Dramatis Personae
- Lyssandra von Finsterborn
eine Ritterin aus Urkentrutz - Grimmwulf von Hartenau
Baronin von Urkentrutz - Ritter Ludopoldt
Dienstritter auf Burg Urkenfurt - Theofried von Finsterborn
Junker der Schwarzen Au
Ein neuer Mord
Baronie Urkentrutz, Ende Efferd 1043
Das Wetter war genauso grau und trüb wie Lyssandras Stimmung. Die Nachricht von einem weiteren, vierten Mädchenmord hatte am Vortag die Bewohner des Junkergutes Schwarze Au erreicht. Nach dem Mord an einem jungen Mädchen aus Urkenfurt im Phex 1038, wurden einen Götterlauf später in allernächster Nähe zwei jungen Frauen geschändet und ermordet. Seit dem Peraine 1039 war dann kein Mord mehr geschehen. Die Menschen in der Baronie hatten die Morde aber nicht vergessen und fürchteten sich davor, ihre Töchter alleine aus dem Haus gehen zu lassen. Wie so oft trieben unerklärliche Morde die Phantasie an und so gab es bald wilde Gerüchte und kuriose Geschichten über blutsaugende Vampire und Werwölfe, die es auf Jungfrauen abgesehen hätten. Lyssandra glaubte solche Geschichten nicht. Sie hatte zwei der drei Mädchenleichen mit eigenen Augen gesehen und war sich sicher, dass man es mit einem menschlichen, wenn auch unmenschlich grausamen, Mörder zu tun hatte.
Die Hoffnung, dass der Mörder die Baronie verlassen habe oder geläutert zu einem zwölfgöttergefälligen Leben zurückgekehrt war, hatte sich am Vortag zerschlagen. Eine 19-Jährige war auf dem Weg zwischen dem Junkergut Schwarze Au und Oberwaldig tot aufgefunden worden. Alles deutete darauf hin, dass das „Monster von Urkentrutz“, wie die Baroniebewohner den Täter inzwischen nannten, wieder zugeschlagen hatte.
Tief beunruhigt hatte Lyssandras Vater, Theofried von Finsterborn, bereits beim ersten der Morde seiner Tochter den Auftrag gegeben, Erkundigungen einzuziehen, die zur Ergreifung des Täters führen sollten. Doch die Ermittlungen erwiesen sich ausnehmend schwierig. Denn Baronin Grimmwulf von Hartenau, die den Bewohnern ihrer Baronie zugesichert hatte, sich dieser Sache anzunehmen, schien entweder damit überfordert oder mit anderen Dingen so beschäftigt zu sein, dass außer ein paar Erkundigungen, die sie von einem Ritter ihrer persönlichen Leibwache hatte durchführen lassen, nichts geschehen war.
An diesem trüben, grauen Efferdmorgen nun begab sich Lyssandra gemeinsam mit ihrem Vater ins Dorf Schwarze Au, um sich die Mädchenleiche anzusehen und die Dorfbewohner über die Umstände zu befragen, unter denen Ilmentrud aufgefunden worden war. Da Theofried, schon 82 Winter zählend, seit einem schweren Sturz vom Pferd vor mehr als 10 Wintern nicht mehr in den Sattel stieg, hatte Lyssandra einen Spaziergang ins Dorf vorgeschlagen. So konnten sie sich auch gleich ein Bild von der Fundstelle machen. Der Bote, einer der Eigenhörigen des Junkers, hatte den Platz genau beschrieben. Und tatsächlich. Sie fanden die Stelle an der das Gebüsch, das den Weg begleitete, so niedergetreten war, dass unzweifelhaft war, dass dort das Verbrechen stattgefunden hatte. Blut war auf dem matschigen Grund kaum auszumachen und die Vielzahl an Fußspuren erschwerte eine genaue Analyse.
Theofrieds Blick ging den Urkenweg hinauf und hinab, dabei stütze er sich auf seinen Stock.
„Von wo der Mistkerl wohl gekommen ist?“, murmelte er.
Lyssandra zuckte die Achseln. Da gibt es leider mehrere Möglichkeiten. Er könnte aus Oberwaldig oder den Dörfern Jammerried und Stegelsche gekommen sein, ebenso wäre möglich, dass er aus Urken kam über den Weg aus Herzoglich Waldleuen. Naja, und wenn man es genau betrachtet, könnte er auch aus Bingenbrück in Kaiserlich Blaubinge in Richtung Schwarze Au gelaufen oder geritten sein oder umgekehrt aus Urkenfurt.
Der Junker der Schwarzen Au nickte grimmig. „Viele Möglichkeiten, zu viele!“
Seine Tochter bestätigte. „Das war bei den vorangegangenen Morden auch das Problem. Der erste fand in der Nähe von Urkenfurt statt. Man fand man das Mädchen namens Demuth in einer Schonung an dem Weg, der den Blautann umgeht, um dann später auf den Alten Weg zum Rhodenstein zu treffen. Auch da gibt es mehrere Möglichkeiten, woher der Täter gekommen sein kann. Und bei den beiden, die 1039 geschändet und ermordet wurden, konnte auch nicht ausgemacht werden woher der Täter gekommen war. An solchen Verbindungswegen zwischen den Baronien muss man immer davon ausgehen, es mit jemandem zu tun zu haben, der nur auf der Durchreise ist. Was mir allerdings große Sorgen macht, ist, dass der Täter unsere schöne Gegend besonders häufig aufzusuchen scheint. Ein Glück, dass Minerva nun bei Oberon Uhlredder Knappin ist. Wobei…“, sie grübelte kurz, „wir können uns auch nicht sicher sein, dass der Mörder nicht aus Stegelsche oder Oberwaldig stammt. Dann ist sie genauso in Gefahr, wie wenn sie hier wäre. Das Ganze muss ein Ende haben!“
Theofried von Finsterborn nickte zur Bekräftigung. Auch ihm war es ein Gräuel, einen Mädchenmörder in der Nähe seiner Enkelinnen zu wissen. Denn neben der älteren, Minerva, die 16 Winter zählte, war da ja auch noch Eylin, die jüngste, die gerade mal 9 Winter alt war. Unerträglich war die Vorstellung, dass eine von ihnen das nächste Opfer sein könnte.
Sie suchten noch eine Weile die Umgebung ab. Nach einiger Zeit fanden sie Fußspuren, die vom Fundort der Mädchenleiche in ein angrenzendes, bereits abgeerntetes Feld führten. Dort waren die verbliebenen Strohhalme geknickt und in den besonders feuchten Bereichen konnte man sogar die Abdrücke großer, schwerer Stiefel erkennen. Ungläubig zeigte der Junker mit seinem Stock auf das Ausmaß der Fußspur.
„Sieh dir das an. Hast du jemals so große Fußabdrücke gesehen? Womit haben wir es hier zu tun? Ist das die Fußspur eines Menschen?“
Lyssandra beugte sich über die Fußspur. „Dieser Stiefelabdruck ist tatsächlich riesig. Aber hast du schon einen Ork oder Oger mit Stiefeln gesehen? Ich nicht!“
Sie suchten nach weiteren Fußabdrücken und konnten schließlich feststellen, dass der Geflohene in Richtung Nordosten gelaufen sein musste.
Wortkarg und jeder vor sich hin grübelnd wanderten Lyssandra und ihr Vater weiter ins Dorf Schwarze Au. Ilmentrud war im Haus ihrer Eltern, einem Freibauernehepaar, aufgebahrt. Der Hof lag am Rande der Ortschaft, nicht weit von der Fundstelle entfernt. Die Familie Weichselbaumer lebte von der Ernte und Verarbeitung des Schilfrohrs zu Reet, mit dem die Dächer der meisten Häuser gedeckt waren. Außerdem betrieben sie eine Korbflechterei. Ilmentrud war die älteste der fünf Töchter gewesen – und damit diejenige, die den Hof dereinst hätte übernehmen sollen, weshalb sie auch noch bei ihren Eltern lebte. Einen Sohn hatte Tsa der Familie nicht gegönnt.
Die Trauer im Haus der Freibauern war groß. Gernfruw, die Bäuerin, sah ihren Lehnsherrn verheult an, als der Junker und seine Tochter durch die niedrige Tür eintraten. Sie senkte zur Begrüßung den Kopf. Eingeschüchtert durch das grausame Unglück, das ihre älteste Schwester ereilt hatte, mieden die vier weiteren Mädchen den Blick der Neuankömmlinge und verdrückten sich in die hinterste Ecke der Guten Stube.
„Die Zwölfe zum Gruße, Gernfruw!“, begrüßte der Junker die Frau. „Mein Beileid! Möge deiner Tochter die Gnade Borons zuteilwerden.“
Lyssandra wollte sich der Beileidsbekundung anschließen, doch bevor sie etwas erwidern konnte, brach die arme Frau in Tränen aus.
„Euer Wohlgeboren, sie war doch noch so jung!“
Theofried und Lyssandra nickten mitfühlend.
„Eine Tragödie, Gernfruw, fürwahr!“, schloss die Tochter des Junkers sich an.
„Was ist das für eine Bestie, die so etwas zustande bringt?“ In einer Mischung aus Verzweiflung und Wut presste die einfache Frau diese Frage hervor. Sie drehte das tränennasse Gesicht Lyssandra zu. „Glaubt Ihr auch an die Gerüchte von Werwölfen und Vampiren?“
Diese schüttelte den Kopf. „Nein, Gernfruw, an solche Geschichten glaube ich nicht. Ich habe zwei der drei Opfer dieses Unholds mit eigenen Augen gesehen. Nichts deutete auf die Taten eines Vampirs oder Werwolfes hin. Beide Mädchen waren ebenso wie das aus Urkenfurt geschändet und erschlagen oder erwürgt worden. Keine Anzeichen von Reißzähnen oder Male von Blutsaugern. Ist es denn bei Ilmentrud anders?“
Die Bauer schüttelte den Kopf. „Nein, Hohe Frau, es war gewiss ein Lustmord. Wollt Ihr sie sehen?“
Lyssandra bejahte. Der Junker hingegen schüttelte den Kopf. Er wollte der Frau ersparen als Mann die Feststellung einer Schändung ihrer Tochter zu bestätigen. „Meine Tochter übernimmt das, Gernfruw. Ich wüsste gerne mehr darüber wann und wie man sie gefunden hat.“
Er zückte eine Wachstafel um sich Notizen zu machen.
Während Lyssandra in den ans Haus angrenzenden Schuppen ging, wo man die Tote aufgebahrt hatte, ließ sich Theofried von Finsterborn die Fundumstände schildern. Die Bauersfrau schilderte, dass sie ihre Tochter nur kurz geschickt hatte, um vom Hof der Tante, die bald hinter der Abzweigung nach Oberwaldig wohnte, ein paar Eier zu holen. Als sie nach mehr als zwei Wassermaß nicht zurückgekommen war, war Gernfruw selbst aufgebrochen sie zu suchen. Sie hatte vermutet, dass sich Ilmentrud bei den Nachbarn länger aufgehalten hatte, da sie mit dessen Tochter gut befreundet war. Bald war sie auf zwei aufgeregte Männer aus dem Dorf getroffen, die versuchten sie davon abzuhalten weiterzugehen. Die beiden hatten das geschändete und getötete Mädchen gefunden und schworen Stein auf Bein, dass sie kurz zuvor einen Riesen durch die Felder entlang des Weges hätten rennen sehen. Er schien sich direkt von dem Fundort der Mädchenleiche über die Felder davongemacht zu haben.
Theofried sah die Frau zweifelnd an. „Ein Riese? Das ist doch genauso haarsträubender Unsinn wie die Mär von den Vampiren und Werwölfen. Waren die Kerle nüchtern?“
Doch dann begann er zu grübeln. Konnte das die Erklärung für die besonders großen Stiefelabdrücke sein?
Gernfruw hob entschuldigend die Schultern. „Das haben sie gesagt. Sie schworen mir, der Kerl sei ein Riese gewesen.“
Stirnrunzelnd notierte der Junker die Aussage der Bauersfrau. „Wo kann ich diese beiden Männer finden? Ich würde sie gerne persönlich befragen. Hat sonst noch jemand was beobachtet oder gehört?“
„Nun, die Männer hatten wohl schon Ilmentruds Schreie gehört, aber bis sie aus dem Wald, in dem sie beim Holz holen waren, die Herkunft der Schreie herausfinden konnten, ist es zu spät gewesen.“
Sie schluchzte auf.
Theofried legte der Frau beruhigend die Hand auf die Schulter. Er versprach ihr, den Mörder ihrer Tochter zu finden und der Gerichtsbarkeit zu übergeben. Gernfruw schüttelte weinend den Kopf. „Bislang hat ihn niemand überführt und wenn es stimmt, dass er ein Riese ist, dann werdet Ihr ihn wohl auch nicht überwältigen können, mit Verlaub, Hochgeboren! Aber fragt im Dorf einmal nach Bernwart und Greinwulf, die haben Ilmentrud gefunden und den Mörder gesehen. Vielleicht können sie Euch mehr sagen.“
„Das mit dem Überwältigen lass mal meine Sorge sein, gute Frau!“ Der Junker grummelte ein wenig, notierte sich aber sogleich die Namen der Männer die Ilmentrud gefunden hatten.
Währenddessen betrat Lyssandra die Scheune. In der Mitte des staubigen Raumes, in dem sich alle Materialien, die man zum Herstellen von Körben, Reetbündeln und -matten benötigte, stapelten, war auf einem Leiterwagen eine Person aufgebahrt. Bedeckt von einem einfachen grauen Leintuch, war Ilmentrud nicht zu erkennen.
Hinter der Aufgebahrten erblickte die Ritterin den Vater des Mädchens. Er saß auf einem Hocker und hatten den Kopf in die Hände gestützt. Als er Lyssandra hörte, sprang er auf. Auch sein Gesicht war gerötet vom Weinen. Weidebrecht Weichselbaumer begrüßte sie ehrerbietig mit einer Verbeugung. Lyssandra trat näher und kondolierte dem Mann. Er nickte dankbar. Unsicher, was sie sonst sagen sollte, machte die Ritterin eine Geste zu der aufgebahrten Ilmentrud hin.
„Darf ich sie mir ansehen?“
„Sicher“, erwiderte Weidebrecht. „Meine Frau hat sie extra noch nicht gewaschen, weil sie schon vermutet hat, dass Ihr und Euer Vater sie ansehen wollt.“ Er ließ Die Tochter des Junkers allein.
Erst als Lyssandra den Stoff vom Gesicht der Toten zog, erkannte sie das Mädchen wieder. Sie hatte Ilmentrud wohl schon das ein oder andere Mal auf den Dorffesten gesehen. Das zarte Gesicht war von hellbraunen Locken umgeben. Feenküsschen spielten rund um ihre kleine Stubsnase. Ihr Gesicht ließ sie fast noch wie ein Kind aussehen, der frauliche Körper aber verriet, dass das ein Trugschluss war. An der rechten Schläfe war das Haar blutverklebt und eine klaffende Wunde öffnete den Blick auf den zertrümmerten Schädelknochen. Eine stumpfe Waffe, vermutlich ein Feldstein, hatte den Schädel des Mädchens eingedrückt. Das Blut war an der Seite des Kopfes herabgelaufen. Die Augen hatte man ihr geschlossen, doch der Mund stand ein wenig offen. Die Lippen waren von den Schlägen aufgeplatzt. Ein Blick auf den Hals Ilmentruds offenbarte Würgemale und Kratzer. Genauso hatte die Leiche der Schäferin Assunta ausgesehen. Auch sie war gewürgt und erschlagen worden.
Schließlich schlug Lyssandra das Tuch gänzlich zur Seite. Das einfache Leinenkleid war verdreckt und zerrissen. Ilmentruds Brüste, hatte die Mutter wohl notdürftig mit dem in Fetzen hängenden Stoff bedeckt. Vorsichtig schob die Ritterin den Stoff beiseite. Auch hier zeigten sich Kratzer und blaue Flecken rund um die Brüste. Der Unterleib wies ebenfalls Blutergüsse und Schwellungen auf. Blutspuren zwischen den Schenkeln zeigten eindeutig die Male der Schändung.
Lyssandra betrachtete das arme Mädchen. Sie war zwar das bislang älteste Opfer, aber immer noch nicht viel älter als ihre Tochter Minerva. Vielleicht hatten die beiden früher sogar auf einem der Dorffeste miteinander gespielt, die während des Götterlaufs gefeiert wurden. Wut kroch in der Ritterin hoch. Was für ein abscheuliches Monster hatte die arme Ilmentrud und die anderen drei Mädchen so zugerichtet? Sorgfältig, fast liebevoll, deckte sie das tote Mädchen wieder zu. Sie sprach ein Gebet an den Unbarmherzigen, bat ihn und die milde Etilia, Ilmentrud sanft über das Nirgendmeer zu geleiten und ihr den Zugang zu den zwölfgöttlichen Paradiesen zu gewähren. Dann kehrte sie in die Stube zurück, wo ihr Vater mit den Eltern und den Schwestern der Getöteten beisammensaß und eifrig Notizen machte.
Einige Zeit später wanderten Lyssandra und ihr Vater weiter ins Dorf. In der Dorfschänke, die „Zur Schwarzen Au“ hieß, trafen sie, wie Gernfruw vermutet hatte, die beiden Holzfäller Bernwart und Greinwulf. Die beiden saßen mit zwei anderen Männern und einer Frau beim Met. Beim Näherkommen schon hörten sie, dass sich das Gespräch um den Mädchenmord drehte. Als die Männer des herannahenden Junkers und seiner Tochter gewahr wurden, rumpelten sie auf.
„Rondra zum Gruße, Wohlgeboren!“, rief der ältere der beiden Holzknechte. Sein graues Haar hing ungepflegt über das Kinn herab. Der zweite, dunkelblonde Mann, der etwa 40 Winter zählen mochte, stammelte ebenfalls einen Gruß. Nun erhoben sich auch die anderen am Tisch und boten Theofried von Finsterborn und seiner Tochter ihre Plätze auf der Bank an. Der Junker nickte dankend. Sie nahmen Platz.
Eilig kam die Schankmaid heran und fragte die hohen Gäste was sie trinken wollten und ob sie auch zu speisen gedächten. Theofried bestellte Met für sich und Lyssandra. Dann sah er von einem zum anderen.
„Ich habe gehört, dass ihr die bedauernswerte Ilmentrud gefunden habt und auch den Mörder gesehen habt. Ist das richtig? Darf ich euch um eure Namen bitten?“
Der Junker zückte die Wachstafel.
Dieses Mal war es der Jüngere, der zuerst den Mund aufmachte. „Ich bin der Bbbb…Bernwart.“
Der Ältere nannte seinen Namen. „Greinwulf ist mein Name. Ja, wir haben die arme Kleine gefunden. Ein Jammer!“
Nun meldete sich Bernwart wieder zu Wort. „E..e..ein R…R…R..Riese war´s!“
Greinwulf mischte sich ein. „Er stottert“, erklärte er knapp mit einer Kinnbewegung in Richtung Bernwart. „Aber er hat recht. Ein Mensch war das nicht. Ich mein … wir haben ihn ja laufen sehen.“
Die Augenbrauen des Junkers schnellten nach oben. „Wie? Ein Mensch war es nicht? Ja, was dann? Ein Ork? Oder ein Oger? Hat er schon einmal welche hier gesehen?“
Greinwulf nickte erst, dann schüttelte er energisch den Kopf. „Ne, nicht wie so´n Ork. Nicht so, aber einfach riesig, er hatte einen sehr langen Körper. So nach vorn gebeugt ist er gelaufen. Habt Ihr die Fußabdrücke gesehen?“
Theofried nickte. „Ja, die waren wirklich beeindruckend. Was könnt ihr mir über den Mann sonst erzählen? Wie weit war er schon entfernt als ihr an den Tatort kamt?“
Wieder war es der Ältere der antwortete. „Er war schon gut 50 Schritt entfernt. Er muss uns gehört haben, als wir durch den Wald gerannt sind. Wir haben die markerschütternden Schreie gehört und sind ohne Rücksicht durch das Unterholz gebrochen. Aber wir kamen zu spät.“
Das war leider Tatsache. Was wäre nur gewesen, wenn die beiden früher auf die Untat aufmerksam geworden wären? Aber es war müßig darüber nachzugrübeln.
„Aber aus dem Dorf war es sicher niemand? Ihr kanntet ihn nicht, oder?“
Beide Holzknechte schüttelten den Kopf. Bernwart beteuerte: „Nee, von uns hier war das k…k…keiner! D…d…das hätten wir gemerkt. Hier gibt es k…keine R…Riesen!“
Als die Schankmaid wiederkam, fragte der Junker der Schwarzen Au ob sie in den vergangenen Tagen einen überdurchschnittlich großen Mann beherbergt habe oder ob er zum Essen in der Schenke eingekehrt war. Gundi, wie man die junge Frau nannte, schüttelte ebenfalls den Kopf.
Auch die weiteren Gäste, die Lyssandra und ihr Vater nach und nach befragten, konnten keine dienlichen Hinweise auf den „Riesen“ geben. Enttäuscht und ratlos machten sich die beiden auf den Rückweg zum Gutshof.
In den kommenden Tagen verbrachte vor allem Lyssandra viel Zeit mit der Befragung der Menschen, die in und um das Dorf Schwarze Au wohnten. Sie notierte alle Aussagen und versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Ein paar der Dorfbewohner wollten einen jungen Mann gesehen haben, der ungewöhnlich groß gewesen sei. Er war wohl in den vergangenen Tagen in den Wäldern um das Dorf und am Bingenbach herumgestrichen. Eine Frau hatte ihn aus der Nähe gesehen. Er habe einen dümmlichen Gesichtsausdruck gehabt und auch sonst irgendwie „verschossen“ gewirkt. Alles an ihm wäre zu lang gewesen. Angefangen bei Nase und Ohren bis zu den Armen, die ihm fast bis zu den Knien herabgereicht hätten. Diese Aussage deckte sich mit der der beiden Holzknechte.
Am Abend des 4. Travia saßen Theofried von Finsterborn und seine Tochter im Schein zweier Kerzenständer an der langen Tafel im Rittersaal. Gemeinsam gingen sie alle Erkenntnisse durch, die sie zu allen Morden gesammelt hatten. Lyssandra hatte alle Wachstafeln mit Notizen auf der Rittertafel ausgebreitet. Die Kandelaber rechts und links sorgten für eine bessere Beleuchtung. Vier Zinnbecher standen auf dem Tisch. Für jedes Opfer eines.
„Also, gehen wir es nochmal durch.“ Sie legte einen Zeigefinger auf den ersten Zinnbecher. „Das erste Opfer, die schöne Demuth aus Urkenfurt. Da wissen wir nicht viel. Nur, dass sie auf dem Weg lief, der den Blautann umgeht und dann später auf den Alten Weg zum Rhodenstein trifft. Kannst du dich erinnern, dass der Ritter der Baronin, auch nicht viel herausgefunden hatte?“
Der Vater nickte. „Ich habe es hier notiert. Sie wurde wohl geschändet und erwürgt. Zeugen soll es keine gegeben haben. Im Fantholi stand, sie habe 20 Winter gezählt, aber die Leute vor Ort haben mir gesagt, dass sie viel jünger war – nämlich gerade einmal 14. Der Schreiber ist wohl mit den Zahlen durcheinandergeraten und hat am Ende bei keinem Mädchen das richtige Alter angegeben. Eine Schande, was da manchmal so Falsches verbreitet wird.“
Lyssandra schüttelte den Kopf. Es war in der Tat bestürzend, aber es würde sie nicht davon abhalten, es besser zu machen und die richtigen Fakten zusammenzutragen! Sie beugte sich erneut über die Notizen. „Ja, die Informationen, die wir zu dem Fall haben, sind dürftig. Hm, vielleicht sollte ich nach Urkenfurt reiten und selbst noch einmal nachforschen?“
Theofried von Finsterborn schien zu grübeln. „Hm, ja, lass noch einmal sehen, was wir von den anderen Mordfällen haben.“
Die 42 Winter zählende Ritterin tippte mit dem Finger auf den nächsten Zinnbecher. „Der hier steht für Eberhilde Osmetz. An sie erinnere ich mich noch sehr gut. Du kanntest sie auch, nicht wahr? Ein sehr hübsches Mädchen aus dem Dorf Schwarze Au. Sie wurde unweit der Abzweigung nach Eichweiler im Schnee gefunden. Ihr Blut hatte den jungfräulich-weißen Schnee, der in der Nacht zuvor gefallen war, rot gefärbt. Ein schrecklicher Anblick!“
Oh ja, der Junker erinnerte sich durchaus. Es war im Boron 1039 gewesen. Lyssandra hatte ihn zum Fundort der Leiche begleitet. Ein Blick genügte um zu erkennen, dass es sich um eine Schändung gehandelt hatte. Der Unterleib des Mädchens entblößt, Blut zwischen ihren Beinen. Dazu das Gesicht übersät von blauen Flecken und Platzwunden. Vom Täter keine Spur.
„Was für ein Jammer! Sie war wirklich ein ausgesprochen hübsches Mädchen, erst 16 Winter … und keine Zeugen! Aber erinnerst du dich, Lyssandra? Auch da gab es diese ungewöhnlich großen Stiefelabdrücke, die aus dem Wald gekommen waren und an anderer Stelle wieder hineingeführt hatten. Da waren wir uns sicher, dass die vom Mörder waren. Denn im Gegensatz zu den anderen Spuren derer, die sie gefunden hatten, führten diese hin und wieder weg vom Tatort. Wir können jetzt, anhand der Stiefelabdrücke sicher sagen, dass es sich um ein und denselben Mörder handelt.“
Lyssandras Augenbrauen hoben sich. „Richtig! Jetzt, wo du es sagst, erinnere ich mich! Das zeigt uns, dass es derselbe Mörder gewesen ist. Aber was war mit der dritten, mit der Schäferin Assunta?“
Ihr Finger sprang von dem Becher, der Eberhilde repräsentierte, zu dem der 17-jährigen Schäferin Assunta. Auch sie wurde in einem Wäldchen gefunden, in der Nähe der Siedlung Urken. Lyssandra hatte die Leiche nicht mit eigenen Augen gesehen, solange sie noch am Fundort lag, ähnlich wie bei Ilmentrud, doch wenig später, bevor sie auf dem Boronanger von Urken zur letzten Ruhe gebettet wurde. Ein Lustmord, wie bei den anderen Mädchen, war auch hier offensichtlich. Die hübsche Schäferin war ebenfalls geschlagen und gequält worden, bevor der Täter sie erwürgt hatte. Es war eindeutig, dass es sich um ein und denselben Täter handelte. Zu sehr glichen sich die Tatumstände.
„Wir haben den Tatort schon untersucht, aber da sie mitten in dem Wäldchen lag, dessen Boden dicht mit Brombeer- und Preiselbeersträuchern bedeckt war, gab es keine verwertbaren Fußspuren.“
Theofried nickte. „Ich war nicht dabei, aber ich bin mir sicher, dass du alles genau untersucht hast.“
Lyssandra wurde ein wenig rot. Sie hatte sich auch ein wenig auf den Mann verlassen, der sie gefunden hatte. Er war einer der Eigenhörigen des Junkers, der dort Feuerholz gesammelt hatte. Dieser hatte ihr den Platz gezeigt und auch auf die geknickten Äste hingewiesen, die zeigten, wo der Täter das Mädchen in den Wald geschleppt hatte. So wie es schien war er auf demselben Weg wieder auf den Weg zurückgelaufen.
„Nun, das war schwierig.“ Die Tochter des Junkers schilderte den dichten Bewuchs, der keine Fußspuren enthüllt hatte. Theofried von Finsterborn wirkte unzufrieden. „Außerdem war der Peraine 1039 extrem trocken“, gab Lyssandra zu bedenken. „Da hat der Täter keine Fußspuren hinterlassen.“
Der Junker der Schwarzen Au nickte wieder. „Das ist wahr.“ Er kratzte sich am Kopf. „Was machen wir nun?“
Seine Tochter räusperte sich. „Fassen wir zusammen. Wir haben einen Täter mit großen Füßen, zumindest zwei der Tatorte weisen entsprechende Spuren auf. Dazu die Aussage der Holzknechte, die im Falle der armen Ilmentrud einen „Riesen“ gesehen haben wollen und dazu die Beobachtungen mehrerer Leute, die im Dorf und in den Wäldern drumherum einen sehr großen Mann gesehen hatten. Die Aussage der Frau aus dem Dorf, die einen „verschossenen“, sehr großen jungen Mann gesehen hat, der „dümmlich“ wirkte, finde ich besonders bemerkenswert. Alle Tatorte waren in der Nähe einer Straße oder eines Weges und meist in der Nähe eines Wäldchens oder in diesem. Wir haben es also mit jemanden zu tun, der viel unterwegs ist in Urkentrutz und vielleicht auch den Nachbarprovinzen. Er ist äußerst brutal, scheint aber keine Waffe zu tragen, denn alle Opfer wurden erschlagen oder erwürgt. Außerdem sind alle Taten Lustmorde gewesen.“
Theofried von Finsterborn nickte zustimmend. „So ist es. Eines hast du noch vergessen. Alle Taten fanden am helllichten Tag statt. Denn die Familien der Getöteten erzählten alle, dass die Mädchen am Tag unterwegs waren und spätestens bei Einbruch der Dunkelheit vermisst worden waren.“
Die Feder ins Tintenfass tauchend begann Lyssandra die Zusammenfassung der Ermittlungsergebnisse auf ein Pergament zu übertragen.
„Richtig, dass ist auch wichtig. Dreist, nicht wahr? Findest du nicht? Entweder derjenige fühlt sich sehr sicher oder er ist äußerst übermütig. Na ja, vielleicht auch nur brunftig wie ein Kronenhirsch.“
„Ehrlich gesagt glaube ich, dass alle drei Annahmen zutreffen“, grummelte der Junker.
Nachdem die Tinte getrocknet war, rollte Lyssandra das Pergament zusammen. „Hör zu, bevor wir einen Boten zur Baronin schicken und darauf warten, dass sie ihren komischen Ritter zu uns aussendet, übernehme ich das selbst. Du brichst doch sowieso morgen zur Burg Rotdorn zur Hochzeit der designierten Gräfin von Bärwalde, Griseldis von Pallingen, auf. Ich begleite dich nach Urkenfurt. Dort werde ich Grimmwulf von Hartenau über den erneuten Mordfall in der Nähe von Schwarze Au unterrichten und auf jeden Fall noch einmal auf eigene Faust Ermittlungen zu dem ersten Mordfall unternehmen. Vielleicht weiß die Baronin ja mehr als ihr Ritter uns mitgeteilt hat. Ich denke, es lohnt sich, sie zu fragen.“
Überrascht sah der Junker seine Tochter an. „Nun gut, wenn du das wirklich übernehmen möchtest?“
„Und ob ich will! Stell dir mal vor, Minerva oder Eylin könnten Opfer dieser Bestie werden! Ich werde alles daransetzen, dass der Kerl gehenkt wird!“
Energisch stemmte die Ritterin die Hände in die Seiten. Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine scharfe Falte, die keinen Zweifel aufkommen ließ, dass sie es ernst meinte.
Theofried von Finsterborn grinste. „Ich sehe schon, dass du dich nicht davon abbringen lassen wirst. Du weißt ja, dass ich nicht mehr lang im Sattel sitzen kann und die Fahrt mit dem Wagen eine Weile dauert. Was machen wir mit Eylin? Soll sie uns begleiten? Eine solche Hochzeit mit derart hochrangigen Gästen könnte doch interessant für sie sein. Du kommst doch auch zur Hochzeit, oder?“
Lyssandra dachte nach. „Nun, wenn es dich nicht stört, dass sie dir die Ohren vollplappern wird und du wahrscheinlich jede Menge Kinderlieder und -spiele ertragen musst, dann wird die Reise zumindest etwas kurzweiliger für dich. Ich nehme an, Eylin würde sich sehr freuen. Und auch wenn ich eigentlich hierbleiben und das Gut bewachen wollte, werden wir es nun wohl für diese Zeit deinem Gutsverwalter Kunibert Quendeltrost überlassen müssen. Da ich zu Pferd wesentlich schneller bin als ihr mit dem Wagen, reite ich schon voraus. Wir treffen uns dann in Urkenfurt.“
Zufrieden nickte Theofried. Es freute ihn sichtlich, dass seine Tochter und seine Enkelin ihn zur Hochzeit der Gräfin begleiten würden. Sogleich rief er den Gutsverwalter, um alles mit ihm zu besprechen.
Eine Nachricht für Baronin Grimmwulf
Baronie Urkentrutz, Travia 1043
Am frühen Morgen des 5. Travia setzte Lyssandra von Finsterborn vor dem Junkergut Schwarze Au den linken Fuß in den Steigbügel ihrer Warunkerstute Dardanella. Die hob den Kopf und spielte aufmerksam mit den Ohren. Mit einem gekonnten Schwung zirkelte die Ritterin das Bein über die Kruppe der Stute und ließ sich im Sattel nieder. Die Satteldecke zeigte das geteilte Wappen der Familie Finsterborn: oben ein goldener Brunnen auf schwarzem Grund, unten der Schwertarm auf weißem Grund.
Die Ritterin trug eine lederne Reiterbruche, eine langärmlige Tunika mit ledernen Unterarmschützern, eine dick gesteppte Lederweste, sowie ihren Dolch und das Langschwert gegürtet. Dazu hatte sie sich den Köcher und den Kompositbogen, den sie bei den Elfen von der Siedlung Salafaern im Ifirnstann unter der Anleitung von Carion Hirschläufer selbst angefertigt hatte, über die Schulter gehängt. Eine weiße Gugel sollte Hals und Kopf, ein schwarzer, wollener Reiterumhang den Köper vor der zunehmenden Kälte schützen.
Theofried von Finsterborn hielt das jüngste der drei Kinder seiner Ältesten an der Hand. Auch er war in den Farben der Familie gekleidet. Die kleine Eylin war gerade mal 8 Winter alt. Beide trugen bequeme Reisekleidung. Den Wappenrock und eine leichte Rüstung hatte der Junker eingepackt für die Hochzeit. Eylin trug ein einfaches wollendes Kleid und darüber einen Kapuzenmantel.
Der Reisewagen, der zur Aussteuer seiner verstorbenen Gemahlin gehört hatte, stand bereit. Leubrecht, der altgediente Schildknecht des Junkers von Finsterborn, öffnete den Wagenschlag und half erst Eylin und dann seinem Herrn beim Einsteigen. Dann stieg er ein wenig umständlich auf den Kutschbock. Die beiden Kutschpferde hoben die Köpfe und warteten auf das Signal sich in Bewegung zu setzen.
Lyssandra schob das Pergament mit ihren Notizen in die rechte Satteltasche und nickte ihrem Vater zum Abschied zu. Den Gutsverwalter ermahnte sie noch einmal: „Kunibert, gib Rapunzel nicht zu viel zu fressen! Sie wird zu dick!“
Die alte Jagdhündin hob den Kopf. Seit ihre Gelenke vom Alter steif geworden waren, schien das Fressen die einzig verbliebene Freude der treuen Jagdgefährtin zu sein. Man konnte ihr die ungünstige Mischung aus mangelnder Bewegung und zu vielen Leckereien langsam ansehen. Mit einem seufzenden Miepen legte Rapunzel den Kopf wieder auf die Vorderpfoten.
Dann nahm Lyssandra von Finsterborn die Zügel auf und wendete Dardanella nach links. Die Sonne kam gerade heraus. Sie würde die taufeuchten Wiesen wohl bald trocknen und dann mochte es ein freundlicher Tag werden. Vogelgezwitscher begleitete sie als sie die Warunkerstute über die Holzbrücke am Bingenbach auf den Urkenweg lenkte. Dieser würde sie in den Hauptort der Baronie, nach Urkenfurt bringen. Dem Klappern der Hufe folgte das Rollgeräusch der Radreifen der Reisekutsche in der Großvater und Enkelin saßen. Lyssandra blickte sich noch einmal um und winkte Leubrecht zum Abschied bevor sie antrabte. Nur ein halbes Stundenmaß später kam sie an eine Kreuzung. Links ging es über Urken bis in die Baronie Herzoglich Waldleuen und rechts konnte man in Richtung Oberwaldig reiten.
Hier begegnete die Ritterin einer Frau, die ein Schwein in einem Handkarren hinter sich herzog. Sie grüßte die Frau und fragte sie wohin sie des Wegs sei. Die Bäuerin erklärte, dass sie das Schwein ihrem Schwager brachte, der es mit seinen Schweinen zur Eichelmast treiben würde. Die Familie ihrer Schwester bewirtschaftete eine Hofstelle unweit der Kreuzung. Lyssandra nickte zufrieden.
„Sag, gute Frau, hast du von dem Mord an der jungen Ilmentrud gehört? Hast du eventuell in der vergangenen Woche jemanden gesehen, der ungewöhnlich groß war?“
Die Frau sah Lyssandra bedauernd an. „Ich habe davon gehört. So ein hübsches und liebes Kind. Oh bei Boron, eine Tragödie! Ich habe aber niemanden gesehen auf den diese Beschreibung passt. Aber ich frage auch noch einmal meine Schwester und den Schwager, Hohe Dame. Wenn ich etwas erfahre, das wichtig sein könnte, komme ich zum Gut Eures Vaters. Aves schütze Euren Weg!“
Mit einem freundlichen Kopfnicken und einem erwiderten Dank ritt die Ritterin weiter. Der Weg folgte dem Bingenbach. Zunächst sah sie vor allem Weiden und Äcker. Die meisten waren schon abgeerntet. Nur die Wurzelgemüse und der frostharte Kohl standen noch auf den Feldern. Eingefasst waren die Felder und Weiden zumeist von Wildhecken, deren Herbstlaub farbenfroh im warmen Licht der Praiosscheibe leuchteten und so einen bunten Kontrast zu den braunen und kahlen Äckern bildeten. In der Nähe des Bingenbaches führte so mancher kleine Graben, der die Felder trennte, Wasser. Diese Gräben entwässerten die zum Teil recht feuchten Böden in der Flussaue.
Gedankenverloren trabte Lyssandra vor sich hin. Anfangs begleitete der Bingenbach noch den Urkenweg, doch bald schwenkte der Weg gen Rahja ab und die grünen Wipfel der Bingenbacher Lohe kamen in Sicht. Je mehr sie sich dem Lohwald mit seinem Eichen, Eschen- und Buchenbestand näherte, desto häufiger konnte sie Bauern sehen, die ihre Tiere, vor allem Schweine, zur Mast in den lichten Hain trieben. Lyssandra wusste, dass die meisten von ihnen Eigenhörige ihres Vaters waren, dazu einige Freibauern. Je näher sie Urkenfurt kam, desto mehr Eigenhörige der Baronin machten sich auf den Weg in die Bingenbacher Lohe.
Die Bingenbacher Lohe lag inmitten der Heide- und Mooslandschaft von Urkentrutz. Entlang der Bäche breiteten sich Auwälder und Moos aus. Die Übergangszone zu den trockenen Heidelandschaften bildeten Streuobstwiesen, die es vor allem rund um die Schwarze Au und Jammerried am Eberbach reichlich gab.
Die Ritterin durchquerte den Hain und beobachtete die zufrieden nach Eicheln und Bucheckern wühlenden Schweine. Eine der Lichtungen war übersät von Herbstzeitlosen. Lyssandra genoss das Farbenspiel aus leuchtend-rotorangenen Buchenblättern und dem blassvioletten Bodenbewuchs. Sie liebte den Herbst.
Am Waldrand in Richtung Urkenfurt kam der einzige Weggasthof am Urkenweg zwischen dem Hauptort der Baronie und dem Junkergut und Dorf Schwarze Au in Sicht. Die „Seidelbast-Rast“ war ein einfacher Gasthof. Bei gutem Wetter saßen die Gäste auf einfachen, aus halbierten Stämmen gefertigten Bänken an rustikalen Tischen im Freien. In der kalten Jahreszeit oder auch bei Regen mussten sie es sich im engen Schankraum unter dem niedrigen Dach gemütlich machen. Um die Mittagszeit saßen bereits einige Gäste unter dem ausladenden Blätterdach einer uralten Hainbuche. Tritilda, die Wirtin des Gasthofes, hatte alle Hände voll zu tun. Dennoch hatte sie sich ihre Fröhlichkeit bewahrt. Sie winkte Lyssandra zu und lachte.
„Travia zum Gruße, Edle Dame!“
Die Ritterin sprang aus dem Sattel und führte ihre Stute zum Anbindeplatz für die Reittiere. Neben einem Esel und einem Maultier wirkte die Warunkerstute etwas deplatziert. Doch das edle Ross schien sich nicht an der Gesellschaft zu stören und begann sogleich friedlich zu grasen.
Lyssandra suchte nach einem freien Platz. Ganz am Rand eines Tisches sprang ein Mann auf und überließ der Adeligen seinen Platz. Der in fleckige und löchrige Kleidung gehüllte Endvierziger verbeugte sich. Die Ritterin erkannte einen der Eigenhörigen ihres Vaters, der sicherlich als Schweinehirte im Lohwald unterwegs war.
Sie grüßte ihn und dankte für den Platz. Wenig später erschien Tritilda und nahm die Bestellung auf.
„Bring mir bitte eine frische Schafsmilch und eines deiner großartigen Käsebrote!“
Tritilda und ihr Mann hielten Schafe und der Käse, den sie herstellten, schmeckte nach den besonderen Kräutern und Pflanzen der Heide, die sich jenseits des Urkenwegs nach Rahja hin ausbreitete.
Lyssandra war aber nicht nur wegen des Käses in der Weggaststätte eingekehrt. Sie wollte die Gelegenheit nutzen, die Rastenden nach dem Mädchenmörder zu befragen. Der erste, den sie ansprach war der Eigenhörige, der ihretwegen aufgestanden war. Sie winkte ihn zu sich.
„Thorolf, komm mal her!“
Folgsam aber mit einem deutlichen Respekt kam der Schweinehirte näher.
„Hohe Dame, wie kann ich helfen?“
„Du bist doch zur Zeit ständig hier in der Bingenbacher Lohe, oder? Ist dir da in den vergangenen Tagen ein ungewöhnlich großer Kerl aufgefallen?“
Der Scheinhirte sah sich hilfesuchend um als wolle er sich vergewissern, dass er der Ritterin antworten durfte.
„Nun, Hohe Dame, ich weiß nicht so recht. Wie meint ihr das?“
Lyssandra holte aus. Sie beschrieb den Mann anhand der Schilderungen, die sie in der letzten Zeit gesammelt hatte. Dann fragte sie erneut. „Hast du den gesehen?“
Thorolf stieg von einem Bein auf das andere. „Ne, glaube nicht“
Die Wirtin der Seidelbast-Rast, die soeben der kräftigen Frau zu ihrer Linken eine Pilzsuppe auftrug, wurde hellhörig.
„Was muss ich da hören? Du hast den doch auch gesehen, Thorolf! Ich weiß genau, dass du da warst als er mir das Brot aus der Küche geklaut hat. Firnmar hat noch versucht ihn aufzuhalten und hat prompt eine solche Maulschelle bekommen, dass er bis in die Tränke geflogen ist. Das hast du doch mitbekommen! Du doch auch Jette, oder nicht?“
Die wohlbeleibte Frau mit der Pilzsuppe nickte. „Klar habe ich das. Wo ist denn Firnmar? Der kann es doch am besten bezeugen. Der hat ihn aus nächster Nähe gesehen.“
Alle sahen sich suchend um. Doch der Kesselflicker, der seine Dienste in ganz Urkentrutz anbot, war offenbar schon weitergezogen. Achselzuckend tauchte Jette den Löffel wieder in die Suppe und pustete.
„Stimmt es, dass er ein Riese ist?“, wollte Lyssandra von den Anwesenden wissen. Tritilda lachte hell auf. „Nee, das vielleicht nicht, aber ein großer Schlacks ist er.“
Jette ließ den Löffel wieder sinken. „Naja, ich finde den Vergleich nicht so schlecht. Also ich habe ihn ja mehr aus der Ferne gesehen, als er in den Wald abgehauen ist, aber er war schon echt riesig. Ewig lange Arme und Füße so lang wie die Läufe eines Feldhasen.“
Tritilda bestätigte die Aussage. „Und nicht nur das. Auch alles an seinem Gesicht war zu lang geraten. Die Nase, die Ohren, die Ohrläppchen. Sogar die Lippen schienen zu groß zu sein. Der Mund stand immer offen. Doch so lang und schmal er war, so viel Kraft hatte er auch. Ich sage dir, Firnmar flog förmlich mehrere Schritt durch die Luft bevor er in der Pferdetränke landete. Nicht wahr, Thorolf?“
Nun musterte die Ritterin erneut den Schweinehirten. Der nickte nur schweigend und blickte zu Boden.
„Sagte Firnmar nicht, dass er dem missratenen Spross unserer werten Baronin ähnlich sah?“ Tritilda sah Thorolf durchdringend an. Du hast das doch auch gehört, oder?“
Sie drehte sich zu Jette um. „Nicht wahr, Jette?“
Die suppelöffelnde Blondine nickte. Als sie heruntergeschluckt hatte bestätigte sie die Aussage. „Jo, so isses. Das hat Firnmar gesagt. Er hat aber auch gesagt, dass das´n Zufall sein kann. Schließlich hat niemand den Jungen mehr gesehen, seit er mit Mutter Marinad in ein Traviakloster ging. Das ist sicher auch schon mindestens zwei Götterläufe her.“
Lyssandra machte große Augen. „Verstehe ich euch richtig? Firnmar hat in dem „Riesen“ den Sohn unserer Baronin, Ingrold von Hartenau erkannt? Wie kam er auf diese Idee, kannte er ihn?“
Die Ritterin erinnerte sich den Erben der Baronie als kleines Kinde gesehen zu haben, als die Mutter ihn voll Stolz allen zeigte. Dann aber, vor allem in den vergangenen Götterläufen, war es ruhig um den Jungen geworden. Grimmwulf hielt ihn hinter den Burgmauern versteckt, weil er, wenn man den Gerüchten glauben durfte, schwachsinnig war. Dann hatte man plötzlich gehört, dass Ingrold mit der Traviageweihten Mutter Marinad die Baronie verlassen hatte. Etwa drei Götterläufe war das her. Umso mehr verwunderte es sie, dass der Kesselflicker Firnmar den Baronet wiedererkannt haben wollte.
Die Wirtin sammelte zwei leere Humpen ein und zuckte mit den Schultern. „Nun, Firnmar kommt ja viel rum. Hat gesagt, dass er auch schon auf Burg Urkenfurt Kessel geflickt hat und ihm dort auch begegnet ist. Damals bevor Mutter Marinad ihn fortgeschafft hat.“
Die Ritterin nickte. Als Kesselflicker kam Firnmar weit herum. Auch sie kannte den Mann, denn wie auf der Baronsburg hatte er auch auf Gut Schwarze Au schon seine Dienste angeboten und gute Arbeit geleistet. Das war eine wirklich interessante Neuigkeit. Darauf würde sie Grimmwulf ansprechen müssen. Die Baronin war ihr eine Antwort schuldig. Was hatte der Spross der Baronin von Urkentrutz mit den Mächenmorden zu tun, wo er doch angeblich als Novize „Traviahilf“ mit der Geweihten die Baronie verlassen hatte?
Lyssandra beendete ihre Mittagsmahlzeit und bedankte sich bei allen für die wertvollen Hinweise. Dann holte sie Dardanella und schwang sich in den Sattel. Ein letzter Gruß mit erhobener Hand und weiter ging es in Richtung Urkenfurt.
Der goldene Schimmer der Herbstsonne lag auf dem Finsterbachtal. Rotgolden schimmerten die Blätter auf dem sich ins Flusstal hinabschlängelnden Urkenweg. Der Fialgralwa hatte sich nicht überall so tief in die Landschaft geschnitten wie in der Langen Klamm. Im Bereich von Urkenfurt, wo die Bedingungen anders waren, hatte sich ein breiteres Tal gebildet. Der Weg hinab war sanfter, der Fluss bildete eine natürliche Furt, die vor etwas mehr als 35 Wintern durch eine Steinbrücke ersetzt hatte. Die ursprünglich nur jenseits des Fialgralwa liegende Siedlung zu Füßen des Burgbergs hatte sich nach dem Brückenschlag auch auf dem linken Ufer des Flusses ausgebreitet. Wenn man dem letzten Census Glauben schenken wollte, lebten an die 450 Einwohner in Urkenfurt. Womöglich waren es inzwischen noch mehr.
Die Ritterin lenkte ihre Stute über die Brücke und in die Ortschaft über der die gleichnamige Burg thronte. Die Menschen auf der Straße machten ihr respektvoll Platz. Lyssandra grüßte freundlich.
Der Weg zur Burg zweigte kurz hinter den letzten Häusern von Urkenfurt nach links ab. Von nun an ging es steiler bergan als auf der jenseitigen Flussseite.
Eine letzte Kehre musste durchritten werden, dann erreichte Lyssandra die Brücke, die den Graben vor dem Torturm überwand.
Der Torwächter erkannte das Wappen der Familie von Finsterborn. Er salutierte und fragte die Ritterin nach ihrem Wunsch.
Lyssandra grüßte und bat darum, die Baronin sprechen zu dürfen.
„Ich habe eine unerfreuliche Nachricht aus dem Dorf Schwarze Au, die Ihre Wohlgeboren unbedingt erfahren sollte.“
Mit einem Pfiff rief der Waffenknecht einen Stallknecht herbei. Lyssandra saß ab und übergab die Zügel an den Knecht.
„Wartet bitte hier, Hohe Dame, ich hole die Hausdame, die Euch zunächst eine Unterkunft geben wird. Dann informiere ich die Baronin.“
Die Ritterin dankte dem Mann, der sich sogleich entfernte. Lange war sie nicht mehr auf der Burg gewesen. Deshalb sah sie sich neugierig um. An das Torgebäude lehnte sich eine kleine, recht unscheinbare Kapelle für die Göttin Peraine, wie das Symbol der Ähre im Feld über dem Portal offenbarte. Ein großer Burghof bildete das Zentrum der Burganlage. Stall, Wirtschaftsgebäude und ein durchaus repräsentatives Hauptgebäude, das sich in die hinterste Ecke schmiegte, umrahmten den gekiesten Innenhof. Eine einfache aber solide Mauer umzog das Burgareal und sicherte es gegen den Hang, der zum Ort und zum Fluss steil abbrach.
Die Hausdame erschien. Die schlanke Mitvierzigerin, die ihre blonden Haare in einem strengen Knoten am Hinterkopf trug, stellte sich als Traugunde Plötzenbühler vor. Lyssandra nannte ihr ebenfalls ihren Namen und den Grund ihres Besuchs. Das Gesichtszüge der Hausdame entgleisten. Es schien für einen Augenblick als versagten die Kiefermuskeln ihren Dienst. Die spitze Kinnlade klappte hinunter, die blauen Augen blickten entsetzt. Dann binnen weniger Augenblicke versteinerte das Gesicht vollständig.
„Wirklich eine schreckliche Sache, diese Mädchenmorde…“, sagte sie tonlos. „Nun, ich werde sehen, dass Ihr morgen früh eine Audienz bei Ihrer Hochgeboren erhalten könnt. Folgt mir bitte. Ich zeige Euch Euer Nachtquartier.“
Traugunde überquerte den Hof, führte Lyssandra an dem Stallgebäude vorbei, in das der Stallknecht ihre Stute geführt hatte, und öffnete die Tür des nebenstehenden Gästehauses. Die Ritterin folgte ihr in das Gebäude. Es ging eine schmale, hölzerne Stiege hinauf. Im Obergeschoss zeigten sich vier Türen. Die Hausdame öffnete die zweite davon und ließ Lyssandra ein. Die kleine Kammer war sauber und ordentlich. Ein Bett und ein Tischchen mit Waschschüssel und Wasserkrug waren die einzigen Einrichtungsgegenstände. Hinter der Tür waren zwei Haken angebracht für Mantel und Kleidungsstücke.
Plötzlich hatte es Traugunde Plötzenbühler eilig. Sie fragte eher beiläufig, ob die Ritterin noch etwas benötige und eröffnete ihr, dass es später zur Firunsstunde in der Stube im Erdgeschoss ein Abendessen geben würde. Als erwarte sie weder Wünsche noch Nachfragen, drehte die Hausdame sich wieder um und verließ den Gast.
Lyssandra trat an das kleine Fenster. Dieses gab den Blick in den Innenhof der Burg frei. Rechts von ihr war das Stallgebäude zu erahnen und das Burgtor mit einem kleinen, angebauten Türmchen. Gegenüber lagen ein größeres und ein kleineres Fachwerkhaus. Es war nicht klar, welche Funktion die Gebäude hatten. Um das Türmchen der Mauerbegrenzung im linken Eck erkennen zu können, musste sich die Ritterin aus dem Fenster lehnen. Das Hauptgebäude der Burg, ein mehrgeschossiger Palas mit einem schmalen Türmchen, das eine Wendeltreppe zu enthalten schien, dominierte die Südostecke der Burganlage. Eine Weile lang beobachtete Lyssandra das Treiben auf dem Burghof, sah die Hausdame eilig selbigen überqueren und das Hauptgebäude betreten und einige Bewaffnete zum Torturm laufen. Dann beschloss sie, sich zu waschen und auszuruhen bis es Zeit für das Abendessen wäre.
