Düstere Tage in der Schwarzen Au
Urkenfurt, 28. Travia 1043 BF

Die Nachricht von Ritter Ludopoldt, dass er am kommenden Morgen in Richtung Schwarze Au aufbrechen wollte, kam spät am Vorabend. Lyssandra hatte den Abend erneut beim Brückenwirt verbracht. Ein deftiger Linseneintopf hatte die Finsterbornerin ungewöhnlich müde gemacht. Womöglich lag es auch an dem warmen Gewürzwein, den ihr die Wirtin gebracht hatte. Zumindest beschloss sie schon früh zu Bett zu gehen. Sie hatte die Tür der Kammer kaum geschlossen als es an der Tür klopfte. Einer der Stallknechte von Burg Urkenfurt stand vor der Tür und überbrachte die Nachricht, dass Ritter Ludopoldt für den kommenden Morgen den Abritt plante. Lyssandra beeilte sich deshalb am Morgen, denn sie wollte die Gelegenheit nutzen, um noch ein paar Worte mit der Magd Wigdis zu wechseln.

Wieder hing der Nebel dicht über dem Fialgralwa. Als die Finsterbornerin die letzten Handgriffe an Satteltaschen und Zaum verrichtete konnte sie die Brücke, die beide Ufer miteinander verband, kaum ausmachen. Sie bedankte sich noch einmal beim Brückenwirt und seiner Frau für das bequeme Quartier und die gute Verköstigung in den vergangenen Tagen und auch für die Wegzehrung, die ihr in der Küche noch bereitgemacht worden war. Dann schwang sie sich in den Sattel und gab Dardanella die Zügel frei. Über den Urkenweg, der sich immer nur wenige Schritt vor ihr aus dem Nebelgrau schälte, bog sie auf den Karrenweg zur Burg ab. Am Hof von Wigdis Großvater vorbei erreichte sie die Zugbrücke über den Burggraben. Düster, fast bedrohlich wirkte der massive Torturm, der sich hoch über der Brücke erhob.

Der Torwächter ließ sie passieren. Selbst im Burghof war der Nebel so dicht, dass Lyssandra den Palas nur schemenhaft erkennen konnte. Einzig die rustikalen Fassaden von Stall und Backhaus mit ihrem dunklen Fachwerk bildeten ausreichend Kontrast um sich gegen das feuchte Weiß durchsetzen zu können. Der Stallknecht, der ihr am Vorabend die Nachricht des Dienstritters überbracht hatte, erschien und nahm Dardanella in Empfang.

„Einen traviagefälligen Morgen, Wohlgeboren“, entbot er der Finsterbornerin einen Gruß. „Ritter Ludopoldts Pferd ist bereits gesattelt, aber er ist noch nicht aufgetaucht. Es könnte sein, dass er noch letzte Anweisungen der Baronin erhält.“

Lyssandra nickte gelassen. „Wir haben keine Eile. Sag, wo finde ich denn die Magd Wigdis?“

Der Stallknecht sah sich suchend um. „Ich habe sie erst vorhin bei der Köchin Dorntrud gesehen. Sie hat ihr Eier gebracht. Seht doch bitte mal im Backhaus nach, Wohlgeboren.“

Aus dem Kamin des Backhauses quoll grauweißer Rauch und vermischte sich mit dem Tropfenschleier, der sich auf Burg Urkenfurt gelegt hatte. Aus der offenen Tür drang der Duft von frischem Brot und gebrateten Eiern. Obwohl Lyssandra gefrühstückt hatte, lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Sie stieg die hölzerne Stiege hinauf und lugte neugierig in die Dorntruds Reich. Die rundliche Köchin hatte eine große Pfanne auf den Dreifuß über dem Holzfeuer gestellt, über dem sich der Kamin öffnete. In der Pfanne brutzelten etwa ein Dutzend Eier. Neben dem Tisch auf den die Köchin ein Tablett mit einem Brotkorb und mehreren einfachen Holztellern gestellt hatte, stand eine junge Frau. Sie trug eine naturbraune Haube unter der rote Locken hervorquollen. Die kleine, spitze Nase in dem jugendlichen Gesicht und die Wangenknochen waren von Feenküsschen bedeckt. Gekleidet war sie in einen grünen Kittelüberwurf, der nur an den Ärmeln, dem Saum und den Seiten das dunkelbraune Unterkleid erkennen ließ.

Überrascht sah das junge Mädchen die Ritterin an, die ihre neugierige Nase in die Backstube hielt.

