Dramatis Personae

 



Prolog

Nachfolgend findet sich eine kleine, von K. Reinwald und D. S. Richter verfasste Sammlung von Impressionen rund um den Fall Burg Aarensteins. Die Texte nehmen Bezug auf den Artikel "Der Dunkle Herzog reckt sich", der im Aventurischen Boten 146 (April 2011) erschienen ist und beleuchten die Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln. Darüber hinaus spielen sie mit Andeutungen auf die bald erscheinende Regionalspielhilfe 'Schattenlande' und nehmen die Baroniesbeschreibung von Böckelsdorf als Grundlage. Die vorliegende Geschichte ist eine Kanzlergeschichte und somit als verbindliche Setzung zu verstehen.

Mit Dank an Philipp F. Wendler ;-).

Ergänzung: Mit Spähgang erhält die Geschichte um den Aarenstein nun eine Fortsetzung von Spielerhand - eine Entwicklung, die uns sehr freut. Auch fürderhin sollen um die Situation des Aarensteins weitere Texte verfasst werden, um die dortige Situation aber auch die Anstrengungen des Balihoer Adels abzubilden.



Spätsommer in Sokramorien

Die niemals Atemlose hockte – die Arme locker auf die Knie gelegt – am Rand des kümmerlichen Rinnsales. Den Kopf schräg gelegt, blickten ihre leblosen Augen starr in die Klamm. Angewidert zog sie die Oberlippe zurück, als sie der Vielzahl der Pflanzen darin gewahr wurde. Schwarzfaul und widernatürlich wucherten sie dort, undurchdringlich, eine Todesfalle für Mensch und Tier. Vor allem aber Ausdruck der verhassten Lebenskraft, die den Leib der Gigantin seit jeher zu bezwingen suchte. Sie drehte den Kopf und ihre eisblauen, vielfach gezackten Pupillen fielen auf Jenoor. Der junge Hetzer hatte die Klamm entdeckt und war darob vor Freude ganz aus dem Häuschen gewesen. Geradewegs zwischen zweien, bisher als unpassierbar geltenden Bergriesen schlängelte sie sich hindurch, öffnete einen Weg dorthin, wohin der Herzog sie gesandt hatte. Doch der Auglose hatte seine Saat bereits hinterlassen, das Gebiet markiert und damit beansprucht.

Ein Anspruch, den sie, die Erste der Meute, nicht anerkannte. Jenoors Hand bewegte sich in der verhaltenen Strömung des Baches, gerade so, als wohne dem Leib des Jungen noch Leben inne. Doch seine Augen starrten blicklos in den grauen Himmel. Lautlos rann sein Blut von ihren schwarzdürren Fingern, tropfte in das klare Wasser des Baches, wo es sich in merkwürdigen Mustern zerfaserte und dann verging. Sie schloss die Augen, tastete tief in sich nach den Worten, die auszusprechen ihren ganzen Mut erforderte. Leise, raschelnd wie rieselnder Schnee, lauter werdend wie knackendes Eis, schließlich donnernd, wie die alles vernichtende Lawine lösten sie sich von ihren Lippen. Jenoors Blut tropfte derweil weiter, jeder Tropfen ein Opfer für den Gefährten der unbezwungenen Sokramor. Manatha Langatem verstummte, doch ihre Litanei brach sich vielfach an den umgebenden Bergen, sie lauschte den Worten, durch den zahllosen Wiederhall waren sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, dann hob sie die Hände und blies über ihre rotschwarzen Finger. Das Blut ihres geopferten Kameraden spritzte auf, wurde zu blutrotem Nebel, dehnte sich wirbelnd aus, wandelte sich zu tastenden Fingern, die langsam ihre Farbe verloren und in die Klamm waberten.

Es wurde kalt, Eis bildete sich auf den Steinen des Baches, Reif überzog die Gewächse und als die Erste der Meute endlich doch Atem schöpfte, hieß sie den stechenden Schmerz willkommen, als eisige Luft ihre Lungen füllte. Und wieder blies sie über ihre Finger, der Nebel wurde dichter, kälter.

Es begann zu schneien.



Spätsommer in der Schwarzen Sichel

Die Kälte wanderte mit ihnen – oder sie wanderten mit der Kälte. Rigbald von Granelfels, Leutnant seit kurzem und seitdem auch gewandelt, sprang geschmeidig von Stein zu Stein, hastete einen steilen Abhang hinauf und kauerte sich auf den Grat. Sein Atem ging stoßweise und er bedauerte es, dass der Wolfsmond noch auf sich warten ließ. Er lächelte. ‘Aber nicht mehr lange’, ging es ihm durch den Kopf. Die Reste seiner ‘Hand’ schlossen zu ihm auf, keuchten und ächzten vom schnellen Lauf in ihren schweren Rüstungen.

Unter ihnen im Tal glommen winzige Feuer auf, als die Schwarzen Ritter ihr Nachtlager einrichteten. Die Hetzer hatten die Gruppe schon am Mittag verlassen. Jagen wollten sie und den morgigen Weg auskundschaften. Die Erste der Meute hatte angedeutet, dass sie heute schon in Sichtweite ihres Ziels sein könnten.

Rigbald spähte aus zusammengekniffenen Augen über die Berge. Dunkelheit stieg empor, doch seine scharfen Augen erkannten, dass vor ihnen noch immer Sommer war. Ersterbender Sommer, doch die Bäume trugen noch ein grünes Kleid, zuweilen gelb oder rot gesäumt. Das würde sich ändern und vor den Getreuen des Herzogs würde ein jäher Winter über die Menschen Weidens kommen. Manatha Langatem hatte nicht zu viel versprochen, Kälte und Frost bahnte ihnen einen Weg, öffneten Wege, die bislang unpassierbar waren. Rigbald fragte sich nur, welchen Preis Sokramors Hetzer dafür einfordern würden und er hoffte, dass Unschuldige ihn zahlen mussten.