Den Abend verbrachte sie in Gesellschaft eines bornischen Handlungsreisenden namens Dulgjew Kerenkis und einer Uhdenwalder Bildhauerin, die sich Losiane rufen ließ. Beide hoffen, wie auch Lyssandra, auf eine Audienz bei der Baronin von Urkentrutz. Das einfache Abendmahl aus einem Linseneintopf mit Möhren sättigte ausreichend und das Bier schmeckte hervorragend. Sie unterhielten sich angeregt und jeder erzählte von seiner Mission. Spät fand die Weidener Ritterin in die ihr zugewiesene Kammer.
Entsprechend schwer fiel Lyssandra von Finsterborn das Aufstehen am nächsten Morgen. Das Stimmengewirr auf dem Hof ließ keinen Zweifel, dass der Tag bereits angebrochen war und das Leben auf der Burg erwachte. Laute Rufe, Befehle und das Klappern von hölzernen Übungswaffen, gefolgt von Ermahnungen des Ritters, der die beiden jungen Kämpfer bei ihren Waffenübungen überwachte.
Lyssandra wusch sich und zog sich an. Als sie in die Stube kam, saßen Losiane und Dulgjew bereits am Tisch. Sie tranken heißen Kräutertee und löffelten einen Getreidebrei. Die Ritterin aus der Schwarzen Au begrüßte die beiden und setzte sich dazu. Sie griff zur Teekanne und goss sich das heiße Gebräu in den irdenen Becher. Dann häufte sie sich ein wenig Brei in die Schale, die für sie bereitstand. Die Bildhauerin schob ihr zwei Töpfchen hin. Das linke enthielt ein Obstkompott, vermutlich Apfel oder Birne. Das zweite eine schwarze Masse. Angewidert zog Lyssandra die Nase kraus.
„Was ist das?“, fragte sie Losiane.
„Schwarze Einbeerenmarmelade, eine Spezialität des Hauses. Die Hausherrin stellt sie angeblich selbst her. Aber Vorsicht! Zu viel davon macht süchtig!“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au, tauchte ihren Löffel in die schwarze, zähflüssige Masse. Sie führte den Löffel vorsichtig an ihren Mund und tauchte die Zunge hinein. Die Einbeerenmarmelade schmeckte eigentümlich. Nach Wald und Erde, herb und würzig, aber auch ein wenig süß, jedoch eine schwere Süße. Nun leckte sie den Löffel ganz ab. Nach dem Schlucken breitete sich der besondere Geschmack der Marmelade im gesamten Mund- und Rachenraum aus. Lyssandra schob das Gefäß wieder weg und tauchte den Löffel in das Obstmus.
„Apfel?“
Dulgjew nickte.
Also süßte Lyssandra ihren Brei mit dem Apfelmus. Tatsächlich schmeckte das Frühstück sehr gut und kurz danach fühlte sie sich wach und munter. Die Bettschwere des Morgens war wie weggeblasen.
Sie hatte gerade die Schüssel von sich geschoben, als Traugunde Plötzenbühler erschien. Diese stellte sich neben den Tisch an dem die drei Gäste saßen.
„Ihre Hochgeboren hat folgende Reihenfolge für die Audienzen festgelegt. Herr Dulgjew Kerenkis, dann Ihre Wohlgeboren Lyssandra von Finsterborn und zuletzt Frau Losiane. Die Audienz beginnt zur Perainestunde. Ich hole Euch ab, wenn Ihr an der Reihe seid.“
Es dauerte. Lyssandra ging auf und ab. Sie war unruhig. Der Bornländer war pünktlich abgeholt worden. Konnte die Audienz des Händlers derartig lang dauern? Das Praiosmal, das an diesem Vormittag nur zaghaft hinter den Hochnebelwolken hervorschimmerte, näherte sich bereits seinem höchsten Punkt, als die Hausdame wieder erschien und Lyssandra bat, ihr zu folgen.
Es ging über den Hof. Die Knappen und Waffenknechte und Maiden hatten bereits ihre Übungen eingestellt. Ein wohlbeleibter Mann in Kittelschürze näherte sich dem Stall. Traugunde Plötzenbühler führte Lyssandra durch das Hauptportal und dann über eine hölzerne Treppe aufwärts. Im Vorraum vor dem Thronsaal ließ die strenge Blondine die Ritterin warten. An den Wänden standen mehrere hohe Lehnstühle mit hartem Polster. Lyssandra nahm Platz.
Wieder wurde die Geduld der Ritterin aus der Schwarzen Au auf eine harte Probe gestellt. Dann endlich öffnete Traugunde Plötzenbühler den rechten Flügel der mit Schnitzereien verzierten Eichenholztür und ließ Lyssandra ein. Sie schloss das Tor hinter ihr und führte sie zum Thronsessel am Ende des großen Raumes, dessen Holztäfelung vom Ruß der Holzfeuer und Fackeln dunkel geworden war. Über der Holztäfelung konnte man einfache Fresken erkennen, die Landschaften der Baronie zeigten.
Zwei Waffenknechte flankierten den wappengeschmückten Hochlehner, der der Baronin von Urkentrutz als repräsentativer Sitz diente. Weitere Hochlehner standen neben dem Thronsessel, allesamt unbesetzt. Die Baronin schien sie unter vier Augen sprechen zu wollen. Grimmwulf von Hartenau trug das weißblonde Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der über ihre linke Schulter nach vorn fiel. Ihre graugrünen Augen blickten wach und interessiert. Aufrecht, mit geradem Rücken, saß sie auf dem gepolsterten Hochlehner und wartete auf die Vorstellung ihres Gastes.
„Hochgeboren, das ist Lyssandra von Finsterborn, Ritterin in der Schwarzen Au, älteste Tochter Eures Vasallen Junker Theofried von Finsterborn.“
Lyssandra schob den linken Fuß zurück und verbeugte sich elegant mit einem leichten Knicks, wie sie es in ihrer Zeit im Horasreich gelernt hatte.
„Die Zwölfe zum Gruße, Euer Hochgeboren!“
„Den Zwölfen zum Gruße, Wohlgeboren, Travia voran“, erwiderte die Baronin die Grußformel der Finsterbornerin und ließ sich danach erst einmal Zeit, ihren Gast vom Scheitel bis zur Sohle zu mustern. „Ist lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben, Wohlgeboren. Wann mag das wohl gewesen sein?“ Sie ging kurz in sich. „Ja, ich weiß. Ich meine, es war damals bei diesem unseligen Fest, bei dem die Gräfin eigentlich ihre Erbin vorstellen wollte, dann aber von der eigenen Schwester vergiftet wurde, weil die mit ihrer Wahl nicht zufrieden war. Irgendwie so. Wann war das noch gleich? 1038? Vor fünf Götterläufen also? Wie die Zeit verfliegt.“
Grimmwulf überlegte kurz, hob aber erneut an, bevor Lyssandra auch nur einen Ton über die Lippen bringen konnte: „Wie ist es Euch seither ergangen? Eurem Mann? Den Kindern?“
Die Baronin schien sich nicht mehr genau an sie zu erinnern, denn dann hätte sie wohl gewusst, dass Lyssandra 1038 schon verwitwet war. Doch das war ja nicht weiter verwunderlich. So oft hatten sie das Vergnügen ja nicht gehabt.
„Ja, das Fest ist damals gänzlich anders verlaufen als wir es uns alle gewünscht hatten“, erinnerte sich auch die Ritterin. „Seither sind tatsächlich schon fünf Götterlaufe ins Land gezogen – unglaublich, nicht wahr?“
Die Frage nach ihrem Mann und den Kindern kam Lyssandra sehr zupass, so konnte sie ganz unvergänglich nach dem Spross der Baronin fragen.
„Mein Gemahl, Wonnebolt Hundsöd, ist bereits vor neun Götterläufen in die zwölfgöttlichen Paradiese vorangegangen. Er starb bei einem Felssturz in der Langen Klamm, als er auf einer Erkundung für die Anlage eines neuen Steinbruchs für Baumaterial war. Seine jüngste Tochter hat er nicht mehr sehen dürfen, er wurde vor ihrer Geburt vom Unausweichlichen abberufen. Boron sei seiner Seele gnädig!“
Eine kurze Gedenkpause folgte, dann fuhr Lyssandra fort.
„Meine älteste Tochter, Minerva, ist inzwischen 16 Winter alt, sie dient als Knappin bei Ritter Oberon von Uhlredder. Theofried, mein Sohn, wird auch demnächst seine Knappenzeit beginnen und die jüngste, Eylin ist jetzt neun Winter alt und bei meinem Bruder Horatio als Pagin.“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au zögerte einen kurzen Moment lang, dann platzierte sie ihre hintergründige Frage.
„Wie steht es mit Eurem Sohn, Hochgeboren? Schickte er sich nicht an, ein Diener der Gütigen Mutter zu werden? Hatte er nicht gar den Beinamen „Traviahilf“ angenommen?“
„Ingrold ist jetzt auch schon seit drei Götterläufen nicht mehr da“, meinte die Baronin und starrte kurz nachdenklich ins Leere. „Ein Geweihter wird er wohl nicht, dazu hätte die Ausbildung an sich schon viel früher beginnen sollen als mit 18 Lenzen und er ist ... nun ja ... . Mutter Marinad hat zuletzt davon gesprochen, dass er ein guter Akoluth werden könnte. Er hat sich den Prinzipien der Traviakirche stets verpflichtet gefühlt und die irdischen Diener der Eidmutter jederzeit mit dem allergrößten Respekt behandelt. Es gibt nichts, was ihm wichtiger ist als Heim und Herdfeuer und seine Familie.“
Ein sanftes Lächeln schlich sich auf die Züge der Baronin, die sonst meist ziemlich burschikos und ruppig wirkte. Der Moment währte aber nur kurz – und endete mit einem vernehmlichen Räuspern. Dann straffte sich Grimmwulf und sah Lyssandra prüfend an:
„Aber deshalb seid Ihr ja gar nicht hier, richtig? Nicht, um Euch mit mir über Eure oder meine Familie auszutauschen, sondern weil ihr mir schlimme Kunde überbringen wollt.“
„Richtig!“, bestätigte die Ritterin aus der Schwarzen Au. „Es gibt einen neuen Mädchenmord in der Schwarzen Au. Ganz in der Nähe des Dorfes, unweit der Kreuzung des Urkenwegs mit der Straße aus Waldleuen. Die Tatumstände deuten darauf hin, dass es sich erneut um den von den Urkentrutzern als „Monster“ bezeichneten Mörder, der bereits vor ein paar Jahren sein Unwesen in der Baronie getrieben hat.“
Lyssandra beobachtete Grimmwulfs Reaktion ganz genau.
Leider war die Miene der Baronin nicht besonders aufschlussreich und Lyssandra wurde schnell klar, woran das lag: Sie wusste schon Bescheid.
„Ja, das hat mir die gute Traugunde gestern Abend berichtet. Schreckliche Nachricht!“, meinte Grimmwulf. Dabei klang ihre Stimme gelassen, was Lyssandra wenigstens einen kleinen Rückschluss auf die Gemütslage ermöglichte. „Nachdem so lange nichts gewesen ist, erschreckt mich die Sache umso mehr. Ich dachte, es wäre hier nun Ruhe eingekehrt – und auf einmal gibt es doch wieder so eine Bluttat. Habt Ihr schon nähere Erkundigungen eingeholt, Wohlgeboren? Was könnt Ihr mir noch berichten?“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au nickte. Sie holte das Pergament hervor und eröffnete der Baronin zunächst die Ergebnisse der Befragungen zum neuesten Mordfall. Die Gedanken, die ihr Vater und sie sich zu dem Täter gemacht hatten, behielt sie zunächst für sich.
„Das Mädchen war 19 Winter alt und hörte auf den Namen Ilmentrud Weichselbaumer. Sie war die älteste Tochter des Freibauernpaares Gernfruw und Weidebrecht Weichselbaumer. Das Mädchen ist das Opfer eines Lustmörders geworden. Ich habe ihren Körper gesehen, als er im Haus der Eltern aufgebahrt war. Der Täter hat sie geschlagen und gewürgt, sie geschändet und ihr letztlich den Schädel mit einem Feldstein eingeschlagen.“
Lyssandra ließ die Beschreibung der Gewalttat zunächst einmal wirken. Dann setzte sie ihren Bericht fort.
„Aufgefunden wurde sie am 27. Efferd nahe der Ortschaft Schwarze Au. Mein Vater und ich haben uns den Fundort angesehen. Wir konnten Fußspuren entdecken, die vom Tatort in ein angrenzendes Feld führten. Die Stiefelabdrücke waren ungewöhnlich groß. Mein Vater und ich kennen niemanden, der so große Füße hat. Und tatsächlich bestätigten uns wenig später zwei Männer, die bei der Waldarbeit die Schreie des Mädchens hörten und den Täter flüchten sahen, dass der Mann ungewöhnlich groß war. Sie bezeichneten ihn als „Riesen“. Bei meinen Nachforschungen befragte ich dann im Dorf einige Anwohner, die in den Tagen kurz vor dem Mord einen besonders großen, jungen Mann beobachtet haben wollen, der ihnen unbekannt war. Eine Frau die hatte diesen aus der Nähe gesehen. Er habe einen dümmlichen Gesichtsausdruck gehabt und sei auch sonst irgendwie „verschossen“ gewesen. Alles an ihm sei zu lang geraten. Angefangen bei Nase und Ohren bis zu den Armen, die ihm fast bis zu den Knien herabgereicht hätten. Ihre Aussage deckte sich mit der der beiden Holzknechte.“
Die Ritterin machte eine Pause und schloss dann mit den Ermittlungen in der Weggaststätte „Seidelbast-Rast“.
„Eine ähnliche Beobachtung machten die Wirtin und die Gäste des Weggasthauses „Seidelbast-Rast“ am Urkenweg in der Nähe der Bingenbacher Lohe. Auch sie haben in den Tagen nach dem Mord an Ilmentrud Weichselbaumer einen jungen Mann im Bereich der Bingenbacher Lohe gesehen, der ungewöhnlich groß und schlaksig wirkte.“
Die Vermutung, dass es sich bei dem gesichteten „Riesen“ um den missratenen Sohn Grimmwulfs, den Baronet handelte, hielt Lyssandra erst einmal zurück. Sie wollte sehen, wie die Baronin auf die bisherigen Ermittlungsergebnisse reagierte.
Und diesmal gab es auch tatsächlich etwas zu sehen. Als Lyssandra den Zustand des Opfers schilderte, wirkte Grimmwulf bestürzt und ein wenig ungläubig. Bei der Beschreibung des verdächtigen Mannes runzelte sie erst skeptisch die Stirn und schien dann ernsthaft irritiert. Sie unterbrach die Ritterin zwar nicht, aber es wirkte, als hätte sie es gern getan. Für einen Moment jedenfalls. Dann schienen ihre Gedanken abzuschweifen und Lyssandra war sich nicht sicher, ob die Baronin ihr überhaupt noch zuhörte.
In jedem Falle umklammerte Grimmwulf die geschwungenen Endstücke der Armlehnen ihres Throns zwischendurch dermaßen fest, dass die Knöchel ihrer Hände weiß hervortraten. In ihren Augen spiegelte sich kurz vor Ende des Berichts immer noch Unglauben, dann aber glaubte Lyssandra plötzlich so etwas wie Erleichterung in den hellen Augen der Hartenauerin aufscheinen zu sehen.
„Hört, hört“, murmelte Grimmwulf leise, als sie ausgesprochen hatte. „Wahrlich schlechte Kunde, die Ihr da für mich habt. Allein, wir können aus Euren Beobachtungen nicht schließen, ob es sich um den gleichen Täter wie damals handelt, oder um einen anderen mit einer ähnlichen Störung – will ich meinen. Wenn so viele Leute den Verdächtigen gesehen haben, aber keiner ihn kannte, dann müssen wir wohl davon ausgehen, dass er nicht von hier kommt ...“
Lyssandra von Finsterborn hatte eine ausgesprochen gute Beobachtungsgabe. Sie nahm die Veränderung in der Haltung ihrer Gesprächspartnerin durchaus wahr und machte sich ihren Reim darauf.
„Fürwahr, Hochgeboren, es gibt keinen Beweis, wohl aber Hinweise darauf, dass es sich um denselben Täter handelt. Im Falle der ermordeten Eberhilde Osmetz, die ebenfalls in der Schwarzen Au gefunden wurde, haben mein Vater und ich damals auch auffällig große Fußspuren gefunden. Also das ist sicherlich eine Gemeinsamkeit. Aber ich gebe Euch recht, die anderen Fälle müssten noch einmal genau untersucht werden. Es ist durchaus möglich, dass es jemand ist, der sich öfter über die Straßen der Baronie bewegt. Damit könnte er auch aus einer der Nachbarbaronien stammen. Mit den Erkenntnissen, die wir jetzt haben, könnten wir gezielter in der Bevölkerung fragen und nach Hinweisen suchen.“
Die Ritterin war sich bewusst, dass die Beweislage dünn war und sie eigentlich keine Handhabe hatte, den Sohn der Baronin des Mordes an vier Mädchen zu verdächtigen, aber sie wollte dennoch einen Versuch wagen, Grimmwulf aus der Reserve zu locken. Ein kleiner Piks in Seite, da wo es wahrscheinlich wehtat, konnte ihr womöglich helfen, den Verdacht zu bestätigen oder zumindest die Sicherheit zu gewinnen, dass es sich lohnte, dort weiterzusuchen und nichts unversucht zu lassen.
„Eine Aussage in der Seidelbast-Rast war jedoch durchaus spezifischer zur Person des möglichen Mörders. Ein Kesselflicker, der wohl auch bei Euch ab und an seine Dienste anbietet und viel in der Baronie herumkommt, meinte in der verdächtigen Person den Baronet wiedererkannt zu haben …“
Fest richtete Lyssandra den Blick auf die Augen der Baronin. Kein Wimpernschlag, kein Augenbrauenzucken, keine Veränderung der Gesichtsfarbe sollte ihr entgehen.
Die Baronin reagierte zunächst recht gelassen auf den Pikser. Oder vielmehr: fast schon beschwingt. Ein feines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und sie hob die Schultern, als sie zur Antwort ansetzte: „Mein Sohn lebt bereits seit mehreren Götterläufen nicht mehr hier. Davon hatten wir es doch gerade erst, Euer Wohlgeboren: Er befindet sich in der Obhut von Mutter Marinad und die betreut einen Tempel, der viele Tagesritte von hier entfernt liegt. Er kann kaum eben mal unbemerkt hier vorbeikommen, um Mädchen zu morden.“
Während sie sprach, erwiderte Grimmwulf Lyssandras Blick ohne eine Miene zu verziehen. Entweder war sie eine vortreffliche Schauspielerin, oder sie glaubte tatsächlich, was sie da sagte. Die Finsterbornerin vermutete Zweiteres, denn es gab zwar viele Geschichten über Grimmwulf, aber keine besagte, dass sie zum Lügen neigte. Vielmehr handelte es sich bei ihr um eine zwar ruppige, aber aufrechte Ritterin, der man bislang noch nie eine Schandtat nachgewiesen hatte.
„Ohnehin ist das ein ungeheuerlicher Vorwurf, den Ihr da gerade geäußert habt, und ich sehe Euch das nur das nach, weil die Beschreibung in einigen Punkten tatsächlich nach meinem Ingrold klingt“, fuhr die Hartenauerin fort. Mit einem Mal war da eine Schärfe in ihrer Stimme, die nichts Gutes ahnen ließ. Für ihre Verhältnisse hielt Grimmwulf den Zorn aber gut im Zaum. Sie wurde nicht laut, sondern verengte die blitzenden Augen nur ein wenig.
„Es gab da offenbar eine schlimme Verwechslung und ich werde das mit Meister Firnmar klären, wenn er das nächste Mal hier ist“, fügte sie noch an. „Da der Verdacht schon die Runde macht, muss er aber ausgeräumt werden – und ich gebe Euch recht: Dazu bedarf es weiterer Nachforschungen. Wie Ihr wisst, habe ich einen Ritter zur Untersuchung der Vorgänge abgestellt, als es die ersten Morde gab. Er ist mit den Details vertraut wie niemand sonst und wird sich daher auch jetzt wieder kümmern. Gebt ihm einfach Eure Aufzeichnungen, dann wird alles seinen Lauf nehmen.“
Es war klar, dass die letzte Aufforderung einen Rausschmiss gleichkam. Und Lyssandra musste zugeben, dass es keinerlei Beweise für ihre indirekte Anschuldigung gab. Es war einfach ein Versuch gewesen, die Baronin, sollte sie ihren Sohn decken wollen, aus der Reserve zu locken. Doch wie es den Anschein hatte, war sie von der Unschuld ihres Sohnes vollkommen überzeugt. Der Kesselflicker hatte ja auch nur gemutmaßt und die Ähnlichkeit festgestellt. Es war tatsächlich vermessen, einzig auf der Aussage dieses Wandergesellen eine Mordanklage aufzubauen.
Dennoch traute sie dem damals recht planlos wirkenden Ritter nicht zu, die Ermittlungen so auszuführen, dass sie zur Ergreifung des Mörders führen würden. Sie würde also selbst weitere Befragungen durchführen müssen.
Also nickte Lyssandra. „Ich werde Eurem Ritter die Aufzeichnungen übergeben und hoffe, dass er den Mörder fasst und dieser im Namen des Götterfürsten der Gerichtsbarkeit anheimgestellt wird. Denn die Aussicht darauf, dass der Mädchenmörder weiter unsere schöne Baronie unsicher macht und womöglich auch bald meinen Töchtern auflauert, lässt mich fürwahr nicht mehr ruhig schlafen, Hochgeboren!“
Den letzten Satz hatte die Finsterbornerin noch einmal deutlich betont. Dann trat sie einen Schritt zurück und verbeugte sich formvollendet.
„Wir werden uns vermutlich bei der Hochzeit in Pallingen wiedersehen. Bis dahin, gehabt Euch wohl und möge Boron Euch ruhig schlafen lassen.“ Die letzte kleine Spitze hatte die Ritterin aus der Schwarzen Au sich nicht nehmen lassen. Sie wartete darauf von Grimmwulf entlassen zu werden.
Offenbar saß diese letzte Spitze, denn Lyssandra sah, wie Empörung in Grimmwulfs Augen aufflammte – und noch etwas anderes, das sie auf die Schnelle aber nicht wirklich zuordnen konnte. Die Baronin straffte sich und verzog die Lippen zu einem kühlen Lächeln.
„Gehabt Euch wohl, Lyssandra von Finsterborn“, erwiderte sie dann knapp. „Möge die Gütige Mutter Euch stets beschirmen – und auch Eure Töchter.“
Damit war die Ritterin tatsächlich entlassen.
Zu Gast in Wiesenrath
20. Travia 1043, Pallingen
An der Seite von Gormla von Blautann brach Lyssandra an diesem Morgen von Burg Rotdorn auf. Während einige der urkentrutzer Ritter, wie auch ihr Vater und ihre jüngste Tochter Eylin noch einen weiteren Tag bleiben wollten, hatte Lyssandra sich zum vorzeitigen Aufbruch entschieden. Da traf es sich gut, dass Gormla ebenfalls bald zurück auf ihr Gut Natternhag wollte. Eine ihrer Gepürksküh war hochschwanger, die Geburt des Kalbs stand kurz bevor und die Tiernärrin hatte keine Ruhe mehr gefunden. Sie wollte an der Seite der Kalbenden sein, wenn die Wehen einsetzten.
Das Wetter schien umzuschlagen. Am Vortag hatte die Herbstsonne noch ordentlich gewärmt, an diesem Morgen aber blies ein schneidender Drachenodem die welken Blätter von den Bäumen. Diese umspielten die Fesseln von Lyssandras Warunkerstute und Gormlas Tobimora Falben als sich beide auf den Weg nach Urkenfurt machten.
Lyssandra mochte die exzentrische Ritterin von Gut Natternhag, dessen Weiden sich unweit des Blautanns erstreckten. Sie war der 45 Winter zählenden Brünetten schon einige Male begegnet und hatte den ein oder anderen ritterlichen Wettstreit bei verschiedenen Turnieren gegen sie ausgetragen. Gormla war eine ernstzunehmende Ritterin, kampferprobt und variantenreich in ihren Kampfmanövern. Lyssandra hatte jedes Mal den Kürzeren gezogen.
Eine Zeitlang plätscherte das Gespräch zwischen den beiden Frauen dahin. Zunächst ging es um die Pferdeauktion bei der Gormla eines ihrer Urkuzifohlen verkauft hatte. Sie war sehr zufrieden mit dem Erlös und vor allem mit der Aufmerksamkeit, die diese Eigenzüchtung ihres Gutes bei der Präsentation und dann auf der Auktion erlangt hatte. Auch Lyssandra hatte sich für das elegante und schnelle Kleinpferd interessiert. Das zweijährige Stutfohlen war eine Kreuzung aus Firnpony und Aranier. Es hatte die besten Anlagen von beiden, war also größer als ein Firnpony doch zierlich und schnell wie diese. Die kleine Stute war ein Dunkelfuchs mit hellbraunen Flecken an der Kruppe und der Schulter, die helle Mähne stand frech in alle Richtungen ab. Zunächst hatte die Ritterin der Schwarzen Au vorgehabt, das Stutfohlen für ihre Tochter Eylin zu kaufen. Als die Preise bei der Auktion dann aber den Rahmen sprengte, den sie sich gesetzt hatte, zog Lyssandra zurück. Das Kleinpferd ging an einen Ritter aus Baliho.
Gormla schwärmte von den Erfolgen, die sie und ihre wesentlich jüngere Lebensgefährtin Nihal bei der Zucht dieser neuen Pferderasse hatten und erzählte davon wie sie überhaupt dazu gekommen waren.
Nihal saba Mozon hatte Gormla bei einer der Schlachten kennengelernt, die sie an der Seite der Herzogin geschlagen hatte. Die gebürtige Aranierin aus Zorgan war als Reitersoldatin bei den Baburischen Reitern ausgebildet worden und hatte sich später als Söldnerin bei verschiedenen Heeren verdingt. Die Liebe zu den Tieren hatte die beiden Frauen einander nähergebracht und schließlich dazu geführt, dass Nihal den Reitersäbel und den Speer abgelegt und sich im kühlen Weiden niedergelassen hatte. Jeden Winter nutzte sie ihre phexischen Talente um durch die Lande zu reiten und nach weiteren Tierpaaren für den Hof ihrer Geliebten zu suchen. Gormla hatte es sich um Ziel gesetzt, seltenen, vom Aussterben bedrohten und exotischen Nutztieren eine Heimat zu bieten. Nihal unterstützte die Ritterin in diesem Bestreben nach Kräften.
Lyssandra hörte aufmerksam zu, fragte immer wieder nach und beschloss nach einer Weile, dass sie Gormla unbedingt bald besuchen wollte, um dieses Refugium für Mensch und Tier mit eigenen Augen anzusehen.
Nach der Mittagsrast, die beide Frauen auf einem umgefallenen Baumstamm am Waldrand des Eibenhains einnahmen, kreisten die Gespräche um die Hochzeit und die Inthronisation der neuen Gräfin. Sie waren sich einig, dass Walderia in Griseldis eine würdige Nachfolgerin gefunden hatte.
Kurz der nach Mittagsrast der beiden Reisenden konnten diese hören, wie sich von hinten ein oder mehrere Reiter auf schweren Rössern nähern mussten. Und tatsächlich dort ritt ein Ritter mit einer Waffenmagd. Lyssandra musst nicht warten, dass er nah genug heran war, um das das Wappen auf seinem Rock zu erkennen. Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese ritt dort zügig voran. Sie hatte ihn noch auf Burg Rotdorn mit seiner Familie vermutet. Der Junker war mit seiner Gemahlin, seiner Schwester und dem alten Praioten, dem Bruder ihrer eigenen Schwertmutter, der Alt-Junkerin Algunde von Pandlaril-Wellenwiese dorthin gekommen. Im dem Gefolge der Markgräfin der Rommilyser Mark waren wohl Verwandte des alten Perval mitgezogen. So diente der Traviabund auch für ein traviagefälliges Treffen der Familie.
Die beiden Reiter aus Wiesenrath wurden langsamer, als sie erkannten wer dort vor ihnen ritt, und Gilborn rief freudig die beiden Ritterinnen aus Urkentrutz an. Den Junker verband nicht allein seine Knappenschaft bei Theofried, dem Vater Lyssandras, mit Urkentrutz und der Ritterin. Beide waren seit vielen Jahren befreundet. Mit einem Schulterzucken beantwortete der Junker auch freimütig den Grund seiner Heimreise. Der alte Perval hatte es sich in den Kopf gesetzt, einige Stücke aus seinem Besitz an seine Verwandten in der Rommilyser Mark zu verschenken. Wie sie nach reichlich Suchen festgestellt hatten, hatte er sie aber auf dem Gut belassen. So hatte er sich selbst entschieden, nach Wiesenrath zu reiten, um dann morgen wieder zur Burg zurückzukehren. Außerdem, wie er lachend feststellte, könnte er dann seinerseits ein Geschenk mitbringen. Seine Verwandtschaft hatte ihn mit einem Buch bedacht, nun wollte er sich gebührlich revanchieren.
Schon bald kamen sie auf das Land, welches zum Gut und Dorf Wiesenrath gehörte. Wiesenrath lag nahe der Grenze zu Urkentrutz und wurde im Süden von der Straße begrenzt. Dahinter lag der Eibenhain, der sich in Urkentrutz fortsetzte. Dort an den Ufern des Auenbachs siedelte die elfische Sippe der Einhornrufer. Die Lande nördlich der Straße und östlich der Grenze nach Urkentrutz waren von Peraine gesegnet, so wie ganz gräflich Pallingen. Hier grasten Rinder und der Ackerboden waren von guter Qualität. Als Gormla etwas zu den Rindern und dem Ansinnen ihrer Partnerin sagte, hatte sie im Junker einen sehr interessierten Gesprächspartner gewonnen. Allen voran für Rinder in all ihrer Vielfalt konnte der Pandlaril-Wellenwiese sich begeistern.
Ja, die Rinder waren ein gutes Thema. Gormla erzählte Gilborn von der kleinen Herde Haariger Gepirgsküh, die Gormla auf den Weiden ihres Gutes hielt.
„Sie stammen zwar eigentlich aus dem Bornland, machen sich aber auch bei uns in Weiden gut. Sind robust und gutmütig. Nihal schwärmt immer von den Rashduler Drehhörnern. Aber ich glaube, wir würden den Tieren nichts Gutes tun, sie aus dem praiosverwöhnten Dornenreich in das kühle Weiden zu versetzen. Was denkst du, Gilborn? Und welche Rinderrassen hältst du?“
Die Blautannerin hielt Ausschau ob sie auf den Weiden einige der Rinder erkennen konnte, die Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese züchtete.
Inzwischen sah auch Lyssandra sich um. Sie war lang nicht hier gewesen. Dabei liebte sie das Gut. Wiesenrath sah fast ein wenig aus wie das Junkergut Schwarze Au. Der Turm und die Wirtschaftsgebäude, die Wiesen und Obstbäume, vieles erinnerte sie an das elterliche Gut. Nur mit Rindern hatte ihr Vater nicht so viel Erfahrung. Lyssandra hörte dem Gespräch ihrer Freunde zu. Vielleicht würde sie es einmal anders machen, wenn das Gut eines Tages ihr gehörte. Sollte sie auch auf die Rinderzucht setzen?
„Früher haben wir fast ausschließlich Bornländer Bunte gehalten oder Balihoer Bunte, wie sie oft genannt werden. Sowohl für die Meierei als auch wegen des Fleisches. Daneben züchten wir mittlerweile aber auch mehr Darpatrinder. Die Ochsen verkaufen wir dann als Zugtiere oder nutzen sie selbst. Sie sind kräftiger als die Bunten und bringen mehr Leistung.“ Der Junker deutete dabei auf einige Weiden, die sie passierten und auf den Tiere grasten. „Aus Liebhaberei halte ich auch eine kleine Herde Warunker Braune. Einen besonders gut geraten Bullen und zwei Kühe davon haben wir im letzten Sommer dem Dreischwesterorden gespendet, damit sie in Warunk wieder mehr davon züchten können.“
„Seit kurzem versuchen Walwige und ich uns auch daran, Abilachter Fleckvieh zu züchten. Sie geben gut Milch und wurden einst aus Bornländer Bunten gezüchtet. Auch wenn die Warunker Brauen für das Fleisch bekannter sind, möchte sie mit dem Fleckvieh kreuzen. Davon erhoffe ich mir eine besonders gut Milch.“
Erst entsann er sich der Aussage zu den Tieren des Südens. „Die Drehhörner? Imposante Tiere und ich erinnere mich noch an die Herden im Süden. Dort, wo es nicht so gebirgig ist, da haben sie vor allem auch die Gadangstiere oder besser Ochsen, die sie als Zugtiere schätzen. Doch ich fürchte, dass Du ganz recht hast. Es wäre nicht das rechte Land für sie.“
Schließlich erreichten sie das Gut und gleichnamige Dorf Wiesenrath. Der Karrenweg führte am Rand des Dorfes vorbei weiter nach Urkenfurt. Nördlich daran schloss der große Dorfplatz mit einem kleinen Teich an. Hier stand die große Wegraststätte und Schlachterei der Familie Knochenhauer. Auch der Zimmermann hatte dort seine Werkstatt, die gut davon lebte, sich um die Karren und Wagen zu kümmern, die den Weg nahmen. Etwas am Rande des Ortes stand der schmucke Perainetempel, der von einem Garten umgeben war, an den eine Wiese mit Obstbäumen anschloss. Auf einer leichten Erhebung abseits des Ortes fand sich das Gut des Junkers. Das Gut wurde von einem soliden Turm mit anschließendem Fachwerkhaus und kleinen Wirtschaftsgebäuden, dem Stall, Gesindehaus und kleinem Backhaus, aus Fachwerk gebildet und von einer stabilen Mauer mit einfachen Wehrgang umschlossen. Wie auch viele Häuser im Ort wurde das Gut nach seiner Zerstörung durch den Ork im Jahre 1026 BF wiederaufgebaut. Gut 150 Seelen lebten auf dem Land des Junkers.
Der Junker bog mit seinen Begleiterinnen zum Gut ein. Nach den Feierlichkeiten zum Traviabund war zumindest der Junker froh, es nun wieder etwas einfacher zu halten. Wie schon seine Großmutter, die Lyssandras Bruder Horatio eine strenge Lehrmeisterin gewesen war, so war auch Gilborn kein Freund von Verschwendung oder einem Leben auf dem großen Fuß. Auf Wiesenrath schätzte man die guten Dinge, doch alles hatte seine Zeit und das rechte Maß.
Als sie zum Gut abbogen, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Die Familien waren schon lange befreundet, was dazu geführt hatte, dass Gilborn bei ihrem Vater Knappe gewesen war, zu fast derselben Zeit wie Horatio hatte seine Knappenschaft bei Algunde von Pandlaril-Wellenwiese absolviert hatte. Häufige gegenseitige Besuche hatten die Freundschaft der Familien gefestigt und so freute sich die Ritterin aus der Schwarzen Au ausgesprochen auf den Besuch. Ob sich wohl etwas verändert hatte?
Das Gesinde war überrascht, den Junker vor der eigentlichen Zeit wieder begrüßen zu können. Es hatte die Gelegenheit unter Undra und ihrem Gemahl Waldfried genutzt, um alle Räume gründlich zu putzen, da die gesamte Familie der Pandlaril-Wellenwiese gen Burg Rotdorn gezogen war. Auch die beiden verbliebenen Streiter der ritterlichen Lanze hatten sich nicht dem Müßiggang hingegeben. Die junge Baerlinde saß vor dem Haupthaus und kümmerte sich um einige Waffen und Rüstungsteile, während Derwulf neben ihr saß und sich um die diversen Jagdwaffen und hilfreichen Utensilien kümmerte.
Die rothaarige Undra begrüßte den Junker und seine Gäste. Und schnell waren die Anweisungen gegeben, ihnen das Gästezimmer herzurichten und ein einfaches, aber gutes Mahl zu bereiten. Während sie aber noch draußen warteten, kam schon Waldfried, der Gemahl Undras und Koch des Gutes, mit der gemeinsamen Tochter Wiesgunna aus dem Haupthaus, um den Gästen mit Schmalz und Knoblauch bestrichenes Brot und dazu Apfelmost zu reichen.
Gormla und Lyssandra bedankten sich für die typische Weidener Begrüßung mit Knoblauchbrot und Most und genossen, hungrig mümmelnd, die lokale Spezialität. Lyssandra verwickelte dabei Undra und Waldfried in ein Gespräch. Natürlich fragten sie nach Horatio und Lyssandra erzählte bereitwillig, dass er noch immer bei den Rundhelmen diente und Vater von zwei entzückenden Söhnen war. Sie begrüßte auch Wiesgunna und fragte sie über weitere Bewohner des Gutes aus an die sie sich noch erinnerte.
„Sag, ist Baerlinde auch da? Ich habe sie noch gar nicht gesehen. Und wie heißt doch gleich euer Jagdmeister? Ich habe den Namen vergessen.“
Undra war nicht ohne stolz auf das Gut und seine Bewohnerinnen. „Hohe Dame, das freut mich zu hören, dass es dem jungen Herren so gut geht.“ Nun mischte sich auch der Junker wieder in das Gespräch ein. „Du kannst stolz auf Deinen Bruder sein. Großmutter war mit Lob immer sparsam. In Horatio hat sie immer einen guten Rundhelm gesehen. Auch Dreufang wäre stolz auf ihn gewesen.“ Gilborn erinnerte sich gerne an den Sohn Pervals, in dem er immer so etwas wie einen Onkel gesehen hatte.
„Baerlinde, Derwulf“, Gilborn rief die junge Waffenmagd und den beinahe stest gut gelaunten Jagdmeister herbei. „Hier sind die beiden“. Während die wohl 18 oder 19jährige Baerlinde respektvoll und doch nicht ohne Stolz, selbst eine Kämpferin zu sein, die Schwert und Schild trug, mit dem Schwertgruß grüßte, zog Ulfert seine Kopfbedeckung vom Kopf und verbeugte sich vor dem Gast aus Urkentrutz. „Baerlinde dient mir in meiner Lanze und hat ein wahres Talent mit der Klinge. Und ich bin mir sicher, Ulfert würde sich ebenso freuen, wie ich, wenn wir es bei Zeiten einrichten könnten, einmal wieder zu jagen.“ Der Wiesenrather wandte sich Gormla zu. „Eine Einladung die auch Euch und Eurer Gefährtin gilt.“
„Oh ja, eine Jagd wäre ganz nach meinem Geschmack!“, antwortete Lyssandra. Im Stillen aber dachte sie, dass es wohl noch ein wenig dauern würde, bis sie wieder so viel Freizeit haben würde. Zuerst mussten die Mädchenmorde in Urkentrutz aufgeklärt werden.
Nach der kurzen Begrüßung führte Gilborn seine Gäste direkt in die gute Stube des Gutes. Hier fand sich eine große Tafel mit Stühlen. Am Kamin stand ein großer Sessel auf dem einige Fellen und eine dicke Decke lagen. Lyssandra wusste, dass dies der bevorzugte Platz des alten Pervals war. Einige Truhen standen an den Wänden der Stube und einige Erinnerungsstücke schmückten diese. Über dem Kamin selbst hing die alte Klinge Algundes, der Schwertmutter Horatios. Am auffälligsten war aber sicher einer kleiner, tulamidischer Teppich, der an einer Wand hing. Er zeigte verschiedene der Peraine gefällige Muster und Symbole. Ein Mitbringsel von der Pilgerfahrt, die Gilborn nach seiner Schwertleite unternommen hatte und die ihn neben Donnerbach, Rommilys, Perricum und Gareth auch nach Baburin und schließlich Anchopal geführt hatte. Die Finsterbornerin wusste, dass Gilborn daneben eine kleine Sammlung von Erinnerungsstücken aus den Pilgerorten besaß, die er stolz hütete.
Schnell war das Gästezimmer auch hergerichtet und die beiden Ritterinnen konnten es beziehen. Auch Wasser und zwei Messingschüssel zum Waschen waren von der guten Wiesgunna herbeigebracht.
Gemütlich war es auf dem Gut, ganz so wie zuhause in der Schwarzen Au. Lyssandra sah sich um. Viel hatte sich eigentlich nicht verändert seit sie das letzte Mal da gewesen war. Die Tafel wirkte sehr einladend und auch wenn sie in den vergangenen Tagen mehr als sonst mit kulinarischen Genüssen verwöhnt worden waren, meldete sich doch ein kleines Knurren in der Magengrube der Finsterbornerin. Sie schielte dezent darauf, was die bekanntermaßen gute Küche Waldfrieds zu bieten hatte.
Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten. Seine Frau hatte den Tisch schon mit schlichten Schüssel aus gebrannten und lasierten Ton eingedeckt. Auch die Zinnlöffel lagen bereit, als er eine Schüssel mit einem dampfenden Eintopf brachte. Der Geruch kündete von einem kräftigen Rindereintopf Rindfleisch aus eigener Zucht. Mit Gemüse und etwas Graupen, die in Wiesenrath selbst hergestellt wurden. Dazu reicht Waldfried noch etwas Brot.
Ehe er sich daran machte, das Mahl zu eröffnen, sprach Gilborn ein kurzes Gebet. Eine Sitte die er von seiner Großmutter übernommen hatte und er schon allein deswegen nicht in Frage stellte.
„Herrin Travia, wir danken Dir für die Speisen.
Blicke auf uns hernieder und segne unser Mahl, auf dass wir gestärkt unserem Tagwerk nachgehen mögen.
Lasse unser Herdfeuer nie erlöschen, auf dass es unser Heim und uns stets wärme.“
Um dann mit einem ‚Wohlschmecken‘ das Mahl zu eröffnen.
„Wohlschmecken!“, erwiderten sowohl die Finsterbornerin als auch die Blautannerin.
Zunächst einmal herrschte gefräßiges Schweigen. Alle waren mit dem wohlschmeckenden aber ebenso heißen Rindereintopf so beschäftigt, dass Gespräche kaum zustande kamen. Gormla lobte das ausgesprochen schmackhafte Rindfleisch und fragte Gilborn ob das von Bornländer oder Balihoer Bunten stammte. Und auch Lyssandra hörte neugierig zu, welches Rind das Fleisch für den Eintopf gespendet hatte.
„Das war ein Warunker Brauner“, antwortete er bereitwillig. „Sie geben gutes Fleisch und Waldfried versteht sich auf das Schlachten. Sehr vielfältige Tiere.“
Als schließlich wieder eine Schweigepause eingetreten war und der ein oder andere bereits seinen Löffel beiseitelegte, ergriff die Ritterin aus der schwarzen Au das Wort.
„Ich hoffe, ich verderbe dir nicht den Appetit, aber ich möchte noch auf eine sehr unappetitliche Angelegenheit zu sprechen kommen, Gilborn. Es geht um den neuerlichen Mädchenmord in Urkentrutz, genauer gesagt in der Nähe des Dorfes Schwarze Au und die damit erneut aufgeworfene Frage nach dem Mörder. Nachdem sich seit mehr als 3 Götterläufen keine Morde mehr ereignet hatten, wog sich die Bevölkerung von Urkentrutz in trügerischer Sicherheit, dass die Mordserie aus welchen Gründen auch immer, ein Ende hätte. Nun flammen die Diskussionen erneut auf. Du hast das sicher damals im Fantholi verfolgt, oder? 3 Mädchen im Alter zwischen 14 und 19 Götterläufen sind in der Baronie ermordet worden. Die erste in der Nähe von Urkenfurt 1038 BF, dann eine aus dem Dorf Schwarze Au im Boron 1039 und eine Schäferin im Peraine darauf in Urken. Kurz darauf endete die Mordserie. Dann atmete die Baronie auf. Es hatten ja schon Schauermärchen die Runde gemacht von Monstern, Vampiren und Werwölfen. Nun aber scheint derselbe Mörder erneut zugeschlagen zu haben. Allen Morden gemeinsam ist die Nähe zu einem Weg. Das könnte auf jemanden hinweisen, der viel unterwegs ist, ein Händler oder wandernder Geselle oder so. Außerdem hat die Person sehr große Füße, wie Fußspuren an den Tatorten beweisen. Zeugenaussagen bestätigen das. Die Zeugen gaben an, dass immer in der Zeit um die Morde ein ungewöhnlich großer, grobschlächtiger, junger Mann gesichtet wurde. Nun versuche ich die losen Fäden zu verknüpfen. Und dich frage ich, da dein Gut ja an einem der Verbindungswege von Urkentrutz mit Gräflich Pallingen liegt. Sind in eurer Baronie ähnlich Morde vorgefallen? Oder Vergewaltigungen an einem der Durchgangswege? Ich habe nichts gelesen im Fantholi, aber es kann ja sein, dass es eine vereinzelte Tat war und ihr deshalb nicht die Bedeutung geschenkt wurde und sie auch nicht im Zusammenhang mit den Morden in Urkentrutz gesehen wurde.“
„Wir haben von den Schandtaten gehört und Praios sei es gedankt, bei uns gab es so etwas nie.“ Er lehnte sich zurück und fuhr sich nachdenklich durch das Gesicht. „Bei einer solchen Beschreibung und dem Weg, da müsste so ein Kerl doch auffallen.“ Gilborn Blick wanderte zum Fenster auf den Gutshof und sann nach, ob er aussprechen sollte, was ihm in den Sinn kam. „Groß und grobschlächtig, da kommt mir sofort einer in den Sinn. Aber ich glaube nicht, dass er damit etwas zu tun haben könnte.“
Undra kam gerade herein, um zu schauen, ob auch alles so war, wie es sein sollte. „Undra, lass uns einen Augenblick allein und schaue, dass wir nicht gestört werden.“ Er wartete bis die Tür verschlossen war und sprach dann weiter. „Es soll keine Beschuldigung sein und wie gesagt, ich kann es mir nicht vorstellen. Bei Praios und Travia nein. Doch Du hast gefragt und ich will ehrlich zu Dir sein. Ich musste sofort an Ingrold von Hartenau denken, als Du die Beschreibung genannt hast. Es ist Götterläufe her, dass ich ihn sah. Damals war er schon ein Riese und muss seitdem noch gewachsen sein. Und er war von großer Kraft.“
Leise nickte die Ritterin aus der Schwarzen Au.
„Diesen Verdacht hat auch ein Kesselflicker geäußert, der den Baronet kurz nach dem letzten Mord in der Nähe des Weggasthofs „Seidelbast-Rast“ an der Bingenbacher Lohe gesehen hatte. Er scheint dort aus der Küche etwas gestohlen zu haben. Weitere Gäste erinnerten sich an den grobschlächtigen jungen Mann, kannten den Baronet aber nicht, was eine eindeutige Identifizierung erschwert. Grimmwulf, die ich mit dem indirekten Vorwurf konfrontierte, schien zwar zunächst sehr nachdenklich zu werden, dann aber wirkte sie erleichtert. Sie versicherte mir, dass Ingrold seit Anfang 1040 BF nicht mehr in der Baronie weilt. Die Traviageweihte Mutter Marinad hatte ihn damals aus der Baronie fort in einen Traviatempel außererhalb der Baronie verbracht.
„Gestohlen?“ Gilborn fand das irritierend, ging aber zunächst auf die Frage ein. „Ein Kloster oder ein Tempel? Ein Kloster haben wir allein Hohenweiden, das ist aber dem Götterfürsten und der Gütigen Göttin geweiht. Und Pallingen selbst gibt es ein Haus der Herrin Travia.“
Lyssandra trank einen weiteren Schluck des Apfelmosts. Sie wirkte nachdenklich.
„Nein, sie sagte nicht wo, nur dass es ein Tempel ist. Möglich wäre Pallingen, aber auch Waldleuen ist prinzipiell möglich. Vielleicht sogar noch weiter weg. Ich weiß es leider nicht. Und der Verdacht, dass der Baronet etwas mit den Morden zu tun haben könnte reicht ja alleine auch nicht. Ich fürchte ohne stichhaltige Beweise kann ich sie nicht erneut mit dem Vorwurf konfrontieren. Deshalb will ich jetzt weitere Erkundigungen einziehen. Nur, dass ich jetzt auch gezielter nach dem Baronet fragen werde. Am Ende muss ich mich vielleicht an die neue Gräfin Griseldis wenden und sie um Intervention bitten. Es ist ja schon ein starkes Stück, seine Lehnsherrin damit zu konfrontieren, dass ihr Sohn womöglich ein Mädchenschänder ist. Wie würdest du vorgehen, Gilborn? Und wie siehst du das Gormla?“
„Äußerst dünnes Eis. Solch gewichtigen Anschuldigungen können nur vorgebracht werden, wenn Du Dir Deiner Sache sicher bist. Wäre es nicht der Baronet, dann würde ich es robuster angehen. Doch bei ihm?“ Er kratzte sich nachdenklich an der Stirn. „Ich bin ein begeisterter Jäger. Womöglich kann eine Falle mit einem, einem Köder die Lösung sein? Wenn Du weißt wo er ist, dann stelle sie. Das ist gewagt und besonders für“, er zögerte kurz, „für die junge Frau gefährlich. Doch das könnte Gewissheit bringen. Eines steht aber fest, wenn ich Dir helfen kann, dann werde ich es tun.“
Auch Gormla, die nachdenklich den Ausführungen der beiden zugehört hatte, meldete sich nun zu Wort.
„Ja, sehr riskant. Also jede der Varianten. Zunächst muss man feststellen wo der Baronet sich aufhält. Wie wäre es, wenn du, Gilborn, in Pallingen nachforschst. Vielleicht kannst du Grimmwulf sogar noch während der Feierlichkeiten in Pallingen danach fragen. Du kehrst ja morgen noch dorthin zurück, oder?“
Sie sah den Ritter an.
„Das will ich gerne tun und mich nach ihm erkundigen.“
Danach wandte die Blautannerin sich an die Ritterin aus der Schwarzen Au. „Und du könntest doch versuchen herauszufinden, ob der Baronet in Waldleuen ist, wenn Gilborn keine Aussage von Grimmwulf einholen kann.“
Lyssandra nickte. „Klar, ich wollte dort ohnehin nach ähnlichen Morden oder auffälligen Beobachtungen fragen. Urken, das nicht so weit von der Baroniegrenze entfernt ist, hatte ja auch einen Mädchenmord zu beklagen. Dort wollte ich noch Erkundigungen einziehen und die Siedler nach dem großen Schlacks fragen, der im Zusammenhang mit den Morden zu stehen scheint.“
„Das klingt nach einem guten Vorgehen. Ich werde auch meine Schwester fragen. Sie erfährt vom einfachen Volk so manches, was uns verborgen bleibt.“
„Hab Dank dafür, Gilborn!“ Er konnte wohl hören, dass der Dank von Herzen kam. Schließlich wollte Lyssandra dem schlimmen Treiben ein Ende setzten, brauchte dafür aber unbedingt noch mehr Informationen. Wenn Gilborn und seine Schwester dazu beitragen konnten umso besser.
Der Abend verlief noch sehr gemütlich. Sie plauderten über alte Zeiten bis spät in die Nacht.
Ein wenig übernächtigt verabschiedete man sich am kommenden Morgen. Gilborn machte sich auf den Weg zurück nach Pallingen, Gormla und Lyssandra ritten weiter nach Urkenfurt.
Erkundigungen in Urkenfurt
Urkenfurt, 22. Travia 1043
Lyssandra und Gormla hatten die Nacht in der Weggaststätte „Brückenwirt“ verbracht. Die beiden Frauen hatten ein sich je eine Forelle aus dem Ofen bestellt und die gemeinsame Reise bei einem Met ausklingen lassen. Am Morgen des 22. Travia nahmen sie Abschied. Gormla von Blautann würde weiterreiten zu ihrem Gut Natternhag, das knapp einen Tagesritt von Urkenfurt entfernt an den Ausläufern des Blautanns lag. Lyssandra hatte sich vorgenommen, weitere Erkundigungen bezüglich der Mädchenmorde durchzuführen. Zunächst wollte sie ihren Vorsprung nutzen, denn die Baronin würde wohl erst in ein paar Tagen auf ihrer Burg erscheinen, und den Ritter aufsuchen, der die Untersuchungen leitete. Diesen wollte Lyssandra nun vorab zu seinen Erkenntnissen befragen und ihm vor allem auch in Bezug auf den Spross der Baronin, Ingrold von Hartenau, auf den Zahn fühlen. Anschließend würde sie, wenn möglich, weitere Burgbewohner befragen und auch diejenigen in Urkenfurt, die das Mädchen Demuth gekannt hatten. Sie ging davon aus, dass die Untersuchungen sie in den kommenden Tagen in Urkenfurt und auch in der Umgebung, dort wo die Mädchenleiche gefunden worden war, beschäftigen würden.
Der Tag begann neblig. Über dem Fialgralwa hing das wattige Grau und schlug sich sogleich als feuchter Film auf der Haut nieder, sobald man die wärmenden vier Wände verließ. Leuchtend buntes Herbstlaub klebte auf dem Kopfsteinpflaster, das den Weg von der Brücke hinaus zur Baronsburg bedeckte. Ein paar Hühner hatten sich in der Nähe eines Bauernhofes auf den Weg verirrt. Empört gackernd räumten sie das Feld, als Lyssandra die letzten Häuser hinter sich lassend den Burgberg erklomm.