„Mmh, riecht das gut hier!“

Dorntrud drehte sich umständlich zur Tür um. Der zunächst ungehaltene Gesichtsausdruck, wer sie wohl bei der Arbeit störte, wandelte sich in ein Lächeln.
„Oh, Wohlgeboren! Was für eine Freude! Wenn Ihr Hunger habt, könnt Ihr gleich mit Wigdis hinüber zum Torturm gehen. Ich bereite gerade Ritter Ludopoldt und seinen Leuten das Frühstück.“

Lyssandra lehnte dankend ab, bot sich aber an, Wigdis beim Transport der Speisen und Getränke zu helfen. Das wollte die Köchin selbstverständlich ablehnen. Die Finsterbornerin blieb aber bei ihrem Wunsch und vertrat ihn mit einer derartigen Vehemenz, dass sich die Köchin schließlich achselzuckend ergab und Lyssandra einen Krug mit heißer Milch und einen Korb mit Tonbechern in die Hand drückte.

Als die Eierpfanne auf einem Holzbrett abgestellt worden war, machten sich Wigdis und die Ritterin aus der Schwarzen Au auf den Weg in den Wachraum.

Beim Überqueren des Hofes sprach Lyssandra Wigdis gezielt auf ihre Erkundigungen in Sachen Mädchenmorde an und befragte sie zu dem Mord an ihrer Freundin Demuth. Das Mädchen blieb selbst dann einsilbig als die Ritterin ihr erzählte, dass sie bereits mit ihren Eltern und dem Großvater gesprochen hatte. Auf die gezielte Nachfrage nach dem Verhältnis von Demuth und Ingrold wand sie sich sichtlich. Wigdis machte deutlich, dass nichts ungebührlich gewesen sei an der Freundschaft zwischen dem Baronet und ihrer Freundin. Lyssandra wurde das Gefühl nicht los, dass der Magd das Gespräch sichtlich unangenehm war. Fast kam es ihr vor als beschleunigte Wigdis ihre Schritte, um möglichst schnell der peinlichen Befragung zu entgehen. 

Acht Augenpaare blickten überrascht zur Tür, als neben der Magd Wigdis auch die Finsterbornerin den Raum betrat und sich als Mundschenk betätigte. Sie stellte Krug und Becher auf den großen Holztisch und entbot Ritter Ludopoldt und seinen Waffenknechten und Schildmaiden den Gruß der Leuin und der Eidmutter.

Ein vielstimmiges „Rondra und Travia zum Gruße“ scholl ihr entgegen, einzig der Ritter murmelte bloß. Ludopoldt wirkte schlecht gelaunt. Seine Stirn schien mehr Falten zu haben als bei ihrem letzten Zusammentreffen. Während sich seine Waffenknechte und die zwei Schildmaiden hungrig über die Eier hermachten und auch beim Brot ordentlich zugriffen, stocherte er mit lustlos mit dem Brot in der dottergelben Masse herum. Lyssandra nahm den Hocker, der ihr am nächsten stand und setzte sich. Wigdis verschwand leise mit dem leeren Tablett.

„Willst du nichts?“, kam es undeutlich zwischen zwei Bissen Brot mit Ei aus dem leidlich gefüllten Mund des Dienstritters.

Lyssandra schüttelte den Kopf. „Ich habe bereits beim Brückenwirt gefrühstückt. Man hat mir auch eine Brotzeit mitgegeben.

Ludopoldt nickte kauend. „Dorntrud gibt mir sicher auch noch was mit.“

Beim „T“ in Dorntrud wurde ein dottergelbes Essensstückchen aus Ludopoldts Mund katapultiert. Es flog über den halben Tisch. Peinlich berührt wischte der Ritter es mit seinem Ärmel weg. „Tschuldigung“, murmelnd.

Die Ritterin aus der Schwarzen Au, die nach ihrer Schwertleite ein paar Jahre im Horasreich verbracht hatte, bemühte sich, die Weidener Tischmanieren zu übersehen. Undenkbar, dass ein Ritter im Lieblichen Feld seine Mahlzeit auf diese Weise einnahm. Aber hier in Weiden war das leider an der Tagesordnung. Um den Dienstritter aus der peinlichen Situation zu helfen, begann sie ein Gespräch mit der Schildmaid, die neben ihr saß. Das Mädchen mochte etwa im Alter von Minerva oder Wigdis sein.
„Darf ich dich fragen, wie alt du bist?“

Die drahtige junge Frau mit dem dunklen Kurzhaarschnitt sah kauend auf.
„Sechzehn Winter, Wohlgeboren“, antwortete sie nachdem sie heruntergeschluckt hatte.

