Dramatis Personae
Die Rotenforster
Widderich von Rauheneck - Baron von Rotenforts
Satijana von Horadamm - Baronsgemahlin von Rotenforst
Eberion von Rauheneck - Bruder Widderichs
Lyngherid von Rauheneck - Baroness von Rotenforst, Dreikäsehoch, Tochter Widderichs und Satijanas
Algirdas von Stockach - Dienstritter, Bastard Widderichs
Fählindis von Habechhegen - Dienstritterin, Nichte Widderichs
Wolfgard - Waffenmagd
Eberhelm - Waffenknecht
Die Kressinger
Coran ui Branghain - Ritter zu Kressing
Elfwid ni Branghain - Kriegerin, Tochter Corans
Thorolf Pfannenstieg - Haushofmeister
Falber Auhöfer - Odonanz
Fenia Prutz - Dorfvorsteherin
Jann Prutz - Bildschnitzer, Sohn Fenias
Orla Prutz - Tochter Janns, Herrin über Drachen und Oger
Bartha Heubüller - Torwache
Wilfing Steinbichler - Scheckgespenst
Julenka Schischko - Pferdeflüsterin
Auf dem Heimweg
Gut Kressing, Baronie Ingerimms Steg, Ende Travia 1044 BF
Widderichs Begeisterung darüber, dass der Baronsrat im Traviensmond stattfinden sollte, hatte sich von Anfang an in Grenzen gehalten. Der Weg nach Anderath war so lang wie beschwerlich und die Jahreszeit mochte in anderen Regionen Weidens noch gut zum Reisen geeignet sein, in der Drachenpforte aber war sie mit vielen unnötigen Risiken behaftet. Daher hatte der Baron von Rotenforst im Vorfeld lange überlegt, ob er überhaupt an dem Treffen seiner Amtsschwestern und -brüder teilnehmen sollte, und gerade setzten Firun und Efferd alles daran, ihn seine Entscheidung bereuen zu lassen: Den ganzen Tag lang war es nieselig und überaus frisch gewesen und jetzt, am Abend, verbanden sich Kälte und Nässe zu andauerndem Schneeregen. Der machte aus einem bloßen Ärgernis eine wahre Qual.
Seine gegenwärtige Situation ließ Widderich auch den Abstecher in die Hollerheide samt anschließendem Umweg über Trallop bereuen. So angenehme beides gewesen war: Es hatte Zeit gekostet. Zeit, die sie sich offenbar besser nicht hätten nehmen sollen. Um den Rückstand wenigstens teils wieder aufzuholen, hatten sie bei ihrem kurzen Aufenthalt in Salthel beschlossen, den Sieben-Baronien-Weg links liegen zu lassen. Stattdessen wollten sie sich über den alten Goblinpfad bis in den äußersten Osten der Drachenpforte durchschlagen. Die Durchquerung der Wüstenei, die das mit sich zog, schreckte Widderich kaum. Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Weg wählten. Daher wusste er, dass sich die Situation zumindest an den Rändern der Ödnis und entlang des Weißwassers in den vergangenen Götterläufen entspannt hatte.
Allerdings wollten sie aus vielen guten Gründen nicht in Begleitung von Bannstrahlern reisen, was ihr Vorhaben zu einem ... nun ja ... Delikt machte. Sie setzten sich wissentlich und willentlich über ein Verbot der Praioskirche hinweg, die sich in Ingerimms Steg und Uhdenwald nach wie vor als wahre Herrscherin zu begreifen schien. In Widderichs Augen stellte dieser Verstoß kein allzu großes Problem dar. In den Augen vieler anderer allerdings schon, da war er sich sicher. Das bedeutete, dass sie sich bei der Ausführung ihres Plans nicht erwischen lassen durften. Allein, es hatte sich gerade eine Komplikation ergeben, die die so wichtige Heimlichkeit ihres Vorhabens gefährdete.
Widderich schüttelte konsterniert den Kopf, als er seinen Blick von dem Gutshaus löste, das sie aus sicherer Entfernung beobachteten. Er sah zu Eberion hinüber, dessen Miene die gleiche Ernüchterung verriet.
„Wie kann das sein?“, fragte der Baron leise. „Wir sind doch hier schon in dem Bereich, den niemand ohne die Pfaffen betreten darf, oder nicht?“
„Ja, sind wir.“ Eberion nickte erst und hob dann die Schultern.
Sein Augenmerk war nach wie vor auf das große Gebäude gerichtet, das sie bei ihrer letzten illegalen Durchreise als Unterschlupf genutzt hatten. Etwas baufällig seinerzeit, aber gut genug, um Schutz vor Wind und Wetter zu bieten. Die Schäden waren seither offensichtlich ausgebessert worden. Nicht nur am Gutshof selbst, sondern auch an einigen anderen Gebäuden in dem einst verlassenen Weiler. In ihnen brannte nun Licht und Qualm stieg aus den Schornsteinen auf. Also lebte dort jemand – hauste nicht, sondern lebte.
„Flüchtlinge? Oder ... Raubgesindel ... ?“, mutmaßte Widderich. „Vielleicht von Irlgunde aus Schroffenfels vertrieben und es war kein Platz mehr in Östlingen?“ Er hielt inne, um die in Schuss gebrachten Häuser abermals zu betrachten. Es sah aus, als habe hier jemand gewirkt, der viel Zeit und auch Ahnung von seinem Handwerk hatte. Kein Gestoppel, wie es von Menschen zu erwarten gewesen wäre, die nur eine vorübergehende Notunterkunft benötigten. „Wer würde so viel Arbeit investieren, wenn der Bannstrahl jederzeit hier auftauchen und dem Ganzen ein Ende bereiten könnte?“
„Sieht eher aus, als würde der Ort wieder in Besitz genommen“, gab Eberion zurück und deutete in Richtung eines frisch restaurierten Schreins etwas abseits der anderen Gebäude, nahe dem umgebenden Wald. „Was bedeutet das für uns? Ich meine ... wären es nur wir, würde ich weiterziehen und mir ein halbwegs trockenes Plätzchen im Wald suchen, aber ...“
... aber es waren nicht nur sie. Neben zwei Jungrittern und zwei Waffenknechten hatten sie Widderichs Tochter und seine schwangere Frau im Schlepptau. Er brummte unwirsch, während er im Geiste die Optionen durchging, die ihnen offenstanden. Ein Lager im Wald war keine. Es war kalt und es war nass. Das Würmchen mittlerweile so durchgefroren, dass die Lippen blau schimmerten. Und auch wenn man Satijana nicht viel von der Schwangerschaft anmerkte: Sollte sie sich erkälten und es infolgedessen zu irgendwelchen Komplikationen kommen, würde er sich das nie verzeihen.
Wäre er noch ein einfacher Ritter gewesen, hätte Widderich sich wohl eins der verfallenen Gebäude am Rand des Weilers gesucht und einfach darauf gehofft, den Ort früh am Morgen wieder verlassen zu können. Bevor jemand seine Anwesenheit bemerkte. Auch für den Fall, dass sie es hier am Ende doch mit lichtscheuem Gesindel zu tun haben sollten, wäre das die beste Lösung gewesen, ließ sich so doch ein anderenfalls sicher unausweichlicher Konflikt vermeiden. Aber für einen Baron, zumal einen Weidener Baron, geziemte sich dieses Vorgehen nicht. Und sollten er und die Seinen am Ende doch entdeckt werden ... würden sie das Ganze nicht erklären können, ohne einen extrem verdächtigen Eindruck zu erwecken.
Schwer zu erklären war schließlich auch die Tatsache, dass sie nicht in Begleitung eines Praioten reisten. Sich über ein vom Herzogenhaus unterstütztes Gebot der Kirche hinwegzusetzen und klammheimlich durch Bannland zu bewegen, gehörte sich für einen Vertreter des Hochadels nun mal leider ebenfalls nicht. Kam noch dazu, dass sein Ruf ohnehin lädiert war. Ein Verstoß wie dieser wäre ein gefundenes Fressen für all jene, die darauf warteten, ihn straucheln und fallen zu sehen. Möglichst schmerzhaft, sodass er anschließend nicht wieder auf die Beine kam. Wenn er sich nicht verstecken wollte wie ein Feigling, würde er einem potenziellen Gastgeber allerdings sein Woher und Wohin erläutern müssen. Und dass er keinen Bannstrahler bei sich hatte, würde diesem kaum entgehen.
Es gab keine saubere Lösung für sein Problem. Durch eine schier endlose Aneinanderreihung dummer Entscheidungen hatte er sie alle in eine Situation hineinmanövriert, aus der kein Weg hinausführte, auf dem nicht entweder sein Ansehen oder seine Familie Schaden nehmen würde. Und wenn das die Optionen waren, die er hatte ... wenn es allein darum ging, gab es seiner Meinung nach nichts weiter zu überlegen.
„Hol Algirdas und Fählindis. Wir gehen klopfen“, sagte er zu Eberion, während er seine Haltung straffte. „Du wartest mit den anderen in sicherer Entfernung.“
***
Während sich der Rotenforster der Siedlung wenig später zusammen mit seinen Dienstrittern langsam näherte, stellte er fest, dass im Schatten des alles beherrschenden Gutshauses – eines komplett umschlossenen Vierkanthofs mit einem gedrungenen Rundturm an einer Ecke – insgesamt vier weitere Gebäude wieder hergerichtet oder gar von Grund auf neu erbaut worden waren. In direkter Nachbarschaft hatten die Bewohner außerdem einige überschaubare Areale mit Zäunen und niedrigen Feldsteinmauern eingefriedet, die vermutlich als Gärten oder Weideflächen für Kleinvieh dienten. Jedenfalls soweit sich das in der Abenddämmerung und bei dem verfluchten Wetter sagen ließ.
Als sie kurz darauf den Rand des Weilers erreichten, konnten sie hören, dass aus einem der vorgelagerten Häuser gedämpfte Stimmen und hin und wieder fröhliches Gelächter drangen. Es war ein wenig größer als die anderen Bauten und verfügte obendrein über zwei Dachgauben und somit als einziges Gebäude im Ort scheinbar über ein nutzbares Obergeschoss. Warmes Licht schien durch Tür- und Fensterritzen nach draußen und ein würziger Geruch lag in der kühlen verregneten Luft, so dass die Blicke von Widderichs Begleitern trotz aller gebotenen Vorsicht mehrfach sehnsüchtig zum Eingang wanderten.
Sie hatten das Haus gerade passiert, als ein langgezogener Hornstoß aus Richtung des vor ihnen liegenden Gutshauses ertönte und die abendliche Ruhe jäh durchschnitt. Es folgten zwei weitere kurze Signale und noch ein langes, dann trat wieder Stille ein. Unwillkürlich verharrten die Rotenforster für einen Moment an Ort und Stelle, brachten ihre Pferde zum Stehen und sahen sich, die Hände an den Waffen, sichernd um. Die heimeligen Geräusche aus dem Inneren des größeren Hauses waren zwar augenblicklich erstorben und irgendwo hatte ein Hund angefangen zu bellen, aber sonst ... passierte nichts.
Widderich war das Hornsignal aus seiner Zeit in Tobrien, als er an der Seite der Reichsarmee gegen die Schergen der Heptarchien gekämpft hatte, durchaus bekannt. Er kannte es sogar besser, als ihm eigentlich lieb war. ‚Alle auf die Posten!‘ bedeutete es, und beseitigte letztlich jeden Zweifel: Ihr Kommen war bemerkt worden. Der Umstand, dass diese Tonfolge seines Wissens nach bei den Weidener Heerhaufen nie in Gebrauch gewesen war, sondern vornehmlich bei kaiserlichen Garderegimentern, war außerdem bemerkenswert genug, um ihn im Hinterkopf zu behalten.
Es half ja nichts. „Weiter!“, knurrte Widderich schließlich und sein Trüppchen setzte sich wieder in Bewegung. Alsbald gelangten sie auf eine freie Fläche unmittelbar vor dem zweiflügeligen Tor des Gutshofes, über der eine im Wind hin und her schwankende Öllaterne tapfer gegen die, nun immer schneller zunehmende, Dunkelheit anleuchtete. Als sie noch gut fünf Schritt vom Eingang trennten, öffnete sich eine wenig mehr als handtellergroße Klappe in einem der Torflügel. Dahinter erschien ein dunkler Schemen und eine weibliche Stimme forderte sie patzig zum Halten auf.
„Das ist nah genug! Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?“
Derart angepampt, parierte Widderich sein Ross ein zweites Mal durch. Nicht augenblicklich, aber doch schnell genug, dass die Harpyie hinter dem Tor es nicht als Affront begreifen durfte – seiner Meinung nach. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, zu erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Das schlechte Licht und die vom Himmel stürzenden Fluten machten es ihm aber unmöglich, weshalb er sich nach kurzem Zögern aus dem Sattel schwang. Um sich auf Augenhöhe mit der Fremden zu begaben, einerseits, und andererseits, um noch ein bisschen näher zu treten, damit er seine Gesprächspartnerin ansehen konnte und nicht mit einem gesichtslosen Schemen reden musste. Dabei schlug er die Kapuze seines Umhangs zurück und ließ die Schwerthand anschließend demonstrativ so weit als möglich vom Schwertknauf weg, während er seinen jungen Begleitern mit der Linken bedeutete, dass sie bleiben sollten, wo und wie sie waren.
„Widderich von Rauheneck ist mein Name“, sagte er, als er nahe genug war, um der Wächterin in die Augen sehen zu können. „Ich komme vom Baronsrat im Balihoschen und bin auf dem Weg zurück nach Rotenforst.“ Er machte eine kurze Pause, in der er die Miene der Frau studierte. Wusste sie, wer er war? Und wenn ja: Konnte man ihr von der Nasenspitze ablesen, welche Emotionen die Namen – seiner und der seiner Heimat – in ihr heraufbeschworen? Letztlich war das jedoch ohne Belang für ein weiteres Vorgehen. Es half wieder nichts, er musste weiter! „Ich begehre ein Dach über dem Kopf, damit die Meinen über Nacht trocken werden und sich ein bisschen aufwärmen können. Wir würden morgen in aller Frühe weiterziehen und wir benötigen weder Essen noch Trinken von euch.“
Durch die kleine Öffnung war die vernarbte Visage einer mürrisch wirkenden Mittvierzigerin zu erkennen, die ihn und die beiden hinter ihm wartenden Ritter misstrauisch beäugte. Anzeichen dafür, dass sein Name, sein Rang oder gar sein Ruf irgendeinen Eindruck auf die Frau gemacht hätten, waren nicht zu erkennen. Im Gegenteil behielt sie ihre bisherige tonale Marschrichtung bei und blaffte ihm lediglich ein kurzes „Wartet!“ entgegen. Noch bevor Widderich etwas erwidern konnte, hatte sie das Sichtfenster auch schon wieder zugeknallt und ließ ihn allein vor dem Tor im Regen stehen.
Für einen Moment starrte der Rotenforster irritiert auf das geschlossene Fenster, dann schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. Die Situation hatte soeben eine durchaus amüsante Seite gewonnen. Wie er fand. Freilich musste man das nicht so sehen und er war ziemlich sicher, dass Algirdas schräg hinter ihm es nicht tat. Der Junge verfügte über deutlich mehr Standesdünkel als er und fand es vermutlich furchtbar unangemessen, wie die Wächterin gerade mit ihnen ... mit ihm, Widderich, umgegangen war. Noch ein bisschen mehr Raugebautze und sein Unmut würde unweigerlich aus ihm hervorbrechen. Es wäre beileibe nicht das erste Mal, dass so etwas passierte. Blieb allein die Frage, ob sich der Ärger über seinen Dienstherrn oder die Leute aus dem Dorf ergießen würde.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Klappe erneut geöffnet wurde und das bärtige Gesicht eines Mannes – Widdereich schätze sein Alter irgendwas jenseits der Sechzig - in der Öffnung auftauchte.
„Die Zwölfe zum Gruße, Hochgeboren. Ich bin Coran ui Branghain und Herr über diesen Flecken.“ Der Mann wirkte wachsam, aber nicht unfreundlich. Während er ruhig sprach, musterte er sein Gegenüber aufmerksam: „Ich höre, Ihr ersucht bei uns um Obdach für die kommende Nacht. Nur allzu verständlich zu dieser späten Stunde und bei diesem Wetter, jedoch auch – wie soll ich sagen – ein wenig heikel.“ Ein entschuldigendes Lächeln bildete sich um seine Mundwinkel. „Ein Mann von Eurer Stellung wird wissen, dass das Reisen hier am Rande der Wüstenei nicht so ohne weiteres möglich ist. Die wenigen Besucher, die sich sonst nach Kressing verirren, stehen in der Regel unter dem Schutz des geschätzten Bannstrahl-Ordens, der auf dem Weg hierher einen Wachturm unterhält – nur wenige Meilen entfernt, direkt am Pfad, recht hoch und gut erleuchtet, kaum zu übersehen. Dasselbe gilt im Übrigen auch für Durchreisende in Richtung Osten. Tatsächlich ist die Begleitung durch die braven Ordensleute dabei obligatorisch und ich bin in dieser Sache ebenfalls gewissen Zwängen unterworfen.“
Das Lächeln war mittlerweile verschwunden und die Stimme des Branghainers hatte einen harten Unterton angenommen. „Daher werdet Ihr Verständnis dafür haben, dass ich Euch nicht sogleich hereinbitte, wie es die Gebote Travias verlangen, sondern zuvor eine Erklärung für das fehlende Geleit von Euch benötige. Denn, ob Ihr es glaubt oder nicht, in dieser Wildnis treibt sich immer wieder lichtscheues und gefährliches Pack herum, mitunter gar Raubritter, Meuchelmörder ... Usurpatoren.“
Widderich hatte die Worte des Branghainers aufmerksam verfolgt und hin und wieder bestätigend genickt. Ja, er wusste, dass Reisen hier nicht ohne weiteres ging. Ja, ihm war klar, dass die Begleitung durch Ordensleute in der Wüstenei keine bloße Frage des Geschmacks darstellte. Als sein Gegenüber hervorhob, dass der Turm der Geißler schwerlich übersehen werden konnte, schien sogar kurz Amüsement in den Augen des Rotenforsters aufzublitzen. Doch dann kam der zweite Teil der Ansprache und die Haltung des Mannes änderte sich. Ohne dass er eine Miene verzog, wohlgemerkt. Der Sichler zuckte nicht mit der Wimper, aber Coran meinte zu sehen, wie seine Kiefermuskeln hervortraten, als er Meuchelmörder und Usurpatoren erwähnte. Es ließ seine eh schon kantigen Züge noch ein bisschen härter wirken und passte hervorragend zu dem finsteren Blick, den er zugleich verschoss.
Nachdem der Branghainer geendet hatte, herrschte einen Moment Stille am Tor. Aus Richtung eines der beiden Berittenen, die hinter dem Baron Position bezogen hatten, war jedoch ein scharfes Durchatmen zu hören. Es klang ganz danach, als würde er Luft holen, um etwas zu Corans Rede zu sagen. Lautstark. Allein, bevor das geschehen konnte, erhob Widderich seine Stimme – knarzig und rauh, aber durchaus beherrscht.
„Ihr wisst offenbar, wer ich bin, Herr Branghain. Trefflich, dann kann ich mir eine förmliche Vorstellung ja sparen, und damit Zeit.“ Der Rotenforster machte eine kurze Pause, in der er das Gesicht seines Gegenübers genauer studierte. Sein Unmut zeigte offenbar Wirkung, denn das Oberhaupt von Kressing – oder wie auch immer dieses götterverlassene Nest hieß – schien nun doch ein bisschen in seiner Selbstsicherheit zu wanken. Der bisher wacker gehaltene Augenkontakt brach ab und ein genuscheltes „Es heißt ui Branghain“ war alles, was Coran zunächst hervorbrachte.
Widderich nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis und fuhr dann fort: „Wir sind in Eile und haben entschieden, diesmal auf einen Begleiter aus dem Inquisitionsturm zu verzichten, weil wir selbst bestimmen wollen, in welcher Geschwindigkeit wir reisen und wann wir wo rasten. Überdies lege ich wenig Wert auf Fremde in meiner Gesellschaft. Insbesondere, wenn sie mich den lieben Tag lang dazu anhalten, das Licht des Herrn Praios zu suchen und für meinen fragwürdigen Lebenswandel zu sühnen. Über den sie, genau genommen, nichts wissen. Aber wer braucht schon Gewissheit, wenn so viele Spekulationen im Umlauf sind, aus denen man seine eigene Wirklichkeit spinnen kann. Nicht wahr?“
Coran ließ das Gesagte kurz auf sich wirken, bevor er sich räusperte und mit wieder fester Stimme antwortete: „Spekulationen hin oder her. Tatsache ist: Ich kenne Euch nicht, auch wenn mir der Name, den ihr nanntet, bekannt ist ... und der Ruf, der ihm anhängt. Alles, was ich sehe, sind drei Schwerbewaffnete vor meiner Haustür, denen ich nicht hinter die Stirn gucken kann. Und die Abwesenheit eines Bannstrahlers ist nicht gerade dazu geeignet, Vertrauen in Euch und Eure Lauterkeit zu fassen.“ Er seufzte. „Wenngleich ich Eure Erklärung durchaus nachvollziehen kann.“ Sein Blick wanderte nach Westen und verlor sich für einen Moment in der Ferne. „Schließlich muss ICH mit denen in direkter Nachbarschaft leben“, schob er murmelnd hinterher.
Er fasste Widderich wieder ins Auge, strich sich nachdenklich durch den ergrauten Vollbart und nahm einen tiefen Atemzug. „Da ich keine Packtiere sehe und nicht davon ausgehe, dass so hohe Herrschaften ohne entsprechendes Gefolge reisen, gehören zu Eurer Gruppe doch wohl noch weitere Personen?“, lenkte er das Gespräch unvermittelt in eine andere Richtung.
„Meine Frau, ein Bruder, meine Tochter und zwei Waffenknechte“, gab Widderich zurück.
Coran hätte erwartet, dass in der Aufzählung noch ein paar mehr Personen folgen würden, Leibdiener und eine Amme zuvörderst, ein Koch oder Schreiber vielleicht –, doch das blieb aus. Offenbar reiste der Rotenforster nicht nur ohne geistlichen Beistand, sondern auch mit schmalem Gefolge. Nicht wirklich standesgemäß, aber vielleicht hatte er ja Schwierigkeiten, Leute zu finden, die sich bei ihm verdingen wollten? Kaum verwunderlich, bedachte man den Ruf, der ihm vorauseilte. Außerdem waren die Verhältnisse im äußersten Osten der Drachenpforte womöglich auch nicht viel besser als hier in Kressing, sodass niemand freiwillig dorthin ging? Und sicher konnte der Rauheneck nicht genug zahlen, um fähige Leute trotz aller Widrigkeiten zu einem Umzug in sein Herrschaftsgebiet zu bewegen.
Der Branghainer nickte schließlich. „Über die Sache mit den Bannstrahlern werden wir noch reden müssen. Aber nun schickt einen Eurer Leute los, damit er Eure Angehörigen holt und wir sie ins Warme bringen können. Ich biete Euch Unterkunft, allerdings nur unter zwei Bedingungen, die nicht verhandelbar sind. Erstens: Ihr schwört bei Travia und ihren zwölfgöttlichen Geschwistern, dass Ihr das Gastrecht achten und keinen Schaden anrichten werdet, weder an Mensch und Tier noch an Gebäuden. Zweitens: Ihr und Eure Leute übergebt Eure Waffen ohne Ausnahme in meine Obhut. Ihr bekommt sie bei Eurer Abreise wieder ausgehändigt und ich garantiere für die sichere Verwahrung bis dahin. Unter den gegebenen Umständen habt Ihr sicher Verständnis für diese Maßnahme.“
Mit Bedingung Nummer eins schien der Rotenforster gut leben zu können, die zweite hingegen sorgte dafür, dass er skeptisch die Stirn runzelte. Es war harter Tobak, einen Weidener Ritter dazu aufzufordern, sich von seinem Schwert zu trennen, das wusste Coran. Offenbar galt das auch für Ritter, denen von hier bis Auen nachgesagt wurde, dass sie im Grunde gar keine seien, sondern ehrloses Gesindel, das den Titel bloß durch eine unglückselige Aneinanderreihung dummer Zufälle errungen hatte.
Widderich bedachte ihn abermals mit einem prüfenden Blick und schien noch ganz in Gedanken verstickt, als ein zornig geschmettertes „Orkdreck!“ aus dem jungen Mann schräglinks hinter ihm herausbrach. „Wir können denen doch auch nicht hinter die Stirn gucken?! Wir kennen die so wenig wie sie uns! Wer sagt, dass sie uns nicht erst entwaffnen und dann ausrauben, oder abmurksen oder ... was auch immer man hier mit Menschen tut, die sich nicht wehren können? Der Name Kuran von Pranghain sagt mir nichts. Wenn er ein Ritter sein sollte, scheint er Zeit seines Lebens nicht viel Ruhm an sei...“
„Ich kann mich nicht erinnern, nach deiner Meinung gefragt zu haben, Algirdas!“, sprach der Rotenforster in die Worte seines Gefolgsmanns hinein. Anfangs noch leise, dann aber mit zunehmender Lautstärke, um überhaupt gegen dessen Tirade anzukommen. Kurz, ganz kurz nur, wandte er sich von Coran ab, um dem Ritter einen warnenden Blick zuzuwerfen. Dann sah er den Albernier wieder an und meinte: „Allerdings hat er nicht Unrecht. Ginge es nur um mich, könnte ich mich ohne Widerrede auf Eure Forderungen einlassen. Aber ich habe meine Tochter dabei, und ich weiß nicht, wer Ihr seid.“
Das Spiel seiner Kiefernmuskeln verriet, dass Widderich erneut mit sich rang, bevor er ein unzufriedenes Schniefen ausstieß: „Ich soll bei den Zwölfen schwören, dass ich keinen Schaden anrichten werde, und dennoch wollt Ihr mich entwaffnen. Scheint, als würde mein Wort Euch nichts gelten, also warum fordert Ihr es überhaupt ein?“
Coran hatte dem Ausbruch Algirdas mit ausdrucksloser Miene gelauscht und das Ganze zum Ende hin lediglich mit einem abermalig gebrummelten „Es heißt UI Branghain“ quittiert, was in der unwirschen Zurechtweisung Widderichs jedoch mehr oder weniger unterging. Die recht unverblümt vorgebrachten Unterstellungen des Ritters schienen ihn ansonsten nicht wirklich zu kümmern.
In Erwiderung auf Widderichs Einwände hingegen legte sich seine Stirn in Falten, bevor er ihm mit ruhiger Stimme antwortete: „Ich werde jetzt keinen Disput darüber führen, was das Wort eines Weidener Ritters wert ist. Wenn ich die Wahl habe zwischen Eurer Ehre und der Sicherheit meiner Leute werde ich, so leid es mir tut, immer dem zweiteren den Vorzug geben. Und die Frage, ob ein Schwur auf die Zwölfgötter alle weiteren Vorsichtsmaßnahmen überflüssig macht, halte ich für akademisch. Sie kann gern in irgendwelchen Elfenbeintürmen diskutiert werden, aber nicht hier. Außerdem: Wenn Ihr wirklich damit gerechnet hättet, dass wir Euch ... abmurksen könnten, wie Euer Mann es so blumig ausdrückte, wärt ihr sicher nicht einfach so, hoch zu Ross, schnurstracks vor mein Tor gekommen, über eine freie Fläche ohne jegliche Deckung, die von mehreren erhöhten Positionen unter Beschuss genommen werden kann. Auch wenn ich Euch nicht kenne, so einen törichten Eindruck macht Ihr auf mich nicht.“
Während Widderich sein Gegenüber nach diesen Worten weiter unverwandt ansah, schweiften die Blicke seiner beiden Begleiter ein wenig beunruhigt in alle Richtungen. Der mit Schießscharten versehene Wehrturm an der Ecke, die schmalen Fenster im Obergeschoss des Gutshauses direkt über ihnen und die Dachgauben in dem größeren Gebäude in ihrem Rücken – waren die Fensterläden vorhin nicht noch geschlossen gewesen? All das wirkte mit einem Mal ... durchaus besorgniserregend.
„Abgesehen davon“, fuhr Coran unterdessen fort, „müsst Ihr schon über eine enorme Vorstellungskraft verfügen, wenn Ihr glaubt, dass wir hier, gewissermaßen direkt unter den Augen einer Bande argwöhnischer Praioten, irgendjemanden einfach so um die Ecke bringen könnten, ohne dass das früher oder später auffallen würde – und schon mal gar nicht einen Baron mitsamt seiner Familie. Auch wenn ich wünschte, das wäre anders.“ Kaum ausgesprochen weiteten sich die Augen des Branghainers erschrocken. „A-also das mit der Nähe zu den Bannstrahlern, meine ich natürlich“, setzte er flugs hinterher und verhaspelte sich dabei beinahe. „Nicht das mit dem um die Ecke bringen.“
Der Rettungsversuch des Kressingers war aller Ehren wert, erzielte aber nicht ganz die gewünschte Wirkung: Die Brauen des Rotenforsters schnellten in die Höhe, als Coran sein Bedauern darüber ausdrückte, dass man unter den Augen der Geißler schwerlich einen Baron meucheln konnte – und blieben auch dort, nachdem er versichert hatte, dass etwas vollkommen Anderes gemeint war. Es kam zwar kein Wort über die Lippen des Sichlers, aber seine Miene sprach in diesem Moment Bände.
