Dramatis Personae
- Gringolf von Högelstein
Erster Ritter der Grafschaft Sichelwacht - Widderich von Rauheneck
Baron von Rotenforst - Satijana von Horadamm
Baronsgemahlin von Rotenforst
Als Anregung und Grundlage für die Geschichte Der Weg zum Wehrbären dient ein Ergebnis der Würfelorgie im Jahr 2026. Folgendes persönliches Ereignis wurde beim Weidener Kaminstübchen für Widderich von Rauheneck erwürfelt:
(16) Du fällst Prinz Arlan bei einer der diversen Festlichkeiten in diesem Jahr positiv auf und er scheint in der Folge einen Narren an dir gefressen zu haben. Noch vor seinem Traviabund lässt er nach dir schicken und versichert dir bei einem Humpen frischen Bräus leutselig, dass er dich und deine Waffe gerne an seiner Seite wüsste, wenn – möglicherweise schon bald – eine Zeit der Bewährung anbricht. Als Zeichen seiner Gunst, überreicht er dir ein eigens geknüpftes Band mit seinem Wappen im Herzen eines wehrenden Weidener Bären, das du fürderhin am Gürtel tragen darfst.
Anlässlich seiner Hochzeit am 12. Travia 1047 BF erfährst du, von welcher Bewährung der Prinz gesprochenhat und selbstverständlich will er dich, und die anderen "Wehrbären", bei seinem Zug wider den Schwarzpelz an seiner Seite wissen.
Die Geschichte ist an dieser Stelle außerdem eng verwoben mit einer Serie von Geschehnissen in der Grafschaft Sichelwacht, die in loser Folge unter dem Motto "Neulich in der Sichelwacht" veröffentlicht werden.
Der Weg zum Wehrbären: Ein ungebetener Gast /
Neulich in der Sichelwacht: Lilien und Luchse
Villa Gringelbaum, Grafencapitale Salthel, Ingerimm 1046 BF
Gringolf atmete tief durch, ehe er die Hand hob, um nach dem kunstvoll verzierten Türklopfer der Villa Gringelbaum zu greifen. Er zweifelte daran, dass das, was er vorhatte, sonderlich klug war. Aber er konnte nicht anders! Seine Neugier war mittlerweile einfach zu groß. Nicht nur wegen der letztlich doch sehr überzeugenden Vorstellung, die Widderich von Rauheneck vor rund zwei Wochen auf dem Turnierfeld vor den Toren der Grafencapitale abgeliefert hatte, sondern auch wegen ein paar anderen, in seinen Augen nicht ganz uninteressanten Begebenheiten.
Er wollte dieses Treffen unbedingt, und deshalb klopfte er.
Arlans Reaktion auf den verfemten Baron von Rotenforst hatte ihm in gewisser Weise die Augen geöffnet. Oder doch zumindest ... einen Weg aufgezeigt, der ihm weit mehr zusagte als der, auf dem er sich bislang stets pflichtschuldig gehalten hatte. Sie fiel anders aus als alles, was ihm im Umgang mit dem Rauheneck in der Vergangenheit untergekommen war. Deutlich unvoreingenommener, vor allen Dingen.
Der Blick des Löwenhaupters war auf das Wesentliche gerichtet gewesen, fand Gringolf jedenfalls. Nicht auf den ganzen unnützen Tand, der oben im Aarkopf so viel zählte, sondern auf handfestere Dinge. Statt danach zu gehen, was man ihm über den Mann erzählte, hatte sich der Prinz angesehen, wie er stritt – und hinterher im Brustton der Überzeugung verkündet, dass er ganz sicher kein feiger Intrigant sei. Jemand, der seinen Gegnern auf dem Feld der Ehre so selbstbewusst, offensiv und geradeheraus begegnete, würde seinen Lehnsherren nicht hinterrücks meucheln oder gar Andere damit beauftragen.