Er deutete vor sich. In weiter Ferne blinzelte ein winziges glühendes Auge. “Das dort könnte er sein, der Aarenstein.” Er legte seinen Kopf in den Nacken und suchte nach einer Witterung. Doch in menschlicher Gestalt waren seine Sinne beschränkt. Frustriert knurrte er, dann jedoch stieß er ein forderndes Heulen aus. Zwei seiner Ritter fielen mit ein. Dann lauschten sie und die Wölfe im Nachbartal antworteten, nahmen den Ruf auf, hießen sie willkommen.

Rigbald lächelte.



Spätsommer in der Grafschaft Baliho

Walpurga verlor das Gleichgewicht, verfing sich vollends in der Ranke und fiel nach vorne. Ihr Körbchen flog in hohem Bogen davon und ihre Beute aus halbvertrockneten Brombeeren verteilte sich im zunehmend felsigen Grund. Sie schrie vor Schmerz spitz auf, als ihre Knie auf den scharfkantigen Schieferbruch prallten, der in großen Zungen von den nahen Bergriesen herabfloß. Leise wimmernd besah sie sich den Schaden, tastete wundes Fleisch ab und widmete sich erst einige innige Schluchzer später wieder ihrem Korb. Schnell hatte sie ihn entdeckt und war zu ihm gerannt. Vielleicht konnte sie gar einige der begehrten Beeren retten? Eifrig suchte sie umher und klaubte die schwarzglänzenden Schätze auf als ihre Finger etwas weiches berührten.

Mitten in der Bewegung erstarrt, unfähig sich zu rühren blickte sie auf den kleinen Vogelleib vor sich. Die Füßchen zusammengekrampft und in die Höhe gestreckt lag dort eine Drossel. Und eine weitere, wenige Spann von dieser entfernt. Walpurga richtete sich langsam auf, suchte den dunklen Grund mit den Augen ab und entdeckte weitere tote Vögel. Angst griff mit kalten Fingern nach ihrem Herzen. Noch nie hatte sie so viele tote Drosseln auf einmal gesehen. Schon der Anblick einer einzigen galt als Unglücksomen. Doch Walpurga erkannte Dutzende. Angsterfüllt schrie sie auf, stolperte blindlings zurück und prallte gegen etwas Großes, Weiches. Neben ihr knurrte etwas und der Klang ließ ihr Inneres zu Eis gefrieren. Sie blickte auf.

“Lauf’!” zischte die junge Frau gegen deren Brust sie geprallt war. Walpurga wirbelte herum, wollte blindlings davon rennen, nur fort von hier. Erneut stieß sie auf Widerstand, fand sich umfangen von stinkendem weißem Fell, ihre Wange schrammte über gehärtetes, von Nieten geziertes Leder. Sie wurde nach hinten gestoßen und erkannte im Fallen einen großen, dürren Mann, gekleidet in einen Schafsfellumhang und eine helle Lederrüstung, einen zerzausten Falken mit blutigen Fängen auf seiner Schulter. “Lauf’!”, grollte der Mann und kreischend erhob sich der Falke in die Lüfte. Auf allen Vieren versuchte das Mädchen sich in den nahen Wald zu retten, kam endlich auf die Füße und begann zu rennen. Dann erhob sich das Gebell. Es hallte im Inneren ihres Kopfes wieder, hämmerte gegen ihre Schläfen, die Stirn, sogar die Augen, dass ihr übel wurde. Die Ohren fuhren ihr zu und sie konnte nicht anders, als die kleinen Fäuste dagegen zu pressen.

Fahlweiße Schemen blitzten hinter Gebüschen und Baumstämmen auf, hetzten auf sie zu und brachten das schrille Gebell mit sich. Sie rannte weiter, schlug einen Haken, weg von den Alptraumwesen, direkt hinein in den großen Brombeerbusch, den sie vor kurzem noch sorgsam abgeerntet hatte. Die Stacheln der Ranken und an der Unterseite der von einem Tag auf den anderen vergilbten Blätter schrammten über ihre Haut, verhakten sich im Stoff ihres Kleides und auch in ihrem Fleisch. Erneut schrie sie auf, missachtete den Schmerz tapfer und jagte weiter. Nur weg von diesem Ort!

Das Bellen verstummte und sie hatte es geschafft, stolperte über die letzten Ranken und fing sich mit blutenden Händen ab. Tränen verschleierten ihren Blick, sie wischte sie unwirsch weg, rappelte sich auf und erstarrte, als sie der Frau vor sich gewahr wurde. Alles an ihr war fahl, selbst die Augen aus denen ihr vielfach gezackte, eisblaue Pupillen entgegenstarrten. Über und über beschnitzter Mammuton verhüllte ihren Rumpf, helles Leder den Rest des dürren Leibes. Mitleidlos, den Kopf leicht schräg gelegt sah die Frau sie an. Sie war kaum größer als Walpurga, ihre Hände glichen schwarzverkohlten Ästen und sie hielten zwei identische Langdolche darin. Unvermittelt öffnete sie den Mund und eine Stimme, die schriller noch klang als das Gebell dröhnte in Walpurgas Ohren. Der Schmerz nahm ihr die Sicht, wimmernd sank sie zu Boden und jäh flammte alles verzehrender Schmerz auf.

