Im Siechenzelt
Festwiese vor deren Toren der Grafencapitale Salthel, Peraine 1046 BF
Schmerz war das Erste, was Widderich wahrnahm, als er aus den Untiefen einer Ohnmacht auftauchte, die er sich nicht wirklich erklären konnte.
Ein reißender, stechender, pochender Schmerz, der in aberwitzigem Tempo, scheinbar zunehmend zornig, von einer Schädelwand zur anderen raste – und dann gleich wieder zurück. Seinen Kopf durchzuckte wie ein Blitzgewitter, ihn in Chaos versetzte und dafür sorgte, dass er keine klaren Gedanken fassen konnte. Wie ein Irrwisch, der von einem übelmeinenden Häscher in einen viel zu kleinen Käfig gesperrt worden war, und jetzt alles daran setzte, mit roher Gewalt durch die Gitterstäbe zu brechen.
Er stöhnte leise, schaffte es aber nicht, die Hand zu heben, um sich ein besseres Bild von seinem Zustand zu machen. Der Körper wollte ihm nicht gehorchen.
Noch nicht ...
Also gab er dem Geist eine zweite Chance. Versuchte zu erinnern, was geschehen war, bevor er sich hier wiederfand. Auf ... einer Pritsche liegend? In einem Zelt vermutlich? Den Geräuschen nach zu urteilen, die seltsam verzerrt – wie durch Wasser – an seine Ohren drangen, noch auf der Festwiese vor Salthel? Was war passiert, das ihn ...
Buhurt ...
Der Buhurt war gut gelaufen, obwohl Gringolf ihn ganz nach vorn gestellt hatte und es auf der Gegenseite viele Streiter gab, die die Klinge mit ihm kreuzen wollten. Irgendwie war es ihm stets gelungen, die Oberhand zu behalten und dadurch im Spiel zu bleiben.
Bis ... ja ...
... bis ein Berg von einem Mann vor ihm auftauchte, den er nicht zuordnen konnte, weil die Rüstung schmucklos war, er auf den ersten Blick kein Wappen erkannte und ihm keine Zeit für einen zweiten blieb. Der Kerl schlug mit genug Kraft zu, dass es locker auch für den Tritt eines Pferdes gereicht hätte. Eines großen ... Brauereipferdes. Leider ganz ohne die handwerklichen Schwächen, die mit so etwas öfter einhergingen. Widderich war noch dabei gewesen, nach einem Mittel zu suchen, wie er dem Hünen beikommen konnte, als es ihn plötzlich traf ... seinen Kopf ...
War ihm etwas entgangen? War der Mann nicht nur stark und versiert, sondern zu allem Überfluss auch noch so schnell gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, wie er ...
Widderich stöhnte erneut – und schaffte es diesmal, sich zu regen. Er hob die rechte Hand an seinen Kopf, um zu prüfen, was davon noch übrig war. Bevor er in der Sache zu einem Schluss gelangen konnte, ertönte jedoch von irgendwoher eine Stimme.
Ganz in der Nähe.
Er konnte nicht sagen, ob von rechts oder links, oben oder unten, aber vertraut klang sie nicht. Also zwang er seine Lider auseinander – und bereute es gleich darauf, als sich gedämpftes Tageslicht wie glühende Dolche in seine Augäpfel bohrte. Und weiter. Bis ins Hirn. Tief hinein.
„... doch, dass in dem Hohlschädel nicht viel kaputtgehen kann.“
Es war eine Frau, die da sprach. Das begriff er trotz des ganzen Halls und des Pfeifens in seinen Ohren. Ihr Gesicht manifestierte sich langsam und nur sehr widerwillig in seinem Blickfeld. Durch zuckende Blitze sowie eine Vielzahl pulsierender, grellschwarzer Punkte hindurch nahm er breite Wangenknochen, wallende, braune Locken und eine Halsberge wahr. Er glaubte, die Ritterin schon mal irgendwo gesehen zu haben, wusste aber nicht wo.
„Dann kann ich mich jetzt ja endlich entschuldigen, nicht wahr?“
Widderich starrte sie schweigend an. Er suchte nach Worten, fand nur erstmal keine. Anscheinend brauchte es die aber auch gar nicht: Seine Miene verriet wohl, wie ratlos er war.
„Dafür, dass ich dich niedergestreckt habe, Mann?“
Er kniff die Augen zusammen.
