Baliho, Peraine 1042 Bosparans Fall

Nach einem kurzen Blick und einem respektvollen Nicken wurde er durch das Tor weiter gewunken. Die Grafenstadt zu verlassen, um die Südstadt zu betreten, war so gut wie nie problematisch, da die Wachposten ihre Aufmerksamkeit eher auf die Personen richteten, die in die andere Richtung unterwegs waren. Und so ritt Coran ui Branghain unbehelligt und in gemächlichem Tempo in das sogenannte Ochsenviertel, folgte noch ein gutes Stück der gepflasterten Reichsstraße, um wenig später dann in eine der schlammigen Gassen einzubiegen. Sein Ziel lag in einer eher heruntergekommenen Gegend am Rande der Stadt.

Nach der tagelangen Reise nach Ingerimms Steg und wieder zurück, sehnte er sich zwar nach ein wenig Ruhe und Erholung, doch bevor er sich dem hingeben konnte, hatte er hier in Baliho noch etwas zu erledigen und zwar persönlich. Von Elfwid hatte er sich bereits gestern in aller Frühe in Braunsfurt getrennt und sie mit einem ganz ähnlichen Auftrag in eine andere Richtung entsandt.

Die letzte Nacht hatte er dann in der Balihoer Kriegerakademie einige Meilen nördlich der Stadt als Gast seines alten Freundes Weldmar verbracht. Zwar hatte er den Leiter der Akademie das letzte Mal erst vor einigen Wochen in Trallop aus Anlass seines Ritterschlags getroffen, aber da hatte es nur wenig Möglichkeiten zum Austausch gegeben. Und so hatte er jetzt folgerichtig einen gemütlichen und feuchtfröhlichen Abend hinter sich, der damit geendet hatte, dass sich beide Recken trunken in den Armen gelegen und vergangenen Zeiten nachgetrauert hatten. 

Heute Vormittag hatte er schließlich noch dem Weidener Soldgrafen die Aufwartung gemacht, der, wie Coran wusste, derzeit auf Burg Räuharsch weilte. Linnart von Ruckenau unterstützte dort auf Geheiß der Herzogin die Gräfin Ardariel bei den Vorbereitungen für einem Feldzug gegen den von Schwarztobriern besetzten Aarstein in der Baronie Böckelsdorf. Es war noch nicht allzu lange her, da wäre Coran seinem Vorgesetzten dabei wahrscheinlich sogar selbst zur Hand gegangen, doch diese Zeiten waren nun vorbei. Es war letztlich bei einem zwar vertrauten, aber doch recht kurzen Zusammentreffen geblieben, bei dem sich der alte Marschall vor allem über die Fortschritte in Sachen Ingerimms Steg und Kressing erkundigt hatte. Zu guter Letzt hatte er Coran noch einen Brief für seinen Adjutanten Dyderich von Hohenstein mitgegeben, der auf der Bärenburg in Trallop die Stellung hielt, und dann hatten sie sich auch schon wieder verabschieden müssen, da eine Besprechung mit Vertretern des hiesigen Adels anstand.

Während Coran seinen braven Warunker nun in Gedanken versunken durch die Gassen der belebten Balihoer Südstadt lenkte, legte er unbewusst eine Hand auf die Umhängetasche in der er die Depesche verstaut hatte. Es war wohl der letzte offizielle Dienst, dem er dem Heermeister der Bärenlande in seiner Funktion als Stabsoffizier erweisen würde. 

Nach einer Weile brachte er sein Pferd auf einer Kreuzung zum Stehen und sah sich um. Aufgrund der für Balihos Südstadt typischen nahezu würfelförmigen Bauweise der Gebäude und der allgegenwärtigen Flachdächer ähnelten viele Straßenzüge hier einander frappierend und machten es mitunter nicht einfach, die Orientierung zu behalten. Er entschied sich für den linken Abzweig und kurz darauf erblickte er auch schon inmitten einer Reihe windschiefer Bauten das kleine Häuschen, weswegen er letztlich – neben einer weiteren Sache, die er später zu erledigen gedachte - den weiten Umweg hierher auf sich genommen hatte. 

