoffen, dass Assunta schon bewusstlos war als der Kerls sich an ihr vergangen hatte. Lyssandra versuchte den Gedanken daran zu verscheuchen. Übelkeit stieg in ihr auf.
„Also gab es mehrere Verehrer!“ Ludopoldt schien sich in seiner Vermutung bestätigt zu fühlen. „Womöglich haben wir es doch mit unterschiedlichen Tätern zu tun“, sagte der Ritter in Richtung der Finsterbornerin.
Lyssandra kniff die Lippen zusammen. Sie glaubte nicht daran. „Ich finde, wir sollten im Dorf nach Beobachtungen rund um den neuen Mordfall fragen und dann gezielt auch den Fall von Assunta damit vergleichen. Wenn derjenige aus Urken kam müssten ja Parallelen aufzudecken sein. Und was ist dann mit dem Fall Demuth?“
Der Geißenbart zuckte mit den Schultern. „Zufall?!“, warf er leichthin ein.
Die Finsterbornerin atmete tief durch. Es war nicht einfach mit Ludopoldt. Beide hatten sie so gänzlich andere Ansichten zu den Mordfällen. In ihren Augen wollte der Urkenfurter die Wahrheit nicht sehen. Warum auch immer. Er machte es sich zu leicht, empfand sie. Doch umgekehrt schien er zu glauben, dass sie sich in die Vorstellung verrannt hatte, dass es sich bei allen Morden um ein und denselben Täter handelte, wovon er offenbar nicht überzeugt war.
Lyssandra beschloss, Ludopoldt nicht weiter zu unterbrechen und ihre Befragungen lieber im Anschluss an seine Abreise fortzusetzen. Also verabschiedeten sie sich von Grunwulf und nahmen sich die nächsten möglichen Zeugen vor.
Entlang der Straße in Richtung Waldleuen hatten einige Handwerker ihre Häuser. Nachdem sie einen Schreiner und einen Töpfer befragt hatten näherten sie sich dem Travia-Tempel.
Der kleine unscheinbare Tempel lag etwas zurückversetzt hinter dem Dorfbrunnen, um den herum sich eine Art kleiner Dorfplatz gebildet hatte. Eine Schneiderin, ein Korbflechter und ein Knochenschnitzer boten dort ihre Dienste und ihre Waren an. Der Rest des Dorfplatzes war von einfachen Fachwerkhäusern umstanden. Da bildete der kleine Traviatempel keine Ausnahme. Auch er war niedrig und aus Fachwerk wie die umstehenden Gebäude. Das Hohe Paar bestand aus Travistan und Mädelieb. Beide waren schon recht betagt. Travistan verbrachte die meiste Zeit im Schaukelstuhl, den ihm der ortsansässige Schreiner gefertigt hatte und Mädelieb erschien auf den ersten Blick noch recht munter und wuselte eifrig durch den Tempel und den angrenzenden Schlaftrakt, der auch für Gäste zwei Kammern bereithielt. Doch beim Gespräch erwies es sich, dass sie nur noch wenig hörte und man unglaublich laut mir ihr sprechen musste, wenn man eine Antwort haben wollte.
Lyssandra stellte fest, dass der Ritter aus Urkenfurt dafür keine Geduld hatte. Er beließ es bei ein paar höflichen Floskeln und setzte sich stattdessen lieber zu Travistan. Bei einem frischen Kräutertee, den Mädelieb ihnen brachte, unterhielten sie sich mit dem Diener der Großen Mutter über auffällige Gäste in den Tagen rund um die Mädchenmorde. Glaubte der Geweihte, dass es ein ortsansässiger Mörder war oder dass er von außerhalb kam?
Travistan schüttelte energisch den Kopf. „Ne, von hier isser nich´! Gewiss nich´! Wenn Ihr mich fragt, Wohlgeboren, dann kommt der aus Waldleuen.“
Erneut fragte Ludopoldt nach auffälligen Gästen in den Tagen vor Ilmentruds Tod und auch in der Zeit als Assunta starb. Da konnte Lyssandra nicht mehr an sich halten. Sie musste die Frage einfach präzisieren.