Nachdenklich betrachtete Lyssandra die Schildmaid. „Ein Glück, dass du so wehrhaft bist. Es sind keine sicheren Zeiten hier in Urkenfurt für junge Mädchen wie dich. Hast du keine Angst?“

Die Angesprochene schüttelte den Kopf und tunkte schob den letzten Rest Ei auf den Kanten Brot, den sie noch in der Rechten hielt.
„Ne, Wohlgeboren! Wie Ihr schon festgestellt habt, bin ich wehrhaft und Angst ist kein guter Berater im Waffendienst.“

Da nickte die Ritterin aus der Schwarzen Au. „Wohl wahr,…“ Sie schien darauf zu warten, dass die Schildmaid ihren Namen nannte.

„Perigunda, Wohlgeboren“, kam die erwartete Antwort.

„Dann glaubst du sicher auch nicht daran, dass die Mädchen von Vampiren und Werwölfen getötet wurden, oder?“

Perigunda lachte und die anderen Waffenknechte und die zweite Schildmaid stimmten sogleich in ihr Gelächter ein. „Unsinn! Was für ein hanebüchener Nonsens. Das einfache Volk redet so, aber wir wissen doch, dass es ein Mensch war. Nicht wahr, Ritter Ludopoldt?“

Der Dienstritter guckte immer finsterer. „Wer sagt das?“, blaffte er die Schildmaid an.

„Du weißt genau, dass wir hier in Weiden schon einmal eine Vampirplage hatten. So abwegig ist der Gedanke also gar nicht.“

Die Schildmaid machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das war vor meiner Geburt. Seither hört man nicht mehr viel von Vampiren. Du hast sie doch gesehen, die tote Demuth. Sie war sicherlich nicht von einem Vampir getötet worden. Sie wurde erwürgt. Welcher Vampir erwürgt sein Opfer?“

Ludopoldt erwiderte nichts. Er stopfte sich den letzten Bissen Brot in den Mund und stand auf.
„Besser wir brechen jetzt auf, Lyssandra. Es ist ein weiter Weg bis in die Schwarze Au.“

Lyssandra war klar, dass Ludopoldt ein weiteres Hinterfragen der Geschehnisse verhindern wollte. Sie nickte also und verabschiedete sich von den Waffenknechten und Schildmaiden.

Im Hof wartete tatsächlich Dorntrud mit einem Paket, das Wurst, Käse und Brot enthielt.
„Ein Jammer, dass ihr nicht erst Mittag aufbrecht. Da hätte ich euch noch ein Stück Kuchen mitgeben können.“

Ludopoldt nahm das Paket entgegen und verstaute es alsbald in den Satteltaschen seines Warunkers. Der großrahmige dunkelbraune Hengst trat unruhig von einem Huf auf den anderen. Er schien es kaum erwarten können in den dichten urkentrutzer Nebel traben zu können.

 

***

 

Das erste Teilstück blieb Ludopoldt schweigsam. Sie überquerten die Brücke über den Finsterbach und hielten auf die Bingenbacher Lohe zu. Wo immer es ging, ließen sie die Pferde traben. Ludopoldt hatte angedeutet, dass er die Nacht in der Schwarzen Au verbringen wollte. Angesichts der Kürze der Tage Ende Travia war das ambitioniert zu nennen. Sie erreichten die Weggaststätte „Seidelbast-Rast“ gegen Mittag. Dort ließen sie sich gewärmten Met geben. Seine Befragung der Wirtin und der wenigen anwesenden Gäste fiel kurz aus. Schnell gab er sich damit zufrieden, dass außer ein paar Gerüchten keine verwertbaren Informationen zu gewinnen waren. Die mitgenommene Wegzehrung verspeisten sie wenig später an einem einfachen Rastplatz in der Bingenbacher Lohe, die für Waldarbeiter, Hirten und Reisende angelegt worden war.

Der weiche Waldboden bot Gelegenheit für einen kurzen Galopp, ehe sie bei schon schwindendem Licht die Kreuzung erreichten, in deren unmittelbarer Nähe die letzte Mädchenleiche gefunden worden war. Lyssandra wollte dem Ritter den Fundort gleich zeigen, doch Ludopoldt winkte ab.
„Morgen ist auch noch ein Tag.“

Und so kam es, dass sie mit Einbruch der Dunkelheit auf Gut Schwarze Au über die Zugbrücke ritten. Der Nebel hatte sich den gesamten Tag nicht gelichtet und hüllte auch das Junkergut oberhalb des Bingenbachs in trübes Grau.