Gringolf bewunderte Arlans klare Haltung in der Sache zwar, war sich aber selbst nicht so sicher. Er hatte in den vergangenen Götterläufen einiges erlebt, was er vorher für vollkommen unmöglich gehalten hätte. Menschen, auf die er eigentlich große Stücke hielt, hatten schlimme Dinge getan. Dinge, die gegen alles verstießen, was in seinen Augen gut und richtig war. Göttergefällig. Das hatte ihn vorsichtiger werden lassen. Er bohrte heute meist ein bisschen tiefer, um ein besseres Bild von den Leuten zu gewinnen, mit denen er zu tun hatte.
Bei dem Rauheneck hätte er sich so was eigentlich sparen können, denn der lebte ja am anderen Ende der Sichelwacht. Aber irgendwie ... wollte er das nicht. Unter anderem, weil der Graf dem Mann irgendeine nicht ganz unbedeutende Rolle in seinem Ringen um Macht zugedacht zu haben schien. Gringolf durchschaute das alles nicht, hatte keine Ahnung, was der Wolkensteiner plante. Aber wenn er den Rotenforster für eine wertvolle Figur in seinem Spiel hielt, war das wahrscheinlich auch so. In dem Fall würde Gringolf sich früher oder später ohnehin mit dem Mann befassen müssen und es konnte sicher nicht schaden, jetzt schon mal damit anzufangen.
Allzumal auch Gerons Urteil über Herrn Widderich nach zwei Tagen in dessen Gesellschaft alles andere als klar ausgefallen war – und der Ingerimms Steger ließ sich für gewöhnlich nicht so leicht übertölpeln. Er war ein vorsichtiger Kerl, der Menschen ganz gut lesen konnte und so ziemlich jeden in seinem Umfeld erstmal mit Misstrauen strafte. Wenn so einer nach der Bitte um Einschätzung einer Person unschlüssig den Kopf wog, statt ein rundheraus vernichtendes Urteil zu fällen, war das am Ende vielleicht sogar aussagekräftiger als die letztlich ja doch Hals über Kopf gebildete Meinung Arlans. Und dann war da auch noch ...
Gringolfs Gedanken gerieten ins Stocken, als er ein Geräusch hinter der Tür vernahm. Er straffte seine Haltung, räusperte sich leise und wartete gespannt ab.
Einen Herzschlag später wurde ihm aufgetan. Sein Blick fiel auf ein hutzeliges Männlein, das in die Farben des Familie Gringelbaum gekleidet war – Blau und Silber zuvörderst, mit dem charakteristischen Baumwürger auf der Brust. Der Alte warf ihm einen prüfenden Blick zu, nickte dann knapp und begann, verhalten zu lächeln.
„Die Götter zum Gruße, Herr von Högelstein, Travia ihnen voran“, meinte er und war offenbar recht stolz darauf, den Ersten Ritter seiner Heimatgrafschaft sofort erkannt zu haben. „Wenn Ihr zu Herrn Wiberath wollt, muss ich Euch leider enttäuschen: Er ist mit Frau Schwanhildt und den Kindern ins Theater gegangen, um sich dieses neue Stück anzusehen.“
„Die Götter zum Gruße, guter Mann“, gab Gringolf gutgelaunt zurück und schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht hier, um dem Herrn des Hauses meine Aufwartung zu machen, sondern würde gern mit Seiner Hochgeboren Widderich sprechen. Ist er da?“
„Weiß Hochgeboren denn, dass Ihr kommt?“, fragte der alte Mann mit unüberhörbarer Überraschung in der Stimme. Offenbar war Besuch für den Gast seines Herrn ungewöhnlich und er musste sich mit dem Gedanken erst einmal anfreunden.