Vom Ufer des Finsterbachs, nach Überquerung der Brücke, führte der Urkenweg nach Norden, der Weg in Richtung Blautann und dann weiter zum Rhodenstein zweigte alsbald nach links ab. Von beiden ausgehend gab es einen Weg hinauf zur Burg Urkenfurt. Als Karrenweg ausgebaut, mit sanftem Anstieg und befahrbar war der Weg vom Urkenweg, der andere war eher ein Steig, der sich die Hangkante zum Fialgralwa entlang steil aufwärts schlängelte. Diesen wählte die Ritterin aus der Schwarzen Au. Leider blieb Lyssandra die schöne Aussicht auf das Flusstal verborgen. Zu dicht waberte der Nebel über dem Fialgralwa. Dann aber, als sie aus dem dichten, feuchten Weiß herausgetreten war, konnte sie die Burganlage über sich erkennen.
Von der Anstrengung des Anstiegs schnaufend erreichte Lyssandra den Graben, der die Burg auf dem Hochufer umgab und von einer kleinen, steinernen Brücke überspannt wurde. Das mehrstöckige Torhaus verfügte über eine hölzerne Zugbrücke, die den Zugang zur Burg für Angreifer erschweren sollte. Ein Waffenknecht stand Wache. Er erkannte Lyssandra wieder und grüßte. Unnötigerweise erklärte er der Ritterin, dass die Baronin nicht in der Burg weilte. Die Finsterbornerin nickte.
„Ich weiß, Mann, denn ich war mit ihr in Pallingen. Ich komme auch gar nicht zu ihr, sondern möchte den Ritter Ludopoldt von Geißenbart sprechen. Er wird ja wohl anwesend sein, oder nicht?“
Der Waffenknecht, ein Jungspund von vielleicht 20 Wintern, nickte eilfertig. „Ist er, Hohe Dame. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt…“
Er geleitete sie durch den Torbogen und bog nach links. Das Torgebäude hatte einen Turm als Anbau. In ihm konnte man in sowohl in das Torgebäude als auch auf den Wehrgang entlang der Mauer hinaufsteigen. Lyssandra erklomm die Stufen. Sie waren an der Tür zum Wehrgang und der ersten Tür zum Torgebäude vorbeigegangen und erst ein weiteres Stockwerk darüber öffnete der Waffenknecht die hölzerne Tür. Vor ihnen lag ein Wachraum. In der Mitte des Raumes befand sich ein großer Holztisch, auf dem eine Karaffe und mehrere Becher standen. Viele Fenster ließen das karge Licht des Traviamondes in die Wachstube. Über der Zugbrücke schob sich ein Erker hinaus, der mit gleich drei Fenstern nicht nur die Möglichkeit bot zu erkennen, wer sich der Burg näherte, sondern auch denjenige entsprechend zu begrüßen. Sei es mit Pfeil und Bogen oder der Wappenflagge der Baronin. Beides stand griffbereit neben dem Stuhl, der sich unter dem mittleren Fenster befand.
Auf diesem Stuhl saß ein großer, breitschultriger Mann von etwa 60 Wintern. Er trug ein Kettenhemd über den Beinlingen, die mit Wickelgamaschen befestigt in ausgetretenen Stiefeln steckten. Der Haaransatz des ergrauten Haupthaares war schon weit zurückgewichen. Als die Tür sich öffnete, blicke er auf. Er schien Lyssandra zu erkennen und erhob sich zum Gruß.
Die Ritterin ging ihm entgegen und entbot ihm den Unterarm für den Rittergruß. Ludopoldt von Geißenbart schlug ein. Er hatte eine feste Stimme. „Rondra zum Gruße, Lyssandra von Finsterborn. Ich habe dich kommen sehen.“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au erwiderte den ritterlichen Gruß. „Rondra zum Gruße, werter Ludopoldt. Ich bin gewissermaßen die Vorhut. Grimmwulf wird erst in ein paar Tagen erscheinen. Doch mich treiben die dringenden Nachforschungen über den Mädchenmord in der Schwarzen Au zurück. Hast du bereits etwas in Erfahrung bringen können?“
Ritter Ludopoldt schüttelte den Kopf. „Ich musste ja hier die Stellung halten während Grimmwulf und Pirejus auf der Hochzeit der Gräfin sind. Die Nachforschungen müssen warten bis die beiden wieder hier sind.“
Lyssandra seufzte. Sie verstand natürlich, dass die Baronin ihre Burg und die Siedlung nicht ohne Bewachung lassen wollte, doch das bedeutete natürlich eine weitere Verzögerung.
„Nun, ich habe vor, dich bei deiner Aufgabe zu unterstützen und möchte auch noch einmal Nachforschungen in den anderen, früheren Todesfällen von jungen Mädchen in Urkentrutz anstellen. Vielleicht können wir uns über diese noch einmal unterhalten?“
Der Dienstritter sah Lyssandra ein wenig abschätzig an. Es war zu erkennen, dass er sich fragte, ob sie ihm die Untersuchung der Todesfälle nicht zutraute. Entsprechend eingeschnappt kam die Antwort.
„Wenn du glaubst, dass ich mit der Aufgabe überfordert bin, sag es mir doch grad heraus, anstatt mir hinterhältig deine Hilfe anzubieten!“
Die Ritterin biss sich auf die Zunge. „So war es nicht gemeint und so habe ich es auch nicht gesagt, Ludopoldt! Ich weiß wie schwierig es ist so viele Informationen zu sammeln, zumal du dich in der Schwarzen Au ja auch nicht so gut auskennst wie ich. Mein Vorschlag: wenn die Baronin wieder zurück ist und du die Ermittlungen aufnehmen kannst, begleite ich dich in die Schwarze Au. Dann können wir die bisherigen Erkenntnisse, die wir beide gesammelt haben, zusammentragen und vielleicht schneller zu einem Ergebnis kommen. Was denkst du über diesen Vorschlag?“
Ludopoldt sah Lyssandra noch immer zweifelnd an, musste sich dann aber eingestehen, dass sie recht hatte.
„Hm, nun, das ist vielleicht wirklich am besten. Es geht ja schließlich darum, den Kerl dingfest zu machen!“
Erleichtert lächelte die Finsterbornerin ihn an. „Na prima. Ich habe Quartier im „Brückenwirt“ bezogen. Du kannst mir ja eine Nachricht zukommen lassen, sobald du weißt, wann du in die Schwarze Au aufbrechen willst. Ich habe noch ein paar Dinge in Urkenfurt zu erledigen.“
Der Dienstritter nickte. „Das mache ich. Wobei du auch hier auf der Burg wohnen kannst. Grimmwulf hat bestimmt nichts dagegen.“
Lyssandra winkte ab. „Nicht nötig, Ludopoldt. Sonst ist der Weg weiter für mich, für meine Erledigungen. Aber wenn es dich nicht stört, nehme ich hier noch eine kleine Stärkung zu mir. Du hast doch vermutlich auch noch nichts gegessen, oder?“
Der grauhaarige Ritter nickte erfreut. „Eine gute Idee, lass uns mal Dorntrud, die Köchin fragen, was sie vorbereitet hat.“
***
Die Köchin Dorntrud war eine freundliche Frau, der man die Liebe zum Essen durchaus ansah. Sie hatte ausladende Hüften und war auch an anderen Stellen reichlich gesegnet, das Gesicht mit rosigen Bäckchen und unter der Haube blonde Locken, die neben den Ohren hervorspitzten. Dorntrud war die Herrin über das Backhaus, das dem Stall gegenüberlag. Das kleine Fachwerkgebäude mit dem spitzen Giebel enthielt einen Backofen und eine weitere Feuerstelle über der man Fleisch braten oder Suppentöpfe aufhängen konnte. Die Wände waren mit Regalen vollgestellt in denen Töpfe und Tiegel ebenso ihren Platz fanden wie Schüsseln, Platten und Holzbretter für die Tafel der Baronin. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch auf dem die Köchin ihre Arbeitsutensilien verteilt hatte. Eine große Klappe im Holzboden ließ erahnen, dass sich im fensterlosen Untergeschoss die Vorräte befanden und eine steile Holzstiege in das Dachgeschoss legte die Vermutung nahe, dass die Köchin dort schlief.
Während Ludopoldt der Köchin ein Brotzeitbrett mit Schinken, Hartwurst und Käse abschwatzte, sah sich Lyssandra neugierig um. Von oben waren Kinderstimmen zu vernehmen und nach einer Weile ließ sich ein rothaariger Junge von vielleicht fünf Wintern auf den obersten Stufen sehen. Wenig später erschien auch das Gesicht eines blonden Mädchens im Ausschnitt der Treppe. Sie mochte vielleicht drei Winter zählen. Der Junge mit den Feenküsschen im Gesicht erwies sich als neugierig und mutig. Er fragte die unbekannte Frau grad heraus: „Wie heißt du?“.
Dorntrud, die Lyssandra gerade ein Körbchen mit noch dampfendem Fladenbrot in die Hand drückte, schimpfte ihren Sohn postwendend. „Holder, sei nicht so vorlaut! Das gehört sich nicht! Außerdem siehst du doch, dass das eine Dame von Stand ist, eine Ritterin. Wie begrüßt man eine Ritterin?“
Der kleine Junge schob die Unterlippe bockig nach vorne und verschwand sogleich wieder im Obergeschoss. Ein knurriges „mir doch egal“ war noch zu hören begleitet vom Kichern seiner kleinen Schwester. Wenig später hörten die Erwachsenen die trappelnden Kinderfüße auf dem Holzboden und konnten sich sicher sein, dass die beiden Racker wieder spielten.
„Entschuldigt, Wohlgeboren! Er ist gerade besonders trotzig. Ich werde ihn mir nachher vorknöpfen und ihm die Löffel langziehen!“, versprach die Köchin.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au lachte. „Lass gut sein, Dorntrud! Ich habe selbst drei Kinder und weiß sehr gut, dass sie es dann und wann mit den Manieren nicht so genau nehmen.“
Interessiert sah die Köchin von der Schüssel auf, in der sie gerade einen Frischkäse mit frisch geriebenem Meerrettich vermengte.
„Wie alt sind Eure Kinder, wenn ich fragen darf, Hohe Dame?“
Lyssandra zählte auf: „Minerva ist 16, Theofried 14 und die jüngste, Eylin, ist 9 Winter alt.“
Da lächelte Dorntrud und nickte. „Na, dann sind die ja schon aus dem Trotzalter raus. Oder etwa nicht?“
Auch die Ritterin lächelte und wog den Kopf. „Sollte man meinen, was? Aber besonders bei den Mädchen scheinen sich die Phasen von Vernunft und Unvernunft schnell abzuwechseln. Beide haben Launen wie das Wetter und wie du sicher weißt, Dorntrud, kann das von einem Moment auf den anderen umschlagen.“
Die Köchin lachte. „Ja, das kenne ich!“ Sie drückte Lyssandra nun auch das Schälchen mit dem Meerrettichfrischkäse in die Hand. „Wenn Ihr möchtet, könnt ihr drüben im Gästehaus essen. Da ist genug Platz. Ich bringe gleich noch Getränke. Kräuterlimonade gefällig, Wohlgeboren? Habe ich frisch angesetzt.“
Lyssandra nickte erfreut. „Gerne!“
Als sie sich zum Gehen wandte, drehte sich die Ritterin noch einmal zu Drontrud um.
„Ist es nicht sehr traurig für Grimmwulf, dass sie nur ein Kind bekommen hat und dieses noch nicht einmal in ihrer Nähe ist?“
Dorntrud blickte von Lyssandra zu Ludopoldt. Sie schien unsicher zu sein, ob sie der Ritterin antworten durfte. Dann hob sie resignierend die Schultern. „Das Wirken der Alverianier ist manchmal nicht zu verstehen. Irgendwas müssen sich Tsa, Travia, Peraine und die anderen ja wohl dabei gedacht haben…“
Die Ritterin der Schwarzen Au versuchte ihre Enttäuschung über die karge Antwort zu verbergen. Sie lächelte stattdessen und drehte sich zu Ludopoldt um, der bereits im Türrahmen stand. Dann verließen sie das Küchengebäude und zogen sich in den Speiseraum des Gästehauses zurück, den sie von ihrem letzten Aufenthalt auf der Burg noch kannte.
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Beim Gespräch mit Ritter Ludopoldt erfuhr Lyssandra mehr über den Spross der Baronin. Bereitwillig erzählte er von der Liebenswürdigkeit Ingrolds, der, solange er auf der Burg war, bei allen beliebt war. Er wirkte einfältig, sprach nur das Nötigste und sowohl die Mutter wie auch die Traviageweihte Mutter Marinad haben viel Zeit darauf verwendet ihm das Lesen und Schreiben beizubringen. Dass er dennoch eine gewisse Art Intelligenz besaß wurde klar, wenn man ihm ein Rätsel stellte oder ihm eine philosophische Frage stellte. Darüber konnte er halbe Tage lang grübeln. Bei den Burgbewohnern war er beliebt, wenngleich ihn alle ein wenig seltsam fanden und hinter vorgehaltener Hand seine Mutter bemitleideten, da Ingrold so gar nicht zum Nachfolger taugte. Als Junge hatte er viel Zeit damit zugebracht, dem Schmied oder der Köchin Dorntrud zuzusehen, war oft im Stall gewesen oder hatte in Begleitung eines der Knechte die Burg verlassen, um die Tiere zu weiden oder die Wiesen zu mähen. Auch bei Ritter Ludopoldt und den Waffenknechten und Schildmaiden im Torturm war er oft gesessen und hatte zu einem der vielen Fenstern hinausgesehen. Als Heranwachsender war er dann meist sinnierend oder lesend in irgendeiner Ecke der Burg gehockt. Was seiner Mutter zunehmend Sorgen bereitet hatte, war die Tatsache, dass er mit beginnender Adoleszenz die Burg ab und an heimlich verließ. Nie antwortete er auf die Fragen wo er denn gewesen sei, wo er sich herumtriebe. Diese schlechte Kontrollierbarkeit hatte schließlich auch dazu geführt, dass Grimmwulf ihren Sohn in die Hände der Traviakirche gab und ihn außerhalb der Baronie in einen Tempel schickte. Sicherlich noch immer in der Hoffnung darauf, dass der Einfluss der Eidmutter eines Tages einen Erben für den Baronsthron aus ihm machen würde.
Angesprochen auf den Verdacht, den der Kesselflicker Firnmar in die Welt gesetzt hatte, als er in dem übermäßig groß gewachsenen, seltsam schlaksigen jungen Mann, der sich in den Tagen vor und nach der Ermordung von Ilmentrud Weichselbaumer in der Gegend um die Schwarze Au und die Weggaststätte „Seidelbast-Rast“ aufgehalten hatte, den Baronet erkannt haben wollte, schüttelte Ludopoldt entrüstet den Kopf.
„Unmöglich war das Ingrold! Zum einen ist der ja seit mehr als drei Götterläufen außerhalb der Baronie in einem Traviatempel und zum anderen ist der zu so einer Tat gar nicht fähig!“
Ludopoldt schüttelte immer wieder nachdenklich den Kopf. „Klar passt die Beschreibung, aber es wird ja wohl in Urkentrutz mehrere große, schlaksige, junge Männer geben, auf die diese Beschreibung passt.“
Auf die Frage, ob der Junge jähzornig gewesen sei und wie er sich im Umgang mit Mädchen verhalten habe, dachte der Ritter wieder nach.
„Nun, er war zu allen freundlich und als er älter wurde hat er schon Interesse an Mädchen gezeigt, aber da er ja nicht so gut mit Worten war, hat er sie mehr beobachtet als das Gespräch gesucht. Jähzornig konnte er schon auch mal werden, vor allem wenn er etwas unbedingt haben wollte und nicht verstanden hat, warum er das jetzt nicht haben darf. Aber Grimmwulf und Mutter Marinad ist es immer gelungen ihn dann mit irgendwas abzulenken. Dann hat er sich schnell wieder beruhigt. Er hatte ja schon Kraft, der Baronet. Ungewöhnlich groß wie er ist, hat er auch große, kräftige Hände. Der Schmied hat ihn deshalb auch gerne zum Helfen geholt, wenn eines der Rösser beschlagen werden musste. Aber lassen wir das Thema! Erzähl mir lieber von dem neuen Mordfall!“
Lyssandra berichtete ausführlich von ihren Untersuchungen und der Befragung der Bewohner des Ortes Schwarze Au. Sie ging auch noch einmal auf die Gespräche im Weggasthof „Seidelbast-Rast“ ein. Je ausführlicher sie die Beobachtungen schilderte desto nachdenklicher schien Ludopoldt zu werden. Mehrfach fragte er nach. Aber ähnlich wie Grimmwulf in ihrem Gespräch vor der gräflichen Hochzeit zu Pallingen, entspannten sich letztlich seine Gesichtszüge. Er lehnte sich zurück und trank den letzten Schluck seiner Kräuterlimonade.
„Also, wenn du mich fragst, dann ist die Sache klar. Der Mörder kommt aus einer anderen Baronie. Er ist regelmäßig auf der Durchreise durch Urkentrutz, das zeigt die Häufung der Morde an den Straßen. Wahrscheinlich pickt er sich dann immer ein Mädchen raus, das ihm gefällt und bringt es um. Vielleicht sollten wir in den Nachbarbaronien nachfragen, ob es dort eine ähnliche Häufung von Mädchenmorden gibt?“
Die Ritterin der Schwarzen Au nickte nachdenklich. „Daran habe ich auch schon gedacht und bereits in Pallingen meinen Freund Gilborn von Pandlaris-Wellenwiese befragt, den Junker von Wiesenrath, das unweit der Baroniegrenze liegt. Aber er konnte nichts von etwaigen Verbrechen berichten und bei der Beschreibung fiel auch ihm nur der Baronet ein. Dennoch sollte man Grimmwulf darauf ansprechen. Sie kann sicher ihre Beziehungen spielen lassen und die Nachbarbaroninnen und Barone anschreiben. Schlag ihr das doch vor, wenn sie zurück ist. Das würde unsere Ermittlungen vielleicht erleichtern.“
Ludoboldt nickte und erhob sich. „Ich muss dann wieder! Wenn die Baronin zurück ist, lasse ich es dich wissen. Dann brechen wir in die Schwarze Au auf!“
Lyssandra verabschiedete sich und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf Urkenfurt.
Ingrold und Demuth
Urkenfurt, Nachmittag des 25. Travia 1043
Lyssandra machte sich von der Burg aus auf den Weg in die Siedlung Urkenfurt. Der Nebel hatte sich verzogen, die Praiosscheibe wärmte jedoch kaum mehr, auch wenn sie durch die bereits lichten Wipfel der Laubbäume ungehindert zu Boden fiel. Die Ritterin aus der Scharzen Au wählte dieses Mal den Karrenweg den Burgberg hinunter. Dieser lief sanft in einer großen Kehre den Hang hinunter über Wiesen und Weiden, die offensichtlich zum Land der Burgherrin gehörten. Pferde grasten links des Wegs auf ebenem Grund, Ziegen und Schafe erklommen den Hang, der zur Burgmauer hinausreichte.
Bald schon bekam Lyssandra den erhofften Blick ins Finsterbachtal. Sanft schlängelte sich der Fialgralwa durch die liebreizende urkentrutzer Landschaft. Hügel, Wiesen, Weiden und Auwälder prägten das Bild. Flussaufwärts war der Beginn der Langen Klamm mit ihren bizarren Felsformationen zu erahnen. Der Burg gegenüber mündete der Eberbach in den Fialgralwa. Die Mündung des Baches breitete sich Schilf aus und die wenigen vereinzelten Waldkiefern und schmalen Birken zeigten an, dass der Boden so morastig war, dass die Wurzeln hochaufragender Bäume, wie Erlen und Weiden nicht genug Halt fanden.
Friedlich lag die Siedlung Urkenfurt beiderseits der Brücke im herbstlichen Praiosschein. Aus den Schornsteinen der kleinen Fachwerk- oder Holzhäuschen stieg der Rauch auf. Es roch nach Geräuchertem und Backwerk. Im Ortskern zu Füßen der Burg standen die Häuser dichter und Lyssandra konnte sehen, dass die Urkentrutzer ihrem Tagwerk nachgingen. Unweit ihres Standpunktes, eines Felsvorsprungs, der über die Abbruchkante des Flusstals hinausreichte, befand ein einfaches Bauernhaus. Sicher ein Eigenhöriger der Baronin. Die Ritterin schlenderte am Gatter der Weide entlang, auf der Schafe, Ziegen und sogar zwei Schweine eine Gemeinschaft bildeten und warf neugierig einen Blick in den sorgfältig gestalteten Bauerngarten. Spätherbstliche Astern, einige verblühte Praiosblumen, deren Samen den Vögeln als Nahrung dienten und die letzten, Lauchpflanzen, Kohlköpfe, Rosenkohl- und Grünkohlstauden trotzten den bereits frostigen Nächten.
Auf einer Bank vor dem Haus saß ein alter Mann. Er hatte beide Hände auf dem Bauch übereinandergelegt und beobachtete die Hühner die auf der Wiese vor dem Haus nach Würmern suchten. Da er sie noch nicht bemerkt zu haben schien, rief Lyssandra dem Mann ein fröhliches.
„Travia zum Gruße!“, zu.
Nun sah der Alte überrascht auf. Er blinzelte, schien erkennen zu wollen, ob er die Frau am Zaun kannte. Die Ritterin kam ihm zuvor.
„Mein Name ist Lyssandra von Finsterborn. Ich bewundere den schönen, gepflegten Garten.“
Ächzend machte der alte Mann sich daran aufzustehen. Dazu holte er einen knorrigen Wurzelstock, der neben ihm an der Wand gelehnt hatte und hievte sich mühsam in die Höhe. Die Verbeugung, die er versuchte, ließ erkennen, dass seine Knochen vom Alter schon steif waren.
„Wohlgeboren! Was für eine Überraschung! Welch Glanz am Zaun meiner einfachen Hütte. Eine Finsterbornerin noch dazu!“
Steif und staksig wollte er sich zum Zaun begeben.
„Bemüh dich nicht, guter Mann! Ich komme zu dir auf die Bank, wenn ich darf.“
Sprachs und schob sogleich das quietschende Gartentürchen auf. Die Finsterbornerin ließ sich neben dem Alten auf der Bank nieder.
Mit unverhohlenem Interesse musterte der Alte die im Vergleich junge Frau.
„Ihr seht Eurem Vater sehr ähnlich, Hohe Dame! Den kenne ich nämlich. Eine meiner Töchter hat nach Urken geheiratet und da bin ich Eurem Vater einmal auf einem Dorffest begegnet. Ein stattlicher Mann!“
Lyssandra bedankte sich nickend für das Lob. „Wohnst du ganz alleine hier?“ Wollte sie wissen.
Der Alte seufzte. „Nun, sagen wir so. Meine Enkelin, Wigdis, ist Magd in der Burg. Einer meiner Söhne einer der Stallknechte. Sie schlafen meist auf der Burg. Aber beide kommen mich jeden Tag besuchen und kümmern sich auch um das Vieh und den Garten. Er ist das Werk meiner Enkelin, seit meine Frau von Boron abberufen wurde. Wir sind Eigenhörige der Baronin, hegen und hüten ihr Vieh.“
„Ein ausgesprochen schöner Garten!“, bestätigte die Ritterin. „Eure Enkelin hat wahrhaft einen grünen Daumen. Wie alt ist Wigdis denn?“
„19 Winter ist sie. Ein Bild von einem Mädchen! Blond und schön!“, schwärmte der Alte.
Nachdenklich sah Lyssandra zur Burg hinauf. „Hast du nicht manchmal Angst um sie? Ich meine, da ist doch dieser Kerl, der hübsche, junge Mädchen umbringt. Die Leute nennen ihn überall nur das „Monster von Urkentrutz“.“
Nachdenklich kratzte sich der alte Mann an der faltigen Glatze. „Oh ja, da sprecht ihr eine furchtbare Sache an. Das erste Mädchen, Demuth, war eine Freundin von Wigdis. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, welche Ängste ich ausgestanden habe in der Zeit nach dem Mord. Demuth war oft bei uns. Sie liebte Tiere, konnte stundenlang im Stall und auf den Weiden verbringen. Hat immer geholfen, wenn die Ziegen oder Schafe niedergekommen sind. Sie hat sogar eine Zeitlang gemeinsam mit Wigdis hier gewohnt als eines der Schafe bei der Geburt gestorben ist. Da hat sie sich damals mit meiner Enkelin abgewechselt und alle paar Stundengläser dem Kleinen Milch gegeben. Das war kurz bevor sich das Unglück ereignet hat. Etwa ein Jahr nach dem Mord hat Wigdis begonnen als Magd zu arbeiten.“
Er schüttelte traurig den Kopf. „Was für eine schreckliche Sache. Aber sagt, Wohlgeboren, hat es nicht auch bei Euch in der Schwarzen Au einen Mordfall gegeben? Und in Urken doch auch, nicht wahr? Das Dorf gehört doch ebenfalls zum Lehen Eures Vaters, oder nicht?“
Lyssandra nickte. „Ja, deshalb bin ich übrigens gerade hier in Urkenfurt. Es hat sich nämlich wieder ein Mord in der Schwarzen Au ereignet. Jetzt war vier Jahre lang Ruhe und dann das. Vor ein paar Wochen ist in der Schwarzen Au erneut ein Mädchen ermordet worden. 20 Götterläufe alt. Ich untersuche nun die alten Mordfälle, weil ich hoffe den Mörder dem gerechten Urteil des Götterfürsten zuzuführen. Hast du einen Verdacht? Gab es damals einen Hinweis?“
Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Ritter Ludopoldt hat damals auch nach dem Mörder gesucht. Er hat auch Wigdis und mich befragt, aber wir konnten ihm nichts sagen. Wahrscheinlich war es niemand aus Urkenfurt, denn sonst hätte er ja wieder hier zugeschlagen und nicht in der Schwarzen Au, oder?“
Die Ritterin nickte. „Das ist wohl wahr. Wo leben denn die Eltern von Demuth? Ich würde ihnen gerne einen Besuch abstatten.“
„Die wohnen im Dorf. Wenn Ihr Euch am Marktplatz dem Steilhang zuwendet ist es das letzte Haus vor der Felswand. Ein schmaler Trampelpfad geht aber auch vor dem Dorf schon am Steilhang entlang. Aber den muss man kennen. Ich weiß nicht, ob Ihr den findet.“
Der Alte deutete mit dem Finger in die Ferne. Wirklich hilfreich war das natürlich nicht.
Lyssandra bedankte sich dennoch artig. „Dann will ich mal sehen, ob ich den Pfad finde. Wenn nicht frage ich mich einfach durch. Habt Dank, guter Mann!“
Sie stand auf und wandte sich zum Gehen. Ganz beiläufig fragte sie noch nach dem Baronet. „Sag noch, der Baronet muss doch etwa gleichalt wie deine Enkelin sein? Dann hat er Demuth sicher auch gekannt, oder?“
Zu ihr aufblickend nickte der alte Mann. „Natürlich. Der war sogar oft auf den Weiden und Koppeln. Der arme Tropf liebte Tiere. Bei Menschen war er sehr scheu. Er sprach so gut wie gar nicht. Saß oder stand meist nur irgendwo und beobachtete die Tiere. Das hatte er mit Demuth gemeinsam. Nicht selten saßen sie gemeinsam irgendwo und sahen den Pferden oder den spielenden Zicklein zu. Auch Demuth hat nicht viel gesprochen. Was aus dem wohl geworden ist? Meine Enkelin sagte mir, dass die Baronin ihn in einen Tempel außerhalb von Urkentrutz gebracht hat. Wenn Ihr mich fragt, war es ihr peinlich, dass er so ein komischer Kauz war.“
Lyssandra nickte nachdenklich. Dann bedankte sie sich noch einmal. „Ja, es ist schon tragisch. Nun muss ich aber weiter. Boron möge dir noch viele gesunde Tage schenken.“
Sie schlenderte den Karrenweg weiter. Zunächst verlief der Weg etwas von der Burg weg, um dann nach einer Haarnadelkurve wieder auf die Burg und das Dorf zu ihren Füßen zuzuführen. Der Hang war beidseits des Wegs mit Bäumen bestanden. Sie hielt auf die nächste Kehre zu. Im Scheitelpunkt der Kehre zweigte ein schmaler Trampelpfad ab, der tatsächlich in den Wald unterhalb der steilen Felswand führte. Lyssandra konnte nicht weit genug sehen, um sicher zu sein, dass es der Pfad war, von dem der Alte gesprochen hatte, ließ es aber darauf ankommen und setzte ihren Fuß auf den Weg. Über festgetretenen Waldboden schlängelte sich der Pfad abwärts. An manchen Stellen bildeten die Wurzeln Stufen über die man abwärts klettern konnte.
Bald kamen die ersten Häuser zwischen den Bäumen in Sicht. Der Weg gabelte sich. Nach links ging es ins Dorf, nach rechts leicht aufwärts. Lyssandra konnte die Steilwand erkennen und vermutete, dass der Weg entlang des Burgbergs hinaufführte.
Das erste Haus war ein einfaches Fachwerkhaus, das man in den Hang hineingebaut hatte. Die Finsterbornerin näherte sich von der Rückseite, in die kein einziges Fenster einlassen war. Der Trampelpfad umrundete das Haus auf der rechten Seite. Hier öffnete sich der Blick auf das gesamte Dorf. Entlang des Hangs zwischen dem lichten Bergwald standen einzelne Fachwerkgebäude weitläufig verteilt, wie das der Eltern der bemitleidenswerten Demuth. Alle hatten kleine Tierpferche und die meisten kleine Ställe für Federvieh oder Kaninchen, selten ein paar Schafe oder Ziegen. Wo immer Platz war, hatten die Menschen Gemüse- und Kräutergärten angelegt.
Auch am einfachen Haus der Familie des ersten Mordopfers hatte man einen Stall für Kaninchen angebaut und vor dem Haus war ein abgeerntetes Gemüsebeet zu erkennen. Im Untergeschoß befand sich eine Holztür und ein kleines Fenster mit Holzläden. Darüber befand sich das Obergeschoss, das sie bereits von der Hangseite gesehen hatte. Auch hier war ein kleines Fenster in die von einem spitzen Giebel überdeckte Fassade eingelassen. Wie fast alle Häuser in Urkenfurt verfügte auch dieses Fachwerkhaus über ein Reetdach.
Lyssandra klopfte an die Tür. Wenig später öffnete ihr eine Frau, deren Wangen gerötet wirkten und der trotz der herbstlichen Kühle die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Sie sah die Ritterin irritiert an. „Ja?“, fragte sie etwa ungehalten.
Die Finsterbornerin beeilte sich zu erklären wer sie sei und warum sie die Familie aufsuchte. Der musternde Blick der Frau glitt an der einfachen Reitkleidung ihres Gegenübers hinunter. Einzig wohl das edle Material und die Verarbeitung der blauen Tunika mit hellen Borten an den Hals und Ärmelausschnitten ließen den Stand erahnen.
„Darf ich hereinkommen?“, fragte sie vorsichtig.
Die Frau seufzte. „Aber natürlich, Wohlgeboren. Tretet in mein bescheidenes Heim. Entschuldigt bitte meinen Aufzug, ich knete den Teig für das Brot. Heute ist der Dorfofen eingeschürt. Wir backen gemeinsam Brot.“
Sie gab den Weg frei. Der Raum im Erdgeschoß enthielt ein paar Vorratsgefäße, Geräte und andere Alltagsutensilien. Über eine schmale Holztreppe ging es nach oben in die Stube. Dort räumte die Frau schnell ein paar Sachen weg und wedelte mit einem Tuch den Mehlstaub von dem einfachen Hocker, den sie ihrem Gast zum Sitzen anbot.
Auf dem Holztisch lag der Teig auf einem bemehlten Brett. In einer Kanne daneben befand sich offenbar Wasser.
„Ich kann Euch gar nichts zum Trinken anbieten, Wohlgeboren. Nur ein wenig Wasser ist im Haus.“
Die etwa 40 Winter zählende Frau hatte ihr Haar mit einer Haube bedeckt. Eine mehlbestäubte Schürze bedeckte einen einfachen naturfarbenen Rock, die Bluse darüber hatte sie bis zu den Ellbogen hochgerollt. Sie war mit Flecken übersät.
Lyssandra lächelte. „Ich brauche nichts zu trinken, gute Frau, ich möchte nur mit dir sprechen. Setz dich doch zu mir. Wie heißt du?“
Nun ließ sich die Frau auf einem anderen Hocker nieder und sah die Ritterin fragend an.
„Mein Name ist Sumunelda. Ihr interessiert Euch also für meine arme Demuth? So lange Zeit nach ihrem Tod? Darf ich fragen, warum?“
Nun holte die Ritterin aus der Schwarzen Au aus, erzählte von den Morden in der Nähe ihres Familiengutes und davon, dass sie selbst zwei Töchter und einen Sohn hatte. Sumunelda nickte. Wie sie so dasaß konnte man ihren Kummer schon an der Haltung erkennen. Der Rücken gebeugt, die Schultern von vorne fallend, bot sie den Anblick einer von Gram gebeugten Frau.
„Demuth war meine zweite Tochter. Ihre ältere Schwester ist letzten Firun den Traviabund eingegangen. Einen kleinen Sohn von 8 Jahren habe ich noch. Der ist gerade bei seiner Großmutter. Sie lebt gleich nebenan.“
Nun war es als habe sich ein Ventil geöffnet. Plötzlich sprudelte es nur so aus Sumunelda hervor.
„Sie war anders als die anderen Kinder. Still, verschlossen, hatte nur Interesse an den Tieren. Wenn sie nicht bei den Kaninchen war, saß sie oft einfach irgendwo und hat vor sich hingestarrt.“
Einfühlsam gab Lyssandra der Frau zu verstehen, dass sie Verständnis für sie hatte.
„Hatte sie denn keine Freunde?“, fragte die Finsterbornerin.
„Oh doch, sie hatte Freunde. Vor allem war da Wigdis. Ein sehr nettes Mädchen, deren Eltern und Großeltern Eigenhörige sind, wie wir. Aber sie kümmern sich um einen Teil des Viehs der Baronin auf einer Hofstelle außerhalb von Urkenfurt, und der Großvater von Wigdis lebt auf dem kleinen Hof nahe der Burg. Naja, der Großvater kann das körperlich schon nicht mehr so gut und so macht nach dem Tod der Großmutter die Enkelin die meiste Arbeit am Hof. Deshalb hat Wigdis viel Zeit beim Großvater verbracht und weil die Arbeit eben doch sehr anstrengend war und Demuth die Tiere so liebte, haben sie oft gemeinsam die Tiere versorgt und Haus und Garten in Schuss gehalten. Einige Zeit hat Demuth sogar dort gewohnt, weil sie mit Wigdis ein Lämmchen großgezogen hat, dessen Mutter bei der Geburt starb.“
Sie starrte vor sich hin. Man konnte sehen, dass die Erinnerungen die Frau überwältigten. Lyssandra streckte die Hand aus und legte sie auf die Hände der Eigenhörigen, die sich im Schoß der Frau ineinander verkrampft hatten.
„Sag, den Baronet kannte sie doch auch, nicht wahr? Der muss doch im gleichen Alter gewesen sein?“
Sumunelda wurde rot. Dann nickte sie. „Aber erzählt das bitte nicht der Baronin! Die wusste meist gar nicht wo der arme Tropf sich herumgetrieben hat. Und schon gar nicht, dass er, wenn er mal wieder ausgebüxt ist, die Zeit gerne mit Demuth verbrachte. Die beiden verstanden sich gut. Er war ebenso schweigsam und eigenbrötlerisch wie meine Tochter. Und mindestens so tierlieb wie sie. Da hatten sie einiges gemein. Sie konnten stundenlang dasitzen und die Welt betrachten oder die Vögel und Kaninchen füttern. Ihr Tod hat ihn unglaublich verstört und getroffen. Ich habe ihn von da an nie mehr hier gesehen. Wohl ist er noch ein paar Mal abgehauen, jedenfalls hat Wigdis mir das erzählt, die doch inzwischen Magd auf der Burg ist, aber bei uns ist er nicht mehr aufgetaucht. Wigdis ist ein liebes Mädchen, sie besucht uns ab und an. Am 1. Boron geht sie immer mit mir zum dorfeigenen Boronanger um für Demuths Seele zu beten.“
Nun rollten die Tränen, leise, ohne einen weiteren Ton von sich zu geben, ließ Sumunelda ihrem Kummer freien Lauf. Lyssandra verstärkte den Griff um die Hand der Frau. Nach einer Weile ebbte der Tränenstrom ab. Die Ritterin streckte ihre Hand nach einem Becher aus, der auf dem Tisch stand, goss der Eigenhörigen aus der Kanne Wasser ein und reichte ihn ihr. „Hier trink!“
Sie wartete ab, bis sich Sumunelda etwas gefangen hatte, dann fragte sie direkt nach dem Mord. „Wie ist das damals geschehen? Kannst du dich erinnern?“
Die Frau nickte. „Es war der 8. Phex und ziemlich kalt. Schnee lag auch, wenn auch Altschnee. Sie wollte Wigdis ein Stück begleiten, die auf dem Weg zu ihren Eltern war. Die Mädchen haben sich getrennt, als die Hofstelle der Eltern schon in Sicht war. So hat es Wigdis gesagt. Dann ist Demuth wieder nach Hause gelaufen. Jedenfalls wollte sie dies. Auf dem Weg zurück muss ihr der Mörder begegnet sein.“
„War es tagsüber? Oder schon in der Dämmerung? Und du sagtest, dass Schnee lag. Hat der Mörder Spuren im Schnee hinterlassen?“ Nun wollte es die Finsterbornerin genauer wissen.
Sumunelda bestätigte, dass es tagsüber, genauer gesagt am Nachmittag war. Als Demuth in der Dämmerung nicht zurück war, hatten sie und der Vater mit der Suche begonnen. Da sie wussten wohin Demuth gelaufen war, machten sie sich gleich dort auf die Suche. Beim Hinweg fanden sie nichts. Als aber Wigdis beteuerte, dass Demuth nicht mit ins Haus gekommen war, sondern sogleich zurückgegangen war, suchten sie auf dem Heimweg alles noch einmal ab. Im Schein der Lampe, die ihnen die Eltern von Wigdis, die sich auch an der Suche beteiligt hatte, gegeben hatten, fanden sie ihre Tochter am Waldrand etwas abseits des Weges. Sumunelda berichtete, dass Demuth Würgemale am Hals und Abschürfungen im Gesicht und an den Händen gehabt hatte. Es sah so aus als wenn sie sich gewehrt hatte. Über Spuren konnte sie nichts sagen, denn zu dem Zeitpunkt, wo sie Demuth gefunden hatten, war es bereits dunkel gewesen und im Gegensatz zu Ritter Ludopoldt, der ein paar Tage später den Fundort angesehen hatte, war Sumunelda nicht wieder zu dem Ort zurückgekehrt wo ihre Tochter den Tod gefunden hatte.
Lyssandra machte nickte. „Hat denn außer Ritter Ludopoldt noch jemand den Tatort bei Tageslicht gesehen? Dein Gemahl vielleicht?“
Sie dachte nach. „Nun, mein Mann hat den Ritter hingeführt. Aber ich glaube, das war erst zwei oder drei Tage danach. Aber Ihr könnt ihn fragen, er ist gerade auf einem der Felder der Baronin.“
Die Ritterin der Schwarzen Au ließ sich beschreiben wo sie den Mann finden konnte, der auf den Namen Brun hörte. Dann versicherte sie Sumunelda noch einmal ihr tiefstes Mitgefühl und versprach nicht zu ruhen bis der Mörder dingfest gemacht sei.
Nach dem Besuch bei der Familie des getöteten Mädchens schlenderte Lyssandra durch den Ort. Sie sprach verschiedene Leute an, die sie auf den Gassen oder dem Marktplatz traf und verwickelte sie in ein Gespräch. So sammelte sie Informationen. Viel mehr, als das, was sie von Demuths Mutter erfahren hatte, kam nicht an neuen Informationen dazu. Und so entschied sich die Finsterbornerin an diesem Tag nur noch den Vater aufzusuchen.
Sie fand ihn gemeinsam mit anderen Eigenhörigen beim Ausbessern einer Scheune, in der Stroh und Heu für die Tiere lagerten. Eine schwarze Katze kam ihr entgegen, wohl genährt von den Mäusen, die es offenbar im Stroh zur Genüge gab. Sie umstrich Lyssandras Beine und hob das Köpfchen um gestreichelt zu werden. Das tat die Finsterbornerin auch, während zwei Männer auf sie zukamen. Eine kurze Frage klärte, welcher von ihnen Demuths Vater Brun war. Als die beiden hörten, worum es ging, verabschiedete sich der zweite Mann und ließ Lyssandra mit Brun alleine.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au fasste zusammen was sie über Demuths Ermordung inzwischen wusste und fragte den Vater ob er etwas zu ergänzen habe. Brun dachte nach und als nichts Neues kam, fragte Lyssandra direkt nach Spuren im Schnee und ob ihm vielleicht Spuren besonders großer Füße aufgefallen waren. Wieder dachte Demuths Vater nach. Dann sagte er, dass der Grund am Waldrand gar keine so dichte Schneeschicht aufgewiesen habe und dass er durch die Suche nach Demuth, an der ja vier Personen beteiligt waren auch schon einiges an Fußspuren in den Schneeresten zu finden war.
Lyssandra versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen und bedankte sich. Auch ihm, der eher resigniert wirkte und sich offenbar wenig von den neuerlichen Untersuchungen versprach, versicherte die Finsterbornerin alles nur Mögliche zu tun, um den Mörder seiner Tochter zu finden. Dann machte sie sich auf den Weg zurück zum „Brückenwirt“. Der Nebel begann sich erneut über die Wiesen und den Fluss zu legen. Noch waren es vereinzelte wattige Schwaden, doch alsbald würde es kalt und dunkel werden. Da verbrachte sie den Abend doch lieber am offenen Feuer bei einem deftigen Eintopfgericht.
Am kommenden Morgen sattelte die Finsterbornerin ihre Stute „Dardanella“ und machte sich auf den Weg zu den Eltern von Wigdis um diese noch einmal nach ihren Erinnerungen an den Mord zu befragen. Wie schon am Vortag lag der Nebel am Vormittag noch dicht über dem Tal des Fialgralwas. Es war feucht und kühl. Lyssandra hatte sich deshalb ein wärmendes Wams über das Hemd gezogen, die Reiterbruche steckte in den hohen Stiefeln. Ein wollener Umhang sollte sie einigermaßen warm halten.
Im Dorf erwachte so langsam das Leben. Man hörte das Geplapper der Frauen, die Wäsche zum Fluss trugen um sie dort zu waschen. Lyssandra lenkte ihr Ross auf den einfachen Weg, der Urkenfurt in Richtung Natternhag und letztlich dem Rhodenstein verließ. Schon kurz hinter dem Ort begann sich links des Weges entlang des Flusses ein Auenwald auszubreiten und schon bald entdeckte die Ritterin auch den Fußweg, den ihr Demuths Vater genannt hatte. Er führte über ein paar Meilen am Waldrand entlang zu ein paar verstreuten Hofstellen die die Baronin einigen Eigenhörigen überlassen hatte um dort ihr Vieh zu weiden und Feldfrüchte anzubauen.
Der Weg machte einen Bogen um eine Hofstelle um dann dem Auwald wieder recht nahe zu kommen. Hier musste den Beschreibungen nach Demuths Leiche gelegen haben. Lyssandra hielt ihr Pferd an und sprach still ein Gebet an Boron in der Hoffnung, dass Golgari ihre Seele sicher übers Nirgendmeer getragen habe.
Dann setzte sie den Weg fort. Etwa zwei Meilen Weg waren es noch ehe die Hofstelle der Familie von Wigdis auftauchte. Ein Trampelpfad führte zum Hof.
Zwei Fachwerkgebäude in L-Form bildeten das Hofensemble. Weiden, Felder und ein Kräuter- und Gemüsegarten umgaben den Hof. Auf der Weide grasten 2 Kühe und 2 Jungrinder.
Lyssandra zügelte ihre Warunkerstute Dardanella und hielt an. Als sie das rechte Bein über die Kruppe der Fuchsstute schwang, erschien eine Frau in der Tür des Hofes. Sie wirkte überrascht über den unerwarteten Besuch.
„Hohe Dame“, stammelte sie. „Wie kann ich Euch helfen?“
Die Finsterbornerin trug eine lederne Reiterbruche, eine langärmlige Tunika, in den Farben Weiß und Blau mit ledernen Unterarmschützern. Eine weiße Gugel sollte Hals und Kopf, ein schwarzer, wollener Reiterumhang den Köper vor der Kälte schützen. Sie war mit ihrem Langschwert gegürtet und hatte auch den Dolch am Gürtel.
Von Sumunelda und ihrem Mann Brun wusste Lyssandra, dass die Eltern von Wigdis Jann und Permine hießen.
„Travia zum Gruße! Bist du Permine?“, fragte sie. „Mein Name ist Lyssandra von Finsterborn, ich bin die älteste Tochter des Junkers von Gut Schwarze Au.“
Die kleine, runde Frau, deren winzige, rote Löckchen dem ohnehin schon apfelförmigen Kopf einen noch runderen Eindruck verliehen, nickte irritiert.
„Die bin ich. Was verschafft mir die Ehre, Wohlgeboren?“
„Ist dein Mann auch zuhause, Permine? Ich würde gerne mit euch beiden sprechen.“
Lyssandra suchte nach einer Möglichkeit ihre Stute anzubinden. In der Zwischenzeit rief Permine laut nach ihrem Mann. Er trat wenig später aus der Stalltür, die Mistgabel noch in der Hand.
„Was is´n los, Mienchen?“
Als er die Ritterin erblickte, verstummte er schlagartig und verbeugte sich.
„Entschuldigt, Wohlgeboren! Travia zum Gruße! Ich werde sogleich euer Ross versorgen.“
Die Finsterbornerin nickte dankend und drückte ihm die Zügel in die Hand.
„Wenn es euch recht ist, würde ich mich gerne ein wenig unterhalten. Ich suche den Mörder der armen Demuth und dreier weiterer Mädchen.“
Die Mienen der beiden Eigenhörigen verrieten, dass sie sogleich wussten, worum es ging. Permine nickte. „Tretet doch bitte ein, Wohlgeboren!“
Sie öffnete die Tür zu dem Wohntrakt des Hofes. Das Gebäude war tadellos intakt, der Kalkputz schien gerade erneuert worden zu sein. Gleich rechts des Eingangs, der in einen Gang mündete, von dem aus eine hölzerne Treppe ins Obergeschoss hinaufführte, war die Tür zur guten Stube. Einfach eingerichtet, mit einer Feuerstelle in einer der Ecken und einer Eckbank mit einfachem Holztisch und zwei Stühlen in der anderen Ecke.
„Nehmt Platz, Wohlgeboren!“ Permine bot Lyssandra einen der Stühle an und lief zur Feuerstelle um warmes Wasser aus dem Kessel darüber in einen Krug zu schöpfen, in den sie zuvor eine Hand voll Kräuter geworfen hatte. Bald stellte sie diesen mit drei Bechern auf den Tisch. Als ihr Mann erschien brachte sie auch noch einen Tonbehälter in dem sie Haferkekse aufbewahrte.
Brun ließ sich auf der Holzbank gegenüber der Ritterin nieder und rutschte dann weiter, damit seine Frau sich neben ihn setzen konnte.
„Ihr untersucht also erneut den Mord an Demuth, Hohe Dame? Und auch die anderen Morde?“
Permine fiel mit ein. „Es hat erneut einen Mord gegeben, nicht wahr? Ich habe es gehört, man munkelt, dass das Monster von Urkenfurt zurück ist!“
Sie klang sehr besorgt.
Lyssandra verzog das Gesicht. „Ich höre diesen Ausdruck nicht gerne. Wir wissen ja noch nicht, wer hinter diesen Taten steckt, doch gibt es einige Gemeinsamkeiten, sodass wir davon ausgehen, dass es sich um ein und denselben Täter handelt. Und gerade um diese Gemeinsamkeiten herauszufinden und so viele Details wie möglich zu sammeln bin ich hier. Ich habe schon mit deinem Vater gesprochen, Permine und mit den Eltern von Demuth. Der Vater erzählte mir, dass Demuth Wigdis an diesem Tag zu euch begleitete und dann auf dem Heimweg wohl ihrem Mörder begegnete. Hier war sie nicht an diesem Tag, oder?“
Permine schüttelte den Kopf. „Aber Brun hat sie von der Weide aus gesehen, nicht wahr?“
Der Mann mit den kurzen, blonden Stoppelhaaren nickte. „Ich habe ihr noch zugewinkt, dann hat sie umgedreht und ist zurück in Richtung Urkenfurt. Wigdis kam dann gleich zu mir gelaufen.“
Die Finsterbornerin hörte aufmerksam zu und nahm sich einen Keks. „Als Demuths Eltern sie suchen kamen war es schon dunkel, nicht wahr?“
Wieder nickte Brun. „Es wurde gerade dunkel. Wir nahmen die Stalllampe und ein paar Fackeln und gingen sie suchen.“
„Was könnt ihr mir über Spuren erzählen? Wie sah der Tatort aus? Ihr habe ihn doch sicher auch noch einmal bei Tageslicht gesehen, oder nicht?“ Nun wollte es die Ritterin aus der Schwarzen Au ganz genau wissen.
Brun kratzte sich am Kopf und sah seine Frau fragend an.
„Nun, es war ja Winter, alles hart gefroren. Kein frischer Neuschnee, sondern alter, firniger Schnee am Waldrand und eine festgetretene Schneedecke auf dem Weg. Demuth lag mit dem Kopf in Richtung Wald, die Beine zum Weg hin zeigend, etwa 10 bis 15 Schritt vom Weg entfernt. Es war offensichtlich, dass sie erwürgt worden war. Dunkel unterlaufene Würgemale und Kratzer im Gesicht und auch an den Händen. Sie hatte sich gewehrt.“
Der Eigenhörige schüttelte den Kopf. Verzweiflung und Abscheu waren aus seinen Gesichtszügen zu lesen.
„Sie hatte irgendwie einen überraschten Gesichtsausdruck, finde ich“, sagte Permine leise. „Fast als könne sie nicht glauben, dass ihr jemand das antut.“
Brun wurde wütend. „Was für ein abscheulicher Unhold das sein muss! Gräßlich! Der gehört im Fialgralwa ersäuft!“
Lyssandra pflichtete den beiden bei, dass die Taten abscheulich waren. Sie trank einen Schluck Tee und nahm noch einen der sehr knusprigen Haferkekse. Dann hakte sie nach. „Habt ihr in den Tagen vor oder nach dem Mord unbekannte Männer in der Gegend gesehen? Jemanden, der sich auffällig verhalten hat? Von anderen Fundorten und den Spuren und Zeugenaussagen dort, haben wir den Hinweis bekommen, dass der Täter sehr groß und unschlächtig aussieht, mit langen Armen und Beinen. Er hat wohl auch sehr große Füße. Sagt euch das was?“
Ratlos schüttelten beide den Kopf. Nach einer Weile sagte Permine schließlich. „Das klingt fast ein wenig wie der Baronet, findest du nicht, Brun?“
Der Eigenhörige schüttelte energisch den Kopf. „Permine, sag doch sowas nicht! Ingrold könnte keiner Fliege etwas zu Leide tun!“
„Nein, nein, das wollte ich damit auch gar nicht sagen!“, beeilte sich die Eigenhörige zu versichern. „Vergebt mir, Wohlgeboren, es sollte nicht so klingen als verdächtigte ich ihn, aber die Beschreibung passt recht gut, finde ich.“
Lyssandra horchte auf. „Hat sich der Baronet denn oft hier in der Gegend sehen lassen? Ich dachte, die Baronin hat ihn lieber bei sich auf der Burg gehabt?“
Nun nickte Permine. „Ja, ihr wäre immer lieber gewesen, wenn er auf der Burg blieb. Aber als er älter wurde, hat er sich öfter davongeschlichen. Wigdis hat das immer erzählt und mein Vater auch. Er hat gerne viel Zeit mit den Tieren verbracht – genau wie Demuth und Wigdis. Hier war er auch ein paar Mal. Ich nehme an, dass er den Mädchen nachgelaufen ist, wenn die zu uns kamen. Aber er hat sich nie bis aufs Grundstück getraut, ist immer wieder fortgelaufen, sobald man ihn entdeckt hatte.“
Brun nickte. „Er sprach ja auch kaum ein Wort, soviel ich weiß. Wigdis hat das immer wieder gesagt.“
„Ihr haltet es also für ausgeschlossen, dass er etwas mit der Sache zu tun hat?“ Die Finsterbornerin bohrte nach.
Beide nickten gleichzeitig. „Ne, sicher nicht der Baronet!“
„Habt ihr ihn an diesem Tag oder vielleicht kurz vor dem Mord in der Nähe eurer Hofstelle gesehen?“ Noch immer gab Lyssandra nicht auf. Ihr Verdacht verhärtete sich nämlich.
