Dramatis Personae


Als Anregung und Grundlage für die Geschichte "Der Weg zum Wehrbären" dient ein Ergebnis der Würfelorgie im Jahr 2026. Folgendes persönliches Ereignis wurde beim Weidener Kaminstübchen 2026 für Widderich von Rauheneck erwürfelt:

(16) Du fällst Prinz Arlan bei einer der diversen Festlichkeiten in diesem Jahr positiv auf und er scheint in der Folge einen Narren an dir gefressen zu haben. Noch vor seinem Traviabund lässt er nach dir schicken und versichert dir bei einem Humpen frischen Bräus leutselig, dass er dich und deine Waffe gerne an seiner Seite wüsste, wenn – möglicherweise schon bald – eine Zeit der Bewährung anbricht. Als Zeichen seiner Gunst, überreicht er dir ein eigens geknüpftes Band mit seinem Wappen im Herzen eines wehrenden Weidener Bären, das du fürderhin am Gürtel tragen darfst.
Anlässlich seiner Hochzeit am 12. Travia 1047 BF erfährst du, von welcher Bewährung der Prinz gesprochenhat und selbstverständlich will er dich, und die anderen "Wehrbären", bei seinem Zug wider den Schwarzpelz an seiner Seite wissen.

Die Geschichte ist teils verwoben mit einer Serie von Geschehnissen in der Grafschaft Sichelwacht, die in loser Folge unter dem Motto "Neulich in der Sichelwacht" veröffentlicht werden, sowie  mit den Geschehnissen der "Blutmond"-Anthologie. Sie enthält also Spoiler.

 


 

Die Vorladung

Villa Gringelbaum, Grafencapitale Salthel, Peraine 1046 BF

Schwanhildt war alles andere als begeistert, aber sie fügte sich dem Willen des hohen Gastes, nachdem dieser ihr mehrfach versichert hatte, dass es nicht nur dringend, sondern auch sehr eilig sei. Sie führte ihn ins Gärtchen der Villa Gringelbaum, in dem sich ihr Bruder seit ein paar Stunden aufhielt. Draußen gab es am wenigsten Störfeuer, deshalb hatte der Familienrat beschlossen, dass er den Vormittag dort verbringen sollte.

Nachdem er in den letzten beiden Nächten wenig Schlaf bekommen hatte und der Trubel um den Baronet von Uhdenwald auch nicht unbedingt als Stimmungsaufheller taugte, schien es ihnen ratsam, Widderich ein bisschen Ruhe zu gönnen. Damit biss sich zwar, dass Satijana ihm seinen Jüngsten auf den Arm gesetzt hatte, bevor sie ihn ins Grüne schickten – aber es war nicht an Schwanhildt, die beiden mit Ratschlägen in Ehe- oder Erziehungsfragen zu malträtieren. Also hatte sie sich einen Kommentar verkniffen, nur ein breites Feixen nicht hindern können.

Wie sich gerade herausstellte, gab es aber gar keinen Grund dazu: Vater und Sohn saßen nämlich in stiller Eintracht im Schatten eines alten Apfelbaums – der Große mit dem Rücken ganz entspannt an den breiten Stamm gelehnt, der Kleine mit zufriedenem Gesichtchen an seine Brust geschmiegt ... und beide augenscheinlich selig schlummernd.

Schwanhildt warf ihrem Gast einen vorwurfsvollen Blick zu, doch der kannte keine Gnade. Er lächelte zwar entschuldigend, machte aber eine unmissverständliche Geste: Er wollte, dass sie ihren Bruder aufweckte.

Also trat sie vorsichtig an ihn heran und räusperte sich leise: „Widderich?!“

Sie hatte seinen Namen noch nicht ganz ausgesprochen, als ihr klar wurde, dass er mitnichten schlief. Das war vielleicht auch ganz gut so, denn wenn man ihn auf dem falschen Fuß erwischte, rief das mitunter heftige Reaktionen hervor – die vielen Jahre im Krieg hatten dafür gesorgt, dass seine Hand bei jedem Weckruf zuerst an die Waffe ging.

Das war jetzt zum Glück nicht der Fall. Stattdessen legte er die Linke bloß schützend auf den Hinterkopf seines Sohns und brummte ein leises:

„Was will der hier?“

„Wollte er mir nicht verraten. Er hat darauf bestanden, mit dir zu reden.“

„Hum.“

Schwanhildts Bruder krauste die Nase, öffnete die Augen dann widerwillig und sah zum Ersten Ritter der Sichelwacht hinüber, der in ein paar Schritt Entfernung etwas verloren in der Gegend herumstand: Er ließ den Blick demonstrativ unbeteiligt wandern – obwohl es hier im Garten wahrlich nichts Interessantes zu sehen gab.

„Und das muss unbedingt jetzt sein?“, hakte Widderich nach.

„Angeblich schon.“

„Fein!“

Der Klang seiner Stimme verriet, dass er das in Wahrheit gar nicht fein fand. Dennoch erhob er sich – allerdings nicht, ohne vorher einen tiefen Seufzer ausgestoßen zu haben. Er klaubte sich den Sohnemann vom Leib, eine Missetat, die umgehend mit protestierendem Quäken quittiert wurde, und gab ihn ohne ein Wort der Erklärung an Schwanhildt weiter. Dann trat er schicksalsergeben auf Gringolf von Högelstein zu.

Schwanhildt bemühte sich, ihren Neffen zu besänftigen, sah aber nicht ein, über dessen Gekrähe zu verpassen, weshalb das Haus ihres Gemahls von einem Handlanger des Grafen heimgesucht wurde. Deshalb nahm sie zugleich die Verfolgung ihres Bruders auf.