Coran senkte daraufhin kurz den Kopf und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. „Wie auch immer“, sprach er schließlich weiter und stieß erneut einen Seufzer aus, „die Sorge um Eure Familie gebe ich Euch. Eure Tochter, ich nehme an, sie ist noch klein?“
Widderich nickte zur Antwort. Zögernd, ganz so als würde er für einen Moment mit dem Gedanken spielen, noch etwas anzufügen. Das tat er letztlich aber nicht, sondern überließ Coran wieder das Feld.
Der strich sich noch einmal durch den Bart, dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. „Nun gut, irgendwie müssen wir ja weiterkommen“, meinte er und zog unvermittelt sein Schwert.
Vor dem Tor löste das eine ganze Reihe von Reaktionen aus: Bestürzt nahm der Branghainer aus dem Augenwinkel wahr, wie die Hand des Rotenforster Barons ebenfalls zum Schwert ging, blitzschnell. Ein Reflex, so kam es Coran vor, keine überlegte Handlung. Etwas, das irgendwann im Laufe seines Lebens zur Gewohnheit für diesen Mann geworden war und wovon er nun schlicht nicht mehr lassen konnte. Es dauerte nur einen Herzschlag, bis Widderich sich gefangen hatte und die rechte Hand demonstrativ zurückzog. Das war aber genug Zeit, um seine Begleiter zu alarmieren. Auch die griffen nun zu ihren Waffen, was wiederum zu verräterischer Betriebsamkeit im Wehrturm und einigen Fenstern in der näheren Umgebung führte.
Für einen Moment stand die Situation auf Messers Schneide. Aber da war ja zum Glück noch das dicke Holztor: Es trennte den Kressinger vom Rotenforster und sorgte dafür, dass ein Angriff von der einen oder anderen Seite nicht ohne weiteres möglich war – also keine direkte Gefahr für einen der Anführer drohte. Das schienen auch die verteidigungsbereiten Gefolgsleute Corans in ihren Deckungen begriffen zu haben, denn der befürchtete Pfeilhagel blieb aus.
Dann hob der Rauheneck langsam die Hände, um klarzustellen, dass er niemanden anzugreifen gedachte, und wandte sich zu seinen Rittern um. Er ging zwei, drei Schritte in deren Richtung, damit er das Wort an sie richten konnte, derweil hinter dem Tor Dinge geschahen, die er durch das kleine Guckloch eh nicht hätte erkennen können. Coran übergab, nachdem er einmal erleichtert durchgeatmet hatte, seine Waffe an eine Person, die neben ihm außerhalb des Sichtfelds stand und die jetzt leise, aber energisch auf ihn einredete. Eine mit gedämpften Stimmen geführte Diskussion entbrannte daraufhin, der Widderich jedoch nicht folgen konnte, weil er seine eigene führte.
Schließlich war Coran wieder laut und deutlich zu vernehmen: „Ja, ja, ich weiß. Aber ich habe mich entschieden“, erwiderte er dem oder der Unbekannten auf seiner Seite des Tors im Befehlston. „Ich sagte, ich habe mich entschieden und jetzt öffne endlich.“ Mit einer schroffen Geste unterband er jeden weiteren Einwand und kurz darauf war zu hören, wie drinnen ein Riegel entfernt wurde. In dem Moment, in dem einer der Torflügel ein Stück weit aufgezogen wurde, wandte sich Widderich wieder um, sodass er sehen konnte, wie Coran mit leeren Händen durch den Spalt nach draußen schlüpfte, bevor sich der Durchgang hinter ihm wieder schloss.
Beide Männer standen sich jetzt im Regen direkt gegenüber und der untersetzte Coran musste zu dem gut einen Kopf größeren Rotenforster aufsehen, als er das Wort an ihn richtete: „Meine Bedingungen bleiben bestehen! Allerdings lasse ich Euch – als Einzigem – Euer Schwert und begebe mich selbst unbewaffnet in Eure Hände. Ich werde während Eures Aufenthalts nicht von Eurer Seite weichen, so dass Ihr, falls meine Leute doch im Blutrausch über Euch herfallen sollten, meine Person als Pfand habt. Meinetwegen teile ich sogar die Schlafstatt mit Euch. Aber seid gewarnt, ich schnarche. Was sagt Ihr?“
Widderich sagte erst einmal gar nichts, sondern starrte sein Gegenüber nur ungläubig an. Er schien mit vielem gerechnet zu haben, aber nicht damit, dass der Branghainer einen solchen Schritt gehen würde. Auch die Mienen der Ritter an seiner Seite – blutjung und von der Situation sichtlich überforderten, wie Coran nun erkennen konnte – wirkten schwer irritiert. So entstand eine Pause, in der drei Augenpaare wie gebannt an dem gebürtigen Albernier hingen und sonst nicht viel geschah.
„Ich ...“, hob Widderich schließlich an und brach mit einem kaum merklichen Kopfschütteln sogleich wieder ab. „Wenn Ihr mir mein Schwert lasst, wird das reichen“, brachte er im zweiten Ansatz hervor. „Nähme ich Euch als Geisel, würde das zu noch größerer Anspannung auf beiden Seiten führen, und ich denke, wir haben gerade gesehen, dass das Problemen verursachen könnte, die wir alle vermeiden wollen.“
Dabei schien er es zunächst belassen zu wollen, zwang dann aber dankenswerterweise doch noch ein paar Worte über seine Lippen. „Es geht mir nicht um meine Ehre, Hoher Herr, davon ist ohnehin nicht viel übrig. Es geht um meine Familie und meine Gefolgsleute. Ich glaube nicht, dass Ihr uns ans Leder wollt, aber ich kenne die Gegend nicht gut genug, um mich sicher zu fühlen. Und ich kenne Eure Leute nicht. Ich weiß nicht, was sie vermögen. Wenn Ihr mich und die Meinen entwaffnet, können wir nicht mehr selbst für unseren Schutz sorgen. Die Aufgabe müsste ich Euch überantworten ...“, er hielt inne, um Coran mit leicht verengten Augen vom Scheitel bis zu Sohle zu mustern. Zu welchem Ergebnis er dabei kam, ließ sich schwer beurteilen, seine Ansprache jedenfalls schloss er mit einem knappen: „Und das fällt mir schwer.“
Coran nickte. „Ich verstehe das, glaubt mir“, gab er zurück, „aber ich fürchte, Ihr habt keine Wahl. Bei allem Respekt, Hochgeboren, aber Ihr seid hier unangekündigt aufgekreuzt, ohne die erforderliche Eskorte, und wollt etwas von mir. Einen Tod müsst Ihr also wohl oder übel sterben.“
Stille. Gedanklich schien Widderich einmal mehr über die Worte des Branghainers zu stolpern und hob milde irritiert die Brauen.
„Ach kommt schon“, müde machte Coran eine wegwischende Handbewegung, „das ist nur ein Sprichwort. Ich versichere Euch, ich weiß mein Heim und meine Angehörigen zu schützen und dasselbe gilt für meine Gäste. Und um die Fähigkeiten meiner Leute müsst Ihr Euch bestimmt keine Sorgen machen. Also, um der Götter willen, holt nun Eure Familie her, damit wir hinein gehen können. Das Wetter geht mir langsam in die Knochen. Und außerdem“, schob er grinsend hinterher, „ein Baron ohne Ehre und ein Ritter ohne Ruhm – das scheinen mir gute Voraussetzungen für einen interessanten Abend.“
„Ich hatte ja bereits eingewilligt“, entgegnete der Sichler spröde. „Es gibt also keinen Grund, mich noch irgendeinen Tod sterben lassen zu wollen. Wenn Ihr mir mein Schwert nicht nehmen wollt, beuge ich mich Euren Bedingungen. Zähneknirschend, aber es ist, wie Ihr sagt: Ich bin der Bittsteller, nicht derjenige, der hier den Weg vorgibt.“ Nachdem das gesagt war, wandte er sich um und gab einem seiner Dienstritter mit knapper Geste zu verstehen, dass er tun sollte, wozu der Gastgeber sie aufgefordert hatte.
„Ich weiß nur nicht, ob ich Euch als Friedgeisel will“, meinte Widderich, nachdem er Coran wieder ins Auge gefasst hatte. „War das ein Angebot oder ebenfalls eine Kondition?“
„Oh, nur ein Angebot. Ich bestehe nicht drauf. Wirklich nicht“, erwiderte der.
Dazu nickte der Rotenforster knapp und schien das Thema hernach für erledigt zu halten.
„Wenn Ihr dann erlaubt“, wechselte Coran umgehend das Thema, „werde ich, während wir auf Eure Leute warten, die meinigen auf den Stand der Dinge bringen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, machte er einen Schritt zur Seite, aus dem Schatten des Rotenforsters heraus in das spärliche Licht der Öllampe, wo er seine rechte Hand in die Höhe hob und sie mit gespreizten Fingern mehrmals kurz hin und her drehte.
Diese Geste erkannte Widderich ebenfalls aus seiner Zeit beim Heer wieder. So riefen Kommandanten ihre Unteroffiziere und Truppführer zu sich, wusste er. Er bedachte den Herrn von Kressing mit einem nachdenklichen Blick und einen Moment später auch die junge Frau, die durch das Tor zum Gutshof in Freie trat: schlank, breitschultrig, mit gegürtetem Schwert und einem unter ihrem Umhang hervorblitzenden Kettenhemd gerüstet. Es war offensichtlich nicht die Wächterin mit dem respektlosen Mundwerk von vorhin. Sie trat an die Seite Corans und entbot Widderich eine angedeutete Verbeugung, wobei nicht ganz klar war, ob ihr ernster, fast schon missbilligender Gesichtsausdruck, ihm, dem Branghain oder der Gesamtsituation galt. Sie hatte einen Mantel unter dem Arm mit sich getragen, den sie Coran jetzt, zwar mit einem leichten Kopfschütteln, aber doch erkennbarer Fürsorge, über die Schultern legte und dafür angesichts des Regens ein dankbares Nicken erhielt.
Zeitgleich waren Geräusche aus Richtung des größeren Dorfhauses hinter ihnen zu hören, da auch dort eine Tür aufgegangen und eine einzelne Gestalt im Rahmen erschienen war. Die Person machte sich sogleich daran, ebenfalls zu dem Grüppchen aufzuschließen und je näher sie dem funzeligen Lichtkreis vor dem Tor kam, desto mehr konnte man von ihr erkennen. Es war eine schmale Frau von vielleicht fünfundfünfzig Götterläufen, die eine derbe Joppe trug, ein handliches Kurzschwert im Gürtel stecken hatte und deren Antlitz durch eine flächige schlecht verheilte Narbe sowie eine leicht schiefe Nase gezeichnet war.
Als sie schließlich gegenüber von Widderich Aufstellung genommen hatte, stellte der drei Dinge fest: Zum einen war die Frau trotz ihres Alters und der Entstellungen recht ansehnlich. Zum anderen handelte es sich bei ihrer Waffe um eine Klinge, die in dieser speziellen Ausführung zur klassischen Ausstattung mittelreichischer Gardesoldaten gehörte. Außerdem – und das war wohl das Bemerkenswerteste – entdeckte er in ihrem Blick keinen Funken Furcht. Seiner Erfahrung nach war Furcht das hervorstechendste Merkmal für hinterwäldlerisches Landvolk, wenn es sich Aug in Aug mit fremden Bewaffneten und speziell mit ihm wiederfand, aber hier ... nein. Er erkannte gesunden Respekt und eine zielgerichtete Wachsamkeit in der Art, wie die Frau ihn und seinen verbliebenen Ritter musterte, aber keine Angst.
Widderich nahm all das mit steinerner Miene zur Kenntnis und schloss seine Betrachtung der Veteranin dann ab. Er sah noch einmal kurz zu der jungen Frau an Corans Seite hinüber, bevor er sein Augenmerk auf eben jenen richtete. Dabei sagte der Sichler zwar nichts, aber sowohl Coran als auch seine alte Weggefährtin waren erfahren genug, um zu bemerken, wie sich seine Haltung einmal mehr änderte – und sei es noch so minimal. Ein Teil der anfänglichen Spannung kehrte in Widderichs Glieder zurück und es schien ihn Überwindung zu kosten, die Schwerthand nicht an den Knauf seiner Waffe zu legen.
Mit der Gelassenheit, die die Erfahrung ihn gelehrt hatte, ging Coran darüber hinweg und deutete auf die jüngere der beiden Frauen neben sich, als ob nichts wäre: „Ich darf Euch meine Tochter Elfwid vorstellen. Und das ist Meisterin Fenia Prutz. Sie ist so etwas wie die gute Seele unserer Gemeinschaft.“ Die Zweitgenannte verneigte sich nun ebenfalls vor dem Rotenforster, ließ ihn dabei jedoch so wenig aus den Augen wie er sie.
Der Baron nickte beiden Frauen nacheinander zu und gab pflichtschuldig ein heiseres „Die Götter zum Gruße!“ von sich.
„Hochgeboren von Rauheneck, wird uns heute Nacht als Gast beehren“, führte Coran weiter aus. „Sein Gefolge wird in Kürze eintreffen. Das heißt, wir werden ...“, er überlegte kurz, „... acht?“ Widderich nickte „... acht zusätzliche Personen zu bewirten haben. Wir benötigen also ein wenig Hilfe in der Küche. Der Baron hat sich außerdem dazu bereiterklärt, dass seine Leute ihre Waffen für die Dauer ihres Aufenthalts in unsere Verwahrung übergeben. Fenia, du wirst dich um beides kümmern.“
Die Angesprochene nickte Coran zu und entfernte sich dann schnellen Schrittes in die Richtung aus der sie gekommen war, während Coran weitere Instruktionen an seine Tochter ausgab: „Elfwid, du trägst Sorge dafür, dass die Fuhrwerke in den Hof verfrachtet werden, damit wir die Pferde des Barons in der Remise unterbringen können.“ An Widderich gewandt erklärte er: „Wir haben nur begrenzt Stellplätze im Stall, aber es wird so gehen.“ Wieder an die junge Frau gerichtet fuhr er fort: „Und sag Julenka, wir nehmen das gute Ostheimer Futter für die Tiere. Und Thorolf soll die Gästezimmer herrichten lassen. Und du hör auf, so eine Schnute zu ziehen.“
Auch Elfwid quittierte mit einem Nicken, wobei keine Anzeichen zu erkennen waren, dass sie vorhatte, die letzte Anweisung ihres Vaters zu befolgen. Dann kehrte sie um und begab sich zurück zum Tor, wo sie rasch wieder eingelassen wurde.
Coran blickte ihr einen Moment hinterher, um sich dann wieder zum Rotenforster zu drehen. „Sie war mal wirklich niedlich“, sagte er lächelnd und zuckte mit den Schultern.
Ausgerechnet diese Bemerkung sorgte dafür, dass sich zum ersten Mal eine andere Regung als Misstrauen oder Unmut auf dem Gesicht des Rauheneck zeigte: Seine Lippen spiegelten Corans Lächeln zwar nicht, aber die Augen taten es. Oder jedenfalls glaubte der Branghainer, mit einem Mal Lachfältchen zu erkennen, die ihm vorher nicht aufgefallen waren.
Bevor der Rotenforster etwas erwidern konnte, war jedoch aus dem Süden näherkommendes Hufgetrappel zu hören und er wandte sich ab, um die Ankunft seiner Leute zu beobachten. An der Spitze des kleinen Trupps ritt der junge Mann, der den Kressingern vorhin ohne Zögern übelste Absichten unterstellt hatte. Je näher er kam, desto mehr Ähnlichkeiten mit dem Baron fielen Coran auf: Er schien Widderich wie aus dem Gesicht geschnitten. Schrägrechts hinter dem jungen Kerl ritt ein weiterer Mann, der älter und nicht gerüstet war. Seine Kleidung wies ihn als Adeligen aus – zweckmäßig, aber wertig – und die Züge wirkten fein. Sehr fein. Fast ein bisschen zu fein für einen Mann.
Es folgte eine Frau in einem dicken Umhang, die sich zudem einen Schal um den Hals gewunden hatte, sodass vom Gesicht außer ihren hellen Augen kaum etwas zu erkennen war – und die ruhten ganz ohne Frage auf Coran. Sie steuerte auf den Herrn von Kressing zu, als sei für sie kein anderes Ziel denkbar. Die Gegebenheiten um sie herum, die Häuser im Dorf oder die anderen Menschen, die hier lebten, schienen sie – jedenfalls im Moment – nicht im Geringsten zu interessieren. Ihr Pferd war umgeben von einigen ... sehr großen Hunden, deren Rasse Coran auf den ersten Blick nicht bestimmen konnte.
Am Ende des Zuges folgten ein Mann und eine Frau auf Bergponys, wie sie von den Menschen in der Drachenpforte gern geritten wurden. Nicht nur, weil sie günstig in der Anschaffung und im Unterhalt waren, sondern auch, weil sie den großen Adelsrössern in Sachen Trittfestigkeit und Wendigkeit einiges voraushatten. Coran fiel auf, dass die Magd ebenfalls noch sehr jung war, was den Waffenknecht wohl zum einzigen Kämpfer an Widderichs Seite machte, der über mehr als ein paar Götterläufe Erfahrung verfügte und dessen Fähigkeiten vielleicht sogar schon mal in einer Schlacht auf die Probe gestellt worden waren. Bei den Packtieren handelte es sich ebenfalls um Ponys, einen Karren oder Wagen gab es nicht.
Als die Gruppe das Tor zum Gutshaus erreichte, stieg die Baronsgemahlin von Rotenforst ohne Zögern aus dem Sattel. Allerdings wirkten ihre Bewegungen dabei nicht so souverän, wie sie es sich wahrscheinlich gewünscht hätte. Der lange Ritt sowie die Kälte und Nässe forderten ihren Tribut, sodass der ganze Vorgang etwas steif daherkam. Die hilfreich dargebotene Hand ihres Gatten ignorierte sie trotzdem, zog sich den Schal vom Gesicht und schenkte – einmal sicher auf festem Boden angekommen – erst Widderich, dann Coran ein strahlendes Lächeln. Der Branghainer blickte in ein recht breites Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer starken Nase und auffallend blauen Augen, die einen sehr wachen Eindruck machten.
„Ich darf Euch meine Gemahlin Satijana von Horadamm vorstellen“, meinte Widderich kurz angebunden. „Satijana, das ist Ritter Coran ui Branghain, der Herr dieses Fleckens.“
Unterdessen war die Rotenforsterin schon an den Kressinger herangetreten, um ihm die Hand zum Gruß entgegenzustrecken. „Hocherfreut, Wohlgeboren“, sagte sie und nickte verbindlich. „Ich bin überzeugt, Seine Hochgeboren hat es bereits getan, aber es kann ja sicher nicht schaden, wenn auch ich Euch noch einmal unseren tiefen Dank ausspreche?! Für die große Freundlichkeit, die Ihr uns erweist. Und das Vertrauen, das ihr uns entgegenbringt. Wir wissen, dass das alles andere als selbstverständlich ist und schätzen uns glücklich, hier auf einen Mann von Eurem Format zu treffen. Jemanden, der bereit ist, über die ... nun ... unglücklichen Umstände unserer Reise so weit hinwegzusehen, dass er uns trotz aller berechtigten Vorbehalte Gastung im Namen Travias gewähren kann.“
Coran musste ein paar Mal irritiert blinzeln, bevor er sich daran erinnerte, die dargereichte Hand zu ergreifen, nur um sie dann um so entschlossener zu schütteln. Der vollkommen vom bisherigen Gesprächsverlauf abweichende Tonfall und die zugewandte Weise, mit der ihn die Baronsgemahlin bedachte, hatten ihn schlicht überrumpelt. Daher behielt er ihre Hand auch weiter umschlossen, als er nach einem Räuspern endlich eine Antwort hervorbrachte: „Oh, ja. Aber ich bitte Euch. Natürlich seid Ihr hier als Gäste willkommen. Es ist nur so, dass ... also die Situation ist nicht ganz einfach – Ihr versteht? – um nicht zu sagen kompliziert. Es mussten erst noch einige Dinge geklärt werden. Daher die Verzögerung. Ich muss um Verzeihung bitten, doch das war ... sozusagen erforderlich.“
Paradoxerweise sah Coran während seines Gestammels immer wieder hilfesuchend ausgerechnet zu Widderich hinüber, der die Worte seiner Gemahlin mit einem Nicken bestätigte und – sicher aus gutem Grund – davon absah, ihr zu verraten, dass er selbst es leider ganz versäumt hatte, dem Gastgeber für seine Großzügigkeit zu danken. Der Baron blickte erst Satijana und dann Coran in die Augen und schließlich auf ihre ineinander verschränkten Hände hinab. Für einen Moment wirkte er im Angesicht der Situation amüsiert, doch dann wurde seine Aufmerksamkeit auf etwas Anderes gelenkt.
Der Rotenforster Tross hatte sich mittlerweile vor dem Gutshof versammelt, es waren allerdings nicht dessen Torflügel, die sich nun geräuschvoll auftaten; stattdessen öffnete sich erneut die Tür des großen Dorfhauses. Wieder kam Fenia Prutz heraus, diesmal jedoch nicht allein, sondern mit einer Handvoll Knechten im Schlepptau. Alle trugen Waffen und auch wenn sie diese nicht gezogen hatten, führte der Anblick bei den meisten Neuankömmlingen zu sichtbarer Unruhe. Als Reaktion auf das merkliche Zusammenzucken des vorlauten Jungritters und ein herausforderndes Schnauben aus Richtung der Waffenmagd, streckte Fenia ihre Arme zur Seite aus, um anzuzeigen, dass sie keine aggressiven Absichten hegte. Dann näherte sie sich mit ruhigen Schritten weiter und ihre Leute taten es ihr nach, bis sie sich schließlich hinter Coran aufbauten.
Danach beäugten sich beide Gruppen einen Moment lang gegenseitig. Rechts neben Fenia hatte sich ein brutal wirkender Schlägertyp aufgestellt, nur wenig jünger als sie, mit fleischigem Körperbau und kaltschnäuzigem Blick. Sein linker Unterarm lief in einem von einer Lederkappe bedeckten Stumpf aus und an seiner Hüfte baumelte ein ebenso brutal anmutender Streitkolben. Der Kerl zu ihrer Linken hingegen war recht hochgewachsen, jedoch von schlaksiger Statur, und trug zwei Äxte unterschiedlicher Größe im Gürtel. Von seinem Gesicht war nichts zu erkennen, da der untere Teil von einem hochgezogenen Halstuch und der obere von einem breitkrempigen Schlapphut verborgen wurde. Hinter dem Trio vervollständigten zwei junge Burschen, vielleicht Anfang Zwanzig, das Kressinger Aufgebot. Die beiden waren zwar kräftig gebaut, aber lediglich mit einfachen Beilen und Messern ausgestattet – mehr Werkzeuge als Waffen – und zumindest sie zeigten Anzeichen von Nervosität.
Selbiges galt für die Baronsgemahlin, was Coran ganz ungefiltert mitbekam, weil er ihre Hand noch immer umklammert hielt. Er spürte, wie die sich verkrampfte, während der Blick der Rotenforsterin mit unverhohlener Sorge über den doch recht verwegen aussehenden Trupp glitt, den Fenia da angeschleppt hatte. Eine Horde Bewaffneter aufzubieten, um Widderichs Leuten die Waffen abzunehmen? Coran konnte Satijana von der Nasenspitze ablesen, dass sie das für keine glückliche Idee hielt. Vertrauensstiftend schon gar nicht. Eher im Gegenteil: Es verursachte einen Grad der Anspannung, den sie durch kein noch so freundliches Lächeln mehr entschärfen konnte. Entsprechend war wohl auch das leicht missbilligende Schnalzen zu verstehen, das die Horadamm nach einem Moment des Zögerns ausstieß.
Glücklicherweise begegnete ihr Mann der Situation mit mehr Gelassenheit. Corans Leute waren noch gar nicht damit fertig gewesen, sich hinter ihm aufzubauen, als der Rotenforster seine neue Position schon bezogen hatte. Er stand jetzt zwischen seiner besseren Hälfte und Fenias Trüppchen. Und zugleich vor seinen eigenen Leuten. Wie ein Wellenbrecher. Oder ein kleines Bollwerk, da hier in der Mittnacht wohl niemand etwas mit Wellenbrechern am Hut hatte. Irgendwie schaffte der Mann das Kunststück, den Kressingern ein klares „Bis hierhin und nicht weiter!“ zu vermitteln, ohne dabei auch nur einen Hauch von Aggressivität zu verströmen. Sicher, weil ihm klar war, dass jeder noch so kleine Funke im Nullkommanichts zum Flächenbrand werden konnte und dass er allein Corans Leute keine fünf Herzschläge aufhalten würde. Dennoch ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, dass er es versuchen würde.
„Na, dann wollen wir mal“, unterbrach der Branghainer die angespannte Stille im Plauderton, jede in der Luft liegenden Missstimmung ignorierend. „Hochgeboren, wenn Ihr, wie vereinbart, den Schwur leisten wollt. Ich wäre Euch sehr verbunden. Und Eure Leute können ihre Klingen getrost in die Verwahrung von Meisterin Prutz geben.“ Mit einem Lächeln wandte er sich an Satijana, deren Hand er noch immer hielt und nun väterlich tätschelte: „Dann steht Eurem Einzug in mein bescheidenes Heim nichts mehr im Wege.“
„Worauf soll ich schwören?“, Widderichs Blick hing noch an dem Schlägertyp zu Fenias Rechter, als er Coran diese Frage stellte. „Ein Brevier der zwölfgöttlichen Unterweisung? Ein Buch der Tagesheiligen? Oder genügt es Euch, wenn ich Travia und ihre Geschwister ohne Hilfsmittel anrufe, um meinen Schwur zu bezeugen?“
„Ich denke, es wird so reichen“, gab Coran zurück. „Zumal ich gerade nichts Geeignetes zur Hand habe. Und außerdem will ich das Ganze auch nicht unnötig in die Länge ziehen. Ich vertraue darauf, dass die Götter uns das im Angesicht der Situation nachsehen werden.“
„Hum“, machte der Baron leise. Dann straffte er seine Haltung, hob die rechte Hand zum Schwur und fuhr deutlich klarer vernehmbar fort: „Im Namen der Herrinnen Travia und Rondra sowie ihrer göttlichen Geschwister droben in Alveran gelobe ich, dass ich und die Meinen das heilige Gastrecht achten werden. Wir werden keinen Schaden anrichten – nicht an Mensch noch an Tier oder Gebäuden.“
Während er sprach, war der Blick des Rotenforsters fest auf Coran gerichtet, und nachdem der Schwur vollendet war, hob er die Brauen. Ein „Ist das gut genug?“ hing unausgesprochen in der Luft. Er wartete, bis der Branghainer die Frage mit einem zufriedenen Nicken beantwortet hatte und spiegelte diese Geste dann.
„Ich danke Euch, Hochgeboren“, fügte Coran an, nur um unverzüglich zur nächsten Bedingung zu kommen, die er gestellt hatte. „Meine Leute werden nun mit Eurer Billigung die Waffen entgegennehmen.“
Widderich ließ die Schwurhand sinken und nickte abermals. Dann wandte er sich zu seinem Gefolge um. Mit einem Wink gab er den Rotenforstern zu verstehen, dass sie absitzen sollten, derweil er einen Schritt zur Seite machte, um den Weg für Corans Leute freizugeben.
Unterdessen wandte der sich an Fenia: „Alles über zwei Spann genügt!“ Man sah der Angesprochenen an, dass ihr eine Erwiderung auf den Lippen lag. Diese schluckte sie aber herunter und zog lediglich widerwillig die Mundwinkel nach unten. Es folgte eine knappe Geste und ihre Leute setzten sich – abermals betont ruhig – in Bewegung. Sie traten einzeln auf die Rotenforster zu, umgingen dabei deren Anführer mit respektvollem Abstand und behielten auch die witternden Hunde wachsam im Auge.
Bevor irgendeiner von ihnen sein Ziel erreichen konnte, entzog Satijana Coran die Hand und schlug ihren schweren Umhang zurück. Der Branghainer fragte sich noch, ob die plötzliche Eile wirklich nötig war, als sie auch schon an ihrem Gürtel zu nesteln begann. Einen Augenblick später hielt er den breiten Lederriemen selbst in den Händen – und stellte fest, dass er mit zwei kunstvoll bestickten Scheiden bestückt war, aus denen beinerne Griffe hervorragten. Schwerter. Kurz, ja, aber ohne Frage länger als zwei Spann.