Zufrieden stellte er fest, dass eine dünne Rauchfahne aus dem Schornstein quoll, so dass wohl jemand zu Hause sein musste. Vor dem Gebäude angelangt, hievte er sich aus dem Sattel, wobei er versuchte, direkt vom Pferderücken aus auf den unmittelbar vor der Hausfassade verlaufenden hölzernen Gehsteig zu gelangen. Das schaffte er jedoch auf Anhieb nicht ganz und so sank er mit seinem rechten Stiefel platschend und schlammspritzend etwas mehr als knöcheltief in den vom Frühlingsregen aufgeweichten Boden ein. Unter den belustigten Blicken einiger herumlungernder Halbstarker löste er sich leise fluchend vom matschigen Untergrund und zog sich aufs Trockene, wo er seinen Warunker an einen der Pfähle festband, die in ein paar Schritt Abstand zueinander genau dafür am Rande des Gehwegs in die Erde gerammt worden waren. Er überlegte kurz und entschied sich dann dafür, die beiden Packtaschen vom Sattel abzuschnallen. Coran war sich zwar sicher, dass sein Reittier selbst in dieser wenig noblen Gegend nicht angerührt werden würde, da Pferde- und Viehdiebstahl in der Region überaus hart bestraft wurde und so gut wie immer den Galgen zur Folge hatte. Er wusste jedoch nicht, ob diese Gewissheit auch für sein Gepäck gelten mochte. Mit einem letzten warnenden Blick in Richtung der feixenden Taugenichtse trat er schließlich, die Taschen über der Schulter, an die Tür und klopfte an.

Es dauerte nicht lange, da erscholl von der anderen Seite eine weibliche Stimme: „Wer ist da, Himmeldonnerork nochmal?“
Coran grinste, als er die Stimme erkannte. „Stubendurchgang!“ antwortete er im Kasernenhofton.

Drei Herzschläge lang herrschte Stille. Dann wurde hörbar ein Riegel entfernt und die Tür einen Spalt geöffnet. Das schmale von graublonden Strähnen umrahmte Gesicht einer Frau Anfang Fünfzig erschien in der Öffnung und lugte misstrauisch nach draußen. „Was zum …?“

„Ich war in der Gegend und dachte, ich schau mal vorbei“, begrüßte er sie.

Fenia Prutz war in ihren jungen Jahren im Regiment eine attraktive Frau gewesen und trotz mittlerweile einiger tiefer Sorgenfalten, mehrerer schlecht verheilter Narben auf Schläfe und Wange sowie einer leicht schief wieder zusammengewachsenen Nase, war sie das durchaus auch heute noch, befand Coran.

Ihre Miene wandelte sich schlagartig von Skepsis zu Überraschung und einen Augenblick lang gaffte sie ihn mit offenstehendem Mund nur an, bevor sie sich schließlich sammelte und die Tür ganz aufschob. 

„So, so, der Herr Hauptmann gibt sich die Ehre“, versetzte sie spitz und ihre in die Hüfte gestemmten Fäuste sowie die hochgezogenen Augenbrauen, verrieten, dass dies aus ihrer Sicht wohl längst überfällig gewesen war. Dann machte sie unvermittelt einen Schritt vor und schloss Coran in die Arme. Er erwiderte die herzliche Begrüßung und war erstaunt, wie viel Kraft in dem sehnigen Körper seiner alten Kameradin noch steckte. Schließlich schob sie ihn bis auf Armeslänge von sich fort und musterte ihn unverhohlen von oben bis unten. 