„Die Götter zum Gruße“, hörte sie ihn sagen und sah, wie er dem Högelsteiner die Hand zum Rittergruß entgegenstreckte. „Willkommen im Haus meines Schwagers. Ich nehme an, eine Erfrischung wurde dir bereits angeboten und du hast sie ausgeschlagen? Anderenfalls hätten wir uns wohl im Salon getroffen und nicht hier?“

„Ja ... nein ... also: Ich habe einfach nicht viel Zeit, sonst hätte ich der Form natürlich genügt und die Einladung angenommen, statt hier so rein ... oder vielmehr: raus zu platzen“, hob der Schroffenfelser an. „Die Sache ist nur: Ich habe ja das Turnier vor den Toren der Stadt zu organisieren und da gibt es einiges zu tun, deshalb kann ich mich nicht lange aufhalten.“

„Warum bist du dann überhaupt hier? So wichtig kann es doch gar nicht sein?!“

„Hast du eine Ahnung!“

„Wie meinen?“

„Ich bin hier, weil Mara gesagt hat, dass du ihr einen Vogel zeigen würdest, wenn ich sie schicke, um dich zu holen.“

„Mich holen? Wohin denn?“

„Na, zum Turnierplatz!“

„Was soll ich da?“

„Kämpfen natürlich.“

„Kämpfen? Wohl kaum! Ich bin überhaupt nicht gemeldet, Gringolf. Bin nicht hier, um zu kämpfen, sondern um ganz in Ruhe mit meiner Fam...“

„Doch, bist du. Das habe ich für dich erledigt.“

„Was?“

„Bun...Seine Hochwohlgeboren war äußerst unzufrieden, als ich ihm gestern berichtet habe, dass du nicht beim Tjost dabei bist. Alle Ritter der Sichel sind angehalten, sich am Turnier zu beteiligen, um zu zeigen, wie es um die Kampfkraft der Grafschaft bestellt ist.“

„Ich bin aber schon lange kein Ritter der Sichel mehr.“

„Einmal Ritter der Sichel immer Ritter der Sichel, das weißt du so gut wie ich.“

„Wäre mit neu!“

„Ja, gut, aber ...“

„Ich bin jetzt an erster Stelle Baron! Sind die auch alle angehalten, bei dem Spektakel mitzumachen, oder wie darf ich das verstehen?“

„Nein“, Gringolf schüttelte den Kopf. „Scheint, als würde der Graf vor allem auf eine Kostprobe von deinem Können Wert legen.“

„Warum?“

„Ähm ... tja ...“, der Erste Ritter trat sichtlich nervös von einem Fuß auf den anderen, während er nach Worten suchte.

Vermutlich, weil er verbrämen wollte, was sein feiner Herr Graf tatsächlich gesagt hatte. Bemüht darum, die Wahrheit zu beschönigen: Dass der alte Mann einfach nur eines der Werkzeuge für seinen Machterhalt zur Schau stellen wollte. Wie hatte der Fluck ihren Bruder noch gleich genannt? Einen geifernden Hofhund, den Bunsenhold dereinst von der Kette zu lassen gedachte, um Angst und Schrecken unter seinen Standesgenossen zu verbreiten? Im Angesicht dieser bodenlosen Frechheit konnte sich Schwanhildt ein geringschätziges Schnauben nur mit äußerster Mühe verkneifen.

„Wahrscheinlich, weil wir alle neugierig sind?“, meinte Gringolf schließlich und lächelte arglos. „Es hat dich hier noch keiner kämpfen sehen. Nach allem, was ich weiß, bist du vor einer Ewigkeit mal drüben bei einer Turney in der Trutz ausgeschieden, weil dein Pferd niedergestochen wurde. Und dann warst du beim Fürstenturnier im Kosch und hast dich dort ganz gut geschlagen? Herr Bunsenhold findet, wenn du dich für irgendwelche auswärtigen Grafen und Fürsten ins Feld stellen lässt, solltest du ihm die gleiche Höflichkeit erweisen.“

„Im Ernst jetzt?“

„Und der Prinz ist da, Widderich, Arlan persönlich! Gerüchteweise bist du einer unserer versiertesten Streiter. Also ...“

„Na, ich habe kein Interesse. Aber danke der Nachfrage.“

„Das ist nicht wirklich von Belang.“

„Bitte?“

„Genau das eben nicht: Es ist keine Bitte, sondern ein Befehl. Ich habe dich auf Weisung Seiner Hochwohlgeboren für den Fußkampf und den Buhurt gemeldet. Du hast doch alles dabei, oder? Wir müssen dir nichts stellen? Waffe? Rüstung?“

„Natürlich nicht!“

„Na, dann ist das ja geklärt. Dir bleibt ungefähr ein Wassermaß, um deine Sachen zu packen und rüber zur Festwiese zu machen. Wir sehen uns da!“

Darauf erwiderte Widderich nichts, sondern stierte einfach nur feindselig und blähte empört die Nüstern.

„Trefflich, trefflich!“, meinte der Erste Ritter der Sichel derweil frohgemut. Ihn juckte die Grabesmiene seines Gegenübers entweder nicht, oder er bekam in seiner begeisterten Geschäftigkeit tatsächlich nichts davon mit. Er wandte sich Schwanhildt zu, lächelte zufrieden und meinte: „Ich finde meinen Weg nach draußen selbst, macht Euch bitte keine Umstände.“ Kurz hielt er noch inne, warf einen neugierigen Blick auf den mittlerweile wieder halbwegs friedlichen Knirps, den sie hielt, zauste ihm zärtlich das Haar und spritzte dann federnden Schrittes davon.

Er ließ einen Widderich zurück, dessen Laune noch schlechter war als bisher schon. In seinen Augen blitzte heißer Zorn, er schob den Unterkiefer störrisch vor und stieß ein inbrünstiges „Scheißdreck da!“ aus, kaum dass der Högelsteiner entschwunden war.

Na, das konnte ja heiter werden!


 

Der Unhold

Festwiese vor deren Toren der Grafencapitale Salthel, Peraine 1046 BF

Sehr zu Gringolfs Erleichterung war der vermaledeite Rauheneck tatsächlich auf dem Turnierplatz aufgetaucht. Deutlich zu spät zwar, für seinen Geschmack. Er hatte schon daran gezweifelt, dass es überhaupt noch passieren würde, und in Gedanken an ein paar wortreichen Erklärungen gefeilt, die er seinem Grafen im äußersten Notfall vortragen konnte.

Zum Glück blieb ihm das nun erspart – Selbiges galt bloß leider nicht für einen Blick ins Gesicht des Rotenforsters, dessen schlechte Laune nahezu greifbar war.

Der Mann führte sich auf, als hätte man eines seiner Kinder gezüchtigt, seine Frau verführt, sein Ross gestohlen oder so. Jedenfalls nicht, als würde ihm die Ehre zuteil, vor den Augen des künftigen Herzogs und später vielleicht auch seines Grafen zu streiten. Vor großem und hohem Publikum zu zeigen, was in ihm steckte, und dabei mit etwas Glück zur Abwechslung sogar mal einen halbwegs passablen Eindruck zu hinterlassen. Nach allem, was gemunkelt wurde, war er ein formidabler Kämpfer. Was sprach also dagegen, hier mitzumischen?