Die Rotenforsterin warf ihrem Gegenüber ein entschuldigendes Lächeln zu und eilte ohne ein Wort der Erklärung davon – auf den Schönling zu, bei dem es sich aller Wahrscheinlichkeit um ihren Schwager handelte. Coran konnte sehen, wie die beiden einen kurzen Blick wechselten, dann reichte der Mann ein in Felle und Pelze gehülltes Bündel vom Pferd herab, das ihm vorher nicht aufgefallen war. Die Baroness vermutlich. Sobald die sicher in den Armen ihrer Mutter angekommen war, schwang sich der Rauheneck aus dem Sattel und reichte seine Waffen an den Knecht weiter, der ihn nun ebenfalls erreichte. Viel schien es nicht zu sein: eine abenteuerlich anmutende Armbrust und ein Säbel.
Der Kressinger Bursche, ein recht gutaussehender Kerl in robuster Lederkluft mit rotblondem Schopf und einem ebensolchen spärlich sprießenden Bart, nahm das Zeug mit einem kurzen Neigen des Kopfes, entgegen und wollte sich gerade wieder umdrehen, als er das rotgefrorene Gesichtchen entdeckte, aus dem ihn zwei große Augen anblinzelten: Satijanas Tochter saß nun auf ihrer Hüfte und nutzte die Gelegenheit, um sich neugierig umzusehen. Bei dem Anblick verharrte der Bursche mitten in der Bewegung und unwillkürlich erstrahlte ein warmes Lächeln auf seinen Lippen – doch nur so lange, bis er den Blick der Mutter auf sich spürte. „Verzeihung“, murmelte er da, verneigte sich noch einmal und zog sich hastig zurück.
Auch die anderen Rotenforster hatten sich mittlerweile aus den Sätteln geschwungen – alle, bis auf einen: Algirdas saß noch auf seinem Pferd und bedachte jeden und alles in seinem näheren Umfeld mit bitterbösen Blicken. Das schloss Widderich ein, der für einen Moment zu fürchten schien, dass der Bengel ihnen die Waffen vor die Füße werfen, in einem Schwall aus Matsch und Dreckwasser davongaloppieren oder irgendeine andere Dummheit begehen würde. Coran nahm am Rande wahr, wie der Baron einen Schritt in die Richtung seines Ritters machte und ihm mit einer unmissverständlichen Geste zu verstehen gab, dass er gehorchen sollte. Jetzt sofort! Zu gern hätte er das Gesicht des Rauheneck in dem Moment gesehen, doch der kehrte ihm nunmehr den Rücken zu.
Fenia Prutz war unterdessen bei der jungen Ritterin angekommen, die längst auf ihren eigenen zwei Beinen stand und bereitwillig einen ganzen Schwung Speere in verschiedenen Längen und Ausführungen sowie ein schlichtes Schwert abgab. Auch der erfahrene Waffenknecht, der sich dem einhändigen Schlägertyp gegenübersah, zuckte nicht mit der Wimper, sondern reichte sein Beil und das Kurzschwert wortlos weiter. Die Magd hingegen blickte den Burschen, der sich ihr näherte, unverwandt an. Auf sie wirkte er wie eine jüngere Ausführung seines Begleiters, nur weniger breit, und die junge Frau schien offensichtlich zu zögern. Mit einer Mischung aus Unglauben und Sorge blickte sie zu Widderich von Rauheneck. Dann, sehr langsam und ohne den Fremden aus den Augen zu lassen, schlug sie ihren Umhang zurück und begann, ihren Schwertgurt zu lösen. Schließlich hielt sie ihrem Gegenüber eine gut 5 Spann lange Schwertscheide entgegen. „Wehe das kommt nicht wieder genauso zurück!“, zischte sie.
Ihr Gegenüber nahm die Klinge stumm entgegen, mied dabei aber – fast schon schüchtern – jeglichen Augenkontakt und wandte sich sogleich wieder ab, um an die Seite des feisten Einhändigen zu eilen. Wolfgard sah, wie die beiden Kerle im Weggehen die Köpfe zusammensteckten und der Ältere sich daraufhin kurz mit einem schmierigen Grinsen zu ihr umdrehte.
Zwei Schritte weiter traf der Vermummte just auf Algirdas, der sich schließlich doch noch vom Pferd bequemt hatte – mit sichtbarem Widerwillen. Der Blick des Jungritters fiel auf den Wust aus Halstuch und Schlapphut, der die Züge des Mannes verbarg, und seine Laune schien schlagartig noch schlechter zu werden. Die Mundwinkel sackten ab, die Nüstern blähten sich und er schob das Kinn störrisch vor. Sein Blick flog ein letztes Mal zu Widderich hinüber, ehe er zornig schnaubte, Bogen und Köcher vom Sattel löste und abgab. Erst nachdem das erledigt war, nahm er den Waffengurt von seinem Rücken, um auch das Schwert, Zeichen seiner Ehre als Adeliger und Ritter, weiterzureichen.
Widderich folgte den Bewegungen seines Gefolgsmanns mit aufmerksamem Blick und einer Körperhaltung, die eine unterschwellige, aber doch deutliche Mahnung enthielt. Erst als Algirdas seiner Waffen ledig war, wandte er sich ab. Kaum war das geschehen, hörte er aus Richtung des jungen Manns allerdings ein erschrockenes Keuchen und drehte sich schicksalsergeben zurück – nur um dessen schwer bestürztes Gesicht und die überrascht aufgerissenen Augen wahrzunehmen, die auf dem eben noch vermummten Knecht ruhten. Der Mann hatte sich Algirdas’ Waffen unter den linken Arm geklemmt und mit der Rechten das Tuch vom Gesicht gezogen. Zugleich hatte er den Kopf in den Nacken gelegt, so dass auch der Hut nichts mehr vom darunter liegenden Antlitz verdeckte.
„Danke, hoher Herr“, war seine krächzend-heisere Stimme zu vernehmen, die selbst Widderich einen Schauer über den Rücken jagte. Stirnrunzelnd machte er einen Schritt zur Seite und konnte dadurch die linke Gesichtshälfte des Dienstboten erkennen, bevor der sie mit einem schnellen Handgriff wieder verhüllte: Die Augenhöhle des Mannes war leer und schien irgendwie halb zugeschmolzen, während Wange, Nase und Kiefer unnatürlich wulstig miteinander verwachsen wirkten. Das Ohr existierte nur noch als verkümmertes, klumpiges Etwas und darüber hinaus waren seine Lippen dermaßen zerfressen, dass trotz geschlossenen Mundes Teile des löchrigen Gebisses zu sehen waren, wodurch sich der Eindruck eines totenkopfartigen Grinsens aufdrängte.
Widderich musste unwillkürlich an Schwanhildt denken, denn auch die hatte der Kampf gegen die Feinde Weidens ein halbes Gesicht gekostet. Allein, sie sah alles in allem noch wesentlich besser aus als der Kerl, der sich da gerade vor Algirdas entblößt hatte. Wäre der Junge Kummer nicht von zu Hause gewöhnt gewesen, hätte ihn die kurze Zuschaustellung vermutlich komplett aus der Bahn geworfen. So aber hatte er sich schnell wieder halbwegs im Griff. Er wirkte mit einem Mal ziemlich blass um die Nase und schaffte es nicht, zu verbergen, wie sehr ihn das Aussehen des Fremden abstieß. Aber immerhin rannte er nicht schreiend davon.
Widderich quittierte das Schauspiel mit einem leisen Brummen. Besonders hilfreich war es nicht gerade, was der Knecht da trieb. Aber er konnte jeden verstehen, den das Verhalten seines Sohns zu Weißglut trieb. Sperenzchen wie dieses waren im Grunde noch eine sehr zahme Reaktion. Außerdem kannte er die rauen Umgangsformen, die unter Kriegsvolk gern mal herrschten – vor allem da, wo das Hauen und Stechen ohne Zynismus kaum mehr zu ertragen war. Und mit solchen Orten schien dieser Versehrte gut vertraut zu sein.
Der Rauheneck ließ den Blick erneut über den Einarmigen und die Veteranin gleiten, die Coran ihm als Meisterin Prutz vorgestellt hatte. Dabei fragte er sich nicht zum ersten Mal, wo er hier eigentlich gelandet war. In einem Gnadenhof für ausgediente Reichssoldaten etwa? Von den Anderen schien niemand das kurze Zwischenspiel mitbekommen zu haben, bis auf Coran, dessen Mundwinkel von einem amüsierten Zug umspielt wurden. Dem immer noch wortlos starrenden Algirdas rief er ein lautes „Willkommen in Kressing!“ zu, während er an Widderichs Seite trat. „Sordulsäpfel“, raunte er ihm zu. „Niederhöllisches Zeug. Die ganze Rotte vom guten Wilfing wurde hingerafft damals an der Pforte. Hat als Einziger überlebt, der zähe Hund.“
„Der Todeswall ist ein Mahlstrom aus Blut, Sulfur und Asche gewesen“, gab der Rotenforster zurück. „Mir war immer, als habe ihn außer zähen Hunden gar niemand überlebt. Und auch von denen sind zu viele gestorben – entweder gleich dort auf dem Schlachtfeld, oder später, weil sie das Erlebte nicht aus ihren Köpfen bekommen haben.“ Er hielt kurz inne, um Coran mit einem nachdenklichen Blick zu messen. „Ich hätte darauf getippt, dass Euer Mann zu nahe an einem Dämon aus der entschieden falschen Domäne stand, als der mit einem Schwert statt mit Zauberei ausgetrieben wurde“, fügte er dann an. „Aber ja ... Sordulsäpfel sind ebenfalls eine gute Erklärung.“
Coran ließ ein Schnauben hören und jede Spur von Belustigung war mit einem Mal aus seiner Stimme verflogen. „Gab’s auch zur Genüge, sowas. Nur hatten die Götter mit jenen armen Schweinen meist weitaus weniger Erbarmen.“ Er strich sich abermals durch seinen Bart und sah seinem vermummten Gefolgsmann hinterher. „Oder sie waren weitaus gnädiger, wie man’s nimmt.“
„Wie man’s nimmt, in der Tat“, gab Widderich bedächtig zurück.
Es entstand eine Pause, die der Baron dazu nutzte, dem Knecht und der Magd aus seinem Gefolge zu bedeuten, dass sie sich um die Rotenforster Pferde kümmern sollten. „Ich gehe davon aus, dass Wolfgard und Eberhelm ebenfalls im Gutshaus nächtigen werden?“, hakte er gleich darauf nach. „So habe ich Eure Worte vorhin jedenfalls verstanden.“
„Aber ja. Ich denke, wir können sie beim Gesinde einquartieren, wenn Ihr nichts dagegen habt“, antwortete Coran. „Oben wird es sonst doch etwas arg eng.“ Sein Blick hob sich zum Madamal, dessen fahles Licht mittlerweile hinter der Wolkendecke zu erahnen war. „Und wir sollten uns etwas sputen. Es ist nicht ratsam, sich hier bei Dunkelheit zu lange im Freien aufzuhalten.“
Er machte eine einladende Geste in Richtung des Tors, das inzwischen für seine mit den Waffen beladenen Leute geöffnet worden war und nun auch den Weg für die Rotenforster freigab. Die beiden Männer setzten sich Seite an Seite in Bewegung, wobei sie zunächst Satijana und deren Tochter einsammelten. Als Coran das durchgefrorene Kind entdeckte, warf er Widderich kopfschüttelnd einen tadelnden Blick zu – und beobachtete mit Interesse die durchschlagende Wirkung, die das erzielte: So stoisch sein hoher Gast bisher gewirkt hatte, so offensichtlich traf ihn der wortlose Vorwurf, mit dem er sich nun konfrontiert sah. Widderich biss die Zähne zusammen und senkte den Blick, während Coran seiner Gemahlin den Arm zum Geleit anbot.
„Wenn Ihr mir die Freude machen würdet, Hochgeboren“, meinte er an Satijana gewandt. „Und sagt bitte, wer mag denn wohl diese junge Dame sein?“
„Dies hier ist Lyngherid von Rauheneck“, die Baronin hatte zu ihrem Lächeln zurückgefunden und griff mit einem angedeuteten Knicks nach Corans Arm. „Manchmal schafft sie es tatsächlich, sich damenhaft zu verhalten, aber die meiste Zeit zeigt sie dafür kein besonderes Talent. Sollte mich nicht überraschen, schließlich kenne ich den Vater und seine gesamte Mischpoke mittlerweile gut genug.“
An der Spitze des rauheneck’schen Gefolges durchquerte das Dreiergespann das Tor, hinter dem Elfwid mit noch immer ernster Miene wartete.
„Dies ist meine Tochter Elfwid ni Branghain“, stellte Coran sie sogleich noch einmal vor, und in Richtung der Genannten erklärte er: „Meine Liebe, das hier ist die Gemahlin des Barons, Hochgeboren Satijana von ... äh, von ...“.
„Von Horadamm“, sprang ebenjene ihm nachsichtig lächelnd bei.
Coran nickte daraufhin eifrig. „Ja genau. Von Horadamm. Und außerdem die junge Baroness Lyngherid von Rauheneck.“
„Es ist mir eine Freude“, entgegnete Elfwid verhalten und verneigte sich vor der Baronsgemahlin, sehr viel tiefer und angemessener als noch beim Baron selbst. „Willkommen in Kressing.“
„Habt Dank für die freundliche Aufnahme“, entgegnete Satijana, derweil ihr Blick aufmerksam über den Innenhof glitt, in dem sie nun endlich angelangt waren.
Hier musste sich die Schar der Gäste, Pferde und Hunde erstmal mit dem überschaubaren Platz arrangieren, denn in der Mitte des Hofs, der von den vier Seiten des Gutshauses vollständig umschlossen war, stand ein schweres Fuhrwerk, das einen Gutteil der freien Fläche einnahm. Noch dazu wurde soeben ein zweites, nur unwesentlich kleineres, Gefährt von ein paar Bediensteten aus dem Gebäudeflügel herausgeschoben, der dem Eingangstor gegenüberlag.
„Eure Pferde werden wir da unterstellen“, erklärte Coran an Widderich gewandt – jedoch so laut, dass auch dessen Dienstleute Wolfgard und Eberhelm es hören konnten – und deutete auf eben jenen freigeräumten Gebäudeteil, bei dem es sich wohl um die besagte Remise handelte.
„Julenka dort“, er zeigte auf eine kleine Frau in einem speckigen Ledermantel, die offensichtlich das Kommando über die Kutschenschieberei führte, „wird sich um alles kümmern. Ihr könnt mir glauben, die Tiere sind bei ihr in den besten Händen.“
Dann führte Coran die Gäste rasch weiter nach links auf den höchsten und augenscheinlich repräsentativsten Gebäudeflügel zu, aus dem ihnen in diesem Moment Fenia Prutz und der Rest ihrer Entourage entgegenkamen. Anscheinend hatten sie das Rotenforster Waffenarsenal inzwischen drinnen irgendwo sicher verstaut und waren nun offensichtlich drauf und dran, sich dem restlichen Gesinde bei den anstehenden Arbeiten anzuschließen.
Die junge Waffenmagd aus Widderichs Gefolge, die irgendwo in ihren Zwanzigern sein mochte, deren Gesicht aber seit ihrer Ankunft eher dem einer verdrießlichen Achtzigjährigen ähnelte, hatte derweil einige Pferde am Zügel gegriffen und führte sie in Richtung Julenkas. Sie wartete, bis die Fremde sich ihr zuwandte. „Kann ich dann?“, fragte die Rotenforsterin mit einem Nicken in Richtung der Remise, um dann in etwas leiser hinzuzufügen: „Und sag mal, habt ihr hier einen Teich oder so?“
Die Angesprochene sah sie mit schweren Lidern an und spuckte einen unappetitlichen braunen Schwall Kautabak aus, bevor sie mit breitem bornischen Dialekt antwortete: „Nää, so was ham wir hier nicht. Weißte, alles Wasser, was nicht fließt oder abgedeckt ist, wird in der Gegend hier durch den ganzen Staub aus der Wüstenei schnell brackig. Gibt nur den Brunn’ da vorn, und nen fizzeligen Bach draußen im Wald, aber da sollteste nu im Dunkeln besser nich hin.“ Dann schweifte ihr Blick prüfend über Wolfgards Pferde. „Bring die Bagage erstma rein ins Trockene. Hatten wohl auch n harten Tag, wa? Aber die päppeln wir schon wieder.“
In der Tür des Haupthauses erwartete die Herrschaft derweil ein fast kahler hagerer, auf einen Gehstock gestützter, Mann mit falkenhaft anmutenden sauber glattgeschabten Zügen, der etwa im gleichen Alter wie Coran sein mochte und die Neuankömmlinge verkniffen musterte. Unvermittelt allerdings verzog sich seine Miene zu einer Mischung aus Ekel und Furcht und ein entsetztes „Köter!“ entfuhr seinen Lippen.
„Ah richtig“, brachte Coran hervor und verharrte, „die Hunde. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ich fürchte, Hochgeboren, wir werden Eure Meute nicht im Haupthaus beherbergen können. Thorolf Pfannenstieg hier, unser Haushofmeister, verträgt sich nicht sonderlich mit diesen Tieren. Das rührt noch aus dem Orkensturm – wars der dritte oder der vierte, na egal – auf jeden Fall hatte der Gute da eine wirklich unschöne Begegnung mit einigen Kriegshunden der Schwarzpelze – vielleicht habt Ihr diese mordgierigen Kreaturen auch schon erlebt – und daher....“ Er überlegte kurz. „Wenn Eure Pferde an die Hunde gewöhnt sind, könnten wir sie gemeinsam in der Remise unterbringen. Für eine Nacht mag das vielleicht gehen. Ansonsten fiele mir nur das Brennholzlager ein. Das ist auf jeden Fall trocken und vor Wind und Wetter gut geschützt. Was meint Ihr?“
„Bei den Pferden sind sie gut aufgehoben“, stellte Widderich nüchtern fest und versicherte Coran mit einem knappen Nicken, dass ihm das überhaupt keine Schmerzen bereitete. Anschließend huschte der Blick des Rauheneck zum Kressinger Haushofmeister hinüber und kehrte dann zu seinem eigenen Gefolge zurück. „Wenn wir nun eh schon dabei sind, lasst mich der Förmlichkeit rasch Genüge tun“, meinte er und wies nacheinander auf den Schönling, der sich formvollendet verneigte, sowie die Ritterin und den Ritter an seiner Seite: „Dies sind mein Bruder Eberion von Rauheneck sowie die Hohe Dame Fählindis von Habechhegen und der Hohe Herr Algirdas von Stockach, die seit einiger Zeit in meinen Diensten stehen.“
Leise etwas Unverständliches vor sich hinmurmelnd, starrte Thorolf noch einen Moment auf die im Innenhof herumstromernden Hunde, bevor er sich wieder auf die Menschen fokussierte, die da im Regen vor ihm standen und darauf warteten, eingelassen zu werden. Erst jetzt schien er sich der Worte Widderichs bewusst zu werden und blinzelte ihn ein paar Mal irritiert an. „Äh, ja. Gut, gut. Also dann, kommt herein, kommt herein. Im Namen Travias und so weiter.“ Dann drehte er sich um und humpelte auf einem steifen Bein ins Innere. Coran hob in einer halb entschuldigenden, halb resignierenden Geste die Schultern und bedeutete Widderich und Satijana, seinem Haushofmeister zu folgen.
Sie gelangten in eine geräumige, aber schmucklose Diele von der zwei sich gegenüberliegende geschlossene Türen abgingen. Thorolf klopfte mit seinem Gehstock im Vorbeigehen gegen die rechte davon. „Da werden wir alsbald das Abendmahl einnehmen. Wird aber noch ein wenig dauern. Haben ja nicht mit so hohem Besuch gerechnet. Ich denke, eine Stunde werden wir wohl noch brauchen. Aber Ihr wollt Euch sicher ohnehin erst noch einrichten und vielleicht etwas ausruhen, frisch machen, sagt man doch.“
Am Ende der Diele erreichten sie schließlich eine hochführende Stiege. „Eure Quartiere sind oben“, erklärte der Alte und ließ das Ende seines Stocks zweimal gegen die unterste Treppenstufe donnern. „Ihr werdet verzeihen, wenn ich Euch nicht selbst dorthin geleite, aber das Knie macht mir zu schaffen. Oh und bevor ich es vergesse“, er klopfte abermals mit dem Stock, diesmal gegen eine weitere direkt neben der Stiege befindliche Tür, „hierhin könnt Ihr Euch begeben, wenn Ihr mal, … also wenn Ihr die Bequemlichkeit aufsuchen wollt.“ Er sah forschend in die Runde, als ob er sich vergewissern wollte, dass auch jeder seine blumige Umschreibung verstanden hatte, dann schossen unvermittelt seine Brauen in die Höhe und ein gehetzter Ausdruck machte sich auf seinen Zügen breit. „Ihr entschuldigt“, brachte er noch hervor, dann wirbelte er erstaunlich behände herum und verschwand ohne ein weiteres Wort durch die besagte Tür, die er hinter sich zuschlug.
Nach einem Moment konsternierten Schweigens wiederholte Coran seine schulterzuckende Geste von vorhin. „Er ist schon sehr lange bei mir“, murmelte er und schob sich rasch an Widderich vorbei auf die Treppe. „Ich gehe mal voran“. Plötzlich hatte es der Branghainer eilig, von der Tür und der sich dahinter anbahnenden Geräuschkulisse fortzukommen.
Im Obergeschoss kamen sie sodann in einen längeren Flur, der linkerhand über einige schießschartenartige Fenster verfügte, während auf der anderen Seite mehrere Türen zu den Zimmern führten. Coran wies seinen Gästen drei davon zu. „Es wird womöglich Euren Ansprüchen nicht genügen“, räumte er zerknirscht ein, „aber unsere Möglichkeiten hier draußen sind doch recht beschränkt. Euer Gepäck wird gleich nach oben gebracht und es wird sich noch jemand melden, der sich um Eure sonstigen Anliegen kümmern wird.“
Zwei der Räume waren nicht besonders geräumig und eher karg eingerichtet. Sie wiesen nicht mehr auf als jeweils zwei einfache mit Stroh gefüllte Bettkästen, zwei Hocker, ein Tischchen und einige in die unverputzte Wand geschlagene Kleiderhaken. Für zumindest ein Mindestmaß an Helligkeit sorgte je ein einzelnes Talglicht. Die dritte Kammer hingegen war etwas größer, wenn auch nicht weniger rustikal. Sie beherbergte zudem ein richtiges – leidlich bequem anmutendes – Doppelbett sowie eine Kleidertruhe. Eine Sitzbank ergänzte die vorhandenen Hocker und den Tisch und ein kleiner gemauerter Kamin versprach wohlige Wärme in der kommenden Nacht. Widderich stellte fest, dass alle Türen von innen – und nur von innen – mit einfachen Schubriegeln versehen waren, die einen entschlossenen Eindringling zwar nicht aufhalten würden, wohl aber ausreichten, damit sie im Schlaf nicht lautlos überfallen werden konnten.
Bald nachdem Coran die Rotenforster sich selbst überlassen hatte, wurde ihnen das Gepäck von einigen jüngeren Dienstboten unter der Aufsicht Eberhelms aufs Zimmer gebracht. Bald darauf folgten ein Brett mit einigen Bechern heißen Kräutertees sowie eine Handvoll Wachskerzen und für jeden Raum eine Schüssel mit warmem Wasser. Von Eberhelm erfuhr Widderich in dem Zuge, dass Wolfgard und er in einer Kammer über der Remise untergebracht worden waren – nicht besonders komfortabel, aber ausreichend. Und zum Essen seien sie nachher zu dem Kressinger Gesinde in die Küche eingeladen worden.
Hernach trat endlich für einen Moment Ruhe ein und Widderich wandte sich leise seufzend von der Tür ab, um seine Gemahlin ins Auge zu fassen. Die war zwar gerade damit beschäftigt, ihre Tochter auf dem Bett abzusetzen, schien aber zu spüren, dass sein Blick auf ihr ruhte und hob den Kopf, um ihn zu erwidern. Die Brauen gehoben und die Lippen spöttisch gekräuselt sah sie ihn fragend an – weil sie vermutlich auch ahnte, dass er dringend etwas sagen wollte.
„Es tut mir leid“, brach es denn auch gleich aus ihm heraus. „Ich hätte uns niemals in diese ahnverfluchte Sit...“
„Pscht!“, machte Satijana und schüttelte entschieden den Kopf. „Wir haben alle gemeinsam entschieden, welche Route wir nehmen und wie wir reisen. Es ist also nicht allein deine Schuld und ich lasse nicht zu, dass du das auf dich nimmst, nur um den Rest dieses unglückseligen Tages und vermutlich auf dem ganzen Weg bis nach Hause so ein Gesicht zu ziehen!“
„Was für ein ... ?“
„Meinst du, mir wäre deine Reaktion auf den Tadel unseres Gastgebers entgangen?“, antwortete sie, bevor er seine Frage überhaupt zu Ende gestellt hatte. „Du kannst gleich damit aufhören, das in dich reinfressen zu wollen. Wir haben jetzt andere Dinge zu tun. Zum Beispiel, zu überlegen, mit was für einem Gastgeschenk wir aufwarten.“
Bevor Widderich darauf etwas erwidern konnte, polterte es von außen erneut an der Zimmertür. Einen Augenblick später stand ein mit einem hohen Stapel Leinenlaken, Wolldecken und Fellen beladener halbwüchsiger Bursche im Durchgang und starrte den über ihm dräuenden Baron mit großen Augen an.
„Euer Hochgeboren, das soll ich Euch noch bringen“, erklärte er eilfertig.
Kaum, dass der Rotenforster dem Jungen mit einem abermaligen Seufzen bedeutet hatte, einzutreten, machte der einen Schritt nach vorn, kam dabei jedoch – wie auch immer – ins Stolpern und schleuderte Widderich den Haufen Wäsche mitten ins Gesicht.
„Ui, verzeiht mir, Herr! Wie konnte das denn passieren?“, stieß der Bengel nach einem Schreckmoment unbeholfen hervor und machte sich gleich darauf hektisch daran, die auf dem Boden und auf Widderichs breiten Schultern verteilten Stücke aufzuklauben, wobei er es schaffte, kurz hintereinander erst einen der Hocker umzuschmeißen und dann seine Stirn gegen die Tischkante zu stoßen.
Die Rotenforster verfolgten das Drama schweigend, wechselten allerdings einen vielsagenden Blick, nach dem sich zumindest Satijana ein schiefes Grinsen nicht verkneifen konnte. Offenbar fühlten sie sich durch die Darbietung des Kressinger Tollpatsches an etwas oder jemanden erinnert, dem sie durchaus positive Seiten abgewinnen konnten.
„Das ist mir wirklich sehr unangenehm, Hochgeboren. Ihr müsst wissen, der Hauptma... äh, ich meine, mein Herr Coran hat mich zu Eurer Ordonanz während Eures Besuchs ernannt. Ups! Wartet, ich stell das schnell wieder hin. Also, wenn Ihr irgendwas benötigt, so ruft nur nach mir. Aua! Ich ... bin auf jeden Fall immer in der Nähe, Hochgeboren. Mein Name ist übrigens Falber. Ich meine nur, wenn Ihr mich ruft, dann am besten so. Dann weiß ich, dass ich gemeint bin.“
Der Junge hielt die aufgesammelten Decken nun wieder in seinen Armen – wenn auch nicht mehr so säuberlich gestapelt wie zuvor – und sah sich suchend im Raum um. Er machte das Bett als geeigneten Ablageplatz aus und wollte sich umgehend dorthin bewegen, doch Widderich kam ihm zuvor: Ehe der Kressinger noch einmal stolpern und im ungünstigsten Fall seine Tochter unter einem Haufen Zeug begraben konnte, befreite er ihn von seiner Last. Erst danach ergänzte er ein knappes:
„Hab Dank, Falber!“
Der Junge nickte und wandte sich dem Kamin zu. „Soll ich das Feuer für Euch schüren, Hochgeboren? Dann habt Ihr es schön warm.“
„Ähm ...“, der Blick des Barons wanderte von Falber zum Kamin und über die Decken, die er nun auf dem Arm hielt, weiter zu seiner Gemahlin sowie seiner Tochter. „Nein ... ich glaube lieber nicht“, fügte er schließlich etwas ungelenk an. „Ich kümmere mich selbst darum“, er gab die Wäsche hastig an Satijana weiter und machte einen Schritt in Richtung der Feuerstelle, um dem Kressinger den Weg dorthin abzuschneiden. Es war nicht schwer zu erraten, dass er fürchtete, sie würden alle den Tod in den Flammen finden, wenn er Falber einfach machen ließ. Er besaß jedoch genug Geistesgegenwart, um das so nicht zu sagen. Stattdessen deutete er auf seine eigene Stirn und meinte: „Jemand sollte sich das angucken, Junge, du blutest!“
Dazu nickte Satijana mit ernster Miene: „Kopfverletzungen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ihr habt doch sicher jemanden hier im Ort, der sich darum kümmern kann?“ Sie wartete, bis Falber genickt hatte, und meinte dann: „Stattdessen könntest du zur Remise gehen und Wolfgard sagen, dass sie sich um Fred kümmern soll, sobald du zusammengeflickt wurdest. Das wäre wirklich sehr freundlich von dir. Sie weiß dann schon, was es zu tun gilt.“
Auf Widderichs Hinweis hin hatte Falber seine Hand zur Stirn geführt, um die blutige Schmarre zu befühlen und starrte nun auf seine rotgefärbten Finger. „Nicht schon wieder“, murmelte er, widmete dann jedoch seine Aufmerksamkeit schnell wieder den Gästen seines Herrn. „Jawohl, Hochgeboren, das werde ich gleich machen. Das hier“, er tippte sich mit seinem Zeigefinger gegen die Stirn und zuckte kurz gepeinigt zusammen, „ist nicht so schlimm. Wolfgard soll sich um ... Fred kümmern. Verstanden.“ Er nickte noch einmal entschlossen, drehte sich um und eilte aus dem Raum.