Brun und Permine dachten angestrengt nach. Dann sagte der Eigenhörige. „Nun, es ist ja auch schon ein paar Götterläufe her… ich kann wirklich nicht mehr sagen, ob er in diesen Tagen hier war, aber dass ich ihn ab und an auf dem Weg oder am Waldrand dabei gesehen habe wie er Eichhörnchen, Rehe oder Kaninchen beobachtete hat, ist sicher. Wahrscheinlich auch in den Tagen rund um den Mord.“
Permine nickte bestätigend, dann runzelte sie die Stirn. „Danach war er nie mehr hier.“ Sie sah ihren Mann an, dann schüttelte sie den Kopf. „Naja, das ist ja auch nicht verwunderlich. Die Baronin hat natürlich dafür gesorgt, dass er sich nicht mehr aus der Burg bewegt, wo es doch so gefährlich war, weil der Mörder ja noch frei herumlief. Und bald darauf hat sie ihn ja mit Mutter Marinad fortgeschickt. Also kein Wunder, dass wir ihn nicht mehr gesehen haben.“
Lyssandra trank ihren Kräutertee aus. „Vielen Dank für eure Hilfe. Ich werde in den kommenden Tagen zurück in die Schwarze Au reiten und mit Ritter Ludopoldt den neuesten Fall untersuchen. Erst vor wenigen Wochen wurde wieder ein Mädchen ermordet. Wir müssen den Täter schnellstmöglich finden!“
Die beiden Eigenhörigen nickten eifrig und Brun beeilte sich dienstfertig der Ritterin in den Mantel zu helfen. „Ich hole Euer Pferd, Wohlgeboren!“
Permine begleitete den hohen Besuch nach draußen. Brun holte Dardanella. Das Ehepaar verabschiedete sich höflich.
Kurz darauf saß Lyssandra erneut im Sattel und ritt zurück nach Urkenfurt. Bedrohlich wiegten sich die Äste der bereits teilweise entlaubten Bäume im Wind. Sie schienen ihre schwarzen Klauen nach der Finsterbornerin auszustrecken, beugten ihre Leiber über den Weg. Einen Augenblick lang hatte Lyssandra das Gefühl, dass der Wald lebendig wurde, dann schüttelte sie energisch den Kopf. Unsinn! Jetzt bilde dir mal nichts ein! Der Boronmond stand vor der Tür, eine unheimliche Zeit, aber kein Grund zu Hirngespinsten!
Düstere Tage in der Schwarzen Au
Urkenfurt, 28. Travia 1043 BF
Die Nachricht von Ritter Ludopoldt, dass er am kommenden Morgen in Richtung Schwarze Au aufbrechen wollte, kam spät am Vorabend. Lyssandra hatte den Abend erneut beim Brückenwirt verbracht. Ein deftiger Linseneintopf hatte die Finsterbornerin ungewöhnlich müde gemacht. Womöglich lag es auch an dem warmen Gewürzwein, den ihr die Wirtin gebracht hatte. Zumindest beschloss sie schon früh zu Bett zu gehen. Sie hatte die Tür der Kammer kaum geschlossen als es an der Tür klopfte. Einer der Stallknechte von Burg Urkenfurt stand vor der Tür und überbrachte die Nachricht, dass Ritter Ludopoldt für den kommenden Morgen den Abritt plante. Lyssandra beeilte sich deshalb am Morgen, denn sie wollte die Gelegenheit nutzen, um noch ein paar Worte mit der Magd Wigdis zu wechseln.
Wieder hing der Nebel dicht über dem Fialgralwa. Als die Finsterbornerin die letzten Handgriffe an Satteltaschen und Zaum verrichtete konnte sie die Brücke, die beide Ufer miteinander verband, kaum ausmachen. Sie bedankte sich noch einmal beim Brückenwirt und seiner Frau für das bequeme Quartier und die gute Verköstigung in den vergangenen Tagen und auch für die Wegzehrung, die ihr in der Küche noch bereitgemacht worden war. Dann schwang sie sich in den Sattel und gab Dardanella die Zügel frei. Über den Urkenweg, der sich immer nur wenige Schritt vor ihr aus dem Nebelgrau schälte, bog sie auf den Karrenweg zur Burg ab. Am Hof von Wigdis Großvater vorbei erreichte sie die Zugbrücke über den Burggraben. Düster, fast bedrohlich wirkte der massive Torturm, der sich hoch über der Brücke erhob.
Der Torwächter ließ sie passieren. Selbst im Burghof war der Nebel so dicht, dass Lyssandra den Palas nur schemenhaft erkennen konnte. Einzig die rustikalen Fassaden von Stall und Backhaus mit ihrem dunklen Fachwerk bildeten ausreichend Kontrast um sich gegen das feuchte Weiß durchsetzen zu können. Der Stallknecht, der ihr am Vorabend die Nachricht des Dienstritters überbracht hatte, erschien und nahm Dardanella in Empfang.
„Einen traviagefälligen Morgen, Wohlgeboren“, entbot er der Finsterbornerin einen Gruß. „Ritter Ludopoldts Pferd ist bereits gesattelt, aber er ist noch nicht aufgetaucht. Es könnte sein, dass er noch letzte Anweisungen der Baronin erhält.“
Lyssandra nickte gelassen. „Wir haben keine Eile. Sag, wo finde ich denn die Magd Wigdis?“
Der Stallknecht sah sich suchend um. „Ich habe sie erst vorhin bei der Köchin Dorntrud gesehen. Sie hat ihr Eier gebracht. Seht doch bitte mal im Backhaus nach, Wohlgeboren.“
Aus dem Kamin des Backhauses quoll grauweißer Rauch und vermischte sich mit dem Tropfenschleier, der sich auf Burg Urkenfurt gelegt hatte. Aus der offenen Tür drang der Duft von frischem Brot und gebrateten Eiern. Obwohl Lyssandra gefrühstückt hatte, lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Sie stieg die hölzerne Stiege hinauf und lugte neugierig in die Dorntruds Reich. Die rundliche Köchin hatte eine große Pfanne auf den Dreifuß über dem Holzfeuer gestellt, über dem sich der Kamin öffnete. In der Pfanne brutzelten etwa ein Dutzend Eier. Neben dem Tisch auf den die Köchin ein Tablett mit einem Brotkorb und mehreren einfachen Holztellern gestellt hatte, stand eine junge Frau. Sie trug eine naturbraune Haube unter der rote Locken hervorquollen. Die kleine, spitze Nase in dem jugendlichen Gesicht und die Wangenknochen waren von Feenküsschen bedeckt. Gekleidet war sie in einen grünen Kittelüberwurf, der nur an den Ärmeln, dem Saum und den Seiten das dunkelbraune Unterkleid erkennen ließ.
Überrascht sah das junge Mädchen die Ritterin an, die ihre neugierige Nase in die Backstube hielt.
„Mmh, riecht das gut hier!“
Dorntrud drehte sich umständlich zur Tür um. Der zunächst ungehaltene Gesichtsausdruck, wer sie wohl bei der Arbeit störte, wandelte sich in ein Lächeln.
„Oh, Wohlgeboren! Was für eine Freude! Wenn Ihr Hunger habt, könnt Ihr gleich mit Wigdis hinüber zum Torturm gehen. Ich bereite gerade Ritter Ludopoldt und seinen Leuten das Frühstück.“
Lyssandra lehnte dankend ab, bot sich aber an, Wigdis beim Transport der Speisen und Getränke zu helfen. Das wollte die Köchin selbstverständlich ablehnen. Die Finsterbornerin blieb aber bei ihrem Wunsch und vertrat ihn mit einer derartigen Vehemenz, dass sich die Köchin schließlich achselzuckend ergab und Lyssandra einen Krug mit heißer Milch und einen Korb mit Tonbechern in die Hand drückte.
Als die Eierpfanne auf einem Holzbrett abgestellt worden war, machten sich Wigdis und die Ritterin aus der Schwarzen Au auf den Weg in den Wachraum.
Beim Überqueren des Hofes sprach Lyssandra Wigdis gezielt auf ihre Erkundigungen in Sachen Mädchenmorde an und befragte sie zu dem Mord an ihrer Freundin Demuth. Das Mädchen blieb selbst dann einsilbig als die Ritterin ihr erzählte, dass sie bereits mit ihren Eltern und dem Großvater gesprochen hatte. Auf die gezielte Nachfrage nach dem Verhältnis von Demuth und Ingrold wand sie sich sichtlich. Wigdis machte deutlich, dass nichts ungebührlich gewesen sei an der Freundschaft zwischen dem Baronet und ihrer Freundin. Lyssandra wurde das Gefühl nicht los, dass der Magd das Gespräch sichtlich unangenehm war. Fast kam es ihr vor als beschleunigte Wigdis ihre Schritte, um möglichst schnell der peinlichen Befragung zu entgehen.
Acht Augenpaare blickten überrascht zur Tür, als neben der Magd Wigdis auch die Finsterbornerin den Raum betrat und sich als Mundschenk betätigte. Sie stellte Krug und Becher auf den großen Holztisch und entbot Ritter Ludopoldt und seinen Waffenknechten und Schildmaiden den Gruß der Leuin und der Eidmutter.
Ein vielstimmiges „Rondra und Travia zum Gruße“ scholl ihr entgegen, einzig der Ritter murmelte bloß. Ludopoldt wirkte schlecht gelaunt. Seine Stirn schien mehr Falten zu haben als bei ihrem letzten Zusammentreffen. Während sich seine Waffenknechte und die zwei Schildmaiden hungrig über die Eier hermachten und auch beim Brot ordentlich zugriffen, stocherte er mit lustlos mit dem Brot in der dottergelben Masse herum. Lyssandra nahm den Hocker, der ihr am nächsten stand und setzte sich. Wigdis verschwand leise mit dem leeren Tablett.
„Willst du nichts?“, kam es undeutlich zwischen zwei Bissen Brot mit Ei aus dem leidlich gefüllten Mund des Dienstritters.
Lyssandra schüttelte den Kopf. „Ich habe bereits beim Brückenwirt gefrühstückt. Man hat mir auch eine Brotzeit mitgegeben.
Ludopoldt nickte kauend. „Dorntrud gibt mir sicher auch noch was mit.“
Beim „T“ in Dorntrud wurde ein dottergelbes Essensstückchen aus Ludopoldts Mund katapultiert. Es flog über den halben Tisch. Peinlich berührt wischte der Ritter es mit seinem Ärmel weg. „Tschuldigung“, murmelnd.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au, die nach ihrer Schwertleite ein paar Jahre im Horasreich verbracht hatte, bemühte sich, die Weidener Tischmanieren zu übersehen. Undenkbar, dass ein Ritter im Lieblichen Feld seine Mahlzeit auf diese Weise einnahm. Aber hier in Weiden war das leider an der Tagesordnung. Um den Dienstritter aus der peinlichen Situation zu helfen, begann sie ein Gespräch mit der Schildmaid, die neben ihr saß. Das Mädchen mochte etwa im Alter von Minerva oder Wigdis sein.
„Darf ich dich fragen, wie alt du bist?“
Die drahtige junge Frau mit dem dunklen Kurzhaarschnitt sah kauend auf.
„Sechzehn Winter, Wohlgeboren“, antwortete sie nachdem sie heruntergeschluckt hatte.
Nachdenklich betrachtete Lyssandra die Schildmaid. „Ein Glück, dass du so wehrhaft bist. Es sind keine sicheren Zeiten hier in Urkenfurt für junge Mädchen wie dich. Hast du keine Angst?“
Die Angesprochene schüttelte den Kopf und tunkte schob den letzten Rest Ei auf den Kanten Brot, den sie noch in der Rechten hielt.
„Ne, Wohlgeboren! Wie Ihr schon festgestellt habt, bin ich wehrhaft und Angst ist kein guter Berater im Waffendienst.“
Da nickte die Ritterin aus der Schwarzen Au. „Wohl wahr,…“ Sie schien darauf zu warten, dass die Schildmaid ihren Namen nannte.
„Perigunda, Wohlgeboren“, kam die erwartete Antwort.
„Dann glaubst du sicher auch nicht daran, dass die Mädchen von Vampiren und Werwölfen getötet wurden, oder?“
Perigunda lachte und die anderen Waffenknechte und die zweite Schildmaid stimmten sogleich in ihr Gelächter ein. „Unsinn! Was für ein hanebüchener Nonsens. Das einfache Volk redet so, aber wir wissen doch, dass es ein Mensch war. Nicht wahr, Ritter Ludopoldt?“
Der Dienstritter guckte immer finsterer. „Wer sagt das?“, blaffte er die Schildmaid an.
„Du weißt genau, dass wir hier in Weiden schon einmal eine Vampirplage hatten. So abwegig ist der Gedanke also gar nicht.“
Die Schildmaid machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das war vor meiner Geburt. Seither hört man nicht mehr viel von Vampiren. Du hast sie doch gesehen, die tote Demuth. Sie war sicherlich nicht von einem Vampir getötet worden. Sie wurde erwürgt. Welcher Vampir erwürgt sein Opfer?“
Ludopoldt erwiderte nichts. Er stopfte sich den letzten Bissen Brot in den Mund und stand auf.
„Besser wir brechen jetzt auf, Lyssandra. Es ist ein weiter Weg bis in die Schwarze Au.“
Lyssandra war klar, dass Ludopoldt ein weiteres Hinterfragen der Geschehnisse verhindern wollte. Sie nickte also und verabschiedete sich von den Waffenknechten und Schildmaiden.
Im Hof wartete tatsächlich Dorntrud mit einem Paket, das Wurst, Käse und Brot enthielt.
„Ein Jammer, dass ihr nicht erst Mittag aufbrecht. Da hätte ich euch noch ein Stück Kuchen mitgeben können.“
Ludopoldt nahm das Paket entgegen und verstaute es alsbald in den Satteltaschen seines Warunkers. Der großrahmige dunkelbraune Hengst trat unruhig von einem Huf auf den anderen. Er schien es kaum erwarten können in den dichten urkentrutzer Nebel traben zu können.
***
Das erste Teilstück blieb Ludopoldt schweigsam. Sie überquerten die Brücke über den Finsterbach und hielten auf die Bingenbacher Lohe zu. Wo immer es ging, ließen sie die Pferde traben. Ludopoldt hatte angedeutet, dass er die Nacht in der Schwarzen Au verbringen wollte. Angesichts der Kürze der Tage Ende Travia war das ambitioniert zu nennen. Sie erreichten die Weggaststätte „Seidelbast-Rast“ gegen Mittag. Dort ließen sie sich gewärmten Met geben. Seine Befragung der Wirtin und der wenigen anwesenden Gäste fiel kurz aus. Schnell gab er sich damit zufrieden, dass außer ein paar Gerüchten keine verwertbaren Informationen zu gewinnen waren. Die mitgenommene Wegzehrung verspeisten sie wenig später an einem einfachen Rastplatz in der Bingenbacher Lohe, die für Waldarbeiter, Hirten und Reisende angelegt worden war.
Der weiche Waldboden bot Gelegenheit für einen kurzen Galopp, ehe sie bei schon schwindendem Licht die Kreuzung erreichten, in deren unmittelbarer Nähe die letzte Mädchenleiche gefunden worden war. Lyssandra wollte dem Ritter den Fundort gleich zeigen, doch Ludopoldt winkte ab.
„Morgen ist auch noch ein Tag.“
Und so kam es, dass sie mit Einbruch der Dunkelheit auf Gut Schwarze Au über die Zugbrücke ritten. Der Nebel hatte sich den gesamten Tag nicht gelichtet und hüllte auch das Junkergut oberhalb des Bingenbachs in trübes Grau.
Ein Stallknecht erschien und führte die Pferde weg. Natürlich war ihre Ankunft nicht unbemerkt gewesen. Leubrecht, der Schildknecht, und auch der Gutsverwalter Kunibert Quendeltrost kamen in den Hof und begrüßten den Ritter aus Urkenfurt.
„Travia zum Gruße, Wohlgeboren. Wenn Ihr mir folgen wollt, dann werde ich Euch zuerst Euer Quartier zeigen. Später wird es dann das Abendessen im Rittersaal geben.“
Ludopoldt erwiderte den Gruß und lies sich dann in das Gästehaus führen. Die Räume für Gäste waren in dem Fachwerkbau untergebracht, der neben dem erhöht gelegenen Gutshaus stand. Der größte Teil des Gesindes wohnte hier, mit Ausnahme des Gutsverwalters, der mit seiner Familie jenseits des ummauerten Gutes und der Zugbrücke ein Haus bei den Stallungen und Wirtschaftsgebäuden des Junkergutes hatte.
Lyssandra verabschiedete sich von dem Dienstritter Grimmwulfs und begab sich zum Gutshaus. Sie wollte ihren Vater unbedingt alleine sprechen, bevor Ritter Ludopoldt zum Abendessen erschien uns seine Version der Ermittlungen verkündete.
Theofried von Finsterborn saß im Rittersaal am Kamin. Vor ihm auf einem kleinen Tischchen stand ein Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit, von der Lyssandra ahnte, dass es Met war. Zu seinen Füßen lag die Jagdhündin Rapunzel. Sie war alt geworden und ganz entgegen ihrer sonstigen Wachsamkeit, nahm sie die Tochter des Hausherrn erst wahr als sie bereits wenige Schritt von dem gemütlichen Platz am Kamin entfernt war. Dann hob sie ruckartig den Kopf und kam mühsam auf die alten und schwachen Beine. Schwanzwedelnd wurde Lyssandra begrüßt.
„Travia zum Gruße, Vater!“, rief das Älteste des Finsterborner Kinder dem Familienoberhaupt zu und beugte sich nieder um der Hündin den Kopf zu streicheln.
Theofried, dessen Blick träumerisch in die Flammen gerichtet war, drehte sich um. Ein glückliches Lächeln nahm auf seinen Lippen Platz.
„Lyssandra, mein Augenstern! Schön, dass du wieder da bist. Wir sind auch erst gestern wieder auf dem Gut angekommen. Setz dich doch zu mir!“
Bevor sich Lyssandra setzte, fragte sie nach ihrer Jüngsten. „Wo ist Eylin?“
„Sie wird sicher gleich da sein. Du weißt doch, sie hilft Roselind in der Küche beim Zubereiten des Abendessens oder besser gesagt, stibitz die besten Stücke. Jetzt im Travia hocken die abends gerne alle da in der Küche. Da ist es schön warm. Die alte Anci, der sowieso immer kalt ist, Trasine und Eylin.“
Der Finsterborner lächelte und Lyssandra nahm in dem Sessel ihrer verstorbenen Mutter Platz, den sie sich von seinem angestammten Platz am Fenster an das offene Feuer im Kamin holte. Den Blick ihres Vaters, der den Sessel wie ein Museumsstück behandelte, ignorierte sie dabei.
„Hattet ihr eine gute Heimreise? Mit wem seid ihr zurückgereist?“
Theofried berichtete von der großen Gruppe an Urkentrutzer und Waldleuener Rittern, die sich gemeinsam auf die Reise gemacht hatten. In der Kutsche hatte Theofried allerdings mit Carissma von Binsböckel die Nachhut gebildet. Die meisten waren zu Pferd unterwegs und wesentlich schneller gewesen. Carissima Binsböckel und er hatten allerdings die bequeme Kutschfahrt vorgezogen und waren entsprechend langsam vorangekommen.
Lyssandra verzog das Gesicht. „Die Binsböckel…“, führte aber nicht weiter aus warum sie auf die Ritterin von Gut Hollergrund nicht gut zu sprechen war.
Der Vater knurrte. „Schon gut, sie war ja in ihrer Kutsche unterwegs und ich musste mir nur abends in den Weggasthäusern ihre endlosen Monologe über ihr großartiges Leinenimperium anhören. Sie tut gerade so als ob Hollergrund das Zentrum der Textilwirtschaft in Weiden wäre und als wenn die ollen Rupfen, die sie verkauft, der edelste Bausch wäre.“
Nun konnte sich Lyssandra ein Grinsen nicht verkneifen. Carissima von Binsböckel war in ihren Augen eine arrogante Schnepfe, die sich viel auf ihren Namen und die einflussreiche Familie einbildete, der sie entstammte, ohne dass sie selbst besonders viel dazu beigetragen hätte. Ihre Vorfahren hatten ihr einen ansehnlichen Gutshof hinterlassen, den sie zugegebenermaßen gut in Schuss hielt. Doch verglichen mit den anderen Binsböckels war sie doch ein kleines Licht, spielte sich aber auf, als kreisten alle Motten um ihre glorreiche Flamme.
„Vater, ich muss mit dir über meine Ermittlungen sprechen und über das, was ich herausfinden konnte. Und zwar am besten bevor Ludopoldt dazukommt.“ Lyssandra war ernst geworden. Sie lehnte sich nach vorne und sah ihren Vater eindringlich an. Theofried erwiderte den Blick.
„Schieß los!“, forderte er seine Älteste auf.
„Ich habe in den vergangenen Wochen, seit wir nach Pallingen aufgebrochen sind, eine Menge Leute zu den Morden in Urkentrutz befragt. Zunächst auf dem Weg von hier nach Urkenfurt. Dort ist mir in der „Seidelbast-Rast“ bestätigt worden, dass sich in den Tagen vor und nach dem Mord an Ilmentrud ein auffällig großer und grobschlächtiger junger Mann in der Gegend herumgetrieben hat. Über die Wirtin erfuhr ich von einem Kesselflicker namens Firnmar, der eine auffällige Ähnlichkeit des Verdächtigen mit dem Baronet erkannt haben will. Da sonst niemand Ingrold von Hartenau persönlich kannte, konnte das natürlich niemand bestätigen. Ich habe den Mann leider auch noch nicht persönlich befragen können. Schließlich ist er viel auf den Wegen in Urkentrutz und den Nachbarbaronien unterwegs. Mit dieser Spur habe ich meine Ermittlungen fortgeführt und bei meinem Gespräch mit Grimmwulf auch nach dem Baronet gefragt. Sie versichert hoch und heilig, dass ihr Sohn seit Anfang 1040 nicht mehr in der Baronie weilt, was ja interessanterweise genau mit dem Zeitpunkt übereinstimmt zu dem die Morde zunächst aufhörten.“
Theofried hörte aufmerksam zu. Er nickte gegen Ende ihrer Ausführungen. „Das stimmt auf jeden Fall. Aber wenn er noch außerhalb von Urkentrutz ist, kann er nicht der Mörder sein.“
„Ja, wenn“, pflichtete Lyssandra ihm zu. „Davon müssen wir zumindest zunächst ausgehen. Interessant war dann aber auch, dass ich am Rückweg von Gilborn einen ähnlichen Verdacht geäußert hörte. Ich soll dich übrigens schön grüßen!“
Der Vater lächelte. „Danke sehr. Es war schön ihn in Pallingen zu sehen. Ich freue mich, dass er sich so gut entwickelt hat. Als Schwertvater ist man doch immer stolz auf seine ehemaligen Knappen. Nicht wahr? Aber sprich weiter! Wie hat er sich zu den Morden geäußert?“
„Ich habe ihn gefragt, ob es in Gräflich Pallingen auch Mädchenmorde zu beklagen gab. Das hat er verneint, aber er assoziierte bei der Beschreibung des Verdächtigen, ohne dass ich Namen genannt oder eine Vermutung geäußert hatte, den Baronet. Das war schon sehr überraschend. Ich meine, es muss ja wohl mehr junge Männer geben, auf die diese Beschreibung passt, oder?“
Theofried schüttelte den Kopf. „Auch ich muss sagen, dass mir niemand sonst einfällt, wenn man sich die Beschreibung genau anhört und auch wenn man an die Stiefelabdrücke ansieht. Allerdings kann ich natürlich auch nur für mein Lehen sprechen. Hast du in Urkenfurt noch neue Hinweise gefunden?“
Seine Älteste nickte. „Besonders interessant war der Hinweis, dass Demuth, das erste tote Mädchen, den Baronet gut kannte. Sie war wohl ähnlich wie er sehr verschlossen und still, und liebte Tiere. Ähnliches ist mir von Ingrold berichtet worden. Ich meine, wir haben ihn ja nicht mehr gesehen seit er ein kleiner Junge war, aber die Burgbewohner und die Eigenhörigen der Baronin haben ihn bis zu seiner Abreise ja gesehen. Sie erzählten mir, dass er kaum sprach und sich lieber in Schriftrollen vergrub oder bei den Tieren war. Da hat er offenbar Kontakt zu Demuth gehabt. Ihre beste Freundin Wigdis ist heute Magd auf Burg Urkenfurt. Sie hat sich zwar sehr bedeckt gehalten, ihre Eltern und ihr Großvater haben mir aber einiges erzählt und meinen Verdacht erhärtet, dass der Baronet etwas mit den Mädchenmorden zu tun hat. Ritter Ludopoldt und alle anderen, die ich befragte, versicherten zwar, dass Ingrold keiner Fliege etwas zuleide tun könne, dass er trotz seiner Eigenheiten gemocht wurde. Bei dem ein oder anderen klang jedoch auch durch, dass er sehr aggressiv werden konnte, wenn er nicht bekam was er wollte.“
Die Miene ihres Vaters wandelte sich. Die Falten auf der Stirn und zwischen den Augenbrauen wurden mehr. Er dachte nach. Dabei zwirbelte seine Linke den Oberlippenbart oder strich den Kinnbart nach unten aus.
„Hm, das ist aber dünnes Eis, meine Liebe!“, gab er zu bedenken. „Du konntest als Kind auch sehr schnell wütend werden, wenn du nicht bekommen hast, was du dir eingebildet hattest.“
Lyssandra verzog das Gesicht. „Das ist doch ganz was Anderes!“, beharrte sie. „Ich meine, das ist ein begründeter Verdacht! Natürlich habe ich keine Beweise, aber ich werde Ritter Ludopoldt bei seinen Ermittlungen hier in der Schwarzen Au und in Urken wo die Schäferin Assunta getötet wurde begleiten und meine Befragungen auf die Beschreibung des Verdächtigen und auch explizit auf den Baronet ausweiten. Vielleicht hat ja damals dort auch jemand einen grobschlächtigen und extrem großen jungen Mann gesehen. Mit etwas Glück kennt sogar jemand den Baronet. Wer weiß?“
Ihr Vater schüttelte ungläubig den Kopf. „Kann ich mir kaum vorstellen. Immerhin hat ihn ja kaum jemand zu sehen bekommen. Aber natürlich ist es sinnvoll, die alte Sache unter den neuen Erkenntnissen noch einmal aufzurollen. Was für eine unangenehme Angelegenheit. Stell dir vor, der Verdacht erhärtet sich? Der Baronet in Mordverdacht? Bei allen Götter! Wie steht denn Ludopoldt dazu?“
„Er hält den Baronet für harmlos, auch wenn selbst er zugab, dass Ingrold so aggressiv werden konnte, dass nur Mutter Marinad ihn beruhigen konnte, weshalb dann wohl auch die Entscheidung fiel, ihn in ihre Obhut in einen Traviatempel zu geben. Und gerade, weil er von der Unschuld des Baronets überzeugt ist, möchte ich ihn begleiten und sicherstellen, dass auch Fragen in diese Richtung gestellt werden. Sonst erfahren wir nie, ob er etwas mit der Sache zu tun hat.“
Lyssandra atmete tief durch. Ihr Vater griff nach dem Met und nippte. Warnend hob er den Zeigefinger. „Pass auf, Lyssandra, dass du dich da nicht in die Nesseln setzt! Du musst dir deiner Sache schon ganz sicher sein, wenn du so einen tiefgreifenden Verdacht aussprichst! Sonst machst du dir die Baronin zur Feindin. Das können wir gar nicht gebrauchen!“
Die älteste der Finsterborntöchter nickte nachdenklich. „Ich weiß, aber irgendetwas sagt mir, dass Grimmwulf denselben Verdacht hatte, als ich ihr von den Beschreibungen der Zeugen und dem Vergleich mit ihrem Sohn erzählte. Wenn es mir gelingt, nachzuweisen, dass Ingrold nicht in dem Traviatempel ist, dann wäre die Indizienlage fast erdrückend.“
Der Junker der Schwarzen Au nickte und wollte gerade noch etwas erwidern als Trasine eintrat und die Ankunft des Gastes ankündigte.
Ritter Ludopoldt von Geißenbart erschien in braunen Beinlingen und einer waldgrünen Tunika. Ein breiter Gürtel hielt diese unter seinem Bauch zusammen.
Theofried stützte sich aus dem Lehnstuhl hoch und ging dem Gast entgegen. Lyssandra fiel wieder auf, dass er die ersten Schritte nach dem Aufstehen wie ein Seemann hin und herschwankte bevor sich sein Gang einigermaßen normalisierte.
Die beiden Männer begrüßten sich mit dem Rittergruß. Ludopoldt, der gut 20 Jahre jünger war als der Junker aus der Schwarzen Au ließ es nicht an Respekt fehlen.
„Rondra zum Gruße, Junker Theofried, und hab Dank für die traviagefällige Gastung. In dieser ungemütlichen Jahreszeit ist man froh um eine so angenehme Unterkunft. Ich freue mich heute Gast an Eurer Tafel zu sein.“
„Die Freude ist ganz auf unserer Seite“, versicherte der Finsterborner und machte eine einladende Geste um Ludopoldt an den Tisch zu bitten.
Sie setzten sich und Kunibert erschien mit einem Krug, stellte ihn ab und blieb wartend stehen.
Theofried von Finsterborn schob Ludopoldt einen der Silberbecher hin, die aus der Aussteuer seiner verstorbenen Gemahlin stammten. Das edle Stück hatte eine Gravur, die eine Stadtsilhouette zeigte. Bei genauerem Hinsehen konnte man Vinsalt erkennen.
„Nimmst du Bier oder Met? Einen Yaquirtaler hätte ich auch im Weinkeller. Was bevorzugst du?“
Ludopold schüttelte den Kopf. „Ein Bier ist gerade recht, wenn es schön kühl ist.“
Daraufhin nickte Theofried dem Gutsverwalter zu und Kunibert schenkte den goldenen Gerstensaft in den Silberbecher. Dann hob er den zweiten Becher an und bedachte den Junker mit einem fragenden Blick. „Ja, mir auch, Kunibert. Danke!“
Das Bier floss in den zweiten Becher, der die Silhouette von Kuslik zeigte und auch mit dem Stadtnamen beschriftet war. Der dritte Becher ging an Lyssandra. Vorsichtig fragte der Gutsverwalter nach. „Auch Bier, Wohlgeboren?“
Lyssandra schüttelte den Kopf. „Gerne einen warmen Met und zum Essen etwas Wasser, Kunibert.“
Der Mann tat wie geheißten und verschwand um bald darauf mit dem dampfenden Met und einem Krug mit Wasser zurückzukehren.
Roselind, die Köchin, erschien gemeinsam mit Anci. Sie brachten einen Suppentopf und ein frisch gebackenes Brot. Der Topf enthielt einen Eintopf aus Entenklein und Wurzelgemüse. Eylin begleitete die Frauen. Das 8 Götterläufe zählende Mädchen begrüßte den ihr fremden Ritter höflich und setzte sich dann neben seine Mutter. Sie plapperte zunächst noch fröhlich und petzte, dass Roselind einen Nachtisch vorbereitet habe. Das indignierte „Schhh… still, Eylin!“ ihrer Mutter, brachte sie zum Schweigen. Die Köchin lachte und löffelte mit einer Schöpfkelle Eintopf in die Teller, die Anci ihr reichte. „Na, immerhin hat sie nicht verraten was es gibt!“
„Soll ich´s sagen?“, fragte die Kleine in kindlichem Übermut. Rote Bäckchen verrieten, dass sie es kaum aushielt dieses Geheimnis für sich zu behalten.
„Untersteh´ dich!“, schalt Lyssandra.
Unruhig wepste Eylin auf ihrem Stuhl herum. Der Ritterin wurde es zu dumm. „Jetzt sitz still und iss deinen Eintopf, Eylin! Das gehört sich nicht! Ich sollte mir überlegen, dich zu Großtante Alisa zu schicken vor deiner Knappenzeit. Dort lernst du, wie man sich bei Tisch benimmt!“
Entsetzt blieb Eylin still sitzen und griff ihren Löffel. Die Drohung schien zu wirken. Lyssandra lächelte entschuldigend Ludopoldt zu. „Meine Tante Alisa ist Richterin gewesen in der Domäne Pertakis im Lieblichen Feld. Etikette und Benehmen bei Tische werden dort mit der Muttermilch aufgesogen. Ich durfte selbst erleben, wie meine Verwandten in Monsalto einen weidener Rohling zu einem horasischen Diamanten schleifen.“
Ludopoldt nickte kauend. „Hm, ja ja, Horasier…“
Die entstehende Pause nutzte Theofried um auf den Grund von Ludopoldts Aufenthalt auf Gut Schwarze Au zurückzukommen.
„Wie willst du deine Ermittlungen angehen, Ludopoldt?“
Der Ritter der Baronin von Urkentrutz riss ein Stück des frischen Brotes ab und tunkte es in den Eintopf. Er stopfte es in den Mund um Zeit zu haben sich eine Antwort parat zu legen. Erst geraume Zeit später, alle Augen waren auf ihn gerichtet, antwortete er.
„Nun, deine Tochter sagte ja schon, dass sie den Fundort der Leiche kennt. Auch wenn es schon lang her ist, will ich mir doch einen persönlichen Eindruck der Fundstelle machen. Danach werde ich selbst noch einmal die Eltern und die Dorfbewohner befragen.“
Lyssandra horchte auf. Sie winkte Anci zu sich. „Nimm Eylin mit dir! Das sind keine Gespräche für ein Kind! Und sorg dafür, dass wir ungestört bleiben!“
Die Magd nahm die jüngste Tochter der Finsterbornerin mit sich nach draußen. Der Rest der Anwesenden setzte das Mahl fort.
Er rührte wieder mit einem Brotkanten im Eintopf. „Sehr lecker, das mit Entenfleisch zu machen. Das habe ich noch nicht oft gehabt.“
Theofrieds Augenbrauen zogen sich ärgerlich zusammen. „Das ist auch das einzige, was man mit den Mistviechern machen kann“, knurrte er. „Scheißen mir immer in die Fischweiher. Das verdirbt die Forellen, Saiblinge, Brachsen und Karpfen.“
Der Ritter von Burg Urkenfurt mümmelte weiter und erwiderte nichts. Theofried setzte erneut an.
„Klar, du musst dir ja ein eigenes Bild machen. Was hast du denn bisher für einen Eindruck. Nach was für einem Kerl suchen wir hier? Er hat innerhalb meines Lehens bereits dreimal gemordet. Alles hübsche, blutjunge Mädchen. Ludopoldt! Das muss Grimmwulf doch auch Sorgen machen, oder nicht? Und dir doch auch, nicht wahr?“
Ludopoldt nickte kauend. Der erregte Unterton in der Stimme des Junkers war ihm nicht entgangen.
„Gewiss, Theofried, gewiss! Sie ist sehr in Sorge und ich natürlich auch. Aber bislang haben wir keinen konkreten Verdacht.“
„Du hast doch alle Morde untersucht. Gibt es denn keine Gemeinsamkeiten? Die großen Füße und die Aussagen, dass sich ein großer, junger Mann in der Nähe der Tatorte herumgetrieben hat. Was ist damit?“
Der Ritter schob sich gerade den letzten Kanten Brot in den Mund. Umständlich kaute er und ließ sich mit dem Schlucken extra viel Zeit.
„Das weiß ich bislang nur von deiner Tochter und von der Wirtin in der „Seidelbast-Rast“…
„Bei Eberhilde Osmetz gab es auch solche großen Fußspuren!“, unterbrach der Junker den Gast.
Ludopoldt nickte. „Ja, schon, aber bei den anderen Morden konnte ich keine entsprechenden Stiefelabdrücke finden und Zeugen gab es wohl nicht.“
Der Finsterborner wirkte unzufrieden. „Der Kerl läuft da draußen frei herum und mordet unschuldige urkentrutzer Maiden! Ludopoldt, das muss ein Ende haben!“
Der Sachverhalt war dem Ritter sichtlich unangenehm. „Du hast ja recht, Theofried, aber ich kann ja nicht einfach irgendjemanden festsetzen. Es muss schon ordentlich ermittelt werden. Grimmwulf wird nicht so mir nichts dir nichts ein Urteil fällen, wenn es keine sicheren Beweise gibt. Verstehst du? Wir haben nichts, was uns eindeutig zu einem Täter führt!“
Das Familienoberhaupt der Finsterborns blickte äußerst unzufrieden auf den Dienstritter der Baronin und murmelte ein letztes Mal. „Es muss ein Ende haben!“
Da erschien Roselind mit dem Nachtisch. Sie stellte einen großen irdenen Topf mit konischem Deckel auf den Tisch und hob den Tondeckel an. Im Inneren lagen mehrere vom Schmoren runzlige Äpfel.
„Die Bratäpfel, Euer Wohlgeboren!“, deklarierte die Köchin und zu dem Gast fügte sie erklärend hinzu. „Sie sind eine Spezialität der Schwarzen Au. Gefüllt sind sie mit Walnüssen, Haselnüssen und Einbeerenmarmelade.“
Sie hob mit einem Löffel Apfel für Apfel auf kleine Teller und reichte jedem einen Löffel.
„Wohlschmecken!“ wünschte Roselind bevor sie abging.
Ermittlungen entlang der Nah- und Fernverbindungen
Baronie Urkentrutz, Anfang Boron 1043 BF
Schon fast eine Woche war Lyssandra nun schon mit Ritter Ludoboldt von Geißenbart unterwegs in der Schwarzen Au. Bei der Begutachtung des Fundortes war erwartungsgemäß nicht viel herausgekommen. Etwaige Spuren waren längst verschwunden. Der Besuch bei dem Freibauernehepaar Weichselbaumer hatte Lyssandras Wunsch, den Unhold baldmöglichst zu ergreifen und ihn dem Tode zu überantworten nur noch inniger werden lassen. Das Leid des Ehepaares ging ihr nah. Sie konnte mitfühlen, was die beiden durchmachen. War sie doch selbst Mutter dreier Kinder, zwei davon Töchter. Was wenn der Kerl irgendwann Minerva oder Eylin erwischte?
Die darauffolgenden Tage hatten sie die Dorfbewohner befragt und auch Ritte zu den Bauernhöfen entlang der Straße nach Kaiserlich Blaubinge und in Richtung Oberwaldig unternommen. Sie hatten Ritter Luthias von Spießling und Oberon von Uhlredder einen Besuch abgestattet und diese nach Beobachtungen in Bezug auf auffällige Personen befragt. Ohne nennenswertes Ergebnis.
Zuletzt nahmen sie sich die Straße vor, die über Urken nach Herzoglich Waldleuen führte. Nachdem es am Vortag zum ersten und einzigen Mal seit sie nach der Vermählung und Thronübernahme von Gräfin Griseldis nach Urkentrutz zurückgekehrt war, sonnig gewesen war, hingen an diesem Morgen die Wolken wieder sehr tief. Immerhin hatte es nachts nicht gefroren, doch die feuchte Kälte zog durch und durch. Warm eingepackt mit einem ledernen Wappenrock über der wollenen Tunika und einem Reiterumhang aus Wolle mit Kapuze saß sie fest im Sattel ihrer Warunkerstute Dardanella.
Auf dem Weg nach Urken besuchten sie diverse Hofstellen von Eigenhörigen, die für Lyssandras Vater Vieh hielten und das Land bestellten. Ein paar größere Hofe von Freibauern waren auch dabei. Als sie Urken erreichten war es schon später Nachmittag. Das Licht des von Wolken überzogenen Praiosmals war bereits am Schwinden. Sie würden die Nacht im Wirtshaus „Urkenstolz“ verbringen. Die Gaststätte gehörte einem Urkentrutzer, der für seine Heimatliebe berühmt war. Zu fortgeschrittener Stunde, und meist angefeuert durch einige Pinnchen Hochprozentiges, gab Dankwart Semmelweiß mit laut schmetternder Stimme gerne patriotische Lieder zum Besten.
Ludopoldt ließ sich nicht anmerken ob er die Darbietung nun mochte oder nicht. Er hielt sich an seinem Bier und dem ein oder anderen Pinnchen Urkener Saubirnengeist fest. Auch Lyssandra verschmähte diese Urkener Spezialität nicht. Wenngleich sie es bei einem bewenden ließ. Dass ihr Begleiter ein paar mehr davon genossen hatte, merkte sie erst als Ludopoldt sich mit deutlichem Zungenschlag verabschiedete und mit leichtem Rechtsdrall ins Bett verabschiedete.
Am kommenden Morgen lichtete sich der Nebel zum Erstaunen der beiden Ritter schon vor der Praiosstunde und das blassgelbe Antlitz des Götterfürsten erschien über den Häusern von Urken. Ludopoldt und Lyssandra suchten zunächst die Eltern der in der Nähe der Siedlung ermordeten Schäferin Assunta. Sie war 17 Winter alt gewesen als der Mörder ihr in einem Wäldchen bei Urken aufgelauert hatte. Lyssandra war damals alleine zur Untersuchung der Tat nach Urken geritten. Der Vater scheute in seinem Alter die weiten Wege. Leider hatte man damals keine verwertbaren Spuren am Tatort gefunden. Assunta war von einem Eigenhörigen gefunden worden, der Feuerholz gesammelt hatte gefunden worden. Es war im Peraine 1039 BF gewesen. Ein furchtbar trockener Mond damals. Sie hatte sich von dem Mann den Platz zeigen lassen, an dem die junge Schäferin in einem Brombeergesträuch gefunden worden war. Assunta hatte eine kleine Herde Rundohrenschafe am Waldrand gehütet. Dabei musste sie ihrem Mörder begegnet sein. Als der Eigenhörige über einige herumirrende Schafe gestolpert war, hatte er sich auf die Suche nach der Schäferin gemacht. Aufgefunden wurde sie schließlich ein Stück innerhalb des Waldes. An ihren zerrissenen Kleidern und den über und über zerkratzten Beinen hatte man sehen können, dass sie wohl versucht hatte zu fliehen. Doch der Mörder hatte sie eingeholt. Ob der Auffindungsort jedoch auch der Ort der Schändung und Ermordung gewesen war, konnte nicht sicher festgestellt werden. Lyssandra konnte sich kaum vorstellen, dass der Täter Assunta inmitten des Dornengestrüpps geschändet hatte. Vermutlich hätten sie nur die Umgebung intensiver absuchen müssen um Spuren zu finden. Sie ärgerte sich ein wenig, dass sie damals nicht hartnäckig genug nach Spuren gesucht hatte. Womöglich wären dort die großen Stiefelspuren zu sehen gewesen, die bei Ilmentrud und Eberhilde einen Hinweis auf den Täter gaben.
Gemeinsam mit Ludopoldt besuchten sie die Eltern der schönen Schäferin. Zumindest dachte die Ritterin von Gut Schwarze Au das. Doch als sie an der Kate der Eigenhörigen klopften, die für Lyssandras Vater eine Schafherde hütete, trafen sie nur den Vater an. Die Mutter war, wie Grunwulf der Schäfer, ihnen offenbarte, im vergangen Phex in einem nahen Waldteich ertrunken. Der arme Mann wirkte gänzlich gebrochen. Er hatte also innerhalb weniger Götterläufe ein Kind und die Frau verloren. Die Finsterbornerin erinnerte sich, dass es neben Assunta noch ein Zwillingpaar gab, das deutlich jünger gewesen war. Sie sprach Grunwulf ihr Beileid aus und erkundigte sich nach den Zwillingen. Der Eigenhörige nickte.
„Jo“, sagte er sparsam. „die sind schon bei mir.“
Lyssandra nahm sich vor, mit ihrem Vater über die Angelegenheit zu sprechen. Vielleicht konnte man da was für den Mann arrangieren, dass er nicht mehr so viel Arbeit hatte.
Ludopoldt schien wenig Mitleid zu haben. Er begann sofort mir der Befragung. Viel Neues gab es für ihn ja nicht zu erfragen, Schließlich hatte der Ritter aus Urkenfurt damals auch die Familie besucht und befragt. Allerdings einige Wochen nach dem Mord. Spuren waren zu dem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr zu finden gewesen. Aufmerksam verfolgte die Ritterin das Gespräch und versuchte alle wichtigen Details zu memorieren, um sie später mit ihren Aufzeichnungen von damals vergleichen zu können.
Grunwulf sprach davon, dass Assunta häufig schon am Morgen die Schafe weidete. Sie war gerne früh auf den Beinen gewesen, während er sich schwer tat aus dem Bett zu kommen und seine Frau damals noch sehr mit den Kleinen beschäftigt gewesen war.
„Ich hab´ mich so um die Praiosstunde auf den Weg gemacht, sie abzulösen. Da kam mir schon der aufgeregte Kundolf entgegen. Der war zum Reiser holen im Wald gewesen. Gemeinsam mit ihm hab´ ich Assunta dann heimgetragen.“
Während Ludopoldt nach weiteren Zeugen fragte, wollte Lyssandra wissen ob er nicht nach Spuren gesucht habe und ob er nicht auch der Meinung sei, dass der Fundort nicht der Tatort gewesen sei.
Grunwulf rieb sich die Nase. „Wisst Ihr, jetzt wo Ihr es sagt, Hohe Dame, …. Ich hab´ da gar nicht so weit gedacht. Aber ja, mein Weib hat auch schon gemeint, dass es nicht dort passiert sein kann…“
Dann wandte sich der Eigenhörige an den Ritter aus Urkenfurt. „Nun, Wohlgeboren, ich denke nich´ dass es Zeugen gab, außer den Schafen vielleicht…“
Lyssandra riss die Befragung an sich. „Sag, Grunwulf, hast du in den Tagen vor und nach der Ermordung deiner Tochter jemanden in Urken gesehen, der besonders groß war? Jemand den du noch nie dort gesehen hattest? Oder der nur ab und an ins Dorf kam? Jung, groß und grobschlächtig, mit riesigen Füßen?“
Der Eigenhörige grübelte. „Hm, den Kerl kenne ich, den du ansprichst. Ob der aber zu der Zeit hier war… Mann, das kann ich nich´ mehr sagen. Und die Krinhild kann ich nich´ mehr fragen…“
Ludopoldt schien nicht weiter auf die Fragen der Finsterbornerin eingehen zu wollen und fragte stattdessen, ob Assunta nicht reichlich Verehrer gehabt habe. Lyssandra wusste, dass der Vater nicht gerne davon sprach und sie war sich sicher, dass der Geißenbart damals genau dieselbe Vermutung geäußert hatte. Er war davon ausgegangen, dass ein abgewiesener Liebhaber die junge Schäferin getötet hatte. Ganz abwegig war das natürlich auch nicht. Assunta war außergewöhnlich liebreizend gewesen.
Grunwulf druckste deshalb auch herum. „Nun, naja, da war schon der ein oder andere, der ihr schöne Augen gemacht hat, aber sie war ein braves Mädchen! Gewiss, nicht wahr, Wohlgeboren. Ihr glaubt mir doch, dass sie es nicht herausgefordert hat, nicht wahr?“
Lyssandra nickte. „Bewusst sicher nicht.“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au erinnerte sich daran, dass Assunta selbst im Tod noch schön gewesen war. Zart und zerbrechlich hatte sie gewirkt. Die dunkelroten Kratzer der Dornen hatten in starkem Kontrast zu ihrer weißen Haut gestanden. Ihre rechte Gesichtshälfte war blutverschmiert gewesen. Die Lippe aufgeplatzt, die Schläfe mit einem frischen Bluterguss versehen, das Auge auf der Seite teilweise zugeschwollen. Der Täter hatte sie ganz offensichtlich mit dem Handrücken geschlagen. Und auch am Hals hatten sich die rötlich-blauen Würgemale deutlich auf der blassen Haut abgezeichnet. Man konnte nur hoffen, dass Assunta schon bewusstlos war als der Kerls sich an ihr vergangen hatte. Lyssandra versuchte den Gedanken daran zu verscheuchen. Übelkeit stieg in ihr auf.
„Also gab es mehrere Verehrer!“ Ludopoldt schien sich in seiner Vermutung bestätigt zu fühlen. „Womöglich haben wir es doch mit unterschiedlichen Tätern zu tun“, sagte der Ritter in Richtung der Finsterbornerin.
Lyssandra kniff die Lippen zusammen. Sie glaubte nicht daran. „Ich finde, wir sollten im Dorf nach Beobachtungen rund um den neuen Mordfall fragen und dann gezielt auch den Fall von Assunta damit vergleichen. Wenn derjenige aus Urken kam müssten ja Parallelen aufzudecken sein. Und was ist dann mit dem Fall Demuth?“
Der Geißenbart zuckte mit den Schultern. „Zufall?!“, warf er leichthin ein.
Die Finsterbornerin atmete tief durch. Es war nicht einfach mit Ludopoldt. Beide hatten sie so gänzlich andere Ansichten zu den Mordfällen. In ihren Augen wollte der Urkenfurter die Wahrheit nicht sehen. Warum auch immer. Er machte es sich zu leicht, empfand sie. Doch umgekehrt schien er zu glauben, dass sie sich in die Vorstellung verrannt hatte, dass es sich bei allen Morden um ein und denselben Täter handelte, wovon er offenbar nicht überzeugt war.
Lyssandra beschloss, Ludopoldt nicht weiter zu unterbrechen und ihre Befragungen lieber im Anschluss an seine Abreise fortzusetzen. Also verabschiedeten sie sich von Grunwulf und nahmen sich die nächsten möglichen Zeugen vor.
Entlang der Straße in Richtung Waldleuen hatten einige Handwerker ihre Häuser. Nachdem sie einen Schreiner und einen Töpfer befragt hatten näherten sie sich dem Travia-Tempel.
Der kleine unscheinbare Tempel lag etwas zurückversetzt hinter dem Dorfbrunnen, um den herum sich eine Art kleiner Dorfplatz gebildet hatte. Eine Schneiderin, ein Korbflechter und ein Knochenschnitzer boten dort ihre Dienste und ihre Waren an. Der Rest des Dorfplatzes war von einfachen Fachwerkhäusern umstanden. Da bildete der kleine Traviatempel keine Ausnahme. Auch er war niedrig und aus Fachwerk wie die umstehenden Gebäude. Das Hohe Paar bestand aus Travistan und Mädelieb. Beide waren schon recht betagt. Travistan verbrachte die meiste Zeit im Schaukelstuhl, den ihm der ortsansässige Schreiner gefertigt hatte und Mädelieb erschien auf den ersten Blick noch recht munter und wuselte eifrig durch den Tempel und den angrenzenden Schlaftrakt, der auch für Gäste zwei Kammern bereithielt. Doch beim Gespräch erwies es sich, dass sie nur noch wenig hörte und man unglaublich laut mir ihr sprechen musste, wenn man eine Antwort haben wollte.
Lyssandra stellte fest, dass der Ritter aus Urkenfurt dafür keine Geduld hatte. Er beließ es bei ein paar höflichen Floskeln und setzte sich stattdessen lieber zu Travistan. Bei einem frischen Kräutertee, den Mädelieb ihnen brachte, unterhielten sie sich mit dem Diener der Großen Mutter über auffällige Gäste in den Tagen rund um die Mädchenmorde. Glaubte der Geweihte, dass es ein ortsansässiger Mörder war oder dass er von außerhalb kam?
Travistan schüttelte energisch den Kopf. „Ne, von hier isser nich´! Gewiss nich´! Wenn Ihr mich fragt, Wohlgeboren, dann kommt der aus Waldleuen.“
Erneut fragte Ludopoldt nach auffälligen Gästen in den Tagen vor Ilmentruds Tod und auch in der Zeit als Assunta starb. Da konnte Lyssandra nicht mehr an sich halten. Sie musste die Frage einfach präzisieren.
„Hoher Vater, hat hier eventuell ein junger Mann Unterkunft begehrt, der besonders auffällig groß und grobschlächtig war? Er soll nämlich in den Tagen vor dem Mord in der Schwarzen Au gewesen sein. Vielleicht war er kurz vorher bereits hier gewesen?“
Travistan sah Lyssandra zunächst ungläubig an, dann schien er unsicher zu werden. „Wann sagt Ihr, Wohlgeboren? Mitte Efferd? Schon möglich…“
Die Augen unter den faltigen Lidern wirkten ungewöhnlich wach und aufmerksam. Der Geweihte der Gütigen sah von Lyssandra zu Ludopoldt. Den Ritter der Baronin musterte er besonders eindringlich.
Leise, sehr leise, fast zaghaft fragte Travistan den Dienstritter. „Kann es sein, dass Ihr nicht wisst, wer hier Quartier bezogen hatte? Er war nicht das erste Mal hier im Tempel…“
Lyssandra horchte auf. Sie hielt die Luft an, um ja keine Silbe zu verpassen. Ludopoldt war die Neugierde ebenfalls deutlich anzusehen. Er zog die Unterlippe nach innen.
„… er trägt das Gewand und die Spange der Gans… ein Laie der Hüterin…“
Ludopoldt riss die Augen auf. „Das kann nicht sein!“, entschied er Ritter kategorisch.
Wütend insistierte nun die Finsterbornerin. „Moment, Ludopoldt! Das kannst du doch so einfach gar nicht sagen!“
„Ich kann das sehr wohl!“ Dem Geißenbart stieg das Blut in den Kopf. In seinem Drang die Wahrheit nicht hören zu wollen, gab Ludopoldt mehr preis als er sicher beabsichtigt hatte.
„Ingrold kann es nicht sein. Er ist in einem Tempel in Herzoglich Dornstein! Dort ist er seit drei, bald vier Götterläufen! Außerdem kann er nicht der Mörder der Mädchen sein. Das passt überhaupt nicht zu ihm!“
Lyssandra musste an sich halten nicht zu triumphieren. Sie hatte genau das gehört, was sie schon vermutet hatte. Aber natürlich war das noch kein Beweis. Womöglich war es nur ein seltsamer Zufall.