Gringolf verstand die Vorbehalte des Rotenforsters beim besten Willen nicht, atmete aber befreit auf, als er kurz vor Beginn des ersten Kampfes endlich eintrudelte. Mit einigen wohlmeinenden Worten hatte er ihn zu den anderen Streitern geleitet und war danach zur Tribüne geeilt, um sich an die Seite von Prinz Arlan zu begeben. Er wollte das Fehlen des Wolkensteiners ausgleichen, dem gerade nicht der Sinn danach stand, sich mitten ins lärmende Chaos vor den Toren der Feste Aarkopf zu begeben. Bei seinem Abschied von den Kämpfern hatte der Högelsteiner zwar bemerkt, dass sich die Laune des einen oder anderen mit Ankunft des neuen Konkurrenten ebenfalls schlagartig verschlechterte, es aber schulterzuckend abgetan.

Würde schon gutgehen, hatte er bei sich gedacht.

So schien es zunächst auch. Gleichwohl bereitete es Gringolf leichte Probleme, das zu verarbeiten, was er vom Rauheneck seither geboten bekam. In seinem ersten Kampf fertigte er eine aufstrebende Rittfrau aus dem Balihoer Süden so schnell ab, dass hinterher keiner genau sagen konnte, was ihm eigentlich den Sieg einbrachte: Können oder Glück. Danach marschierte er durch eine erfahrene, aber etwas behäbige Ritterin des Hains sowie einen deutlich zu selbstbewussten Sichelritter hindurch, als würde es sich um offene Türen handeln. Und dann ...

... nun ja ...

... Gringolf sah betreten zu Goderick von Trussnitz hinüber, der just von ein paar verunsicherten Knappen auf eine hölzerne Trage gehoben wurde. Aus eigener Kraft würde er heute nirgendwo mehr hingehen. Und morgen sicher auch nicht am Buhurt teilnehmen.

Der Baron von Rotenforst hatte den Adjutanten der Heermeisterin der Sichel gerade in seine Einzelteile zerlegt und verließ den Ring nun, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Das war, offen gesprochen, ziemlich unehrenhaft.

Skandalös geradezu!

Gringolf schielte unauffällig zum Prinzen hinüber, auf dessen Stirn sich eine steile Falte gebildet hatte, während er den Abgang des Rauheneck beobachtete.

„Was für ein netter Kerl“, meinte Arlan leichthin. „Ist das einer von deinen Leuten, Gringolf? In dem Fall würde ich anregen, dass du den Lehrplan für eure Knappen um ein paar Stunden in Anstand und Etikette erweiterst. Und dass ihr euch bei der Vermittlung rondrianischer Tugenden künftig ein bisschen mehr Mühe gebt!“

„Das ist Widderich von Rauheneck“, Gringolf spürte, wie ihm Schamesröte ins Gesicht stieg, und räusperte sich vernehmlich, weil auch seine Stimme nicht so geklungen hatte, wie er sich das wünschte. „Der ist Mitte 40, hat also schon vor einer ganzen Weile ausgelernt. Damals hatte Herr Ralmir hier noch das Sagen und die Dinge liefen ein bisschen anders.“

„Ein bisschen nur? Na dann Prost Mahlzeit!“

„Es handelt sich da eher um ein ... persönliches Problem, Arlan, du solltest nicht vom Verhalten eines unserer Ritter auf alle anderen schließen.“

„Der Rauheneck ist ein persönliches Problem? Von wem denn? Oder meinst du, dass er ein persönliches Problem hat?“

Beides eigentlich.

Der Mann stellte ein Problem für viele seiner Sichler Standesgenossen dar und hatte darüber hinaus offensichtlich auch mit zahlreichen eigenen Problemen zu kämpfen, von denen Gringolf die ungehobelte Art noch für eines der kleineren hielt. Er glaubte allerdings nicht, dass es eine gute Idee gewesen wäre, dem Prinzen einen Vortrag darüber zu halten. Und eigentlich hatte er es so auch gar nicht gemeint. Gringolf schüttelte den Kopf und seufzte leise:

„Es gibt ein Problem zwischen Herrn Widderich und Herrn Goderick, das wollte ich damit sagen. Die beiden konnten sich schon nicht leiden, als sie noch hier am Hof als Knappen dienten. Und dann soll es auf dem Zug gen Mendena einen unrühmlichen Vorfall gegeben haben, bei dem der eine den anderen ... und auch seine Familie schwer beleidigt hat. Ich schätze, das Spektakel da eben ist eine Spätfolge gewesen.“

Wenn es ja wenigstens ein Spektakel gewesen wäre!

Wenn es in dem Kampf Schauwerte gegeben hätte, um das Publikum zu begeistern und mitzureißen. Einen Schlagabtausch zweier ebenbürtiger Gegner, in dem Rüstungen blitzten, Klingen sangen und vielleicht auch der Prinz etwas sah, das ihm gefiel. Dazu war der Stil des Rauheneck nur leider überhaupt nicht angetan. Beim Trussnitzer hatte Gringolf ein paar Ansätze der eleganten Kunstfertigkeit erspähen können, die er herbeisehnte. Die waren nur unglücklicherweise verstörend schnell an einem Wall ebenso schnörkel- wie mitleidloser Gleichgültigkeit zerschellt.

Und dann war es auch schon wieder vorbei gewesen.

„Wer hat wen beleidigt?“

Gringolf bekam die Frage des Prinzen nur am Rande mit und hätte sich eine Antwort lieber gespart, weil sie leider nicht in das Bild passen würde, das er von den beiden Männern hatte.

„Der Trussnitzer den Rauheneck“, gab er nach kurzem Zögern pflichtschuldig zu Protokoll.