Dann war alles vorbei.

 



Spätsommer in der Baronie Böckelsdorf

“Da hol’ mich doch der Augrimmer!” Erzian Schnakenbühl kratzte sich energisch im Schritt, dann am Hinterteil. Seine triefenden Augen waren starr gen Osten gerichtet und er redete – in Ermangelung von Gesellschaft – mit sich selbst. Es wurde langsam dunkel und darum hatte er es erst gar nicht bemerkt. Dann hatte er es für ganz normalen Nebel gehalten. Doch inzwischen hatte der Waffenknecht erkannt, dass der ‘Nebel’ sich gemächlich auf die Drosseltiefe zu bewegte. Wo er auf die Bäume des Waldes traf, färbte er sattes Grün und loderndes Gelb weiß. Erzian hatte schon so manches gesehen, aber ein Wintereinbruch – allzumal so früh ihm Jahr – dem man zusehen konnte, war ihm noch nicht untergekommen.

Ratlos kratzte er sich nun die unrasierte Wange. Sollte er Meldung machen? Und wenn ja was? ‘Ähm, Herr, der Winter kommt. Irgendwie ziemlich schnell, wenn Ihr mal schauen wollt’, oder so was? Er schüttelte energisch den Kopf. Sein Herr war nicht eben für Langmut und Freundlichkeit bekannt. Vermutlich wusste der eh schon, dass der Winter kam, weil er es irgendwo in seinen schlauen Büchern gelesen hatte.

Erzian drehte sich um, starrte gen Westen. Keine Spur von Nebel, kein Frost. Alles so, wie er es sich wünschte. Im Osten hingegen …

Es würde nicht lange dauern, da hatte der Frost die äußeren Bäume erreicht. Ob er auch über die wenigen Felder Tannweilers hinweg ziehen würde? Dann würde es wohl jeder sehen und am Ende war er wieder schuld, das kannte er schon. Gerade wollte er doch ins Horn stoßen – ihm fiel schlicht nichts Besseres ein – da wurden seine Augen von einer raschen Bewegung angezogen. Erste Nebelzungen tasteten zögerlich zwischen den Bäumen hervor. Und zwischen den Stämmen, hinter dem Waldsaum blitzte immer wieder etwas Fahles auf. Leuchtete kurz, jagte dann einem Geschoß gleich hinter den Stämmen entlang und verschwand im tiefen Wald. Und dann kam der Nebel schnell und mit Macht. Wie eine Woge türmte er sich auf, himmelhoch, wabernd und so kalt, dass Erzian auf seinem Ausguck schauderte. Er löste sich aus seiner Starre und stieß ins Horn. Als habe der Nebel darauf gewartet, fiel er in sich zusammen und floss in die Drosseltiefe und erweckte dabei den Eindruck, eine riesige Hand gösse ihn aus einem unsichtbaren Eimer.



Spätsommer auf Burg Ilkenstein

Rondradan von Streitzig ä.H. schritt energisch aus. Burg Ilkenstein – Burg! Er lachte innerlich – war zu klein, zu eng, zu unbedeutend. Seine Schwarzen Ritter hatten ihr Lager zu Füssen der Motte errichten müssen. Noch eine Treppe, dann hatte er den sogenannten ‘Rittersaal’ erreicht. Vom Fenster aus konnte er sich einen Überblick verschaffen. Der nagrachgeschickte Nebel hatte die Drosseltiefe inzwischen ganz ausgefüllt, war Sokramors Hetzern nach Süden gefolgt und brandete inzwischen sicher schon gegen den Aarenstein. Er erlaubte sich ein schmales Lächeln. Am Fenster angekommen stieß er den Laden mit der gepanzerten Hand auf. Kälte strömte herein und füllte den schäbigen kleinen Saal. Das Kaminfeuer flackerte im eindringenden Wind bedenklich.

Er blickte hinab auf Tannweiler. Lodernde Feuer spiegelten sich im alles einhüllenden Nebel, der viele Geräusche gnädig dämpfte, zuweilen jedoch unwirkliche Helligkeit schenkte, die der in ihrem Licht begangenen Gräuel eine besondere Tragik verlieh. Die Plünderung war noch in vollem Gang und erst, wenn eine Scheuer oder ein Wohnhaus all seiner ‘Schätze’ beraubt war, durfte es angezündet werden. Den Peraine-Tempel zu verbrennen hatte der Rittmeister den Rittern versagt. Es war ihm einerlei, was mit dem Geweihten oder den sakralen Gegenständen geschah. Aber er wollte nicht, dass man später nichts von der Schändung sah und darum vermutete er, dass es weder dem Priester noch den Tempelschätzen derzeit wohl erging. Die Stirnseite des Tempels zierte nun ein Abbild des Feurigen Vaters. Der Gobelin zeigte einen flammenden Baumriesen, in dessen Borke allerlei Pflanzen wurzelten und sich Tiere verbargen. Es hatte ihn amüsiert, dass seine Untergebenen an eine solche Kleinigkeit gedacht hatten.

Eine Weile erfreute sich der Markverweser noch am blutigen Schauspiel. Dann war es genug. Etwa die Hälfte der Häuser stand in Flammen und sie hatten ausreichend Angst und Schrecken verbreitet. Die Waffenknechte des Klöppelsteiners waren tot oder starben qualvoll, nachdem man ihre Leiber zur Mahnung auf Pfähle gesteckt hatte. Ihren Herrn wähnten die Dörfler sicher im Verlies … oder auf der Folterbank. Rondradan gab das verabredete Zeichen und der Hornstoß erklang. Widerstrebend, aber gehorsam zogen sich die Ritter in ihr Lager zurück. Zufrieden beobachtete er, wie Wachen postiert wurden. Die Löscharbeiten in Tannweiler waren in vollem Gang und soweit er es beurteilen konnte, trugen die Bauerntrampel an einigen Stellen gar den Sieg davon.