„Habt ein wenig zugelegt, eh? Na ja, passiert wohl den besten“, grinste sie und klopfte ihm frech auf seinen leicht vorgewölbten Bauchansatz. „Dann kommt mal rein in Travias Namen. Aber die da zieht Ihr aus!“ wies sie ihn an und deutete nach unten auf seinen verdreckten Stiefel. 

Nur auf Strümpfen betrat er kurz darauf dann eine kleine, zwar nicht übermäßig üppig ausgestattete, aber doch gemütliche Wohnküche. Er legte seine Packtaschen neben der Eingangstür ab, stellte seine Stiefel daneben und entledigte sich seines Umhangs, den seine Gastgeberin entgegennahm und an einen Wandhaken hing. Neugierig sah er sich um. Es war lange her, seit er das letzte Mal hier gewesen war.

Die Einrichtung des Raums hatte sich kaum verändert und bestand hauptsächlich aus einem einfachen Regal mit allerlei Geschirr und Kochutensilien, einem Vorratsschrank sowie einem großen Tisch um den eine Sitzbank und ein paar Hocker gruppiert waren. In einer Ecke befand sich eine gemauerte Feuerstelle, über dem an zwei Ketten ein gusseiserner Kessel hing, in dem etwas vor sich hin zu köcheln schien. Alle Möbel wiesen deutliche Abnutzungserscheinungen auf und waren offensichtlich schon vielfach ausgebessert worden. Ein fadenscheiniger Vorhang verbarg den Durchgang in den hinteren Teil des Hauses, wo jetzt der Kopf eines vielleicht dreijährigen Mädchens mit strubbeligen rotblonden Haaren und einem mit Feenküsschen bedeckten Gesicht hervorlugte und ihn mit großen Augen ansah.

„Ist das etwa …?“, entfuhr es Coran. 

Fenia lächelte. „Das ist Orla, meine Enkelin. Komm her mein Schatz, sag guten Tag!“ 

Das dünne Mädchen kam hervor und schmiegte sich sogleich schüchtern an ihre Großmutter, die ihm die Hand auf den Kopf legte und sanft durch den wilden Haarschopf strich. In ihrem Fäustchen hielt die Kleine eine geschnitzte Holzfigur, die einen recht imposanten Drachen darstellte, wie Coran erkannte.

„Orla, das ist Hauptmann ui Branghain, ein guter Freund“, erklärte Fenia.

Er kniete sich vor das Mädchen und reichte ihm seine Hand, die es sich aber nicht zu ergreifen traute und stattdessen verschämt das Gesicht in der fleckigen Schürze seiner Großmutter barg.

„Wenn du magst, kannst du mich Coran nennen. Es freut mich sehr dich kennenzulernen. Einen wirklich beeindruckenden Drachen hast du da.“

Vorsichtig wandte sie sich ihm wieder zu. „Den hat mein Papa für mich gemacht. Er heißt Fulligor.“

„Dein Papa heißt Fulligor?“

„Nein“, Orla gluckste verhalten, „der Drache heißt Fulligor. Mein Papa heißt Jann.“

„Ach so.“ Coran schlug sich übertrieben mit der flachen Hand an die Stirn. Dann tippte er sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Nasenspitze.  „Weißt du, ich glaube ich habe da was für dich.“

Er beugte sich hinüber zu seinen abgelegten Packtaschen und öffnete eine davon. Er kramte kurz darin herum und als er sich wieder umdrehte hielt er den kleinen Leinenbeutel in der Hand, den er sich unerklärlicherweise vor ein paar Tagen in Ingerimms Steg von einem fahrenden Trödler hatte aufschwatzen lassen.

„Halte mal die Hand auf“, sagte er.

Neugierig geworden öffnete das Mädchen bereitwillig ihre freie Hand und hielt sie ihm entgegen. Behutsam schüttete er den Inhalt des Beutels hinein und buntgesprenkelte Kiesel in allen Farben des Regenbogens fielen heraus und zauberten der erstaunten Orla ein breites Lächeln ins Gesicht.