„Nein, ich ... ähm ... war hier in der Gegend und dachte mir, ich versuche mein Glück einfach mal“, gab Gringolf verlegen zurück. Solche Überraschungsbesuche waren eigentlich äußerst ungehörig. Aber er hatte nicht das Risiko eingehen wollen, abgewiesen zu werden. „Ich würde dem Herrn Baron gerne etwas ausrichten“, schob er rasch hinterher. „Und ihm etwas Wichtiges aushändigen. Und etwas zeigen, das ihn wahrscheinlich interessiert.“
„Verstehe. Dann kommt doch erstmal herein.“
Gringolf folgte der Aufforderung bereitwillig, trat in ein kleines Zimmer – eine Mischung aus Flur und Empfangsraum, offenbar – und blickte den Diener fragend an.
„Wartet hier“, meinte der, ehe er sich lautlos entfernte.
Gringolf hob ergeben die Schultern und sah sich neugierig um. Die Villa Gringelbaum gehörte zu den ältesten Adelsresidenzen in Salthel – und zu den vornehmsten, denn ihre Bewohner waren nach der Priesterkaiserzeit für einige Generationen Statthalter der Herzoge in der Sichelwacht gewesen. Ein einflussreiches Geschlecht, allerdings ohne großen Ehrgeiz, das letztlich über die Fallstricke anderer Adelshäuser gestolpert war und fast ganz erloschen wäre.
In der Bedeutungslosigkeit versunken war die Familie auf jeden Fall. Und dort dann für Jahrhunderte steckengeblieben. Erst seit 1037 stellte sie eine der Baroninnen in der Grafschaft und war damit wieder im Hochadel angekommen: Farangis von Gringelbaum hatte es durch eine Aneinanderreihung seltsamer Fügungen auf den Thron von Herzogenthal geschafft. Nach allem, was man so hörte, war ihr Regierungsstil allerdings sehr gewöhnungsbedürftig und sie selbst kaum mehr als ein weiblicher Waldschrat, der bei feierlichen Anlässen gern mal über seine eigenen Füße stolperte. Ähnlich unangepasst wie ...
„Den Göttern zum Gruße, Gringolf, und abermals willkommen im Haus meines Schwagers.“
Die Stimme Widderichs von Rauheneck riss ihn aus seinen Gedanken.
Gringolf hob den Kopf, ließ seinen Blick prüfend über die legere Kleidung des Mannes gleiten und war ganz froh, dass er nicht gerüstet und bewaffnet vor ihm stand. In Kombination mit der misstrauischen Miene hätte das sonst nämlich sicher zu Unwohlsein geführt – irgendwie bedrohlich gewirkt. Der Rotenforster konnte nicht verhehlen, dass sein Besuch für ihn kein Anlass zu Freude war. Dabei gab es doch diesmal gar nichts zu befürchten ...
„Die Götter zum Gruße, Widderich“, gab Gringolf zurück und bemühte sich um ein gewinnendes Lächeln. „Hab abermals Dank für die freundliche Aufnahme. Ich hoffe, es geht dir mittlerweile wieder besser? Mir ist zu Ohren gekommen, dass der Medicus dich für ein paar Tage weggesperrt und dir die Heimreise verboten hat?“
„Besser, ja“, antwortete der Rauheneck knapp. „Gut genug, dass ich mich in den kommenden Tagen dann doch auf den Heimweg machen darf.“
„Bist vermutlich eh schon länger hier als geplant?“
„Deutlich.“
Nachdem das gesagt war, entstand eine unangenehme Pause, weil Gringolf nicht recht wusste, wie er weitermachen sollte, und für Widderich offenbar das Gleiche galt.
„Ich hoffe, du bist nicht hier, um mich wieder irgendwohin zu zitieren, weil dem Grafen etwas Neues für mich eingefallen ist?“, hakte der Rotenforster schließlich nach.