Im Morgengrauen endlich erkannte er, wonach er Ausschau gehalten hatte. Ein junges Weib, der Kleidung nach eine Art Waldläuferin, stahl sich durch die rauchenden Ruinen, nutzte den Nebel geschickt zu ihren Gunsten und hatte sich weit genug im Zaum, mit Ruhe und Bedacht vorzugehen. Wie befohlen ließen die Wachen große Lücken zwischen sich und eine solche nutzte das Weib nun aus. Rondradan erlaubte sich nun ein breites Lächeln. Sie war sicher sehr stolz auf sich, als sie geduckt und Haken schlagend aus dem Dorf rannte und bald vom Nebel verschluckt wurde. Der Bote für den Aarenstein war unterwegs. In zwei Stunden würde er selbst mit der Hälfte der Ritter und allen Hetzern aufbrechen.



Spätsommer im Dorf Tannweiler

Ermintrud ließ ihre Augen über das Schlachtfeld gleiten, das einst ein nettes Dörfchen gewesen war. Rechte Freude wollte bei niemandem aufkommen. Viele drehten sich noch immer argwöhnisch um, starrten misstrauisch in den Wald und ins Tal, wähnten hinter jeder Hausecke einen Feind. Doch die Schwarzen Ritter waren verschwunden. Einige Halbwüchsige reagierten sich gerade damit ab, dass sie das goldene Banner mit der schwarzen Sichel verbrannten. Für kurze Zeit hatte es die Motte des Baronetts geziert. Nach dem Sieg der Rondrianer war es jedoch schnellstens abgenommen worden.

Wie die Kinder daran gekommen waren, wusste sie nicht, doch es schien die Ordensritter nicht zu erfreuen. Gerade gab es einen lauten Disput darüber, dass diese Trophähe in einen Tempel gehöre und nicht in den Schlamm eines zerstörten Dorfes. Die Hebamme wandte sich ab. Sie hatte wichtigeres zu tun, als sich um derlei Blödsinn zu kümmern.

Wann sie zuletzt geschlafen hatte, wusste sie nicht mehr. Müde schleppte sie sich von Krankenlager zu Krankenlager. Sie war heiser vom vielen Reden, innerlich taub von dem Anblick all der Schrecknisse, das sie hatte mit ansehen müssen. Das Verderben war so schnell gekommen, wie es gegangen war. Doch Grauen und Tod waren geblieben.

Natürlich waren alle Tannweilerer erleichtert gewesen, als die hellen Hornstöße der Rondrianer vom Aarenstein Rettung verhießen. Wie alle anderen auch hatte sie versucht, den Ordensrittern in ihrem Kampf beizustehen. Dankbar war sie auf die Knie gesunken, als das Schlachtengetümmel nach wenigen Stunden endete und die widerwärtigen Ritter von jenseits der Schwarzen Sichel in die Wälder flohen, verfolgt von den triumphierenden Recken der Löwin.

Doch die Freude darüber, sie los zu sein wollte sich nicht recht einstellen.

Auch bei den Rondrianern nicht, wie sie bemerkte. Immer wieder befragten sie den arg mitgenommenen Erben der Baronie. Baerwulf von Klöppelstein hatte ihnen überschwänglich für ihr beherztes Eingreifen gedankt, aber er wusste auch nicht mehr zu berichten, als die übrigen aus Burg und Dorf. Er selbst trug Folterspuren und hatte während der fulminanten Rückeroberung im Kerker gesessen.

Das einzige, was nach und nach offenbar wurde war, dass in den letzten Tagen einige aus dem Dorf verschwunden waren. Vor allem solche, die man nicht gleich vermissen würde, wie ein Köhler und zwei Jagdknechte. Auch Walpurga Tännelin, ein begabtes Mädchen, auf das sie ein Auge geworfen hatte, war darunter. Ermintrud seufzte, sie hatte kein Glück, wenn es darum ging, eine Schülerin zu finden. Argwöhnisch sah sie in den grauen Himmel. Ihre Knochen schmerzten, besonders der rechte Ellbogen und das verhieß nichts Gutes.



Spätsommer auf Burg Aarenstein

Vielstimmig brach sie ihr Heulen an den umgebenden Bergwänden. Sie hatten gesiegt, den Auftrag des Herzogs erfüllt und bewiesen, dass die Schwarzen Ritter des Dunklen Herzogs die stärksten Kämpfer in diesen Bergen waren. Rigbald von Granelfels erfreute sich an dem hochwertigen Kettenhemd, das er einem der Rondrianer vom toten Leib gerissen hatte. Es zu tragen, würde ihm zur Ehre gereichen.

Sokramors Hetzer hatten ihre Aufgabe erfüllt und den Weg in die Burg geöffnet. Die wenigen Ritter, die – wie er – dem Weg des Wolfes folgten, hatten ihn nicht enttäuscht. Ihr Angriff hatte die dezimierte Burgbesatzung völlig unvorbereitet getroffen. Gelähmt von der jähen und tatsächlich niederhöllischen Kälte, hatte der Angriff die Ordensstreiter überrascht. Einige hatten einen guten Kampf geliefert, doch unter den Wenigen, die die Zinnen bemannt hatten, war auch Gesinde gewesen und dieses war kein Gegner für des Herzogs beste Streiter.