„Ein Drache braucht doch einen Schatz“, brummte Coran und erhob sich wieder.

Orla strahlte. Sie klemmte sich Fulligor unter einen Arm und ließ die Kiesel fasziniert von einer Hand in die andere rieseln. „Schau, Baba, wie schön.“

„Ja, das sind sie“, schmunzelte Fenia. „Aber nun bedanke dich artig und dann kannst du wieder nach hinten spielen gehen.“

Orla wirbelte herum und flitzte los. „Danke“, japste sie und dann war sie auch schon hinter dem Vorhang verschwunden.

Coran sah ihr noch einen Moment hinterher. „Es hätte ihn bestimmt sehr glücklich gemacht, dass sie nach ihm benannt ist.“

„Ja“, stimmte Fenia leise zu, „doch wir wissen, die Götter hatten anderes im Sinn.“ 

Orlas Großvater, ein tapferer Mann namens Orlan Gerdenwald, hatte während des dritten Orkensturms zusammen mit Fenia unter Corans Kommando bei den Drachenpfortern gedient. Später dann war Orlan dem Regiment an die tobrische Front gefolgt, während Fenia schwanger in Weiden hatte zurückbleiben müssen. Ihr Gefährte war schließlich an der Trollpforte gefallen und hatte seinen Sohn Jann nie kennengelernt, ganz zu schweigen von der Enkelin, die nun seinen Namen trug.

Fenia straffte sich. „Aber jetzt lasst Euch doch erstmal nieder und verratet, wie ich zu der Ehre Eures Besuchs komme. Oh, und Ihr müsst natürlich erzählen, wie es der kleinen Elfwid geht?“

Sie wies auf die Sitzbank und räumte flugs ein Schneidbrett mit einem Haufen klein gehackter Steckrüben und irgendeinem Grünzeug vom Tisch ab, um das Ganze in den Kessel über dem Feuer zu geben und kurz umzurühren.

Coran nahm derweil Platz. „Nun, Elfwid ist wohlauf. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, ein wenig zu sehr. Sie lässt jedenfalls herzlich grüßen. Und mich hat es hierher verschlagen, weil ich erfahren wollte, wie es dir und deiner Familie so ergeht. Ob ihr gut über die Runden kommt.“

Seine Gastgeberin kehrte zurück und stellte eine tönerne Flasche und zwei Holzbecher auf der Tischplatte ab. Dann setzte sie sich ihm gegenüber auf einen der Hocker und schenkte ein.

Beim Anblick der klaren Flüssigkeit schwante Coran übles. „Du machst das noch immer!?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Was? Das Brennen? Natürlich. Die Viehtreiber hier in der Gegend sind ganz wild darauf.“

„Spricht nicht für die Gegend“, murmelte er und beäugte beunruhigt den Inhalt des Bechers, den Fenia ihm rüberschob. Ihr selbstgebrannter Schnaps war schon damals berüchtigt gewesen. Scherzhaft hatte es unter den Soldaten geheißen, dass, wenn es nur gelänge, das Gesöff irgendwie dem Feind unterzuschieben, jeder Krieg mit einem Schlag gewonnen worden wäre.

„Ach was“, wiegelte sie seine Bedenken ab und prostete ihm zu. „Auf die alten Zeiten.“

„Und die kommenden“, entgegnete er und hob den Becher widerwillig an die Lippen.

Verwundert über die eher unübliche Antwort runzelte Fenia kurz die Stirn, dann kippten sie beide das Zeug in einem Zug hinunter und im selben Moment schossen Coran die Tränen in die Augen. Worte wie ‚scharf‘ oder ‚stechend‘ oder ‚beißend‘ wären grundsätzlich nicht unzutreffend gewesen, um den Geschmack des Gebrannten zu umschreiben, nur war es so, dass das Trinkerlebnis mit dem, was man langläufig unter ‚Geschmack‘ verstand so rein gar nichts zu tun hatte. Stattdessen erfuhr man beim Schlucken puren Schmerz und zwar von einer Art, wie ihn sonst nur ein äußerst begeisterter und gewissenloser Zahnreißer mithilfe eines glühenden Schürhakens oder einer stumpfen Knochensäge zu verursachen vermochte.