„Mitnichten! Ich soll dir allerdings ausrichten, dass Seine Hochwohlgeboren sehr zufrieden damit war, wie du seinen letzten Auftrag ausgeführt hast.“
„Es hat ihm zugesagt, dass ich niedergeschlagen wurde und danach tagelang ans Siechenbett gefesselt war?“
„Nein, aber dass du im Zweikampf zu Fuß ungeschlagen geblieben bist und das Banner der Sichelwacht so hochgehalten hast“, Gringolf hob schmunzelnd die Schultern. „Und mehr noch, dass es dir und Herrn Haldoran gelungen ist, Arlans Begeisterung für das Turnier zu wecken. Sein Entschluss, am Buhurt teilzunehmen, ist nach eurem Kampf gefallen, wusstest du das? Er wollte sich mit euch messen. Mit dir vor allem. Und am liebsten auch mit Thûan, aber der hat ja an seiner Seite gekämpft und das Ding mit ihm zusammen zu einem siegreichen Ende gebracht!“
„Huuum“, machte Widderich leise und runzelte skeptisch die Stirn.
„Das hätte er dir bestimmt selbst erzählt, wenn du zum Bankett gekommen wärst. So hat er halt mit deinen Nachbarn Vorliebgenommen: Drachenstein, Uhdenwald, Ingerimms Steg, Schwarzenstein ...“, Gringolf hielt inne, denn ihm fiel siedend heiß ein, dass er der Baron mit vielen seiner Standesgenossen auf dem Kriegsfuß stand und ihm deren Gespräche mit Arlan daher vielleicht gar nicht recht waren. „Nächstes Mal bist du dann selbst dabei“, schob er daher hastig nach.
Widderich nickte.
„Ich wollte dir außerdem ...“, Gringolf verstummte, als sein Gegenüber die Hand hob, um ihm Einhalt zu gebieten.
„Können wir dir diesmal etwas anbieten, oder bist du wieder auf dem Sprung?“, wollte der Rauheneck wissen.
Den Göttern sei’s gedankt! Er hatte schon befürchtet, dass die Frage nicht mehr kommen würde:
„Ich habe heute etwas Zeit mitgebracht. Danke der Nachfrage.“
„Wein? Bier? Met?“
„Bier klingt gut!“
Widderich richtete den Blick auf eine Ecke des Raums – und Gringolf bemerkte jetzt erst, dass das Hutzelmännchen dort seinen Posten bezogen hatte. Lautlos. Wie ein Schatten. Oder ein Geist. Ein dienstbarer halt.
Das Männlein nickte und schob ab, während der Baron Gringolf bedeutete, ihm zu folgen. Kurze Zeit später fand er sich in dem Garten wieder, den er von seinem letzten Besuch schon kannte. Offenbar hatte Widderich dort gesessen, um das letzte Licht eines ausnehmend schönen Frühlingstages zu genießen – und zwar nicht allein.
Als Gringolf ins Freie trat, erhob sich Frau Satijana von einer Bank im Schatten des Hauses. Ihr Blick glitt überrascht zwischen ihm und ihrem Gemahl hin und her. Offenbar hatte sie erwartet, dass Widderich ihn direkt abfertigen und nicht mit hierherbringen würde ... ?
Er war in diesem Haus wahrlich kein gern gesehener Gast!
Und außerdem ... Gringolfs Blick fiel auf das Tischlein, das vor der Bank und zwischen zwei robusten Holzstühlen platziert war. Darauf standen zwei Pokale aus grünlichem Waldglas. Direkt nebeneinander. Was hatte der Diener noch gleich gesagt? Dass Herr Wiberath ins Theater gegangen war und die Kinder mitgenommen hatte?
Alle Kinder etwa?
Das hieß dann wohl: auch die des Rotenforster Baronspaars? Die noch nicht aus dem Gröbsten heraus waren? Von der Sorte hatte Gringolf selbst ein paar zu Hause und wusste daher, was das bedeutete. Jedenfalls, wenn man zu den Familien gehörte, die – aus welchen Gründen auch immer ¬– nicht genug Bedienstete hatten, um die Racker durchgehend in Schach zu halten. Deshalb begriff er auch sofort, in was er hier gerade hereinplatzte.