Ludopoldt hatte es plötzlich sehr eilig. Er wollte nicht mehr wissen und obwohl die Ritterin seinen Magen schon einige Male vernehmlich hatte knurren hören, wollte er die Speisung, die Mädelieb gerade einigen Gästen offerierte, nicht mehr essen. Er wollte lieber noch weiterreiten bis zur Baroniegrenze, um dort weitere Nachforschungen anzustellen. Lyssandra wusste, dass er sich nicht davon abbringen lassen würde und so gab sie nach. Sie konnte jederzeit wiederkehren und auf eigene Faust Nachforschungen anstellen.
Ganz offensichtlich hatte Ludopoldt bemerkt, dass es nicht so einfach sein würde, Nachforschungen an der Baroniegrenze durchzuführen und am selben Abend wieder in Urken zu sein. Da es um diese Jahreszeit schon früh dunkelte, mussten sie sich beeilen. Ludopoldt legte ein scharfes Tempo vor. Sie hielten an einigen Höfen, die sich mit den dazugehörigen Ländereien rechts und links des Wegs ausbreiteten. Jedes Mal fragten sie nach auffälligen Beobachtungen entlang der Straße. Die Ritterin aus der Schwarzen Au nutzte jede sich bietende Gelegenheit auch nach dem „Riesen“ zu fragen. Doch sie hatte kein Glück. Keiner der Bauern konnte sich an einen jungen Mann erinnern auf den die genannten Merkmale passten.
Wie erwartet wurde es schon kurz nachdem sie umgedreht hatten und Urken zustrebten dunkel. Lyssandra war ungehalten. Ihre Warunkerstute trottete durch die Dämmerung und den aufsteigenden Nebel. Bald würden sie überhaupt nichts mehr sehen. Ritter Ludopoldt schien sich der Fehlorganisation bewusst zu sein. Er bot an, Lyssandras Stute Dardanella mit einem Führstrick an seinem Sattel zu befestigen. Er wollte vorausreiten und den Weg suchen.
Die Finsterbornerin stimmte zu. Sollte er doch sehen wie sie aus dem Schlamassel herauskamen. Und tatsächlich wurde es immer schlimmer. Der Nebel verdichtete sich, das Licht schwand. Bald war der Wegrand nicht mehr wirklich erkennbar. Ludopoldt fluchte. Er stieg ab und begann sein Pferd zu führen. Lyssandra blieb im Sattel sitzen. Dardanella wieherte immer wieder ängstlich.
Der Ritterin ging jegliches Zeitgefühl verloren. Sie fror. Die feuchte Kälte war längst durch den Stoff gedrungen. Mehrmals blieb der Ritter aus Urkenfurt stehen, wenn Abzweigungen vom Hauptweg kamen, die nicht aufs erste als Nebenstrecken erkennbar waren. Zweimal stieg Lyssandra vom Pferd um gemeinsam mit dem Dienstritter Grimmwulfs von Hartenau über den richtigen Weg zu beraten. Dann endlich wurde Dardanellas besorgtes Wiehern erwidert. Wenig später erschienen die Umrisse der ersten Häuser von Urken im Nebel.
Sie brachten die Pferde in den Stall, fütterten sie und ließen sich in der Schankstube nieder. Wortkarg wie nie, ließ sich Lyssandra einen gewärmten Met bringen und bat um eine heiße Suppe. Ihr Wunsch wurde erfüllt. Die einfache Gemüsesuppe wärmte den Magen und besserte die Stimmung ein wenig. Dennoch kam mit Ludopoldt an diesem Abend kein Gespräch mehr zustande.
Als beide am kommenden Morgen zum Frühstück in der Schankstube beisammensaßen, fragte Lyssandra den Geißenbart nach seinen Plänen bezüglich der kommenden Tage und welche Schlüsse er aus seinen Erkundigungen zöge.
Ludopoldt riss ein großes Stück aus der frischen Brotscheibe, die er bekommen hatte und tunkte sie in die Ziegenmilch, die er sich hatte bringen lassen. Er sah Lyssandra nicht an als er antwortete, sondern beobachtete wie sich das frische Backwerk voll Milch sog. Dann zog er die nasse Krume heraus und schlotzte sie geräuschvoll und genüsslich.
„Hmm“, machte er. „Nun, ich werde mich heute auf den Rückweg nach Urkenfurt machen und der Baronin meine Untersuchungsergebnisse präsentieren. Der Rest ist nicht meine Sache.“
„Du willst nicht mehr mit ins Gut Schwarze Au kommen? Nicht mehr dort nächtigen und meinem Vater noch einmal berichten?“, fragte die Finsterbornerin.
Der Dienstritter Grimmwulfs schüttelte den Kopf. „Nein, versteh mich nicht falsch, Lyssandra. Aber das kannst du gerne selbst übernehmen. Meine Auftraggeberin ist Grimmwulf, nicht dein Vater, auch wenn der letzte Mord auf seinem Lehen stattgefunden hat.“
Lyssandra nickte ernüchtert. Für ihn war die Sache erledigt. Sie ahnte, dass er froh war, die Angelegenheit abgeben zu können. Er wollte gar nichts damit zu tun haben. Es war ihm egal ob der Mörder noch einmal oder gar noch öfter zuschlug. Entsetzt über die Ignoranz des Dienstritters schwieg sie. Sie ahnte wie es ausgehen würde. Ludopoldt würde Grimmwulf wahrscheinlich gar nichts von dem Verdacht sagen, dass ihr Sohn den letzten Mord und vielleicht auch die Morde zuvor begangen haben könnte. Und wenn, dann würde er es so verpacken, dass es nur ein paar wilde Spekulationen waren. Grimmwulf würde die Sache zu den Akten legen und vergessen. Nur Lyssandra konnte die Morde nicht vergessen, sie wollte es nicht! Sie sorgte sich um ihre Töchter und die Töchter anderer Bewohner der Baronie. Sie wollte nicht, dass weitere urkentrutzer Eltern den Tod eines Kindes betrauern mussten und vor allem wollte sie nicht eine von ihnen sein.
Was tun? Spricht Praios.
Baronie Urkentrutz, Junkergut Schwarze Au, Anfang Boron 1043
Der Ruf eines Habichts scholl durch den Nebel, der dicht über dem Bingenbach hing. Der Greifvogel hasste es, gestört zu werden, und so warnte er lautstark die Reiterin, die ihr Ross in der Nähe seines Horstes die Straße entlangtrotten ließ.
Lyssandra hob den Kopf und suchte nach dem Vogel. In ihrer Pagenzeit bei Otus von Uhlredder hatte die Ritterin so einiges über Greifvögel gelernt. Habichtnester waren groß und voluminös. Die Horste fand man ausschließlich auf großen, dominanten Bäumen. Der Habicht bevorzugte dafür kleine Schneisen oder eben Wege. Also passte der Platz am Bingenbach perfekt, wo sich ein alter, dichter Auwald ausbreitete und der Urkenweg die Schneise bot. Erst als der Vogel aufflog und dicht über ihr drohend einen Scheinangriff flog wusste sie, dass er sich offenbar bei der Balz gestört fühlte. Spätestens jetzt war der Habicht an der weißen und dunkelbraunen Gefiedermaserung der Unterseite seines Körpers und seiner Schwingen deutlich zu erkennen.
Dardanella hob kurz den Kopf um alsbald wieder in ihren monotonen Trott zu verfallen und auch Lyssandra kehrte schon wenig später in ihre grüblerische Stimmung zurück. Sie versuchte, Ordnung in die Informationen zu bringen, die sie in Urken gesammelt hatte.
Nachdem sie sich am Vormittag von Ludopoldt verabschiedet hatte, war sie noch einmal in den Urkener Traviatempel „Haus der Vereinenden“ zurückgekehrt. Dort hatte sie alleine mit Travistan und dieses Mal auch mit Mädelieb gesprochen. Beide erzählten freimütig, dass Traviahilf, wie das Hohe Paar den Jungen nannte, ab und an für einige Tage manchmal Wochen geholfen hatte. Mutter Marinad, seit etwa vier Jahren Hohe Mutter des Traviatempels in Dorngrund in der Baronie Herzoglich Dornstein, habe schon ein paar Mal den kräftigen jungen Mann zum Helfen geschickt, wenn die Körperkräfte der alternden Tempelhüter in Urken nicht ausreichten. Wenn renoviert werden musste oder der Astschnitt an den tempeleigenen Obstbäumen anstand. Sie mochten den stillen, jungen Mann, der kaum einen Satz sprach und lieber alleine mit irgendeiner Arbeit beschäftigt war, als die oft schwatzhaften Pilger zu speisen.
Dass er mit den Mädchenmorden etwas zu tun haben sollte, konnten sie sich zwar nicht vorstellen. Mädelieb erinnerte sich dann aber, dass Mutter Marinad gemeinsam mit Traviahilf im Peraine 1039 BF bei ihnen Quartier genommen hatten. Die Traviageweihte hatte damals den Ruf erhalten, im Tempel in Dorngrund Hohe Mutter zu werden. Sie reiste erstmals dorthin, um noch ein paar Dinge zu regeln, bevor sie Anfang 1040 ihren Abschied vom Tempel in Urkenfurt nahm. Schon damals im Peraine hatte sie den Jungen bei sich, damit er auf andere Gedanken kam und um zu prüfen, ob sich der Tempel in Dorngrund für ihn eignete. Der Mord an der Schäferin Assunta wurde an dem Tag entdeckt, als beide weiterreisten. Niemand hatte damals daran gedacht, den Baronet mit dem Mord in Verbindung zu bringen.
***
Die gesammelten Erkenntnisse erzählte die Erbjunkerin wenig später auch ihrem Vater, als sie sich bei einem Becher heißen Met aufwärmte. Theofried von Finsterborn schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Alles deutet darauf hin, dass der Baronet eine Rolle in dieser Sache spielt. Offiziell ist er aber noch immer in Dorngrund in der Obhut von Mutter Marinad. Lyssandra, es bleibt nichts. Ich schicke dich nur ungern wieder hinaus in die Kälte und Tristesse des Boron, aber wir müssen noch einmal mit Grimmwulf sprechen. Du musst sie erneut mit dem Verdacht konfrontieren und ihr alle Indizien nennen, die für Ingrold sprechen. Vielleicht kann sie dann einen Boten zu Mutter Marinad nach Dorngrund schicken, um herauszufinden, ob sich der Junge noch in ihrer Obhut befindet.“
Lyssandra nickte. Einerseits war sei ein wenig müde von den wochenlangen Ritten durch Urkentrutz und Gräflich Pallingen, doch ihr Vater hatte recht. Sie selbst würde nicht mehr ruhig schlafen können, wenn sie nicht alles dafür getan hätte, den Mörder zu stellen. Und deshalb musste sie für Gewissheit sorgen.
„Ich werde gleich morgen aufbrechen!“
Den Abend aber genoss sie sichtlich. Sie spielte mit dem Vater und ihrer Tochter Eylin eine Reihe lustiger Spiele und ließ sich von Rosalind einen wunderbaren Eintopf kochen.
***
Burg Urkenfurt, Urkentrutz, 5. Boron 1043
Fassungslos sah Lyssandra den Dienstritter der Baronin von Urkentrutz an. Ludopoldt von Geißenbarts Gesicht blieb hart und unnachgiebig:
„Es bleibt dabei. Die Baronin wird dich nicht empfangen! Grimmwulf wünscht nicht noch einmal von dir in dieser Sache belästigt zu werden. Sie will sich nicht noch einmal über deine haltlosen Vorwürfe aufregen müssen. Und auch ihr Gemahl, Pirejus von Gortdingen, hat unmissverständlich klargemacht, dass er dich nicht mehr auf Burg Urkenfurt sehen möchte. Bitte verlasst diesen Grund auf dem schnellsten Wege.“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au atmete dreimal tief durch. „Das wird Folgen haben, Ludopoldt, für Grimmwurlf und Pirejus, aber womöglich auch für dich. Denn jetzt bleibt mir nichts Anderes, als die Gräfin einzuschalten.“
Der Dienstritter der Baronin von Urkentrutz drehte sich wortlos auf den Hacken um und ging.
Lyssandra nahm ihre Stute beim Zügel, führte sie über die Zugbrücke und schwang sich in den Sattel. Im Gasthof „Brückenwirt“ traf sie einen Händler, der am kommenden Tag in Richtung Schwarze Au aufbrechen wollte. Ihm gab sie einen kurzen Brief an den Vater mit, der ihn vom Stand der Dinge unterrichtete und ebenso mitteilte, dass sie weiterreiten würde zur Gräfin von Bärwalde, Griseldis von Pallingen.
Burg Rotdorn, Gräflich Pallingen, 8. Boron 1043
Mit Beharrlichkeit hatte Lyssandra eine Audienz bei der Gräfin ergattert. Zunächst war ihr vom Hofstaat erklärt worden, dass Ihre Hochwohlgeboren so kurz nach der Amtseinführung alle Hände voll zu tun und keine Zeit für unangekündigte Gäste hatte. Doch Lyssandra hatte sich nicht abwimmeln lassen – wieder und wieder betont, dass es sich um eine sehr wichtige Angelegenheit handelte und schließlich das Wort „Mädchenmorde“ fallen lassen. Offenbar wusste da jeder sofort, worum es ging. Nicht zuletzt wegen des Fantholi hatte sich die Kunde von den schlimmen Vorgängen in Urkentrutz über die Grenzen der Baronie Urkentrutz hinaus verbreitet.
So kam es, dass sie am Morgen nach ihrer Ankunft zu grauslich früher Stunde bereits in einer Schreibstube saß und darauf wartete, dass Griseldis von Pallingen ihr ein paar Momente ihrer kostbaren Zeit schenken würde. Lyssandra wusste nicht, warum sie hier saß, statt in den Thronsaal geladen worden zu sein. Vielleicht, weil man ihr klarmachen wollte, dass es sich um eine Notlösung und keinesfalls um eine offizielle Audienz mit allen verbundenen Ehren handelte? Oder, weil vor anderen Personen mit ebenfalls wichtigen Anliegen verheimlicht werden sollte, dass kurzerhand noch jemand dazwischen gequetscht worden war?
Gleich wie: Sie war froh, ihre Chance zu bekommen und würde alles daran setzen, ihren Punkt zu machen. Sie brauchte Hilfe von der Gräfin, denn allein würde sie mit ihren Ermittlungen nicht weiterkommen. Nicht gegen den Willen ihrer Baronin und schon gar nicht, da ihre Nachforschungen sie früher oder später über die Grenzen von Urkentrutz hinaus führen würden.
Als sie ein Geräusch an der Tür vernahm, erhob sich die Finsterbornerin rasch – und damit gerade rechtzeitig, um sich umzudrehen und zu sehen, wir Griseldis in das Kämmerchen eintrat. Sie war nicht allein, sondern in Begleitung eines Bediensteten, der eine Kladde und einen Kohlestift mit sich führte. Wohl um Notizen zu machen, falls dies erforderlich sein sollte. Lyssandra verneigte sich ehrerbietig, als die Gräfin an ihr vorbei zog und sich hinter den wuchtigen Tisch begab, der fortan wie eine Barriere zwischen ihr und der Urkentrutzerin stehen würde.
Lyssandra spürte, dass der prüfende Blick der Gräfin auf ihr lang. Ein ganzes Weilchen. Als einen vorsichtigen Blick nach schräg oben wagte, erspähte sie die gerunzelte Stirn der Pallingerin, die gerade damit beschäftigt schien, ihr Gesicht irgendwie einzuordnen. Sie fragte sich wohl, ob sie sie schon einmal gesehen, womöglich bereits mit ihr gesprochen hatte.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au hielt dem investigativen Blick stand und hoffte, dass sich die Gräfin daran erinnern würde, dass Lyssandra mit ihrem Vater und ihrer jüngsten Tochter Eylin Gast auf ihrer Hochzeit und Inthronisierung gewesen war.
„Erhebt Euch!“, meinte die Gräfin schließlich und lächelte Lyssandra freundlich an, als sie der Aufforderung nachkam. „Willkommen im Namen Travias, Rondras und der milden Ifirn, Euer Wohlgeboren. Ich habe gehört, dass Ihr mit einem wichtigen Anliegen zu mir gekommen seid. Da ich wenig Zeit habe, müssen wir leider auf höfliche Floskeln verzichten und unser Gespräch so kurz wie möglich halten. Also sagt mir bitte: Womit kann ich Euch helfen?“
Griseldis setzte sich nicht einmal, sondern blieb hinter dem Schreibtisch stehen, während der Schreiber zu ihrer Linken den Stift zückte und Lyssandra ebenso erwartungsvoll anblickte wie seine Herrin es tat.
„Habt Dank, Euer Hochwohlgeboren, für diese Audienz, obwohl ich keine Zeit hatte, meinen Besuch voranzukündigen. Ich muss Euch in einer sehr wichtigen und etwas heiklen Sache sprechen.“
Lyssandra setzte die Gräfin über den jüngsten Mord in der Schwarzen Au und den Stand der Ermittlungen in Kenntnis. Dabei ließ sie auch nicht aus, dass es Indizien gab, die sie den Baronet Ingrold von Hartenau verdächtigen ließen. Sie erwähnte ausführlich die Beschreibungen, die so gut auf den Spross der Baronin passten. Zuletzt kam sie darauf zu sprechen, wie kläglich ihr letzter Versuch gescheitert war, zu Grimmwulf vorzudringen, um sie persönlich darum zu bitten, den Verbleib ihres Sohns unzweifelhaft aufzuklären.
„Eines steht fest, der Verdacht lässt sich nur aus der Welt schaffen, wenn nachgewiesen werden kann, dass Ingrold, den man auch Traviahilf nennt, tatsächlich im Traviatempel von Dorngrund ist. Jetzt wollte ich Euch, Hochwohlgeboren, darum ersuchen, einen Boten nach Herzoglich Dornstein zu entsenden, der diesen Sachverhalt klärt. Kaum eine Mutter macht in Urkentrutz noch ein Auge zu, solange nicht geklärt ist, wer für diese schreckliche Mordserie verantwortlich ist. Mich eingeschlossen, denn auch ich habe zwei Töchter.“
Griseldis hatte Lyssandras Ausführungen aufmerksam und mit ernster Miene gelauscht. Ein paarmal konnte sie die Überraschung über das, was sie hörte, nicht verbergen – sie war eben sehr jung, noch frisch im Amt und Welten von der Abgeklärtheit einer Walderia von Löwenhaupt entfernt. Nachdem der Bericht beendet war, ließ sich Griseldis mit einem leisen Seufzen auf ihren Stuhl sinken und bedeutete der Finsterbornerin, sich ebenfalls zu setzen. Während die Feder des Schreibers über das Pergament kratzte, weil er noch immer damit beschäftigt war, zusammenzufassen, was ihm soeben zu Ohren gekommen war, musterte sie ihr Gegenüber nachdenklich.
„Das ist nun wahrlich heikel ...“, murmelte die Gräfin nach einer Weile, lehnte sich im Stuhl zurück und faltete die Hände, als würde ihr das beim Denken helfen. Denn dass sie dachte, angestrengt nachdachte, war nur allzu deutlich erkennbar. „Frau Walderia hatte immer nur Gutes über Ihre Hochgeboren von Hartenau zu sagen“, meinte sie schließlich. „Sie hat sie mir als aufrechte, tüchtige und loyale Gefolgsfrau ohne falsche Eitelkeiten beschrieben, auf die man sich blind verlassen kann. Es fällt mir daher schwer zu glauben, dass sie nicht nach bestem Wissen und Gewissen ermitteln und den Mann stellen würde, der die Mädchen getötet hat. Dennoch ist es ... wohl etwas anderes, wenn es die Familie betrifft, nicht wahr? Welcher Mutter würde es schon leicht fallen, in Betracht zu ziehen, dass der eigene Sohn solche Grausamkeiten begehen könnte?“
Einen Moment sah sie Lyssandra schweigend an – die Stirn noch immer gerunzelt, den Mund zu einem schiefen Strich verzogen. „Ich habt sie gesehen und mit Ihr gesprochen, das ist ein klarer Vorteil mir gegenüber, Wohlgeboren. Also schildert mir doch bitte: Was für einen Eindruck hattet Ihr? Kam es Euch vor, als wüsste sie, wie sich die Dinge verhalten und würde versuchen, sie nicht ans Tageslicht kommen zu lassen? Oder ... gibt es vielleicht einen anderen Grund dafür, dass sie nicht mehr mit Euch sprechen wollte, als Ihr es mit den neuen Erkenntnissen noch einmal versuchen wollte? Was denkt Ihr?“
Lyssandra dachte nach. Sie ging in sich und versuchte so gut wie möglich zu schildern, wie Grimmwulf ihr vorgekommen war.
„Ich gebe Euch vollkommen Recht, Hochwohlgeboren. Grimmwulf von Hartenau ist mit Sicherheit eine loyale Gefolgsfrau ohne falsche Eitelkeiten. Gewiss ist sie dem Grafenthron treu ergeben. Und auch sonst hört man weit und breit keine Klagen über die Führung der Baronie. Doch natürlich ist eine Mutter in der Betrachtung etwaiger negativer Eigenschaften ihrer Kinder selten objektiv, wie Ihr bereits vermutetet. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass die Baronin ins Zweifeln geriet, als sie die Beschreibung des mutmaßlichen Täters vernahm. Sie schien allein der Gedanke zu beruhigen, dass sie den Baronet in sicherer Obhut wusste. Dieser Umstand brachte ihr die Ruhe und Zuversicht zurück, dass Ingrold unschuldig sein musste.“
Die Ritterin zögerte ein wenig, ging noch einmal in sich, rekapitulierte die Gesprächssituation.
„Nun, ich habe ja auch einige Zeit mit Ritter Ludopoldt von Geißenbart verbracht. Er steht absolut loyal zu seiner Dienstherrin und ihrer Familie. Im Laufe der Zeit, die wir gemeinsam bei den Ermittlungen verbrachten, beschlich mich jedoch das Gefühl, dass er die Befragungen in eine Richtung lenkte, die ihm zupasskam, die gesammelten Erkenntnisse schönte und in die für seine Dienstherrin passende und erträgliche Fassung brachte. Ich weiß nicht, wie viele der – und das ist selbstverständlich auch subjektiv und aus meiner Warte betrachtet – erdrückenden Indizien den Weg in die Kemenate der Baronin fanden.“
Sie hielt noch einmal inne und berichtete dann auch, was ihr die Magd Wigdis unter vier Augen verraten hatte. „Mit Verlaub, Euer Hochwohlgeboren, von einer Magd der Baronin habe ich mir sagen lassen, dass der Baroninengemahl, Pirejus von Gortdingen, seine Frau nur mit gefilterten Nachrichten versorgt. Es würde mich also nicht wundern, wenn Grimmwulf arglos ist und somit selbstverständlich nach wie vor von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt ist. Insofern ist es durchaus möglich, dass gar nicht sie selbst mich abgewiesen hat, sondern Ritter Ludopoldt in Rücksprache mit dem Baronsgemahl entschied, mich ungehört fortzuschicken.“
„Hmhum“, machte Griseldis leise und kratzte sich am Kinn. „Also schön ... auch mir fällt es schwer, zu glauben, dass der Sohn und Erbe einer meiner Baroninnen für diese Schandtaten verantwortlich sein soll. Und vielleicht ist es ja gar nicht so. Es sprechen immer noch ein paar Dinge dagegen, wiewohl … ich mich der Tatsache nicht verschließen kann, dass ihr schon sehr gründlich nachgeforscht habt und leider fast alles in eine sehr, sehr unglückliche Richtung deutet.“
Die Gräfin hielt kurz inne und versank in Gedanken. Schließlich straffte sie ihre Haltung wieder und suchte Lyssandras Blick: „Mir gefällt nicht, was Ihr über den Ritter und den Baroninnengemahl erzählt. Es klingt, als hätten diese beiden sie der Möglichkeit beraubt verantwortlich zu handeln – so wie man es als Lehnsherrin, die dem Schutz ihrer Vasallen verpflichtet ist, in jedem Falle tun sollte. Das darf nicht sein ... so was. Gleich ob es aus guten oder aus bösen Absichten geschieht. Auf mich hat Frau Grimmwulf auch nie gewirkt, als wäre sie ein Mensch, der unter der Last der Wahrheit allzu leicht zerbräche ... aber ich bin keine Mutter ... ich kann es wohl nicht richtig beurteilen ...“
Einen Moment sah es aus, als wolle sie die deutlich ältere Lyssandra, die im Gegensatz zu ihr schon mehreren Kindern das Leben geschenkt hatte, nach ihrer Meinung fragen. Doch dann räusperte sie sich leise und schüttelte den Kopf.
„Nun gut“, meinte Griseldis schließlich. „Es verhält sich leider so, dass wir hier gerade sehr viel um die Ohren habe. Die meisten gräflichen Ritter sind bereits in meinem Auftrag unterwegs, ich würde in einer Angelegenheit von solcher Bedeutung aber niemanden anders als einen eben solchen schicken wollen.“ Sie musterte Lyssandra nachdenklich. „Ihr seid mit der Sache ohnehin bereits vertraut, Wohlgeboren. Keiner von meinen Leuten könnte die Aufgabe besser erledigen als Ihr. Also wie wäre es, wenn ich Euch mit den nötigen Befugnissen ausstatte und Ihr das selbst übernehmt?“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au nickte erfreut. „Mir ist bewusst, Hochwohlgeboren, dass Ihr so kurz nach der Thronbesteigung und Eurem Lebensbund mehr als genug zu erledigen habt. Umso mehr danke ich Euch für Euer offenes Ohr und die Unterstützung in dieser fatalen und leider dennoch dringlichen Angelegenheit. Mit den entsprechenden Befugnissen und einem Schreiben, das Euer Siegel trägt, ausgestattet, wäre es möglich, dass ich selbst herausfinde, ob der Baronet in Dorngrund weilt und wenn nicht, so werde ich Euch sogleich Bericht erstatten.“
„Sehr gut“, meinte Die Gräfin und schenkte der Ritterin ein verbindliches Lächeln. „Es freut mich, das zu hören, Wohlgeboren, und ich werde auf der Stelle alles Notwendige veranlassen.“ Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich dem Schreiber zu und bedeutete ihm mit einer knappen Geste, dass er sich um die Angelegenheit zu kümmern hatte. „Ich schlage vor, Ihr begebt Euch in den Rittersaal und dort wartet. Ein halbes Wassermaß ... vielleicht ein ganzes, dann sollten wir alles zusammen haben, was Ihr braucht. Ich lasse Euch dort eine Kleinigkeit zu Essen servieren – es ist ja noch sehr früh, ich nehme an, da blieb keine Zeit für Frühstück?“
Sie wartete das Nicken der Finsterbornerin ab und erhob sich: „Alsdann. Ich danke Euch, dass Ihr hergekommen seid und mich über diese Sache unterrichtet habt. Ich sehe es wie Ihr: Es ist höchste Zeit, dass diesem Verbrecher das Handwerk gelegt wird – egal, wer es sein mag.“ Sie zögerte einen Moment und seufzte leise. „Ich wünsche Euch viel Erfolg auf Eurer Reise und: Ja, bitte, informiert mich, wenn Ihr neue Erkenntnisse habt. Sollten sich Eure Vermutungen bewahrheiten, werdet Ihr ohne mich eh nicht weiterkommen, nicht wahr?“
Lyssandra bestätigte das mit einem Nicken, erhob sich dann ebenfalls und verbeugte sich in tiefer Dankbarkeit. Dann ließ sie sich zum Rittersaal geleiten, nahm das dargebotene Frühstück ein und wartete darauf, dass die Gräfin ihr das versprochene Schriftstück aushändigen ließ. Bereits am kommenden Morgen wollte sie sich auf den Weg nach Herzoglich Dornstein machen.
Wo ist Traviahilf?
Baronie Urkentrutz, 11. Boron 1043
Nach einer Nacht im väterlichen Junkergut Schwarze Au, machte sich Lyssandra auf in Richtung Herzoglich Dornstein. Sie schlug den Weg entlang des Bingenbachs in Richtung Bingenbrück ein.
Die Nacht war kalt und klar gewesen. Laut klapperten die Hufe Dardanellas auf dem gefrorenen Boden. Raureif überzog die Zweige der Bäume. Die letzten, verbliebenen Blätter an den Sträuchern entlang des Weges bedeckte ein weißer, stacheliger Pelz. Still war es geworden in den Wäldern von Urkentrutz. Außer dem vereinzelten Ruf des Habichts, den sie bereits am Vortag vernommen hatte, und einem Schwarm Krähen, die sich in den hohen Bäumen des Auwaldes sammelten, waren keine tierischen Laute zu vernehmen.
Diese Nacht verbrachte die Ritterin in Bingenbrück. Schon früh am kommenden Morgen machte sie sich auf den Weg nach Dûrensend. Es war eine lange Wegstrecke und Lyssandra gönnte ihrer Stute nur zwei kurze Pausen zum Fressen und trinken. Sie selbst verzehrte die mitgenommene Wegzehrung. Die Burg in Dûrensend diente ihr als Nachtquartier. Die Reichsvögtin bekam sie allerdings nicht zu Gesicht. Die ließ sich entschuldigen wegen Unpässlichkeit.
***
Herzoglich Dornstein, Dûrensend, 13. Boron 1043
Der kommende Boronmorgen überraschte die Ritterin aus der Schwarzen Au mit einem Schauspiel am Himmel. Der Horizont im Rahja schien in Flammen zu stehen. Die Wolkenberge, die sich über dem hügeligen Land mit seinen Mischwäldern aufgetürmt hatten, wurden von der im Aufgehen befindlichen Praiosscheibe in ein flammendes Rotorange getaucht. Lyssandra betrachtete das Schauspiel, als sie Dardanella auf den Binger Stieg lenkte.
Was so furios begonnen hatte, endete rasch. Das Praiosmal gab sich nur kurz die Ehre eines vielfach bewunderten Tagesbeginns, dann verschwand die Scheibe des Himmelsfürsten hinter den dichten, dunklen Wolken. Sprühregen setzte ein. Lyssandra ließ Kaiserlich Blaubinge hinter sich und erreichte Herzoglich Dornstein. Wiesen und Weiden kündeten von einem gewissen landwirtschaftlichen Reichtum. Der Bingenbach entsprang irgendwo hier in der Baronie.
Mittagsrast legte die Ritterin im Landedlengut Weidenfeld ein, wo sie herzlich aufgenommen wurde. Gernwald Gressen von Weidenfeld, den man gern auch den „Bullen von Weidenfeld“ nannte, seiner körperlichen Erscheinung wegen, ließ sie an der üppigen Brotzeit der Gutsbewohner teilhaben. Der glatzköpfige Rinderzüchter hatte einige Knechte und Mägde, die ordentlich zupacken konnten und entsprechend gut zulangten, wenn es ums Essen ging. Am Nachmittag ließ Lyssandra das Edlengut Eichelhain am Wegrand liegen und beeilte sich, den Wehrtempel Perainetrutz zu erreichen, der ihr in dieser Nacht als Quartier dienen sollte. Der Regen hatte inzwischen zugenommen. Sie war froh als sie das trutzige Heiligtum der Gebenden erreichte.
Das wuchtige Gebäude stand etwas erhöht über dem Ort Perainefelden. Ein steiler Weg führte über eine Zugbrücke in einen Innenhof. Das Pflaster war durch den Regen nass und glitschig. Lyssandra saß ab und überreichte einem der sogleich herbeigeeilten Knechte die Zügel ihrer Stute Dardanella. Sie bat darum, ihre Satteltaschen abzunehmen und ihr später zu bringen. Neugierig sah sie sich um. Sie erinnerte sich, vor langer Zeit einmal mit ihrem Gemahl Wonnebolt hier gewesen zu sein. Damals war das Wetter weitaus besser gewesen. Die Außenmauer des Innenhofes enthielt Lagerräume für die Lebensmittelvorräte der Bauern. Jede der vielen Doppeltüren trug die Stempel der Höfe, deren Vorräte dahinter lagerten. So bot der Wehrtempel nicht nur den Angehörigen des Tempels sondern auch den Bauern Schutz vor Überfällen. Die Gebetshalle befand sich in dem zweiten Hof, der von diesem durch eine Mauer getrennt war.
Eine Akoluthin kam herbeigeeilt. Sie trug eine einfache, langärmlige, grüne Tunika und eine braune Schürze darüber. „Peraine zum Gruße!“ wurde die Ritterin mit einer ungewöhnlich tiefen Stimme begrüßt.
Lyssandra erwiderte den Gruß und fragte, ob sie für die Nacht ein Quartier haben könnte.
Die Akoluthin nickte. „Mein Name ist Senna, ich bin eine Dienerin der Ähre. Wollt ihr mir bitte folgen, Hohe Dame?“
Die Ritterin der Schwarzen Au ließ sich über eine hölzerne Außentreppe in das obere Stockwerk führen. Senna öffnete eine der Türen und bat Lyssandra einzutreten. Die einfache Kammer wurde nur spärlich durch das Licht, das durch die Schießscharten fiel, erhellt. Ein einfaches Bett mit einer Strohmatratze, ein Tischchen mit Waschschüssel und ein simpler Hocker waren das einzige Mobiliar. Hinter der Tür bot ein Haken dem Reisemantel Platz.
Senna erkannte den zweifelnden Blick der Ritterin. „Wenn Ihr möchtet, kann ich die nassen Sachen in den Raum neben dem Badehaus bringen. Der ist immer schön warm. Dort trocknen auch wir die Wäsche.“
Zufrieden nickte die Finsterbornerin. „Das klingt gut. Sobald ich meine Satteltaschen habe und mich umziehen kann, bringe ich dir meine nassen Sachen. Ist das recht so?“
Die tiefe Stimme der Akoluthin bestätigte die Vereinbarung. Senna lud die Ritterin zum gemeinsamen abendlichen Götterdienst in den Tempel ein und danach zum Abendmahl im Speisesaal des Klosters. Das ließ sich die Ritterin nicht zweimal sagen.
Gemeinsam mit den Geweihten, den Akoluthen und sonstigen Bewohnern des Wehrtempels schritt Lyssandra von Finsterborn durch das girlandengeschmückte Tempelportal, das seitlich in das Langhaus der Bethalle führte. Etwa mittig im Langhaus befand sich eine großzügige Vierung, die von einem quadratischen, hohen Turm mit schmalen Fenstern überdeckt wurde. Hinter der Vierung, die dem steinernen Altar Platz bot, führte ein Durchgang wohl in die Sakristei des Klosters. Über den Köpfen der Gläubigen, im Obergeschoß des Vierungsturms schwebte eine filigrane, hölzerne Storchenskulptur.
Senna, die der Ritterin beim Eintreten zugenickt hatte, wies ihr einen Platz in der Holzbank hinter den Akoluthen zu. Als letzte kam Mutter Amathe am Arm eines Geweihten, der sie bis vor den Altar brachte. Er mochte so an die 45 Winter zählen und führte die zerbrechlich wirkende Hüterin der Saat.
Der Göttinnendienst begann mit einem Lied, dann sprach die Tempelvorsteherin von dem Segen der Feldfrüchte und davon wie man durch die Weisungen Peraines diese haltbar machen konnte, so dass sie uns durch den gesamten Winter hindurch nährten. Sobald Mutter Amathe vor dem Altar stand, wirkte sie plötzlich nicht mehr so gebrechlich. Die Gütige schien ihr die notwendige Kraft für ihre Aufgabe zu verleihen. Zuletzt folgte ein Abendgebet, das dann auch das Ende des Götterdienstes einleitete.
„Die Sonne geht unter, es dämmert die Nacht,
wir loben Peraines lebendige Macht.
Wir sitzen beisammen zu gemeinsamen Speisen,
wir loben die Gebende und wollen sie preisen.“
Gestärkt durch Göttinnendienst und eine reichhaltige und schmackhafte Suppe aus Wurzelgemüsen und Streifen grünen Kohls nahm Lyssandra das Angebot eines Paars an, den Abend bei einem Becher warmen Met an einem offenen Kamin in einem der Ecktürme des Wehrklosters zu verbringen.
Perainor Weidenbast war der Geweihte gewesen, der Mutter Amathe zum Altar führte. Der Heiler der Göttin war mit der Vögtin des Guts Perainefelde, zu dessen Lehen das Wehrkloster gehörte, im göttergefälligen Bund vermählt. Hilmtrud Schnewlin von Orkenwacht, ihres Zeichens bis zur Übernahme des Vögtinnenamtes reisende Medica, war erst vor gut einem Götterlauf Mutter eines Sohns geworden. Das gemeinsame Kind hatte Lyssandra beim Abendessen gesehen. Ein fröhlicher kleiner Blondschopf, der wie ein Wiesel unter den Tischen herumgekrabbelt war und sich auch an der Ritterin aus der Schwarze Au hochgezogen hatte, um an ein Stück Brot vom Tisch zu bekommen.
Gewärmt vom Met und dem Schein des Kaminfeuers berichtete die Finsterbornerin von ihrer Mission.
Nachdenklich nickte Hilmtrud: „Wir kennen den jungen Mann, der im Traviatempel zu Dorngrund lebt. Er ist sehr verschlossen und Mutter Marinad, die vor ein paar Götterläufen die Leitung des Tempels übernahm und ihn mit sich führte, fragte hier im Kloster ein paar Mal um Hilfe.“
„Um Hilfe wofür?“, wollte Lyssandra wissen.
Nun war es Perainor, der antwortete. „Es wäre eigentlich eher ein Noionit vonnöten gewesen. Mutter Marinad beklagte sich, dass er zum einen unglaublich verschlossen sei und kaum ein Wort seine Lippen verließ, er andererseits aber auch urplötzlich sehr aufbrausend und aggressiv werden konnte. Wir versuchten es mit Waschungen, Salbungen und Kräutertränken, sowie Gebeten zum Heiligen Therbûn. Einmal sprach sie gar davon, ob wir es nicht einmal gemeinsam mit einem Exorzismus versuchen sollten. Doch so weit kam es noch nicht. Nur ein Vorgespräch mit Mutter Marinad und Mutter Amathe fand statt.“
Interessiert hörte die Finsterbornerin zu. Alles passte ins Bild. Nun kam die wichtigste Frage: „Ist Traviahilf noch bei Mutter Marinad?“
Nun sahen sich Perainor und Hilmtrud überrascht an. „Hm, ich denke schon“, erwiderte die Medica. „Wobei sie unlängst fragte, ob wir ihn gesehen hätten und ob er wohl hier Quartier genommen habe. Doch als wir es verneinten, schien sie damit zufrieden zu sein. Sie hat nichts darüber hinaus erzählt. Nehmt Ihr an, dass er nicht mehr bei ihr ist?“
Lyssandra zuckte mit den Schultern. „Das ist es, was ich herauszufinden gedenke. Denn wenn es so ist, wo ist er dann? Das würde ein ganz anderes Licht auf die Mordserie, mit der wir uns in Urkentrutz befassen müssen, werfen. Die Gräfin entsandte mich, um seinen Verbleib zu klären.“
Betreten sahen sich die beiden an. „Keine leichte Aufgabe“, bemitleidete Perainor Lyssandra und Hilmtrud schloss noch einen weiteren Gedanken an. „Es wird für Mutter Marinad und die Baronin von Urkentrutz nicht einfach sein, einzusehen, dass der Versuch gescheitert ist, Traviahilf in der Obhut der Strengen und Gütigen in einen würdigen Erben der Baronie wandeln.“
Mit einem weiteren Becher Met und erfreulicheren Gesprächen über das Elterndasein und die Arbeit in einem so großen Kloster der Hüterin des Lebens beschlossen sie den Abend.
Nachdenklich fiel die Finsterbornerin schließlich auf das harte Bett. Die Informationen, die sie hier bekommen hatte, erhärteten den Verdacht, dass der Baronet etwas mit den Mädchenmorden zu tun haben könnte. Sie war gespannt, was sie am kommenden Tag in Dorngrund erwartete. Doch eines nahm sie aus dem Wehrkloster auch noch mit. Die Erkenntnis, dass ihr das Leben der Klostergemeinschaft gefiel. Wenn ihr nicht von der Familie ein anderer Weg vorbestimmt worden wäre, so meinte sie, könnte sie sich gut vorstellen in Perainetrutz einzuziehen. Mit diesem angenehmen Gefühl sank sie schließlich in Bishdariels Arme.
Wehrtempel Perainetrutz, Baronie Herzoglich Dornstein, 14. Boron 1043
Über Nacht war der Regen in Schnee übergegangen. Es schneite auch noch, als Lyssandra den Wehrtempel Perainetrutz verließ. Nass und matschig zeigte sich der Dornstieg, auf dem die Ritterin mit ihrer Stute das letzte Stück zum Dorf Dorngrund zurücklegte. Der Ort lag an den Ufern des Dornenwassers. Ähnlich wie das Dorf Schwarze Au lebten etwa 250 Einwohner in Dorngrund.
Den Schafen, die auf den Weiden der Höfe nach Fressbarem suchten, schien der Schnee nichts auszumachen. Sie fanden auch unter der weißen Decke noch verwertbare Halme.
Der Traviatempel befand sich direkt im Ortszentrum. Er war, wenngleich schlicht, doch das dominierende Gebäude am Platz. Vier hölzerne, mit Kalk weiß getünchte Halbsäulen zierten die Front mit dem dreieckigen Giebelfeld. In diesem war ein sehr einfach gestalteter, geschnitzter Holzfries zu sehen, der zwei einander festhaltende Hände zeigte. Hinter dem kleinen Bethaus standen ein paar weitere, einfache Fachwerkgebäude, die zum Heiligtum zu gehören schien. Ein etwas größeres Haus, von dem Lyssandra vermutete, dass es das Gästehaus war, und ein kleineres Haus, das offenbar eine Küche oder Backstube enthielt.
Lyssandra saß ab. Sie sah sich suchend nach einer Möglichkeit um, Dardanella unterzubringen. Ein junges Mädchen, das offenbar Wasser geholt hatte, kam näher. Sie betrachtete das schöne Pferd mit seiner wappengeschmückten Satteldecke.
Die Ritterin sprach sie an: „Hey da, Mädchen! Kann ich hier irgendwo mein Pferd unterbringen? Ich bin auf der Suche nach der Traviageweihten Mutter Marinad.“
Die Rothaarige kam schüchtern näher. „Ein schönes Pferd habt ihr, Edle Dame. Wie heißt es?“
„Dardanella“, erwiderte die Finsterbornerin ein wenig ungehalten, da das Mädchen nicht auf ihre Frage geantwortet hatte. „Kannst du mir jetzt bitte sagen, wo ich mein Pferd unterbringen kann?“
Nur widerwillig schien das Mädchen den Blick vom Pferd zur Reiterin zu wenden: „Hm, hier im Dorf hat nur der Xandi ein Pferd. Bei ihm Stall könnt Ihr Eure Dardanella sicher unterbringen. Wenn Ihr wollt, zeige ich Euch seinen Hof. Er ist ein wenig außerhalb von Dorngrund. Mit seinem Kaltblut holt der Xandi die Baumstämme aus dem Bergwald.“
Immerhin ein Lichtblick. Lyssandra nahm Dardanella beim Zügel und folgte dem Mädchen, das nun fröhlich plauderte. Sie erzählte, dass der Mann, den sie Xandi nannte, ein mürrischer Einzelgänger sei und sie ihn nicht mochte. Dann begann sie Lyssandra auszufragen, wer sie denn sei und woher sie komme. Die Ritterin hielt sich bedeckt, erzählte nur, dass sie aus Urkentrutz käme und dort Ritterin sei. Vom Grund ihrer Reise verriet sie nichts. Musste sie auch nicht, denn Marthe, wie sich das Mädchen nannte, berichtete von sich aus, dass Mutter Marinad gerade nicht im Tempel sei. Sie sei mal wieder auf Reisen. Und mit der Unbekümmertheit der Jugend erzählte sie freimütig, dass die Tempelvorsteherin, seit sie mit dem seltsamen jungen Mann aus Urkentrutz gekommen war, den Tempel immer wieder allein ließ.
„Na ja, sie musste ja auch erstmal die Baronie kennenlernen und dann hat sie diesen Traviahilf auch oft mit sich genommen. Ein seltsamer Kerl. Der war so riesig, dass man sich leicht vor ihm fürchten konnte“, sagte Marthe. „Starren konnte der, Wohlgeboren! Ich bin ihm lieber aus dem Weg gegangen. Was auch einfach war, denn gesprochen hat er ja sowieso nicht.“
Sie waren ein Stück des Dornstiegs in Richtung Dornstein gelaufen, als ein Weg nach rechts in den Wald abzweigte. Hier ging es schon deutlich aufwärts. Der Bergwald zog sich vom Hang des felsigen Dornsteins über sanftere Ausläufer mit gelegentlichen Felszacken bis nach Dorngrund. Der Pfad war matschig und Dardanellas Hufe sanken tief in den mit Schneematsch bedeckten Waldboden. Nach ungefähr 500 Schritten erreichten sie eine kleine Lichtung, für die der Bergwald ringsherum gerodet worden war. Ein einfaches Holzhaus stand am Waldrand, ein aus dünnen Brettern gezimmerter Stall und eine windschiefe Scheune. Ein furchteinflößend wirkender Mann trat aus dem Holzhaus. Er war groß und breitschultrig. Das lange, verfilzte Haar hing bis weit über die Schultern und ein ungepflegter Bart verdeckte fast gänzlich den Mund. Kleine, dunkle Augen musterten Marthe und ihre Begleiterin.
„Heijo, Xandi!“, rief das Mädchen. „Guck mal, wen ich dir da bringe! Das hier ist Ritterin Lyssandra von Finsterborn aus Urkentrutz. Sie will Mutter Marinad besuchen und braucht eine Einstellmöglichkeit für ihr Pferd.“
Der Mann erwiderte zunächst nichts. Er grummelte etwas in seinen Bart. Mit viel gutem Willen konnte man es als „Hm, schon recht“ verstehen. Von einer adäquaten, respektvollen Begrüßung schien er nichts zu halten. Lyssandra atmete tief durch. Sie musste an ihre Mission denken. Alles andere war nicht wichtig. Und dafür musste sie erst einmal Dardanella unterbringen.
Xandi ging zum Stallgebäude und zog die Tür auf. Sie quietschte und ließ sich auch nicht wirklich ganz öffnen. Der kräftige Kerl brummte erneut ungehalten und hob die Tür in den Angeln etwas an, was dazu führte, dass sie doch noch ganz zu öffnen war. Ein muffiger Geruch nach Pferdeäpfeln und feuchtem Stroh kam Lyssandra entgegen. Wahrlich kein guter Platz für ihre Warunkerstute. Dennoch blieb ihr nichts andere übrig. Sie trat ins Dunkel des Stalls und brauchte einen Augenblick bis sich ihre Augen an die schwachen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Vor ihr standen eine Futtertruhe und ein paar Arbeitsgeräte wie Heugabel und Schaufel. Rechts von ihr war eine große Pferdebox abgeteilt, aus der ein gewaltiges, aschgraues Svellttaler Kaltblut neugierig herüberguckte. Eine weitere Pferdebox gab es nicht. Die Finsterbornerin sah etwas zweifelnd den Mann an.
„Die wern sich schon nix tun“, kam die mürrische Antwort auf die unausgesprochene Frage.
Achselzuckend zog Lyssandra die Warunkerstute in den Stall, die sich zunächst kräftig gegen die Aufforderung wehrte, dieses muffige, dunkle Gebäude zu betreten. Dann gab sie widerwillig nach.
Xandi öffnete den Verschlag und scheuchte den neugierigen Svellttaler zur Seite: „Hey du… mach Platz!“
Die Ritterin sattelte ihre Stute ab und öffnete auch den Zaum. Mit einem Zungeschnalzen ließ sie Dardanella in den Verschlag treten und zog ihr zeitgleich den Zaum vom Kopf. Ängstlich verzog sich die Warunkerstute in die dem grauen Riesen entgegengesetzte Ecke. Sie hatte die Ohren eng an den Kopf gelegt – eine deutliche Drohgebärde.
Eine Weile lang beobachtete Lyssandra das Schauspiel. Der Svellttaler witterte und versuchte sich neugierig der Fuchsstute zu nähern. Doch die legte die Ohren nur noch weiter an, bleckte die Zähne und drehte ihm unmissverständlich das Hinterteil zu, bereit, jeden Augenblick auszuschlagen.
Irgendwann beschloss die Ritterin darauf zu vertrauen, dass sich die Stute schon zu wehren vermochte, wenn ihr das Kaltblut zu aufdringlich werden sollte. Sie drückte Xandi einen Heller in die Hand, ihrem Verständnis nach mehr als ausreichend für die Unterbringung der Warunkerstute. Dann ließ sie sich von Marthe wieder zurück ins Dorf geleiten. Dabei erfuhr sie das ein oder andere an Dorfklatsch, unter anderem, dass der Novize im Tempel ein Waisenjunge war, dessen Eltern bei einem Bootsunfall auf dem Dornenwasser ums Leben gekommen waren. Sein Name war Luitgar.
Lyssandra betrat die Bethalle, nachdem sie sich von Marthe verabschiedet und ihre Hilfsbereitschaft mit drei Kreuzern vergolten hatte. Der Raum war karg eingerichtet. Die Wände waren gekalkt und hinter dem Altar, der die Schmalseite gegenüber dem Eingang einnahm, hatte ein Maler von mäßigem Talent eine Szenerie gemalt, die Travia und eine weitere Frau, vermutlich Domara, zeigte. Beide Frauen waren von Gänsen umgeben und während die eine Brot auf einem einfachen Tisch knetete, schob die andere den fertigen Leib in einen großen Backofen. An den Langseiten des Tempelbaus schmückten Girlanden aus Kornähren und Fächer aus Gänsefedern die Wände. Der Boden bestand lediglich aus gestampftem Lehm. Alles in allem war es ein sehr schmuckloses Haus der Hüterin des Himmlischen Herdfeuers.
Lyssandra setzte sich in die zweite Bankreihe und wartete. Als nach einiger Zeit niemand erschienen war, machte sie sich auf die Suche nach einer Tür, die sie womöglich in eines der weiteren Gebäude bringen würde. Und tatsächlich: Links vom Altar befand sich eine Tür hinter einem Vorhang. Lyssandra öffnete sie und stand in einem schmalen Gang. Rechts von ihr führte eine Holzstiege nach oben. Sie schritt gerade aus. Es war still in dem Gebäude, von draußen aber konnte sie das Geschnatter von Gänsen und Enten hören. Auf der Tür am Ende des Gangs war ein Schild angebracht. Speisesaal stand darauf.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au klopfte. Keine Antwort. Dann drückte sie die Tür auf. Vor ihr war ein Raum mit einer U-förmig angelegten Tafel. In der Öffnung des Us stand ein kleiner Altar, geschmückt mit den Symbolen Travias. Die Tafel und die etwa ein Dutzend Stühle daran waren aus einfachem Fichtenholz hergestellt. Regale an den Wänden enthielten Holzteller und Schüsseln, Tonbecher, Krüge und diverses mehr, das für die Speisung der Pilger und Wanderer benötigt wurde. In der rechten hinteren Ecke führte eine Tür nach draußen. Lyssandra durchquerte den Raum und öffnete auch diese Tür. Schlagartig wurde das friedliche Gänsegeschnatter zum wütenden Gezeter. Im Nu sah sich die Ritterin von vier Gänsen umgeben, die beinahe feindselig mit den Schnäbeln nach ihr pickten.
In ihrer Not hielt die Finsterbornerin Ausschau nach Hilfe. Diese nahte nun auch – in Gestalt eines etwa 14 oder 15 Götterläufe zählenden Jungen im Gewand eines Novizen. Mit ruhiger Stimme rief er das Federvieh zur Räson und bahnte sich einen Weg durch die aufgeregte Gänseschar. „Travia zum Gruße!“, begrüßte er Lyssandra. „Und entschuldigt, aber die Söhne und Töchter Domaras verteidigen den Tempel ihrer Mutter, wenn es sein muss, mit ihrem Leben.“
„Der Eidmutter meinen Gruß. Es ist an mir eine Entschuldigung auszusprechen… äh Bruder….“
„Mein Name ist Luitgar, ich bin noch ein Gänslein, also nicht Bruder Luitgar, sondern schlicht Luitgar. Ihr sucht eine Unterkunft und Speisung auf Eurer Reise?“ Sein Blick wanderte an Lyssandra hinab. Es war nicht eindeutig zu erkennen, ob sie von Stand war. Der durchnässte Reitermantel, die lederne Bruche und die Stiefel ließen aber erkennen, dass ihre Trägerin nicht arm war.
„Lyssandra von Finsterborn, Ritterin aus der Schwarzen Au in der Baronie Urkentrutz“, stellte sie sich vor. „Ich wäre dankbar für einen warmen, trockenen Platz und ein wenig zu Essen.“
„Urkentrutz?“ Liutgar horchte auf. „Dann seit ihr aus der Heimat von Mutter Marinad und Traviahilf! Seid Ihr wegen ihnen hier? Dann muss ich Euch enttäuschen. Sie sind nicht da.“
Lyssandra nickte. „Ja, ich wollte tatsächlich die Geweihte sprechen. Du musst wissen, dass ich im Auftrag der Gräfin von Bärwalde unterwegs bin. Wie schade, dass ich sie nicht antreffe. Kannst du mir sagen, wo sie und Traviahilf sind? Sind sie gemeinsam unterwegs?“
Der Novize öffnete die Tür und dirigierte die Ritterin in den Speisesaal. Dort nahm er ihr den nassen Mantel ab und hängte ihn über einen Haken in der Nähe des Herdfeuers. „Nehmt erstmal Platz, Wohlgeboren. Möchtet Ihr etwas Warmes trinken? Ich habe Kräutertee.“
Dankbar nahm die Ritterin aus der Schwarzen Au den Kräutertee und zeigte Liutgar das Schreiben mit dem gräflichen Siegel. Er sah nur kurz auf darauf, las es nicht, erkannte wohl aber das Siegel. Lyssandra war sich nicht sicher, ob er überhaupt des Lesens mächtig war.