Gierig nach Luft hechelnd setzte Coran den Becher wieder ab und musste mit aufsteigender Panik mit ansehen, wie ihm seine Gastgeberin mit einem belustigten Zug um die Mundwinkel nachschenkte.

„Wir kommen hier einigermaßen zurecht“, griff sie das ursprüngliche Thema wieder auf. „In der warmen Jahreszeit gibt es immer irgendwas zu tun. Im Moment sind Jann und Gernlind draußen auf den Weiden und helfen dabei, die Zäune auszubessern. Das wird ganz ordentlich bezahlt. Im Frühling brauchen die Rinderbarone nämlich immer ein paar Leute zusätzlich um die Schäden vom Winter zu beheben. Und ich altes Schlachtross kümmere mich um Orla und mach mich sonst nützlich, wo es geht. Erledige für ein paar Herrschaften die dreckige Wäsche oder helfe in der Küche vom ‚Ochsbruch‘ aus. So was eben. Und wie gesagt“, sie hob ihren wieder gefüllten Becher ihn in die Höhe „für das hier habe ich einen treuen zahlenden Kundenstamm, ob Ihr’s glaubt oder nicht.“  

Dann stürzte sie den Trank einmal mehr ohne mit der Wimper zu zucken hinunter und Coran war froh, dass sie scheinbar nicht erwartete, dass er es ihr gleichtat. 

Als sie den Becher wieder abstellte zuckte sie mit den Schultern und eine Spur Bitterkeit hatte sich in ihre Stimme geschlichen. „Was soll ich sagen, es reicht für’n Dach über’m Kopf und für was zum Essen. Meistens jedenfalls.“ 

Coran nickte und ließ den Blick noch einmal über die karge Einrichtung und den abgetragenen Rock seiner Gastgeberin schweifen. Es war offensichtlich, dass sie und ihre Familie als Tagelöhner von der Hand in den Mund lebten und das wohl eher schlecht als recht.

„Was hat es damit auf sich?“, Fenia deutete auf das Emblem, das am Saum von Corans Wams aufgenäht war und das seitlich unter dem Tisch hervorragte – eine weiße nach oben zeigende Pike auf blau.

„Oh, das?“ Aus irgendeinem Grund spürte Coran eine leichte Verlegenheit in sich aufkommen. „Ja also, ich habe jetzt ein eigenes Wappen. Ich wurde vor einigen Wochen zum Ritter geschlagen, musst du wissen. Da wurde mir das verliehen.“

Fenia pfiff leise anerkennend durch ihre gespitzten Lippen. „Na, da brat mir einer ein Storch. Herzlichen Glückwunsch, kann ich nur sagen. Dann seid Ihr jetzt ein richtiger ‚von und zu‘, wie? Ein echter Hochgeboren?“

„Eigentlich heißt es ‚Wohlgeboren‘, aber mir wäre es sehr recht, wenn du es einfach beim ‚Hauptmann‘ belässt, nach der langen Zeit.“ Er rückte etwas näher an die Tischkante heran und stützte sich auf seine aufgestellten Ellenbogen.