Nun bauschte sich das goldene Banner Sokramors dort, wo zuvor das schwarz-rote des Ordens geweht hatte. Flankiert von blutigroten Fahne des Markverwesers und den Wimpeln nicht weniger transysilischer Streiter. Burg Aarenstein würde nicht lange sich selbst überlassen bleiben, das wusste der Granelfelser. Doch sie waren für jeden Sturm gewappnet und wenn der Treffsichere Hetzer mit ihnen war, blieb der Winter ihr Verbündeter. Seine eilfertigen Jünger würden schon dafür sorgen. Ein halbes Dutzend war übrig, nachdem Botschaften zurück zum Ehrenstein und nach Nalgardis gesandt worden waren. Die Erste der Meute selbst war geblieben. Gemeinsam mit ihren Hetzern durchstreifte sie rastlos die Umgebung, bereit, jeden feindlichen Späher schon Meilen vor der Festung abzufangen. Die Nachricht vom Fall des Aarensteins würden die besiegten Rondrianer ins Tal tragen. Oder sie würden zurückkehren, um ihr Schicksal zu besiegeln.

Rigbald war beides recht.



Winter auf Burg Klöppelstein

“…und wenn ich sage, dass sie uns noch die Haare vom Kopf fressen, meine ich es noch gut”, geiferte Baron Berwing von Klöppelstein. “Die”, in seiner haltlosen Wut zitterte er am ganzen Leib und Spucke rann ihm übers Kinn, “machen bei den Haaren bestimmt nicht halt. Warte nur auf den Tag, da sie meine Rösser beanspruchen, um sich die Wänste vollzuschlagen. Pfaffen, elendige. Lassen sich übertölpeln und aus ihrer Burg prügeln und ich soll’s ausbaden, wie?”

Furgund hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen. “Aber Herr, redet nicht so. Die armen Ordensleute wussten doch nicht wohin und sie wollen doch …”, sie überlegte, wie die Großmeisterin es just am Morgen in ihrer Predigt formuliert hatte, “…frisch gestärkt zum Gegenschlag ausholen und die Frev…” “Genau das mein’ ich ja”, schrillte des Klöppelsteiners Stimme in höchsten Tönen. “Frisch gestärkt und ich verhungere in meiner eigenen Burg, von meinen Leuten ganz zu schweigen. Faseln was von Schutz und Trutz, ja? Aber mehr ist nicht drin, als faseln. Alle Hühner haben sie schon gefressen.” “Aber Herr”, die Magd wagte viel an diesem Abend, “das stimmt doch gar nicht. Die meisten Hühner sind erfroren, als es doch so früh so kalt war. Und die Herren und Damen gehen ja auch jagen …” “Und WO machen sie das? In MEINEN WÄLDERN, jagen MEIN Wildbret. Pack!”

Furgund ließ den Kopf hängen. Es nutzte ja nichts, das wusste sie selbst. Der Baron von Klöppelstein war schon an seinen guten Tagen ein missgünstiger und übellauniger Mann. Doch nach Wochen der aufgezwungenen Gemeinschaft mit den Überlebenden vom Orden der Schwerter, war kein Tag mehr gut. Burg Klöppelstein war einfach nicht groß genug für die Baronsfamilie und Angehörige eines rondrianischen Ordens. In mehr als einer Hinsicht. Der Verzweiflung nahe beobachtete sie den alten Baron bei seinem Wüten. Es würde erst verebben, wenn die Erschöpfung ihn übermannte und von neuem beginnen, wenn er sich erholt hatte.

So konnte es nicht weiter gehen!

***

“Sie ziehen ab, Herr.” Berwing von Klöppelstein blickte verständnislos von seiner dünnen Graupensuppe auf. “Was?”, grunzte er. “Die Rondrianer, sie ziehen ab. Die Großmeisterin sagt, dass der Winter zu lang ist, als dass sie uns noch weiter zur Last fallen könnten. Guten Gewissens zumindest. Übermorgen ziehen sie ab.” Furgund hoffte, diese Nachricht würde das Leben auf der Burg wieder einigermaßen erträglich machen. “Sie wollen im Tal Hilfe suchen.”

Der Baron nickte und wirkte das erste Mal seit Wochen einigermaßen besänftigt. “Da wünsche ich viel Glück bei! Sie sollen mit Rondra gehen, aber sie sollen gehen.” Und damit war das Kapitel für den Böckelsdorfer Baron beendet.



Winter in der Stadt Auen

“Sie haben Boten an die Barone von Rotenwasser und Kornfelden und zur kaiserlichen Pfalz Donnerschalck nach Sichelgau geschickt. Auch die Balihoer Brüder wurden wohl benachrichtigt.” Der junge Knappe der Göttin im Rock des Ordens zur Wahrung endete. Abt Alderian Ehrenherz von Rhodenstein nickte. Sein Blick verlor sich in unsichtbaren Fernen.