„Und seine ganze Familie gleich mit? Wie das?“

„Er hat sie von der Schlacht am Wolfenstein ausgeschlossen, so geht die Mär. Offenbar hat er Herrn Widderich damals ins Gesicht gesagt, die seine Familie es nicht wert sei, an der Seite der anderen Ritter zu kämpfen und zu sterben. Sie könne aber gern später, wenn alles vorbei ist, die Leichen fleddern, wie bei Pack eben üblich. So was in der Art wohl. Ich muss hier nur unbedingt eine Lanze für Herrn Goderick brechen: Der ist für gewöhnlich nicht s...“

Weiter kam er nicht, denn der Löwenhaupter stieß erst einen ungläubigen Pfiff und dann ein leises Lachen aus:

„Ich würd sagen, dann verdient er die Trachtprügel, die ihm gerade verabreicht wurde. Wenn jemand so über meine Familie reden würde ...“

„Na, du willst deine Familie ja wohl hoffentlich nicht mit seiner vergleichen? Weißt du denn nicht, wer die Rauhenecks sind?“

„Nicht gut genug, schätze ich. Klär mich auf!“

Gringolf sah Arlan zweifelnd an und erkannte in seinen Augen ein Interesse, das er beim besten Willen nicht hatte wecken wollen. Alles in ihm sträubte sich dagegen, dem Prinzen nun ausgerechnet über eine Sichler Familie zu berichten, deren Schilde wahrlich nicht mit Ruhm behangen waren. Das würde wohl kaum dazu führen, dass er einen guten Eindruck von der Grafschaft bekam – und genau darum ging es hier ja eigentlich.

„Ach nein, ich schlage vor, das holen wir wann anders mal nach. Gerade haben wir doch Besseres zu tun, oder etwa nicht?!“, er machte eine Geste in Richtung Turnierfeld, wo sich mittlerweile zwei neue Kämpfer eingefunden hatten, und hoffte auf das Beste.

Arlan folgte dem Wink allerdings nur kurz, warf einen prüfenden Blick auf die Streiter und hob dann gleichmütig die Schultern:

„Ich denke, das eine lässt sich ganz gut mit dem anderen verbinden. Erzähl! Wenn da unten was Spannendes passieren sollte, können wir ja immer noch unterbrechen.“

***

Gringolf hatte sich um einen ausgewogenen Bericht bemüht. Das war bei der Familie Rauheneck aber gar nicht so einfach, weil es über sie nun mal leider viel Negatives zu erzählen gab. Fand er jedenfalls. Komischerweise schien das Meiste davon bei Arlan nicht recht anzukommen.

Dass sie ihren Baronen über Jahrhunderte hinweg immer mal wieder die Gefolgschaft verweigert hatten, interessierte den Prinzen offenbar nicht so sehr wie ihre bislang gerüchteweise unverbrüchliche Treue zum Herzogenhaus. Dass Widderich seinem direkten Lehnsherrn Erzelhardt von Graufenbein die Fehde erklärt hatte, beschwor weit weniger Fragen herauf als seine Vergangenheit im Kampf gegen die Erben Borbarads. Und die Tatsache, dass er die Hand einer Großnichte Bunsenholds ausgeschlagen hatte, um eine mehr oder minder mittellose, dafür aber ... gut bestückte Bronnjarin zu ehelichen, löste herzliches Gelächter aus.

Nach ihrem Gespräch schlug sich Gringolf noch eine Weile mit widerstreitenden Gefühlen herum. Auf der einen Seite war er götterfroh, dass seine Worte beim Löwenhaupter nicht die befürchtete Skepsis gegenüber dem Sichler Adel als solchem ausgelöst hatten, der ja auch ohne Fehlleistungen solcher vogelwilden Querschläger gern mal zu hören bekam, dass er zu stur und aufrührerisch sei. Auf der anderen Seite fragte er sich, ob er vielleicht irgendwie die falschen Schwerpunkte gesetzt hatte. Bei seiner Erzählung oder bei der bisherigen Bewertung des weithin verschrienen „Unholds von Sturmrætzvallt“.

Darauf dachte er fruchtlos herum, bis das Geschehen auf dem Turnierfeld seine Aufmerksamkeit wieder ganz gefangen nahm.

Gringolf hatte den Rauheneck praktisch schon vergessen, als er das nächste Mal in die Schranken trat. Sein Visier trug er, wie bislang, geschlossen, da er offensichtlich kein Interesse daran hatte, mit irgendjemandem in Kontakt zu treten. Das war akzeptabel, denn das Reglement ließ es zu, und darüber hinaus sicher auch gut so: Auf die Art bekam niemand außer den leidgeprüften Gegnern des Mannes etwas von seiner bodenlos schlechten Laune mit.

Völlig anders betrug sich sein Kontrahent. Haldoran von Friggenhaupt – ehemals Hauptmann der Wulfengarde in Weißtobrien, heuer Gemahl der Baronin von Drachenstein – hatte den Helm lässig unter seinen Arm geklemmt und erwies Arlan ganz selbstverständlich die Reverenz, ehe er sich mit einem zufriedenen Lächeln zum Rotenforster umwandte.

Gringolf schwante in dem Moment schon wieder Übles, denn diese beiden Männer waren auch nicht unbedingt bekannt dafür, si...

„Mit Haldoran wird er kein leichtes Spiel haben“, stellte der Prinz just fest.

Gringolf nickte zustimmend.

Der Friggenhaupter hatte auf dem Weg in diese Runde unter anderem Thûan Fîrnbold von Erlbach bezwungen, der zwar mittlerweile stramm auf die 70 zuging, aber noch immer eine sehr gefährliche Klinge führte und zu den besten Streitern der Grafschaft gehörte.

„Gibt es zwischen diesen beiden auch irgendwelche persönlichen Probleme, von denen ich wissen sollte?“, hakte Arlan unterdessen nach.

„Nun ja ... hatte ich dir berichtet, dass der vormalige Baron von Rotenforst – also der, mit dem Herr Widderich in Fehde lag und dessen Tod er dadurch heraufbeschworen hat – mit der Schwester von Haldorans Gemahlin verheiratet war?“, Gringolf konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. „Oder von der Sache mit Hahnfels?“

„Ahje ...“

Der Löwenhaupter hätte sicher noch mehr gesagt, wenn die Kontrahenten unten auf dem Platz nicht just in diesem Moment zum ersten Mal aufeinandergetroffen wären: Das schrille Kreischen des Stahls, das von erschrockenen Ausrufen einiger Zuschauer untermalt wurde, beendete ihr Gespräch schlagartig und ließ sie beide neugierig die Hälse recken.

Sollte es jetzt etwa doch noch Schauwerte geben?