 „In der Tat hat das Ganze auch mit dem zweiten Grund zu tun, warum ich dich aufsuche und mit dir reden wollte.“ Er räusperte sich. „Es ist nämlich so, dass mir zudem ein eigenes Lehn zugesprochen wurde, ein kleines abgelegenes Rittergut, das ich wieder auf Vordermann bringen soll. Kressing heißt es. Ich werde daher demnächst Trallop verlassen und nach dort umsiedeln. Und um es kurz zu machen, nun ja, ich hätte gerne, dass du und deine Familie mit mir kommt.“

Fenia hatte aufmerksam zugehört und sah ihn nun verblüfft an, zum zweiten Mal sprachlos an einem Tag. Coran konnte sich nicht erinnern, dass er das bei seiner streitbaren Freundin schon einmal erlebt hatte. „Was meinst du?“, hakte er nach als sich der Moment des Schweigens in die Länge zog.

„Ich weiß nicht“, entgegnete sie zögernd. „Das kommt unerwartet.“

„Ja, das stimmt natürlich. Auch mich hat das Ganze einigermaßen überrollt. Aber ich habe mir das mittlerweile gut überlegt. Da gibt es eine Menge zu tun, weißt du, und ich brauche Leute, die ich kenne, auf die ich mich verlassen kann und die zupacken können. Und selbstverständlich soll es euer Schaden nicht sein. Ein eigener Hof, ein kleines Stück Land, ein Garten zur Selbstversorgung und ehrliche gut entlohnte Arbeit biete ich an. Eine Gemeinschaft. Und auch wenn es am Anfang bestimmt nicht einfach werden wird, bin ich mir sicher, dass es deiner Familie dort auf lange Sicht gut ergeht. Auf jeden Fall besser als hier.“ Er machte eine Geste, die sowohl die Stube als auch ganz Baliho miteinschließen mochte. 

Fenia strich sich nachdenklich über ihr Kinn. Unverkennbar lagen Zweifel in ihrem Blick. „Und wo genau soll dieses Kressing liegen?“ 

„Ingerimms Steg“, antwortete Coran knapp und versuchte dabei, möglichst unbeteiligt zu klingen.

Ihre Miene nahm einen ungläubigen Ausdruck an. „Ingerimms Steg? Aber da gibt es doch gar nichts mehr. Nur Staub und Spuk. Verödet soll’s sein und gefährlich. Ich weiß noch, wie wir damals mit der Truppe holterdiepolter die Straßen dorthin dichtmachen mussten und wie die ganzen Praioten und Magier aus dem Süden kurz darauf dahingewuselt sind, wegen der Geister und allem. Und in diesen von den Göttern verlassenen Landstrich wollt Ihr mich und die meinen jetzt allen Ernstes hinschleppen?“

Coran hob beschwichtigend die Hände. „Aber nein, so ist nicht mehr. Ich komme doch gerade von dort und es ist bei weitem nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst. Der Boden und der Wald erholen sich seit einigen Jahren - überhaupt die ganze Gegend, glaub mir. Die Wüstenei geht zurück und hat vieles von ihrem Schrecken verloren. Und die Vögtin will das Land nun wiederbesiedeln. Ein tsagefälliger Neuanfang. Ich würde dich und deine Familie – allen voran die kleine Orla – doch nie in Gefahr bringen.“

Schlagartig verhärteten sich Fenias Züge. „So, würdet Ihr nicht? Soweit ich mich erinnere, habt Ihr mich sehenden Auges schon in unzählige Gefahren geführt und nicht selten bin ich dabei nur knapp mit dem Leben davongekommen. Und als mein lieber Orlan mir genommen wurde, stand er da etwa nicht unter Eurem direkten Befehl? Also tut nicht so, als wärt Ihr dazu nicht in der Lage.“ 

Coran seufzte. „Das ist vor langer Zeit im Krieg geschehen, das weißt du genau. Und wir waren Soldaten damals und hatten eine Pflicht zu erfüllen. Ich rede jetzt aber von heute und von morgen.“ Er suchte ihren trotzigen Blick und erwiderte ihn ebenso unnachgiebig. „Verdammt nochmal, ich biete euch die Möglichkeit, all das hier hinter euch zu lassen und etwas aufzubauen, etwas Besseres. Ein Leben, das ihr verdient. Ohne die dreckige Wäsche anderer Leute, ohne Rinderbarone, ohne Hungerleiden.“