„Na, gehört ja für gewöhnlich nicht zum Plan, jemanden aus der eigenen Mannschaft umzuhauen. Tut mir also ausgesprochen leid, dass ich dich in meinem Taumel so unglücklich erwischt und mit zu Boden genommen habe. Deshalb bin ich auch geblieben, um mich in aller Form zu entschuldigen. Für das kleine Missgeschick.“
Sie sprach sehr laut, sodass er ihre Worte durch die ganzen Störgeräusche hindurch gut verstehen konnte. Aber da war irgendwas in ihrer Stimme, das ihn ...
Die Frau trat näher, hob ihre rechte Hand, die in einem dicken Verband steckte, und fügte dann überdeutlich an: „Vielleicht tröstet es dich ja, dass der Tag für mich damit ebenfalls zu Ende war? Ich hab nicht nur dich aus dem Rennen gehauen, sondern auch mich selbst.“
Sie war jetzt so nahe, dass er die Farbe ihrer Augen erkennen konnte. Graugrün. Sie wirkten kalt und irgendwie ... belustigt. Gar nicht so, als würde ihr leidtun, was geschehen war.
Der Eindruck bestätigte sich, als sie sich gleich darauf über ihn beugte, um ein deutlich leiseres „Unter uns: Mir tut das Ganze kein bisschen leid“ anzufügen. „Ich soll dir schöne Grüße von Goderick ausrichten, Arschloch. Vielleicht überlegst du dir nächstes Mal ein bisschen besser, ob du ihn wirklich behandeln willst, wie du es gestern getan hast? Falls da drin ...“, er war nicht schnell genug, um einen beiläufigen Stoß gegen seine Stirn zu unterbinden, der den Irrwisch nur noch wütender machte, „... irgendetwas stecken sollte, das dich zu halbwegs gescheiten Gedankengängen befähigt ... was ich ernsthaft bezweifle.“
Ein breites Feixen eroberte ihre Lippen und Widderich fürchtete, dass sie ihm erneut gegen den Kopf hauen würde. Doch ehe das geschehen konnte, erklang hinter ihr eine weitere Stimme:
„Was ist denn hier los?“
Satijana!
Die Fremde wich zurück, als hätte sie sich an ihm verbrannt.
„Nichts“, behauptete sie und hob in einer beschwichtigenden Geste beide Hände. „Ich habe mich bloß bei Hochgeboren entschuldigt. Dafür, was passiert ist. Es tut mir wirklich außerordentlich leid, dass der Tag für ihn so unrühmlich geendet hat!“
„Fein“, Satijanas Stimme klang trotz der vermeintlich guten Absicht der Ritterin sehr ungnädig. „Dann gibt es für Euch ja jetzt keinen Grund mehr, hierzubleiben, oder? Also würde ich vorschlagen, dass Ihr uns verlasst.“
„In der Tat“, gab die Ritterin ein wenig gnatschig zurück. „Einen schönen Tag noch, die Dame. Den Guten Göttern anempfohlen.“
Im nächsten Moment verschwand sie aus Widderichs Sichtfeld, dafür tauchten Satijanas und Maras besorgte Mienen auf und Erstere griff sofort nach seiner Hand.
„Wer war das denn?“, fragte sie.
Er hob die Schultern, verfluchte sich aber einen Augenblick später schon dafür, weil selbst diese winzige Bewegung eine Welle des Schmerzes durch seinen Schädel jagte. Statt eines Wortes der Erklärung entwich ihm daher auch nur ein leises Zischen.
„Das war Undra von Mittenzwey“, antwortete Mara an seiner Stelle. „Die fette Kuh, die über die eigenen beschissenen Stampfer gestolpert ist und Widderich ihren Hammer von hinten gegen den Kopf gehauen hat, ehe sie selbst in den Schlagdorn reingefallen ist. Wenn solche Leute an deiner Seite kämpfen, kannst du es auch echt einfach gleich ganz lassen ...“
„Wie kann denn so was überhaupt passieren? Ich verstehe das nicht!“
„Die Frau ist halt unnütz“, Mara verzog das Gesicht.
Derweil verstärkte Widderich den Druck auf Satijanas Hand, um ihre Aufmerksamkeit wieder in seine Richtung zu lenken. Er wollte etwas sagen, aber seine Gedanken flossen immer noch zäh wie Sirup, sodass sie ihm zuvorkam:
„Wie geht es dir? Ist es sehr schlimm?“
„Bring mich nach Hause ... bitte!“, stieß er heiser hervor.