Als der Abt nichts entgegnete fuhr der Geweihte fort. “Der Winter erlaubt keinen großen Schwertzug in die tiefe Sichel, aber es gibt Meldungen, dass die genannten Barone und die Pfalzgräfin entsprechende Pfade gesperrt und Waffenknechte sowie Späher entsandt haben. Freilich scheint mir das mehr ein Zeichen guten Willens, denn ernsthafte Unterstützung.” “Was erwartest du, mein Sohn? Es bedarf eines starken Armes, der die Führung übernimmt. Auf sich alleine gestellt wird kein Baron mehr tun, als er um des guten Rufes Willen tun muss. Alsdann, setz’ zwei Schreiben auf. Eines an die Burggräfin zu Baliho und eines an Schwester Alinja in Lohenharsch. Sodann erwähle die Reifsten unter unseren Novizen. Gemeinsam mit Schwester Hlíf sollst du mit vieren von ihnen in die Schwarze Sichel aufbrechen. Vereint die Bemühungen der Barone, geht mit gutem Beispiel voran. Versucht so viel wie möglich heraus zu finden, damit wir alsbald zurückschlagen können.” “So wird es geschehen, Hochwürden. Allein, ich fürchte, es wird Großmeisterin Ariane von Beraniaburg der Hilfe nicht genug sein.”

Alderian blickte auf, einen harten Zug um den Mund. “Vermutlich. Doch ich denke, die Schwester im Glauben wird sich alsbald wieder darauf besinnen, dass Weiden schon lange Schild des Reiches ist und diese Rolle stets treu, opferbereit und voll grimmen Mutes ausgefüllt hat. Nicht nur die Schwerter von Gareth haben einen hohen Blutzoll entrichtet. Es wird getan werden, was uns möglich ist und so schnell es uns möglich ist. Mehr zu fordern wäre hochmütig und wenn sie darüber nachdenkt, wird sie das mit Rondras Hilfe auch erkennen.” “Ich werde Eure Worte übermitteln, Hochwürden, und sie ebenso niederlegen.” “So soll es sein und übermittle sie auch dem Rhodenstein, auf das bewahrt wird, was im Namen der Herrin geschieht.”



Winter in der Stadt Baliho

Und da hieß es, schlechte Nachrichten flögen auf flinken Schwingen.

Die Hohe Halle Räuharsch war verstummt, als der Bote aus Auen seine Nachricht vorgebracht hatte und einem jeden bewusst wurde, dass er von Schrecken kündete, die sich bereits vor Wochen ereignet hatten. Der jähe und unerwartete Wintereinbruch in den Bergen hatte das Reisen erschwert. Zudem davon auszugehen war, dass nicht alle Boten ihr Ziel erreicht hatten. Die junge Burggräfin Ardariel Nordfalk von Moosgrund hatte es – nach einer kurzen Beratung – ihrer ebenso jungen Kanzlerin Greifgolda von Mersingen überlassen, dem Boten notwendige Fragen zu stellen.

Enttäuscht davon, dass der Weidener Adel nicht umgehend einen Schwertzug ausgerufen hatte, waren die Boten des Ordens der Schwerter gar nicht erst bis nach Baliho gereist. Es war Geweihten im Rock des Ordens zur Wahrung aus Auen überlassen worden, die Burggräfin zu unterrichten und das sorgte schließlich dafür, dass der Rittersaal sich wieder mit Geräuschen füllte. Unzufriedenen zumeist.

Wo sich die wenigen Überlebenden derzeit aufhielten war unbekannt und bot allerlei Raum für Spekulation. Bezugnehmend auf die einige Zeit zurückliegenden Ambitionen des Ordens, in der Wildermark eine Löwenmark zu errichten, nachdem die vereinten Bemühungen des Zornesordens und der Schwerter sie erst befriedet hatten – so der ehrgeizige Plan – wähnten einige sie eben dort. Anderen war es reichlich egal, wo die Ordensritter sich befanden, denn ob der Aarenstein nun eine Ordensburg war, oder nicht, er war ohne Zweifel eine Weidener Burg. Mit ihr war ein weiteres Bollwerk an den verhassten Feind gefallen und das war ganz und gar unerträglich.

Zufrieden nickend nahm Ardariel zur Kenntnis, dass die Wahrer bereits gehandelt und ein halbes Dutzend Recken in die Schwarze Sichel gesandt hatten. Dass die Barone sich indessen noch nicht entschlossen hatten, ernsthaft zu reagieren und dem Bruder in Böckelsdorf zu Hilfe zu kommen, weckte ihren Zorn. “Ai, das siehst du es, Greifgolda”, ereiferte sich die Nordfalkin, als einmal mehr Tumult im Saal ausbrach, “eifrig dabei, wenn es gilt, dir und mir ihre Weisheit anzutragen, aber zögerlich wie die Nordmärker, wenn es darum geht, die Klingen zu gürten und zu handeln.” Erbost schlug sie auf die Armlehne ihres Stuhles. “Denken sie, im Winter würde ich keinen Schwertzug ausloben? Ha! Morgen werden wir Kriegsrat halten, lade mir die üblichen Verdächtigen ein.” Ardariel winkte den Siegelmeister heran. “Schickt heute noch einen Boten an die Herzogin, Herr von Lahndroval, sie muss erfahren, dass der Feind erneut nach ihrem Land greift.” Sie wandte sich wieder an Greifgolda und bemerkte in ihrem Brass gar nicht, dass die Mersingerin merkwürdig blass geworden war. “Umgehend soll sich zudem eine Hand Grenzreiter aufmachen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Ritter Wilfing soll sich darum kümmern. Außerdem denke ich, dass wir alsbald einen Kriegsrat mit den Anrainerbaronen halten sollten, am Besten in Kornfelden ... und ja … ich weiß … vermutlich sollten wir das in Ruhe morgen besprechen.” Ardariel seufzte ungeduldig und erging sich dann in der Betrachtung disputierender Balihoer Adliger.