Aufmerksam verfolgte Gringolf, wie sich die Männer nach dem ersten, unerwartet heftigen Schlagabtausch zurückzogen und einander kurz belauerten, ehe der Friggenhaupter erneut zum Angriff überging – mit der Präzision und Vielseitigkeit eines erfahrenen Kämpfers. Der Schwertreigen war ihm so sehr ins Blut übergegangen, dass er handeln konnte, ohne groß nachdenken zu müssen. Das Gleiche galt jedoch für seinen Gegner, und zwar ohne Abstriche, wie Gringolf just feststellte. Nach den vorangegangenen Runden kam das für ihn etwas unerwartet, da der Rauheneck bislang recht unauffällig, ja, mitunter fast teilnahmslos gestritten hatte. Doch jetzt schien er plötzlich hellwach, legte mühelos ein paar Schippen drauf.

Es versprach ein guter Kampf zu werden – der Meinung schien auch Arlan zu sein, denn aus dem Augenwinkel konnte Gringolf ein anerkennendes Nicken wahrnehmen.

Na also!

Auf dem Feld der Ehre hatte der Friggenhaupter den Rauheneck derweil mit einer Serie überaus manierlicher Attacken eingedeckt – mal schneller, mal langsamer, mal gewitzter, mal brachialer – war mit alledem aber nicht durch eine bemerkenswert solide Wehr gebrochen. Jetzt sollte das erste Abtasten offenbar vorbei sein, denn Haldoran machte Anstalten, sich erneut zurückzuziehen. Wie es eben üblich war: um kurz durchzuatmen und eine Taktik zu wählen, nachdem er seinen Gegner etwas besser kennengelernt hatte.

Der spielte allerdings nicht mit.

Das Angebot einer Verschnaufpause schlug Widderich von Rauheneck aus, obwohl er sicher auch gut eine hätte gebrauchen können. Stattdessen setzte er nach und den Drachensteiner gehörig unter Druck: In einer Geschwindigkeit, die er heute noch nicht ansatzweise an den Tag gelegt hatte, gingen seine Streiche auf den Friggenhaupter nieder. Dabei schien er selbst kleinste Schwächen in der Verteidigung des Gegners vorauszuahnen und nutzte sie ohne Zögern aus.

Bald schon glich der anfänglich geordnete Rückzug Haldorans mehr einer Flucht und er hatte seine liebe Mühe damit, Schaden von sich abzuwenden. Dennoch hielt er dem Ansturm irgendwie stand, was hohe Anerkennung verdiente. Er schlug sich so gut es unter den gegebenen Umständen eben möglich war und ging irgendwann gar mit dem Mut der Verzweiflung zum Gegenangriff über, um sich aus seiner heiklen Lage zu befreien.

Das war der Moment, in dem der Kampf endgültig zu einem offenen Schlagabtausch geriet – laut, schnell, brachial und auf beiden Seiten äußerst verbissen geführt – und in dem es Arlan nicht mehr auf seinem Sitz hielt. Für die Dauer eines Lidschlags löste sich Gringolf vom Geschehen, um dem Prinzen einen neugierigen Blick zuzuwerfen. Er sah Begeisterung in dessen hellen Augen blitzen, offenbar war das hier ganz nach seinem Geschmack.

Und für ihn selbst galt das im Grunde ja auch.

Gespannt beobachtete er, wie sich der Drachensteiner unter einem seitwärts gegen seinen Kopf geführten Hieb hinwegduckte, nur um die eigene Klinge gleich darauf aus nahezu unmöglicher Position heraus in Richtung der rauheneckschen Leibesmitte vorschnellen zu lassen. Der Block kam im allerletzten Moment und sein Gegner wich einen halben Schritt zurück – merklich überrascht. Haldoran nutzte das, indem er eine rasche Finte hinterherschickte, die wohl zur weiteren Verwirrung gedacht war, vom Rotenforster aber schmählich ignoriert wurde.

Der Högelsteiner konnte das missbilligende Schnauben des Mannes förmlich hören und runzelte irritiert die Stirn, als er auch die nächste Attacke links liegen ließ, denn die war keinesfalls ein Ablenkungsmanöver: Der Rauheneck nahm einen Streiftreffer in Kauf, um völlig respektlos in die Komfortzone des Friggenhaupters einzudringen. Dabei wirkten seine Bewegungen auf einmal doch recht elegant, oder ... zumindest traumwandlerisch sicher.

Gringolf erhob sich nun ebenfalls, um ja nichts von dem anschließenden Hauen und Stechen auf engstem Raum zu verpassen, für das sich die Anderthalbhänder der Ritter wahrlich nicht anboten. In dem Durcheinander entgingen ihm aber offenbar dennoch ein paar Details, jedenfalls konnte er den genauen Hergang später in seinem Kopf nicht rekonstruieren:

Er sah nur, wie der Drachensteiner zurückwich und zugleich mit einem wuchtigen Hieb wieder mehr Abstand zwischen sich und seinen Kontrahenten bringen wollte – wie seine Klinge auf die des Rotenforsters traf, die einen silbrigen Kreis beschrieb, ehe sie mit unwiderstehlicher Kraft gegen die Rippen des Tobriers donnerte und ihn ins Straucheln brachte.

Begleitet von einem leisen „Potzblitz!“ Arlans stieß der Rauheneck erneut vor, um seinen Gegner mit einem weiteren kraftvollen Streich ganz von den Beinen zu holen. Haldorans Schwert – in einem letzten sturen Aufbegehren zur Abwehr gehoben – schlug er danach einfach zur Seite und legte die eigene Waffe demonstrativ an den Halsschutz des Tobriers.

„Na so was!“, mehr fiel Gringolf im ersten Moment nicht ein.

Gerade waren ihm innerhalb kürzester Zeit vollkommen unerwartet gleich mehrere hochkomplexe Manöver zu Gesicht gekommen, die ziemlich klar belegten, dass der Ruf des Rauheneck mehr war als bloß Schall und Rauch. Er wusste noch nicht so genau, was er davon halten sollte. Nur eines stand für ihn jetzt schon fest: Das hier war bislang der beste Kampf gewesen, den er heute zu Gesicht bekommen hatte.