„Zu Schwanhildt, meinst du?“
„Ja.“
„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist? Ich glaube, wir sollten den Medicus fragen, bevor ich anfange, dich irgendwo hinzubringen? Ich habe den Eindr...“
In dem Moment wurde die Zeltplane erneut zurückgeschlagen und zwei weitere Personen traten ein. Zuerst Gringolf von Högelstein, den Widderich sofort erkannte, und dann ...
... sein Blick glitt irritiert über den Mann, der unmittelbar auf den Ersten Ritter folgte: ein Hüne mit breiten Schultern, goldenen Locken, hellblauen Augen, einer großen Nase und einem breiten Lächeln auf den Lippen. Er erkannte die Rüstung sofort wieder und konnte jetzt auch ein kleines Wappen am Gürtel ausmachen, traute seinen Augen aber nicht.
Wahnvorstellungen? Hatte es ihn wirklich so schwer erwischt?
Widderich sah zu Satijana und Mara hinüber, die den großen Kerl ebenfalls ungläubig anstarrten, und begriff schlagartig, dass es sich mitnichten um ein Trugbild handelte.
Seine Frau fing sich als erstes wieder und ging sofort in einen tiefen Knicks, seine Nichte folgte ihrem Beispiel mit einem Herzschlag Verzögerung und er selbst ...
... Widderich handelte, ohne zu nachzudenken: Unter Aufbietung aller noch verfügbaren Kraft zwang er seinen Leib in die Vertikale – wuchtete den Oberkörper erst in die Höhe, kämpfte sich dann auf die Füße und wollte sich anschließend eigentlich ebenfalls verneigen.
Dazu kam es allerdings nicht, denn kaum dass er stand, wurde Widderich förmlich vom Schlag getroffen: Der Schmerz in seinem Schädel schwoll an, bis der gefühlt zu bersten drohte, die tanzenden, grellschwarzen Punkte kehrten zurück und seine Beine gaben nach, während ihn ein überwältigendes Gefühl von Schwindel und Übelkeit überkam.
Hätte Satijana sich nicht blitzschnell aus ihrem Knicks gelöst, um herbeizuspringen und ihn zu stützen, wäre er dem Kronprinzen der Bärenlande einfach vor die Füße gefallen. Natürlich war er zu schwer, als dass sie ihn allein hätte halten können, also legte Arlan gleich darauf ebenfalls Hand an, während Gringolf einfach nur dastand, fassungslos stierte und alles in allem wirkte, als würde er sich ganz weit wegwünschen. An einen Ort, der mit der Situation, die sich just hier im Zelt entfaltete, so wenig wie möglich zu tun hatte.
Dabei war der Höhepunkt noch gar nicht erreicht.
Sobald sich herausgestellt hatte, dass Widderich nicht zu Boden gehen würde, eilte auch Mara an seine Seite. Aus irgendeinem Grund hielt sie praktischerweise schon einen Eimer in den Händen und musste den nur noch halbwegs sinnvoll platzieren, als sein Körper von einem heftigen Krampf geschüttelt wurde und er Galle kotzte. Von seinem spärlichen Frühstück war offenbar schon nichts mehr übrig. Zum Glück wohl, im Anbetracht der Umstände?
Nachdem Widderichs Röcheln, Würgen und Ächzen verklungen war, herrschte für einen Moment betretenes Schweigen im Raum.
Dann räusperte sich Gringolf leise und meinte: „Gut mitgedacht, Mara!“
„Das war nicht wirklich ich, Hoher Herr“, murmelte Schwanhildts Tochter. „Der Heiler, der vorhin da war, um nach Hochgeboren zu sehen, hat gesagt, dass zwar nichts gebrochen ist, ich aber besser einen Eimer holen soll für ... na ja, genau so was hier halt, schätze ich.“
„Gute Götter“, hauchte Satijana unterdessen tonlos. „Es tut uns so leid. Das war ... das ist ... das hätte nicht passieren dürfen, Hoheit, bitte verzeiht die Unannehmlichkeit.“
Ihre Wangen glühten vor Scham und im Grunde ... ja ... wünschte sich Widderich gerade auch weit weg von hier. Noch weiter als Gringolf vermutlich. Oder ... am besten gleich zurück in die Ohnmacht, die ihn bis vor Kurzem noch so gnädig umfangen hatte. Das hier war ... selbst für seine Verhältnisse ein Tiefpunkt. Elend ... eine Katastrophe nahezu unerträglich schmerzhaften Ausmaßes. Gleich in mehrfacher Hinsicht.