Einige Herzschläge lang starrten sich die beiden Veteranen gegenseitig weiter stur an, bis Fenia schließlich tief einatmete und einen versöhnlicheren Ton anstimmte: „Wer noch? Ihr habt von einer Gemeinschaft gesprochen. Also, wer ist noch mit dabei? Sicherlich Thorolf, der alte Esel.“

Auch Corans Körperhaltung entspannte sich wieder und er neigte bestätigend den Kopf. „Ja, Weibel Pfannenstieg wird mich begleiten. Ebenso wie Bartha Heubüller und Ulfert Dûrnthaler mit seiner gesamten Familie.“

„So, hat Bartha etwa genug davon, die Fuhrwerke vom ollen Kohlenbrander durchs Land zu schaukeln, was? Kann ich verstehen. Aber ich dachte Ulfert, der einarmige Halunke, hätte sich in Trallop ganz gut eingerichtet mit seiner Sippe und wäre da n geachteter Mann.“

„Geachtet würde ich das nicht unbedingt nennen, aber er hat in Niederufern durchaus einen gewissen Einfluss. Nur wird er aber auch nicht jünger und anscheinend nimmt der Ärger mit anderen einflussreichen Gruppen dort seit einiger Zeit deutlich zu. Vor einigen Monaten hat einer seiner Söhne wohl eine ordentliche Abreibung bekommen. Ist ein gefährliches Pflaster und wer sich da nicht mehr behaupten kann, kommt schnell unter die Räder – manchmal im wahrsten Sinn des Wortes. Auf jeden Fall will Ulfert seine Enkel in Frieden aufwachsen sehen und hat mein Angebot daher angenommen. Wobei ich vermute, dass seine Gemahlin Gedrut bei der Entscheidung ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Eine recht beeindruckende Persönlichkeit, muss ich sagen.“ 

Fenia schmunzelte. Auch sie hatte schon von der durchsetzungsstarken Frau an der Seite ihres ehemaligen Kameraden gehört und ihr gefiel der Gedanke, dass der großspurige Kerl zu Hause nicht viel zu melden hatte.

Coran fuhr fort: „Und Elfwid ist zur Stunde nach Balsaith unterwegs um die Eichhubers aufzusuchen. Ich bin guter Dinge, dass sich die beiden ebenfalls anschließen werden. Ihre Erfahrung bei der Waldarbeit wird in Kressing sehr wertvoll sein.“

Als er daraufhin endete und seine Gastgeberin erwartungsvoll ansah, ließ diese lediglich ein vages „mhm“ vernehmen, nur um sich dann unvermittelt zu erheben und an die Feuerstelle zu treten. Dort nahm sie den Deckel vom Kessel ab und schien für eine gute Weile vollauf damit beschäftigt zu sein, konzentriert und schweigend darin herumzurühren. Schließlich kam sie zurück an den Tisch, setzte sich wieder und füllte ihren Becher erneut mit dem niederhöllischen Zeug aus der Flasche.

„Wie Ihr bereits sagtet, Herr Hauptmann, sind wir keine Soldaten mehr. Meine Familie ist kein Gardebanner und ich bin nicht ihr Weibel. Somit kann ich meinem Sohn und seiner Gattin nichts befehlen. Sie müssen schon selber entscheiden. Also bleibt Euch wohl oder übel nichts anderes übrig, als hier zu warten bis sie in ein paar Stunden zurückkehren und Ihr ihnen beim Essen das ganze nochmal vortragen könnt. Und dann werden wir sehen.“

Fenia hob ihren Becher und hielt ihn auffordernd in seine Richtung.

„Und bis dahin“, sagte sie mit einem unheilvollen Blitzen in den Augen, „werden wir uns die Zeit schon vertreiben, eh.“