Schweigend verfolgte er, wie die Kampfrichterin das Ende des Kräftemessens erklärte und seufzte erleichtert, als sich der Rotenforster vorbeugte, um seinem Gegner eine Hand entgegenzustrecken – auf dass er sich aufhelfen lasse.

„Ein bisschen Anstand hat er wohl doch“, meinte er da an Arlan gewandt.

Doch der schien ihn nicht zu hören. Der Blick des Prinzen hing noch an den beiden Streitern. Er starrte sie an wie gebannt, während es hinter seiner Stirn schwer zu arbeiten schien.

Worüber er wohl nachdachte?

Gringolf musste sich die Frage zum Glück nicht lange stellen: Es dauerte nur ein paar Herzschläge, bis sich der Löwenhaupter mit einem entschiedenen Nicken von dem Geschehen unten im Ring abwandte und ihn stattdessen ins Visier nahm. Seine Augen funkelten unternehmungslustig, zudem hatte sich eine leichte Röte auf seine Wangen gelegt. Irgendwas führt er fraglos im Schilde und würde sicher gleich erklären, was gen...

„Wie sieht’s aus, Gringolf, hast du noch einen freien Platz im Buhurt morgen zu bieten?“

Oha!


 

Im Siechenzelt

Festwiese vor deren Toren der Grafencapitale Salthel, Peraine 1046 BF

Schmerz war das Erste, was Widderich wahrnahm, als er aus den Untiefen einer Ohnmacht auftauchte, die er sich nicht wirklich erklären konnte.

Ein reißender, stechender, pochender Schmerz, der in aberwitzigem Tempo, scheinbar zunehmend zornig, von einer Schädelwand zur anderen raste – und dann gleich wieder zurück. Seinen Kopf durchzuckte wie ein Blitzgewitter, ihn in Chaos versetzte und dafür sorgte, dass er keine klaren Gedanken fassen konnte. Wie ein Irrwisch, der von einem übelmeinenden Häscher in einen viel zu kleinen Käfig gesperrt worden war, und jetzt alles daran setzte, mit roher Gewalt durch die Gitterstäbe zu brechen.

Er stöhnte leise, schaffte es aber nicht, die Hand zu heben, um sich ein besseres Bild von seinem Zustand zu machen. Der Körper wollte ihm nicht gehorchen.

Noch nicht ...

Also gab er dem Geist eine zweite Chance. Versuchte zu erinnern, was geschehen war, bevor er sich hier wiederfand. Auf ... einer Pritsche liegend? In einem Zelt vermutlich? Den Geräuschen nach zu urteilen, die seltsam verzerrt – wie durch Wasser – an seine Ohren drangen, noch auf der Festwiese vor Salthel? Was war passiert, das ihn ...

Buhurt ...

Der Buhurt war gut gelaufen, obwohl Gringolf ihn ganz nach vorn gestellt hatte und es auf der Gegenseite viele Streiter gab, die die Klinge mit ihm kreuzen wollten. Irgendwie war es ihm stets gelungen, die Oberhand zu behalten und dadurch im Spiel zu bleiben.

Bis ... ja ...

... bis ein Berg von einem Mann vor ihm auftauchte, den er nicht zuordnen konnte, weil die Rüstung schmucklos war, er auf den ersten Blick kein Wappen erkannte und ihm keine Zeit für einen zweiten blieb. Der Kerl schlug mit genug Kraft zu, dass es locker auch für den Tritt eines Pferdes gereicht hätte. Eines großen ... Brauereipferdes. Leider ganz ohne die handwerklichen Schwächen, die mit so etwas öfter einhergingen. Widderich war noch dabei gewesen, nach einem Mittel zu suchen, wie er dem Hünen beikommen konnte, als es ihn plötzlich traf ... seinen Kopf ...

War ihm etwas entgangen? War der Mann nicht nur stark und versiert, sondern zu allem Überfluss auch noch so schnell gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, wie er ...

Widderich stöhnte erneut – und schaffte es diesmal, sich zu regen. Er hob die rechte Hand an seinen Kopf, um zu prüfen, was davon noch übrig war. Bevor er in der Sache zu einem Schluss gelangen konnte, ertönte jedoch von irgendwoher eine Stimme.

Ganz in der Nähe.

Er konnte nicht sagen, ob von rechts oder links, oben oder unten, aber vertraut klang sie nicht. Also zwang er seine Lider auseinander – und bereute es gleich darauf, als sich gedämpftes Tageslicht wie glühende Dolche in seine Augäpfel bohrte. Und weiter. Bis ins Hirn. Tief hinein.

„... doch, dass in dem Hohlschädel nicht viel kaputtgehen kann.“

Es war eine Frau, die da sprach. Das begriff er trotz des ganzen Halls und des Pfeifens in seinen Ohren. Ihr Gesicht manifestierte sich langsam und nur sehr widerwillig in seinem Blickfeld. Durch zuckende Blitze sowie eine Vielzahl pulsierender, grellschwarzer Punkte hindurch nahm er breite Wangenknochen, wallende, braune Locken und eine Halsberge wahr. Er glaubte, die Ritterin schon mal irgendwo gesehen zu haben, wusste aber nicht wo.

„Dann kann ich mich jetzt ja endlich entschuldigen, nicht wahr?“

Widderich starrte sie schweigend an. Er suchte nach Worten, fand nur erstmal keine. Anscheinend brauchte es die aber auch gar nicht: Seine Miene verriet wohl, wie ratlos er war.

„Dafür, dass ich dich niedergestreckt habe, Mann?“

Er kniff die Augen zusammen.

„Na, gehört ja für gewöhnlich nicht zum Plan, jemanden aus der eigenen Mannschaft umzuhauen. Tut mir also ausgesprochen leid, dass ich dich in meinem Taumel so unglücklich erwischt und mit zu Boden genommen habe. Deshalb bin ich auch geblieben, um mich in aller Form zu entschuldigen. Für das kleine Missgeschick.“

Sie sprach sehr laut, sodass er ihre Worte durch die ganzen Störgeräusche hindurch gut verstehen konnte. Aber da war irgendwas in ihrer Stimme, das ihn ...

Die Frau trat näher, hob ihre rechte Hand, die in einem dicken Verband steckte, und fügte dann überdeutlich an: „Vielleicht tröstet es dich ja, dass der Tag für mich damit ebenfalls zu Ende war? Ich hab nicht nur dich aus dem Rennen gehauen, sondern auch mich selbst.“

Sie war jetzt so nahe, dass er die Farbe ihrer Augen erkennen konnte. Graugrün. Sie wirkten kalt und irgendwie ... belustigt. Gar nicht so, als würde ihr leidtun, was geschehen war.