Das mit dem unangekündigten Besuch war wirklich keine gute Idee gewesen!
Der unglücklichen Fügung zum Trotz lächelte die Frau des Rauheneck ihm freundlich entgegen und machte eine einladende Geste:
„Travia zum Gruße, Herr Gringolf, und willkommen an unserer festlichen Tafel. Setzt Euch doch bitte“, sie machte eine vage Geste in Richtung der beiden Stühle. „Ich hoffe, mein Gatte hat der Etikette genügt und Euch schon etwas zu trinken angeboten?“
„Selbstverfreilich“, meinte Gringolf nickend, derweil er sich niederließ.
Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie Widderich einen der Pokale ans andere Ende des Tisches zog, ehe er auf dem Stuhl gegenüber von seinem Platz nahm. Unterdessen machte Satijana es sich wieder auf der Bank bequem. Er hatte dem Stelldichein der beiden fraglos ein jähes Ende bereitet und räusperte sich darob nun gequält:
„Es sieht aus, als hätte ich einen sehr ungünstigen Zeitpunkt gewählt. Das tut mir wirk...“
„Zerbrecht Euch darüber bloß nicht den Kopf, Hoher Herr“, fiel Satijana ihm mit einer wegwerfenden Handbewegung ins Wort. „Wir haben selten genug Besuch und freuen uns deshalb ausgesprochen, Euch hier begrüßen zu dürfen. Außerdem ist es ja noch nicht aller Tage Abend. Wir können das irgendwann anders nachholen.“
„Ihr seid zu freundlich!“
„Zu freundlich? Ja, wenn man bedenkt, welche Folgen Euer letzter Besuch hier hatte, scheint mir das eine zutreffende Einschätzung“, gab die Baronsgemahlin prompt zurück.
Dabei lächelte sie zwar galant, aber Gringolf hatte dennoch das Gefühl, dass in ihren Worten ein ernstgemeinter Vorwurf lag.
„Ihr habt Recht“, gab er unumwunden zu. „Und es dauert mich, dass die Geschehnisse beim Turnier eine so unerfreuliche Wendung genommen haben. Glaubt mir das, bitte! Ritter hin, Ritter her: Es ist immer schade, wenn sich jemand bei so einem freundlichen Kräftemessen schwere Verletzungen zuzieht. Das hätte nicht passieren dürfen!“
„Schon gut“, Satijana nickte sacht, während sie die Finger vorsichtig an den Stiel ihres Pokals legte. „Ich bin es einfach nicht gewohnt, schätze ich. Bin eben in einer deutlich weniger kriegerischen Gegend aufgewachsen. Wenn mein Mann vor meinen Augen niedergeschlagen wird und reglos im Dreck liegenbleibt, während um ihn herum ein Kampf tobt und andere Streiter einfach über ihn hinwegsteigen ... vermutlich bräuchte ich Weidener Blut in meinen Adern, um darüber ungerührt hinweggehen zu können.“
„Eher ein Herz aus Stein“, gab Gringolf lächelnd zurück. „Ilfwudd ... meine Gemahlin ist reinblütige Weidenerin und reagiert kein bisschen anders, wenn mir so was wiederfährt.“
„Klingt, als würde das öfter vorkommen?“
„Leider“, Gringolf hob die Schultern. „Anders als Euer Mann nehme ich ja regelmäßig an Turnieren teil und da hat es mich schon ein paarmal übel gerissen. Zuletzt im Sommer bei den Feierlichkeiten zum Tsatag von Frau Walderia. Im Gestech hat mich Herr Arlan da mit einer solchen Wucht aus dem Sattel gehoben, dass ich Angst hatte, ich fliege bis nach Greifenfurt.“ Er richtete den Blick auf Widderich und fügte ein hochzufriedenes „Er schlägt ganz schön zu, unser Prinz, nicht wahr?“ an.