Ein Stallknecht erschien und führte die Pferde weg. Natürlich war ihre Ankunft nicht unbemerkt gewesen. Leubrecht, der Schildknecht, und auch der Gutsverwalter Kunibert Quendeltrost kamen in den Hof und begrüßten den Ritter aus Urkenfurt.

„Travia zum Gruße, Wohlgeboren. Wenn Ihr mir folgen wollt, dann werde ich Euch zuerst Euer Quartier zeigen. Später wird es dann das Abendessen im Rittersaal geben.“

Ludopoldt erwiderte den Gruß und lies sich dann in das Gästehaus führen. Die Räume für Gäste waren in dem Fachwerkbau untergebracht, der neben dem erhöht gelegenen Gutshaus stand. Der größte Teil des Gesindes wohnte hier, mit Ausnahme des Gutsverwalters, der mit seiner Familie jenseits des ummauerten Gutes und der Zugbrücke ein Haus bei den Stallungen und Wirtschaftsgebäuden des Junkergutes hatte.

Lyssandra verabschiedete sich von dem Dienstritter Grimmwulfs und begab sich zum Gutshaus. Sie wollte ihren Vater unbedingt alleine sprechen, bevor Ritter Ludopoldt zum Abendessen erschien uns seine Version der Ermittlungen verkündete.

Theofried von Finsterborn saß im Rittersaal am Kamin. Vor ihm auf einem kleinen Tischchen stand ein Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit, von der Lyssandra ahnte, dass es Met war. Zu seinen Füßen lag die Jagdhündin Rapunzel. Sie war alt geworden und ganz entgegen ihrer sonstigen Wachsamkeit, nahm sie die Tochter des Hausherrn erst wahr als sie bereits wenige Schritt von dem gemütlichen Platz am Kamin entfernt war. Dann hob sie ruckartig den Kopf und kam mühsam auf die alten und schwachen Beine. Schwanzwedelnd wurde Lyssandra begrüßt.
„Travia zum Gruße, Vater!“, rief das Älteste des Finsterborner Kinder dem Familienoberhaupt zu und beugte sich nieder um der Hündin den Kopf zu streicheln.

Theofried, dessen Blick träumerisch in die Flammen gerichtet war, drehte sich um. Ein glückliches Lächeln nahm auf seinen Lippen Platz.
„Lyssandra, mein Augenstern! Schön, dass du wieder da bist. Wir sind auch erst gestern wieder auf dem Gut angekommen. Setz dich doch zu mir!“

Bevor sich Lyssandra setzte, fragte sie nach ihrer Jüngsten. „Wo ist Eylin?“

„Sie wird sicher gleich da sein. Du weißt doch, sie hilft Roselind in der Küche beim Zubereiten des Abendessens oder besser gesagt, stibitz die besten Stücke. Jetzt im Travia hocken die abends gerne alle da in der Küche. Da ist es schön warm. Die alte Anci, der sowieso immer kalt ist, Trasine und Eylin.“
Der Finsterborner lächelte und Lyssandra nahm in dem Sessel ihrer verstorbenen Mutter Platz, den sie sich von seinem angestammten Platz am Fenster an das offene Feuer im Kamin holte. Den Blick ihres Vaters, der den Sessel wie ein Museumsstück behandelte, ignorierte sie dabei.

„Hattet ihr eine gute Heimreise? Mit wem seid ihr zurückgereist?“

Theofried berichtete von der großen Gruppe an Urkentrutzer und Waldleuener Rittern, die sich gemeinsam auf die Reise gemacht hatten. In der Kutsche hatte Theofried allerdings mit Carissma von Binsböckel die Nachhut gebildet. Die meisten waren zu Pferd unterwegs und wesentlich schneller gewesen. Carissima Binsböckel und er hatten allerdings die bequeme Kutschfahrt vorgezogen und waren entsprechend langsam vorangekommen.

Lyssandra verzog das Gesicht. „Die Binsböckel…“, führte aber nicht weiter aus warum sie auf die Ritterin von Gut Hollergrund nicht gut zu sprechen war.