***

Derweil beendete der zweite Bote aus Auen seinen Bericht im Balihoer Rondra-Tempel Lohenharsch. Die Schwertschwester der Halle überlegte nicht lange. “Derzeit tun außer mir 3 Schwerter der Herrin Dienst in diesen Hallen. Ich kann und werde den Tempel nicht unbotmäßig entblößen. Doch ich werde auch nicht tatenlos bleiben. Gilborn Severrox von Baliho”, wandte sie sich an einen tadellos gewandeten Geweihten mit strenger Miene. Er hatte die ganze Zeit abseits gestanden und aufmerksam zugehört. Nun trat er vor und führte die Faust zur Brust. “Ihr seid einer der erfahrendsten Geweihten in diesem Göttinnenhaus. Ich gehe davon aus, dass die Burggräfin nicht zögern wird, ein gräfliches Kontingent zu entsenden. Diesem schließt Euch an und steht den Männern und Frauen mit Rat und Tat zur Seite. Ich bin mir sicher, dass die Burggräfin es gerne sieht, wenn ein Diener der Donnernden an der Seite ihrer Leute reitet.”

Der Knappe der Göttin nickte knapp. Es war wohl bekannt, dass er kurz vor der Erzweihe stand. Diese Gelegenheit sich vor seiner Göttin zu beweisen war ihm also überaus willkommen. Dennoch versagte er sich ein Lächeln. Alinja Leuenklinge von Norburg erwiderte sein Nicken ebenso gefühlsarm. Dann wandte sie sich wieder dem Boten zu und ihre Miene wurde freundlicher. “Seid Gast in unseren Hallen, Schwester! Die Reise hierher war sicher anstrengend. Fürs erste soll ein Tee”, sie stand auf und steuerte auf ein messingglänzendes Ungetüm mit mehreren Kannen, Hebeln und Hähnen zu, “Eure Lebensgeister beleben. Bevorzugt Ihr ihn eher stark, oder mittelreichisch?”



Winter in der Schwarzen Sichel

Das hatten es die Sichelgauer doch tatsächlich gewagt, trotz Eis und Schnee in die ersten nennenswerten Berge der Schwarzen Sichel einzudringen. Fünf waren es gewesen, zwei Waldläufer und drei Bewaffnete. Eine davon eine junge, tatendurstige Ritterin. Sie waren dem Aartal auch recht nah gekommen, was den Hetzern Sokramors vielleicht Respekt abgerungen hätte, wenn sie sich auch nur ansatzweise für menschliche Gefühlsregungen erwärmen könnten. Stattdessen hatten sie sich jedoch herausgefordert gefühlt.

Zuerst hatten sie sich der Waldläufer angenommen, sie hinter sich hergelockt, fort von den Kriegern, tiefer ins Aartal. Es war nicht leicht gewesen, aber schließlich war es ihnen gelungen, die beiden gestandenen Männer in Angst und Schrecken zu versetzen. Einmal in Panik hatten sie versucht, zum Rest ihrer Gruppe zurück zu kehren und damit hatte die Hatz begonnen. Es war den Hetzern und ihren Gefährten eine wahre Lust gewesen. Rechhild hatte sich besonders hervorgetan und sogar ein anerkennende Nicken der Ersten der Meute geerntet. In Sichtweite des Lagers jener Ritterin hatte sie ihre Beute gestellt. Geschwächt war er gewesen, dem Tode nahe und Rechhild hatte es verstanden, seinen flackernden Lebensfunken langsam, lautlos und das Lagerfeuer seiner Verbündeten stets im Blick, auszulöschen.

Dann hatten sie gewartet.

Jene, die dem Pfad der Löwin folgten, waren nicht geduldig. Schon nach 3 Tagen ereignislosen Wartens war die Ritterin mit ihren Waffenknechten tiefer in das Gebirge eingedrungen. Wie hatten sie sich über frische Fußspuren ihrer Waldläufer gefreut. Besorgt waren sie gewesen, als sie Blutspuren fanden und schließlich den ersten Leichnam. Offenen Auges erfroren, das Entsetzen und die Angst dabei tief ins Antlitz gegraben. Angst begann ihren Siegeszug, kroch ihnen in Herz und Geist und führte nach weiteren 3 Tagen dazu, dass die Gruppe sich selbst zu zerfleischen begann. Dann fanden sie den zweiten Leichnam und die vermeintlich frische Spur seiner Mörder.

Kopflos und unglaublich mutig waren sie den Spuren gefolgt und an ihrem Ende hatte die Belohnung gewartet. Schwarze Ritter, angetan mit ihrer schwarzen Rüstung, wolfsköpfigen Topfhelmen und umgeben von flatternden Wimpeln mit den Zeichen Sokramoriens, des Markverwesers Rondradan von Streitzig und dem doppelköpfigen Wolf des dunklen Herzogs. Der Ritterin war ein standesgemäßer Tod vergönnt gewesen. Formell war das Duell gewesen. Doch der große Schwarz Ritter war der Sichelgauerin von Anfang an überlegen. Daran ließ er keinen Zweifel und das nutzte er skrupellos aus. Kaum ein halbes Dutzend Schläge mit dem Warunker Hammer später war ihr Leiden beendet. Den beiden Waffenknechten ging es nicht gar so gut. Sie wurden auf der Grenze zwischen Böckelsdorf, unweit eines alten Turmes gehängt und man achtete sorgsam darauf, dass sie erstickten und sich nicht das Genick brachen.