***
Julenka, die sich rasch als recht umgänglich herausstellte, sowie einige der anderen Kressinger Bediensteten halfen Wolfgard bei der Versorgung der Reittiere, während Eberhelm sich zunächst des herrschaftlichen Gepäcks und nun der Rotenforster Hundemeute angenommen hatte. Aus dem benachbarten Stall wurde Heu und Futter herangeschafft, welches zum Großteil aus getrockneten Lupinen bestand und sicher das Beste war, was die Rotenforster Pferde seit langem erhalten hatten. Julenka erklärte stolz, dass es dasselbe sei, das auch im herzöglichen Marstall zu Trallop gegeben werde und dass sie es regelmäßig aus Ostheim geliefert bekämen, da der Herr Coran wohl die dortige Herrschaft recht gut kenne. Wenigstens daran hätten sie keinen Mangel.
Nach einer Weile kam ein etwa sechzehnjähriger Bursche durch das offenstehende Tor der Remise gelaufen - eine Hand gegen die offensichtlich blutende Stirn gepresst - hielt kurz inne und eilte dann weiter auf die Waffenmagd zu. „Bist du Wolfgard? Ich soll dir von der Baronin ausrichten, dass du dich um irgendeinen Fred kümmern sollst. Du weißt dann schon, was du machen sollst, sagt sie.“
Bevor die Angesprochene antworten konnte, kam Julenka ihr zuvor: „Falber, was haste da denn wieder gemacht?“ Sie drückte sachte die Hand des Jungen nach unten, um kopfschüttelnd dessen Verletzung zu inspizieren. Dann ergriff sie ihn am Arm und zog ihn – weit weniger sachte - mit sich nach draußen. „Na los, wir suchen Wilfing.“ Über die Schulter rief sie Wolfgard noch zu: „Kommste hier erstma zurecht? Bin gleich wieder da.“ Und schon war sie mit ihrem Schützling entschwunden.
„Alles im Griff“, nuschelte die Waffenmagd, die umgehend von ihrem Tun abließ und sich an ihren Satteltaschen zu schaffen machte. „Kein Teich, tut mir leid, Osgur“, flüsterte sie mit Bedauern in der Stimme, während ein pelziges Etwas sich aus einem der ledernen Behältnisse schälte und sich dann, nachdem es sich ausgiebig gestreckt hatte, laut quietschend vor Wolfgard aufbaute. „Ich besorg dir einen Eimer Wasser“, versprach Wolfgard und griff beherzt zu, um sich das marderartige Tier, das samt Schwanz sicher sechs Spann maß, um die Schultern zu legen.
Dann wandte sie sich dem Bereich zu, in dem sie Satijanas Ross untergebracht hatten. Das Gepäck der Baronsgemahlin war allzu leicht gewesen. Das anhaltende Kreischen ihres Begleiters ignorierend, suchte Wolfgard daher das Stroh, dann auch die Deckenbalken ab. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis sie ein leuchtendes Augenpaar entdeckte, das sie interessiert beobachtete. „Na komm“, die Waffenmagd schnalzte mit der Zunge. „Trinken is’ sicher nich’ verkehrt auf so trockenem Land. Und später hol ich euch was aus der Küche.“
Während Wolfgard beobachtete, wie das katzenartige Wesen behände, die Vorderpfoten voran, den Balken hinunterkletterte, wurde ihr wieder einmal bewusst, wie viel Glück der gute Osgur doch hatte, dass das zwar nicht sehr viel größere, in jedem Fall aber flinkere Tier ihn offenbar als Teil seines Rudels angenommen hatte. ‚Vermutlich sogar näher dran als so eine gemeine Haus- und Hofkatze‘, dachte die junge Frau bei sich, während sie auf den Hof trat, um nach dem versprochenen Brunnen Ausschau zu halten.
Zu Tisch
Gut Kressing, Baronie Ingerimms Steg, Ende Travia 1044 BF
Nach mehr oder weniger einer Stunde klopfte es abermals an der Tür zum rauheneck’schen Gästegemach und wieder war es Falber, der davor wartete, bis Widderich öffnete. Ein frischer Verband zierte seine lädierte Stirn. „Hochgeboren, mein Herr Coran lässt ausrichten, dass das Abendmahl bereitet ist und Ihr herzlich an seine Tafel eingeladen seid, sobald es Euch genehm ist“, sagte der Junge, blickte dann den Flur hinunter und deutete auf die beiden benachbarten Türen. „Soll ich auch den anderen hohen Herrschaften Bescheid geben?“
Widderich schüttelt den Kopf: „Das mache ich schon. Sag deinem Herrn, wir sind gleich da.“
„Jawohl, Hochgeboren“, gab Falber zurück, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. „Es ist nur, ich soll eigentlich warten und Euch hin geleiten.“
„Wir finden den Weg schon“, brummte der Rotenforster, woraufhin Falber nach kurzem Zögern nochmal zackig ein „Jawohl, Hochgeboren“ von sich gab und flink die Treppe hinuntereilte.
Widderich sah dem Kressinger einen Moment lang schweigend hinterher, ehe er sich umwandte, den Flur entlangging und an beiden Türen klopfte, um seine Leute zusammenzutrommeln. Die hintere öffnete sich sofort. Fählindis trat mit einem erleichterten „Na endlich!“ auf den Flur. „Ich habe einen Bärenhunger. Noch ein bisschen länger und ich hätte mich an die Notschlachtung von Alrgirdas gemacht. Sein Gemotze geht mir furchtbar auf die Nerven, da wär es irgendwann echt schwer geworden, zu widerstehen.“
„Sehr witzig“, tönte die Stimme ihres Kammeraden aus dem Inneren der kleinen Kammer. „Wirklich, unglaublich witzig!“
Widderich wartete, bis auch Algirdas ins Freie getreten war und maß seine Dienstritter dann mit einem prüfenden Blick. Pragmatikerin, die sie war, hatte sich Fählindis von ihrer Rüstung getrennt und trug stattdessen eine schlicht, langämelige Wolltunika in den Farben der Familie Habechhegen. Offenbar befürchtete sie nicht, dass ihr hier irgendjemand ans Leder wollte, was sich auch in einer leidlich entspannten Haltung niederschlug. Ganz anders Algirdas, der wirkte, als ob jede unbedachte Bewegung ihn aus der Fassung bringen könnte. Er warf Widderich einen mürrischen Blick zu, bevor er seine Haltung straffte. Der Junge trug sein Kettenhemd noch, wollte aber offenbar trotzdem etwas hermachen, weshalb er sich einen mit Goldfäden bestickten Waffenrock aus schwerem Samt übergeworfen hatte.
Der Rauheneck nahm es mit einem schiefen Lächeln zur Kenntnis und wandte sich um, da die Tür in seinem Rücken just aufgegangen war. Natürlich setzte Eberion mit seiner Kleidung noch eins oben drauf: Er trug Leder, Leinen und Bausch in einer Kombination, mit der er sich wohl auch an einem gerethischen Hof hätte blicken lassen können – oder bei Elfens zu Hause, wo immer das sein mochte. Widderich seufzte: „Dir ist schon klar, wo wir hier sind, ja? Die Balihoer Pfeffersäcke haben wir hinter uns gelassen, da wirst du mit so was niemanden beeindrucken.“
Eberion tat es mit einem Achselzucken ab: „Ich habe entweder so was hier, oder den Kram, den ich auf der Reise trage. Wenn du willst, dass ich mich in Loden und Felle wickele: meinetwegen. Ich glaube aber kaum, dass das bei unseren Gastgebern deutlich besser ankommen wird, als ein bisschen übertrieben feine Adelsklamotte.“
„Sehr schick!“, meldete sich Satijana da zu Wort. Auch sie war mittlerweile auf den Flur getreten und ging zu Eberion hinüber, um sein Wams zurechtzuzupfen. „Das kenne ich ja noch gar nicht. Warum hattest du das denn in Baliho nicht an?“
„Vielleicht können wir diese immens wichtige Frage nach dem Essen klären?“, wandte Widderich kopfschüttelnd ein und machte eine auffordernde Geste in Richtung der Treppe. „Unser Gastgeber wartet auf uns.“
Statt eine Antwort abzuwarten, setzte er sich in Bewegung und die Anderen folgten seinem Beispiel. Unterwegs klaubte er Lynxie auf, die noch in der Tür zu ihrem Gemach stand, und beglückwünschte sich im Stillend dazu, dass seine Frau mehr Verstand ... oder auch Taktgefühl besaß als sein Bruder: Satijanas Kleidung hatte einen starken bornischen Einschlag, kam aber dankenswerterweise zur Abwechslung mal ohne Pelze oder goldenes Brimborium aus. Als einziges Schmuckstück diente ein breiter lederner Taillengürtel, der mit ein paar bronzenen Scheiben verziert war. Das alles war unspektakulär genug, um nicht völlig deplatziert zu wirken, sah aber dennoch irgendwie gut aus.
Als sie das Erdgeschoss erreichten, stand die Tür, die Thorolf ihnen zuvor als Durchgang zum Ort des Abendessens bezeichnet hatte, weit offen. So ereilte sie auch gleich der Willkommensruf des Gastgebers, der sie umgehend erspähte.
„Ah, da sei Ihr ja. Kommt doch herein, bitte!“
Der Branghainer beeilte sich, sich von einem Lehnstuhl am Kopfende eines großen gedeckten Tisches in der Mitte des Raumes zu erheben, und lächelnd mit ausgebreiteten Armen auf seine Gäste zuzukommen. Gleichzeitig zog Thorolf sich am gegenüberliegenden Tischende von einem ebensolchen Stuhl ächzend in die Höhe und auch Elfwid, die direkt neben ihrem Vater auf einer der beiden an den Längsseiten der Tafel aufgestellten Bänke Platz genommen hatte, stand auf und blickte den Rotenforstern aufmerksam entgegen.
Widderich fiel sogleich auf, dass weder Coran noch Elfwid bewaffnet waren, wenn man von den einfachen Dolchen an ihren Gürteln absah, und dass die junge Frau zudem ihr Kettenhemd gegen eine bequemere, gefällig geschnittene Tunika eingetauscht hatte. Auch ihr Vater hatte sich umgezogen und wirkte nun deutlich aufgeräumter und vorzeigbarer als vorhin am Tor.
All das nahm der Rotenforster mit einem kaum merklichen Stocken zur Kenntnis. Er hatte selbst überlegt, ob er sein Schwert auf dem Zimmer lassen sollte, war dann aber zu dem Schluss gelangt, dass das widersinnig gewesen wäre, nachdem er sich gerade noch mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, es abgeben zu müssen. Stattdessen hatte er die Waffe auf Satijanas Anregung hin mit einem Friedensband versehen und war darüber nun sehr erleichtert.
Der Raum, den sie betraten, war verhältnismäßig groß, knapp fünf auf fünf Schritt messend, und verdiente somit fast die Bezeichnung ‚Saal‘. Vier hölzerne Stützpfeiler ragten zur Decke und in einem Kamin gegenüber der Eingangstür prasselte ein behagliches Feuer. Daneben befand sich eine weitere Tür und zwei Fenster wiesen zum Innenhof, waren aber mit Läden verschlossen und gegen Zugluft zudem mit dicken Stoffbahnen abgehängt.
Als Coran seine Gäste erreicht hatte, bot er, nach einem Nicken in Richtung Widderich und einem kurzen, verblüfften Blick anlässlich Eberions Aufzug, Satijana abermals seinen Arm an. „Ich hoffe, Ihr konntet Euch einigermaßen erholen von der Reise, Hochgeboren. Jetzt müsst Ihr sicherlich Hunger haben.“ Satijana nickte bestätigend, während er sie zu dem Lehnstuhl führte, auf dem er eben noch selbst gesessen hatte und ihr das Möbel zurechtrückte. Es dauerte einen Moment, bis die Rotenforsterin begriff, was ihr Gastgeber vorhatte – dann aber begann sie augenblicklich, zaghafte Gegenwehr zu leisten.
„Ihr seid doch der Herr im Haus“, wandte sie leise ein. „Also gebührt Euch auch der Platz an der Stirnseite Eurer Tafel. Ich will mir das wahrlich nicht anmaßen!“
Coran winkte ab: „Und als Herr in diesem Hause bestehe ich darauf. Tut einem alten Mann den Gefallen, Hochgeboren. Ich habe hier wahrlich nicht oft die Gelegenheit, den Offizier und Ehrenmann zu geben.“
Dann bedeutete er, jedem weiteren Einwand Satijanas zuvorkommend, deren Gatten, auf der Bank rechts von ihr Platz zu nehmen und positionierte sich selbst auf der anderen Seite ihm direkt gegenüber, so dass Elfwid ein Stück rücken musste. Der Rotenforster folgte der Aufforderung, ohne ein Wort des Widerspruchs: Er ging zur Bank hinüber, setzte seine Tochter dort vorsichtig ab und entledigte sich dann auch seines Schwertes, das er – demonstrativ, aber dennoch in Griffweite – an eines der Tischbeine lehnte.
In dem Moment erblickte Satijana hinter dem Tisch ein kleines Mädchen, wohl nur ein paar Monde älter als Lyngherid, das umgeben von einer Unmenge geschnitzter Holzfiguren – Ritter, Pferde, ein Drache und vielem mehr – auf einer ausgebreiteten Decke vor dem Kamin saß und ihren Blick neugierig erwiderte. Als Coran den überraschten Gesichtsausdruck der Baronsgemahlin erkannte, wandte er sich flugs zu dem Kind um. „Richtig, bevor ich es vergesse: Bei diesem reizenden Fratz handelt es sich um Orla Prutz. Orla ist eine gute Freundin von Elfwid und kommt des Öfteren zu Besuch. Ich hoffe, es stört Euch nicht, wenn sie uns beim Essen Gesellschaft leistet, wenngleich auch ihr das Damenhafte eher abgehen dürfte.“
„Selbstverständlich nicht!“, gab Satijana mit einem sehr entschiedenen Kopfschütteln zurück. „Im Gegenteil: Ich freue mich, hier noch einen jungen Gast zu sehen, mit dem meine Tochter nach dem Essen vielleicht ein bisschen Zeit verbringen kann?“ Sie sah lächelnd zu Lyngherid hinüber, die im Moment allerdings bessere Dinge zu tun hatte, als darauf zu reagieren: Die blondgelockte Baroness stand mittlerweile auf der Bank, da sie anders nicht über den Tisch hinwegspähen konnte – und ihre ganze Aufmerksamkeit galt der Spielwiese vorm Kamin.
Satijana registrierte unterdessen die wilden rotblonden Haare Orlas, die frappierend denen des Knechts ähnelten, der sich vorhin draußen über Lyngherids Anblick so gefreut hatte. Und in Kombination mit dem Nachnamen des Mädchens erahnte sie die verwandtschaftlichen Bindungen zwischen den Kressinger Gefolgsleuten. Auf einen Wink Elfwids erhob sich das Mädchen zögerlich, huschte dann aber umso schneller an den Tisch und quetschte sich auf die Bank zwischen ihr und Coran.
Nachdem auch die anderen Rotenforster sich am Tisch niedergelassen hatten, war Gelegenheit, den Raum näher in Augenschein zu nehmen. Im Gegensatz zu den anderen Räumlichkeiten, die sie in Kressing bisher gesehen hatten, war hier sogar ein wenig Dekor zu finden. Im schummrigen Licht zweier Öllaternen erkannten sie an der Wand gegenüber der Fensterseite zwei Wappenschilde. Einer war horizontal gespalten und zeigte oben das Wappen des Kaiserreichs – roter Greif auf goldener Scheibe vor Blau – und darunter eine schwarze bosparanische Zwei auf einer von einem Lorbeerkranz eingefassten weißen Scheibe vor Grün. Dieser Schild wies unverkennbar Dellen und Scharten auf und schien im Laufe der Zeit mehrfach ausgebessert worden zu sein. Der andere war offensichtlich deutlich neueren Datums, unbeschädigt und zeigte schlicht eine weiße nach oben weisende Pikenspitze auf Blau, die Widderich auch schon als Motiv auf einer ziselierten Brosche an Corans Brust aufgefallen war.
Zwischen den beiden Schilden hing zudem ein echtes gerahmtes Ölgemälde, das die Silhouette einer größeren Stadt zeigte. Das Bild war nicht besonders groß, aber scheinbar – zumindest soweit die Rotenforster das beurteilen konnten – echte Kunst. Es wirkte in der rustikalen Umgebung daher ein wenig fehl am Platze. Zu guter Letzt war über dem Kamin eine runde mit üppigen Schnitzereien versehene Holzscheibe angebracht. Darauf waren die Portraits zweier sich anblickender Frauengestalten zu erkennen – eine frech grinsend, die andere gütig lächelnd –, eingefasst von stilisierten Blumen, Bäumen, Früchten und Ähren, offensichtlich eine Abbildung der beiden göttlichen Schwestern Tsa und Peraine. Trotz der bäuerlich-naiven Darstellung war dem Werk auf den ersten Blick eine gewisse Kunstfertigkeit und handwerkliche Hingabe nicht abzusprechen.
Coran wartete ab, bis alle platzgenommen hatten und er als einziger noch stand. „Ich heiße Euch nochmals in Kressing willkommen und wünsche einen angenehmen Aufenthalt – den anfänglichen, nun ... Umständen zum Trotz. Ich fühle mich sehr geehrt, ob Eures Besuchs und hoffe, dass Euch das Bescheidene, was wir anbieten können, genügt.“ Dann deutete er auf die gedeckte Tafel. „Greift bitte zu. Es ist genug da.“
„Wir haben zu danken“, gab Widderich knapp zurück. „Anfängliche Umstände hin oder her: Ihr habt uns in Eurem Heim aufgenommen, was im Anbetracht eben jener alles andere als selbstverständlich war. Wir stehen in Eurer Schuld, Herr ui Branghain, und unser Aufenthalt hier ehrt uns, nicht Euch.“
Satijana lächelte zu den Worten ihres Gemahls und nickte bestätigend: „Vielen Dank, auch von mir. Erneut.“ Dann ließ sie ihren Blick über die Tafel gleiten und meinte: „Für mich sieht das hier alles andere als bescheiden aus und nach mehr als genug für uns.“
Die dargebotene Kost war einfach und deftig, aber in der Tat vor allem reichlich. Tönerne Schalen mit Grütze, Sauerkraut und Schmalz standen bereit. Eine kräftige Brühe mit Fleischeinlage dampfte verführerisch aus einer großen Schüssel. Dazu wurde geröstetes Brot gereicht und, als kulinarischer Höhepunkt, knusprige Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse, Pilzen und Ei. Zu Trinken gab es ein dünnes Bier und für die Kinder – sowie Thorolf – Ziegenmilch. Satijana ließ den Blick über die Speisen schweifen und bezweifelte, dass der Tisch in Kressing jeden Tag so vollgestellt wurde. Offensichtlich wollte ihr Gastgeber sich nicht nachsagen lassen, knauserig zu sein.
„Ich hoffe, dass Ihr beim Auftischen Augenmaß gewahrt habt, Wohlgeboren“, meinte die Baronsgemahlin nach kurzem Zögern und sah Coran fragend an. „Denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es einfach ist, in dieser Einöde hier Nachschub zu besorgen. Zumal im Winter. Vielleicht können wir Euch im Austausch für die Gastfreundschaft ja etwas von unseren Vorräten dalassen?“
„Euer Angebot ist sehr großzügig, aber ich denke, das wird nicht ...“, ein geräuschvolles Räuspern vom anderen Ende des Tisches unterbrach Coran mitten im Satz. Dort hatte sein Haushofmeister gerade seinen Becher abgesetzt, so dass ein weißer Milchbart seine Oberlippe zierte, als er seinen Herrn eindringlich ansah. Auch Elfwid blickte ihren Vater von der Seite her mit hochgezogenen Augenbrauen und leicht schiefgelegtem Kopf mahnend an.
„Ähm, also wie gesagt, das ist ein sehr großzügiges Angebot, das wir ... nachher besprechen können“, ruderte der Branghainer daraufhin ein wenig kleinlaut zurück. „Allerdings, wenn Ihr erlaubt, wäre da noch eine andere Möglichkeit, wie Ihr Euch erkenntlich zeigen könntet.“ Er wandte sich jetzt direkt an Widderich: „Ich sagtet, Ihr wäret auf der Rückreise vom Baronsrat. Vielleicht seht Ihr Euch imstande, uns das ein oder andere zu berichten von dem, was sich in der Mittnacht Wichtiges zuträgt. Wir sind ein wenig abgeschnitten von der Welt und daher dankbar für jede neue Kunde, die sich hierher verirrt.“
Für einen Augenblick verriet das Mienenspiel des Rotenforsters, dass er von dem Gedanken, über den Baronsrat zu berichten, nicht sonderlich angetan war: Der rechte Mundwinkel neigte sich kaum merklich nach unten, während die linke Braue nach oben schnellte. Doch er hatte sich schnell wieder im Griff und nickte Coran zu.
„Ich kenne das Problem und sorge gern für Abhilfe“, meinte er. „Gibt es ein Thema, das Euch besonders interessiert? Wir haben uns über die Bedrohung durch den Schwarzpelz im Westen der Mittnacht ... unterhalten ... über die durch den Rotpelz in hiesigen Gefilden, über leerstehende Tempel, die es wieder zu besetzen gilt, und über Kräuter, die man anbauen sollte, um ... nun ja ... ,die Gesundheit des Volkes‘ zu fördern. Außerdem über den Zustand der Handelsrouten in Weiden und über den Sichelwachter Handelsbund.“
Coran stutzte: „Kräuter, die die Gesundheit des Volkes fördern sollen?“ Widderich verzog keine Miene. „Das ist ... interessant“, fuhr der Kressinger zögerlich fort, „aber ich denke, die Umtriebe der Goblins in der Sichel sind für uns hier eher von Belang. Gibt es da Entwicklungen, die uns Sorge machen müssen? Ich meine, mehr als über das übliche Maß hinaus?“
„Sorge? Das kommt drauf an, wen man fragt“, meinte Widderich und schenkte seinem Gastgeber ein freudloses Lächeln. „Manche Herrscher aus dem Westen Weidens vertreten offenbar die Ansicht, dass eine Bedrohung durch die Suulak von der Gefährlichkeit her allerhöchstens mit der durch eine Wildschweinplage gleichzusetzen ist. Es wurde die Empfehlung ausgesprochen, dass wir uns zu ... einer Art Jagdgesellschaft zusammenschließen, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Wie man es mit Ungeziefer eben so tut, wenn es Überhand zu gewinnen droht. Den Damen und Herren ist wohl entfallen oder auch gänzlich entgangen, dass so etwas das in der Vergangenheit schon mehrfach versucht wurde – jeweils ohne Erfolg. Sie haben mit den Orks an ihren Grenzen aber genug zu tun, dass man es ihnen nachsehen kann ... schätze ich.“
Nachdem das gesagt war, hielt der Rauheneck einen Moment inne, um den Herrn von Kressing mit einem nachdenklichen Blick zu bedenken. Man konnte förmlich sehen, wie es dabei hinter seiner Stirn arbeitete. Schließlich griff er nach seinem Becher und kredenzte sich einen Schluck. Um Zeit zu gewinnen, vermutlich. Noch einen Moment, in dem er darüber nachsinnen konnte, wie er fortfahren sollte.
„Die Herrin von Drachenstein wiederum ist der Meinung, dass in Rotenforst seit einiger Zeit zu viel Druck auf die Goblins ausgeübt wird und dass das für den gesamten Osten der Sichelwacht eine Gefahr darstellt“, sagte er hernach bedächtig. „Wir würden Suulak aus ihren angestammten Gebieten vertreiben und damit für Unruhe sorgen, weil sie sich anderswo niederlassen müssen, was dort wiederum zu Verteilungskämpfen führt und letztlich auch von Menschen besiedelte Gebiete in Mitleidenschaft ziehen könnte. Der Fuchshager hat bis heute nicht verwunden, dass die Rotpelze beim letzten großen Angriff auf unsere Stellungen mit Waffen aus Uhdenberg ausgestattet waren. Er führt seither eine private Fehde gegen seine Nachbarn aus dem Norden und wird dabei von Adlerflug hintertrieben, weil der dortige Vogt alles reinwinkt, was er abzuriegeln und zu regulieren versucht. Insgesamt schien es mir aber so, als würde sich die Versammlung mehr Sorgen über die Goblins in der Grafschaft Baliho machen. Schwarze Sichel. Zippeldinge insbesondere.“
Coran hörte seinem Gast aufmerksam zu und reagierte während des kurzen Berichts hin und wieder mit einem verständigen Nicken oder einem ruhigen Brummen. Den Vergleich der hierzulande allgegenwärtigen Bedrohung durch die Goblins mit einer Wildschweinplage quittierte er allerdings mit hochgezogenen Augenbrauen, die Kunde über den Zwist zwischen Baron Thordenin von Weißenstein und seinem Nachbarn Vogt Sporlîn mit einem missbilligenden Stirnrunzeln.
Nachdem Widderich geendet hatte, strich sich Coran nachdenklich durch den Bart. „Na, dass der Rotpelz in Zippeldinge beizeiten wieder kiebig wird, war meiner Meinung nach schon länger abzusehen. So ein Vertrag mit denen hält naturgemäß nicht ewig, auch wenn er wohl einige Zeit lang für Frieden da unten gesorgt haben dürfte.“ Der leicht überraschte Gesichtsausdruck einiger seiner Gäste ließ ihn sogleich eine Erklärung hinterherschieben: „Oh, bevor es mich hierher verschlagen hat, war ich über solcherlei Vorgänge im Herzogtum immer recht gut auf Stand, müsst Ihr wissen. Meine Tätigkeit in der Kanzlei des Soldgrafen brachte das so mit sich.“ Er lächelte und zuckte mit den Schultern. „Aber nun wandle ich, was das angeht, seit gut anderthalb Jahren durch eher neblige Gefilde. Umso mehr freut es mich, dass Ihr bereit seid, uns ein wenig zu berichten, Hochgeboren.“
In Spiegelung von Widderichs vorherigem, etwas unbeholfen anmutendem Bemühen, Zeit zum Überlegen zu schinden, nahm auch Coran jetzt einen Schluck aus seinem Becher und maß sein Gegenüber währenddessen mit einem prüfenden Blick.
„Wenn Ihr mir die Frage gestattet“, fuhr er anschließend fort, „was haltet Ihr denn von den Vorwürfen der Baronin von Drachenstein gegen Euch? Ihr werdet doch gute Gründe dafür haben, den Goblins auf Eurem Land dermaßen das Fell zu gerben?“
„Sicher, ich habe gute Gründe“, erwiderte der Rauheneck nach kurzem Zögern. „So sehe ich es jedenfalls, aber diese Meinung teilt Frau Sindaja vermutlich nicht.“ Es entstand eine kurze Pause, in der Widderich einen Blick mit Satijana wechselte – und Coran konnte die Mienen seiner Mitmenschen gut genug lesen, um die Aufforderung zu erkennen, die sie ihm dabei gänzlich ohne Worte übermittelte.