Der Vater knurrte. „Schon gut, sie war ja in ihrer Kutsche unterwegs und ich musste mir nur abends in den Weggasthäusern ihre endlosen Monologe über ihr großartiges Leinenimperium anhören. Sie tut gerade so als ob Hollergrund das Zentrum der Textilwirtschaft in Weiden wäre und als wenn die ollen Rupfen, die sie verkauft, der edelste Bausch wäre.“

Nun konnte sich Lyssandra ein Grinsen nicht verkneifen. Carissima von Binsböckel war in ihren Augen eine arrogante Schnepfe, die sich viel auf ihren Namen und die einflussreiche Familie einbildete, der sie entstammte, ohne dass sie selbst besonders viel dazu beigetragen hätte. Ihre Vorfahren hatten ihr einen ansehnlichen Gutshof hinterlassen, den sie zugegebenermaßen gut in Schuss hielt. Doch verglichen mit den anderen Binsböckels war sie doch ein kleines Licht, spielte sich aber auf, als kreisten alle Motten um ihre glorreiche Flamme.

„Vater, ich muss mit dir über meine Ermittlungen sprechen und über das, was ich herausfinden konnte. Und zwar am besten bevor Ludopoldt dazukommt.“ Lyssandra war ernst geworden. Sie lehnte sich nach vorne und sah ihren Vater eindringlich an. Theofried erwiderte den Blick.
„Schieß los!“, forderte er seine Älteste auf.

„Ich habe in den vergangenen Wochen, seit wir nach Pallingen aufgebrochen sind, eine Menge Leute zu den Morden in Urkentrutz befragt. Zunächst auf dem Weg von hier nach Urkenfurt. Dort ist mir in der „Seidelbast-Rast“ bestätigt worden, dass sich in den Tagen vor und nach dem Mord an Ilmentrud ein auffällig großer und grobschlächtiger junger Mann in der Gegend herumgetrieben hat. Über die Wirtin erfuhr ich von einem Kesselflicker namens Firnmar, der eine auffällige Ähnlichkeit des Verdächtigen mit dem Baronet erkannt haben will. Da sonst niemand Ingrold von Hartenau persönlich kannte, konnte das natürlich niemand bestätigen. Ich habe den Mann leider auch noch nicht persönlich befragen können. Schließlich ist er viel auf den Wegen in Urkentrutz und den Nachbarbaronien unterwegs. Mit dieser Spur habe ich meine Ermittlungen fortgeführt und bei meinem Gespräch mit Grimmwulf auch nach dem Baronet gefragt. Sie versichert hoch und heilig, dass ihr Sohn seit Anfang 1040 nicht mehr in der Baronie weilt, was ja interessanterweise genau mit dem Zeitpunkt übereinstimmt zu dem die Morde zunächst aufhörten.“

Theofried hörte aufmerksam zu. Er nickte gegen Ende ihrer Ausführungen. „Das stimmt auf jeden Fall. Aber wenn er noch außerhalb von Urkentrutz ist, kann er nicht der Mörder sein.“

„Ja, wenn“, pflichtete Lyssandra ihm zu. „Davon müssen wir zumindest zunächst ausgehen. Interessant war dann aber auch, dass ich am Rückweg von Gilborn einen ähnlichen Verdacht geäußert hörte. Ich soll dich übrigens schön grüßen!“

Der Vater lächelte. „Danke sehr. Es war schön ihn in Pallingen zu sehen. Ich freue mich, dass er sich so gut entwickelt hat. Als Schwertvater ist man doch immer stolz auf seine ehemaligen Knappen. Nicht wahr? Aber sprich weiter! Wie hat er sich zu den Morden geäußert?“

„Ich habe ihn gefragt, ob es in Gräflich Pallingen auch Mädchenmorde zu beklagen gab. Das hat er verneint, aber er assoziierte bei der Beschreibung des Verdächtigen, ohne dass ich Namen genannt oder eine Vermutung geäußert hatte, den Baronet. Das war schon sehr überraschend. Ich meine, es muss ja wohl mehr junge Männer geben, auf die diese Beschreibung passt, oder?“

Theofried schüttelte den Kopf. „Auch ich muss sagen, dass mir niemand sonst einfällt, wenn man sich die Beschreibung genau anhört und auch wenn man an die Stiefelabdrücke ansieht. Allerdings kann ich natürlich auch nur für mein Lehen sprechen. Hast du in Urkenfurt noch neue Hinweise gefunden?“