„Hoher Vater, hat hier eventuell ein junger Mann Unterkunft begehrt, der besonders auffällig groß und grobschlächtig war? Er soll nämlich in den Tagen vor dem Mord in der Schwarzen Au gewesen sein. Vielleicht war er kurz vorher bereits hier gewesen?“
Travistan sah Lyssandra zunächst ungläubig an, dann schien er unsicher zu werden. „Wann sagt Ihr, Wohlgeboren? Mitte Efferd? Schon möglich…“
Die Augen unter den faltigen Lidern wirkten ungewöhnlich wach und aufmerksam. Der Geweihte der Gütigen sah von Lyssandra zu Ludopoldt. Den Ritter der Baronin musterte er besonders eindringlich.
Leise, sehr leise, fast zaghaft fragte Travistan den Dienstritter. „Kann es sein, dass Ihr nicht wisst, wer hier Quartier bezogen hatte? Er war nicht das erste Mal hier im Tempel…“
Lyssandra horchte auf. Sie hielt die Luft an, um ja keine Silbe zu verpassen. Ludopoldt war die Neugierde ebenfalls deutlich anzusehen. Er zog die Unterlippe nach innen.
„… er trägt das Gewand und die Spange der Gans… ein Laie der Hüterin…“
Ludopoldt riss die Augen auf. „Das kann nicht sein!“, entschied er Ritter kategorisch.
Wütend insistierte nun die Finsterbornerin. „Moment, Ludopoldt! Das kannst du doch so einfach gar nicht sagen!“
„Ich kann das sehr wohl!“ Dem Geißenbart stieg das Blut in den Kopf. In seinem Drang die Wahrheit nicht hören zu wollen, gab Ludopoldt mehr preis als er sicher beabsichtigt hatte.
„Ingrold kann es nicht sein. Er ist in einem Tempel in Herzoglich Dornstein! Dort ist er seit drei, bald vier Götterläufen! Außerdem kann er nicht der Mörder der Mädchen sein. Das passt überhaupt nicht zu ihm!“
Lyssandra musste an sich halten nicht zu triumphieren. Sie hatte genau das gehört, was sie schon vermutet hatte. Aber natürlich war das noch kein Beweis. Womöglich war es nur ein seltsamer Zufall.
Ludopoldt hatte es plötzlich sehr eilig. Er wollte nicht mehr wissen und obwohl die Ritterin seinen Magen schon einige Male vernehmlich hatte knurren hören, wollte er die Speisung, die Mädelieb gerade einigen Gästen offerierte, nicht mehr essen. Er wollte lieber noch weiterreiten bis zur Baroniegrenze, um dort weitere Nachforschungen anzustellen. Lyssandra wusste, dass er sich nicht davon abbringen lassen würde und so gab sie nach. Sie konnte jederzeit wiederkehren und auf eigene Faust Nachforschungen anstellen.
Ganz offensichtlich hatte Ludopoldt bemerkt, dass es nicht so einfach sein würde, Nachforschungen an der Baroniegrenze durchzuführen und am selben Abend wieder in Urken zu sein. Da es um diese Jahreszeit schon früh dunkelte, mussten sie sich beeilen. Ludopoldt legte ein scharfes Tempo vor. Sie hielten an einigen Höfen, die sich mit den dazugehörigen Ländereien rechts und links des Wegs ausbreiteten. Jedes Mal fragten sie nach auffälligen Beobachtungen entlang der Straße. Die Ritterin aus der Schwarzen Au nutzte jede sich bietende Gelegenheit auch nach dem „Riesen“ zu fragen. Doch sie hatte kein Glück. Keiner der Bauern konnte sich an einen jungen Mann erinnern auf den die genannten Merkmale passten.
Wie erwartet wurde es schon kurz nachdem sie umgedreht hatten und Urken zustrebten dunkel. Lyssandra war ungehalten. Ihre Warunkerstute trottete durch die Dämmerung und den aufsteigenden Nebel. Bald würden sie überhaupt nichts mehr sehen. Ritter Ludopoldt schien sich der Fehlorganisation bewusst zu sein. Er bot an, Lyssandras Stute Dardanella mit einem Führstrick an seinem Sattel zu befestigen. Er wollte vorausreiten und den Weg suchen.