Während Liutgar ein Eiergericht für sich und den Gast zubereitete, erzählte er von dem Grund für die Abwesenheit der Geweihten. „Nun, wie soll ich sagen... Es gab Streit mit einer jungen Pilgerin und danach ist Traviahilf ausgerissen. Das ist schon eine Weile her. So Anfang Efferd muss das gewesen sein. Mutter Marinad hat ihn gesucht. Zunächst in der Umgebung und Anfang Travia hat sie dann schließlich ihre Rückentrage gepackt und ist in Richtung Urkentrutz aufgebrochen. Sie wollte sehen, ob er in Urken im dortigen Traviatempel ist.“
Liutgar zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich habe seither nichts mehr von ihr gehört.“ Geschickt balancierend brachte der Novize die irdenen Teller mit der Eierspeise. Sie dampfte und roch verlockend.
Lyssandra bedankte sich und wünschte dem Gänslein „Wohlschmecken“. „Hmm, was ist da außer den Eiern noch drin?“, fragte sie nach einer Weile. „Es ist ein ganz eigentümlicher Geschmack. Ein Kraut? Ein Gewürz?“
„Pimpinelle“, antwortete der Junge. „Die wächst wie Unkraut hier im Garten und die Gänse mögen sie nicht. Ich weiß auch nicht warum. Nicht mal der Schnee kann ihr was antun. Man muss nur ein wenig graben und schon findet man welche.“ Liutgar grinste und schaufelte dann weiter das Omelett in seinen Mund.
Als sie eine Weile schweigend gegessen hatten, fragte Lyssandra beiläufig: „So viel ich gehört habe, ist Traviahilf eigentlich eher schweigsam und insichgekehrt. Wie kommt es, dass er sich mit der Pilgerin gestritten hat?“
Der Novize sah die Baronin etwas zweifelnd an. Er schien unsicher zu sein, ob er ihr vertrauen konnte und wusste wohl nicht recht, wie viel er preisgeben durfte. „Sie hat sich auch nicht mit ihm direkt gestritten, sondern sich bei Mutter Marinad über ihn beschwert. Er habe sie im Badehaus beobachtet und ihr unsittlich nachgestellt. Aber das muss unter uns bleiben, Wohlgeboren! Bitte!“
Lyssandra nickte. „Aber sicher, Liutgar!“
„Mutter Marinad hat ihn daraufhin zur Rede gestellt. Ich war nicht dabei. Sie haben mich weggeschickt, um in Ruhe reden zu können. Wie auch immer, am kommenden Morgen war er fort. Und ich habe nichts gemerkt, obwohl wir uns eine Kammer teilen. Er muss ich ganz leise rausgeschlichen haben.“ Er schob den letzten Löffel Omelett in den Mund. Als auch dieser in seinen Magen gewandert war, fragte der Novize: „Wollt ihr hier auf Mutter Marinad warten, Wohlgeboren? Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis sie wieder da ist.“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au schüttelte den Kopf. „Nein, Liutgar. So lange kann ich nicht bleiben. Ich würde mich aber über ein Quartier für die Nacht freuen und morgen dann schon in aller Frühe wieder aufbrechen.“
Das Gänslein nickte. „Dann will ich Euch mal die Kammer zeigen, die Ihr nutzen könnt. Soll ich im Badehaus Bescheid geben, dass Ihr ein Bad wünscht?“
Die Finsterbornerin nickte erfreut. „Wenn es nicht zu viele Umstände macht?“
Er winkte ab. „Iwo, wird gleich erledigt!“
„Travias Dank, Liutgar! Du wirst der Gebenden ein guter Diener werden. Da bin ich überzeugt!“ erwiderte Lyssandra und ließ sich die Kammer zeigen.
Entscheidungen
Urkentrutz, Junkergut Schwarze Au, 17. Boron 1043
Der Schnee war wieder in Regen übergegangen. Ein auffrischender Augrimmer trieb tiefliegende Regenwolken über die Aulandschaft am Bingenbach. Missmutig ließ Dardanella den Kopf hängen. Das Himmelswasser troff von der strähnigen Mähne der Warunkerstute zu Boden und vermengte sich dort mit den schlammig-braunen Pfützen aus Schmelz- und Regenwasser. Lyssandras musste die tropfnasse Kapuze immer wieder neu über den Kopf ziehen. Der Augrimmer spielte sein Windspiel mit ihr, foppte sie und lachte sich vermutlich einen Ast, wenn sie wieder zu spät versuchte, seinen Angriff zu parieren und er sie im Zweikampf besiegte.
Als sie zur nachmittäglichen Boronstunde, bei Einsetzten der Dunkelheit das Junkergut erreichten, waren Reiterin und Pferd vollkommen durchnässt.
Leubrecht, der Waffenknecht, kam über den Hof gelaufen. Im Zickzack-Kurs wie ein Hase versuchte er die tiefsten Pfützen zu umgehen.
„Wohlgeboren! Wie schön, dass Ihr wieder da seid. Euer Vater hat schon gehofft, heute oder spätestens morgen mit Euch essen zu können. Er ist sehr gespannt auf die Neuigkeiten.“
Lyssandra lächelte. „Ja, es passiert ja sonst nicht so viel hier in der Schwarzen Au. Da ist er natürlich um jede Abwechslung froh. Ich werde erstmal was Trockenes anziehen.“
Sie versuchte gar nicht erst, den Pfützen auszuweichen. Das Wasser quatschte in den Stiefeln bei jedem Schritt. Es fühlte sich an als steige sie bei jedem Auftreffen der Sohle in eine Pfütze. Am Fuß der Treppe zum Gutshaus kam ihr Anci entgegen. Sie half dabei die Stiefel auszuziehen und kümmerte sich darum, dass die nassen Sachen getrocknet wurden.
Etwa ein Wassermaß später erschien Lyssandra im Rittersaal. Ihr Vater saß, wie eigentlich immer, am offenen Kamin. Eine karierte Decke um die Beine geschlagen, den Humpen in der Hand, starrte er in die tanzenden Flammen und schien zu meditieren. Zu seinen Füßen, in sicherer Entfernung zum Feuer lag Rapunzel, die alternde Jagdhündin. Inzwischen war die alte Dame so taub, dass sie die Ritterin nicht bemerkte als sie den Rittersaal betrat. Erst als sie bis auf fünf Schritte an das Paar am Kaminfeuer herangekommen war, spitzte die Onjarop-Bracke plötzlich die Ohren und mühte sich auf die Beine zu kommen. Die Reaktion des Hundes ließ auch den Hausherren den nahenden Besuch zu bemerken.
„Oh, Lyssandra! Leubrecht hat gesagt, dass du ganz durchnässt warst. Ein furchtbares Wetter, was? Und das im Boron. Komm, setz dich zu uns.“
Die Ritterin drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und nahm auf dem zweiten Lehnstuhl Platz, der ebenfalls aufs Kaminfeuer ausgerichtet stand. Anci erschien und fragte, was Lyssandra trinken wollte. Sie entschied sich für einen warmen Met.
Kaum war die alte Magd verschwunden, richtete sich Theofried auf. „Und?“, fragte er neugierig. „Lass mich raten! Der Baronet ist nicht im Traviatempel in Dorngrund, oder?“
Seine Ältesten nickte bestätigend. „Genau! Weder er noch die Tempelhüterin Mutter Marinad.“
„Ha! Das ist es, jetzt hast du ihn! Nun gibt es keinen Zweifel mehr oder zumindest muss Grimmwulf jetzt eine sehr gute Erklärung dafür präsentieren!“
Ein Kopfschütteln begleitete seine Feststellung. „Wer hätte das gedacht… unfassbar eigentlich, oder? Der Sohn der Baronin ist ein Mädchenmörder!“
„Alles deutet darauf hin, Vater. Aber komisch ist es schon. Viele sagen, dass er sehr zurückhaltend ist und eher introvertiert. Außerdem mögen ihn die meisten und kaum einer traut ihm so eine Tat zu. Geschweige denn gleich vier Morde. Was, wenn wir uns da in was verrannt haben, Vater? Je deutlicher die Indizien sind, desto unsicherer werde ich. Kann das wirklich sein?“
Lyssandras griff dankbar den Becher mit heißem Met aus Ancis Händen. Dann sah sie ihren Vater erwartungsvoll an.
Theofried von Finsterborn sah eine Weile lang in die Flammen des Kaminfeuers. Ganz so als sei die Antwort auf diese schwierige Frage darin verborgen. Dabei drehte er unaufhörlich seinen Humpen.
„Ach, Kleines“, begann er schließlich und sah seine älteste, ganze 42 Winter alte Tochter nachdenklich an, „stille Wasser gründen manchmal tief! Er wäre nicht der erste Mörder, der für seine Freundlichkeit im Familien- und Freundeskreis bekannt ist. Aber vielleicht ist er sich seiner Taten auch gar nicht bewusst? Es gibt Menschen, die im Wahn töten. Ich habe schon von Leuten gehört, die auf bestimmte Substanzen wie Alkohol oder Pflanzentränke mit Tobsucht und Wahnsinn reagieren. Wenn der Körper die Substanz dann ausgeschieden hat, werden sie wieder lammfromm.“
Sie nickte langsam. „Sicher, so war könnte schon sein. Es wird nichts Anderes bleiben als Grimmwulf noch einmal damit zu konfrontieren. Mit den Befugnissen, die mir die Gräfin übertragen hat, wird man mich vorlassen müssen.“
„Auf jeden Fall! Ich würde dich gerne begleiten.“ Der 82 Winter zählende Junker schien sich sicher zu sein. Ganz im Gegensatz zu seiner Tochter. Lyssandra sah ihn zweifelnd an.
„Ich will dir nicht zu nahetreten, Vater, aber das ist kein Familienbesuch. Es könnte anstrengender sein, also du es dir jetzt vorstellst. Und ich möchte keine Zeit verlieren. Die Gräfin erwartet informiert zu werden. Folglich möchte ich auf dem kürzesten und schnellsten Weg nach Pallingen. Du kannst nicht mehr reiten, müsstest also den Wagen nehmen. Und das bei dem Wetter und den schlechten Straßenverhältnissen. Ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist.“
Unwirsch winkte der Junker ab. „Ach was. Ein Tag mehr oder weniger.... das spielt doch jetzt keine Rolle mehr. Ich kenne Grimmwulf seit sie ein Kleinkind war. Vielleicht ist sie mir gegenüber zugänglicher? Und ich möchte dich einfach unterstützen. Es könnte unangenehm werden. Da kann meine Hilfe nicht schaden.“
„Natürlich würde ich dich gerne an meiner Seite haben bei so einem schwierigen Gespräch. Nun gut. Aber wir müssten gleich morgen aufbrechen. Siehst du dich dazu in der Lage?“
„Aber sicher!“ Theofried rief Anci und wies sie an, sogleich Leubrecht und Kunibert Bescheid zu geben, dass er am kommenden Morgen den Reisewagen benötigte.
Während des Abendessens besprachen sie, wie sie Grimmwulf die Erkenntnisse schonend unterbreiten konnten. Es war wahrlich eine heikle Aufgabe.
Sonnenuntergang über Urkenfurt
Urkenfurt, 19. Boron 1043
Die Fahrt mit dem Reisewagen war beschwerlich gewesen. Die schmalen Reifenräder der horasischen Kutsche hatten sich mehr als einmal tief in den schlammigen Boden eingegraben. Immer wenn sie einem anderen Fuhrwerk ausweichen mussten und auf den unbefestigten Wegrand des Urkenwegs kamen, liefen sie Gefahr, sich festzufahren. Lyssandra, die den Reisewagen mit ihrer Warunkerstute Dardanella begleitete, stieg dann ab und gemeinsam mit Leubrecht, ja manchmal sogar mithilfe der Führer des entgegengekommenen Fahrzeugs, schoben sie dann mit vereinten Kräften. Bald schon war der elegante Wagen vollkommen dreckverkrustet.
Der Tag neigte sich bereits dem Ende als Lyssandra und ihr Vater Urkenfurt erreichten. Als sie den Urkenweg ins Flusstal des Fialgralwas hinabritten, riss der Wolkenvorhang für einen Augenblick auf. Das Praiosmal zeigte sich in einem blassorangefarbenen Halbkreis am Horizont bevor es, zerrissen durch graue Querstreifen, nur noch als rötlicher Widerschein die Wolken zum Glühen brachte.
Den Reisewagen mussten die Finsterborns auf der praiosseitigen Ufer des Finsterbachs, etwas außerhalb der Ortschaft, unterbringen. Die letzte Meile gingen sie zu Fuß, wobei Lyssandra ihren Vater stützen musste. Der schmierige Schneematsch, der sich durch die andauernden Schneeregenschauer gebildet hatte, erschwerte dem ohnehin schon gehbehinderten Junker den Weg auf der pflastergeschmückten Brücke.
Im „Brückenwirt“ nahmen sie Quartier. Leubrecht erschien, nachdem er sich um die Pferde und die Unterbringung des Reisewagens gekümmert hatte. Bei einer wärmenden und sättigenden Fischsuppe unterhielten sie sich mit dem Wirtsehepaar über dies und das. Am kommenden Morgen wollten sie gemeinsam auf die Burg und hofften zur Baronin vorgelassen zu werden.
20. Boron 1043
Die Nacht war kalt gewesen und in den Morgenstunden fiel sachte und fein ein wenig Schnee. Das Dorf und die über ihm thronende Baronsburg erschienen überzuckert mit winzigen Firunskristallen. Das anhaltend kalte Wetter führte dazu, dass sich nur wenige Menschen vor die Tür bewegten. Urkenfurt wirkte wie erstarrt als Theofried und Lyssandra zunächst den Urkenweg und dann von diesem abzweigend den Karrenweg zur Burg entlanggingen. Der alte Junker, der die 82 Götterläufe bereits vollendet hatte, stützte sich auch angesichts des schneebedeckten und eisigen Weges mit der einen Hand auf seinen Stock, mit der anderen hatte er sich bei seiner Ältesten eingehängt. Sie spürte seine Unsicherheit und den Wunsch nach Halt.
Beide hatten sich standesgemäß gekleidet. Bruche, Wams und Wappenrock. Darüber den langen Reisemantel mit Kapuze. Gegürtet mit Schwertgurt, Schwert und Dolch und die Beine in hohen Stiefeln steckend boten sie den Anblick zweier typischer weidener Ritter, die bei der Baronin um eine Audienz ansuchten.
Schon beim Überqueren der Brücke über den Burggraben fiel beiden auf, dass das Burgtor verschlossen war. Nun, vielleicht waren sie einfach zu früh dran.
Lyssandra ließ den Arm des Vaters los und klopfte an das Burgtor. Dann warteten sie. Irgendwann wurde vorsichtig die kleine Holzluke geöffnet über die der Wächter mit den Besuchern reden konnte.
Ein Augenpaar erschien und blickte sie finster an.
„Heute ist kein Einlass!“ war die barsche Antwort, dann wurde die Holzluke wieder geschlossen. Man konnte hören, dass sich er Wächter bereits wieder zurückzog.
Nun kam Leben in den 82jährigen. Er trat vor an das Tor und wiederholte das Klopfen. Laut und energisch.
„Hör zu, Kerl! Ich bin Theofried von Finsterborn, Junker von der Schwarzen Au, verdienter Vasall der Baronin Grimmwulf von Hartenau. Und bei mir ist meine Tochter Lyssandra, Ritterin der Schwarzen Au. Wir verlangen Einlass und müssen die Baronin ein einer dringlichen Sache sprechen! Der Umstand unseres Besuches hier duldet keinen Aufschub!“
Die Klappe blieb zu. Zwar vermeinten beide durchaus Schritte und Getuschel hinter dem Burgtor zu vernehmen, doch schien man nicht gewillt mit ihnen zu sprechen, geschweige denn ihnen zu öffnen.
Der Finsterborner unternahm einen letzten Versuch sich bei der Baronin Gehör zu verschaffen.
„He! Hört! Ich bin den weiten Weg von der Schwarzen Au nach Urkenfurt nicht gekommen um mich hier am Tore abweisen zu lassen! Richte deiner Herrin aus, dass ich als treuer Vasall ein Anrecht darauf habe Gehör zu finden bei meiner Lehnsherrin. Meine Tochter und ich haben im „Brückenwirt“ Quartier bezogen. Wenn Grimmwulf von Hartenau geruht uns zu empfangen, kann man uns einen Boten senden. Gehabt Euch wohl!“
Am liebsten hätte er ein „und lernt erstmal Manieren und Anstand“ hinterhergebrüllt, doch er wollte die ohnehin schlechte Stimmung nicht noch zusätzlich vergiften.
Nach einer weiteren Wartephase in der sich wiederum nichts hinter dem Tor zu tun schien, drehte sich der Junker zu seiner Ältesten um.
„Unfassbar! Ein Affront! Ich bin fassungslos!“ Der Unmut des Finsterborners war nicht zu überhören, eine tiefe Zornesfalte unterstrich dies.
Lyssandra bot ihm den Arm an. „Ich muss auch sagen, dass das dem Fass den Boden ausschlägt. Das letzte Mal hat man mir wenigstens Ritter Ludopoldt geschickt, der mir dann den Korb gab. Nun öffnet man nicht einmal das Tor. Grimmwulf versteigt sich in ihrem Hochmut. Aber was sollen wir machen? Ich finde du hast es richtig gemacht. Wir warten im „Brückenwirt“ und wollen sehen, ob sie doch noch ein Einsehen hat.“
Sie kehrten also um und machten sich auf den Rückweg ins Dorf. Schweigend, jeder seinen Gedanken nachhängend, waren sie bereits um den Burgberg herumgelaufen und schon kurz vor der Wegkreuzung mit dem Urkenweg, als sich von links eine junge Frau näherte. Sie hatte den Rock mit den Händen gerafft, um die Füße sicherer auf dem glatten Trampelpfad zu setzen, der offenbar zu einer Seitenpforte der Burg führte.
Lyssandra erkannte Wigdis, deren Wangen rosig leuchteten, als sie schwer atmend die beiden Finsterborner erreichte. Die blonde 19 Winter zählende Magd mit den Feenküsschen um die Nase wirkte gehetzt und blickte sich immer wieder ängstlich um, ob sie verfolgt wurde.
„Ich muss Euch dringend sprechen, ihr wohlgeborenen Herrschaften! Folgt mir bitte in den Schatten des nächsten Hauses, damit man uns von der Burg aus nicht beobachten kann.“
Sie eilte sich erneut nach oben umblickend und die beiden Finsterborner mit einem Winken dirigierend zu einem der ersten Häuser der Ortschaft, das linkerhand noch vor der Einmündung des Karrenwegs in den Urkenweg stand. Erst als sie sich versichert hatte, dass man sie von oben nicht sehen konnte, entspannte sie sich ein wenig.
„Es ist etwas Furchtbares passiert!“, platzte sie mit dem Grund ihrer Aufregung heraus.
Theofried und Lyssandra hingen an den Lippen der jungen Magd, die zunächst etwas unzusammenhängend von den Ereignissen der letzten Tage berichtete. Das Wichtigste aber sagte sie sofort. „Grimmwulf und ihr Gemahl Pirejus sind tot!“
Man konnte sehen wie beide Finsterborner tief einatmeten und dann den Atem anhielten.
„Das gibt es doch nicht!“, Theofried fasste sich zuerst wieder. "Du lügst mich doch nicht an, oder?"
„Doch, doch, Wohlgeboren! Ich sage die Wahrheit! Eine Verkettung unglücklicher Umstände hat zu den Todesfällen geführt. Außerdem glaube ich, dass die Geweihte Mutter Marinad auch tot ist. Doch ich bin mir nicht so sicher.“
Zwischen Lyssandras Augenbrauen bildeten sich Falten. „Wie? Du bist dir nicht sicher? Wo sind die Toten? Sind sie bestattet?“
„Mitnichten. Sie sind noch im Thronsaal, gemeinsam mit dem Baronet… äh dem Baron. Mit Ingrold.“
Wigdis wirkte zerknirscht. „Ich sage ja, es ist alles sehr schwer zu verstehen.“
Theofried zuckte ein wenig als sie Ingrold als Baron bezeichnete, faktisch jedoch hatte sie Recht. Der Junker fasste die Magd an beiden Schultern. „Langsam, junge Frau! Versuch die Ereignisse der Reihe nach zu erzählen. Wie hat das alles angefangen?“
Wigdis atmete ein paar Mal tief durch. Dann begann sie der Reihe nach die Ereignisse zu schildern.
„Alles begann damit, dass der Baronet kurz nach der Rückkehr des Baronsehepaars aus Pallingen plötzlich vor dem Burgtor stand. Abgerissen sah er aus. Das Haar lang und strähnig, einen Bart hatte er auch und seltsame Kleidung. Eine Bruche, die viel zu kurz und unförmig war und eine viel zu große Tunika. Von seiner Robe als Akoluth der Gütigen keine Spur. Kaum, dass ihn der Torwächter erkannte. Er sprach kein Wort, doch während der folgenden Tage bekam Grimmwulf die Wahrheit über die Mädchenmorde in Urkentrutz aus ihm heraus. Ingrold beteuerte wohl, dass er keinem der Mädchen weh tun wollte und im Nachhinein nichts mehr von den Taten wusste, sondern selbst erschrocken war über das, was geschehen war. So zumindest hat mir das Traugunde Plötzenbühler, die Hausdame erzählt, die an der Tür gelauscht hat.“
Lyssandra hörte aufmerksam zu. Die Geschichte klang durchaus nachvollziehbar. Wigdis fuhr fort.
„Es wurden schlimme Tage mit vielen Diskussionen und Streitereien. Ich bekam einiges davon mit, wenn ich Speisen oder Getränke servierte oder andere Handreichungen machte. Zunächst führten Grimmwulf und Pirejus Dispute darüber wie sie weiter vorgehen sollten. Der Gemahl der Baronin brachte ein Noionitenkloster im Finsterkamm ins Gespräch und plädierte dafür Ingrold für immer hinter den Mauern des Klosters im Geifenfurt´schen verschwinden zu lassen. Traugunde wiederum erzählte mir, dass Grimmwulf hin- und hergerissen war zwischen Ausliefern an die Gerichtsbarkeit oder einem „Erlösen“ wie sie es nannte. Ingrold hatten sie in seine Kammer gesperrt. Ich musste ihm seine Mahlzeiten bringen. Er sprach kein Wort mit mir.“
Die beiden Finsterborner hörten mit wachsendem Interesse zu.
„Dann erschien vor einer Woche Mutter Marinad. Die Meinungsverschiedenheiten wurden noch ausgeprägter, die Geweihte mahnte Grimmwulf die Gebote der Zwölfgötter zu beachten. Letztlich beschloss man Ingrold hinzuzuziehen. Ich holte ihn. Als sich die Tür des Thronsaals schloss, blieb ich vor der Tür stehen und lauschte. Wenig später kam noch Traugunde dazu. Als der Streit laut wurde, versuchte sie durch das Schlüsselloch zu sehen, was drinnen stattfand, während ich weiter lauschte. Grimmwulf eröffnete ihrem Sohn, dass man übereingekommen war, ihn in das Boronkloster zu geben. Ingrold begehrte auf, fühlte sich von Mutter Marinad und seiner Mutter verraten. Er wurde laut und aggressiv. Als Pirejus dann sagte, dass er Ritter Ludopoldt bereits vor Tagen losgeschickt hatte, die Noioniten zu bitten, ihn aufzunehmen, wurde Grimmwulf böse. Sie fühlte sich übergangen. Die Situation eskalierte. Grimmwulft schrie ihren Gemahl an und daraufhin ging Ingrold auf Pirejus los, begann ihn zu würgen. Beide Frauen versuchten den aggressiven Baronet zu beruhigen. In seiner Wut schlug er um sich und traf die Geweihte unglücklich. Sie fiel in den Schürhaken, der am Boden neben dem offenen Kamin lag. Ihr erschreckter Schrei führte dazu, dass Ingrold von Pirejus abließ und zu Marinad lief. Er sah das Blut und geriet völlig außer Kontrolle.“
Atemlos lauschten Vater und Tochter den Geschehnissen. Nach dem letzten Satz unterbrach Theofried die Magd. „Wo waren die Wachen? Du müssen das doch mitbekommen haben?“
„Ja, ja, da dann schon“, beeilte sich Wigdis zu erklären. „Wir riefen sie ja auch, als Ingrold auf Pirejus losging, aber es dauerte bis sie zur Stelle waren. Unter normalen Umständen bewacht niemand den Thronsaal. Nur wenn Gäste oder Bittsteller vor Ort sind. Also kamen die Wachen vom Torturm herübergelaufen. Als sie erfuhren, was gerade passierte, stürmten die drei in den Thronsaal. Der Baronet ergriff in seinem Jähzorn einen der massiven Stühle, ließ ihn über seinem Kopf kreisen und warf ihn dann auf die Wachen. Oh, ich sage Euch, es war so eine unglückliche Verkettung von Zufällen! Grimmwulf wollte ihren Sohn zur Raison bringen und rannte im falschen Moment auf ihn zu. Der Stuhl traf sie am Kopf. Die Baronin ging zu Boden und rührte sich nicht mehr. Die Tür stand ja nun weit offen und ich wollte hineinlaufen und der Herrin helfen, aber Traugunde hielt mich zurück. Die Wachen waren uneins wie man vorgehen sollte. Merthold, der jüngste von ihnen wollte gleich auf den Baronet losstürmen, die anderen aber hielten ihn zurück. Bärnbart gab zu bedenken, dass man sich in Familienangelegenheiten nicht einmischen solle und Trauwald riet dazu, sich lieber in Sicherheit zu beraten, wie man der Baronin, ihrem Gemahl und Mutter Marinad helfen konnte. Also traten die Wachen den Rückzug an und verbarrikadierten sich hinter der Tür.“
Mit einem Kopfschütteln quittierte Theofried die Aktion. Wigdis versuchte die Wachen zu verteidigen.
„Wir haben gemeinsam beraten und immer wieder durch das Schlüsselloch geguckt. Die Baronin rührte sich nicht mehr. Sie lag in ihrem Blut und schien tatsächlich tot zu sein. Ihren Gemahl kann man durchs Schlüsselloch nicht sehen, aber als die Tür offen war, konnte ich seine weit geöffneten Augen erkennen. Wenn Ihr mich fragt, dann hat Golgari seine Seele bereits geholt. Bärnbart hat schließlich festgestellt, dass Ingrold nach dem Tod seiner Mutter der neue Baron von Urkentutz wäre und wir ihm deshalb untergeben. Für ihn stand fest, dass man Ingrold nicht einfach festnehmen konnte. Die Beratungen zogen sich hin. Schließlich kam man überein, dass man Hilfe und den Rat eines Adeligen brauchte. Also schickten die Wachen die Schildmaid Heidelind los, um Ritter Ludopoldt zurückzuholen.“
Sie atmete hörbar seufzend aus.
„Ihr wohlgeborenen Herrschaften, das ist der Stand der Dinge! Der junge Baron ist seit drei Tagen im Thronsaal eingeschlossen. Anfangs konnte man noch sehen und hören wie er mit Mutter Marinad sprach. Aber seit zwei Tagen beobachten wir nur noch dabei wie er mit dem leblosen Körper der Geweihten durch den Raum läuft. Er spricht immer noch mit ihr, weint und streichelt sie. Das habe ich gesehen als ich ihm sein Essen durch den Türspalt geschoben habe. Angerührt hat er die Speisen allerdings nicht. Wir sind unsicher, ob die Geweihte noch am Leben ist oder nicht.“
Entsetzt schlug Lyssandra die Hände vors Gesicht. „Was für eine Katastrophe! Das klingt unfassbar, wie in einer Schauergeschichte. Wigdis, du sagst auch ganz sicher die Wahrheit?“
Die blonde, junge Frau nickte schweigend. „Bei Travia, das tue ich!“
Lyssandra und ihr Vater sahen sich an. Der Junker schüttelte ungläubig den Kopf. „Unfassbar! Das Vertrackte dabei ist, dass es dauern kann bis Ritter Ludopoldt zurück ist. Selbst wenn die Schildmaid ihn inzwischen eingeholt haben sollte, vergehen sicher noch einmal zwei bis drei Tage, bis sie wieder hier sind. So lange können wir nicht warten! Wenn noch ein Funke Leben in Mutter Marinad steckt, muss ihr dringend geholfen werden. Ganz zu schweigen, dass man die Toten bestatten muss!“
Die Ritterin der Schwarzen Au nickte zustimmend und wandte sich dann ihrerseits an die junge Magd. „Ist Ingrold denn ansprechbar und zugänglich? Kann man normal mit ihm reden?“
Wigdis schüttelte den Kopf. „Ich habe es versucht und die anderen auch… normalerweise reagiert er ganz gut auf mich. Immerhin haben wir früher viel Zeit miteinander verbracht… aber er wirkt als wäre er in seiner eigenen Welt. Er ist nicht wirklich zu erreichen…“
Ratlos blickte Lyssandra ihren Vater an. „Was sollen wir tun? Sollen wir es versuchen? Oder sollen wir mit den Wachen gemeinsam den Thronsaal stürmen?“
Ein wenig mulmig war der Finsterbornerin der Gedanke schon. Immerhin war ihr Vater über Achzig Winter alt. So eine Kampfsituation hatte er seit vielen Götterläufen nicht mehr gehabt.
Theofried von Finsterborn wollte erstmal noch mehr zu den Umständen wissen.
„Du sagst, die Wachen halten loyal zu ihrem neuen Baron, nicht wahr? Aber so wirklich weiß ja noch niemand, ob Grimmwulf, Pirejus und die Geweihte tot sind. Also muss man zunächst einmal das sicher feststellen. Denkst du Lyssandra und ich, als Adelige und loyale Vasallen der Baronin, könnten die Wachen zur Zusammenarbeit überreden? Sie erscheinen mir doch etwas verunsichert und führerlos.“
Die Magd nickte. „Oh ja das sind sie. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie Euch einlassen werden. Ich befürchte, sie wollen lieber auf Ritter Ludopoldt warten.“
„Auch, wenn das noch Tage dauern kann? Wie fahrlässig! Stell dir vor, Grimmwulf, Pirejus oder Mutter Marinad wären nur bewusstlos! Wir könnten Ihnen womöglich noch helfen?“
Der Junker ergriff erneut die Schultern der Magd. „Wir können da doch nicht tatenlos zusehen!“
Wigdis traten die Tränen in die Augen. Das alles war zu viel für die junge Frau. „Ich weiß, deshalb bin ich ja auch zu Euch gelaufen! Was sollen wir nur machen?“
Nun war es Lyssandra, die einen klaren Kopf behielt. „Fest steht, dass wir auf Ludopoldt nicht warten können. Du bist vermutlich durch die Seitenpforte aus der Burg gekommen, Wigdis? Liegt sie hier am Steilhang?“
Die Ritterin deutete in Richtung der Hangkante, die zum Finsterbach steil abfiel. Wigdis nickte.
„Und wissen die Wachen, dass du uns nachgelaufen bist?“
„Ich weiß nicht“, gab die Magd kleinlaut zu. „Ich nehme an, dass sie es nicht bemerkt haben. Traugunde gab mir den Schlüssel.“
„Gut!“ Lyssandra dachte nach. „Gibt es einen Zeitpunkt wo die Wachen zusammensitzen? So wie ich es schon beim Frühstück mal erlebt habe.“
„Momentan ist immer eine Wache an der Thronsaaltür. Tag und Nacht. Der Wachhabende bekommt von den anderen das Essen gebracht“, erklärte Wigdis.
„Hm, ja dann müssen wir es eben drauf ankommen lassen. Wir werden mit dir durch die Seitenpforte in die Burg gehen und versuchen, die Wachen zu überzeugen, dass man nichts unversucht lassen darf, Grimmwulf, Pirejus und Mutter Marinad zu helfen. Dann überlegen wir uns gemeinsam eine Strategie.“
Die älteste Tochter des Finsterborner Junkers sah erst ihren Vater und nach dessen kurzen Nicken die Magd um Zustimmung heischend an.
Diese seufzte. „Nun gut, ich denke das wird das Beste sein. Folgt mir bitte!“
Steil ging es aufwärts auf einem matschigen und rutschigen Trampelpfad, der sich dem Steilhang in Serpentinen aufwärtswand. Lyssandra hatte einige Mühe damit, ihren Vater vor dem Ausrutschen und Stürzen zu bewahren. Er atmete hörbar als sie endlich an dem kleinen, hinter einem Rosenbusch gut versteckten, Durchlass ankamen. Und die Ritterin konnte spüren, dass der alte Junker zitterte. Solch eine körperliche Kraftanstrengung war er nicht mehr gewöhnt. Hatte er das Junkergut in den letzten Götterläufen allemal für einen kleinen Spaziergang ins Dorf verlassen.
Auf ein Kopfnicken hin sperrte Wigdis die Pforte auf. Vorsichtig zog die Magd an der Holztür und blickte neugierig durch den sich öffnenden Spalt. Dann zog sie die Tür weiter auf.
„Niemand zu sehen!“, flüsterte sie.
Lyssandra zog das Schwert. Sie machte zwei schnelle Schritte durch den Einlass und sah sich nach allen Richtungen um. Dann ließ sie ihren Vater nachkommen. Theofried von Finsterborn ließ das Schwert in der Scheide und stützte sich stattdessen mit der Rechten weiter auf seinen Gehstock.
Vor ihnen lag der Burghof links von ihnen der Pallas.
„Kommt!“, rief Wigdis leise und schlich sich an der Burgmauer entlang zum Pallas hinüber.
Statt durch das Hauptportal betraten sie das Hauptgebäude der Burg durch eine Tür im Treppenturm, der außen an den Palas angebaut war. Gleich die erste Tür nehmend standen sie in der Burgküche, in der zwar selten gekocht wurde, wohl aber Speisen vorbereitet und Geschirr, Humpen und Krüge aufbewahrt wurden. Vor ihnen standen die erstaunte Traugunde Plötzenbühler und ein Junge von vielleicht 12 oder 13 Wintern, dessen Augen angstvoll geweitet waren.
„Travia zum Gruße“, flüsterte Lyssandra und blickte sich vorsichtig sondierend nach allen Seiten um. Sie wollte sich versichern, nicht überrumpelt und niedergeschlagen zu werden. Als sie sich sicher war, dass keine der Wachen sie mit gezückter Waffe erwartete, ließ sie das Schwert sinken und bedeutete ihrem Vater und Wigdis nachzukommen. „Entschuldigt unser Eindringen, aber Wigdis bat uns um Beistand. Wir sahen keine andere Möglichkeit in die Burg zu gelangen als heimlich auf diesem Wege, nachdem die Wachen uns am Tor abgewiesen haben.“
Die Hausdame atmete sich erleichtert aus. „Travia zum Gruße, hohe Herrschaften. Obwohl ich glaube, dass Travia diesem Haus schon seit längerem ihren Segen entzogen hat.“
Der Junker nickte bestätigend. „Das muss einem auch so erscheinen, gute Frau. Theofried von Finsterborn, Junker der Schwarzen Au und meine Tochter Lyssandra“, stellte er sich und die Ritterin vor.
Die Plötzenbühlerin verbeugte sich. „Eure Tochter kenne ich bereits, Wohlgeboren, und ich denke, Ihr seid früher auch schon einmal Gast in diesem Hause gewesen. Ich versehe den Dienst als Hausdame ja auch nicht erst seit gestern. Die Umstände könnten unglücklicher nicht sein, doch ich bin froh, dass Wigdis Euch gebeten hat, uns in dieser schweren Zeit beizustehen. Bei allen Alveraniaren, gar Unseliges geschieht in diesen Mauern. Nie erlebte ich schwerere Stunden auf Burg Urkenfurt!“
„Das glaube ich Euch, meine Beste!“ Theofried versuchte die aufgelöste Mitvierzigerin zu beruhigen.
Es schien ihm zumindest ansatzweise zu gelingen. Sie ließ sich auf einem der Hocker nieder, der um den einfach gezimmerten Holztisch in der Mitte der Burgküche stand. Hier bereitete das Gesinde die Speiseplatten und Schüsseln vor und nahm auch selbst die Mahlzeiten ein. Ihr Blick fiel auf den Jungen, der nach wie vor wie versteinert dastand.
„Herrje, das ist Friedwart, der Page der Baronin. Entschuldigt bitte, dass ich vergaß ihn vorzustellen.“
Die Vorstellung trieb dem blassen Jungen das Blut in die fahlen Wangen. Er verbeugte sich artig vor den Gästen und flüsterte einen Gruß.
Theofried angelte sich einen der einfachen, dreibeinigen Hocker und nahm am Tisch Platz. Lyssandra zog es vor zu stehen. Ebenso der Page und Wigdis. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, dann begann Lyssandra die Umstände zu klären.
„Nun, bald dürfte die Praiosstunde sein. Wie sieht die Lage im Thronsaal aus? Wie viele Wachen sind vor der Tür und wer hat das Kommando bei den Wachleuten?“
Traugunde Plötzenbühlers angespanntes, spitzes Kinn, schien sich zu entspannen. Sie schien Vertrauen zu schöpfen.
„Nun, Bärnbart ist der dienstälteste Waffenknecht und somit obliegt ihm das Kommando, wenn Ritter Ludopold nicht zugegen ist. Trauwald steht vor der Thronsaaltür und Merthold schläft. Er hatte die Nachtschicht. Allerdings dürfte er gleich von Bärnbart geweckt werden, wenn es das Mittagessen gibt. Der nächste Wachwechsel ist zur Efferdstunde. Die anderen sind alle unterwegs mit Ritter Ludopoldt oder auf dem Weg zum nächsten Perainetempel um einen Heiler zu holen. Was habt Ihr vor, wenn ich fragen darf, Euer Wohlgeboren?“
Lyssandra sah ihren Vater an. Der Junker beantwortete die Frage. „Werte Traugunde, wir möchten versuchen mit dem Baronet zu sprechen. Dazu müssten wir wissen, welche der Wachen am zugänglichsten für den Plan ist, den Gesundheitszustand der Personen im Thronsaal mit eigenen Augen zu überprüfen. Nach Möglichkeit ohne die Ausübung von Gewalt. Wenn Grimmwulf, ihr Gemahl oder die Geweihte noch am Leben sind, ist es unsere Aufgabe sie bergen und einem Heiler zuzuführen.“
Bestätigend nickte die Finsterbornerin. „Und ich denke auch für das Seelenheil des Baronets sollte Hilfe geholt werden. Meint Ihr nicht auch?“
„Oh ja!“ Die Hausdame wirkte erleichtert. „Das ist genau das, was schon seit Tagen hätte versucht werden sollen. Aber die Wachen waren sich nicht einig wie sie vorgehen sollten und selbst Wigdis, die Ingrold eigentlich gut leiden kann, bekam keinen Zugang zu ihm. Es ist als wäre er gar nicht da, obwohl er andauernd im Thronsaal auf und abläuft. Er scheint weder zu schlafen noch nimmt er etwas zu sich. Wie ein Untoter…“
Traugunde Plötzenbühler schüttelte sich bei dem Gedanken an diese unheiligen Geschöpfe und machte ein Abwehrzeichen.
Wigdis begehrte auf. „Das ist er aber nicht! Gewiss nicht! Er ist nur so verletzt! Seine Seele ist zerrüttet von all den schrecklichen Ereignissen. Ingrold ist nicht Herr seiner selbst! Glaubt mir bitte, er ist kein schlechter Mensch!“
Nun war es an Lyssandra zu seufzen. „Das will ich dir ja glauben, Wigdis. Gleichwohl muss er sich verantworten für die Taten, die er begangen hat - ob es nun Unfälle waren oder Gewalttaten - das muss untersucht werden! Aber das ist jetzt zweitrangig. Zunächst müssen wir sehen ob wir noch jemanden retten können!“
Die Hausdame hob zaghaft die Hand. „Verzeiht, Euer Wohlgeboren. Ich nehme an, Bärnbart ist der Mann für Euch. Er ist in der Turmstube des Torturms. Dort wird Friedwart ihm gleich sein Mittagessen bringen und auch selbst dort essen. Möchtet Ihr ihn begleiten? Ich gebe Euch Teller und Löffel. Den Topf mit der Suppe und das Brot holt Friedwart dann bei der Köchin drüben am Backhaus ab.“
Die beiden Finsterborner nickten. Das schien ein tragfähiger Plan. Zunächst den Ranghöchsten und Dienstältesten der Wachen ins Vertrauen zu ziehen klang gut.
Gemeinsam mit dem jungen Friedwart überquerten sie den Hof und ließen sich im Backhaus von der Köchin Dorntrud einen Topf mit dünner Suppe und ein paar Scheiben Brot aushändigen. Auch wenn sie zunächst überrascht über die unangekündigten Gäste war, zuckte Dorntrud kein bisschen, im Gegenteil, sie lächelte und wirkte erleichtert.
Nur wenige Augenblicke später erklommen die drei die Treppe im Torturm und öffneten die Tür zum Wachraum. Bärnbart, der sicherlich schon 50 Winter erlebt hatte, hob überrascht den Kopf als er neben Friedwart auch Lyssandra und ihren Vater erblickte. Gleich beim ersten Blick in die Augen des Waffenknechtes erkannte die Ritterin, dass er der Torwächter gewesen war, der ihrem Vater die Holzklappe direkt vor der Nase zugemacht hatte. Entsprechend erschrocken rumpelte der Mann von seinem Hocker hoch, der krachend hinter ihm umfiel.
„He da! Wo kommt ihr her? Wie seid Ihr in die Burg gekommen? Wer hat Euch eingelassen?“
Ein zorniger Blick traf den armen Friedwart, der vollkommen unschuldig an der Situation war. Theofried legte sogleich schützend seinen Arm um den Pagen.
„Beruhigt Euch, guter Mann. Der Junge hier kann nichts dafür. Es tut auch erstmal nichts zur Sache, wer uns den Zutritt zur Burg erlaubt hat. Vielmehr ist es an mir dir Fragen zu stellen. Wir haben von den schrecklichen Geschehnissen gehört und möchten unsere Hilfe anbieten. Wie ich hörte sind schon Boten unterwegs einen Heiler und auch Ritter Ludopoldt auf die Burg zu holen. Aber so lang kann man ja nicht warten! Wir müssen sehen, dass den Verletzten schnell geholfen wird oder, gesetzt den Fall, dass jede Hilfe zu spät kommt, müssen wir für eine borongefällige Bestattung sorgen. Das siehst du doch ein, oder?“
Der Waffenknecht entspannte sich sichtlich, er schien zu erkennen, dass man helfen wollte. „Ja, das sage ich ja schon die ganze Zeit. Aber was sollen wir tun, wenn der junge Baron uns nicht in den Thronsaal lässt? Er ist unser Herr!“
Nun mischte sich Lyssandra ein. „Wer sagt dir, dass die Baronin über das Nirgendmeer gegangen ist? Sie könnte auch nur bewusstlos sein!“
Bärnbart nickte langsam. „Es sieht zwar nicht so aus und nun sind es bereits drei Tage, die sie sich nicht mehr bewegt, soweit man das durchs Schlüsselloch sagen kann. Und das viele Blut… ehrlich, Euer Wohlgeboren, auch ich wäre froh wenn es sich anders verhielte, aber Hoffnung habe ich wenig, dass sie und ihr Gemahl noch leben.“
Theofried von Finsterborn schüttelte unwirsch den Kopf. „Wer bist du Bärnbart? Ein Heilkundiger, der durch ein Schlüsselloch erkennen kann ob jemand tot oder lebendig ist? Ist es nicht auch deine Pflicht, deine Baronin zu schirmen und nicht nur ihren Sohn und Erben? Den Verletzten muss geholfen und die Toten müssen geborgen werden. Das muss doch auch Ingrold einsehen!“
„Unter normalen Umständen sicher“, gab der Waffenknecht zu bedenken. „Aber momentan ist der Baron oder Baronet, wie auch immer, für Argumente nicht zugänglich. Er ist…verrückt geworden.“
„Wir wollen es dennoch versuchen und bitten dich und deine Waffenbrüder uns zu unterstützen. Wir möchten mit Ingrold sprechen und ihn überzeugen, dass es das Beste sein wird, den Heiler oder die Heilerin einzulassen um zu sehen, ob noch jemand zu retten ist“, erklärte Lyssandra den Plan.
Bärnbart wirkte irritiert. „Aber der Heiler ist ja noch gar nicht da!“
„Das ist richtig“, stellte die Ritterin fest. „Einer von uns wird sich als Heiler ausgeben und so hoffentlich Zugang zum Thronsaal bekommen. Dann können wir uns einen Überblick verschaffen und mit etwas Glück kommt ja tatsächlich bald ein Heiler.“
Der Waffenknecht nickte nachdenklich. „Ich bin gespannt, ob es funktioniert. Aber wenn es jemandem gelingen kann Zutritt zu erlangen, dann wahrscheinlich einem Heiler oder Geweihten. Ich muss Euch aber auch warnen. Es könnte gefährlich werden. Ingrold hat unfassbar viel Kraft! Er kann mit bloßen Händen mehr Schaden anrichten also so mancher von uns mit einer Waffe!“
Sie beratschlagten wer von ihnen den Heiler oder die Heilerin geben sollte. Beide Finsterborner hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Dann kamen sie überein, dass Ingrold vermutlich einem älteren Mann mehr Vertrauen schenken würde. Man schickte Friedwart aus zu fragen, ob es möglich sei, ein passendes Gewand, womöglich einer Robe ähnlich für den Junker zu finden. Einige Zeit später erschien die Hausmutter und brachte eine ältere einfache Traviaakoluthenrobe, die eigentlich Ingrold gehört hatte, die er aber aufgrund von Löchern und Flecken nicht mit nach Dorngrund genommen hatte. Mit geschickten Händen und einem Strick schafften Wigdis und Traugunde es, das viel zu lange Kleidungsstück durch Raffen und in Falten legen auf Theofried anzupassen.
Bärnbart hatte inzwischen den jüngsten der Wachmänner geweckt und in die Pläne eingeweiht. Merthold schien zwar nach wie vor überzeugt zu sein, dass es besser wäre in den Thronsaal einzudringen und den ehemaligen Baronet und nun womöglich rechtmäßigen Baron von Urkentrutz festzunehmen. Erneut entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen den Wachen über die Rechtmäßigkeit eines Einsatzes von Gewalt gegenüber dem Dienstherrn. Nur Theofrieds Besonnenheit und Überredungsgabe war es zu danken, dass sie schließlich doch übereinkamen zunächst zu versuchen, das Vertrauen des jungen Mannes zu gewinnen. Erst wenn geklärt war, ob die Baronin, ihr Gemahl und die Geweihte noch lebten, konnte die Frage nach der Schuld und das weitere Vorgehen entschieden werden.
Als nun um die Efferdstunde der Wachwechsel anstand, begaben sich die Wachen, Lyssandra und ihr als Akoluth verkleideter Vater in Richtung Thronsaal. Der Waffenknecht mit Namen Trauwald saß dösend auf einem Stuhl an der Tür. Als er die unbekannten oder zumindest unerwarteten Leute in der Begleitung seiner Waffenfreunde sah, prang er vom Stuhl auf und ergriff seine Hellebarde.
„He da! Wen bringt ihr denn da?“
Bärnbart, der älteste der Wachleute, hob beschwichtigend die Arme. „Alles gut, Trauwald. Wir kommen zur Wachablösung. Ich übernehme gleich, komm du einmal kurz näher, damit wir etwas besprechen können.“
Der immer noch misstrauisch dreinblickende Waffenknecht kam der Aufforderung nach. Im Schutz des Treppenhauses erklärte Bärnbart ihm den Plan und fragte nach besonderen Vorkommnissen.
Trauwald konnte nichts Außergewöhnliches berichten. So viel er durch das Schlüsselloch hatte beobachten können, saß Ingrold in einer Ecke, den Kopf der Geweihten auf seinen Schoß gebettet. Ab und an war seine Stimme leise zu vernehmen. Genaueres konnte Trauwald nicht sagen.
Nachdem der Plan soweit besprochen war, kopfte Bärnbart an die Thronsaaltür.
„Herr, die Magd Wigdis wird euch das Mittagessen bringen. Und sie hat jemanden mitgebracht. Es handelt sich um eine Botin, die eine Nachricht vom Traviatempel in Dorngrund und einen Akoluthen der Gebenden Göttin mitgebracht hat. Ich lasse Wigdis nun ein, wenn es genehm ist?“
Es kam keine Antwort, aber als Bärnbart die Türe soweit öffnete, so dass Wigdis hineinzuschlüpfen vermochte, konnten sie sehen, dass Ingrolm aufgestanden war. Leblos lag der Körper Mutter Marinads vor ihm am Boden. Die Kleidung und die Hände des jungen Mannes waren blutbesudelt.
Die Magd trat ein und trug das Tablett mit dem Suppenteller, einem neuen Becher und einem Krug mit frischem Wasser zur Tafel. Sie erkannte, dass der junge Baron das Frühstück nicht angerührt hatte. Nur Wasser schien er getrunken zu haben. Wigdis stellte das Tablett ab, räumte es um und blieb dann zu Ingrold gewandt stehen.
„Euer Hochgeboren, ich möchte Euch Besuch ankündigen. Eine Botin ist gekommen, sie möchte Euch Grüße Eures Mitbruders Liutgar ausrichten. Und weil der Heiler oder die Heilerin aus dem Perainetempel noch auf sich warten lässt, hat sie angeboten, euch die Hilfe des Akoluthen, der sie begleitet, anzubieten. Vielleicht kann er den Verletzten helfen. Darf ich sie beide einlassen?“
Der Hüne sah die Magd zunächst verständnislos an. Es schien als habe er zwar ihre Worte gehört, den Sinn aber nicht verstanden. Es dauerte eine Weile bis er einen Teil der Worte wiederholte.
„Liutgar? Oh wirklich?“ Er lief auf Wigdis zu. Dann aber blieb er plötzlich ruckartig wieder stehen. „Heiler? Welcher Heiler? Welche Heilerin? Ich habe nicht danach verlangt! Akoluth? Welcher Akoluth?“
Unsicher sah er Wigdis an, dann drehte er ab, ging in Kreisen zwischen der Tafel und dem Platz hin und her an dem er den Körper von Mutter Marinad abgelegt hatte. Der Boden rund um die offene Feuerstelle war blutverschmiert und die Magd erkannte, dass die Körper der Baronin und des Barons seit Tagen an genau den gleichen Plätzen lagen. Starr blickten die Augen des Nordmärkers Pirejus von Gortdingen zur Zimmerdecke. Das Weiße der Augäpfel war dunkelrot geädert. Wigdis vermeinte bereits den süßlichen Geruch der beginnenden Verwesung wahrzunehmen.
„Eure Mutter und ihr Gemahl und auch Hochwürden, Mutter Marinad, werden einen Heiler brauchen, Hochgeboren!“
Ingrold sah die Magd verständnislos an. „… einen Heiler…“ wiederholte er monoton. Er drehte sich zu den leblosen Körpern des Baronsehepaares um, dann wieder zurück. Keine Reaktion ließ sich in seinem Gesicht ablesen. Er hob die Schultern.
„Nun gut, wenn du meinst…“, sagt er und blieb mit hängenden Armen stehen. Ein hilfloser Riese.
Wigdis verbeugte sich leicht und ging zur Tür, um Lyssandra und ihren Vater hereinzuholen. Als sie die Tür zum Thronsaal öffnete, blickte sie in die erwartungsvollen Gesichter der Burgbewohner und der beiden Gäste.
„Ihr dürft eintreten“, sagte sie leise. Sie gab zudem Merthold ein Zeichen mitzukommen. Der junge Waffenknecht postierte im Thronsaal gleich neben der Tür.
Die blonde Magd ging erneut auf den jungen Baron zu. Sie winkte den Gästen ihr zu folgen. Lange blickte Ingrold nicht auf. Erst als alle stehen geblieben waren, Wigdis die Gäste vorstellte und Theofried und Lyssandra den Traviagruß aussprachen, sah er für einen kurzen Augenblick gleichgültig auf. Keine Reaktion, kein Erkennen, kein Versuch eine Kommunikation zu starten.
Lyssandra betrachtete Ingrold. Sie hatte Mitleid mit ihm. Eine empfindsame Seele war in diesem vollkommen unpassenden, überdimensionierten Körper gefangen. Nichts passte bei dem jungen Mann. Ein kluger Geist, doch keine Empathie. Eine empfindsame Seele, aber keine Möglichkeit sich mitzuteilen. Ein kräftiger Körper, aber grobschlächtig, so dass er die Kraft nicht koordiniert einsetzten konnte. Dazu im Grunde seines Wesens Sanftmut, aber das Fehlen der Kommunikationsmöglichkeiten, ließ Frustration und Aggression entstehen und so war es wohl auch zu dieser Katastrophe gekommen.