Der Eindruck bestätigte sich, als sie sich gleich darauf über ihn beugte, um ein deutlich leiseres „Unter uns: Mir tut das Ganze kein bisschen leid“ anzufügen. „Ich soll dir schöne Grüße von Goderick ausrichten, Arschloch. Vielleicht überlegst du dir nächstes Mal ein bisschen besser, ob du ihn wirklich behandeln willst, wie du es gestern getan hast? Falls da drin ...“, er war nicht schnell genug, um einen beiläufigen Stoß gegen seine Stirn zu unterbinden, der den Irrwisch nur noch wütender machte, „... irgendetwas stecken sollte, das dich zu halbwegs gescheiten Gedankengängen befähigt ... was ich ernsthaft bezweifle.“

Ein breites Feixen eroberte ihre Lippen und Widderich fürchtete, dass sie ihm erneut gegen den Kopf hauen würde. Doch ehe das geschehen konnte, erklang hinter ihr eine weitere Stimme:

„Was ist denn hier los?“

Satijana!

Die Fremde wich zurück, als hätte sie sich an ihm verbrannt.

„Nichts“, behauptete sie und hob in einer beschwichtigenden Geste beide Hände. „Ich habe mich bloß bei Hochgeboren entschuldigt. Dafür, was passiert ist. Es tut mir wirklich außerordentlich leid, dass der Tag für ihn so unrühmlich geendet hat!“

„Fein“, Satijanas Stimme klang trotz der vermeintlich guten Absicht der Ritterin sehr ungnädig. „Dann gibt es für Euch ja jetzt keinen Grund mehr, hierzubleiben, oder? Also würde ich vorschlagen, dass Ihr uns verlasst.“

„In der Tat“, gab die Ritterin ein wenig gnatschig zurück. „Einen schönen Tag noch, die Dame. Den Guten Göttern anempfohlen.“

Im nächsten Moment verschwand sie aus Widderichs Sichtfeld, dafür tauchten Satijanas und Maras besorgte Mienen auf und Erstere griff sofort nach seiner Hand.

„Wer war das denn?“, fragte sie.

Er hob die Schultern, verfluchte sich aber einen Augenblick später schon dafür, weil selbst diese winzige Bewegung eine Welle des Schmerzes durch seinen Schädel jagte. Statt eines Wortes der Erklärung entwich ihm daher auch nur ein leises Zischen.

„Das war Undra von Mittenzwey“, antwortete Mara an seiner Stelle. „Die fette Kuh, die über die eigenen beschissenen Stampfer gestolpert ist und Widderich ihren Hammer von hinten gegen den Kopf gehauen hat, ehe sie selbst in den Schlagdorn reingefallen ist. Wenn solche Leute an deiner Seite kämpfen, kannst du es auch echt einfach gleich ganz lassen ...“

„Wie kann denn so was überhaupt passieren? Ich verstehe das nicht!“

„Die Frau ist halt unnütz“, Mara verzog das Gesicht.

Derweil verstärkte Widderich den Druck auf Satijanas Hand, um ihre Aufmerksamkeit wieder in seine Richtung zu lenken. Er wollte etwas sagen, aber seine Gedanken flossen immer noch zäh wie Sirup, sodass sie ihm zuvorkam:

„Wie geht es dir? Ist es sehr schlimm?“

„Bring mich nach Hause ... bitte!“, stieß er heiser hervor.

„Zu Schwanhildt, meinst du?“

„Ja.“

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist? Ich glaube, wir sollten den Medicus fragen, bevor ich anfange, dich irgendwo hinzubringen? Ich habe den Eindr...“

In dem Moment wurde die Zeltplane erneut zurückgeschlagen und zwei weitere Personen traten ein. Zuerst Gringolf von Högelstein, den Widderich sofort erkannte, und dann ...

... sein Blick glitt irritiert über den Mann, der unmittelbar auf den Ersten Ritter folgte: ein Hüne mit breiten Schultern, goldenen Locken, hellblauen Augen, einer großen Nase und einem breiten Lächeln auf den Lippen. Er erkannte die Rüstung sofort wieder und konnte jetzt auch ein kleines Wappen am Gürtel ausmachen, traute seinen Augen aber nicht.

Wahnvorstellungen? Hatte es ihn wirklich so schwer erwischt?

Widderich sah zu Satijana und Mara hinüber, die den großen Kerl ebenfalls ungläubig anstarrten, und begriff schlagartig, dass es sich mitnichten um ein Trugbild handelte.

Seine Frau fing sich als erstes wieder und ging sofort in einen tiefen Knicks, seine Nichte folgte ihrem Beispiel mit einem Herzschlag Verzögerung und er selbst ...

... Widderich handelte, ohne zu nachzudenken: Unter Aufbietung aller noch verfügbaren Kraft zwang er seinen Leib in die Vertikale – wuchtete den Oberkörper erst in die Höhe, kämpfte sich dann auf die Füße und wollte sich anschließend eigentlich ebenfalls verneigen.

Dazu kam es allerdings nicht, denn kaum dass er stand, wurde Widderich förmlich vom Schlag getroffen: Der Schmerz in seinem Schädel schwoll an, bis der gefühlt zu bersten drohte, die tanzenden, grellschwarzen Punkte kehrten zurück und seine Beine gaben nach, während ihn ein überwältigendes Gefühl von Schwindel und Übelkeit überkam.

Hätte Satijana sich nicht blitzschnell aus ihrem Knicks gelöst, um herbeizuspringen und ihn zu stützen, wäre er dem Kronprinzen der Bärenlande einfach vor die Füße gefallen. Natürlich war er zu schwer, als dass sie ihn allein hätte halten können, also legte Arlan gleich darauf ebenfalls Hand an, während Gringolf einfach nur dastand, fassungslos stierte und alles in allem wirkte, als würde er sich ganz weit wegwünschen. An einen Ort, der mit der Situation, die sich just hier im Zelt entfaltete, so wenig wie möglich zu tun hatte.

Dabei war der Höhepunkt noch gar nicht erreicht.

