Beonfirn, Baronie Brachfelde, Ende Ingerimm Phex 1046 BF.
Donner grollte, während der Regen in dichten Schleiern vom schwarzen Himmel fiel, als würde er selbst um etwas trauern. Die Wimpel der Wehrfeste Nebeltrutz peitschten im Sturm, zerrissen von der Kraft der Elemente. Auf den Zinnen, hoch über den schwarzen Fluten des Finsterbachs, stand Rondrasil Eichenstein von Brachfelde. Seine nassen, rotbraunen Locken waren an die Stirn gepresst, sein Wappenrock und das Gewand darunter völlig durchweicht. Der sonst so unbeugsame, kräftige, junge Mann stemmte die zu Fäusten geballten Hände auf die Brüstung und starrte in den Abgrund.
Der Regen konnte nicht verbergen, was längst aus seinen graublauen Augen geflossen war – Tränen, so ehrlich wie das Blut, das sein Schwertvater vergossen hatte. Firian Asralion Böcklin von Buchsbart, der Baron von Schneehag, war gefallen. Ein Krieger ohnegleichen, ein zweiter Vater, dem er seine Ehre, seine Haltung, seine Schwertleite verdankte. Nun war er tot. Von Orks erschlagen im finsteren Gebirge, das schon so viele tapfere Weidener verschluckt hatte.
Rondrasil spürte kaum den prasselnden Regen, auch nicht das Zittern seiner Muskeln. Nur das heiße Pochen hinter seiner Stirn – Zorn, Schmerz und Hilflosigkeit. „Warum?“, presste er hervor. „Er hätte dort nicht sterben dürfen... nicht wie ein Tier hingeschlachtet werden!“
Erst vor wenigen Tagen war der Junker zu Beonfirn aus der fernen Rommilyser Mark zurückgekehrt. Im Gefolge seines Vaters Gamhain von Brachfelde hatte er dort der Einweihung von Sancta Boronia zum 25. Jahrestag der Dritten Dämonenschlacht beigewohnt und die wundersame Enthüllung der heiligen Stätte miterlebt. Ebenso wie den erhabenen Moment, als Kaiserin Rohaja seinen Vater als Veteranen der Schlacht von Ysilia mit dem Greifenstern in Bronze geehrt hatte.
Kaum hatten sie im Hof der Feste Anbalsaith abgesessen, nach der langen Reise müde und mit geschundenen Gliedern, überbrachte ihnen der alte Haushofmeister die schlimme Kunde. Tief erschüttert lasen die Brachfeldener den Brief von Adaque von Mersingen, der Baronsgemahlin zu Schneehag, mit zitternder Hand geschrieben und vom Schmerz durchtränkt. In fahrigen Worten berichtete sie vom letzten Aufbruch ihres Gatten, vom bangen Warten und vom Tag, an dem nur blutbefleckte Banner und verstummte Pferde heimkehrten.
Sogleich rief Rondrasil nach seinen Waffenknechten und verlangte, sein Streitross erneut zu satteln. In blankem Hass wollte er zum Finsterkamm reiten und es den Gharrachai persönlich vergelten. Doch Gamhain trat ihm in den Weg. Mit einem Ernst in den Augen, wie Rondrasil ihn selten gesehen hatte, sprach der kluge Baron mit bebender Stimme: „Du bist mein Sohn, und mein Herz leidet nicht minder. Aber Brachfelde zieht nicht auf einen Rachezug aus, nur weil der gleiche Zorn in uns brennt wie im Herzen unseres gefallenen Freundes. Auf Geheiß unserer Gräfin Griseldis allein wird unser Banner wieder in den Wind gehoben. Lasst uns zunächst Walderia von Löwenhaupt um Rat fragen – denn sie kennt das Spiel von Schwert und Schwur seit über 60 Jahren.“
Hinter Rondrasil öffnete sich die schwere Tür zum Wehrturm. Behutsame Schritte näherten sich auf den nassen Steinen. Dann war sie bei ihm. Sanft legte Alwen Lidaria von Wolfenthann ihre Hand auf die starke Schulter des jungen Ritters mit dem markanten Vollbart. Ihr weißer Mantel hing bald triefend schwer über dem hellen Jagdgewand, das mit Schwanenflügeln bestickt war. Ihr langes blondes Haar schien durch den Regen dunkler als sonst; nur die weißen Strähnen glänzten im schwachen Licht der Blitze.
„Er hat sein Leben gegeben, wie er es selbst gewählt hat, Rondrasil“, sagte die junge Ifirngeweihte leise, doch trotz des Sturms klar vernehmbar. „Mit dem Schwert in der Hand und dem Glauben an das Richtige im Herzen.“
„Und trotzdem ist er tot“, entgegnete Rondrasil heiser. „Ich hätte bei ihm sein müssen. Ich hätte an seiner Seite kämpfen müssen...“ Seine Stimme brach. Er wandte sich ab, doch Alwen trat vor ihn, hob sein Gesicht zärtlich mit beiden Händen, als lasteten Trauer und Wut nicht schwer auf seinen Schultern.
„Du warst nicht dort, weil dein Platz jetzt ein anderer ist. Weil dein Vater dich braucht. Weil ich dich brauche.“ Ihre Augen – das eine klar wie Gletschereis, das andere im warmen Blau eines Frühlingshimmels – durchbohrten seine Mauern, fanden sein wahres Selbst.
Er schloss die Augen, als ihre Lippen die seinen fanden. Es war kein flüchtiger Trost, kein Mitleid – sondern das Feuer einer Liebe, die dem Sturm trotzte. Ihre Küsse waren wie Salz auf seiner Wunde und doch zugleich wie Balsam. Als er sie schließlich in den Armen hielt, eng an seine Brust gedrückt, war es nicht mehr der Regen, der sein Gesicht nässte. Während unter ihnen die gurgelnden Fluten des Finsterbachs gen Olat strömten und der Himmel weiter weinte, wusste Rondrasil: Die Welt war dunkler geworden – aber sie war nicht leer.