***

Pfalzgräfin Neunhild von Wettershag zwirbelte eine Locke mit den Fingern auf. Immer wieder tat sie das und so fest, dass die Haare in skurrilen Schleifen fielen. “In Sichtweite des Turms sagst du?” “Ai, Hochwohlgeboren, aber der Turm ist ja nicht dauerhaft besetzt. Dient unseren Patrouillen nur als Quartier, wenn es sie so hoch in den Norden verschlägt. Jedenfalls baumelten sie da. Durchgefroren und die Gliedmassen merkwürdig verdreht. Auch die Augen waren noch offen.” Einhard von Waldwalden schauderte. “Hab’ sowas mein Lebtag nicht gesehen, die Augen! Sahen aus wie Eis und doch so, als würden die Toten uns genau erkennen. Nahebei war die Lanze eurer Ritterin aufgepflanzt, ihr Wimpel zerfetzt. Lein sagt, die Spitze der Lanze zeigte genau nach Donnerschalck, aber das halt’ ich für abergläubischen Humbug.”

“Als ob sie es mit der Kriegspfalz der Kaiserin aufnehmen könnten”, giftete Neunhild. “Das möchte ich sehen, wie sie an den Befestigungsringen zerschellen.” Sie holte Atem und drehte sich zu dem alternden Ritter um, der heute aus dem Gebirge zurückgekommen war. Er hatte den Turm auf ihr Geheiß aufgesucht und nun hatten sie auch endlich Gewissheit, was mit Ritterin Freugern geschehen war. Die Pfalzgräfin presste die Lippen aufeinander. “Es ist uns also so ergangen, wie den Streifen aus Kornfelden und Rotenwasser. Keine ist mit brauchbarer Kunde zurück gekommen. Keine ist überhaupt zurückgekommen. Verdammt!”

Ritter Einhard hob’ die Schultern. “Scheint so. Hab’ aber gehört, dass die Burggräfin Grenzreiter entsandt hat und auch der Orden zur Wahrung hat Leute geschickt. Die sind – glaub’ ich – noch nicht an irgend ‘nem Baum gefunden worden.” “Sie haben also entweder mehr Glück, oder werden irgendwo gefangen gehalten. Ich vermute ohnehin, dass die Festen Nalgardis und Aarenstein unterdessen eine Linie bilden und sich gegenseitig unterstützen. Wie dem auch sein mag. Es wurde ohnehin zum Kriegsrat gerufen. Warten wir diesen ab. Bis dahin, treuer Einhard, lasst die Pfade in die tiefe Sichel sperren. Unsere Streifen sollen aber nicht nach Böckelsdorf reiten, ich möchte nicht noch mehr gute Männer und Frauen verlieren.”



Spähgang

Immer schneller trugen ihn seine Füße von den schrecklichen Bildern fort, die er erspäht hatte. Doch er wusste, er war nicht allein. Sie hatten ihn gesehen und verfolgten ihn. Wie lange er schon rannte, konnte er nicht mehr sagen. Minuten, Stunden, Tage? Die Zeit war für ihn nicht mehr fassbar.

Er stolperte und rutschte unsanft einen steinigen Hang hinunter. Schmerz durchzuckte seinen Körper. Er schaute an sich herab und sah, dass seine Beinkleider aufgerissen waren und Blut aus seinem rechten Schenkel hervortrat. Schnell riss er sich einen Teil seines Hemdes ab und versuchte, die Wunde zu verbinden. Wenn sie das Blut rochen, war er des Todes, das wusste er. Seine Gedanken gingen noch einmal zu den schrecklichen Bildern zurück, die er kürzlich erblickt hatte …

Er sollte die Lage im feindlich besetzten Böckelsdorf erspähen. Er war ein guter Kundschafter und so machte er sich auf, seine ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Doch was er auf diesem Hof gesehen hatte, hatte sein Blut gefrieren lassen. Er sah die Leichen der Bauernfamilie, die diesen Hof einst bewirtschaftete. Sie lagen vor der Scheune auf einem Haufen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie zu begraben.

Er hatte sich näher heran geschlichen und versucht mehr herauszufinden. Doch schon nach wenigen Blicken hatte er schreckliche Gewissheit: Die komplette Familie war von Bestien dahingerafft worden. Ein Mann, zwei Frauen und vier Kinder. Allesamt tot. Er musste sich abwenden und sich an die Mauer der Scheune gestützt übergeben.

Nachdem er seinen Magen wieder beruhigt hatte, erkannte er, dass sie erst kürzlich zu Tode gekommen waren. Er sah Wunden von Klauen und Zähnen, als wären sie von Raubtieren zugefügt worden. Raubtieren, wie etwa Wölfen. Doch er erkannte auch, dass diese methodisch zugefügt worden waren. Wölfe hätten die Leichen nicht auf einem Haufen vor der Scheune zurückgelassen.

Dann hörte er es, leises Rascheln am nahen Waldrand. Er schaute sich vorsichtig um und erkannte reflektierende Tieraugen aus dem Dickicht. Sie beobachteten ihn, schätzten ihn ab. Das war der Zeitpunkt, an dem sein Instinkt die Führung über sein Denken übernommen und er zu rennen begonnen hatte. Das Biest – oder waren es gar mehrere? – jaulte auf und rannte hinter ihm her.

… mit verbundenem und schmerzendem Bein machte er sich auf und lief weiter. Von weitem hörte er Wolfsgeheul, dem ein weiteres unweit seiner Position antwortete. Trotz seiner Schmerzen begann er noch schneller zu rennen. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er einen großen Fehler beging, doch sein Instinkt war stärker. Das Letzte, was er sah, war ein grauer Schemen und das Letzte was er spürte unsäglicher Schmerz an seinem Rücken. Horand ging zu Boden und hörte nur noch das Geräusch großer Schwingen.