Seine Älteste nickte. „Besonders interessant war der Hinweis, dass Demuth, das erste tote Mädchen, den Baronet gut kannte. Sie war wohl ähnlich wie er sehr verschlossen und still, und liebte Tiere. Ähnliches ist mir von Ingrold berichtet worden. Ich meine, wir haben ihn ja nicht mehr gesehen seit er ein kleiner Junge war, aber die Burgbewohner und die Eigenhörigen der Baronin haben ihn bis zu seiner Abreise ja gesehen. Sie erzählten mir, dass er kaum sprach und sich lieber in Schriftrollen vergrub oder bei den Tieren war. Da hat er offenbar Kontakt zu Demuth gehabt. Ihre beste Freundin Wigdis ist heute Magd auf Burg Urkenfurt. Sie hat sich zwar sehr bedeckt gehalten, ihre Eltern und ihr Großvater haben mir aber einiges erzählt und meinen Verdacht erhärtet, dass der Baronet etwas mit den Mädchenmorden zu tun hat. Ritter Ludopoldt und alle anderen, die ich befragte, versicherten zwar, dass Ingrold keiner Fliege etwas zuleide tun könne, dass er trotz seiner Eigenheiten gemocht wurde. Bei dem ein oder anderen klang jedoch auch durch, dass er sehr aggressiv werden konnte, wenn er nicht bekam was er wollte.“

Die Miene ihres Vaters wandelte sich. Die Falten auf der Stirn und zwischen den Augenbrauen wurden mehr. Er dachte nach. Dabei zwirbelte seine Linke den Oberlippenbart oder strich den Kinnbart nach unten aus.
„Hm, das ist aber dünnes Eis, meine Liebe!“, gab er zu bedenken. „Du konntest als Kind auch sehr schnell wütend werden, wenn du nicht bekommen hast, was du dir eingebildet hattest.“

Lyssandra verzog das Gesicht. „Das ist doch ganz was Anderes!“, beharrte sie. „Ich meine, das ist ein begründeter Verdacht! Natürlich habe ich keine Beweise, aber ich werde Ritter Ludopoldt bei seinen Ermittlungen hier in der Schwarzen Au und in Urken wo die Schäferin Assunta getötet wurde begleiten und meine Befragungen auf die Beschreibung des Verdächtigen und auch explizit auf den Baronet ausweiten. Vielleicht hat ja damals dort auch jemand einen grobschlächtigen und extrem großen jungen Mann gesehen. Mit etwas Glück kennt sogar jemand den Baronet. Wer weiß?“

Ihr Vater schüttelte ungläubig den Kopf. „Kann ich mir kaum vorstellen. Immerhin hat ihn ja kaum jemand zu sehen bekommen. Aber natürlich ist es sinnvoll, die alte Sache unter den neuen Erkenntnissen noch einmal aufzurollen. Was für eine unangenehme Angelegenheit. Stell dir vor, der Verdacht erhärtet sich? Der Baronet in Mordverdacht? Bei allen Götter! Wie steht denn Ludopoldt dazu?“

„Er hält den Baronet für harmlos, auch wenn selbst er zugab, dass Ingrold so aggressiv werden konnte, dass nur Mutter Marinad ihn beruhigen konnte, weshalb dann wohl auch die Entscheidung fiel, ihn in ihre Obhut in einen Traviatempel zu geben. Und gerade, weil er von der Unschuld des Baronets überzeugt ist, möchte ich ihn begleiten und sicherstellen, dass auch Fragen in diese Richtung gestellt werden. Sonst erfahren wir nie, ob er etwas mit der Sache zu tun hat.“

Lyssandra atmete tief durch. Ihr Vater griff nach dem Met und nippte. Warnend hob er den Zeigefinger. „Pass auf, Lyssandra, dass du dich da nicht in die Nesseln setzt! Du musst dir deiner Sache schon ganz sicher sein, wenn du so einen tiefgreifenden Verdacht aussprichst! Sonst machst du dir die Baronin zur Feindin. Das können wir gar nicht gebrauchen!“

Die älteste der Finsterborntöchter nickte nachdenklich. „Ich weiß, aber irgendetwas sagt mir, dass Grimmwulf denselben Verdacht hatte, als ich ihr von den Beschreibungen der Zeugen und dem Vergleich mit ihrem Sohn erzählte. Wenn es mir gelingt, nachzuweisen, dass Ingrold nicht in dem Traviatempel ist, dann wäre die Indizienlage fast erdrückend.“

Der Junker der Schwarzen Au nickte und wollte gerade noch etwas erwidern als Trasine eintrat und die Ankunft des Gastes ankündigte.

Ritter Ludopoldt von Geißenbart erschien in braunen Beinlingen und einer waldgrünen Tunika. Ein breiter Gürtel hielt diese unter seinem Bauch zusammen.

Theofried stützte sich aus dem Lehnstuhl hoch und ging dem Gast entgegen. Lyssandra fiel wieder auf, dass er die ersten Schritte nach dem Aufstehen wie ein Seemann hin und herschwankte bevor sich sein Gang einigermaßen normalisierte.