Sobald sich herausgestellt hatte, dass Widderich nicht zu Boden gehen würde, eilte auch Mara an seine Seite. Aus irgendeinem Grund hielt sie praktischerweise schon einen Eimer in den Händen und musste den nur noch halbwegs sinnvoll platzieren, als sein Körper von einem heftigen Krampf geschüttelt wurde und er Galle kotzte. Von seinem spärlichen Frühstück war offenbar schon nichts mehr übrig. Zum Glück wohl, im Anbetracht der Umstände?

Nachdem Widderichs Röcheln, Würgen und Ächzen verklungen war, herrschte für einen Moment betretenes Schweigen im Raum.

Dann räusperte sich Gringolf leise und meinte: „Gut mitgedacht, Mara!“

„Das war nicht wirklich ich, Hoher Herr“, murmelte Schwanhildts Tochter. „Der Heiler, der vorhin da war, um nach Hochgeboren zu sehen, hat gesagt, dass zwar nichts gebrochen ist, ich aber besser einen Eimer holen soll für ... na ja, genau so was hier halt, schätze ich.“

„Gute Götter“, hauchte Satijana unterdessen tonlos. „Es tut uns so leid. Das war ... das ist ... das hätte nicht passieren dürfen, Hoheit, bitte verzeiht die Unannehmlichkeit.“

Ihre Wangen glühten vor Scham und im Grunde ... ja ... wünschte sich Widderich gerade auch weit weg von hier. Noch weiter als Gringolf vermutlich. Oder ... am besten gleich zurück in die Ohnmacht, die ihn bis vor Kurzem noch so gnädig umfangen hatte. Das hier war ... selbst für seine Verhältnisse ein Tiefpunkt. Elend ... eine Katastrophe nahezu unerträglich schmerzhaften Ausmaßes. Gleich in mehrfacher Hinsicht.

„Das ist doch nicht nötig, Frau von Horadamm“, Arlan klang völlig entspannt. „Nach allem, was Euer Erster Ritter mir erzählt hat, passt es ja ziemlich gut ins Bild, dass Hochgeboren mir zur Begrüßung erst mal vor die Füße spuckt. Das Verhältnis zu Personen, die vom Götterfürsten über ihn gestellt wurden, scheint ja im Allgemeinen eher belastet zu sein.“

Widderich stieß ein gequältes Stöhnen aus, während Satijanas Blick hastig zwischen Gringolf und Arlan hin und her huschte. Sie war erst kreidebleich geworden, fing sich dann aber erneut sehr schnell und straffte ihre Haltung.

„Das kommt meiner Erfahrung nach immer auf die Person an und ganz entschieden auch darauf, wie sie sich ihm gegenüber beträgt“, meinte sie schnippisch.

„Hört, hört!“ Arlan schmunzelte belustigt, ehe er fester zupackte und Widderich prüfend ins Gesicht sah. „So oder so: Ich würde vorschlagen, dass wir Euren Mann jetzt erstmal wieder hinlegen. Sieht aus, als hätte ihm die Sache ordentlich aufs Hirn geschlagen. Damit ist nicht zu spaßen, er sollte besser ruhen.“

„Hat der Heiler auch gesagt“, piepste Mara.

„Sehr gern“, konstatierte Satijana, während sie dem Löwenhaupter half, Widderich zurück auf die Liege zu verfrachten. „Ich wäre Euch überaus verbunden, wenn Ihr das gegenüber Hochwohlgeboren genauso vertreten könntet, sollte es nötig werden. Ich finde, mein Gemahl hat seine Schuldigkeit getan und sollte heute Abend nicht mehr am Hof erscheinen müssen!“

„Selbstverständlich, Hochgeboren“, mischte sich Gringolf da hastig ein. „Ich werde Herrn Bunsenhold die Situation erklären und glaube nicht, dass er hernach noch auf Eurer Teilnahme am Bankett besteht. Die Fürsprache von Herrn Arlan wird sicher nicht vonnöten sein, um ihn in dieser Sache zur Einsicht zu bewegen.“

„Euer Wort in der Götter Ohren!“

Widderichs Blick war träge zwischen den beiden hin und her gewandert, wurde nun aber von einem knappen Wink Arlans aus seiner Bahn gerissen: Der Prinz hob die Hand, um seine Aufmerksamkeit einzufordern und nickte zufrieden, als er Folge leistete.

„Seid Ihr überhaupt richtig da, Rauheneck?“, wollte er wissen. „Bekommt Ihr etwas von dem mit, was hier gerade passiert, oder ... ?“

„Ja, Hoheit. Leider.“

„Gut“, Arlan lächelte. „Dann sage ich noch kurz, warum wir eigentlich hier sind, bevor wir Euch zur Ruhe kommen lassen.“

„Bitte ... ?!“

„Wohl gestritten, Hochgeboren, das war gestern eine wahrlich überzeugende Darbietung“, gab der Löwenhaupter ohne weitere Vorrede zu Protokoll. „Heute auch wieder, aber wir haben unseren Strauß ja leider nicht fertig ausfechten können. Ich bestehe darauf, dass wir das beizeiten nachholen – und zwar möglichst ohne Ansehen meiner Person! Ihr habt ja hoffentlich ohnehin vor, zu meiner Hochzeit zu kommen?“

„Ähm ...“

„Trefflich! Dann wird sich eine Gelegenheit finden. Vielleicht kommt Ihr einfach ein bisschen früher, oder geht später oder ... uns fällt da schon was ein.“

„Ja ... ?“

Widderich schlug vorsichtig ein, als der Prinz ihm die Hand entgegenstreckte, und verkniff sich mühevoll ein schmerzerfülltes Ächzen, denn der packte zu, als wäre nichts.

„Dann sehen wir uns im Travia in Trallop wieder. In alter Frische, hoffentlich. Hört auf Eure Frau und macht erstmal langsam! Wir beide empfehlen und jetzt, auf dass ihr gleich mit dem Genesen anfangen könnt. Den Göttern anempfohlen, Rondra voran ... und Peraine, würde ich meinen, in diesem speziellen Fall!“

Nachdem das gesagt war, wandte sich Arlan ab und schob Gringolf kurzentschlossen vor sich aus dem Zelt hinaus.

Dann waren sie wieder zu dritt und starrten einander sprachlos an. Offenbar war Widderich nicht der Einzige, der Schwierigkeiten damit hatte, die Situation zu verarbeiten.