„Ich bevorzuge es, in meinem Lehn einen Sicherheitsabstand zwischen Menschen und Goblins zu wissen“, fügte der Rotenforster denn auch an. „Der war in den letzten Jahren von Erzelhardts Herrschaft auf ein Maß zusammengeschrumpft, das mir nicht zusagte. Abgesehen davon gibt es im Alten Land Gebiete, an denen der Familie Graufenbein nicht sonderlich gelegen war, die für mich und ... meine Leute aber von Bedeutung sind. Dort haben die Rotpelze ein paar Jahrhunderte schalten und walten können, wie es ihnen gefiel. Sie mussten davon überzeugt werden, dass es besser ist, dieses Land wieder zu verlassen. Und das ohne Gewalt zu schaffen, hätte jemanden erfordert, der deutlich geschickter verhandeln kann als ich.“
Widderich hob die Schultern: „Was den Vorwurf betrifft, dass mein Vorgehen neue Gefahren für die Menschen im Osten der Sichelwacht schaffen könnte ... na, im Zweifel kennt sich die Drachensteinerin besser mit Suulak aus als ich. Sie hat ihr ganzes Leben in deren Nachbarschaft verbracht, während ich lange weg war und andere Gegner gewöhnt bin. Könnte also sein, dass sie Recht hat. Würde mich aber eher nicht dazu bewiegen, in meinen Bemühungen nachzulassen.“
„Würde es nicht?“, fragte Coran mit milder Verblüffung in der Stimme. „Ihr sagt, sollten sich die Bedenken der Schwertestreich tatsächlich als zutreffend herausstellen und Euer entschlossenes Vorgehen gegen die Goblins in Rotenforst würde dazu führen, dass anderswo Menschen leiden – und zumindest die Möglichkeit räumt Ihr ja ein – würdet Ihr Euer Handeln nicht überdenken? Es geht mich natürlich nichts an und ich kenne die Bedingungen in Eurem Lehen kaum, ein Fachmann für Rotpelze bin ich obendrein ebenfalls nicht, aber befürchtet Ihr nicht, dass könnte in Eurer Nachbarschaft als ... eigennützig und gewissenlos angesehen werden?“ Er macht eine kurze Pause, bevor er anfügte: „Und auch darüber hinaus!“ Dass dieses ‚darüber hinaus‘ Kressing miteinbezog lag unausgesprochen in der Luft.
„Ich meine“, setzte der Branghain nach, „dass ein guter Ruf nicht Selbstzweck ist oder bloß schmückender Tand, sondern bisweilen sprichwörtlich Tür und Tor zu öffnen vermag, hat der Ablauf unserer ersten Begegnung vorhin wohl bewiesen. Und nur weil ein Ruf aufgrund von ... Spekulationen – so nanntet Ihr es, glaube ich – angeschlagen ist, muss das ja nicht bedeuten, auf lange Sicht nicht etwas dafür tun können. Verzeiht bitte, wenn ich in meiner Rede zu weit gehe, aber ich wundere mich über Eure Härte in der Sache, Hochgeboren.“
Coran spürte, wie die Spannung am Tisch größer wurde, je länger er sprach. Ob sie nun eher zorniger, ängstlicher oder neugieriger Natur war, konnte er schlecht beurteilen. Bei einem Blick in die Runde fielen ihm vor allem Algirdas unwillig zusammengeschobene Brauen und Satijanas schiefes Lächeln auf. In Widderichs Augen schließlich erkannte er ein Funkeln – wachsam, aber nicht unbedingt zornig und schon gar nicht feindselig.
„Auch ein schlechter Ruf hat seine guten Seiten, Wohlgeboren“, meinte der Rotenforster. „Zum Beispiel, dass es wenig Arbeit erfordert, ihn aufrechtzuerhalten, die Leute einem aber oft genauso wenig an den Karren fahren wollen wie jemandem, der frei von Tadel ist.“ Seine Miene blieb bei diesen Worten nichtssagend, doch etwas in der Stimme ließ Coran aufhorchen und nährte den Verdacht, dass sie nicht ganz ernst gemeint waren.
Er sah sich bestätigt, als die Baronsgemahlin gleich darauf energisch den Kopf schüttelte und tadelnd schnaubte: „Das ist nicht witzig, Widderich! Der Mann kennt dich nicht, was soll er denn von dir denken, wenn du solche Reden schwingst? Du musst es deinen Feinden doch nicht leichter machen, als sie es eh schon haben!“ Sie schien zu dem Thema noch viel mehr zu sagen zu haben, war sich aber auch der Anwesenheit ihrer Gastgeber bewusst und beließ es daher bei einem beredten Blick. Kurz starrten Herr und Herrin von Rotenforst einander schweigend an und Coran gewann den Eindruck, dass sie im Stillen einen Kampf ausfochten, der in der Vergangenheit schon öfter geführt worden war.
„Ich habe lange nachgedacht, bevor ich seinerzeit zu handeln begann“, hob Widderich dann unvermittelt wieder an. Einen Moment hielt er den Blick seiner Gemahlin noch, ehe er Coran ins Auge fasste. „Ich denke, dass es in Hahnfels, Drachenstein und Uhdenwald genug Platz gibt, um deutlich mehr Suulak aufzunehmen, als ich jemals aus Rotenforst vertreiben könnte. Genug, dass sie nicht mal in die Nähe menschlicher Siedlungen geraten müssen – zumal die im Gebirge ohnehin spärlich gesät sind und Frau Sindaja Teile ihres Lehns freiwillig abgetreten hat. Sollte sich erweisen, dass ich mit meiner Einschätzung falsch liege, würde ich die Situation neu bewerten – allein, der Ausgang ist ungewiss. Ich habe Land zurückgeholt, das einst den Meinen gehörte. Soll ich es den Goblins wieder überlassen? Aus Rücksicht auf Herrscher, die nicht dafür gewappnet sind, einer uns allen seit Jahrhunderten bekannten Gefahr zu trotzen?“
Der Rotenforster hielt kurz inne, allerdings zum ersten Mal ersichtlich nicht, weil er um Worte ringen musste, sondern weil er Coran Zeit geben wollte, über das Gesagte nachzudenken.
„Wenn meine Nachbarn mich bloß als eigennützig und gewissenlos ansehen würden, wäre das ein Fortschritt für mich“, meinte er hernach gelassen. „Sie haben mich in der Vergangenheit ganz andere Dinge geheißen und werden das sicher auch in Zukunft nicht lassen.“ Er schürzte die Lippen und hob die Schultern: „Ihr seid nicht von hier, Wohlgeboren, also wisst Ihr vermutlich nicht, dass mein Ruf schon lange vor der Inthronisierung schlecht war. Und der meiner Familie lange davor. Daran etwas ändern zu wollen, wäre eine Lebensaufgabe, die mir vermutlich keine Zeit für irgendetwas anderes lassen würde.“
Coran hatte sich im Laufe von Widderichs Vortrag nach vorne gebeugt und die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt. Hin und wieder kratzte er sich mit der aufgestellten Rechten durch den Bart während die Linke seinen Becher umschlossen hielt. Seine Züge zeigten eine grundsätzliche Skepsis, schafften aber gleichzeitig das Kunststück, auch ein gewisses Maß an Verbindlichkeit auszudrücken.
„Mh, mh, Ich verstehe“, räumte er schließlich ein, „aber seht, für jemanden, der Zeit seines Lebens nicht viel mehr hatte als seinen guten Ruf, ist es schlicht schwer nachzuvollziehen, wie ein anderer sich so wenig um den seinen schert. Zumal es ja nicht immer weitreichendes Tätigwerden erfordert, etwas dafür zu tun, sondern oft nur eine gewisse Kompromissbereitschaft nötig ist oder hin und wieder eine symbolhafte Geste. Kleinvieh macht auch Mist.“ Er schielte zu Satijana hinüber. „Aber ich vermute, so etwas in der Art sagt man Euch nicht zum ersten Mal. Verzeiht einem alten Mann, wenn er sich dazu versteigt, Euch einen Rat zu erteilen, aber vielleicht tätet Ihr gut daran, des Öfteren auf solche Stimmen zu hören. Dass Ihr die Fähigkeit dazu habt, über Euren eigenen Schatten zu springen, auch wenn Ihr Euch selbst wenig Verhandlungsgeschick zubilligen wollt, habt Ihr unlängst vor meinem Tor bewiesen – obschon es dabei zugegebenermaßen um etwas ging, das Euch wichtiger sein dürfte als Euer Ruf.“ Er lächelte Klein-Lyngherid zu, die neben ihrem Vater saß und gerade dabei war, geräuschvoll Grützereste aus ihrer Schale zu lecken.
„Oh, meine Stimme erklingt auf dem Klagenfels oft genug, seid versichert“, fiel Satijana in den Reigen ein. „Manchmal hört er sogar hin und wenn ich Glück habe, denkt er anschließend ernsthaft über das Gesagte nach.“ Sie schmunzelte, also waren diese Worte wohl mehr Stichelei als ernstgemeinte Kritik. Als sie sich gleich darauf direkt an Coran wandte, wirkte die Baronsgemahlin allerdings ziemlich ernst: „Ich gebe Euch Recht, mit allem was Ihr sagt. Allein, in meiner Zeit hier in Weiden habe ich gelernt, dass ein schlechter Ruf so seine Tücken hat: Wenn ein gewisser Grad überschritten wurde, ist es offenbar nicht ganz so leicht, ihn wieder loszuwerden. Kleinvieh macht dann zwar immer noch Mist, es würde aber schon ein weitreichendes Tätigwerden erfordern, um das Bild zurechtzurücken, das sich über die Jahre ... oder vielmehr: Jahrhunderte in den Köpfen der Menschen verfestigt hat.“ Nach diesen Worten sah sie ihren Gemahl und die anderen Rotenforster an und schob ein entschiedenes „Was nicht heißt, dass man es nicht dennoch versuchen sollte!“ nach.
„Dem vermag ich nichts hinzufügen“, ergriff Coran wieder das Wort und nickte Satijana in Anerkennung des Gesagten zu, bevor er seinen Becher hob und in die Runde prostete. „Auf die Stimmen, die uns zu Vernunft und Besonnenheit mahnen.“ Während daraufhin alle einen Schluck zu sich nahmen, ruhte der forschende Blick des Kressingers auf Widderich. Eine Frage war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben: ‚Wie war dieser Klotz nur zu so einer Gemahlin gekommen?‘
Nachdem alle wieder abgesetzt hatten, sprach Coran weiter: „Was den Rotpelz angeht, da kenne ich mich, wie gesagt, nicht besonders aus. Hab bisher selbst nur mit solchen zu tun gehabt, die einzig eine Sprache verstehen, ob im Krieg oder hier. Aber für die Handvoll Halunken, die sich gelegentlich nach Kressing verirren, um eine Ziege zu stehlen, reicht das auch vollkommen aus. Trotz dessen weiß ich, dass es den Rotpelz an sich eigentlich gar nicht gibt. Das wird die Schwertestreich Euch bestätigen.“
Dem Blick nach zu urteilen, mit dem Widderich ihn in just diesem Moment bedachte, erzählte er ihm damit nichts Neues. Doch selbst wenn es anders gewesen wäre: Sich eine Bestätigung dieser These ausgerechnet aus dem Mund der Drachensteinerin zu holen, schien keine Option. Darauf ließ das belustigte Funkeln in den Augen des Rotenforsters schließen.
„Sie sind sicher nicht gleichzusetzen mit jenen Feinden, die Ihr in der Vergangenheit fern der Heimat bekämpft habt – mit denen sich ausnahmslos jede Verhandlung verbietet, wie ich stark vermute“, fuhr Coran ungerührt fort. „Dass ein mehr oder minder gedeihliches Nebeneinander mit Goblins möglich ist, zeigen doch Ort wie Uhdenberg, Festum, Drachenstein und letztlich ebenso Zippeldinge, auch wenn sich dort der Wind gerade dreht. Vielleicht ein schlechtes Beispiel.“ Er hob die Schultern. „Wie sich dergleichen in Rotenforst gestalten ließe, kann ich Euch nicht sagen, Hochgeboren. Möglicherweise gar nicht. Aber ohne einen Versuch, wird man es nie erfahren.“
„Hört, hört!“, ließ Thorolf da plötzlich schmatzend verlauten. Er wurde jedoch bis auf ein paar irritierte Blicke nicht weiter beachtet und Coran ließ sich dadurch nicht im Redefluss unterbrechen.
„Ich wurde in meinem Leben schon so oft von Entwicklungen überrascht, die zuvor nicht vorstellbar waren, sei es im Guten oder Schlechten. Das alles hier zum Beispiel“, er machte eine umfassende Geste, „war vor gut drei Götterläufen für mich noch nicht absehbar. Und jetzt ...“, er stockte angesichts des offenkundigen Mangels allenthalben und hob lächelnd abermals die Schultern. „Vielleicht auch ein schlechtes Beispiel.“
„Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich ein, zwei Dinge klarstellen“, mischte sich Eberion da erstmals ins Gespräch ein. „Wir wissen um das, nun ja, gedeihliche Miteinander, das es hier und da zwischen Mensch und Goblin gibt – aus erster Hand teils, schließlich stammt Frau Satijana aus Festum. Wir sind auch nicht ohne Warnung über die Suulak hergefallen, wir haben bloß nicht verhandelt: Wir haben ihnen gesagt, dass sie gehen müssen und als das nicht freiwillig geschah, wurde eben nachgeholfen.“ Er schenkte Coran ein freundliches Lächeln: „Ebenso wenig haben wir versucht, sie ganz von unserem Land zu vertreiben. Uns ist bewusst, dass so was höchstens vorübergehend gelingen kann. Wir haben uns bloß einige ... wichtige Orte zurückgeholt, wie mein Bruder schon sagte.“
Widderich quittierte Eberions Worte mit einem heiseren „Hum“ und ahmte dann die Geste nach, die Coran kurz zuvor gemacht hatte – den Raum einschließend, in dem sie gerade saßen, aber vermutlich auch auf das Haus bezogen, in dem der sich befand, auf den Weiler und das ihn umgebende Land. „Wenn wir schon dabei sind“, brummte er, „Gestattet mir bitte die Frage, was ‚das alles hier‘ eigentlich ist? Mir war, als befänden wir uns in Bannland, in das sich niemand länger als unbedingt nötig aufhalten soll?“
Coran hätte zu Eberions Ausführungen eigentlich noch etwas zu sagen gehabt – insbesondere bei der Erwähnung der ‚wichtigen Orte‘ waren seine Augenbrauen nach oben geruckt –, beließ es aber dabei und wandte sich stattdessen an Widderich, um auf dessen Frage zu antworten.
„Oh, wenn es nach den Bannstrahlern geht, ist das auch heute noch so. Die Vögtin von Ingerimms Steg und letztlich Graf Bunsenholdt sehen es jedoch anders.“ Seinem gequälten Gesichtsausdruck zufolge, war er mit dieser Situation nicht besonders glücklich. „Ihr müsst wissen, dass die unheilige Ödnis seit einiger Zeit rückläufig ist und die Natur sich, Peraine und Tsa sei’s Dank, Stück für Stück erholt.“ Er hielt kurz inne, um mit ausgetrecktem Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten Hand das Zeichen der Ähre zu formen und dieses zum Mund zu führen, bevor er fortfuhr. „Kressing lag seinerzeit ohnehin nur im Grenzbereich der Auswirkungen der Wüstenei und nun, da es hier langsam bergauf geht, hat Hochgeboren Fluck entschieden, diesen Ort wieder zu beleben, auch wenn die Geißler damit, wie gesagt, nicht so wirklich einverstanden sind.“
Er sah Widderich mit einem freudlosen Lächeln an: „Daher ist Eure Ankunft ohne das Wissen und die Begleitung der Bannstrahler auch so problematisch. Erfahren die davon, komme ich in arge Bedrängnis. Denn, wie Ihr Euch vielleicht vorstellen könnt, war die Praioskirche nur unter bestimmten und sehr eindeutigen Voraussetzungen dazu bereit, ihre Dekrete an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Demnach hätte ich eigentlich umgehend einen Boten zum Turm entsenden müssen, der Euer Eintreffen hier meldet.“
Den Satz ließ Coran einen Moment im Raum stehen und nahm in aller Ruhe einen weiteren Zug aus seinem Becher. Die Blicke, die die Rotenforster währenddessen untereinander austauschten, schien er gar nicht zu bemerken.
„Bedauerlicherweise“, führte er schließlich ohne mit der Wimper zu zucken weiter aus, „lässt das schlechte Wetter das bis auf weiteres nicht zu.“ Er seufzte. „Wie auch immer, wir geben nun seit etwa eineinhalb Götterläufen unser Bestes, Kressing neu aufzubauen. Die Voraussetzungen könnten schlechter sein, ein Honigschlecken ist es jedoch wahrlich nicht. Aber wo in der Sichel ist es das schon, wie? Auf jeden Fall geht es voran und ich bin guter Dinge, im nächsten Sommer mit dem Holzschlag so weit zu sein, dass wir zumindest eine Grundversorgung eigenständig sicherstellen können. Immerhin haben wir hier das einzige Sägewerk in der Baronie.“
Nachdem der Herr des Hauses geendet hatte, herrschte noch einen Augenblick Ruhe an der Tafel. Dann trank Widderich einen Schluck und räusperte sich leise. „Es tut mir leid“, meinte er schließlich. „Wir haben nicht damit gerechnet, in diesem Weiler irgendjemanden anzutreffen. Als wir das letzte Mal hier durchkamen, war er noch verwaist und lag größtenteils in Trümmern.“ Er wechselte einen Blick mit seiner Gemahlin und wandte sich anschließend wieder Coran zu: „Aus unserem Vergehen soll aber nun nicht auch noch das Eure werden. Also: Kommt Eurer Pflicht gern nach und berichtet den Geißlern über unseren Besuch. Wir würden nicht wollen, dass Ihr unseretwegen in Schwierigkeiten geratet.“
Tatsächlich widersprach keiner der Rotenforster und für einen Moment war nur das Schlürfen Lyngherids zu vernehmen, die sich nunmehr ihrer Milch widmete. Dann hob Coran in neutralem Ton zu einer Erwiderung an:
„Da ich davon ausgehe, dass Ihr Euch ohne eigenes Verschulden hierher verirrt habt und morgen ohnehin den Rückweg antreten werdet, nun, wo ich Euch, wie es meine Verantwortung ist, über die Gefahren der Wüstenei und die Rechtslage aufgeklärt habe, wird das nicht nötig sein, denke ich. Und sollten wider Erwarten doch Fragen aufkommen, wird man mir diese Annahme kaum vorwerfen können – nicht in Anbetracht Eures Ranges, Hochgeboren.“
Zum Abschluss nickte der Branghainer noch einmal bekräftigend, womit die Sache für ihn erledigt zu sein schien. Offenkundig jedoch nicht für seine Tochter neben ihm, deren säuerlicher Miene deutlich anzusehen war, dass sie der Schönfärberei ihres Vaters und dessen vorgeblicher Einschätzung, was die Nachsicht der Bannstrahler anging, nicht zustimmte. Infolgedessen – und aufgrund von Erfahrungen mit dem eigenen Nachwuchs – rechnete Widderich mit einem geharnischten Widerspruch, als die junge Kriegerin nun Luft holte und zum Sprechen ansetzte. Bevor sie jedoch den ersten Ton herausbrachte, schnitt eine schnarrende Stimme vom anderen Tischende ihr unvermittelt das Wort ab:
„Wäre die Frau Rittmeisterin wohl so manierlich, mir eine Teigtasche herüber zu reichen!“ Thorolf sah sie ernst an und hielt ihr seinen Teller hin. „Bevor sie kalt werden. Bitte.“
Mit aufeinandergepressten Lippen funkelte die überrumpelte Elfwid den Haushofmeister zwei Herzschläge lang an, dann griff sie eine der geforderten Teigtaschen und knallte sie dem Alten wortlos auf den Teller. Der seinerseits hielt den mahnenden Blick noch einen Moment aufrecht, bevor er ein „Danke“ brummelte und sich dann, scheinbar am Fortgang des Gesprächs nicht weiter interessiert, voll und ganz dem fettigen Leckerbissen widmete.
„Auf mich wirkt es, als sei Euer Bestes ziemlich gut“, hob Satijana unterdessen an und lenkte die Unterhaltung damit wieder auf das ursprüngliche Thema. „Ihr habt in anderthalb Götterläufen offensichtlich einiges geschafft – Häuser repariert, ein wohnliches Umfeld für Eure Leute geschaffen und es sogar vermocht, einen ... Göpel ...“, sie hielt kurz inne, um Algirdas fragend anzusehen, und fuhr erst fort, nachdem der ihr fast unmerklich zugenickt hatte, „wiederaufzubauen. Ist es das, wovon Ihr hier im Ort fürs Erste leben wollt? Euer Sägewerk?“
„Das ist zumindest der Plan“, antwortete Coran, den die lobenden Worte Satijanas sichtlich mit Stolz erfüllt hatten. „Für eine ordentliche Feldwirtschaft ist der Boden hier nicht zu gebrauchen. Zu steinig und im Sommer zu viel Staub aus der Wüstenei. Da reicht’s höchstens für ein paar krumme Rüben und magere Kohlköpfe. Daher bleibt nur das Holz.“ Er klopfte auf die Tischplatte. „Der Göpel stammt noch aus der Zeit vor der Katastrophe und hat es in Anbetracht der Umstände einigermaßen gut überstanden. Mittlerweile konnte die Mechanik zum größten Teil repariert werden und auch wenn noch ein paar Dinge zu überarbeiten sind, hoffen wir, dass er mit Ingerimms Beistand im Frühling in Betrieb geht – wie gesagt. Dann können wir fertig zugeschnittenes Bauholz liefern und das wird uns wirtschaftlich ein wenig mehr Luft zum Atmen verschaffen.“
„Du meinst, das wird womöglich die Hand der Vögtin um unsere Kehle etwas lockern“, schaltete sich Elfwid unvermutet doch noch ins Gespräch ein und ließ ein abschätziges Schnauben folgen, das Coran zu einem tadelnden Seitenblick veranlasste.
„Was meine Tochter sagen will“, schob er gleich hinterher, „wir sind Hochgeboren von Fluck sehr dankbar – für die Belehnung, das Vertrauen und für die großzügige Unterstützung, die sie uns seither hat angedeihen lassen.“ Er zögerte kurz bevor er mit einem leicht resignierten Unterton in der Stimme fortfuhr. „Mitunter gestaltet sich der Umgang mit ihr allerdings etwas ... schwierig.“
Diese letzte Anmerkung löste zumindest bei Widderich, Satijana und Eberion unerwartete Reaktionen aus: Die beiden Letzteren schmunzelten amüsiert, während ein wölfisches Grinsen die Züge des Ersteren eroberte – und zwar eins, das auf eine durchaus bemerkenswerte Mischung aus Heiterkeit und Mordlust schließen ließ.
„Schwierig, hum?“, brummte der Baron und vergrub seine Zähne dann in einem Brotkanten, als wolle er eine lange schon überfällige Beute zur Strecke bringen.
Satijana quittierte das mit einem leisen Lachen und hob entschuldigend die Schultern: „Ihr müsst verzeihen, Herr Coran. Es ist noch nicht allzu lange her, dass wir selbst unsere Erfahrungen mit einem Vertreter dieser Familie sammeln durften. Es war nicht immer vergnüglich, also haben wir eine vage Ahnung, was Ihr meint.“ Dem fragenden Blick des Alberniers begegnete sie mit einem Lächeln: „Nach Erzelhartds Tod gab es eine Übergangszeit, in der Rotenforst von einem gewissen Harro von Fluck verwaltet wurde. Ein knappes Jahr haben wir im Alten Land seine Gesellschaft genossen, bevor er wieder abgezogen wurde. Ich bin den Göttern heute noch sehr dankbar dafür, dass wir das alle weitgehend unbeschadet überstanden haben. Er vor allem.“
Coran nickte verstehend und auch um seine Mundwinkel zeigte sich ein belustigter Zug. Er kannte diesen Harro von Fluck zwar nicht, aber wenn der nur einen annähernd ähnlichen Charakter wie Affra sein Eigen nannte, konnte er sich lebhaft vorstellen, wie die Begegnungen zwischen ihm und dem grobklotzigen Rauheneck ausgesehen haben mussten.
„Dann könnt Ihr Euch in der Tat glücklich schätzen“, brachte er hervor, „und ich gebe zu, dass ich Euch diesen Umstand nicht gerade wenig neide. In Abhängigkeit zu einer solchen Person zu stehen, ist nicht wirklich angenehm, wie Ihr Euch denken könnt.“ Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher und ließ anschließend einen tiefen Seufzer vernehmen. „Ich sehe mit Freuden der Zeit entgegen, da der rechtmäßige Erbe Geron von Drôlenhorst nach Ingerimms Steg zurückkehrt und die Amtsgeschäfte als Baron übernimmt – auch wenn ich ihm noch nie begegnet bin und eigentlich nichts über ihn zu sagen vermag.“
„Falls er überhaupt jemals kommt“, mischte Elfwid sich einmal mehr ein. „Sein Ritterschlag ist längst überfällig. Entweder ist er einfach unfähig und nicht in der Lage, ein Schwert am richtigen Ende zu greifen oder ...“
„Oder der Graf will einfach nur sicherstellen, dass Hochgeboren Geron auf die Herrschaft einer Baronie – zumal in einer solch prekären Lage – gut vorbereitet ist“, unterbrach Coran seine Tochter, wobei ihm anzusehen war, dass er das selbst nicht ganz glaubte. „Der junge Herr weilt noch in Salthel, wo er auf Burg Aarkopf seine Knappenzeit absolviert“, erklärte er und ergänzte nach einem Moment: „die zugegebenermaßen bereits sehr lange andauert.“
„Sag ich doch“, versetzte Elfwid und fing sich dafür abermals einen kritischen Blick ein.
„Meine geliebte Tochter“, richtete Coran das Wort an sie, „ich glaube, es ist Zeit für den abschließenden Rundgang. Wärst du so gut und übernimmst das!“
Die Angesprochen verzog angesichts des durchschaubaren Versuchs, ihre vermeintlich überhandnehmende Widerborstigkeit einzudämmen, ihre Mundwinkel ein wenig nach unten, nickte dann aber willig und erhob sich. „Aber selbstverständlich, mein geehrter Herr Vater.“
Die junge Kriegerin verneigte sich knapp in Richtung Widderichs und Satijanas und machte sich dann daran, die Tafel zu verlassen, nur um bereits nach einem Schritt wieder zu verharren. „Vielleicht möchte Hochgeboren, dass jemand aus seinem Gefolge mich begleitet“, schob sie nach. „Dadurch könnte er sich vergewissern, dass die Seinen heute Nacht in Kressing sicher sind. Zumindest einer seiner Ritter ist ja bereits passend für eine Patrouille gerüstet.“
Nach Elfwids Worten herrschte einen Moment Schweigen im Raum, während Coran seine Tochter mit schräggelegtem Kopf forschend ansah – diesen Vorstoß hatte scheinbar auch er nicht vorhergesehen. Dann richteten sich die Augen der Rotenforster Gäste nach und nach auf Algirdas, der in der Tat gerüstet war. Was er von dem Gedanken hielt, sich ohne sein Schwert auf eine Wachrunde zu begeben, war ohne Probleme von seinen Zügen abzulesen. Er runzelte die Stirn und schob den Unterkiefer leicht vor, als der Baron ihm mit einer knappen Geste bedeutete, sich der Tochter des Gastgebers anzuschließen. Kurz sah es aus, als wolle er die Situation kommentieren, dann aber erhob er sich ohne ein Widerwort und schloss schicksalsergeben zu Elfwid auf.
„Selbstverfreilich“, meinte er mit neutraler Stimme. „Gute Idee, geht Ihr doch voraus.“
Erst nachdem die die Tür hinter den beiden ins Schloss gefallen war, wandte sich Widderich wieder Coran zu, um – ohne Umschweife und ziemlich unerwartet – auf das Thema zurückzukommen, dem sie sich vor ihrem Aufbruch gewidmet hatten.
„Eine meiner Nichten wird am Hof des Grafen ausgebildet“, hob er an. „Sie teilt also das Schicksal Eures Herrn Geron und des künftigen Barons von Uhdenwald.“ Der Rotenforster zögerte kurz, ehe er die Schultern hob: „Vielleicht habt Ihr schon gehört, dass immer wieder junge Leute nach Salthel geholt werden und die Familien damit selten glücklich sind. Falkhild kann es so wenig wie Meinhardt von Binsböckel erwarten, wieder von dort weg zu kommen. Geron scheint es jedoch nicht besonders eilig zu haben.“
Satijana warf ihrem Gemahl einen überraschten Blick zu, nickte dann aber bestätigend: „Falkhild ist das unbegreiflich, weshalb es ihr keine Ruhe lässt. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass der Junge an Ingerimms Steg auch keine schöneren Erinnerungen hat als an Salthel. Nach allem, was man hört, war sein Vater ... ja eher nicht an ihm interessiert. Und wenn er denkt, dass ihn hier nichts als eine Affra von Fluck erwartet, dürfte es wenig geben, was für eine baldige Rückkehr spricht, nicht wahr?“
Coran kratzte sich den Bart. „Dass der Graf den Nachwuchs des Sichelwachter Adels gern an seinen Hof holt, habe ich in der Tat bereits mitbekommen. Der Onkel Meinhards dient auf Drôlenhorst und hat mir einmal davon berichtet. Dadurch seine zukünftigen Gefolgsleute auf Linie zu bringen ...“, er sah Widderich nun direkt an, „und die gegenwärtigen dort zu halten, ist ein verständliches Anliegen, schätze ich. Die Art und Weise ist natürlich wenig subtil und in ihrer Redlichkeit mehr als fragwürdig. Aber das passt wohl zum Rest.“
Dem Kressinger war seine Missbilligung deutlich anzusehen. „Ich hoffe, Eure Falkhild kommt zurecht und muss dort nicht mehr allzu lange verweilen. Dass Geron sich mit diesem Schicksal scheinbar arrangiert hat, ist für mich hingegen neu, gleichwohl nachvollziehbar, so wie Ihr es erklärt“, gab er merklich zerknirscht zu. Gleichzeitig wurde sein Gesichtsausdruck für einige Herzschläge leer, offensichtlich, da ihm gerade bewusstwurde, dass ihm die Fluck doch länger erhalten bleiben würde, als er bis jetzt geglaubt hatte. Einmal mehr entfuhr ihm Seufzen.