Die beiden Männer begrüßten sich mit dem Rittergruß. Ludopoldt, der gut 20 Jahre jünger war als der Junker aus der Schwarzen Au ließ es nicht an Respekt fehlen.
„Rondra zum Gruße, Junker Theofried, und hab Dank für die traviagefällige Gastung. In dieser ungemütlichen Jahreszeit ist man froh um eine so angenehme Unterkunft. Ich freue mich heute Gast an Eurer Tafel zu sein.“

„Die Freude ist ganz auf unserer Seite“, versicherte der Finsterborner und machte eine einladende Geste um Ludopoldt an den Tisch zu bitten.

Sie setzten sich und Kunibert erschien mit einem Krug, stellte ihn ab und blieb wartend stehen.
Theofried von Finsterborn schob Ludopoldt einen der Silberbecher hin, die aus der Aussteuer seiner verstorbenen Gemahlin stammten. Das edle Stück hatte eine Gravur, die eine Stadtsilhouette zeigte. Bei genauerem Hinsehen konnte man Vinsalt erkennen.
„Nimmst du Bier oder Met? Einen Yaquirtaler hätte ich auch im Weinkeller. Was bevorzugst du?“

Ludopold schüttelte den Kopf. „Ein Bier ist gerade recht, wenn es schön kühl ist.“

Daraufhin nickte Theofried dem Gutsverwalter zu und Kunibert schenkte den goldenen Gerstensaft in den Silberbecher. Dann hob er den zweiten Becher an und bedachte den Junker mit einem fragenden Blick. „Ja, mir auch, Kunibert. Danke!“

Das Bier floss in den zweiten Becher, der die Silhouette von Kuslik zeigte und auch mit dem Stadtnamen beschriftet war. Der dritte Becher ging an Lyssandra. Vorsichtig fragte der Gutsverwalter nach. „Auch Bier, Wohlgeboren?“

Lyssandra schüttelte den Kopf. „Gerne einen warmen Met und zum Essen etwas Wasser, Kunibert.“

Der Mann tat wie geheißten und verschwand um bald darauf mit dem dampfenden Met und einem Krug mit Wasser zurückzukehren.

Roselind, die Köchin, erschien gemeinsam mit Anci. Sie brachten einen Suppentopf und ein frisch gebackenes Brot. Der Topf enthielt einen Eintopf aus Entenklein und Wurzelgemüse. Eylin begleitete die Frauen. Das 8 Götterläufe zählende Mädchen begrüßte den ihr fremden Ritter höflich und setzte sich dann neben seine Mutter. Sie plapperte zunächst noch fröhlich und petzte, dass Roselind einen Nachtisch vorbereitet habe. Das indignierte „Schhh… still, Eylin!“ ihrer Mutter, brachte sie zum Schweigen. Die Köchin lachte und löffelte mit einer Schöpfkelle Eintopf in die Teller, die Anci ihr reichte. „Na, immerhin hat sie nicht verraten was es gibt!“

„Soll ich´s sagen?“, fragte die Kleine in kindlichem Übermut. Rote Bäckchen verrieten, dass sie es kaum aushielt dieses Geheimnis für sich zu behalten.

„Untersteh´ dich!“, schalt Lyssandra.

Unruhig wepste Eylin auf ihrem Stuhl herum. Der Ritterin wurde es zu dumm. „Jetzt sitz still und iss deinen Eintopf, Eylin! Das gehört sich nicht! Ich sollte mir überlegen, dich zu Großtante Alisa zu schicken vor deiner Knappenzeit. Dort lernst du, wie man sich bei Tisch benimmt!“

Entsetzt blieb Eylin still sitzen und griff ihren Löffel. Die Drohung schien zu wirken. Lyssandra lächelte entschuldigend Ludopoldt zu. „Meine Tante Alisa ist Richterin gewesen in der Domäne Pertakis im Lieblichen Feld. Etikette und Benehmen bei Tische werden dort mit der Muttermilch aufgesogen. Ich durfte selbst erleben, wie meine Verwandten in Monsalto einen weidener Rohling zu einem horasischen Diamanten schleifen.“

Ludopoldt nickte kauend. „Hm, ja ja, Horasier…“

Die entstehende Pause nutzte Theofried um auf den Grund von Ludopoldts Aufenthalt auf Gut Schwarze Au zurückzukommen.
„Wie willst du deine Ermittlungen angehen, Ludopoldt?“