„Das ist doch nicht nötig, Frau von Horadamm“, Arlan klang völlig entspannt. „Nach allem, was Euer Erster Ritter mir erzählt hat, passt es ja ziemlich gut ins Bild, dass Hochgeboren mir zur Begrüßung erst mal vor die Füße spuckt. Das Verhältnis zu Personen, die vom Götterfürsten über ihn gestellt wurden, scheint ja im Allgemeinen eher belastet zu sein.“
Widderich stieß ein gequältes Stöhnen aus, während Satijanas Blick hastig zwischen Gringolf und Arlan hin und her huschte. Sie war erst kreidebleich geworden, fing sich dann aber erneut sehr schnell und straffte ihre Haltung.
„Das kommt meiner Erfahrung nach immer auf die Person an und ganz entschieden auch darauf, wie sie sich ihm gegenüber beträgt“, meinte sie schnippisch.
„Hört, hört!“ Arlan schmunzelte belustigt, ehe er fester zupackte und Widderich prüfend ins Gesicht sah. „So oder so: Ich würde vorschlagen, dass wir Euren Mann jetzt erstmal wieder hinlegen. Sieht aus, als hätte ihm die Sache ordentlich aufs Hirn geschlagen. Damit ist nicht zu spaßen, er sollte besser ruhen.“
„Hat der Heiler auch gesagt“, piepste Mara.
„Sehr gern“, konstatierte Satijana, während sie dem Löwenhaupter half, Widderich zurück auf die Liege zu verfrachten. „Ich wäre Euch überaus verbunden, wenn Ihr das gegenüber Hochwohlgeboren genauso vertreten könntet, sollte es nötig werden. Ich finde, mein Gemahl hat seine Schuldigkeit getan und sollte heute Abend nicht mehr am Hof erscheinen müssen!“
„Selbstverständlich, Hochgeboren“, mischte sich Gringolf da hastig ein. „Ich werde Herrn Bunsenhold die Situation erklären und glaube nicht, dass er hernach noch auf Eurer Teilnahme am Bankett besteht. Die Fürsprache von Herrn Arlan wird sicher nicht vonnöten sein, um ihn in dieser Sache zur Einsicht zu bewegen.“
„Euer Wort in der Götter Ohren!“
Widderichs Blick war träge zwischen den beiden hin und her gewandert, wurde nun aber von einem knappen Wink Arlans aus seiner Bahn gerissen: Der Prinz hob die Hand, um seine Aufmerksamkeit einzufordern und nickte zufrieden, als er Folge leistete.
„Seid Ihr überhaupt richtig da, Rauheneck?“, wollte er wissen. „Bekommt Ihr etwas von dem mit, was hier gerade passiert, oder ... ?“
„Ja, Hoheit. Leider.“
„Gut“, Arlan lächelte. „Dann sage ich noch kurz, warum wir eigentlich hier sind, bevor wir Euch zur Ruhe kommen lassen.“
„Bitte ... ?!“
„Wohl gestritten, Hochgeboren, das war gestern eine wahrlich überzeugende Darbietung“, gab der Löwenhaupter ohne weitere Vorrede zu Protokoll. „Heute auch wieder, aber wir haben unseren Strauß ja leider nicht fertig ausfechten können. Ich bestehe darauf, dass wir das beizeiten nachholen – und zwar möglichst ohne Ansehen meiner Person! Ihr habt ja hoffentlich ohnehin vor, zu meiner Hochzeit zu kommen?“
„Ähm ...“
„Trefflich! Dann wird sich eine Gelegenheit finden. Vielleicht kommt Ihr einfach ein bisschen früher, oder geht später oder ... uns fällt da schon was ein.“
„Ja ... ?“
Widderich schlug vorsichtig ein, als der Prinz ihm die Hand entgegenstreckte, und verkniff sich mühevoll ein schmerzerfülltes Ächzen, denn der packte zu, als wäre nichts.
„Dann sehen wir uns im Travia in Trallop wieder. In alter Frische, hoffentlich. Hört auf Eure Frau und macht erstmal langsam! Wir beide empfehlen und jetzt, auf dass ihr gleich mit dem Genesen anfangen könnt. Den Göttern anempfohlen, Rondra voran ... und Peraine, würde ich meinen, in diesem speziellen Fall!“
Nachdem das gesagt war, wandte sich Arlan ab und schob Gringolf kurzentschlossen vor sich aus dem Zelt hinaus.
Dann waren sie wieder zu dritt und starrten einander sprachlos an. Offenbar war Widderich nicht der Einzige, der Schwierigkeiten damit hatte, die Situation zu verarbeiten.