Dann fiel sein Augenmerk auf Lyngherid, die – anscheinend fertig mit dem Essen – auf ihrem Platz unruhig hin und her rutschte und immer wieder hinüber zum Kamin spitzte. Er lächelte und beugte sich zu Orla hinunter.
„Wie wäre es? Hättest du Lust, der jungen Baroness deine Sachen zu zeigen?“, raunte er dem Mädchen zu.
Orla, die während des Mahls fortwährend den über ihr dräuenden Widderich angestarrt hatte, nickte, riss sich vom Anblick des Barons los und stieg rückwärts von der Bank, um sich zu ihrem Spielzeug zu begeben.
Lyngherid sah unterdessen den Gastgeber an. Aus großen Augen und noch eine ganze Weile lang. Bis ihr Blick erst Orla zum Kamin folgte und dann zu ihrem Vater hinüber flog, der direkt neben ihr saß. Sie schien nicht sicher zu sein, ob sie wirklich von dessen Seite weichen wollte. Als er eine auffordernde Geste in Richtung des anderen Mädchens machte, kletterte die kleine Rotenforsterin zwar artig von der Bank, wirkte dabei aber immer noch ziemlich gehemmt. Im Schneckentempo scharwenzelte sie zu ihrer designierten Spielgefährtin hinüber, blieb dort angekommen erst einmal ein wenig ratlos stehen und bat nach kurzem Zögern höflich darum, ihr doch den Drachen und die Pferde vorzustellen. In dieser Reihenfolge. Die Ritter schienen sie erst einmal nicht so sehr zu interessieren.
Die Erwachsenen im Raum hatten einen Moment innegehalten, um das Schauspiel zu verfolgen. Dabei war Widderichs Blick auf das Göttinnengemälde über der Feuerstelle gefallen und hatte ihn offenbar an etwas anderes erinnert, das ihn neugierig machte. Mit einer vagen Geste in Richtung der beiden Schilde, die an der angrenzenden Wand hingen, lenkte er Corans Aufmerksamkeit dorthin. Statt aber nach dem persönlichen Wappen zu fragen, das ihm sicher noch nie untergekommen war, brummte er ein leises „Drachenpforter“. Dann sah er den Branghainer direkt an und fragte: „Ihr seid Offizier, nicht wahr? Habt Euch aufs Altenteil hierher zurückgezogen und einen Teil Eurer Leute nachgeholt?“
„Jawoll“, gab Coran zurück und auch er schaute kurz hinüber zu dem Schild. „Zwotes Kaiserlich-Weidener Garderegiment. Drachenpforter Pikeniere.“ Mit einem wehmütigen Lächeln wandte er sich wieder seinem Gegenüber zu. „War fünfzehn Götterläufe lang Befehliger eines Banners. Orkenstürme, Tobrien, alles mitgemacht. Dann noch einige Zeit im Stab. Und als die Kaiserlichen 1029 aufgelöst wurden, hat sich der Soldgraf meiner erbarmt und mich in seiner Kanzlei untergebracht.“ Als er den Marschall der Weidener Lande erwähnte, hob er seinen Becher als ob er ihm zuprostete. „Dem alten Ruckenau hab ich im Übrigen auch das hier zu verdanken. Ihr müsst wissen, eigentlich hatte ich vor, meine letzten Jahre friedlich in Trallop zu verbringen. Eine gemütliche Stube, vielleicht mit Blick auf den See. Hin und wieder eine Partie Garadan und über die guten alten Zeiten schwatzen. So was in der Art. Doch dann kam es anders. Denn ehe ich mich versah, kniete ich zuerst vorm Soldgrafen zur Schwertleite und wenig später dann auch schon vor der Fluck zum Lehnseid. Ritter zu Kressing.“ Die letzten Worte sprach er betont langsam und scheinbar mehr zu sich selbst, so als ob er sich an deren Klang noch gewöhnen und deren Bedeutung für sich erst erschließen musste. „Glücklicherweise fand ich tatsächlich einige alte Weggefährten, die mich hierher begleitet haben und mich beim Aufbau unterstützen. Treue Seelen allesamt.“ Einmal mehr prostete er unbestimmt in die Höhe, doch diesmal nahm er anschließend auch einen tiefen Schluck.
„Wie ist es mit Euch, Hochgeboren?“, fragte er, nachdem er den Becher wieder abgesetzt hatte. „Habt ihr je an der Seite der Drachenpforter gekämpft? Wir haben den Rittern Weidens ja bei mehr als einer Gelegenheit den Ar... äh aus der Bredouille geholfen. Auch wenn die hohen Herrschaften das im Nachhinein meist nicht so wahrhaben wollten.“
Ein leises, aber dennoch erkennbar belustigtes „Hum“ blieb zunächst die einzige Reaktion auf Corans Worte. Widderich nahm sich Zeit, um die Züge des gebürtigen Alberniers noch einmal aufmerksam zu studieren und begann dann, schief zu grinsen. „Wenn Ihr eine Verteidigungsrede für meine Standesgenossen erwartet, muss ich Euch enttäuschen“, meinte er. „Ich war lange genug dabei, um zu wissen, dass Ihr die Wahrheit sprecht – und dass es sich gelegentlich auch andersherum verhält.“
Der Rotenforster spiegelte Corans Prost an Unbestimmt und trank ebenfalls einen Schluck, bevor er sich an die Beantwortung der Fragen machte. „Bei der Pforte, Hoher Herr. Dort habe ich an der Seite Eurer Leute gekämpft. Es war meine erste Schlacht als frischgebackener Ritter“, er schien das amüsant zu finden, denn sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „Man sollte meinen, dass ich danach genug vom Krieg gehabt hätte, aber dem war nicht so. Ich bin zur Tobimoragarde gegangen, habe dort eine Weile gedient und dann ... anderswo. Weit weg vom Einsatzgebiet der Drachenpforter.“ Er hob die Schultern. „Bei Wehrheim habe ich sie auch nicht erlebt, bis dorthin haben wir es nicht rechtzeitig geschafft. Und bald darauf kam ja schon die Ochsenbluter Urkunde.“
Jetzt war es an Coran, die Miene seines Gastes einige Zeit zu beobachten, bevor er antwortete. Dabei war ihm deutlich anzusehen, dass er dessen vermeintliche Heiterkeit nicht teilte. „Die Dritte Dämonenschlacht war Eure Feuerprobe, sagt Ihr? Gute Götter ...“ Für einen Moment verlor sich sein Blick in der Ferne, dann drehte er den Kopf und sah hinüber zu den beiden Mädchen vorm Kamin. Wie unter Kindern üblich, hatten sie ihre anfängliche Scheu voreinander schnell überwunden und waren nun einträchtig in ihr Spiel vertieft.
„Orlas Großvater haben wir dort verloren“, erklärte er leise. „Nur einer von vielen.“ Abermals fasste er den Rotenforster ins Auge. „Und ich fürchte, auch von den Überlebenden ist niemand so ganz unversehrt von da zurückgekehrt.“
„Ich habe meine ältere Schwester an der Pforte verloren, ein paar Vettern und Basen dazu. Viele Freunde und Bekannte. Kurz davor schon meinen ältesten Bruder bei Ysilia. Eine Großmutter ebendort. Und ein paar Basen und Vettern. Bekannte und Freunde.“ Widderich neigte den Kopf leicht zur Seite, während er Corans Blick zum Kamin folgte. Er verstummte für einen Moment und den Branghainer beschlich der Verdacht, dass sich die Gedanken seines Gastes in ähnlichen Bahnen bewegten wie seine kurz zuvor. „Auf etwas wie die Schlacht an der Trollpforte kann einen niemand vorbereiten, schätze ich, und entsprechend verheerend sind die Folgen, die es nach sich zieht. Ich kenne niemanden, der unversehrt daraus hervorgegangen wäre. Aber einige kommen besser mit den Erinnerungen zurecht als andere. Zum Glück.“
Nach dieser Feststellung trat für ein paar Herzschläge betretenes Schweigen ein – selbst das leise Schmatzen aus Thorolf Richtung verstummte vorübergehend. Dann räusperte sich Satijana und wagte einen Versuch, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. „Ich könnte mir vorstellen, dass eine friedliche Zeit in Trallop in vielerlei Hinsicht lohnenswerter gewesen wäre als das Leben hier in Ingerimms Steg, Wohlgeboren“, meinte sie an den Herrn des Hauses gewandt. „Verzeiht meine Offenheit, aber nach einer Belohnung klingt es irgendwie nicht, was der werte von Ruckenau Euch hier zugedacht hat. Eher nach ... einem weiteren Auftrag für einen treuen Gefolgsmann – Adelstitel hin, Adelstitel her. Seid Ihr zufrieden damit, wie sich die Dinge für Euch entwickelt haben?“
Coran begegnete der Frage verschmitzt lächelnd und mit einem anerkennenden Kopfnicken. „Ihr seid in der Tat sehr scharfsinnig, Hochgeboren. Aber seid versichert, ich wurde nicht gezwungen, nach Kressing zu gehen.“ Anstatt die Antwort weiter auszuführen griff der Branghainer zunächst zur Bierkanne, beugte sich über den Tisch und füllte seinen Gästen reihum die halbleeren Becher wieder voll, zuletzt sich selbst. „Auch, wenn ich einräumen muss“, ergänzte er anschließend dann doch mit einem Schulterzucken, „dass es eine gewisse Erwartungshaltung wohl gegeben haben mag.“ Er trank ein wenig ab, um nach einem abermaligen Seitenblick auf die kleine Orla hinterherzuschieben: „Abgesehen davon, ist das hier für mich vor allem aber auch eine letzte Gelegenheit, alten Verpflichtungen gerecht zu werden. Ein paar Dinge wieder ins Lot zu bringen. Halbwegs zumindest.“
„Verstehe“, gab die Rotenforsterin zurück, während ihr Blick von Orla zu Thorolf huschte, dann einmal durch den ganzen Saal und wieder zu Coran zurück. Er konnte die Neugier in ihren Augen blitzen sehen, doch sie riss sich am Riemen und sah davon ab, ihn zu fragen, um wessen Auftrag es sich handelte und was genau die Erwartung war. Vermutlich schwirrte diesbezüglich mehr als nur eine Vermutung in ihrem Kopf herum. Sie versuchte, das mit einem Lächeln zu überspielen und nickte bedächtig: „Es klingt ganz so, als würdet Ihr Euch in dieser Sache zuvörderst von einem noblen Antrieb leiten lassen. Darauf würde ich gern mein Glas erheben, denn so etwas ist mir hier in der Sichelwacht bisher eher selten begegnet.“
„Nun ja, das Leben hier ist von Entbehrungen geprägt“, griff Coran Satijanas Bemerkung auf nachdem die Runde sich ihrem Trinkspruch entsprechend zugeprostet hatte. „Nicht nur für das einfache Landvolk, auch für den Adel, da sage ich Euch nichts Neues. Dadurch bleiben gewisse Tugenden, die anderswo hochgehalten werden, möglicherweise etwas auf der Strecke. Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral – so heißt es doch. Und dennoch habe ich Selbstlosigkeit und Anstand schon häufig auch unter Sichlern erlebt, zugegebenermaßen nicht selten verborgen unter einer mitunter recht groben und unwilligen Oberfläche.“ Er hob beide Augenbrauen, als sein Blick vielsagend von der Baronsgemahlin zu Widderich wanderte.
Dann deutete er zu dem Wappenschild an der Wand, auf das ihn der Rotenforster angesprochen hatte. „Ein Großteil meines Regiments wurde damals in diesen Breiten rekrutiert, Drachenpforter eben. Daher kenne ich den Schlag ganz gut und kann das sagen, auch wenn ich selbst nicht von hier stamme.“ Er schien kurz zu überlegen und wandte sich dann wieder Satijana zu. „Und um genau diese Menschen geht es mir. Was Ihr als nobel bezeichnet, ist nichts anderes als das sehr selbstsüchtige Bestreben, am Ende meiner Tage zumindest einen Teil dessen wieder gutgemacht zu haben, für das ich verantwortlich bin.“ Er nahm einen weiteren Schluck. „Wisst Ihr, es ist nicht nur so, dass Orlas Großvater und so viele andere meiner Leute an der Trollpforte fielen, nein, ich bin es gewesen, der sie dort sehenden Auges in den Tod geschickt hat. In einen grausamen Tod. Und das war nicht die einzige Schlacht. Nicht der einzige Krieg.“
Die Schwermut, die Satijana mit dem Themenwechsel eigentlich hatte vertreiben wollen, drohte nach den bitteren Worten Corans erneut von den Anwesenden Besitz zu ergreifen – und sie reagierte entsprechend. Seine Bemerkung zur groben Oberfläche der Sichler samt eindeutigem Blick in Widderichs Richtung hatte ihr noch ein Schmunzeln entlockt, das jedoch schwand, nachdem er wieder auf den Krieg zu sprechen gekommen war. Die Baronsgemahlin wandte sich daraufhin vom Kressinger ab und ihrer schlechteren Hälfte zu – mit einer Miene, die erkennen ließ, dass sie abermals zu intervenieren gedachte. Als sie Widderich erblickte, schien sie diesen Plan jedoch binnen eines Herzschlags zu verwerfen. Offenbar verriet sein Gesichtsausdruck ihr mehr als Coran, der außer Nachdenklichkeit nicht viel erkennen konnte und die allein nicht für schwerwiegend genug hielt, um Satijanas prompte Kapitulation zu erklären.
„Nach allem, was ich weiß, habt Ihr nicht viel wiedergutzumachen, wenn es Euch gelungen ist, diese Leute bei halbwegs guter Gesundheit an Körper und Geist durch die Schlachten der vergangenen Jahrzehnte zu führen, Wohlgeboren“, meinte der Rotenforster schließlich mit ruhiger Stimme. „Sie sind Euch an einen von allen guten Göttern und Geistern verlassenen Ort gefolgt, was mir verrät, dass sie das genauso sehen. Eure Bescheidenheit ehrt Euch, aber von Selbstsucht solltet Ihr in diesem Zusammenhang nicht reden, denn damit hat es wahrlich nichts zu tun. Wenn deren Befriedigung Euer dringlichstes Bedürfnis wäre, hätte es einfachere Wege gegeben – die Belege dafür sind mannigfach.“ Widderich gönnte sich eine Pause, in der er die Nase krauste und schenkte Coran danach ein kaum merkliches Lächeln: „Wenn Ihr nicht nobel genannt werden wollt, soll es uns recht sein. Aber wir denken uns unseren Teil.“
Sichtlich verblüfft sah Coran seinen Gast einige Atemzüge lang an. Er schien zunächst nicht zu wissen, was er antworten sollte. Dann räusperte er sich „Danke, Hochgeboren“, brachte er hervor und neigte ein wenig seinen Kopf. „Soweit ich das beurteilen kann, seid Ihr kaum jemand, der anderen aus Gefälligkeit Honig ums Maul schmiert. Daher weiß ich Eure Worte zu schätzen und will nicht widersprechen.“
Widderich nickte daraufhin knapp und abermals schloss sich Stille an – keine trübsinnige diesmal, eher eine unbeholfene. Satijana seufzte innerlich. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, um das Gespräch am Laufen zu halten, war es Thorolf, der das Schweigen unvermutet beendete.
„Tobimoragarde, eh?“ bellte der alte Mann. „Hättet gleich sagen können, dass Ihr ein Kaiserlicher wart, Hochgeboren. Das erste Tobrien warn ganz ordentlicher Haufen, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht etwas lax, was die Disziplin angeht – waren aber ja auch fast nur Frischlinge damals, was?“
Die abschließende Frage hatte der kauzige Haushofmeister um Zustimmung heischend an Coran gerichtet, der den Einwurf seines Gefolgsmanns dankbar annahm. Mit gespieltem Ernst strich er sich durch den Bart, während er das Gesagte noch einmal zu überdenken schien. „Nun, sie haben ihren Beitrag geleistet, denke ich“, ließ er schließlich in jovialem Ton verlauten, wobei er erwartungsvoll zu Widderich hinüber schielte.
Der Rotenforster wusste durchaus, dass eine gewisse Rivalität, gegenseitiges Piesacken und mehr oder weniger gutmütiger Spott zwischen den einzelnen Regimentern in der Reichsarmee lange Tradition hatten. Einen ähnlichen Köder hatte Coran ihm vorhin ja auch schon einmal hingeworfen, als er davon sprach, dass Weidener Ritter häufig auf die Hilfe der Drachenpforter angewiesen gewesen seien.
An derlei Plänkelein hatte sich Widderich schon während seiner Zeit in Tobrien nie beteiligt, da er genau wusste, dass der Brauch öfter mal zu ordentlichen Raufereien unter den Soldaten führte und dass seine Art bestens geeignet gewesen wäre, just diese vom Zaun zu brechen. In der momentanen Situation schien die Gefahr allerdings gering, ging es doch offenbar mehr darum, ihm die Hand zu reichen, als auf die Nase zu hauen. Und darum, zu überprüfen, wie viel Reichsheer in diesem Weidener Ritter steckte.
„Nun ...“, hob der Rauheneck daher ziemlich gedehnt an, während er den Haushofmeister mit einem nachdenklichen Blick bedachte. Es dauerte offenbar einen Moment, bis ihm eine halbwegs angemessene Erwiderung einfiel. „Wenn Einheiten dauerhaft an der Front stehen und öfter als gut für sie wäre von ihren Offizieren getrennt hinter feindlichen Linien agieren müssen, ist eigenständiges Denken und Handeln gefordert. Leute, die beides gewohnt sind, lassen sich aber generell schwieriger führen, würde ich meinen. Das hätte sich im Rest des Heers vielleicht noch herumgesprochen, wenn es nicht aufgelöst worden wäre.“
Widderich schien nicht sicher, ob er mit diesen Worten übers Ziel hinausschoss und garnierte sie daher mit einem schiefen Grinsen, bevor er sich an Coran wandte: „Sie haben versucht, ihren Beitrag zu leisten. Aber die Aufgaben dort sind wahrlich nicht dankbar gewesen.“
Eisiges Schweigen antwortete ihm. Scheinbar hatte er bei seinem Gastgeber tatsächlich einen wunden Punkt getroffen. Der Rotenforster war schon drauf und dran, eine leise gebrummelte Entschuldigung hinterherzuschieben, als sich der Mund des Branghainers langsam ebenfalls zu einem Grinsen verzog.
„Ha, volle Breitseite“, johlte Thorolf nur einen Herzschlag später und, während er der überraschten Fählindis neben sich kräftig auf die Schulter schlug, prostete er dem Rotenforster feixend zu. Die junge Ritterin erholte sich schnell von ihrem Schreck und begann ebenfalls zu grinsen. Satijana hingegen schien das Ganze weniger amüsant zu finden. Sie stieß einen Seufzer aus, der in etwa genauso viel Frustration wie Erleichterung verriet und murmelte ein „Gute Götter nein, für ihren Feinsinn sind die Mitglieder der Familie Rauheneck wahrlich nicht bekannt.“ vor sich hin. Dabei sprach sie allerdings so leise, dass niemand außer Coran ihre Worte verstehen konnte.
Auch der hob nun seinen Becher. „Ich muss schon sagen“, pflichtete er seinem Kastellan bei, „Ihr macht keine Gefangenen. Und natürlich habt Ihr recht: Eure Leute haben ihren Wert damals sicher mehr als bewiesen – unter den gegebenen Umständen umso beachtlicher. Außerdem haben sie im Gegensatz zu den Weidener Regimentern das Ende des Reichsheers überdauert und halten heute noch die Fahne hoch – wenn nunmehr auch für ihren Herzog.“
Sein Grinsen wandelte sich zu einem wehmütigen Lächeln. Dann machte er eine wegwischende Handbewegung und beugte sich vor: „Sagt an, wie lange habt Ihr in der Garde gedient, Hochgeboren? Hattet Ihr einen Offiziersposten inne und haltet Ihr noch Kontakt zu Euren Kameraden von früher?“
„Sie wollten mir einen geben, gleich als ich dort aufgetaucht bin“, sagte Widderich, während er dem Beispiel seiner Gastgeber folgte und ihnen zuprostete. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, hielt er wenig davon, dass ihm der Posten seinerzeit umgehend angeboten worden war. Er ging darauf jedoch nicht ein. „Ich hatte daran aber kein Interesse“, erklärte er stattdessen. „Ich wollte einfach nur so viele von Arngrimms Leuten erschlagen wie möglich. Das habe ich dann auch getan. Für mehr als einen Götterlauf. Danach haben sie mich zum Offizier gemacht, ohne vorher noch mal zu fragen, und ich habe bald ein Jahr eine Einheit angeführt, die man wohl am ehesten als ... verlorenen Haufen bezeichnen könnte.“
„Wie, du hast einen Trupp Sträflinge befehligt und über Monde hinweg den Rammbock für die Kaiserlichen gespielt?“, platzte es an dieser Stelle aus Fählindis heraus. Sie war den Ausführungen ihres Dienstherrn bis hierher mit einer Miene gefolgt, die allerhöchste Spannung verriet – offenbar hörte sie die Geschichte gerade zum ersten Mal – und konnte nun endlich gar nicht mehr an sich halten.
Widderich quittierte ihren Ausbruch mit einem Schmunzeln und hob die Schultern: „Das kam mir einerseits entgegen, schließlich ging es mir ja gerade darum, immer vorn mit dabei zu sein. Es sind auch nicht alles Sträflinge gewesen. Das waren besondere Umstände damals. Es gab genug Leute, die sich freiwillig gemeldet haben. Weil sie bereit waren, ihr Leben für die Befreiung ihres Lands zu geben, oder weil sie eh schon alles verloren hatten. Oder beides.“
„Liebe Zeit“, hauchte Fählindis und starrte den Baron ungläubig an, während Satijana und Eberion über den Tisch hinweg verstohlene Blicke wechselten.
Derweil nahm Widderich Coran wieder ins Visier: „Verantwortung für Menschen zu tragen, deren Überleben unwahrscheinlich ist und die dann tatsächlich nach und nach alle das Zeitliche segnen, war andererseits nicht so das Meine. Daher habe ich mich schließlich einem Söldnertrupp angeschlossen, der ähnliche Aufgaben versah, in dem ich aber nicht das Sagen hatte.“ Der Rotenforster hielt kurz inne und meinte dann: „Die kurze Antwort auf Eure Frage lautet: Ich habe knapp drei Götterläufe bei der Garde gedient, eines davon als Offizier, und ich habe zu kaum einem Kameraden von damals Kontakt, weil die meisten tot sind.“
Auch Coran war den Worten des Barons interessiert gefolgt und der Ausdruck auf seinem Gesicht hatte währenddessen zwischen Respekt, Verständnis und Enttäuschung hin- und hergewechselt. Insbesondere die Aussage über die nichtgewollte Verantwortung schien ihm aufzustoßen, obwohl – oder wahrscheinlich gerade, weil – er die Gründe dafür sehr gut nachvollziehen konnte. Jetzt nickte er bedächtig. „Ich denke, in jenen Zeiten und in diesem Krieg war es an jedem einzelnen, seinen Weg zu finden und diesen letztlich vor sich selbst und den Göttern zu rechtfertigen“, erklärte er mehr oder weniger verklausuliert, bevor er einen weiteren Schluck nahm.
Der Blick des Rotenforsters ruhte auf ihm, während er das tat. Er sagte jedoch kein Wort und auch seine Miene war nicht sehr aussagekräftig. Sollte er Coran die Enttäuschung irgendwie angemerkt oder seine Worte im Geiste erfolgreich entklausuliert haben, schien ihn das nicht sonderlich zu berühren. Was womöglich daran lag, dass er nichts darauf gab, wie Andere über ihn dachten. Oder auch daran, dass er Enttäuschung schon zu lange gewohnt war, um sich daran noch groß zu stören.
Bei seiner Gemahlin verhielt sich das jedoch offensichtlich anders: Satijanas Blick wanderte langsam zwischen Coran und Widderich hin und her und die Stirn legte sich nachdenklich in Falten. Ihr war das Mienenspiel des Kressingers selbstverständlich nicht entgangen und es schien für sie nicht in Frage zu kommen, die einmal wahrgenommene Enttäuschung unangefochten im Raum stehen zu lassen.
„Er hat zehn Jahre in den Schwarzen Landen für das kaiserliche Heer gekämpft, Wohlgeboren“, meinte die Rotenforsterin schließlich an Coran gewandt. „Und das, ohne auf der Jagd nach einem Posten, Ruhm oder Kriegsbeute zu sein. Ich denke, das ist ein Weg, für den es vor den Göttern nicht viel zu rechtfertigen gibt?“ Eine vage beschwichtigende Geste ihres Mannes ignorierte sie geflissentlich und fuhr ohne Zögern fort: „Zumal Ihr sicher bestens darüber Bescheid wisst, dass Titel allein keine guten Anführer machen? Jemand, der direkt an ihrer Seite kämpft und in schwierigen Situationen spontan die Führung übernimmt, dürfte den meisten Soldaten doch lieber sein, als ein mit Orden behängter Feldherr auf irgendeinem Hügel, oder nicht?“
Die Worte hätten nach Angriff klingen können, wären sie nicht von einem freundlichen Lächeln begleitet worden. Auch in Satijanas Augen konnte Coran keinen Ärger erkennen, vielmehr schien sie ernsthaft daran interessiert zu sein, worauf genau er mit seiner doch etwas verschwurbelten Anmerkung abgezielt hatte. Dementsprechend nahm der das Gesagte offenbar recht gleichmütig auf und strich sich abermals durch seinen Bart, während er einen Moment über das Ganze nachzudenken schien.
Gerade als er zu einer Entgegnung ansetzen wollte, öffnet sich unvermittelt die Tür neben dem Kamin und Fenia Prutz trat ein, in der einen Hand eine bauchige Tonflasche, in der anderen ein Brettchen mit einigen kleinen Holzbechern. Sie verneigte sich knapp vor der Gesellschaft, stellte ihre Mitbringsel auf dem Tisch ab und wandte sich dann an den Herrn des Hauses. „Wohlgeboren, wenn es nichts mehr gibt, würde ich mich mit Eurer Erlaubnis zurückziehen. Dulga kommt in der Küche nun wohl alleine zurecht.“ Sie sah hinüber zu den spielenden Kindern. „Und ich vermute, auf meine Enkelin muss ich nicht warten.“
Der Angesprochene starrte einen Moment lang stirnrunzelnd auf die abgestellte Flasche, bevor er sich sammelte und antwortete: „Oh, natürlich, vielen Dank. Orla hat bestimmt nichts dagegen, heute bei Elfi zu übernachtet.“
„Hab’ ich nicht“, rief ebenjene piepsig und winkte, ohne von ihrem Spiel aufzusehen. „Gute Nacht, Baba.“
„Gute Nacht, mein Schatz“, antwortete Fenia milde lächelnd. Dann verneigte sie sich noch einmal, machte kehrt und verließ den Raum, während Coran blinzelte, um sich wieder auf das unterbrochene Gespräch zu besinnen, und kurz darauf zu schmunzeln begann.
„Ein mit Orden behangener Feldherr“, murmelte er mit Blick auf den ihm gegenübersitzenden Widderich und ließ den Satz kurz im Raum stehen – ein Umstand, den der Baron nutzte: Er schob ein leises „Bei leicht erhöhter Position sind die grundsätzlich besser sichtbar, da ergeben Hügel durchaus Sinn“ nach. Über den Grund für Corans bewusst gesetzte Pause konnte er bloß spekulieren, schien aber nicht zu befürchten, dass sich sein Gastgeber selbst angesprochen fühlen könnte. Der wurde nun wieder ernst und wandte sich an Satijana.