„Das wohl!“, der Rauheneck nickte und es stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen, das überraschend ungezwungen wirkte. Viel aufrichtiger als das, was Gringolf von ihm bisher so zu sehen bekommen hatte. „Waldemar hätte wahrscheinlich seine Freude daran.“
„Bestimmt!“, Gringolf lachte leise, während er an seiner Gürteltasche nestelte und ein Schreiben zutage förderte, das es noch an den Mann zu bringen galt. „Ähnlich wie Arlan seine Freude an dir gehabt zu haben scheint“, meinte er und schob den Brief mit einer gemessenen Bewegung in Richtung des Rotenforsters.
Er blieb etwa in der Mitte des Tisches liegen, sodass alle Anwesenden einen guten Blick auf das herzogliche Wappen hatten, mit dem er gesiegelt war. Gringolf sah aber nicht dorthin, sondern in die Gesichter seiner Gesprächspartner, weil er vermutete, dass sich das mehr lohnen würde.
Und tatsächlich: Die beiden wirkten verdattert bis beunruhigt, als sie begriffen, um was es sich handelte. Nach einem Moment der völligen Stille, streckte Satijana ihre Hand zögerlich nach dem Schreiben aus, während sich Widderichs Blick an Gringolf heftete.
„Was ist das?“, wollte der Baron wissen.
„Wenn ich es richtig verstanden habe, ist bei Nachforschungen in Trallop herausgekommen, dass deine Familie weder ein Haus in der Stadt noch Verwandte oder enge Bekannte im näheren Umfeld hat, die dich während der Hochzeitsfeierlichkeiten bei sich aufnehmen könnten“, gab Gringolf bereitwillig Auskunft. „Da Trallop in dieser Zeit aber aller Voraussicht nach vollkommen überfüllt sein wird und du dich bislang noch nicht um eine Unterkunft gekümmert hast, erhältst du eine Einladung auf die Bärenburg.“
Nachdem das gesagt war, starrte Widderich ihn einfach nur zweifelnd an, während Satijana die Fingerspitzen andächtig über das grüne Siegelwachs streichen ließ und ein leises „Auf die Burg der Herzoge?“ von sich gab.
„So ist es“, Gringolf nickte bestätigend. „Nach allem, was ich weiß, sind noch ein paar mehr Einladungen dieser Art ausgesprochen worden, um Adelspersonen mit einer weiten Anreise und ohne Bande nach Trallop entgegenzukommen, weil das mit den Gasthäusern dort ja nach wie vor eher schwierig ist. Es gibt offenbar Leute, auf deren Anwesenheit die Herzogenfamilie besonderen Wert legt“, er machte eine kurze Pause, in der er seinen Blick von Satijana zu ihrem Gemahl hinüber wandern ließ, „Und du gehörst wohl dazu, Widderich.“
„Nachdem Arlan ein einziges Mal mit ihm gesprochen hat?“, Satijana schüttelte ungläubig den Kopf. „Ihn beim Kämpfen und beim ... nun ja ... Kotzen gesehen? Ernsthaft? Ist das hier in Weiden immer so einfach, oder habe ich was verpasst?“
Gringolf hob schmunzelnd die Schultern: „Halten wir doch einfach fest, dass mein letzter Besuch hier bei Euch im Haus nicht nur schlechte Folgen gehabt hat, wie wäre das? Und wenn Ihr in Trallop seid, fragt den Prinzen selbst, warum er so einen Narren an Eurem Gemahl gefressen hat. Vielleicht bekommt ihr ja eine Antwort, die für Euch taugt?“
„Schwer vorstellbar“, murmelte Satijana, lächelte dabei aber unbekümmert und hob dann ebenfalls die Schultern. „Ich werde es dennoch versuchen.“
An dieser Stelle wurde ihre Unterhaltung kurz unterbrochen, weil der betagte Diener auftauchte und einen Krug mit schäumendem Bier vor Gringolf auf den Tisch stellte. Danach stießen sie erst mal an: auf die Verlobung des Prinzen und seine anstehende Hochzeit zuvörderst. Es folgte eine Unterhaltung über Trallop an, bei der sich rasch herausstellte, dass weder Widderich noch Satijana die Bärenburg bisher jemals betreten hatten und dass sich ihre Besuche in der Herzogenstadt ebenfalls an einer Hand abzählen ließen.