Der Ritter der Baronin von Urkentrutz riss ein Stück des frischen Brotes ab und tunkte es in den Eintopf. Er stopfte es in den Mund um Zeit zu haben sich eine Antwort parat zu legen. Erst geraume Zeit später, alle Augen waren auf ihn gerichtet, antwortete er.
„Nun, deine Tochter sagte ja schon, dass sie den Fundort der Leiche kennt. Auch wenn es schon lang her ist, will ich mir doch einen persönlichen Eindruck der Fundstelle machen. Danach werde ich selbst noch einmal die Eltern und die Dorfbewohner befragen.“

Lyssandra horchte auf. Sie winkte Anci zu sich. „Nimm Eylin mit dir! Das sind keine Gespräche für ein Kind! Und sorg dafür, dass wir ungestört bleiben!“

Die Magd nahm die jüngste Tochter der Finsterbornerin mit sich nach draußen. Der Rest der Anwesenden setzte das Mahl fort.

Er rührte wieder mit einem Brotkanten im Eintopf. „Sehr lecker, das mit Entenfleisch zu machen. Das habe ich noch nicht oft gehabt.“

Theofrieds Augenbrauen zogen sich ärgerlich zusammen. „Das ist auch das einzige, was man mit den Mistviechern machen kann“, knurrte er. „Scheißen mir immer in die Fischweiher. Das verdirbt die Forellen, Saiblinge, Brachsen und Karpfen.“

Der Ritter von Burg Urkenfurt mümmelte weiter und erwiderte nichts. Theofried setzte erneut an.
„Klar, du musst dir ja ein eigenes Bild machen. Was hast du denn bisher für einen Eindruck. Nach was für einem Kerl suchen wir hier? Er hat innerhalb meines Lehens bereits dreimal gemordet. Alles hübsche, blutjunge Mädchen. Ludopoldt! Das muss Grimmwulf doch auch Sorgen machen, oder nicht? Und dir doch auch, nicht wahr?“

Ludopoldt nickte kauend. Der erregte Unterton in der Stimme des Junkers war ihm nicht entgangen.
„Gewiss, Theofried, gewiss! Sie ist sehr in Sorge und ich natürlich auch. Aber bislang haben wir keinen konkreten Verdacht.“

„Du hast doch alle Morde untersucht. Gibt es denn keine Gemeinsamkeiten? Die großen Füße und die Aussagen, dass sich ein großer, junger Mann in der Nähe der Tatorte herumgetrieben hat. Was ist damit?“

Der Ritter schob sich gerade den letzten Kanten Brot in den Mund. Umständlich kaute er und ließ sich mit dem Schlucken extra viel Zeit.
„Das weiß ich bislang nur von deiner Tochter und von der Wirtin in der „Seidelbast-Rast“…

„Bei Eberhilde Osmetz gab es auch solche großen Fußspuren!“, unterbrach der Junker den Gast.

Ludopoldt nickte. „Ja, schon, aber bei den anderen Morden konnte ich keine entsprechenden Stiefelabdrücke finden und Zeugen gab es wohl nicht.“

Der Finsterborner wirkte unzufrieden. „Der Kerl läuft da draußen frei herum und mordet unschuldige urkentrutzer Maiden! Ludopoldt, das muss ein Ende haben!“

Der Sachverhalt war dem Ritter sichtlich unangenehm. „Du hast ja recht, Theofried, aber ich kann ja nicht einfach irgendjemanden festsetzen. Es muss schon ordentlich ermittelt werden. Grimmwulf wird nicht so mir nichts dir nichts ein Urteil fällen, wenn es keine sicheren Beweise gibt. Verstehst du? Wir haben nichts, was uns eindeutig zu einem Täter führt!“

Das Familienoberhaupt der Finsterborns blickte äußerst unzufrieden auf den Dienstritter der Baronin und murmelte ein letztes Mal. „Es muss ein Ende haben!“

Da erschien Roselind mit dem Nachtisch. Sie stellte einen großen irdenen Topf mit konischem Deckel auf den Tisch und hob den Tondeckel an. Im Inneren lagen mehrere vom Schmoren runzlige Äpfel.
„Die Bratäpfel, Euer Wohlgeboren!“, deklarierte die Köchin und zu dem Gast fügte sie erklärend hinzu. „Sie sind eine Spezialität der Schwarzen Au. Gefüllt sind sie mit Walnüssen, Haselnüssen und Einbeerenmarmelade.“

Sie hob mit einem Löffel Apfel für Apfel auf kleine Teller und reichte jedem einen Löffel.
„Wohlschmecken!“ wünschte Roselind bevor sie abging.