„Ihr habt Recht mit allem, Hochgeboren. Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe, bitte ich um Verzeihung. Und obschon ich meinte, was ich sagte, lag es nicht in meiner Absicht, zu urteilen. Ich bin mir sicher, dass Euer Gemahl seine Pflicht erfüllt und dem Reich mehr als genug gegeben hat.“ Der alte Ritter klang aufrichtig und um seine Aussage zu bekräftigen, sah er dem Rotenforster jetzt in die Augen und nickte bestimmt. „Und zu erkennen, dass ein Kommando nicht das Richtige für einen ist, ist sicher nichts Ehrenrühriges. Im Gegenteil. Ich habe genug ruhmsüchtige und inkompetente Oberste erlebt, denen eine solche Entscheidung zum Wohle ihrer Truppen gut zu Gesicht gestanden hätte.“
„Kann man so sagen“, kommentierte da Thorolf, der inzwischen die Flasche gegriffen und entkorkt hatte und nun dabei war, wölfisch grinsend die bereitgestellten Becherchen mit einer klaren Flüssigkeit zu füllen.
„Es ist nur so“, fuhr Coran derweil fort, „dass ich selbst eben nie die Wahl hatte und daher wohl mit Eurer Entscheidung etwas fremdele. War ja Offizier von Haus aus. Doch als ich meine Ausbildung vor so langer Zeit – gefühlt in einem anderen Leben – in Honingen antrat, war zugegebenermaßen nicht abzusehen, dass ich einmal Soldaten gegen einen solchen Feind ins Feld führen und für so viele Tote verantwortlich sein würde. Mag sein, hätte ich das damals geahnt, dass auch ich einen anderen Weg beschritten hätte.“
Er nickte dem Baron zu und lächelte versöhnlich. Der Rauheneck gab daraufhin mit einem Brummen zu verstehen, dass es seiner Meinung nach ohnehin keiner näheren Erklärung – oder gar Rechtfertigung – bedurft hätte. Für die Dauer eines Herzschlags war da etwas in seinem Blick, das Coran entfernt an Anteilnahme erinnerte.
Bevor er sich dessen sicher war, zog Satijana seine Aufmerksamkeit allerdings wieder auf sich, indem sie ein frohgemutes „Fein!“ von sich gab. „Also ... ich meine ... in Bezug auf die Sache mit den Göttern und dass wir das geklärt haben“, fügte sie dann an und geriet zum ersten Mal an diesem Abend selbst ins Schlingern. „Das andere ist natürlich nicht fein. Mit dem Krieg, den Toten und der Verantwortung. Das ist ... ähm ... ich meine ... wir sind Euch und Euren Offizierskollegen zu großem Dank verpflichtet. Dafür, dass Ihr das auf Euch genommen habt und immer noch nehmt. Ich will ... oder vielmehr ... kann mir gar nicht vorstellen, wie belastend das alles ...“ Sie unterbrach sich selbst und warf Coran einen hilfesuchenden Blick zu.
Der lächelte sanft und streckte seinen Arm aus um die auf dem Tisch liegende Hand Satijanas kurz zu tätscheln. „Das ist nun wirklich genug von Krieg und Tod“, beendete er das Thema dann. „Es sollte doch mit dem Namenlosen zugehen, wenn wir an diesem Abend nicht noch Erfreulicheres finden würden, über das es sich zu sprechen lohnte.“
„Normalerweise würde man an einer solchen Stelle wohl mit dem Wetter weitermachen oder einem oberflächlichen Geplauder über die allgemeine Lage in der Grafschaft“, sagte Eberion mit einem schiefen Lächeln in die Stille hinein, die eben zu entstehen drohte. „Da das aber momentan beides auch nicht gerade erfreulich ist ... erzählt uns doch was für ein Brannt das ist, den Euer Haushofmeister uns da gerade einschenkt.“
„Prutzer Rachenputzer“, kam Thorolf seinem Herrn zuvor und gab das Brettchen mit den nun gefüllten kleinen Bechern an Eberion weiter, ohne sich allerdings selbst einen davon genommen zu haben. „Darf nicht mehr“, erklärte er schulterzuckend, als er den fragenden Blick des jüngeren Rauhenecks bemerkte. „Magenleiden.“
„Meisterin Prutz ist begeisterte Brennerin. Schon sehr lange.“, ergänzte Coran mit neutraler Stimme, während er die Becher sorgenvoll betrachtete, die nun herumgereicht wurden. Leiser schob er hinterher: „Man sollte meinen, ich hätte mich mittlerweile dran gewöhnt.“
„Hat se damals in der Armee schon immer gemacht“, fügte Thorolf mit deutlich mehr Enthusiasmus hinzu. „Aus allem, was sich so finden ließ. Und auch heute experimentiert sie noch gerne etwas herum damit. Gutes Zeug aber. Hat uns durch manchen kalten Winter gebracht.“
Coran bedachte seinen Kastellan mit einem schwer zu deutenden Blick. Mittlerweile hatten sich alle bedient, bis auf Eberion, der entschuldigend lächelnd abgewunken hatte, als er die zweifelnde Miene seines Gastgebers erblickte. Augenscheinlich schwante ihm Übles und er wollte sich der Gefahr lieber nicht aussetzen. Der schien daran glücklicherweise auch keinen Anstoß zu nehmen, sondern nickte dem Rotenforster nur knapp zu.
„Na dann“, hob Coran an und unterdrückte ein Seufzen, bevor er in die Runde prostete. „Auf unerwartete Gäste und neue Bekanntschaften.“
Dann tranken sie.
Ins anschließende Keuchen und Husten mischte sich das Kichern Thorolfs. Er schlug Fählindis, die es offenbar am härtesten getroffen hatte und die kaum noch Luft zu bekommen schien, kräftig auf den Rücken, während Satijana am anderen Ende der Tafel scharf einatmete und den Stumpen mit etwas zu viel Nachdruck wieder auf den Tisch donnerte. Ihr Gesicht wurde erst blass und dann tiefrot. Unterdessen warf sie Coran einen ungläubigen Blick zu, aus dem er ein vorwurfsvolles „Im Ernst jetzt? So was kredenzt du deinen hohen Gästen“ herauszulesen meinte. Für einen Moment schien sie es nicht fassen zu können, stieß dann aber ein heiseres Lachen aus, das rasch in einen Hustenkrampf überging.
Selbst Widderichs sonst so eherne Züge entgleisten ein wenig, als seiner gepeinigten Kehle ein gutturales, an ein Knurren gemahnendes, Grollen entfuhr. Hätte nicht auch Coran ganz offensichtlich mit schmerverzerrtem Gesicht mit den Tränen zu kämpfen gehabt, hätte der Rotenforster wohl vermutet, dass er und seine Leute einem feigen Giftanschlag zum Opfern gefallen waren.
Eberion nahm das Ganze derweil mit großen Augen und einer Mischung aus Belustigung und Sorge zur Kenntnis – und selbst die beiden Mädchen unterbrachen kurz ihr Spiel, um ob der eigenartigen Geräusche neugierig zu den Erwachsenen hinüberzuspitzen.
„Früher haben wir damit unsere Klingen gereinigt.“, gab Thorolf fröhlich zum Besten. „Gut gegen Rost. Und gegen Ungeziefer.“
„Wie schön“, kam es daraufhin schnippisch von Eberion. „Wenn nun auch die Zunge Seiner Hochgeboren von Rost befreit ist, wird es ihm künftig womöglich leichter fallen, sich an den Gesprächen seiner Standesgenossen zu beteiligen.“ Nachdem das gesagt war, herrschte einen Moment irritiertes Schweigen im Saal. Dann begann Fählindis leise zu kichern, derweil Satijana den Bruder ihres Gemahls mit einem ungnädigen Blick erdolchte. Widderich hob tadelnd die Brauen und reckte das Kinn – halb störrisch, halb herausfordernd.
Coran vermutete, dass das Schauspiel etwas mit dem Auftreten des Rotenfosters beim Baronsrat zu tun hatte, von dem das Trüppchen just kam. Er traute sich aber nicht, nachzuhaken – auch wenn er die allgemeine Aufmerksamkeit damit ziemlich sicher von der Tatsache hätte ablenken können, dass er seinen blaublütigen Gästen gerade ein grausliches, ihrem Stand sicher alles andere als angemessenes Gesöff aufgetischt hatte.
Zu seiner Überraschung blieb die einzige Reaktion darauf aber ohnehin ein kurzer Blickwechsel zwischen dem Rotenforster Baron mit seinem Kastellan. Dabei wurde der Vorwurf in Widderichs Augen vom Hauch eines schiefen Grinsens auf seinen Lippen überlagert. „Wohlschmecken!“, rumpelte er schließlich und atmete tief durch – wohl um den letzten Fitzel Schmerz aus seiner Kehle zu vertreiben.
Anschließend richtete er das Augenmerk wieder auf Coran und ging nahtlos zu einem anderen Thema über: „Wenn ich das soweit alles richtig verstanden habe, lebt Ihr nun schon eine ganze Weile hier am Rande der Wüstenei, Wohlgeboren. Vielleicht könnt Ihr uns berichten, ob Euch in den vergangenen Götterläufen Veränderungen aufgefallen sind? Es heißt, die Wunde, die seinerzeit ins Land geschlagen wurde, schließe sich langsam wieder? Mir will auch so scheinen, aber Ihr wisst es sicher besser.“
Einigermaßen überrumpelt von der Frage, brauchte der Angesprochene einen Moment, bevor er antwortete und musste sich mehrfach räuspern, um seinen Rachen von dem betäubenden Nachgeschmack des Brannts zu befreien.
„Ja, durchaus. Die Veränderungen sind spürbar, wenn auch nur über einen längeren Zeitraum“, sagte Coran dann heiser und räusperte sich noch einmal. „Ich führe sogar Buch darüber, wie die Besserungen voranschreiten, um auskunftsfähig zu sein gegenüber der Vögtin, den Bannstrahlern und dem ... äh, also bei höheren Stellen. In meiner Situation ist Vorbereitung das A und O. Und daher weiß ich, dass die grüne Grenze – so nenne ich das – sich langsam, aber stetig, immer weiter in die Wüstenei hineinschiebt. Der frische Wasserzulauf des Orlbachs und die Pflanzungen der Pilger in den Randgebieten zeigen Wirkung, das kann man sagen. Allerdings wird es noch Jahre – oder Jahrzehnte – dauern bis man wirklich von einer flächendeckenden Erholung sprechen können wird, fürchte ich. Aber hier an der Grenze profitieren wir schon deutlich von den Verbesserungen, so klein sie auch sein mögen. Sonst wären wir ja auch gar nicht hier.“
Lächelnd nickte Coran dem Rotenforster bekräftigend zu. „Wisst Ihr“, schob er dann etwas leiser hinterher, „ich habe Tsa und Peraine mein Leben lang nie die rechte Ehrfurcht entgegengebracht. Mein Handwerk hatte einfach nicht allzu viele Berührungspunkte mit ihrem Wirken – von den guten Heilern, die unsereins nach einem Kampf immer wieder zusammenflickten, mal abgesehen. Ich vermute, Euch wird es da ähnlich gehen. Aber hier ...“ Der alte Soldat blickte zu dem Holzschnitt über dem Kamin und in seiner Stimme lag nun ein weicher, warmherziger Ton. „Glaubt mir, die Wunder der ewig Jungen und der Gütigen sind nicht weniger beeindruckend als die der Donnernden – nur nicht ... so laut.“ Er schmunzelte und ließ das Gesagte wirken.
Für einen Moment wurde es daraufhin still im Rittersaal. Die Rotenforster waren dem Blick des Hausherrn gefolgt und besahen sich das Bildnis der beiden Göttinnen – allerdings, ohne eine der Gesten zu machen, die in diesem Moment üblich gewesen wären und sich eigentlich auch aufdrängten. Aus welchem Grund das so war – darüber konnte Coran allenfalls Mutmaßungen anstellen. Vielleicht hatte es unter anderem damit zu tun, dass seine geschätzten Gäste allesamt deutlich jünger waren als er und eben noch keine Zeit gefunden hatten, eine vergleichbare Hochachtung für die erwähnten „leisen Wunder“ zu entwickeln? Außerdem war die Familie Rauheneck ein recht kriegerischer Haufen, nach allem, was er wusste. Da war die Nähe zu den milden Göttinnen vermutlich ohnehin nicht besonders ausgeprägt.
„Hört, hört!“, brummte Widderich schließlich in das anhaltende Schweigen hinein. „Ich hatte zuletzt auch den Eindruck, dass entlang der Wasserläufe wie an den Waldrändern wieder Leben entsteht. Und es hätte mich enttäuscht, wenn es sich anders verhielte. Der Alte Forst ist in diesen Breiten von jeher unangefochtener Herrscher – mit wenig Sinn für die Versuche all jener, die ihm Teile seines Bodens abringen wollen. Wenn diese Regel auch für die Wüstenei gilt, ist das ohne Frage eine gute Sache.“
Kein Wort zu Peraine, Tsa, ihrem wundersamen Wirken oder auch den Pilgern, die seinerzeit einen Gürtel aus Schößlingen um das verfluchte Gebiet herum gesetzt hatten. Der Fokus des Rotenforsters schien anderswo zu liegen.
„Ich mag das Bild“, sagte Satijana, ehe Coran dazu kam, etwas auf die Worte ihres Gemahls zu erwidern. „Es ist mir gleich aufgefallen, als ich den Raum betreten habe. Es vermittelt so eine ... heimelige, hoffnungsvolle Stimmung. Gut für ein sicheres Zuhause in einer grundsätzlich leider gar nicht sicheren Gegend, würde ich meinen. Woher habt Ihr es?“
Corans leicht irritiertes Stirnrunzeln ob der gleichgültigen Reaktion des Rauhenecks löste sich auf, als er sich dankbar Satijana zuwandte, um sich ihrer Frage zu widmen. Doch bevor er das konnte, erscholl schon eine Antwort aus einer ganz anderen Richtung.
„Das hat mein Papa gemacht!“, rief Orla von ihrer Spielecke aus und hob dann aufgeregt eine ihrer geschnitzten Figuren in die Höhe, die wohl einen Troll oder gar Oger darstellen mochte. „Und die hat er auch alle gemacht. Er kann alles schnitzen!“
„Ja, in der Tat“, stimmte Coran lächelnd zu. „Der Jann ist ein sehr begabter Holzwerker. Aber auch viele von den anderen meiner Leute verstehen sich darauf. Oder was meinst du?“ Um Bestätigung heischend blickte er zu Orla hinüber, die nach einem Moment kritischen Abwägens großmütig nickend zustimmte. Dann wandte sie sich unvermittelt wieder ihrem Spiel zu, welches wohl gerade darin bestand, dass ihr Troll-Oger feierlich um die Hand des von Lyngherid geführten Drachen anhielt und dabei mit den Worten „die sind echt lecker“ einige Ritterfiguren als Mitgift darbot.
„Im letzten Winter hat Orlas Vater das Bild angefertigt“, sprach Coran derweil weiter, „aus den Resten eines gefällten Baums. Wie gesagt, er ist recht geschickt mit sowas und in den kalten Monden ist dafür ja auch Zeit. Und es ist nicht bei dem einen geblieben. Mittlerweile haben wir schon mehrere solcher und ähnlicher Bilder hergestellt. Im darauffolgenden Sommer nämlich hat es immer mal wieder kleine Grüppchen von Pilgern hierher verschlagen und die waren ganz begeistert von dem Stück. Sahen es wohl ähnlich wie Ihr mit der Heimeligkeit und der Hoffnung, die es ausstrahlt. Und mir geht es ja auch so. Schaue es mir gerne an. Und etwas zwölfgöttliche Beschirmung in der guten Stube kann schließlich nie schaden.“
Mit leisem Zweifel im Blick drehte er den Kopf kurz in Richtung Widderichs, der zu diesen Worten bestätigend nickte und damit erkennen ließ, dass es um seine Götterfurcht vielleicht doch nicht ganz so schlimm bestellt war wie befürchtet. „Auf jeden Fall haben uns die frommen Leutchen die Bilder förmlich aus den Händen gerissen und gut dafür bezahlt, muss ich sagen“, fuhr Coran daraufhin fort. „Und häufig haben sie die dann später noch oben in den Tempeln von Neu-Dragenfeld und Perainengrund gegen eine Spende segnen lassen. Daher überlegen wir, ob wir im kommenden Winter noch deutlich mehr davon anfertigen und dann womöglich nach außerhalb verkaufen. Echte Kressinger Göttinnenbilder.“ Er lachte. „Was meint Ihr?“
„Ich meine, dass die Drachenpforte eine raue Gegend ist, in der die Menschen nichts geschenkt bekommen. Und dass sie deshalb keine Möglichkeit ungenutzt lassen sollten, sich Vorteile – welcher Art auch immer – zu verschaffen“, gab Satijana nach kurzem Zögern zurück. Ihr Blick wanderte erneut zu der Schnitzerei hinüber und sie wiegte nachdenklich den Kopf: „Allerdings kommen hier ja für gewöhnlich nur sehr wenige Menschen vorbei, hum? Also solltet Ihr Euch überlegen, wo oder wie Ihr im Zweifel mehr von diesen Schnitzerein an die Frau bringen könnt. Welches ist der nächste Marktflecken? Zollhaus? Salthel? Oder könntet Ihr vielleicht etwas mit den besagten Tempeln ausmachen, die Euch ein paar Bildnisse abnehmen, um sie dann vor Ort an Pilger zu verkaufen? So in der Art?“
Coran kratzte sich am Hinterkopf und sah ebenfalls nochmals hinüber zu dem Bild über dem Kamin während er kurz über den Vorschlag nachdachte. „Meint Ihr wirklich, das lohnt sich?“, hakte er schließlich nach, hatte er doch eigentlich nicht damit gerechnet, dass jemand seine halb scherzhaft gemeinte Bemerkung tatsächlich ernst nehmen und weiterspinnen würde. Satijana antwortete lächelnd mit hochgezogenen Brauen und einem leichten Schulterzucken: „Das könnt Ihr nur herausfinden, indem ihr es versucht, würde ich meinen. Ich habe hier in der Gegend schon von einigen deutlich weniger sinnvollen Geschäftsideen gehört.“
„Tjoa, vielleicht ...“, überlegte Coran. „Zollhaus und Salthel, ganz richtig. Dahin liefern wir ja auch regelmäßig unser Holz. Da kann man in diesem Zuge sicher auch die Schnitzereien feilbieten. Ein Versuch wäre es wert. Und hin und wieder kommt hier ja auch ein fahrender Händler vorbei. Der ist bestimmt nicht abgeneigt. Und das mit den Tempeln ist auch eine gute Idee. Möglicherweise akzeptiert man’s dort sogar als Teil des Tempelzwölft. Wie gesagt, die Pilger waren sehr angetan von den Bildern.“
Coran lächelte und prostete Satijana zu. „Auf die Kressinger Göttinnenbilder. Mögen sie für Hoffnung und Heimeligkeit sorgen, in den Sichelwachter Stuben und darüber hinaus.“
„Jawohl, auf die Kressinger Göttinnenbilder!“, entgegnete die Rotenforsterin, derweil sie dem Herrn des Hauses zunickte. „Auf die Kressinger Gastfreundschaft, die Bewohner Kressingens und Kressingen an sich.“
Gegen den Trinkspruch schienen auch die anderen Gäste des Branghainers nichts einzuwenden zu haben, denn sie schlossen sich ihm an, indem sie ihre Humpen hoben, ihn teils sogar leise wiederholten – ganz oder in Teilen.
Ein nächtlicher Rundgang
Gut Kressing, Baronie Ingerimms Steg, Ende Travia 1044 BF
Nachdem Elfwid und Algirdas den Saal verlassen hatten, drehte die Kriegerin sich zu dem Ritter um. „Ich werde mir noch meinem Umhang holen. Solltet Ihr auch tun. Nicht dass Ihr Euch einen Dumpfschädel holt“, erklärte sie kurzangebunden und stieg, ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, die Treppe ins obere Geschoss hinauf. Algirdas trottete hinterher und während er oben seine eigene Kammer aufsuchte, verschwand Elfwid hinter einer der Türen ganz am Ende des Korridors.
Bald darauf trafen die beiden sich – entsprechend vor Wind und Wetter geschützt – im Erdgeschoss wieder. Elfwid hatte nun auch ihr Schwert gegürtet und hielt Algirdas überdies wortlos seine eigene Klinge samt Waffengehänge hin. Der Rotenforster starrte einen Moment überrumpelt auf die Waffe hinab und sah Elfwid dann fragend ins Gesicht. Offensichtlich unterstellte er ihr in dieser Sache Eigenmächtigkeit und hatte so seine Zweifel daran, dass ihre Entscheidung bei anderen Kressingern Zustimmung finden würde. Statt jedoch nachzuhaken, griff er zu, gürtete sein Schwert und schien danach deutlich entspannter als zuvor.
Unterdessen ergriff Elfwid eine neben der Tür hängende Öllaterne, entzündete sie an einem an der Wand angebrachten Talglicht, das für ein wenig Licht in der Diele sorgte, und trat hinaus auf den Hof, wo leichter Schneeregen und eine schneidende Bö sie erwarteten.
Algirdas folgte ihr ins Freie, ließ seinen Blick dann erst nach links und rechts und anschließend nach oben gleiten, von wo es nun wieder auf ihn hinabschneite. Ein leises Schniefen verriet, dass sich seine Begeisterung darüber in Grenzen hielt, er sagte aber kein Wort, sondern schloss sich Elfwid flugs an. Die bog zunächst nach links ab und hielt geradewegs auf eine dortige Nebentür zu. Zweimal hieb sie kräftig dagegen. „Letzter Rundgang“, rief sie und als mehrere Augenblicke lang nichts geschah, setzte sie ein lautstarkes „Bartha, jetzt!“ hinterher. Nun dauerte es nicht lange, bis sich der Eingang öffnete und Lichtschein und Wortfetzen hinaus drangen. Eine launige Unterhaltung schien im Gange zu sein und Algirdas meinte, darunter auch das durchdringende Organ Wolfgards auszumachen.
Eine Gestalt mit einem Säbel an der Hüfte erschien im Türrahmen – anscheinend die gerufene Bartha - und trat, während sie sich einen Mantel überwarf, nach draußen. „Wehe, einer fasst meinen Becher an. Ich bin gleich wieder da“, blökte die Frau über ihre Schulter zurück und Algirdas glaubte, sie anhand ihrer Stimme als die dreiste Wächterin wiederzuerkennen, die seine Leute Anfangs so brüsk am Tor hatte stehen lassen.
„Was machste denn son Wirbel, Elfi? Ist doch ...“, wandte sich die Narbengesichtige an Elfwid, brach aber mitten im Satz ab, als sie bemerkte, dass die Kriegerin nicht allein war. Sie versteifte sich und musterte den Jungritter kurz aus zusammengekniffenen Augen, wobei ihr Blick einige Herzschläge lang an seinem Schwert haften blieb, schien sich dann aber schnell wieder zu fangen. In neutralem Ton fuhr sie fort: „Ich meinte, ich komme schon, Frau Elfwid. Verzeiht mir meine Bummeligkeit.“
Anschließend ging sie den beiden voran über den Hof auf das Tor zu, wo sie einen schnellen Blick durch die Sichtluke warf, bevor sie den Riegel aus der Halterung hob und einen der Torflügel soweit aufzog, dass Elfwid und Algirdas sich hindurchschieben konnten.
Eine Weile schritten die beiden danach schweigend nebeneinander her – der Weg führte sie zunächst um das Gutshaus herum – und die Stille wurde immer lauter. Irgendwann schien Algirdas zu dem Schluss zu gelangen, dass das nicht der optimale Verlauf für einen solchen Rundgang war. Ein Räuspern kündigte an, dass er das Schweigen zu brechen gedachte – dann dauerte es aber noch einen Moment, bis ihm etwas einfiel, womit er das sinnvollerweise tun konnte. Halbwegs, jedenfalls.
„Wie lange lebt Ihr schon hier in Ingerimms Steg, hohe Dame?“, fragte er schließlich.
„Das deckt sich mit unserer Zeit hier in Kressing“, antwortete Elfwid ohne den Blick von der im Dunkeln liegenden Umgebung abzuwenden. „Anderthalb Götterläufe. Vorher bin ich selbst nie in der Drachenpforte gewesen.“
Fast schien es, als ob der zaghafte Beginn dieser Unterhaltung auch schon ihr Ende gewesen sein sollte, da rang sie sich doch noch ein paar weitere Worte ab: „Wie ist es denn mit Euch? Stammt Ihr aus der Sichelwacht und kennt Euch hier aus? So wie ich es verstanden habe, habt Ihr ja sogar die Wüstenei schon einmal durchquert.“
„Nein, ich nicht. Das letzte Mal, als Seine Hochgeboren hier durchkam, war ich nicht dabei. Von selbst würde ich auf so eine Idee auch nicht kommen“, erwiderte Algirdas. „Das dürfte für die meisten Sichler gelten, aber in Rotenforst ... nun ja ... .“ Er hielt kurz inne und wandte sich dann rasch Elfwids anderer Frage zu: „Ich wurde in Drachenstein geboren, in Zollhaus ausgebildet und bin anschließend nach Rotenforst gegangen. Habe die Sichelwacht selten verlassen, also wenn ich mich irgendwo auskenne, dann hier. In der Drachenpforte.“ Er sah die Tochter des Branghainers fragend an: „Euer Vater ist nicht von hier, richtig? Wo habt Ihr Eure Kindheit verbracht? Und wo Eure Ausbildung erhalten?“
„Mein Vater stammt aus Albernia. Der Dienst in der Reichsarmee hat ihn jedoch schon recht früh in die Mittnacht verschlagen und hier ist er seitdem auch geblieben“, gab Elfwid zurück während sie um eine Gebäudeecke bog. „Ich wurde in Traunwart geboren, einem kleinen Junkertum im Baliho’schen. Dort bin ich aber mit vier Jahren schon fort ...“ Sie hielt kurz inne und für einen Moment wirkte es, als ob sie noch etwas zu den Umständen ihres Aufwachsens sagen wollte, es sich letztlich aber anders überlegte.
„Auf jeden Fall habe ich später an der ‚Schwert und Schild‘ zu Baliho meinen Kriegerbrief erworben“, fuhr sie stattdessen fort, „und anschließend bei den Rundhelmen Aufnahme gefunden.“ Als sie wahrnahm, wie Algirdas in Reaktion auf ihre Aussage verblüfft die Augenbrauen hochzog – die Zugehörigkeit zu den traditionsreichen herzöglichen Rundhelmen war schließlich mit einem gewissen Renommee verbunden – begegnete sie seinem Blick mit einem süffisanten Lächeln. „Wie Ihr anmerktet, mag der Name Branghain in Euren Kreisen nicht bekannt und keinen besonders ruhmvollen Klang haben, in anderen hingegen wird er hochgeschätzt und ebnet Wege.“
„Uhum“, machte der Sichler leise und verengte die Augen etwas, als er Elfwid einen prüfenden Blick zuwarf. Er schien genau zu wissen, worauf sie sich mit ihrem Anwurf bezog, sagte aber nichts zu seiner Verteidigung, sondern konzentrierte sich auf eine der anderen Aussagen, die sie getätigt hatte. „Wie darf ich das denn verstehen?“, hakte Algirdas mit einem Hauch von Irritation in der Stimme nach. „Habt Ihr den Dienst bei den Rundhelmen quittiert, um mit Eurem Vater hierher zu kommen? Nach Ingerimms Steg?“
„Oh nein“, entgegnete die Kriegerin, „ich gehöre dem Regiment noch immer an, wurde aber bis auf weiteres von meinen Pflichten freigestellt, um meinem alten Herrn hier zur Seite stehen zu können.“ Der Rotenforster runzelte die Stirn und Elfwid machte eine Pause, um ihre Behauptung sacken zu lassen. Dann ergänzte sie wie beiläufig: „Wie gesagt, mein Vater hat durchaus Beziehungen.“
„Hört, hört! “, lautete die prompte Erwiderung des Ritters. „Muss schön sein, einen Vater zu haben, dessen Ruf einen voranbringt, statt alles noch schlimmer zu machen.“ Den fragenden Blick, den Elfwid ihm daraufhin zuwarf, ignorierte er geflissentlich und tat so, als sei er vollauf damit beschäftigt, ihr näheres Umfeld im Auge zu behalten.
Mittlerweile hatten sie das Gutshaus fast umrundet und die Kriegerin verharrte kurz, während sie zum westlichen Rand der Lichtung spähte, wo sich in einiger Entfernung der charakteristisch kegelförmige Umrisss des Göpels undeutlich vor dem fahlen Licht des Madamals abzeichnete. Nach einem Moment ging sie weiter und hielt auf die vor dem Gutshaus liegenden Gebäude zu.