Dunkles, getrocknetes und verschmiertes Blut dominierte die Szenerie. Hände, Kleidung, sogar das Gesicht des jungen Barons waren blutverschmiert. Dazu hatte der Umstand, dass er die Tempelvorsteherin Mutter Marinad über Tage im Saal umhergezogen und getragen hatte, auf dem Boden ein abstraktes Kunstwerk aus blutigen Linien und Flächen hinterlassen. Vor allem der Boden vor der offenen Feuerstelle glich einem grausigen Gemälde in verschiedenen Rottönen auf den steinernen Platten, welche die Eichenbohlen, die den Thronsaalboden sonst bedeckten, vor Funkenflug schützen sollten.
Der analytische Blick der Ritterin machte sich ein Bild der Lage. Links von der Feuerstelle lag Mutter Marinad auf dem Rücken. Das Gesicht war zur Wand gedreht, doch nichts ließ vermuten, dass sie noch lebte. Die Beobachtung des Brustkorbs ließ keine Atembewegung erkennen. Direkt neben ihr lag ein blutverklebter Schürhaken. Das erhärtete die Vermutung, dass Wigdis Schilderung zutraf, die Geweihte sei unglücklich in das eiserne Werkzeug gefallen.
Rechts des offenen Kamins lag Pirejus von Gortdingen, den Kopf nach hinten überstreckt, die Augen weit geöffnet. Rote Skleren und ein starrer Blick, gepaart mit den dunkelvioletten Würgemalen am Hals, ließen keinen Zweifel, dass er erwürgt worden war. Nicht weit von ihm befand sich der Körper von Grimmwulf. Sie lag halb seitlich, halb auf dem Bauch, das Gesicht von ihnen abgewandt. Direkt neben ihr auf dem Boden der schwere Eichenholzstuhl, der sie zu Fall gebracht hatte. Unter ihrem Kopf und dem Oberkörper hatte sich eine dunkle Blutlache gebildet. Dass weißblonde Haar war rot gefärbt. Die Lage der beiden Körper und die Blutlache ließen erkennen, dass beide nicht bewegt worden waren.
Auch Theofried schien sich ein Bild der Lage gemacht zu haben. Er entschied, sich der einzigen Person zuzuwenden, die laut den Erzählungen der Magd vermutlich nicht sofort tot gewesen war – Mutter Marinad.
„Euer Hochgeboren, soll ich versuchen Mutter Marinad mit einem Segen der Gütigen Mutter zu helfen? Ich bin nur ein bescheidener Helfer der Heiligen Mutter, doch will ich nichts unversucht lassen, um ihr Leben zu retten.“
Ingrold reagierte nicht. Er stand mit hängenden Armen und hängendem Kopf zwischen Feuerstelle und Tafel und rührte sich nicht. Es war nicht einmal ersichtlich, ob er verstanden hatte, was Theofried zu ihm gesagt hatte. Der Finsterborner entschied, die fehlende Ablehnung als Zustimmung zu deuten und macht sich auf dem Weg zu der Traviageweihten.
Er ging steif und mühsam in die Knie und legte eine Hand auf den Brustkorb der Tempelvorsteherin von Dorngrund. Ingrold drehte sich nun auch um und sah zu, was der angebliche Akoluth, der ihm als Bruder Travianus vorgestellt worden war, tat. Zunächst blieb er ruhig, dann aber, als Theofried den Kopf der Geweihten zu sich drehen wollte, konnte Lyssandra eine Veränderung bemerken. Alle Muskeln seines Körpers schienen sich anzuspannen. Und in dem Moment in dem Theofried Mutter Marinads Kopf hochhob, schrie Ingrold auf.
„Hör sofort auf damit! Du tust ihr doch weh! Siehst du das nicht?“
In wenigen, großen Schritten war der junge Baron bei dem Finsterborner. Er riss den erschrockenen Junker an der Schulter zurück, so dass ihm der Kopf der Traviageweihten entglitt und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Steinboden auftraf. Das Geräusch setzte eine Kettenreaktion in Gang. Es war als ginge ein Schauer durch den jungen Mann, er zuckte zusammen, ballte die Fäuste und zog den alten Mann grob in die Höhe. Mit unerwarteter Heftigkeit stieß Ingrold Theofried von sich. Der Finsterborner krachte, von der Heftigkeit des Ausbruchs überrascht gegen die Thronsaalwand. Schulter und Kopf stießen schmerzhaft an. Stöhnend sank der alte Junker in sich zusammen.
Lyssandra zog den Dolch. „Haltet ein, Hochgeboren!“
Der Aufschrei des Barons und der Aggressionsausbruch, der darauffolgte, rief auch den Waffenknecht Merthold auf den Plan. Er näherte sich unsicher mit der Hellebarde im Anschlag. In diesem Augenblick flog die Tür auf. Bärnbart und Trauwald stürmten herein. Hinter ihnen standen die Hausdame und weiteres Gesinde des Baronshaushaltes und sahen neugierig zu was sich im Thronsaal tat.
Ingrold zitterte. Er sah sich hektisch nach einem Ausweg um. Hinter sich hatte er nur die Wand mit dem Kaminfeuer, vor sich den Raum mit der Tafel, der sich langsam mit Menschen füllte. Direkt vor ihm stand die Ritterin aus der Schwarzen Au, die den Dolch gezückt hatte und vom Ende des Raumes die langsam vorrückenden Wachen.
Theofried bewegte sich stöhnend und versuchte wieder auf die Beine zu kommen, als ein Ruck durch den jungen Baron ging. Er drehte sich zu der am Boden liegenden Geweihten um und rief mit ungewohnt zärtlicher Stimme. „Halte aus, Mutter! Ich hole Hilfe!“
Die langen Beine ermöglichten es dem Hartenauer in wenigen Schritten zwischen Lyssandra und ihrem Vater hindurchzulaufen. Dabei versetzte er Theofried, der noch liegend nach dem Fuß des Flüchtenden angelte, einen Tritt gegen den Kopf. Dieses Mal sank der Junker ohne einen weiteren Laut bewusstlos auf den Boden. Und ehe sich die Anwesenden versahen, hechtete Ingold mit einem Kopfsprung durch das geöffnete Fenster.
Ein vielmündiger Aufschrei des Entsetzens füllte den Thronsaal. Dieser und die wuchtigen Mauern des Pallas dämpften das Geräusch des Aufpralls auf dem Innenhof der Burg.
Die Finsterbornerin wechselte Blicke mit den Wachleuten. Bärnbart war der erste, der die Fassung wiedergewann. „Kümmert Ihr Euch um Euren Vater, wir sehen nach dem Baron!“
Gefolgt von Wigdis und einigen der Burgbewohner beeilten sich die Wachen in den Hof zu kommen.
Lyssandra kniete sich neben ihren Vater. Sie hob seinen Kopf an und tätschelte sacht seine Wangen. „Vater? Vater!“, rief sie mit ängstlichem Unterton.
Sie legte die Hand auf seinen Brustkorb. Trotz der Aufregung konnte sie sachte Atembewegungen spüren. Erleichtert bettete sie den Kopf ihres Vaters auf ihren Schoß. Sie tätschelte weiter seine Wange. Nach einer gefühlten Ewigkeit schlug Theofried von Finsterborn seine Augen. Verwirrt sah er seine Älteste an.
„Alles in Ordnung, Vater? Hast du Schmerzen?“, kam ihre sorgenvolle Frage.
„Soweit ich das im Augenblick beurteilen kann, bin ich noch nicht in den zwölfgöttlichen Paradiesen“, erwiderte der Junker trocken. „Was ist passiert?“
Unterdessen rannten die Burgbewohner die enge Wendeltreppe hinunter und auf den Hof hinaus. Umringt von weiteren Burgbewohnern lag der junge Baron leblos auf dem gekiesten Boden unterhalb des Fensters. Eine abnorme Körperhaltung ließ vermuten, dass Ingrold von Hartenau den Fenstersturz nicht überlebt hatte. Bärnbart verschaffte sich Platz.
„Hochgeboren! Hochgeboren! Sagt doch was!“, schrie er aufgeregt und kniete sich nieder. Blut rann aus Ingrolds Mund und Nase. Der Hartenauer lag bäuchlings, den rechten Arm unter dem Körper begraben, die Wirbelsäule verdreht. Die Augen starrten ins Leere. Hilflos sah sich der älteste der Wächter um. „Verflucht! Wo bleibt denn der Heiler, nach dem geschickt wurde?“
Der alte Pferdeknecht, der mehr Erfahrung mit den Tieren denn den Menschen hatte, kniete sich neben den jungen Mann und hielt seine Hand vor dessen Mund. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. „Es tut mir leid, dass zu sagen, aber der braucht keinen Heiler mehr.“
Als Lyssandra ihren Vater auf einen der Stühle an die Tafel gesetzt und seine Platzwunde mit einem Verband notdürftig versorgt hatte, bat sie Traugunde darum, bei ihm zu bleiben und machte sich ebenfalls auf den Weg in den Hof.
An der Tatenlosigkeit und dem betretenen Schweigen der Burgbewohner, die sich um den jungen Baron versammelt hatten, erkannte die Ritterin aus der Schwarzen Au, dass für Ingrold offenbar jede Hilfe zu spät kam. Bereitwillig ließen die Umstehenden sie passieren. Lyssandra kniete sich zu Bärnbart. Er schüttelte traurig den Kopf.
Seufzend überprüfte auch die Finsterbornerin den verdreht liegenden Körper auf Lebenszeichen. Vergebens. Resigniert erhob sie sich.
„Es tut mir leid, dass ihr alle Zeugen einer großen Katastrophe werden musstet. Ich kann die Tragweite dieses Dramas noch gar nicht fassen und wahrscheinlich geht es euch ähnlich.“
Die meisten um sie herum nickten bestätigend.
„Ich denke, das Beste wird sein, wenn wir die Toten bergen, waschen und aufbahren. Sie sollen alsbald möglich ein borongefälliges Begräbnis erhalten. Außerdem hoffe ich sehr, dass Ritter Ludopoldt bald kommt und vorübergehend die Verwaltung der Baronie übernimmt, bis die Gräfin informiert ist und eine Entscheidung über das Lehen gefällt hat. Sie muss sofort informiert werden!“
Auch bei diesen Aussagen erhielt die Ritterin Zuspruch. Sie gab die notwendigen Anweisungen für das Gesinde und kehrte dann zu ihrem Vater zurück. Der saß, noch immer reichlich blass um die Nase, an der langen Tafel. Dorntrud, die Köchin, hatte ihm einen heißen Kräutertee gebracht.
Als Lyssandra sich einen Stuhl nahm und sich niederließ, hob er den Kopf.
„Ich vermute, er ist tot?“
Die älteste der Kinder des Finsterborners nickte. „Ja, er hat den Fenstersturz nicht überlebt. Was für eine tragische Entwicklung! Innerhalb weniger Tage wurde die gesamte Familie ausgelöscht.“
Traurig schüttelte der Vater das graue Haupt. „Wieder eine alte Familie für immer ausgelöscht…wieder ein Wappen weniger in den Reihen derjenigen, die das Schild des Reiches halten. Hoffentlich können die Übrigen das übernehmen und noch mehr wünschte ich, dass andere nachrücken und die Lücke füllen! Er seufzte tief. „Wirklich kaum zu fassen! Wir müssen die Gräfin informieren. Und bis Ludopoldt wieder zurück ist, sollten wir hierbleiben und dafür sorgen, dass die Toten bestattet werden. Hast du schon herausgefunden ob es hier eine Gruft oder Grabkapelle gibt?“
Lyssandra schüttelte den Kopf. „Die drei Leichen sind in keinem guten Zustand mehr. Viel mehr als eine Nacht mit Totenwache sollten wir sie nicht mehr hier in der Burg halten. Ich bin dafür morgen die Beerdigung oder Verbrennung zu organisieren. Sollen wir die Bewohner von Urkenfurt informieren oder lieber die Rückkehr Ludopoldts abwarten? Es könnte seltsam anmuten, wenn wir, die wir keine Urkenfurter sind, diese Verkündung übernehmen.“
Der Vater reagierte zunächst nicht. Lyssandra wartete auf eine Antwort, doch war sie sich nicht sicher, ob der Vater die Frage überhaupt richtig verstanden hatte. Er wirkte abwesend. Nach einer Weile aber atmete er tief ein.
„Ich überlasse die Entscheidung dir. Du übernimmst das alles, nicht wahr? Ludopoldt wird sicher bald kommen. Entschuldige, Liebes, aber ich habe starke Kopfschmerzen. Ich würde mich gerne hinlegen.“
„Selbstverständlich, Vater. Das war alles etwas viel für dich.“
Sie drehte sich zu einer Magd um, die sich im Hintergrund hielt.
„Kannst du bitte Traugunde Plötzenbühler rufen? Sie soll meinem Vater und mir ein Zimmer herrichten. Wir bleiben über Nacht hier auf der Burg. Und wir brauchen jemanden, der unsere Sachen vom „Brückenwirt“ holt und auf die Burg bringt.“
Die Magd nickte und machte sich eilig daran, die Aufträge zu erfüllen.
Theofried lächelte seine Tochter erschöpft an. „Du hast alles sehr gut im Griff, Lyssandra. Ich bin stolz auf dich! Du hattest die richtige Spürnase und die Geduld und Hartnäckigkeit, der Sache auf den Grund zu gehen.“
Seine Hand griff über den Tisch hinweg nach der seiner Ältesten und drückte sie. „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass die Mütter und Väter in Urkentrutz wieder ruhig schlafen können! Wir sollten es sie möglichst bald wissen lassen. So verhängnisvoll und tragisch das Ende der Hartenaus auch anmutet, es ist für alle Beteiligten gut so, wie es gekommen ist.“
Lyssandra pflichtete ihrem Vater bei. „Da hast du recht. Grimmwulf musste weder ihren Sohn der Gerichtsbarkeit ausliefern noch Schande auf sich und den Namen ihrer Familie laden. Sicherlich hätte sie sich ein anderes Ende gewünscht, aber wenn man es genau betrachtet, ist das vielleicht die einzige Möglichkeit, dass sie alle in Boron ihre Ruhe finden.“
Der alte Junker nickte schweigend.
Seine Tochter fuhr mit einer Überlegung fort. „Ich denke, wir sollten die wahre Geschichte nicht an die große Glocke hängen. Sie wird ohnehin irgendwie den Weg nach draußen finden. Die Gräfin soll die ganze Wahrheit erfahren und dann entscheiden wie offen man mit der Schuld der Familie umgeht. Wir lassen in Urkenfurt nur verkünden, dass es eine unglückliche Unfallserie auf der Burg gegeben hat, der die Baronsfamilie und die Geweihte Mutter Marinad zum Opfer gefallen sind. Von der Schuld Ingrolds an den Mädchenmorden sagen wir nichts. Und wir lassen, vielleicht mit einem gewissen Abstand, zudem ausrufen, dass der Mädchenmörder aufgespürt und gestellt wurde und schließlich sein Leben ausgehaucht hat. Was denkst du?“
Theofried von Finsterborn stimmte seiner Tochter mit einem stillen Nicken zu. Er wirkte erschöpft. Zum Glück erschien in diesem Augenblick die Hausdame und half ihr den Vater auf das vorbereitete Zimmer zu bringen.
Der Tod des Finsterborners
Burg Urkenfurt, 21. Boron 1043
Die Nacht war kurz gewesen für Lyssandra. Nachdem die Leichen gewaschen und in der Perainekapelle der Burg aufgebahrt worden waren, hatte sie die Totenwache für die Nacht organisiert und selbst den ersten Teil der Totenwache übernommen.
Am Vorabend hatte Dorntrud ihrem Vater eine wärmende Suppe auf die Kammer gebracht, ihn aber schlafend vorgefunden und sich nicht getraut ihn zu wecken. Also hatte Lyssandra diese Aufgabe übernommen. Sie hatte sich an die Bettkante des 82-jährigen gesetzt und ihn sacht an der Schulter berührt. Keine Reaktion. Die Finsterbornerin hatte den Brustkorb beobachtet und erleichtert festgestellt, dass er atmete. Daraufhin hatte sie erneut versucht ihn aufzuwecken. Vergeblich. Es hatte mehrere, teils unsanfte Rüttler gebraucht, bis Theofried die Augen öffnete. Er hatte verwirrt gewirkt, hatte sich suchend umgeblickt. Dabei war Lyssandra aufgefallen, dass die linke Pupille größer war als die rechte. Sie hatte das jedoch auf die schlechten Lichtverhältnisse geschoben.
Auf Ansprache hatte der Vater kaum reagiert und auch die Frage ob er etwas essen wolle, hatte er nicht beantwortet. Stattdessen hatte er die Augen sogleich wieder geschlossen. Lyssandra hatte vermutet, dass ihn die Ereignisse des Tages doch wohl sehr ermüdet hatten und beschlossen, ihn schlafen zu lassen. Die nächtliche Erholung, so hatte sie vermutet, würde ihm guttun.
Nun am Morgen nach den denkwürdigen Ereignissen, klopfte sie an die Kammertür, um den Vater zu wecken.
„Guten Morgen, Vater!“, rief sie.
Als keine Antwort kam, schob sie die Türe auf. Der Vater lag genauso wie sie ihn verlassen hatte. Der Kopf ruhte auf dem Kissen, die Gesichtsfarbe wirkte blass und fahl, der Mund stand ein wenig offen. Lyssandra setzte sich auf die Bettkante und versuchte erneut mit sanfter Stimme den Vater zu wecken. Als sich auch nach mehrmaligen Versuchen keine Reaktion zeigte, schob sie die Decke zurück und legte die Hand auf seine Brust.
In dem Moment wo Lyssandra die Kühle des Körpers spürte und keine Atembewegung wahrnahm, traf sie die Erkenntnis seines Todes wie ein Schlag in die Magengrube. Der Moment dieser schmerzvollen Erkenntnis dehnte sich bis ins Unermessliche, schien kein Ende nehmen zu wollen.
Sie vermeinte sogar das Rauschen von Golgaris Schwingen zu vernehmen, bis ihr klar wurde, dass es nur das Fließgeräusch des Blutes in ihrem Kopf war. Ein Gefühl von Angst keimte auf. Die Angst, nun selbst verantwortlich zu sein für das Lehen und auch für die Aufgaben, die sie in Urkenfurt noch zu meistern hatte. Sie würde seinen weisen Rat missen. Das vor allem hinterließ ein Gefühl der Leere in ihrer Brust. Seit sie aus dem Lieblichen Feld zurückgekehrt war, hatte ihr Vater sie mehr und mehr in die Aufgaben eingearbeitet, die zum Führen des Junkergutes notwendig waren. Dabei hatte er sie stets sein Vertrauen spüren lassen. Doch wann immer sie eine Frage hatte, war er doch immer ein guter Ratgeber gewesen.
Liebevoll streichelte Lyssandra die blasse Wange ihres verstorbenen Vaters und versuchte, den leicht geöffneten Mund zu schließen. Vergeblich. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt.
Gedankenverloren stand sie auf. Auf dem Gang traf sie auf Wigdis, die noch immer reichlich unglücklich wirkte. Der Tod Ingrolds war ihr sehr ans Herz gegangen. Die Finsterbornerin hatte Verständnis dafür. Sie grüßte die Magd und setzte sie vom Tod ihres Vaters in Kenntnis.
Entsetzt schlug die Blondine die Hand vor den Mund. „Bei Boron, nimmt denn das gar kein Ende?“
Lyssandra legte ihr beruhigend die rechte auf die Schulter. „Er war ein alter Mann, Wigdis. Die Ereignisse des vergangenen Tages waren offenbar zu viel für ihn. Du musst sehen, dass er immerhin 82 Winter gelebt hat. Das ist ein hohes Alter.“
Die Magd nickte. „Wie könnt Ihr da so ruhig bleiben, Wohlgeboren? In der vergangenen Woche habe ich fünf Menschen sterben sehen. Ich gebe zu, dass es bei Eurem Vater nicht verwunderlich ist. Die Aufregung und der Stoß an den Kopf… sicher, dass kann schon ausreichen. Aber Ingrold war jung. Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Und die Baronin und ihr Gemahl… ganz zu schweigen von der Geweihten. Ich kann noch gar nicht glauben, dass sie nicht mehr auf Dere weilen.“
Die Augen der jungen Frau füllten sich mit Tränen. Die Erbin Theofrieds musste selbst einen dicken Kloß schlucken, ehe sie versuchte, Wigdis zu trösten.
„Sei dir sicher, dass sie sich in den zwölfgöttlichen Paradiesen finden werden.“
Nun war es um die Fassung der Magd geschehen. „Ja, gerade das ist es ja. Ich fürchte um das Seelenheil Ingrolds… was, wenn Uthar ihn nicht einlässt oder Rethon seine Seele für zu schwer befindet? Er hat die Verdammung doch nicht verdient. Glaubt mir, Wohlgeboren, er war gewiss kein schlechter Mensch!“
„Das entzieht sich unserer Kenntnis, Wigdis. Wir können nicht wissen, wie die Seelenwaage entscheiden wird, aber ich will dir versprechen, dass ich alles dafür tun werde, dass er und seine Familie ein zwölfgötterfrommes Begräbnis erhalten. Dasselbe gilt natürlich auch für meinen Vater. Heute soll also auf jeden Fall die Bestattung der Baronsfamilie stattfinden. Meinen Vater möchte ich noch aufbahren und ihm in der kommenden Nacht die Ehre einer Totenwache zuteilwerden lassen. Morgen soll er dann verbrannt werden, damit ich seine Asche in die Heimat mitnehmen kann.“
Wigdis fing sich nun wieder. Sie erkannte, dass jetzt weder die Zeit für Zweifel noch für Trauer war. Erst musste gehandelt werden.
„Soll ich die Leichenwaschung übernehmen?“, fragte sie.
Lyssandra nickte. „Das wäre sehr lieb von dir. Ich lege dir die Kleidung hin, die mein Vater auf seinem letzten Weg tragen soll.“
Wenig später traf die Junkerin der Schwarzen Au auf Traugunde Plötzenbühler und setzte auch sie über das Verscheiden ihres Vaters in Kenntnis. Auch bei der Hausdame war die Bestürzung offensichtlich. Lyssandra hielt sich nicht lang damit auf, sondern begann mit der Organisation der anstehenden Aktionen. Tatsächlich hatte die Hausdame bereits einige positive Neuigkeiten für sie.
„Gestern Abend noch hat ein Herold die Dörfler vom Tod der Familie von Hartenau unterrichtet und die heutige Bestattung angekündigt. Terolf, einer der Knechte, hat eben berichtet, dass die Gruft auf dem dörflichen Boronanger hergerichtet ist.“
„Sehr gut!“ Erleichterung machte sich bei der neuen Junkerin bemerkbar. „Wie sieht es mit einem Geweihten aus?“
Traugunde nickte. „Wir erwarten Bruder Domarion in Bälde. Er ist ein wandernder Traviageweihter, der unseren Tempel im Wechsel mit anderen, nicht dauerhaft besetzten Tempeln und Schreinen versorgt.“
Die Finsterbornerin legte der Blondine mit den streng zum Knoten gebundenen Haaren und dem langen, spitzen Kinn dankbar die Hand auf die Schulter.
„Ich bin froh, dass du hier alles so gut im Griff hast, Traugunde. Eine echte Seele des Hauses!“
Geschmeichelt errötete die Hausdame. „Aber das ist doch selbstverständlich, Wohlgeboren!“
Als sich die Burgbewohner im Hof versammelt hatten, um die Baronsfamilie und den Geweihten zum Boronanger zu geleiten, erscholl der Klang donnernder Hufe vom Burgtor her. In gestrecktem Galopp preschte Ritter Ludopoldt in den Burghof.
„Bei Boron, was ist denn hier passiert?“, rief er noch vom Pferderücken aus, bevor er sich mit ungeahntem Schwung aus dem Sattel drückte. Der Warunker, der ihn getragen hatte, prustete heftig, die Zügel hatten den Schweiß am Hals des Tieres zu weißem Schaum gerieben. Ein Knecht nahm das Tier sofort mit sich, um es zu tränken und abzureiben.
Betreten sahen sich die Burgbewohner gegenseitig an. Niemand schien den Ritter über die tragischen Ereignisse in Kenntnis setzen zu wollen. Ein kalter Blick Ludopoldts traf Lyssandra. „Ihr hier? Und vier Särge? Was hat das zu bedeuten?“
Fast wäre der altgediente Ritter auf die Junkerin losgegangen. Doch schnell trat Bärnwart ihm in den Weg. „Wohlgeboren, lasst Euch den Sachverhalt erklären. In aller Ruhe…“
Der ältere Waffenknecht sah die Junkerin der Schwarzen Au bittend an. „Darf ich?“, wollte er wissen.
„Aber sicher“, erwiderte Lyssandra. „Doch wir wollen das Begräbnis nicht unnötig in die Länge ziehen. Ich würde vorschlagen, dass wir alle die Verstorbenen zum Boronanger geleiten und ihr uns sobald wie möglich folgt. Wir werden sicherlich später Zeit für ein persönliches Gespräch haben, Ritter Ludopoldt.“
Bärnbart nickte zustimmend. „So sei es, Wohlgeboren. Wir kommen nach!“
Der kleine, heruntergekommene Boronanger lag außerhalb der Siedlung in einer Schleife des Bingenbaches. Einen Boronschrein suchte man vergebens. Die Anlage war dennoch durchdacht. Das Halbrund der Bachschleife schien dem Bogen des Boronsrades zu entsprechen. Die offene Seite war mit einem Zaun abgeschlossenen. Vom hölzernen Zugangstor führten fünf Wege, gleich der fünf Speichen des Halbrades auf den Totenacker. Die Grabfelder rechts und links enthielten einfache hölzerne Stelen mit Boronsrädern. Auf den beiden weiteren, durch die Wege getrennten Feldern standen hingegen steinerne Grabmale. Manche davon windschief und verwittert. Das mittige Segment wurde von einem Boronsrad aus schwarzem Stein dominiert.
Lyssandra sah sich um. Wo war die Grablege der Baronsfamilie? In beiden Grabfeldern mit steinernen Stelen links und rechts des Mittelweges waren Grabgruben ausgehoben. Linker Hand eine Kleinere, rechter Hand eine Große. Eine schwarze Granitplatte lag daneben. Sie trug das Wappen der Familie von Hartenau unter dem eingravierten Boronsrad. Im Schriftfeld darunter waren die Namen und Sterbedaten der verstorbenen Ahnen eingraviert. Der Trauerzug näherte sich dem ausgehobenen Grab. Ein rundlicher Traviageweihter erwartete sie. Er nickte der Junkerin aus der Schwarzen Au grüßend zu.
„Den Gruß der Eidmutter, Wohlgeboren!“
Die Finsterbornerin erwiderte den Gruß.
„Den Gruß der Eidmutter und des Ewigen, Euer Gnaden! Nach der Grablegung möchte ich Euch bitten, mir auf die Burg zu folgen. Es gibt noch einiges zu besprechen.“
Der Geweihte nickte und sah den Sargträgern zu, wie sie die vier Särge zwischen den Grabstelen abstellten. Den von Mutter Marinad im linken Grabfeld, die der Hartenaus rechts. Er wartete bis sich die Trauergemeinde um das Familiengrab der Hartenaus versammelt hatte. Bald gesellte sich auch Ritter Ludopoldt zu ihnen. Er stand mit Lyssandra gemeinsam in der ersten Reihe vor dem Familiengrab.
„Versammelte Trauergemeinde, wie ihr alle wisst, habe ich meist freudigere Aufgaben als heute. Den Lebensbund zu besiegeln oder ein Haus einsegnen, Gläubige iniziieren oder Gäste zu bewirten ist mir weitaus lieber als einen Grabsegen zu erteilen. Doch heute haben wir uns hier am Grab der Familie von Hartenau versammelt, um Abschied zu nehmen. Das Ausmaß der Tragödie, die die Familie unserer hochverehrten Baronin ereilt hat, ist unbeschreiblich. Doch es ist nicht an uns, das zu bewerten. Die alveranischen Geschwister mögen ihren Grund dafür haben, warum sie die Hartenaus von Dere abberufen haben. Entscheidend ist nur, dass wir uns gewiss sind, dass sie an Travias Tafel wiedervereint und im Kreise der himmlischen Familie sitzen werden - gemeinsam mit ihren Ahnen und denen, den sie im Leben nah und freundschaftlich verbunden waren.“
Bruder Domarion hielt inne und betrachtete die Gemeinde. Man konnte den Einwohnern von Urkenfurt die Bestürzung über das Ende des Baronsgeschlechts von Hartenau ansehen.
„Grimmwulf von Hartenau, ihr Gemahl Pirejus von Gortdingen und vor allem der Sohn der Baronin, Ingrold von Hartenau, waren der Eidmutter zugetan. Letzter strebte gar das Amt des Akoluthen an und ließ sich fromm Travialieb nennen. Ob sie alle die Gebote der Gütigen ihrer Geschwister befolgt haben, wird nicht von uns entschieden. Es sei uns ein Trost, dass sie allen Leids und Unglücks auf Dere nun erlöst sind.“
Der Geweihte gab den Sargträgern ein Zeichen. Zunächst wurden die Särge von Grimmwulf und Pirejus nebeneinander in die Grube herabgelassen. Anschließend setzte man den Sarg Ingrolds diagonal darüber.
„Lasst uns mit einem Lied Abschied nehmen!“
Er stimmte den Yalsicor-Choral an, den die Urkenfurter von den Traviagötterdiensten gut kannten. Vielstimmig und volltönend priesen sie so die Vereinende und die Tugenden der Freundschaft, Friedfertigkeit und Gemeinschaft.
Mit den letzten Klängen von „Allen Treuen soll gegeben, ihr Platz bei der Mutter sein“ trat eine borongefällige Stille ein. Bruder Domarion ließ das Schweigen für eine Weile wirken, dann nahm er die Schaufel und ließ Erde auf die Särge rieseln. In einem schweigenden Gänsemarsch erwiesen die Urkentrutzer ihrer Baronsfamilie den letzten Dienst.
Dann versammelten sie sich am Grab der Traviageweihten Mutter Marinad. Der Glaubensbruder erinnerte an das Leben und Wirken der Tempelvorsteherin von Dorngrund. Er pries ihre Geduld und Frömmigkeit.
„Jeder, der einmal Marinads Gastfreundschaft erlebte, war beseelt von ihrem Leben in Ausübung von Travias Tugenden. Güte und Strenge prägten ihr Verständnis von der Weitergabe der Lehre der Hüterin an die jungen Gänslein. Man konnte viel von ihrem Vorbild lernen. Da Mutter Marinads Wurzeln hier in Urkenfurt liegen, sollen ihre Gebeine auch auf dem hiesigen Boronanger beigesetzt werden. Ich persönlich werde in ihre letzte Wirkungsstätte, nach Dorngrund reisen, um die Dinge dort zu regeln. Möge sie an der Tafel unserer Gütigen Mutter die verdiente Ruhe finden!“
Nachdem der Sarg in das Grab herabgelassen worden war, bat Domarion die Gemeinde sich an den Händen zu fassen und auch Mutter Marinad mit einem Lied zu ehren.
Nach der Bestattung versammelten sich die Burgbewohner, Bruder Domarion und Lyssandra im Thronsaal der Burg. Dorntrud, die Köchin, die wie die Mägde der Burg nicht der Beerdigung beigewohnt hatten, um den Leichenschmaus vorzubereiten, trug auf. Es gab schmale, lange Brote, die in Urkentrutz „Seelen“ genannt wurden, diverse kalte Bratenstücke, Schinken und Hartwürste, Käse, Gemüsesalate und sauer eingelegtes Gemüse.
Lyssandra saß zwischen Ritter Ludopoldt und Bruder Domarion. Noch einmal ließ sich der Dienstritter die Geschehnisse aus Sicht der Finsterbornerin berichten. Immer wieder schüttelte er den Kopf.
„Es ist unfassbar! Wenn ich geahnt hätte, dass Ingrold zu solch verhängnisvollen Wutausbrüchen fähig ist, wäre ich nicht aufgebrochen. Das werde ich mir nie verzeihen!“
Bruder Domarion sprach ihm Trost zu, erklärte, dass niemand das ahnen konnte und bat den Ritter nicht zu hart mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Auch er war erschüttert von den Ereignissen, die sich auf Burg Urkenfurt zugetragen hatten. Schließlich kannte er die Siedlung zu Füßen der Burg mit ihrem Traviatempel gut. Seit Mutter Marinad den Tempel in Dorngrund übernommen hatte, versorgte er den Tempel in Urkenfurt und weitere Traviatempel und Schreine, die keinen Vater oder Mutter hatten, in der Grafschaft Bärwalde als Wildgans.
Ludopoldt und Lyssandra besprachen das weitere Vorgehen. Der Dienstritter sollte solange der Burg und der Baronie vorstehen, bis die Gräfin das Lehen neu vergeben hatte. Die Finsterbornerin wollte nach der Einäscherung ihres Vaters sogleich nach Pallingen reiten und Griseldis genauestens von den Ereignissen berichten. Danach wollte sie auf dem Rückweg die Urne des Vaters mit in die Schwarze Au nehmen.
Am selben Abend noch, bevor sie die Totenwache bei ihrem Vater übernahm, schrieb die Junkerin Briefe an ihre Geschwister und Kinder, um sie vom Tod Theofrieds und der anstehenden Urnenbeisetzung zu informieren. Ein Datum legte sie noch nicht fest, da sie nicht wusste, wie lang sie die Angelegenheit noch in Urkenfurt und Pallingen binden würde.
Zudem verfasste sie weitere Briefe an alle Ritter und Ritterinnen von Urkenfurt, der diese über den Tod der Baronin in Kenntnis setzte und sie bat, die weiteren Entscheidungen der Gräfin abzuwarten.
Totenwache
Burg Urkenfurt, Nacht vom 21. auf den 22. Boron 1043
Als die Dunkelheit über Burg Urkenfurt hereinbrach traf Lyssandra von Finsterborn vor der kleinen Burgkapelle, die der Göttin Peraine geweiht war, auf den Traviageweihten Bruder Domarion. Der stämmige, freundliche Mann nickte ihr schweigend zu.
Traugunde Plötzenbühler erschien als die Junkerin gerade in die Kapelle eintreten wollte. Sie trug einen langen schwarzen Fellumhang über dem Arm.
„Wartet, Wohlgeboren! Ich dachte, Ihr könnt diesen Umhang vielleicht brauchen heute Nacht. Draußen ist grimmiger Frost und auch in der Kapelle ist es kalt. Dieser Umhang gehörte der Baronin. Aber sie wird ihn nun nichtmehr brauchen und Euch mag er heute gute Dienste leisten.“
Lyssandra zeigte auf den Überwurf aus langhaarigem Ziegenfell, der über ihrem wollenen Reiterumhang lag. „Ich habe doch den hier“, sagte sie erklärend, aber die Hausdame schüttelte den Kopf.
„Der wird Euch nicht ausreichend wärmen. Glaubt mir!“
Mit einem dankbaren Lächeln nahm sie den angebotenen Umhang. „Hab Dank, Traugunde. Das ist sehr lieb von dir.“
Die Hausdame lächelte zurück. „Ich habe euch eine Kanne mit heißem Tee hineingestellt und sie in einen Eimer mit Sägespänen gepackt, damit der Tee länger warmhält. Becher stehen auch bereit.“
„Du denkst auch an alles!“ Die Junkerin war beeindruckt.
Bruder Domarion bedankte sich ebenfalls. Dann zog er die Tür zur Kapelle auf.
„Dann lasst uns eintreten“, forderte er Lyssandra auf.
Die Stille in der kleinen Burgkapelle war vollkommen. Zwei Fackeln erleuchteten den Raum. Eine Feuerschale sollte für erträgliche Bedingungen sorgen. Doch das war wirklich nur ein Funke auf den eiskalten Stein. Draußen waren die Temperaturen längst unter den Gefrierpunkt gesunken. Der Atem der Finsterbornerin bildete kleine Wölkchen vor ihren Nasenlöchern. Rechts des Eingangs stand der Eimer mit der Teekanne. Auch über ihm schwebte eine kleine Wolke. Zwei Becher luden zum Trunk ein.
Vor ihnen lag Theofried von Finsterborn, blass, mit leicht geöffnetem Mund, so wie Lyssandra ihn am Morgen vorgefunden hatte. Trotz der Leichenstarre war es gelungen dem Junker seine Kleidung anzuziehen. Er wirkte also durchaus feierlich, wie er so blass und starr dalag. Lyssandra hatte die Satteldecke ihres Pferdes geholt. Diese bedeckte den Körper des Junkers und repräsentierte die Farben und das Wappen der Finsterborner.
Bruder Domarion senkte den Kopf in stiller Ehrerbietung für Lyssandras Vater. Dann öffnete er die Hände nach oben und erbat den Segen der Eidmutter für den Verstorbenen.
„Gütige Mutter, gewähre gnädig der Seele von Theofried von Finsterborn einen sanften Übertritt in die Gefilde der Seligen, die zwölfgöttlichen Paradiese. Dein Bruder Boron schicke seinen Seelenvogel aus, Theofried über das Nirgendmeer zu geleiten, so dass wir dereinst alle wiedervereint an deiner Tafel speisen mögen.“
Domarion ließ die Arme sinken. „Ich werde noch einen Tee mit Euch trinken. Vielleicht möchtet Ihr Eure Trauer mit mir teilen?“
Er bedachte Lyssandra, die den Segen in Stille mit dem Geweihten teilte, mit einem Lächeln und ging zu der Teekanne, um sich einen Becher zu füllen.
Die Finsterbornerin tat es ihm gleich und dachte währenddessen über seine Worte nach. Wollte sie ihre Trauer mit ihm teilen? Sie fühlte noch gar keine Trauer. Zu ereignisreich waren die vergangenen Tage gewesen. Sie hatte das Gefühl noch keinen Augenblick zur Ruhe gekommen zu sein. Noch keinen Moment gehabt zu haben, in dem sie sich über ihre Gefühle klarwerden, in der sie den Verlust spüren konnte. Wie sollte sie da ihre Trauer teilen?
Mit dem Becher heißen Tee in den eiskalten Händen setzte sie sich in die vorderste der Bänke, den Blick auf ihren verstorbenen Vater gerichtet. Bruder Domarion setzte sich neben sie. Auch er wärmte seine Hände an dem heißen Getränk. Lange blieb sie still, beobachtete den leblosen Körper Theofrieds. Bilder tauchten auf. Bilder ihres Vaters als stattlicher Junker, der regelmäßig aufs Pferd stieg, seine Ländereien abritt und sich persönlich ein Bild machte. Sie sah ihn vor sich in Rüstung auf seinem Schlachtross, als er sich von ihrer Mutter verabschiedete um in eine Schlacht zu ziehen. Und sie erinnerte sich an zahllose Jagden, die sie mit ihm in den Auwäldern des Bingenbaches geritten war, wann immer sie zuhause war. Die letzten Bilder, die vor ihrem Auge auftauchten, zeigten ihn als alten, aber durchaus noch rüstigen Mann, der noch immer täglich über alle Neuigkeiten aus nah und fern unterrichtet werden wollte und auch die meisten Korrespondenzen, die das Gut betrafen, selbst machte. Er hatte ihr vertraut, ihr viele Aufgaben übertragen, aber dennoch nie die Zügel ganz aus der Hand gegeben. Mit einem liebevollen Lächeln bedachte sie die leere Hülle, die vor ihr aufgebahrt lag.
„Euer Gnaden,“ fing Lyssandra an. „Ist es schlimm, wenn ich noch keine Trauer empfinde? Ich empfinde Dankbarkeit und Liebe und da ist so ein bohrendes Gefühl in der Magengrube… undeutlich, aber nagend…“
Bruder Domarion nickte. „Das ist nicht ungewöhnlich. So früh nach dem Hinscheiden fühlt man den Verlust oft mit diesem körperlichen Gefühl im Bauch. Bis es vom Bauch in den Kopf wandert, dauert es ein wenig. Vielleicht kommt die Trauer heute Nacht, vielleicht morgen am Scheiterhaufen. Vielleicht auch erst, wenn ihr das heimische Gut betretet und die Gegenstände seht, die Ihr eindeutig mit Euren Vater in Verbindung bringt. Das löst dann oft die Trauer aus. Momente, die man gemeinsam geteilt hat, Gerüche oder Geräusche, die man mit dem geliebten Menschen in Verbindung bringt.“
Lyssandra nickte nachdenklich. „Das mag wohl so sein…“
Sie schwiegen wieder. Das Gespräch wanderte vom gemeinsamen Familienleben mit Theofried auf dem Junkergut über die Kinder wieder zurück zum Thema Tod. Lyssandra sprach vom Tod ihres Gemahls, der bei einem Steinsturz in einem Steinbruch der Langen Klamm ums Leben kam. Vollkommen unerwartet. Lyssandra war schwanger gewesen mit ihrer jüngsten Tochter Eylin. Wonnebolt liebte seine Kinder. Als sie sich kennengelernt hatten, war er Baumeister am Herzogenhof gewesen. Lyssandra, die nach ihrer Zeit im Horasreich eine gewisse Zeit bei der Herzoginmutter verbracht hatte, um die alte Dame über Neuigkeiten in ihrer alten Heimat zu informieren und zu erkunden, wo sie ihren zukünftigen Lebensmittelpunkt setzten wollte, hatte den ruhigen und sanften Wonnebolt sofort sympathisch gefunden. Sein Spezialgebiet war die Versorgung der herzoglichen Baustellen mit Baumaterial. Dabei hatte er ein tiefes Wissen über die verschiedenen Steinvorkommen im Herzogtum gesammelt. Da die Finsterbornerin im Lieblichen Feld ihrem Onkel Garis ya Papilio in der Verwaltung der Domäne Pertakis zur Hand gegangen war, wurde sie Wonnebolt zugeteilt, um ihm bei der Verwaltung der Steinbrüche und der Waldgebiete zu helfen, aus denen das Baumaterial für die Bauten des Herzogshofes stammten. Sie verbrachten viel Zeit miteinander und kamen sich näher. Als Lyssandra ihm dann erzählte, dass ihr Vater in einem Brief angedeutet hatte, dass er Ausschau nach einem Kandidaten für den Traviabund suchte, hielt Wonnebolt ganz offiziell um die Hand der Junkerstochter an.
Wahrscheinlich hätte sich Theofried von Finsterborn eine bessere Partie für seine Tochter gewünscht, einen Bund in Adelskreisen. Doch da Lyssandra ohnehin das Gut erben würde, kam er dem Wunsch seiner Ältesten nach und ließ sie den bürgerlichen Baumeister ehelichen. Beschenkt wurde er dafür mit einem munteren Familienleben. Einsam geworden, nach dem Tod seiner Frau Thalya, sehnte sich der Junker nach Gesellschaft. Die bekam er als Wonnebolt von der Herzogin die Erlaubnis bekam, sich zukünftig nur noch um die Steinbrüche zu kümmern. Das ermöglichte es ihm, vor allem in den Wintermonden häufiger Zeit bei seiner Familie in der Schwarzen Au zu verbringen. Im Sommerhalbjahr war er viel unterwegs, inspizierte die Steinbrüche und stellte die Beschaffungslisten für die Bauprojekte des Herzoghofs zusammen. 1027 BF erblickte ihr erstes Kind, die Tochter Minerva das Licht der Welt. Zwei Götterläufe später ein Sohn, Theofried. Der erstgeborene Sohn der Familie Finsterborn trug schließlich immer den Namen Theofried. Das Glück der kleinen Familie schien perfekt. Ihr Vater liebte das Kinderlachen und die Fröhlichkeit, die wieder ins Gut eingezogen war. Dann als Lyssandra erneut von Tsa gesegnet worden war, passierte das Unglück. Durch einen heftigen Gewitterschauer war der Fels unterspült worden und als Wonnebolt mit seinen Helfern die Qualität des abzubauenden Steines überprüfte, kam es zum verhängnisvollen Felssturz. Der Baumeister und seine Helfer wurden erschlagen oder von den Fels- und Erdmassen begraben. Lyssandra erhielt die Nachricht während sie mit den beiden Kindern und ihrem Vater am Teich vor dem Junkergut nach Fischen Ausschau hielt. Der Schock war groß, hatte sie doch nicht mit so einem frühen Tod ihres Gemahls gerechnet.
Ihr Blick fiel auf das Gesicht des Vaters als dem Geweihten davon erzählte.
Domarion hatte Verständnis. „Auch wenn Euer Vater ein alter Mann war, so konntet Ihr doch nicht mit seinem Tod hier in Urkenfurt rechnen. Ähnlich wie bei Eurem Gemahl.“
Die Finsterbornerin nickte. „Ja, aber es fühlt sich anders an. Bei meinem Vater weiß ich, dass er ein erfülltes Leben hatte. Auch wenn er noch immer voller Leben war, so wusste er doch, dass nicht mehr viel vor ihm lag. Er genoss jeden Tag mit seiner Familie. Wonnebolt liebte seine Kinder und freute sich mit mir auf das dritte Kind. Mich macht immer noch traurig, dass er sie nicht hat aufwachsen sehen.“
„Es freut mich zu hören, dass Euer Vater und Euer Gemahl so viel Freude an ihren Familien hatten. Das zeugt von einem traviagefälligen Leben. Ein gutes Vorbild für Eure Kinder. Ich will hoffen, dass sie ihr Leben ganz im Sinne der Eidmutter führen werden.“
Domarion segnete Lyssandra noch einmal im Namen Travias, dann überließ er ihr den Rest der Nacht mit der Totenwache.
Als der Geweihte gegangen war, schien auch jegliches Leben aus der Kapelle gewichen zu sein. Lyssandra lauschte auf jedes Geräusch. Zunächst blieb sie bei ihrem Vater stehen, sah ihm ins Gesicht. Sie vermeinte gar im flackernden Schein der Fackeln ein Zucken über seine Gesichtszüge huschen zu sehen. War er am Ende gar nicht tot? Lyssandras Herz machte einen Extraschlag.
„Vater?“, hauchte sie.
Prüfend legte sie ihre Hand über seine Nase und seinen Mund. War eine Atembewegung zu spüren?
Nein. Er atmete nicht. Lyssandra zog die Hand wieder zurück. Sie beobachtete die Wände im flackernden Licht. Die Kapelle war sehr einfach. Die Wände waren von innen gekalkt und im oberen Drittel umspannte ein Fries den Innenraum. Es bestand aus floralen Ranken von stilisierten Blättern und Blüten, dazwischen waren kleine Vögel zu sehen. An der Wand der Apsis prangte ein fliegender Storch. Auch sein Gefieder schien im Fackelschein lebendig zu werden. Es war fast als bewegten sich die Federn im Wind.
Sie senkte den Blick wieder auf das blasse, ruhige Gesicht des Vaters. Ob seine Seele schon über das Nirgendmeer geflogen war? Wusste er, dass sie bei ihm war?
Seufzend ließ sie sich wieder auf der Bank neben dem aufgebahrten Leichnam nieder. Die Einsamkeit kroch in ihr hoch. Die würde sie vermutlich bald noch stärker empfinden. Wenn sie erst auf das Junkergut zurückgekehrt war und neben dem Stuhl ihrer Mutter nun auch der des Vaters verwaist sein würde.
Lyssandra beschloss, die unverhoffte Gelegenheit der Stille zu einer spirituellen Innenschau zu nutzen. Boron war ihr nie nah gewesen. Wie die meisten Weidener fürchtete sie den Totenrichter und klammerte ihn so gut als möglich aus ihrem Leben aus. Doch war ihr von ihrer Mutter ganz deutlich zu verstehen gegeben worden, dass der Tod eben zum Leben gehörte. Thalya hatte immer gesagt, dass man die junge Göttin Tsa mit ihrer Lebenslust und Unbekümmertheit nicht ohne den Unausweichlichen mit seine tiefen Rätseln und der ewigen Stille bekam. Also gab sich Lyssandra ganz der Stille hin. Und nach einer anfänglichen Beklommenheit wich diese dem Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Ruhe, die Stille, die Gewissheit, dass sie diese Ruhe jederzeit in sich finden konnte. Sie spürte die Nähe ihres Vaters in der Stille. Es fühlte sich an als lege Theofried die Ruhe und Gelassenheit wie einen wärmenden Mantel um sie. Und auch wenn es wohl eher das Ziegenfell war, das ihr dieses wärmende Gefühl vermittelte, so nahm sie doch die Gewissheit aus dieser Nacht in spiritueller Kontemplation mit, dass sie jederzeit tief in sich diese Ruhe finden konnte und dort auch dem Ratschlag des Vaters nahe war. Hier tief in sich drin, war all das, was ihr der Vater an Werten vermittelt hatte, gesammelt und konnte jederzeit von ihr hervorgeholt werden. Es war ein gutes Gefühl. Und als die ersten rosigen Finger der morgendlichen Tsa den eiskalten Winterhimmel streichelten, verabschiedete sich Lyssandra von ihrem Vater.
Mit dem Gefühl des „In-sich-ruhens“ begrüßte die Finsterbornerin den neuen Tag in einem neuen Leben.
Ein Feuer im Schnee
Urkenfurt, 22. Boron 1043
Die jugendliche Tsa erwachte und streute Malven- und Fliederblüten über den Himmel am östlichen Horizont. Lyssandra warf einen Blick über die winterliche Landschaft. Der Ausblick von ihrem Zimmer über den Finsterbach und Ortschaft Urkenfurt war atemberaubend. Über dem Fluss standen durchscheinende Nebelschwaden und die Baumwipfel der Nadelbäume wirkten wie erstarrt im Reifkleid. Es war als hielte Dere den Atem an.
Melancholisch betrachtete die Finsterbornerin die Schönheit der Natur im Glanze des Boronmorgens. Ihr Vater hätte seine Freude gehabt. Doch ihm war der Anblick nicht mehr vergönnt.
Nach der nächtlichen Wacht am Totenbett hatte Lyssandra sich gewaschen und umgezogen. Übernächtigt fröstelte sie. Wie gut, dass sie den Umhang aus zotteligem Ziegenfell hatte. Der würde sie auch bei der bevorstehenden Verbrennung des Leichnams hoffentlich wärmen.
Als hätte sie geahnt, dass der Junkerin nach Wärme war, klopfte in diesem Augenblick Dorntrud an die Tür. Sie brachte ein Tablett mit heißem Kräutertee und einem warmen Brei. Dankbar lächelte Lyssandra sie an.
Die Köchin erwiderte das Lächeln. „Guten Morgen, Wohlgeboren! Ihr müsst Euch stärken. Es steht ein langer, harter Tag an und Ihr habt in der Nacht nicht geschlafen. Der Körper ist übermüdet und ausgekühlt.“
Mit einem Seufzen nahm die Finsterbornerin das Tablett entgegen. „Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit, Dorntrud! Das kann ich jetzt wirklich brauchen. Ist sonst alles soweit vorbereitet?“
Die Köchin nickte. „Ich nehme an, dass Traugunde Euch bald über alles informieren wird. Kann ich sonst noch was für Euch tun?“
Lyssandra schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich werde jetzt erstmal frühstücken.“
Die rundliche Köchin nickte und zog sich zurück.
Wenig später erschien Traugunde Plötzenbühler, die Hausdame, die sogleich mit den wichtigsten Informationen herausrückte.
„Guten Morgen, Wohlgeboren. Ich hoffe, Ihr konntet Euch ein wenig aufwärmen? Der Waffenknecht Eures Vaters, Leubrecht ist schon bereit und Bärnwart hat mir versichert, dass der Scheiterhaufen gerichtet ist. Ihr entscheidet, wann Euer Vater den letzten Weg antritt. Ich habe mir erlaubt, beim Töpfer im Ort eine Urne zu bestellen. Er bringt Euch eine Auswahl hierher. Dann könnt ihr nach der Einäscherung entscheiden, in welchem Gefäß Ihr Euren Vater auf sein Gut zurückbringen möchtet. Bruder Domarion ist auch schon wach. Er betet noch bei Eurem Vater.“
„Hab Dank, es geht mir besser. Und vielen Dank für deine Umsicht mit der Urne. Ich sehe sie mir an, wenn die Einäscherung stattgefunden hat. Ist es möglich für mich und diejenigen, die meinem Vater das letzte Geleit geben ein kleines Mahl zu bereiten?“, fragte Lyssandra die Hausdame.
Traugunde nickte. „Sicherlich. Ich werde sehen, wie viele Euch zum Brandbestattungsplatz begleiten werden. Dann können wir sicherlich ein entsprechendes Mahl bereiten. Dorntrud wird das gerne übernehmen.
Die Junkerin bedankte sich. „Dann sollen sich alle, die meinen Vater den letzten Weg begleiten wollen, zur Perainestunde versammeln. Willst du das bitte allen mitteilen?“
„Gewiss, Wohlgeboren!“, versicherte die Hausdame und empfahl sich.
Der Atem stand in dicke Wolken vor den Nasen und Mündern derjenigen, die Theofried von Finsterborn auf seinem letzten Weg begleiteten. Mehrere Männer des barönlichen Hausstandes hatten die Bahre geschultert. Ihnen voran ging der Geweihte, Bruder Domarion. Hinter dem Leichnahm liefen Lyssandra und Ritter Ludopoldt, dahinter der altgediente Waffenknecht des Finsterborners, Leubrecht.
Bärnwart begleitete den Leichenzug und auch die Magd Wigdis hatte es sich nicht nehmen lassen, mitzugehen. Traugunde hatte sich damit entschuldigt, dass sie alles für den Leichenschmaus vorbereiten musste.