Gringolf entnahm dem Gespräch, dass die beiden an sich auch nicht vorgehabt hatten, bei Arlans großem Tag dabei zu sein. Nun blieb ihnen aber gar nichts anderes übrig und er fand das irgendwie recht amüsant. Gringolf ertränkte sein Grinsen in einem großen Schluck Bier, ehe er nach der ledernen Röhre griff, die er ebenfalls dabeihatte.
„Ich bin unangekündigt aufgetaucht und sollte euch im Anbetracht der Umstände nicht länger aufhalten, als unbedingt nötig, denke ich. Also kommen wir besser schnell noch hierzu, ja?“, meinte er frohgemut, während er die Röhre öffnete. „Ich wollte euch noch etwas zeigen, von dem ich glaube, dass es euch interessiert.“
„Ein Schriftstück?“, fragte Satijana skeptisch.
„Naaaa, nicht ganz. Eine Zeichnung von etwas, das in der Sichelwacht einen legendären Ruf genießt und für Euren Gemahl ebenfalls von großer Bedeutung zu sein scheint.“
Gringolf fischte das Pergament mit spitzen Fingern aus dem Behälter und breitete es sorgfältig vor sich auf dem Tisch aus – so, dass die Skizze des alten Grafenschwerts für ihn auf dem Kopf stand, Satijana von der Seite darauf blickte, Widderich sie aber genau so sah, wie es gedacht war. Er beobachtete die Reaktion des Rotenforsters aufmerksam, doch sie blieb leider deutlich hinter seinen Erwartungen zurück.
Widderich studierte die Schemazeichnung zunächst mit unbewegter Miene, neigte sich dann etwas weiter vor, wohl um die spärlichen Anmerkungen am Rande des Pergaments lesen zu können, die kürzlich ergänzt worden waren, und runzelte schließlich irritiert die Stirn.
„Die Beonsschneide?“, versicherte er sich und hob den Blick, um Gringolf fragend anzusehen.
„Genau!“, bestätigte er nicht ganz ohne Stolz. „Eine Schönheit, nicht wahr?“
„Fraglos! Aber wie kommst du darauf, dass die für mich von größerer Bedeutung sein könnte als für irgendjemanden sonst?“
„Na, offenbar dachtest du ja kürzlich, du hättest sie auf deinem Land gefunden? Der Gedanke würde doch nur jemandem kommen, den das Thema eh beschäftigt, oder nicht? Und wenn dich die Klinge nicht interessieren würde, hättest du auch kaum eine förmliche Anfrage deswegen gestellt?“
„Eine ... ?“, hob Widderich an und verstummte sofort wieder. Dann sah er hilfesuchend zu Satijana hinüber, die aber auch nicht zu wissen schien, worum es ging, und daher bloß mit den Achseln zuckte. „Ich verstehe nicht, was du meinst, Gringolf“, schob Widderich da bedächtig hinterher. „Was für eine Anfrage? Bei wem?“
„Bei Frau Tsarahbella? Weil du wissen wolltest, ob es möglich ist, dass es sich bei deinem Fund um das Schwert der Aschengraterin handelt?“
„Was für ein Fund?“
„Ein altes Schwert halt? In irgendeiner verstaubten Grabkammer?“
„Nein“, Widderich schüttelte entschieden den Kopf. „Ich habe der Heroldin zwar vor ein paar Monden geschrieben, aber nicht wegen des Gräfinnenschwerts, sondern wegen des Wappens von Rotenforst. Ich hatte darum gebeten, das alte wieder verwenden zu dürfen, weil das der Graufenbeiner ... nun ja, in meinen Augen nicht taugt.“
„Ach was, das kann doch gar nicht sein!“, Gringolf lachte nervös. „Am Hof wird seit Wochen herumerzählt, dass du diesen Brief geschrieben und sogar ein Büchlein mit Skizzen mitgeschickt hast. Von der Waffe und der Grabkammer und so. Der Kanzler hat einen Heidenspaß daran, deine Bilder als ‚Kritzeleien eines Kleinkinds‘ zu geißeln, also ... hat er sie ja wohl auch gesehen?!“
„Keine Ahnung, was er da gesehen hat, aber es waren ganz bestimmt keine Zeichnungen von mir“, Widderich schüttelte abermals den Kopf. „Wenn ich so was tatsächlich verschickt hätte, würde ich das ja wohl wissen.“
Gringolf gab ein leises „Ähm“ von sich, während er den Blick verwirrt zwischen den Rotenforstern hin und her wandern ließ.