Die Finsterbornerin stimmte zu. Sollte er doch sehen wie sie aus dem Schlamassel herauskamen. Und tatsächlich wurde es immer schlimmer. Der Nebel verdichtete sich, das Licht schwand. Bald war der Wegrand nicht mehr wirklich erkennbar. Ludopoldt fluchte. Er stieg ab und begann sein Pferd zu führen. Lyssandra blieb im Sattel sitzen. Dardanella wieherte immer wieder ängstlich.
Der Ritterin ging jegliches Zeitgefühl verloren. Sie fror. Die feuchte Kälte war längst durch den Stoff gedrungen. Mehrmals blieb der Ritter aus Urkenfurt stehen, wenn Abzweigungen vom Hauptweg kamen, die nicht aufs erste als Nebenstrecken erkennbar waren. Zweimal stieg Lyssandra vom Pferd um gemeinsam mit dem Dienstritter Grimmwulfs von Hartenau über den richtigen Weg zu beraten. Dann endlich wurde Dardanellas besorgtes Wiehern erwidert. Wenig später erschienen die Umrisse der ersten Häuser von Urken im Nebel.
Sie brachten die Pferde in den Stall, fütterten sie und ließen sich in der Schankstube nieder. Wortkarg wie nie, ließ sich Lyssandra einen gewärmten Met bringen und bat um eine heiße Suppe. Ihr Wunsch wurde erfüllt. Die einfache Gemüsesuppe wärmte den Magen und besserte die Stimmung ein wenig. Dennoch kam mit Ludopoldt an diesem Abend kein Gespräch mehr zustande.
Als beide am kommenden Morgen zum Frühstück in der Schankstube beisammensaßen, fragte Lyssandra den Geißenbart nach seinen Plänen bezüglich der kommenden Tage und welche Schlüsse er aus seinen Erkundigungen zöge.
Ludopoldt riss ein großes Stück aus der frischen Brotscheibe, die er bekommen hatte und tunkte sie in die Ziegenmilch, die er sich hatte bringen lassen. Er sah Lyssandra nicht an als er antwortete, sondern beobachtete wie sich das frische Backwerk voll Milch sog. Dann zog er die nasse Krume heraus und schlotzte sie geräuschvoll und genüsslich.
„Hmm“, machte er. „Nun, ich werde mich heute auf den Rückweg nach Urkenfurt machen und der Baronin meine Untersuchungsergebnisse präsentieren. Der Rest ist nicht meine Sache.“
„Du willst nicht mehr mit ins Gut Schwarze Au kommen? Nicht mehr dort nächtigen und meinem Vater noch einmal berichten?“, fragte die Finsterbornerin.
Der Dienstritter Grimmwulfs schüttelte den Kopf. „Nein, versteh mich nicht falsch, Lyssandra. Aber das kannst du gerne selbst übernehmen. Meine Auftraggeberin ist Grimmwulf, nicht dein Vater, auch wenn der letzte Mord auf seinem Lehen stattgefunden hat.“
Lyssandra nickte ernüchtert. Für ihn war die Sache erledigt. Sie ahnte, dass er froh war, die Angelegenheit abgeben zu können. Er wollte gar nichts damit zu tun haben. Es war ihm egal ob der Mörder noch einmal oder gar noch öfter zuschlug. Entsetzt über die Ignoranz des Dienstritters schwieg sie. Sie ahnte wie es ausgehen würde. Ludopoldt würde Grimmwulf wahrscheinlich gar nichts von dem Verdacht sagen, dass ihr Sohn den letzten Mord und vielleicht auch die Morde zuvor begangen haben könnte. Und wenn, dann würde er es so verpacken, dass es nur ein paar wilde Spekulationen waren. Grimmwulf würde die Sache zu den Akten legen und vergessen. Nur Lyssandra konnte die Morde nicht vergessen, sie wollte es nicht! Sie sorgte sich um ihre Töchter und die Töchter anderer Bewohner der Baronie. Sie wollte nicht, dass weitere urkentrutzer Eltern den Tod eines Kindes betrauern mussten und vor allem wollte sie nicht eine von ihnen sein.