Und so machte sich ein kleiner Leichenzug auf den Weg zum Brandbestattungsplatz außerhalb der Siedlung Urkenfurt, ganz in der Nähe des Boronangers, den sie am Vortag schon besucht hatten. In Urkentrutz war es zumeist üblich die Verstorbenen der Erde übergeben. Eine Feuerbestattung war eine kostspielige Angelegenheit, die Menge an Feuerholz war teuer und da das Sterbegeld oft schon ein dickes Loch in die Familienkasse riss, bestatteten die meisten Urkentrutzer ihre Toten in der Erde. Wer es sich leisten konnte, ließ einen Sarg tischlern, wer das nötige Geld dafür nicht aufbringen konnte, wickelte seine Toten in ein Leichentuch. Brandbestattung kam vor allem bei den Burgbewohnern und beim Ritterstand zum Tragen, da diese besonders rondragläubig waren. Zudem dann, wenn der Platz auf dem Boronanger nicht ausreichte oder man ahnte oder vermutete, dass es sich bei dem oder der Verstorbenen um einen Wiedergänger handeln könnte. Natürlich gab es auch Fälle, wie bei Theofried, wo der Verstorbene nicht in Urkenfurt, sondern seiner Heimat bestattet werden wollte. Da war eine Brandbestattung unerlässlich.
Der Scheiterhaufen war gerichtet. Mit Wohlgefallen sah Lyssandra, dass man neben dem üblichen, schnell herabbrennenden Fichtenholz und Birkenholz auch ein paar Kiefernäste eingearbeitet hatte. Die stark harzhaltige Kiefer verströmte beim Verbrennen einen angenehmen Duft.
Die Träger legten den Leichnam mit der Bahre zuoberst auf den Scheiterhaufen. Die Trauergemeinde nahm im Halbkreis darum ihre Plätze ein. Bruder Domarion begann die Rede mit einem Gebet an die Vereinende Göttin. Dann fand er sehr tröstliche Worte für Lyssandra und sprach vom rondragefälligen und traviafrommen Leben des Finsterborners, wie es ihm in der vergangenen Nacht geschildert worden war. Zuletzt hob er die Hände zum Himmel und bat Travia und Rondra, mit den reinigenden Flammen, die für gewöhnlich dem Wärmen des Heims und dem Zubereiten der Nahrung dienten, die Bande zu lösen, die Theofried von Finsterborn noch an Dere banden, und ihn an ihrer Tafel oder einem anderen Platz seiner Wahl in den zwölfgöttlichen Paradiesen willkommen zu heißen.
Er nahm aus den Händen eines Burgknechts die Fackel entgegen und gab sie an Lyssandra weiter. Nun war der Moment gekommen, endgültig Abschied von ihrem Vater zu nehmen. Sie dachte an ihre Geschwister, an Horatio und an Ysilda, die diesen Abschied nicht miterleben konnten. Mit einem leise im tiefsten Inneren ausgesprochene Wunsch, ihr Vater möge in Boron die verdiente Ruhe finden, legte sie Feuer an den Scheiterhaufen.
Schnell fraßen sich die Flammen durch das Holz. Die Fichten- und Kiefernäste barsten knackend, Funken stoben in die schneebedeckte Landschaft und schwarze Rußfetzen gingen gleich düsterer Schneeflocken auf der weißen Fläche nieder. Feuer und Schnee, ein Kontrast, der eine gewissen Schönheit in sich barg. Lyssandra lächelte. Sie wusste, ihr Vater hätte das zu schätzen gewusst. Die Harze überdeckten den Geruch von verbranntem Fleisch nicht vollständig, doch machten sie ihn erträglicher. Die Stille der Trauernden wurde nur vom Prasseln der Flammen und dem Knacken der berstenden Äste unterbrochen. Nach nicht einmal ganz einem Wassermaß brach der Haufen in sich zusammen und aus den hochauflodernden Flammen wurden Glutnester aus denen nur noch kleine Fämmchen züngelten.
Lyssandra beschloss den Rückweg zur Burg anzutreten. Sie bat die Anwesenden ihr zum Leichenschmaus zurück auf Burg Urkenfurt zu folgen. Das Gefühl der Leere hatte eine neue Dimension erhalten. Jetzt fühlte sie sich wirklich einsam. Trotz der vielen Menschen, die sie umgaben.
***
Die improvisierte Trauergemeinde auf Burg Urkenfurt saß schon eine Weile zusammen. Wie es so oft bei solchen Gelegenheiten war, herrschte eine eher ruhige, bedächtige Stimmung. Zwar fand das Essen nicht in betretenem Schweigen statt aber es gab nur leise, eher kurze Unterhaltungen. Nicht zuletzt deswegen bekam die Gesellschaft recht früh mit, dass wohl zunächst am Tor, dann am Stall und schließlich sogar im Haus irgendwas vor sich ging. Man konnte im Thronsaal nicht verstehen was für Worte gesprochen wurde, aber mit jedem Mal wurde klarer, dass die Worte in einer recht herrischen Tonlage, vermischt mit nur schlecht verdeckter Bedrohung gesprochen…nein mehr gerufen wurden. Die Trauergemeinde sah sich verwundert untereinander an und viele Schultern wurden gezuckt. Die Gedanken der meisten gingen in diesem Moment an die Götter und so mancher befürchtete wohl, dass sich eine weitere dramatische Wendung für die Burgbewohner abzeichnete. Dabei wünschte sich doch jeder nach den vergangenen Ereignissen vornehmlich Ruhe und Frieden. Lyssandra erhob sich und auch der phlegmatische Ritter Ludopoldt machte Anstalten, sich zu erheben. Beide wollten bereit sein, um dem zu begegnen, was da kommen sollte. Schwer polterte mindestens eine Person über die Treppen und Flure, die zum Thronsaal führten. Die Tür wurde ziemlich unsanft und sehr zügig geöffnet und ein schwer atmender, verschwitzter, gerüsteter Weidener Ritter stand in der Tür.
„WAS GEHT HIER VOR?“
Oberon von Uhlredder hatte ein paar Tage vor seinem Auftritt sein Gut verlassen, um die befreundete Familie von Finsterborn auf der Schwarzen Au zu besuchen. Er und die Erbin des Gutes, Lyssandra, waren seit ihrer Kindheit befreundet, kamen dem was Bruder und Schwester füreinander sind so nahe wie es ohne Blutsverwandtschaft möglich war. Oberon wusste was Lyssandra und ihr Vater bezüglich des Mädchenmörders vermuteten. Er hatte, so wie er es versprochen hatte, in den letzten Wochen jeden Moment mit Tageslicht im Sattel verbracht und rund um Stegelsche Ausschau gehalten nach dem Unhold, der diese Mädchenmorde begangen hatte. Nachdem er länger nichts von den Finsterborns gehört hatte, hatte er sich schließlich entschieden zur Schwarzen Au zu reiten. Dort angekommen hatte er aber erfahren, dass sowohl der alte Junker als auch seine Erbin vor einigen Tagen bereits nach Urkenfurt aufgebrochen waren. Das Gesinde wusste wohl nur, dass sie ernster Stimmung gewesen waren. Oberon bekam ein ungutes Gefühl. Vor dem Sonnenaufgang bereits ritt er los, in der Hoffnung noch an diesem Abend den Baronssitz zu erreichen. Doch einige Meilen vor Urkenfurt machte das Schicksal ihm einen Strich durch die Rechnung. Sein Pferd verlor ein Hufeisen und da Oberon nicht sofort stoppte, vertrat es sich danach und konnte nicht mehr weiter. Zum Glück war in erreichbarer Entfernung ein Gasthof in dem Oberon einkehren konnte. Dort erfuhr er aber etwas, was ihm fast das Blut gefrieren ließ. Ein Reisender, der auf der Burg versucht hatte ein paar Töpfe zu verkaufen, berichtete, dass es dort wohl eine große Katastrophe gegeben hätte. Er wusste nichts Genaues, aber es gab etliche Tote, mehrere Beerdigungen und dergleichen. Oberons Sorge zu spät zu kommen, um seiner Freundin beizustehen, wie er es versprochen hatte, brachte ihm eine nahezu schlaflose Nacht. Erneut weit vor dem Sonnenaufgang brach er auf. Es war außer einem recht alten Maultier nichts als Ersatz für sein Pferd zu bekommen gewesen und so kam es, wie es kommen musste: das ungewohnte Gewicht und die ungewohnt schnelle Gangart bekamen dem armen Tier nicht gut. In Sichtweite der Burg, Oberon meinte eine Rauchfahne zu erkennen, gab es auf. Es war durch nichts mehr zu bewegen weiter zu laufen. Oberon, der das Tier auch nicht zu Schande reiten oder es gar mit blutigen Schlägen antreiben wollte, nahm also für die restliche Strecke Schusters Rappen. Was gar nicht so einfach war, in Rüstung und bewaffnet. Die Sorge trieb ihn an und so erreichte er schließlich Stunden später die Burg. Der dort stationierte junge Wächter, sichtbar überfordert von der Situation, wollte ihn nicht einlassen, aber Oberons Geduld war am Ende. Er befürchtete das Schlimmste. Mit Autorität, Gebrüll und einer Maulschelle die sich gewaschen hatte überwand er den nun für Wochen gezeichneten jungen Torwächter. Nach der „Befragung“ eines Stallknechtes und einer Magd, die er unterwegs traf, erfuhr er wo sich die „neuen Herrschaften“ aufhielten. Und so landete er schließlich an der Tür des Thronsaals.
Dass er Lyssandra erblickte hielt ihn davon ab seine Waffe zu ziehen, aber die Finsterbornerin, die ihren Freund seit Kindestagen gut kannte, sah das er kurz davor war „Uhlgosch“ zu ziehen. Der prächtige, verzierte Rabenschnabel mit Eulensymbolik war das Familienerbstück der Uhlredders und seit Generationen die Waffe des jeweiligen Herrschers von Stegelsche.
„Oberon! Halt ein!“, rief Lyssandra erschrocken. „Es ist alles in Ordnung…“
Sie unterbrach sich und schüttelte schließlich traurig den Kopf.
„Nein, eigentlich ist gar nichts in Ordnung, mein Freund…, komm erstmal und setz dich zu uns. Wir halten den Leichenschmaus für meinen Vater ab… nur zwei Tage nachdem wir die Familie von Hartenau beerdigt haben…“
Oberon brauchte in paar Momente, um das zu verarbeiten, was Lyssandra ihm gerade gesagt hatte. Momente, in denen er misstrauisch die anderen Anwesenden anfunkelte. Als ob er herausfinden wollte, ob diese irgendeine Untat planten. Dann aber griff die Erkenntnis und seine Schultern sackten hinunter.
„Für deinen Vater…nach der Beerdigung der Familie von Hartenau…“, ungläubig sah er Lyssandra an. Hoffte, sie würde ihre eigenen Worte berichtigen oder er habe sie nur falsch verstanden. Aber nichts dergleichen geschah. Er setzte sich und wirkte ziemlich fassungslos
„Aber wieso… wie…und warum?“
„Oh, Oberon, das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Nimm Platz, dann erzähle ich dir, was sich in den vergangenen Tagen zugetragen hat. Bei den Ereignissen, die stattfanden, bevor mein Vater und ich auf die Burg kamen, können mich die Burgbewohner unterstützen oder berichtigen, wenn ich etwas Falsches sage.“
Ludopoldt nickte. Er grüßte Oberon freundlich und ging zur Tafel zurück. Bärnwart bot Oberon seinen Platz, links neben Lyssandra und gegenüber von Ludopoldt an. Nachdem Wigdis dem Ritter ein Bier gebracht hatte, begann Lyssandra, unterstützt von Ritter Ludopoldt die Ereignisse zu rekonstruieren. Immer wieder bat sie Wigdis, Traugunde Plötzenbühler oder Bärnwart ihre Angaben zu bestätigen oder zu ergänzen. Sie endete mit dem Tod ihres Vaters am Tag nach dem Fenstersturz des Baronets.
„So, jetzt kennst du die Geschichte vom traurigen Ende der Baronsfamilie und dem betrüblichen Tod meines geliebten Vaters. Ich weiß noch gar nicht, wie ich das verarbeiten soll. Nie habe ich in so kurzer Zeit außerhalb von kriegerischen Auseinandersetzungen so eine Vielzahl von Todesfällen erlebt.“
Oberon war nachdem Lyssandra ihren Bericht beendet hatte, erst einmal ziemlich niedergeschlagen. Mit ständig steigender Erschütterung und Unglauben hatte er die Ereignisse und Hintergründe aufgenommen. Zwischendurch hatte er sich einen Schnaps geben lassen und diesen gestürzt, wirkte inzwischen aber eher als ob ihm übel war. Ungläubig schüttelte er den Kopf
„Das das alles so kommen musste, hätte sie noch gelebt, so würde ich schwere Klage gegen die Grimmwulf führen. Zu viele Unschuldige zuletzt deinen lieben Vater hat das alles gekostet. Die Eidmutter lehrt uns die Familie als höchstes zu achten…aber nicht so und nicht zu diesem Preis. Sie hätte Ingrold viel früher…“, er ließ den Kopf sinken.
„Ach was nützt es jetzt noch darüber zu hadern…das ist alles Vergangenheit.“
Er richtete sich auf und legte Lyssandra die Hand auf die Schulter
„Ich werde deinen Vater nie ersetzen können und du bist mir weit mehr eine Schwester als eine Tochter, auch wenn ich einige Winter älter sein mag als du. Aber sei versichert, ich bin an deiner Seite! Was auch immer deine nächsten Vorhaben sind! Die Asche deines Vaters nach Hause bringen, die Gräfin informieren… Wenn du es nicht ablehnst werde ich dich begleiten!“
Lyssandra legte den Kopf kurz an die Schulter ihres brüderlichen Freundes.
„Ich danke dir. Ja, es ist alles sehr schmerzlich gewesen. Die vergangenen Wochen, Tage, Stunden… der Alptraum schien kein Ende zu nehmen.“
Sie richtete sich wieder auf und straffte das Rückgrat.
„Doch, lassen wir das für heute ruhen! Ich werde morgen nach Pallingen aufbrechen, um der Gräfin Bericht zu erstatten. Ritter Ludopoldt übernimmt hier das Kommando, bis Griseldis entschieden hat, was mit dem verwaisten Baronsthorn passieren soll. Die Urne mit den eingeäscherten Überresten meines Vaters lasse ich zunächst hier in der Burgkapelle. Auf dem Rückweg von Pallingen werde ich sie abholen und dann mit meiner Familie gemeinsam die Beisetzung planen. Leubrecht fährt mit der Kutsche zurück in die Schwarze Au. Wenn du mich begleiten möchtest, könnte er von der Schwarzen Au einen Boten nach Stegelsche schicken, der deiner Frau mitteilt, dass du mich begleitest. Damit sie sich keine Sorgen macht.“
Oberon nickte mehrfach.
„Ich denke das ist ein guter Plan. Selbstverständlich werde ich dich begleiten du musstest nun genug Last alleine tragen!“
Darf's a bisserl mehr sein? Eine blutige Geschichte für Gräfin Griseldis
Burg Rotdorn, Gräflich Pallingen, 24. Boron 1043
Nach eine Nacht bei ihrem gemeinsamen Freund, Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese, auf dessen Gut an der Baroniegrenze zwischen Urkentrutz und Pallingen trafen Lyssandra von Finsterborn und Oberon von Uhlredder auf Burg Rotdorn ein. Sie trugen sich in die Liste derjenigen ein, die eine Privataudienz bei der Gräfin baten. Dabei half das Schreiben, das die Gräfin der Finsterbornerin ausgestellt hatte wahre Wunder. Ihnen wurde sofort zugesichert, dass sie noch am selben Tag mit einer Audienz rechnen konnten. Solange bat man sie auf der Burg zu bleiben und versorgte sie mit Getränken.
Oberon ging ungeduldig auf und ab. Auch wenn er inzwischen einige Tage Zeit gehabt hatte die Vorkommnisse zu verarbeiten war er noch immer aufgebracht. Aufgebracht darüber, dass es so vielen Unschuldigen den Tod gebracht hatte, nicht zuletzt Lyssandras Vater, bevor der Kern des Übels gefunden war. Oberon wusste, dass man über Tote nicht schlecht sprach und hatte auch zugesagt Lyssandra das Reden zu überlassen und sich nur zu Wort zu melden falls er gefragt wird. Aber er war deutlich der Meinung, dass die verstorbene Baronin für zu mindestens einige Tote die Mitschuld trug.
„Kann eigentlich nicht sein, dass wir hier jetzt warten müssen… die Gräfin weiß doch weswegen du unterwegs warst…wir sollten vielleicht einfach reingehen?“
„Bist du wahnsinnig?“ Zwischen Lyssandras Augenbrauen zeigte sich eine steile Falte. „Du wirst es nicht glauben, aber eine Gräfin hat mehr zu tun als uns zuzuhören. Ich denke zwar auch, dass sie nach meinem Bericht anders denken wird, aber das kann sie doch jetzt noch nicht wissen. Hast du schon mal eine ganze Grafschaft geleitet? Was denkst du wohl was da alles entschieden werden muss? Fass dich in Geduld!“
Es war offensichtlich, dass sich die Junkerin über die Ungeduld ihres Freundes ärgerte. Aus seiner Sicht war das zwar verständlich, doch hatte sie schon erwartet, dass er fähig wäre, sich in die Gräfin hineinzuversetzen. Offenbar fälschlicherweise.
Oberon runzelte die Stirn und sah Lyssandra kurz böse an. Er war sichtbar immer noch anderer Meinung. Er nickte Lyssandra zu und gab ihr damit wortlos zu verstehen, dass er ihre Haltung vielleicht nicht teilte, aber sie akzeptierte und ihr folgte.
„Verzeih mir…ich bin hier um dich zu unterstützen!“
Einen kurzen Augenblick war Lyssandra versucht Oberon zu sagen, dass er sich förmlich aufgedrängt hatte, dann aber besann sie sich. Sie war ja froh und dankbar in dieser schweren Zeit nicht alleine zu sein. Also erwiderte sie: „Das weiß ich doch und dafür bin ich dir unendlich dankbar!“
Tatsächlich dauerte es danach auch nicht mehr lange, bis die Urkentrutzer zum Gespräch gebeten wurden. Diesmal nicht in das kleine Arbeitszimmer, das Lyssandra bereits kannte, sondern in ein größeres, deutlich repräsentativeres. Griseldis empfing die Finsterbornerin mit einem freundlichen Lächeln, den von Uhlredder hingegen bloß mit einem prüfenden Blick. Offenbar konnte sie sich nicht ganz erklären, was dessen Anwesenheit sollte.
Sie hakte aber auch nicht nach, sondern grüßte die beiden bloß höflich im Namen Travia, Rondras und Ifirns. Dann ließ sie sich Oberons Namen wie Herkunft geben, hob überrascht die Brauen, als sie ersteren hörte.
Oberon sagte nicht viel. Eine der Etikette entsprechende Begrüßung, mehr kam nicht. Er stellte sich schräg links hinter Lyssandra und deutete mit einem leichten Nicken an, dass sie es sein würde, die das Wort führen würde. Danach wirkte er mehr wie ein breitbeinig dastehendes, Bauch rein, Brust raus-Monument der Unterstützung. Eine. die sich anhand von Rüstung, Schwertgurt mit Langschwert und Eberfänger, natürlich mit Friedensband gesichert, und Haltung als eine der eher rustikaleren Art darstellte. Den Abschluss bildeten dazu dann die vor der Brust verschränkten Arme bei denen die Hände so positioniert waren, dass sie den Bizeps anhoben und betonten.
Griseldis nahm dieses Verhalten mit abermals gehobenen Brauen zur Kenntnis. Lyssandra kannte die junge Gräfin nicht gut, hatte ja selbst erst einmal länger mit ihr gesprochen. Aber eins stand unzweifelhaft fest: So überraschend ihr Auftauchen beim letzten Treffen gewesen sein mochte und so unschön die Kunde, die sie brachte, nicht ein einziges Mal hatte die Miene der Pallingerin so verschlossen und abweisend gewirkt wie jetzt. Offenbar schätzte sie es nicht sonderlich, dass dass die Finsterbornerin einen Rittersmann mitgebracht hatte, der sich hinter ihr aufbaute, als würde im Haus der Gräfin irgendeine Gefahr drohen oder ihr gar jemand an die Flicken wollen.
Sie bedachte Lyssandra mit einem Blick, in dem sich Verwunderung und Enttäuschung die Waage hielten, ließ aber auch diese Begebenheit unkommentiert und kam lieber gleich zur Sache. Sie wusste natürlich bereits, dass Lyssandra wegen ihrer Ermittlungen an den Grafenhof zurückgekehrt war. Deshalb fackelte sie auch nicht lange, sondern bat gleich um einen Bericht.
„Die Zwölfe zum Gruße, Hochwohlgeboren. Ritter Oberon von Uhlredder begleitet mich zum einen als moralische Unterstützung, weil mich die Ereignisse der vergangenen Tage doch sehr mitgenommen haben, aber auch, weil ich froh bin, dass jemand bestätigen kann, was ich euch sogleich berichten werde. Die Ereignisse waren so unfassbar, so unbeschreiblich verwirrend, dass Ihr mir womöglich keinen Glauben schenken würdet.“
Mit diesen Worten versuchte Lyssandra zu erklären, warum sie nicht alleine zur Gräfin gekommen war.
"Wie käme ich denn dazu, den getreulichen Bericht einer Weidener Ritterin in Zweifel zu ziehen, Wohlgeboren?", lautete die knappe Erwiderung der Gräfin. Sie schüttelte sacht den Kopf und machte dann eine auffordernde Geste. "Legt los und bitte vertraut darauf, dass ich Euch Glauben schenken werde."
Lyssandra rang die Hände, verhakte die Finger ineinander und begann dann zu schildern, was sie in Urkenfurt erlebt hatte. Sie erzählte zunächst, was sie in Herzoglich Dornstein erfahren hatte und wie sie beschlossen hatte, auf dem Rückweg zu Griseldis, die Baronin Grimmwulf von Hartenau davon in Kenntnis zu setzten, dass ihr Sohn Ingrold nicht, wie vermutet, im Traviatempel in Dorngrund, war. Dann schilderte sie, wie eine der Mägde und schließlich auch die Burgwachen sie und ihren Vater ins Vertrauen zogen und, von den schicksalhaften Begebenheiten im Thornsaal berichteten, bei denen die Geweihte Mutter Marinad und dann auch das Baronspaar den Tod gefunden hatten. Dabei betonte Lyssandra, dass Ingrold wohl nur den Tod von Pirejus von Gortdingen selbst verursacht hatte, die anderen beiden Tode und letztlich auch der Tod des Baronets, Unfälle gewesen waren. Genauestens berichtete die Finsterbornerin von Ingrolds Gebaren als sie und ihr Vater die Toten bergen wollten und auch von dem spektakulären Fenstersturz, der dem letzten Nachkommen der Hartenaus ein Ende setzte.
„Und damit nicht genug, die Ereignisse und vielleicht auch der Stoß gegen den Kopf haben der angeschlagenen Gesundheit meines Vaters nicht gutgetan. Er starb in der Nacht nach dem selbstverschuldeten Unfalltod Ingrolds von Hartenaus.“
Nachdem die Finsterbornerin geendet hatte, herrschte einen Moment lang Schweigen im Raum. Schon während sie sprach, war klar erkennbar gewesen, wie sehr die Gräfin Anteil nahm, an dem was sie hörte. Und nun wirkte sie tatsächlich betroffen. An ein paar Stellen hatte sie vorsichtig nachgehakt, um besser zu verstehen, was Lyssandra erzählte. Dabei schien durch, wie unglückselig sie die Situation fand - traurig und bedrückend und nicht etwa als Anlass zur Rage.
"Es tut mir wirklich ausgesprochen leid, das alles zu hören", meinte sie schließlich. "Besonders das von Eurem Vater, der nun ja sozusagen in Erfüllung einer Aufgabe des Grafenhofs verstorben ist." Sie zögerte einen Moment und seufzte dann leise; "Seid Euch meiner aufrichtigen Anteilnahme gewiss. Gibt es irgendetwas, womit ich Euch in dieser Sache helfen kann? Oder ist bereits alles veranlasst?"
„Habt Dank für die Anteilnahme. Er war ein tapferer und mutiger Mann, der die Diplomatie hochhielt und nichts unversucht ließ Auseinandersetzungen friedlich zu lösen. So auch in diesem Fall. Ich bin sehr stolz auf ihn.“
Lyssandra atmete tief ein und aus. „Das Wichtigste ist bereits geschehen. Mutter Marinad, die gebürtige Urkenfurterin war, wurde auf dem Boronanger der Siedlung beigesetzt. Die Familie von Hartenau stammt ursprünglich aus der Heldentrutz, aber da es, wie Ritter Ludopoldt berichtete, keine lebenden Verwandten mehr gibt, hielten wir es für angebracht, die Toten, die bereits ein paar Tage im Thronsaal gelegen hatten, schnellstmöglich zu begraben. Auch dies geschah auf dem örtlichen Boronanger. Meinen Vater habe ich verbrennen lassen. Seine Urne werde ich auf dem Heimweg mit in die Schwarze Au nehmen, wo er ein angemessenes Begräbnis erfahren wird. Und Ritter Ludopoldt übernimmt zunächst stellvertretend die Leitung von Burg Urkenfurt bis Ihr, Hochwohlgeboren, über die zukünftige Belehnung der Baronie entschieden habt.“
Nach der Schilderung der Dinge, die schon erledigt waren, kam die Finsterbornerin dann aber doch noch auf eine Sache zu sprechen, die ihr am Herzen lag. „Da wäre allerdings noch eine Angelegenheit zu erledigen. Ich würde gerne einen lokalen Steinmetz beauftragen, ein Epitaph für die Baronsfamilie von Hartenau zu fertigen, das in der Burgkapelle oder an der Außenmauer Platz finden und an die tragischen Ereignisse erinnern soll. Wenn das Eure Zustimmung findet, würde ich mich auf dem Rückweg darum kümmern.“
Griseldis musterte die Finsterbornerin nachdenklich und – wie die zu erkennen meinte – mit neu erwachtem Interesse im Blick. Sie saß eine ganze Weile schweigend da und es war unmöglich, zu sagen, was hinter ihrer Stirn vorging. Schließlich aber nickte sie leicht und räusperte sich vernehmlich.
„Das ist ein hehres Anliegen, Euer Wohlgeboren, und es findet meine Zustimmung. Die Familie ganz in Vergessenheit geraten zu lassen, erschiene mir nicht recht. Und wenn Ihr ein Epitaph für angemessen haltet, bin ich gern bereit, Euch in diesem Ansinnen zu unterstützen. Ihr müsst dafür aber nicht nach einem Steinmetz suchen: Wie der Zufall es will, halten sich gerade gleich mehrere davon auf Burg Rotdorn auf. Ihr wisst ja, dass hier noch viel getan werden muss. Wir nehmen einfach einen von denen. Ich schicke ihn hinter Euch her, sobald ich ihn erübrigen kann.“
Nachdem das gesagt war, verfiel die Gräfin erneut in Schweigen, diesmal aber nur kurz. „Ihr werdet Euren wohlgeborenen Herrn Vater nun beerben, nicht wahr? Ihr seid seine älteste Tochter, soweit ich weiß? Viel mehr ist mir allerdings nicht bekannt, außer, dass die Familie Finsterborn eine lange Tradition hier in der Grafschaft Bärwalde hat. Könnt Ihr mit bitte ein paar Takte zu Eurer Familie und zu dem Gut sagen, das Ihr verwaltet?“
Lyssandra von Finsterborn nickte auf die Frage, ob sie die älteste Tochter Theofrieds sei und damit seinen Titel und das Lehen erben würde.
„So ist es, ich bin die älteste Tochter meines Vaters. Mein Bruder Horatio ist zwei Jahre jünger, Ysilda, das Nesthäkchen, ist zwölf Jahre jünger als ich. Somit erbe ich das Junkergut Schwarze Au und auch den Titel. Die Finsterborns sind tatsächlich schon seit der Zeit der Priesterkaiser in der Grafschaft Bärwalde und sogar in Urkentrutz verbrieft. Unser Stammsitz war ein Turm am Bingenbach, der den Urkenweg und die Straße in Richtung Urken bewachte. Er wurde mehrfach zerstört. Nach einer dieser Zerstörungen haben meine Vorfahren das Gut Schwarze Au gebaut und später einen neuen Turm auf den Ruinen des alten errichtet. Er wird von uns „der alte Theo“ genannt, weil die ältesten Söhne der Finsterborns üblicherweise Theofried heißen. Mein Zweitgeborener übrigens auch. Bei meinem Bruder hat sich wohl meine Mutter durchgesetzt, Horatio heißt allerdings Theofried mit zweitem Namen.“
Nach dem Ausflug in die Finsterborner Namenskunde erzählte Lyssandra vom Junkergut.
„Das Gut liegt direkt am Bingenbach, der auch den Teich speist, der das Gut auf einer Seite umgibt. Die andere Seite ist vom Hochufer des Bingenbachs geschützt. Mein Vater hat das Gut vor einigen Jahrzehnten mit einer einfachen Mauer mit Wehrgang und kleinen Wachtürmen umgeben. Innerhalb des Mauerrings befindet sich das Gutshaus, leicht erhöht auf einem künstlichen Hügel, ebenso wie „der alte Theo“, der sich auch auf einem künstlichen Hügel erhebt. Ich nehme an, dass sich darunter die Reste der Vorgängerbauten befinden. Das zum Junkergut gehörige Land ist geprägt vom Bingenbach. Da ist zum einen ein Auwald, mit der typischen Fauna und Flora, und im Hinterland des Baches fruchtbares Acker- und Weideland, sowie ausgedehnte Streuobstwiesen. Seinen Namen hat die Schwarze Au wohl zum einen von den dunklen Rohrkolben am Bingenbach und seinen Überschwemmungsbereichen, zum anderen von den Früchten der Vierblättrigen Einbeeren, die zuhauf dort wachsen. Zum Lehen gehören auch zwei Dörfer, nämlich das Dorf Schwarze Au und das Dorf Urken an der Straße nach Herzoglich Waldleuen. Ihr müsst uns unbedingt einmal besuchen kommen, Hochwohlgeboren, und unsere berühmte Einbeerenmarmelade probieren!“
„Einbeerenmarmelade, ja. Davon habe ich welche als Hochzeitsgeschenk aus Urkentrutz erhalten“, murmelte Griseldis. „Wenn ich das richtig verstehe, ist ... war Ihre Hochgeboren Grimmwulf eine eifrige Verfechterin der Ansicht, dass es in ganz Weiden keine bessere Marmelade gibt. Und sie hat gern Kostproben davon überall hin mitgenommen? Nun, ich muss gestehen, dass ich davon bisher nicht gekostet habe. Irgendwie ... hat sich ... noch keine Gelegenheit ergeben.“
Nachdem das gesagt war, schweifte der Blick der Gräfin ab. Die Erwähnung der Marmelade und Grimmwulfs schien sie gedanklich ein wenig aus der Bahn geworfen zu haben. Kurz starrte sie schweigend ins Leere und sah Lyssandra dann wieder an. „Wie ist es mit Euch, Wohlgeboren? Erzählt mir doch bitte etwas über Euren Werdegang. Ihr seid eine Weidener Ritterin, nicht wahr? Obwohl Eure Mutter aus dem Horasiat kam und sich womöglich etwas anderes für ihre Töchter vorgestellt hatte? Als Erbin des Gutes blieb Euch wahrscheinlich keine Wahl? Wo habt Ihr Eure Knappenschaft verbracht? Und wart Ihr mal im Alten Reich?“
Ein wenig überraschte es Lyssandra, dass die Gräfin so viel von ihr wissen wollte. Sie hatte eher erwartet, dass Griseldis mehr zu den Todesfällen auf Burg Urkenfurt wissen wollen würde. Aber vielleicht wollte sie ihr Gegenüber auch erst besser kennenlernen, um feststellen zu können, ob sie ihr trauen konnte, was die absurde Geschichte rund um das Ende der Hartenaus anging. Also antwortete die Finsterbornerin wahrheitsgemäß.
„Eine Wahl hatte ich zwar nicht, aber hätte ich auch nicht haben wollen. Ich bin in dem Selbstverständnis aufgewachsen, als Älteste das Gut zu übernehmen, und auch die Ausbildung zur Ritterin war ganz in meinem Sinne. Die Pagenzeit habe ich auf Gut Stegelsche der von Uhlredders verbracht.“
Sie sah sich nach Oberon um. „Ritter Oberons Onkel Otus hatte ein Auge auf meine Grundausbildung. Knappin war ich dann bei Ritter Accolon von Chircin, dem Gemahl Yolandas von Brachfelde. Es war eine hervorragende Schule, mein Schwertvater streng und gerecht, seine Gemahlin in vielem ein echtes Vorbild. Meine Schwertleite erhielt ich nach dem Ysilia-Feldzug. Danach nahm ich die Einladung der Familie meiner Mutter aus dem Lieblichen Feld an und verbrachte drei Jahre bei Garis und Alisa ya Papilio auf Gut Montalto. Mein Onkel war zu dem Zeitpunkt Inspectionsrat in der Verwaltung der Domäne Pertakis, er hat sich als Baumeister viel mit Befestigungsarchitektur befasst. Ich habe ihn auch öfter auf Auswärtstermine begleitet und Erfahrung in der Verwaltung gesammelt. Die Tante, Alisa ya Papilio, war zu der Zeit Iustitiarin, also oberste Richterin der Domäne Peratiks, so dass Rechts- und Staatskunde ein beliebtes Thema im Hause war.“
Die Finsterbornerin schien ihren Gedanken nachzuhängen. Dann fiel ihr noch ein, dass Griseldis vermutet hatte, dass ihre Mutter sich eine andere Zukunft für ihre Tochter vorgestellt haben könnte. Dem wollte sie noch wiedersprechen.
„Meine Mutter war glücklich in Weiden. Natürlich hat sie Wert auf Etikette und Bildung gelegt und doch sicher das ein oder andere ihrer Erziehung im Horasiat in die Erziehung ihrer Kinder einfließen lassen. Dennoch war es für sie selbstverständlich, dass ihre Kinder in Weiden ihre Heimat haben. Und ganz ehrlich, Hochwohlgeboren, das Leben in der horasischen Gesellschaft ist ganz schön anstrengend. Es gibt so viele Kleinigkeiten zu beachten. So viele kleine Fallen, in die man tappen kann…“
Lyssandra rollte mit den Augen. „Ein falsches Wort oder Bewegung, oder ein falscher Wink mit dem Fächer…naja, meine Tante hat extra einen „Tanzlehrer“ für mich engagiert, der mich gedrillt hat in all den ach so wichtigen Kleinigkeiten, die ein Horasier für essentiell erachtet und um mir einen Fauxpas zu ersparen, bei denen die Familie meiner Mutter vor Scham im Boden versunken wäre.“
Die Junkerin seufzte. „Kurz und gut, ich bin gern nach Weiden zurückgekehrt, wenngleich ich viel gelernt habe und es auch einige moderne Errungenschaften im Horasreich gibt, von denen wir Weidener durchaus profitieren könnten.“
"Ich schätze, in jeder Provinz gibt es Kleinigkeiten, über die man stolpern und zu Fall kommen kann, wenn man sich nicht auskennt", meinte Griseldis nachdenklich. "Ich kann mir gut vorstellen, dass es im Alten Reich komplizierter ist als hier bei uns, aber die Folgen sind vermutlich auch nicht viel schmerzhafter."
Sie überlegte kurz und hob dann die Schultern: "Klingt, als wärt Ihr weit herumgekommen und hättet dabei ganz verschiedene Erfahrungen gesammelt, Wohlgeboren. Gut für Euch und auch für das Lehen, dessen Verwaltung Ihr nun übernehmen werdet. Wie lange lebt Ihr denn schon wieder in Urkentrutz? Und was ist eigentlich mit Eurem Mann?"
Die Junkerin aus der Schwarzen Au begann sich zu entspannen und das Gespräch mit der Gräfin sogar zu genießen. Sie fand es ungewöhnlich, dass die Hochadelige so für ihr bescheidenes Leben interessierte. Sie hatte doch sicher wichtigere Dinge, mit denen sie sich beschäftigen musste.
„Ich bin 1026 nach Weiden zurückgekehrt. Die Herzoginmutter, wie ihr wisst selbst aus dem Horasreich stammend, lud mich ein, ihr von Neuigkeiten aus der alten Heimat zu erzählen. Ich genoss ein paar Monde lang ihre Gastfreundschaft und lernte dabei meinen Mann kennen. Er war einer der Baumeister im Dienste der Herzogin, zuständig für die Steinbeschaffung. Meine Erfahrungen mit der Baukunst des Horasreichs führten dazu, dass wir immer Gesprächsstoff hatten. Nun, ich will gar nicht zu ausführlich werden. Ich bat meinen Vater einem Bündnis mit einem Bürgerlichen zuzustimmen."
Sie machte eine Pause, wurde nachdenklich. Dann fuhr sie fort. „Ich denke er hat es nie bereut. Er schätzte Wonnebolts zupackende Art und profitierte auch von seinem Fachwissen, was die Befestigung des Gutshofes anging. Wonnebolt war ein wunderbarer Mann und liebevoller Vater."
An diesem Punkt des Berichts hob die Gräfin überrascht die Brauen und Lyssandra meinte fast, sie würde noch aufmerksamer zuhören als vorher schon. Ein leicht wehmütiger Ausdruck trat auf Griseldis' Züge, als sie die Geschichte über diese ungewöhnliche Hochzeit hörte. Irgendwie schien sie etwas in ihr anzurühren --- und zwar nicht auf negative, sondern durchaus positive Art.
"Leider ereilte ihn schon früh Borons Ruf", fuhr die Finsterbornerin unterdessen fort. " Er starb 1034, als er für die Herzogin einen Steinbruch in der Langen Klamm inspizierte. Der andauernde Regen muss den Hang unterspült haben, der in Bewegung kam und ihn und seinen Trupp Arbeiter begrub.“
Die Erinnerungen waren schmerzlich. Sie war damals mit Eylin, ihrer Jüngsten, schwanger gewesen. Die Nachricht, und wenig später der Anblick des übel zugerichteten Körpers, hatten ihr schwer zugesetzt. Letztlich hatte es sie und ihren Vater nur noch mehr zusammengeschweißt. Theofried hatte versucht, ihren Kindern den Vater zu ersetzen und hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen gehabt.
„Das Junkergut Schwarze Au ist mir immer ein sicherer Hafen gewesen und es bot auch unserer verjüngten Familie genug Platz. Mein Vater liebte es, seine Enkelkinder um sich zu haben. Meine jüngste Tochter Eylin lebt noch bei uns. Die beiden älteren sind ja bereits in der Knappenschaft.“
"Ein recht bewegtes Leben, will mir scheinen, aber auch ein erfülltes", meinte die Gräfin und wog gedankenverloren den Kopf. "Jetzt kommen auch noch diese verrückte Geschichte und der Verlust Eures Vaters dazu. Die gesamte Entwicklung ist ... wirklich sehr bedauerlich." Griseldis überlegte kurz, ehe sie schwer seufzte: "Und der Junge hat wirklich gerufen, dass Hochwürden ausharren soll, weil er im Begriff sei, Hilfe zu holen? Als er aus dem Fenster sprang?"
„Ganz ehrlich, Hochwohlgeboren, er wirkte in keinster Weise planvoll, eher verwirrt und nicht Herr seiner Sinne. So wie es schien, wollte er gerade den Tod der Geweihten Mutter Marinad gar nicht wahrhaben. Er behandelte sie, als sei sie lediglich verletzt, als könne sie jederzeit die Augen wieder aufschlagen. Die Geschehnisse dieser Tage müssen seinen Geist schwer verwirrt haben. Und irgendwie betrachtete er auch meinen Vater und mich wohl eher als eine Bedrohung, denn als Hilfe. Anders kann ich mir den Ausruf, dass er Hilfe holen wolle, bevor er aus dem Fenster sprang, wirklich nicht erklären.“
Lyssandra sah die Gräfin nachdenklich an. „Wen er wohl um Hilfe bitten wollte? Ich wüsste gerne, von wem er sich Hilfe erwartet hätte. Insgesamt war die ganze Situation mehr als absurd. Ingrold sah uns ja auch gar nicht an. Als wir uns ganz vorsichtig ihm und den mutmaßlich Verletzten näherten, wirkte vollkommen teilnahmslos.“
Der Gesichtsausdruck und die gesamte Körperhaltung der Finsterbornerin schwankten zwischen Verzweiflung und Unverständnis.
„Glaubt mir, Gräfin, etwas Vergleichbares ist mir in meinem Leben noch nicht passiert.“
„Ich glaube Euch“, erwiderte die Gräfin seelenruhig und ihre Miene verriet, dass dem tatsächlich so war. Es verhielt sich genau, wie sie am Anfang des Gesprächs angekündigt hatte: Nicht ein Wort des Zweifels kam über ihre Lippen. Sie nahm das, was die Finsterbornerin ihr erzählt hatte, für bare Münze – so schwer es für einen gesunden Verstand auch nachvollziehbar sein mochte. „Ich denke mal, das ist auch besser so, oder nicht? Wenn einem derlei öfter im Leben wiederfahren würde, geriete man am Ende noch ins Zweifeln. Es ist ja auch nicht leicht, so etwas zu verarbeiten und zu verkraften. Es passt einfach nicht in unsere Vorstellung von dem, was logisch und gut und ... irgendwie ‚richtig‘ ist.“
Wie zu erwarten gewesen war, war auch Griseldis schockiert und irritiert von dem Bericht über die Ereignisse auf Burg Urkenfurt.
„So ist es, Hochwohlgeboren. Es ist mit gesundem Menschenverstand kaum nachvollziehbar was den jungen Mann zu seinen Taten getrieben hat und ich nehme gar an, dass er sich derer noch nicht einmal vollständig bewusst war. Wenn man von einem Unrechtsbewusstsein überhaupt ausgehen kann. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass er ganz grundsätzlich nicht komplett zwischen Realität und Wahn unterscheiden konnte … vermutlich der Ursprung all der Gräueltaten …“
Nachdem das gesagt war, hielt Griseldis einen Moment nachdenklich inne. „Wenn ich mich recht entsinne, habt Ihr vorhin gesagt, dass Ritter Ludopoldt es übernehmen soll, Burg Urkentrutz zu führen, bis ich einen Verwalter und irgendwann auch einen neuen Baron bestellt habe. Wie kommt es denn dazu, Wohlgeboren?“, fragte sie dann. „Hat Ihre Hochgeboren Grimmwulf etwa keinen Kastellan gehabt, der diese Aufgabe fürs Erste übernehmen könnte? Oder ist das bislang auch die Aufgabe von Herrn Ludopold gewesen?“
Lyssandra pausierte nachdenklich.
„Die Burg ist bei Ritter Ludopoldt zumindest vorübergehend in guten Händen“, meinte sie dann. „Er hatte wohl gemeinhin ein wenig die Aufgabe eines Kastellans. Zudem gibt eine Hausdame, Traugunde Plötzenbühler, die der gute Geist des Baronshaushalts ist. Ritter Ludopoldt ist bereits seit Jahrzehnten der Dienstritter der Baronin von Urkentrutz, war ihr in jeder Hinsicht loyal ergeben, so dass ich davon ausgehen konnte, dass er mit allen notwendigen Aufgaben wohlvertraut ist.“
„Das mag sein, Wohlgeboren, aber Ritter Ludopoldt ist nicht derjenige, der hierher zu mir kam, als sich abzeichnete, dass etwas in Urkentrutz nicht mit rechten Dingen zugeht“, erwiderte Griseldis, diesmal ganz ohne zu zögern. „Ich respektiere das auf der einen Seite, denn unbestreitbar gehören Loyalität und Gehorsam gegenüber der Dienstherrin zu den ritterlichen Tugenden. Andererseits sind Ritter aber auch zum Schutz der Schwachen verpflichtet, nicht wahr? Wer, wenn nicht wir, soll dafür sorgen, dass der hier in der Mittnacht gewährleistet ist? Mir will scheinen, damit wurde es am Urkentrutzer Baronshof zuletzt nicht mehr ganz so genau genommen. Dessen hat sich auch Ritter Ludopoldt schuldig gemacht, darüber kann und will ich nicht hinwegsehen.“
Die Gräfin bedachte ihr Gegenüber mit einem langen, prüfenden Blick, was schon ein wenig merkwürdig wirkte, da sie ja nun mal deutlich jünger war als Lyssandra. „Mir persönlich“, fügte sie schließlich an, „ist auch viel an einer gesunden Urteilskraft gelegen und daran, dass meine Vasallen aufrecht zu ihrer Meinung stehen. In anderen Grafschaften mag momentan in erster Linie Kadavergehorsam gefragt sein, aber in Bärwalde war dies unter Frau Walderia schon nicht so und unter mir wird sich daran nichts ändern. Nehmt daher meine ausdrückliche Anerkennung für Eure Haltung entgegen, Wohlgeboren, und auch den Dank dafür, dass Ihr der Grafschaft damit einen guten Dienst erwiesen habt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sich niemand dieser verflixten Sache angenommen hätte.“
Griseldis schüttelte den Kopf und schob das Kinn leicht vor. Eine Geste, die halb störrisch, halb herausfordern wirkte – als habe sie innerlich gerade eine Entscheidung gefällt und sich dafür gewappnet, sie im Zweifel auch gegen Widerstände durchzusetzen: „Ich werde einen Verwalter nach Urkentrutz entsenden, bis die Entscheidung über eine Nachfolge für Grimmwulf von Hartenau gefallen ist. Und ich will, dass Ihr an seiner Seite steht. Ihr kennt Euch in der Baronie gut genug aus, oder nicht? Das Schicksal der Menschen dort liegt Euch am Herzen, das habt Ihr ja nun zur Genüge bewiesen. Wenn Ihr denkt, es reicht nicht, greift gern auf Herrn Ludopoldt und Frau Traugunde zurück, die ja ebenfalls am Hof sind. Aber erste Ansprechpartnerin und Beraterin meines Verwalters werdet Ihr sein!“
Die Analyse der Gräfin war klar und scharfsinnig. Lyssandra hatte dem nichts hinzuzufügen. Die Loyalität des Dienstritters stand außer Frage, aber wenn sie sich nicht um die Mordfälle gekümmert hätte, wären sie wohl nie aufgeklärt worden und vor allem wären vermutlich weitere dazu gekommen. Auch stimmte Lyssandra Griseldis zu, dass Walderia eine klare Haltung ihrer Vasallen geschätzt hatte. Sie freute sich, dass sich dies unter der neuen Griseldis nicht ändern würde. Dankbar für das Lob senkte sie demütig das Haupt.
„Habt Dank für die wohlmeinenden Worte, Hochwohlgeboren. Ich bin erfreut, dass meine Handlungen Eure Zustimmung gefunden haben. Das Wohlergehen der Baronie Urkentrutz und ihrer Bewohner ist selbstverständlich schon aus Eigennutz eines meiner Anliegen. Und ich beuge mich Eurem Wunsch, Euren Verwalter nach besten Kräften zu unterstützten. Allerdings wäre ich dankbar, Die Junkerin dachte kurz nach. „Ich denke ein Mond wäre wohl besser. Aber ich werde versuchen, den Aufenthalt auf Gut Schwarze Au so kurz wie möglich zu halten und sobald alles geregelt ist, nach Urkenfurt zurückzukehren, um dem von Euch eingesetzten Vogt nach Kräften zu unterstützen.“
wenn ich beizeiten der Bestattung meines geliebten Vaters im Kreise der Familie beiwohnen dürfte. Darf ich für diese Zeit, den von Euch eingesetzten Verwalter auf Burg Urkenfurt alleine lassen?“
„Selbstverständlich“, erwiderte die Gräfin ohne zu zögern. „Eure Familie ist jetzt erst einmal das Wichtigste und Ihr sollt natürlich auch Zeit bekommen, die Dinge auf Eurem Gut zu ordnen, bevor Ihr meinen Vogt dabei unterstützt, das Chaos in Urkentrutz zu beseitigen. Was denkt Ihr, wie viel Zeit Ihr dafür braucht? Zwei Wochen? Oder ... vielleicht besser einen Mond?“
Lyssandra wurde etwas verlegen. „Nun ja, und dann ist da noch die Sache mit Ritter Ludopoldt. Könntet Ihr den Verwalter damit beauftragen, ihm zu erklären, warum ich ihm als Ansprechpartnerin und Beraterin des Verwalters vorgezogen werde? Ich fürchte, unser Verhältnis hat unter den Mordermittlungen ein wenig gelitten. Er hat mir schließlich indirekt mangelnde Loyalität der Baronin gegenüber vorgeworfen und seine Loyalität über die Ermittlung der Wahrheit gestellt. Wobei ich nicht sicher bin, ob er die unangenehme Wahrheit nur ausgeblendet oder sie mutwillig verschwiegen oder zurechtgebogen hat. Das möchte ich nicht beschwören müssen.“
„Gut. Ich kann Eure diesbezüglichen Bedenken nachvollziehen, Wohlgeboren. In einer derart angespannten Lage würde wohl niemand der Überbringer der ... nun ja, schlechten Kunde sein wollen. Abgesehen davon soll es nicht Eure Aufgabe sein, meine Entscheidungen zu erklären“, ein feines Lächeln schlich sich auf die Lippen der Pallingerin, während sie dem Schreiber bedeutete, diesen Punkt zu notieren. „Das stellt kein Problem dar. Ich instruiere den Vogt entweder, oder ich gebe ihm ein Schreiben mit, das Herrn Ludopold meine Beweggründe darlegt. Ich hoffe, dass es danach nicht zu Feindseligkeiten kommt, sondern er mit Euch an einem Strang zieht – und erwarte das auch. Etwas Anderes würde ich ihm als Ungehorsam mir gegenüber auslegen.“
Die Finsterbonerin bedankte sich: „Habt Dank für Euer Verständnis. Ich bin selbst gespannt, wie es sich mit der Loyalität von Ritter Ludopold verhält, wenn meine Wenigkeit ihm faktisch vorgesetzt wird. Aber an mir soll es nicht liegen. Ich achte und schätze seine Loyalität und erwarte, dass er sie auch mir gegenüber an den Tag legen wird. Wisst Ihr schon, wen Ihr als Vogt einsetzten werdet?“
Im nächsten Moment bereute Sie ihre Neugierde und errötete leicht. „Verzeiht die Neugierde, Gräfin, das geziemt sich wohl nicht. Es ist nicht an mir eine solche Frage zu stellen.“
Sie ließ den Kopf demütig sinken.
„Das ist schon in Ordnung“, Griseldis schien sich an der Frage nicht zu stören. Sie sah Lyssandra einen Moment nachdenklich an und hob dann die Schultern: „Allerdings bin ich im Moment noch ratlos. Bis eben war mir ja gar nicht bewusst, dass ich jemanden brauche, der diese Aufgabe übernimmt. Ich werde nun jedoch unverzüglich mit meinen Überlegungen in der Sache beginnen, denn sie scheint mir sehr dringend. Dringender jedenfalls, als einige andere Dinge, mit denen wir uns hier aktuell befassen müssen.“ Aus ihrer Stimme war bei diesen Worten leichter Unmut herauszuhören, ihre Miene aber blieb gelassen.
„Wie sieht es aus, Wohlgeboren? Gibt es noch irgendetwas, womit ich Euch helfen kann?“, fragte sie schließlich. „Habt Ihr irgendwelche Fragen? Oder ist so weit alles klar?“
Lyssandra von Finsterborn konnte verstehen, dass sich die Gräfin gut überlegen wollte, wen sie mit der Sache betraute.
„Nun, wen auch immer Ihr für diese Aufgabe aussuchen werdet, ich werde ihm oder ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen. Nur eine Frage zum Ablauf habe ich noch. Wollt Ihr die Entscheidung innerhalb der kommenden Tage treffen oder wollt Ihr Euch noch etwas Zeit lassen? Dann würde ich darum bitten, bis zu Eurer Entscheidung in die Schwarze Au abreisen zu dürfen, um meinen Vater zu bestatten.“
„Ich werde das in den kommenden Tagen entscheiden, Euer Wohlgeboren. Ich denke, in dieser Sache ist kein weiterer Aufschub ratsam“, meinte Griseldis. „Das soll Euch allerdings nicht davon abhalten, nach Hause zu reiten und Euch um Eure Angelegenheiten zu kümmern. Das sind – wie schon gesagt – erst mal die vordringlichsten. Ich entsende meinen Vogt direkt nach Urkentrutz und Ihr stoßt dann einfach dazu, wenn in der Schwarzen Au alles so weit geregelt ist, schlage ich vor.“
Sie wartete, bis Lyssandra bestätigend zu diesen Worten genickt hatte, und schenkte ihr anschließend ein verbindliches Lächeln: „Dann ist zwischen uns beiden alles geklärt, würde ich meinen? Und wir können Abschied vorerst Abschied voneinander nehmen?“
„Habt Dank für Euer Verständnis, Hochwohlgeboren!“, erwiderte die Finsterbornerin. „Dann werde ich sogleich abreisen, um die Urne meines Vaters zur letzten Ruhe zu bitten. Anschließend treffe ich dann in Urkenfurt auf Euren Vogt und will sehen, wie ich ihn unterstützen kann.“
Sie knickste, wie sie es im Horasreich in unendlich erscheinenden Übungsstunden geübt hatte. „Mögen die Zwölfe Euch segnen!“
Gemeinsam mit Oberon von Uhlredder, der sich ebenfalls von der Griseldis verabschiedet hatte, verließ sie die Gräfin von Bärwalde.