„Wie kann das denn sein?“, fragt er schließlich schwach. „Ich meine, wenn du Recht hast ...“
„Ich habe Recht!“
In der Stimme des Rauheneck hielten sich Belustigung und Verärgerung aktuell noch die Waage – aber wahrscheinlich würde sich das ändern, wenn Gringolf weiter insistierte.
„Ich verstehe nicht, wie so was passieren kann ... ?!“, murmelte er daher peinlich berührt.
„Vielleicht eine Verwechslung, Wohlgeboren?“, schlug Satijana vor. „Womöglich hat das Skizzenheft, von dem Ihr redet, aus irgendeinem Grund bei Widderichs Brief gelegen und Frau Tsarahbella ist deshalb durcheinandergeraten.“
Eigentlich schwer vorstellbar, aber bei dem Chaos, das in der Studierstube der Heroldin herrschte ... Gringolf wog nachdenklich den Kopf und seufzte tief.
„Dann spreche ich sie wohl besser mal auf die Sache an“, meinte er schließlich und gönnte sich einen großen Schluck Bier, ehe er fortfuhr. „Nicht dass da jemand anders bis in alle Ewigkeit vergebens auf eine Antwort wartet ...“
„Besser ist das wohl“, brummte Widderich.
Derweil starrte Gringolf enttäuscht auf das Bild, das er eigentlich mitgebracht hatte, weil er hoffte, es könne als Grundlage für eine Unterhaltung über ein völlig unverfängliches Thema dienen, mit dem er sich gut auskannte – und ihm Gelegenheit verschaffen, den Rotenforster in entspannter Atmosphäre ein bisschen näher zu beschnuppern.
Sah nicht so aus, als würde daraus noch etwas werden ...
„Gleich wie“, Satijanas Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. Sie bedachte Gringolf erst mit einem prüfenden Blick und schenkte ihm dann ein charmantes Lächeln. „Da das Bild nun schon mal hier ist, Ihr Euch mit dieser Klinge offenbar gut auskennt und mein Gemahl grundsätzlich durchaus jemand ist, der Waffen und alten Geschichten etwas abgewinnen kann, schlage ich vor, dass wir einfach tun, als hätte es diese merkwürdige Verwechslung nie gegeben? Warum erzählt Ihr uns nicht, was Ihr zu dieser Skizze zu erzählen habt, Hoher Herr?“
„Sicher, wenn Ihr das wollt?!“, Gringolf nickte erleichtert.
„Trefflich!“, gab Satijana schmunzelnd zurück. „Ich sorge auch dafür, dass Ihr noch ein Bier bekommt, um Eure Stimme zu ölen. Ich nehme an, dass das hier ein bisschen länger dauern wird ...“
Querverweise: Neulich in der Sichelwacht: Ortbänder und Hundesabber, Neulich in der Sichelwacht: Klingen und Quaffee, Neulich in der Sichelwacht: Lilien und Luchse & Der Weg zum Wehrbären