„Darf ich Euch etwas fragen?“, erkundigte sie sich nach ein paar Schritten und obwohl ihr Begleiter mit einem Kopfnicken sogleich sein Einverständnis signalisierte, brauchte Elfwid noch einige Augenblicke um sich die rechten Worte zurechtzulegen. „Es geht mich sicher nichts an und Ihr braucht auch nicht zu antworten“, brachte sie schließlich hervor, „aber ich bin neugierig. Warum steht Ihr im Dienste Rotenforsts? Ich habe bisher den Eindruck gewonnen, dass Ihr mit den meisten Entscheidungen Eures Herrn hadert und generell eher unzufrieden seid – mit Verlaub.“
„Hum“, machte der junge Mann und gab dann ein kurzes, trockenes Lachen von sich. „Ich hadere allgemein gern und mit den Entscheidungen meines Herrn besonders“, sagte er dann. „Sie eignen sich dafür ganz vorzüglich, weil sie oft nicht dem entsprechen, was mir in meiner Knappenzeit als gut und richtig und vor allem als standesgemäß vermittelt wurde. Warum ich trotzdem in seinen Diensten stehe ... ?“
Algirdas warf Elfwid einen nachdenklichen Blick zu. Kurz schien er zu überlegen, ob er nicht von ihrem Angebot Gebrauch machen sollte, die Aussage zu verweigern. Doch dann hob er die Schultern, schlug den Umhang zurück und nestelte an seinem Gürtel herum. Es dauerte nicht lange, bis er ein kleines, gesticktes Bild so zurechtgezuppelt hatte, dass sie einen Blick darauf werfen konnte. Es zeigte das Wappen der Familie von Stockach, allerdings mit einem hässlichen, schwarzen Bastardbalken belegt.
„Es ist nicht so, als könnte ich bei der Wahl meines Dienstherrn aus den Vollen schöpfen“, fügte er als Erklärung an. „Und außerdem erfülle ich damit den letzten Wunsch meiner Mutter.“
Elfwid verzog erstaunt das Gesicht. „Ich verstehe“, sagte sie und nickte bedächtig, bevor sie sich abwandte und den Weg fortsetzte.
Eine Zeit lang gingen sie schweigend nebeneinander her, wobei Algirdas merkte, wie seine Begleiterin ihm nun immer wieder neugierige Seitenblicke zuwarf und stets wie zufällig den Kopf wegdrehte, wenn er im Gegenzug zu ihr hinüberschielte.
„Nimerfro“, sagte Elfwid plötzlich in die Stille hinein und blieb stehen.
Algirdas sah sie fragend an, da er offenbar nicht verstand, was sie ihm damit sagen wollte.
„Das ist der Name der Familie meiner Mutter. In Traunwart“, schob sie erklärend nach. „Auch ich bin ein Bankert, müsst Ihr wissen, und als meine Mutter starb, haben die mich weggegeben, in die Obhut meines Vaters. Da bin ich vier Jahre alt gewesen.“ Sie strich sich eine vorwitzige feuchte Strähne aus dem Gesicht und schob sie zurück unter die Kapuze. Ihr Blick verlor sich für einen Moment in der Ferne.
Unterdessen musterte Algirdas die junge Kriegerin neugierig, sagte aber keinen Ton. Wohl weil ihm klar war, dass sie in Gedanken gerade ganz woanders weilte.
„Mittlerweile habe ich mich mit ihnen nach sehr langer Zeit ausgesöhnt“, sagte Elfwid schließlich. „War nicht leicht, aber ... die richtige Entscheidung.“ Sie lächelte. „Den ersten Winter hier haben wir sogar nur dank Unterstützung der Nimerfros heil überstanden, was meinen Vater insgeheim heute noch wurmt. Was ich sagen will: Ich kann komplizierte Familienverhältnisse ganz gut nachvollziehen.“ Ihr Lächeln wurde ein Stück breiter. „Und wie sich sowas aufs Gemüt schlagen kann.“ Jetzt grinste sie ihn frech an. „Womöglich wäre Nimerfro der passendere Name für Euch?“
„Ich bin lieber grantig, als gar keine Gegenwehr zu leisten und so zu tun, als wäre alles beim Besten“, erwiderte Algirdas. „Ich habe mich mit der Familie meiner Mutter nicht ausgesöhnt, meine Chancen würden – nach allem, was ich weiß – aber auch denkbar schlecht stehen. Ich verzichte lieber darauf, mir den Kopf an deren verschlossenen Toren blutig zu stoßen.“ Er lächelte freudlos und hob die Schultern.
„Ihr wurdet uns nicht als Elfwid von Nimerfro vorgestellt. Also ... wollen sie trotz Aussöhnung nicht, dass Ihr diesen Namen tragt?“, fragt er dann. „Oder sind die Bande zum Vater so stark, dass Ihr dessen Namen bevorzugt?“
„Anders als ich, hat mein Vater seinen Frieden mit den Nimerfros noch nicht gemacht, fürchte ich“, entgegnete die Kriegerin. „Daher verzichte ich hier auf ihren Namen, obwohl sie mich akzeptiert haben und ich auch ihr Wappen tragen darf. Sie deutete auf ihr Schwert und im Licht der Laterne war unterhalb des versilberten Scheidenmunds ein in das Leder geprägte Bildnis eines bärtigen traurig dreinblickenden Gesichts zu erkennen. „Ich bin den Nimerfros bestimmt sehr verbunden für ihre Hilfe, die sie uns vor einem Jahr zukommen ließen, und auch dafür, wieder ein Teil der Familie meiner Mutter sein zu dürfen, aber es sind noch zarte Bande und meinem Vater habe ich sehr viel mehr zu verdanken – einfach alles. Daher ...“
„Nachvollziehbar“, sagte Algirdas und versank dann in nachdenkliches Schweigen. Kurz hatte sie den Eindruck gehabt, dass er noch etwas ergänzen wollte – oder jedenfalls glaubte sie, in seinen Augen ein tieferes Verständnis aufblitzen zu sehen als erwartet. Er überlegte es sich dann aber offensichtlich doch anders und schritt lieber kommentarlos neben ihr einher.
Die beiden hatten mittlerweile die Ansammlung von Gebäuden passiert und den südlichen Rand der kleinen Siedlung erreicht, wo sie nun noch einmal wachsam rundherum Ausschau hielten.
„Ich habe gesehen, dass Ihr einen Bogen mit Euch führt“, gab Elwid von sich, während sie scheinbar konzentriert in die regenverhangene Dunkelheit starrte. „Geht Ihr gerne jagen? Fühlt Ihr Euch dem Alten vom Berg verbunden?“
Algirdas zuckte mit den Schultern. „Ihm und seiner Schwester Rondra vor allen anderen, würde ich sagen. Hat aber nicht viel zu heißen. Hier in der Drachenpforte ist er ja so allgegenwärtig, dass einem kaum etwas anderes übrigbleibt“, meinte er. „In der Wildnis Rotenforsts führt jedenfalls kein Weg an ihm vorbei. Ich schätze, die Jagden dort würden ihm auch gut gefallen. Sie haben nicht viel mit den Hatzen des Adels in anderen Ecken Weidens gemein.“ Er blickte Elfwid fragend an: „Versteht Ihr Euch denn aufs Waidwerk?“
„Lange Zeit gar nicht“, lautete die Antwort. „Weder hatte ich die nötigen Fähigkeiten noch konnte ich je die rechte Begeisterung dafür aufbringen. Aber die Nimerfros sind eifrige Firunsjünger und als neues Familienmitglied haben sie mich ein Stück weit bekehrt und mir einiges beigebracht.“ Sie hielt kurz inne und überlegte. „Kommt, ich will Euch etwas zeigen.“
Sie wandte sich zum Gehen, nahm jedoch nicht den direkten Weg zurück zum Gutshaus, sondern schlug einen Bogen nach Osten zum dortigen Waldrand.
Wenig später gelangten sie an einen etwas abseitsstehenden offenen Holzbau zwischen einigen Bäumen. Er bestand aus vier stabilen Holzpfosten, die ein tief heruntergezogenes Walmdach trugen, das wiederum einen großen flachen Findling beschirmte. Elfwid schlüpfte rasch unter das Dach ins Trockene, wo sie ihre Kapuze abstreifte und sich das nasse Gesicht abwischte.
Algirdas tat es ihr gleich und nahm anschließend den eigentümlichen Ort im Licht der Lampe in Augenschein. Der Bau war im Inneren von firungefälligen Schnitzereien übersät und wirkte noch vergleichsweise jung. Der Stein in seiner Mitte hingegen strahlte eine Aura von ehrwürdigem Alter aus. Er war dunkel, von Moos bewachsen und an der Oberseite eigentümlich glatt. An den Seiten waren Reste von kruder Bearbeitung zu erkennen und zu erfühlen, die mit etwas Vorstellungskraft offenbar Jagdszenen darstellten. Der junge Rotenforster spürte, dass sich in ihm eine sonderbare Ruhe ausbreitete. Trotz dieser törichten Reise, den Umständen ihrer Ankunft in Kressing, dem Sauwetter und allem anderen, fühlte er sich so ausgeglichen, wie schon lange nicht mehr.
„Als wir hier ankamen, war der Schrein verfallen“, erklärte Elfwid derweil und strich bedächtig mit der Hand über den Felsen. „Und nach der Katastrophe und der langen Zeit danach lag wohl auch kein Segen mehr auf dem Ort. Obwohl weder mein Vater noch ich uns dem Weißen Jäger besonders nahe fühlten, haben wir den Schrein wieder hergerichtet – weniger aus wirklicher Hingabe, mehr aus Pflichtgefühl den Zwölfen gegenüber.“ Sie atmete tief ein und lächelte. „Im letzten Jahr dann wurde er wieder eingesegnet. Ein Geweihter aus den Reihen der Nimerfros, mein Onkel Grimsam, besuchte uns und hat sich dessen angenommen.“
Sie kehrte sich vom Stein ab und Algirdas zu. Eine bisher nicht gezeigte Milde lag in ihren Zügen. „Mittlerweile gehe ich gerne zur Jagd. Ich bin zwar nicht wirklich gut, aber hin und wieder doch erfolgreich. Vor allem jedoch finde ich bei meinen Streifzügen durch die Wälder einen Frieden, den ich bis dahin nicht gekannt hatte. Das verdanke ich den Nimerfros. Hätte ich mich vor einem Jahr, zugegeben aus der Not heraus, nicht an sie gewandt – etwas das ich lange Zeit für unmöglich gehalten hatte, sicher auch aus Angst, mir eine blutige Nase zu holen – würde mir heute etwas fehlen. Und ich wüsste es nicht einmal.“
Algirdas nickte zu Elfwids Worten. Seine Miene allerdings verriet, dass er damit nur deren Kenntnisnahme signalisierte und nicht etwa Zustimmung zum Inhalt. Es schien ihn durchaus zu interessieren, was sie über ihre Familie zu erzählen hatte, Parallelen zu seiner eigenen Situation erkannte er dabei aber offenbar nicht. Ihm war sicher klar, welche tiefere Botschaft vor allem die letzten Sätze enthielten, er nahm sie jedoch nicht für sich an – und womöglich war es allein der beruhigenden Wirkung des Steins zu verdanken, dass er nicht zornig aufbegehrte.
„Es freut mich, zu hören, dass Ihr so gute Erfahrungen mit der Familie Eurer Mutter gemacht habt und dass Euch das ... die Versöhnung Frieden bringt“, sagte er und es klang aufrichtig. „Allein, meine Situation ist nicht mit Eurer vergleichbar: Ich will mich nämlich gar nicht versöhnen! Meine Mutter wurde vor die Tür gesetzt, als sie schwanger war. Sie hat im Exil in Drachenstein gelebt und durfte sich glücklich schätzen, dass Ihr nicht das Recht genommen wurde, Familiennamen und -wappen zu tragen. Sie hat immer und immer wieder Kontakt gesucht, hat versöhnliche Töne angeschlagen und wollte die Beziehung kitten. Alles ohne Erfolg. Sie war für die Verwandtschaft bis zum Schluss nicht mehr als ein leidiger Schandfleck. Und jetzt bin ich einer.“
Elfwid sah ihr Gegenüber mit großen Augen an. Das Mitgefühl, das in ihnen lag, versetzte Algirdas einen Stich und veranlasste ihn dazu, sich abrupt von ihr abzuwenden.
„Verzeiht“, brachte die Kriegerin als Reaktion hervor. „Ich wollte Euch nicht ... ich meine, es ist bestimmt nicht an mir, Euch gute Ratschläge zu erteilen. Meine Geschichte ist sicher anders als die Eure.“ Sie hob ihre Rechte und streckte sie unbeholfen ein wenig nach vorne, verhielt aber kurz bevor sie den Ritter berührte, da dessen zusammengezogene Brauen und unzufrieden gekrauste Nase den Verdacht nahelegten, dass er im Moment gar nicht angefasst werden wollte. Er hatte den Blick wieder auf den Stein in der Mitte des Schreins gerichtet und schien nicht geneigt, irgendwie auf ihre Worte zu reagieren.
„Es tut mir leid, dass die Familie Eurer Mutter so unnachgiebig ist“, fügte Elfwid dennoch an. „Ich kann verstehen, dass Euch das wütend macht. Glaubt mir, ich verstehe das. Mir ging es ganz ähnlich. Und auch, wenn es bei mir versöhnlich ausging, heißt das nicht, dass ich die jahrelange Wut und die Ohnmacht vergessen habe oder je vergessen werde.“ Jetzt ließ sie ihre Hand doch vorsichtig auf Algirdas Schulter sinken und drehte ihn mit sanftem Druck wieder zu sich um. „Obwohl Ihr scheinbar gern alles dransetzt, Euch wie ein unhöflicher Schandfleck zu benehmen“, sie lächelte erneut, „denke ich nicht, dass Ihr wirklich einer seid. Und Ihr solltet aufhören, das selbst zu glauben.“ Sie lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Und wieder ein guter Ratschlag. Ich fürchte, ich kann nicht aus meiner Haut.“
Algirdas Blick huschte überrascht vom Stein zu Elfwids Hand hinüber, als sie den Kontakt doch noch herstellte. Er schreckte zwar nicht zurück und wies sie auch nicht ab, schien aber generell überfordert mit der Frage, wie er auf diese vertraute Geste reagieren sollte. Schließlich hob er die Schultern und sah seinem Gegenüber in die Augen. „Wenn’s der Familie meiner Mutter gegen den Strich geht und ihrem Ansehen irgendwie schadet, bin ich gern ein Schandfleck“, meinte er und die Branghainerin glaubte mit einem Mal den Anflug eines schiefen Grinsens auf seinen Lippen zu erkennen. „Ganz unabhängig davon, was ich selbst zu sein glaube. Unhöflich ... ? Vielleicht. Ich würde es eher un...verstellt nennen. Aber da sind wir in der Sichelwacht vielleicht einfach weniger empfindlich als anderswo in Weiden.“
Elfwid spiegelte das schiefe Grinsen des Ritters und nickte. „Na dann, Algirdas, der Unverstellte, Schandfleck der Sichel und Stachel im Fleische der Stockachs, ich weiß nicht, wie es mit Euch ist, aber ich bin mittlerweile durchgeweicht genug und habe Durst. Ich schlage vor, wir kehren langsam zurück.“ Sie zog ihre Kapuze wieder über den Kopf und wandte sich zum Gehen. Vorher blickte sie sich jedoch noch einmal verschmitzt zu dem Rotenforster um: „Nicht, dass es noch zu Gerüchten kommt und am Ende mein Ruf Schaden nimmt.“
„Nichts läge mir ferner als das“, kam es ohne Zögern zurück. „Ich schätze, Ihr habt es auch so schon schwer genug.“ Mit diesen Worten schlug Algirdas die Kapuze seines Umhangs ebenfalls wieder hoch und folgte der Tochter seines Gastgebers hinaus in den Regen.
Der Ausklang
Gut Kressing, Baronie Ingerimms Steg, Ende Travia 1044 BF
Bartha, die hinter dem Tor pflichtgemäß auf die jungen Leute gewartet hatte, warf ihnen ob ihrer späten Rückkehr einen missbilligenden Blick zu und grummelte: „Dachte schon, Ihr hättet euch verlaufen.“
Die mürrische Wächterin ignorierend beeilten sich Elfwid und Algirdas, zurück ins Haupthaus zu gelangen, wo sie sich flugs ihrer Mäntel und Waffen entledigten – diesmal händigte der Rotenforster sein Schwert ohne Aufforderung und kommentarlos aus – bevor sie schließlich gemeinsam in den wohlig warmen Rittersaal zurückkehrten, wo im selben Moment die laufende Unterhaltung zwischen den Älteren zum Erliegen kam. Alle Augen richteten sich auf sie.
„Alles in Ordnung draußen“, gab Elfwid von sich während die beiden wieder ihre alten Plätze einnahmen und so taten, als würden sie die fragenden Blicke der anderen nicht bemerken.
„Das will ich hoffen“, entgegnete Coran lauernd. „Hat ja lange genug gedauert, der Rundgang.“
„Mhm“, meinte Elfwid nur ungerührt und griff nach der Bierkanne, um sich einzuschenken.
„Dachte ich mir auch so ... Kressingen muss irgendwie größer sein, als es auf den ersten Blick wirkt“, warf Fählindis feixend ein. „Oder dass ihr beide vielleicht Gefallen an den Sturzfluten und der Kälte da draußen gefunden habt.“ Sie neigte den Kopf zur Seite und hob die Schultern, während sie Algirdas fixierte: „Als hätten wir heute nicht schon genug davon gehabt, um uns den Rotz gleich dreimal zu holen!“
„Frouwen Elfwid hat mir den Firun-Schrein gezeigt“, erwiderte der Stockacher, ohne eine Miene zu verziehen. „Der hat ein Dach, da regnet es also nicht rein. Ich weiß aber sehr zu schätzen, dass du dich um meine Gesundheit sorgst.“
„Weniger um deine Gesundheit als um deinen guten Ruf, Vetter – so ganz allein da draußen mit einer jungen, ungebundenen Dame“, meinte Fählindis und lachte leise. Interessanterweise schien die kleine Spitze nicht nur sie, sondern auch die anderen Rotenforster zu amüsieren: Widderich schüttelte kaum merklich den Kopf, Satijana lächelte milde und Eberion erstickte sein Lachen, indem er sich noch einen Schluck Bier gönnte.
Allein Algirdas trotzte der allgemeinen Heiterkeit. Er gab ein kühles „Witzig!“ von sich, ehe er Elfwid einen Blick zuwarf, der irgendwie entschuldigend wirkte. „Das geht gegen mich, nicht gegen Euch, hohe Dame. Nehmt es Euch nicht zu Herzen, sondern seht es als das, was es ist: Das Gerede von jemandem, der seine gute Erziehung gern mal vergisst, wenn die Eltern nicht direkt daneben sitzen.“
„Oh, macht Euch keine Sorgen, damit weiß ich schon umzugehen“, entgegnete die Angesprochene ungerührt und beugte sich über den Tisch um auch Algirdas’ Becher wieder zu füllen. Dann wandte sie sich mit einem kalten Lächeln, an die neben ihr sitzende Fählindis. „Und Eure Frotzelei, werte Dame von Habechhegen, sagt sicher mehr über Euch selbst aus, als über Euren Waffengefährten, den ich als untadeligen und ehrenhaften Mann kennenlernen durfte.“ Ihre Miene nahm nun einen mitleidigen Ausdruck an. „Ich vermute da eine tiefsitzende Sehnsucht in Euch. Wie sonst könntet Ihr eine Wachrunde bei diesem Hundswetter mit einer wildromantischen Tändelei in Verbindung bringen. Da habt ihr Eurer Fantasie wohl zu sehr freien Lauf gelassen. Ich rate Euch, gebt nicht zu viel auf die Sänge der Barden.“
Fählindis quittierte den Anwurf, indem sie überrascht die Brauen hob, derweil sie Elfwid mit neu erwachtem Interesse im Blick musterte. Einen Moment lang schien sie nicht zu wissen, wie sie mit deren unerwartet scharfer Reaktion umgehen sollte, entschied sich dann aber für ein Lächeln. Sie schürzte die Lippen, schob das Kinn vor und nickte bedächtig. Sie schien auch etwas auf die Worte der Branghainerin erwidern zu wollen, doch die war noch nicht fertig mit ihr.
Elfwid tat, als sei ihr gerade noch etwas Wichtiges eingefallen und fuhr vollkommen unbeirrt fort: „Doch womöglich seid Ihr nur enttäuscht, weil Ihr selbst gerne zur Patrouille ausgerückt wärt. In Eurer Vorstellung muss so etwas ja geradezu einer Geschichte von tausendundeinem Rausch gleichen – zusammen mit dem guten Thorolf vielleicht. Eure heimlichen Seitenblicke den ganzen Abend über sind mir nicht verborgen geblieben.“
Nach einem Herzschlag der Stille prustete Thorolf los und schlug sich auf den Oberschenkel. Sein Herr Coran hingegen schien von der ganzen Situation sichtlich überfordert zu sein und blickte etwas hilflos von einem zur anderen.
„Hmhum“, murmelte Fählindis unterdessen. Ihr Lächeln hatte sich zu einem breiten Grinsen ausgewachsen, als sie Elfwid dabei zuhörte, wie sie ihre abstruse Geschichte immer weiterspann. „So ein Mist aber auch ...“, die Habechhegen löste den Blick von der Branghainerin, um zum Kressinger Haushofmeister hinüber zu sehen und ihm verschwörerisch zuzublinzeln. „Ich hatte so sehr gehofft, dass es niemandem aufgefallen ist. Zeigt mal wieder, wie wenig ich mich im Griff habe, schätze ich. Vielleicht holen wir das nach? Mit dem Rundgang, meine ich? Wenn der Herr Kastellan noch nicht zu viel vom guten Schnaps getrunken hat, dass tausendundeinem Rausch in unerreichbare Ferne gerückt sein sollten?“
Fählindis lachte leise und gönnte sich dann selbst einen ordentlichen Schluck Bier. Als sie den Humpen wieder absetzte, heftete sie ihren Blick an Algirdas und nicht an Elfwid, obwohl die anschließenden Worte ganz klar an sie und nicht an ihn gerichtet waren: „Womit er, also der besagte Rausch, übrigens für mich auch kein bisschen ferner läge als für Euch, Hohe Dame. Anders als es für Außenstehende vielleicht klang, habe ich nicht einen Herzschlag lang daran gezweifelt, dass sich mein Vetter Euch gegenüber untadelig und ehrenhaften betragen hat. Alles andere wäre nämlich eine Premiere gewesen und ... na ja ... eine angenehme Überraschung, möchte ich fast sagen.“
Von den Worten der jungen Ritterin überrumpelt, schaute Elfwid einige Herzschläge lang einigermaßen bedröppelt drein. Offensichtlich hatte sie die Situation falsch eingeschätzt und sich, im Reflex, Algirdas gegen die Sticheleien Fählindis’ zur Seite zu stehen, etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Besser hatte sie es für ihn dadurch sicher nicht gemacht. Innerlich schalt sie sich dafür und noch mehr verdammte sie diese verkorksten Rotenforster und ihre ruppigen Umgangsformen, mit denen sie sich wohl auch untereinander nicht verschonten.
Sie verkniff sich eine weitere bissige Antwort, zumal ihr ohnehin keine passende Replik in den Sinn kam, und zuckte nur einmal mit den Schultern, als ob ihr das Gesagte nichts bedeutete – wobei ihr arbeitender Unterkiefer etwas ganz anderes signalisierte.
„Herr Algirdas war auf jeden Fall eine sehr angenehme Gesellschaft“, brachte sie schließlich noch heraus, halb zu sich selbst, halb in die Runde gemurmelt, bevor sie eben jenen mit einem kurzen Blick bedachte, der eine Bitte um Entschuldigung beinhalten mochte, als auch etwas anderes, das schwerer greifbar war.
Algirdas begegnete diesem Blick, hatte der seine doch ohnehin vorher schon aufmerksam auf Elfwids Gesicht geruht. Sie war mit anderen Dingen beschäftigt gewesen und hatte es daher nicht bemerkt, doch der Stockacher ließ sie nach dem verbalen Frontalangriff auf seine Base nicht mehr aus den Augen und verfolgte ihr Mienenspiel mit schlecht verhohlenem Interesse. Als die Branghainerin ihn jetzt ansah, lächelte er ihr zu – ehrlich und erstaunlich verbindlich, wie sie es keineswegs erwartet hätte – und gab ihr mit einem angedeuteten Kopfschütteln zu verstehen, dass er keinen Grund für Entschuldigungen sah.
Und dann meldete Coran sich lautstark zu Wort. Er hatte seine Verwirrung mittlerweile überwunden und schien sich deutlich bemüßigt zu fühlen, das Geplänkel zwischen den jungen Leuten – das ihm offenkundig unangenehmer war, als jedem anderem am Tisch – endgültig zu beenden: „Wie ist es? Soll ich noch etwas Bier kommen lassen?“
„Zumindest für einige von uns ist der Abend wohl beendet“, gab Thorolf da lächelnd zu bedenken und deutete mit einem Nicken in Richtung des Kamins, vor dem zwei tapfere Schildmaiden den Kampf gegen den Herrn Boron inzwischen verloren hatten. Eingerollt lagen die beiden Mädchen dort mit vor Müdigkeit geröteten Wangen inmitten ihres Spielzeugs auf der Decke und schlummerten friedlich.
Widderich folgte dem Wink des Haushofmeisters und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er der friedlich-entspannten Situation vor dem Kamin gewahr wurde. Wenigstens ein Teil des Nachwuchses ging sich nicht gegenseitig an die Gurgel. Das war ja schon mal was. Anschließend ließ er den Blick über seine Gefolgsleute gleiten, am Ende kam er auf seiner Gemahlin zur Ruhe. Die machte eigentlich noch einen ziemlich munteren Eindruck, trotzdem schien vor allem ihr Anblick dazu zu führen, dass der Baron eine rasche Entscheidung in Sachen Nachschub traf.
„Angesichts den Strapazen des Tages wird es das Beste sein, wir ziehen uns zurück und finden ein bisschen Schlaf“, meinte er. „Schließlich müssen wir morgen zurück auf die Straße und es ist nicht gerade der angenehmste Teil der Strecke, der uns erwartet.“
Satijana quittierte seine Worte mit einem leisen Brummen – sie hatte offenbar Gefallen an der Gesellschaft in der Guten Stube gefunden. Sie widersprach jedoch nicht, sondern nickte widerwillig. „Ich fürchte, er hat Recht“, murmelte sie mit einem bedauernden Blick in Corans Richtung. „Und für Euren Bierkeller ist das sicher auch besser so.“
Der Branghainer tätschelte als Antwort einmal mehr Satijanas Hand und erwiderte ihren Blick mit offensichtlich nicht weniger Bedauern. „Ja, es ist wohl das Vernünftigste“, stimmte er dann zu, „auch wenn wir hier lange nicht mehr so eine gesellige Runde beisammenhatten – zumal eine solch charmante ...“, sein Blick wanderte von Satijana hinüber zu ihrem Gemahl, „... bemerkenswerte ...“, dann weiter zu Algirdas, „... und angenehme“. Beim letzten Wort verengten sich seine Augen ein wenig. „Aber was wäre ich für ein Gastgeber, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse über die meiner Besucher stellte.“
Thorolf nahm dies wohl zum Zeichen, um seines Amtes zu walten und sich knochenknirschend in die Höhe zu stemmen. „Dann werde ich mal alles für die Nacht vorbereiten lassen.“ Er drehte sich zur Küchentür: „FALBER!“
Nur einen Moment später steckte der Gerufene seinen verbundenen Kopf ins Zimmer.
„Die Herrschaften wünschen, sich zurückzuziehen. Sieh zu, dass sie alles haben, was sie brauchen.“ Dann beugte sich der Haushofmeister zu Fählindis hinunter, die gerade den Rest ihres Bechers austrank und raunte ihr etwas ins Ohr: „Meine Kammer liegt direkt gegenüber dem Saal. Ich lasse sie unverschlossen.“ Ohne eine Reaktion abzuwarten, wandte er sich ab und humpelte in Richtung der Küche.
Die Angesprochene verschluckte sich unterdessen und schaffte es nur mit großer Mühe, ihr Bier nicht vor Überraschung wieder auszuprusten. Einen Moment kämpfte sie mit sich, dann sah sie dem alten Mann halb amüsiert, halb irritiert hinterher. Sein Tonfall war nämlich todernst gewesen.
Elfwid, die die Offerte Thorolfs ebenfalls gehört hatte, stieß der verunsicherten Ritterin in die Seite und schenkte ihr ein ermunterndes Kopfnicken. So bekam sie mit, wie die Habechhegen den Unterkiefer leicht vorschob und ein mutwilliges Funkeln in ihre Augen trat, als sie den Blick erneut an die Küchentür heftete. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was genau im Kopf der Rotenforsterin vorging, sondern erhob sich lieber feixend und machte sich daran, die schlummernde Orla vor dem Kamin aufzusammeln.
Während nun alle aufstanden und sich zum Gehen wandten, trat Coran, nachdem er Satijana den Stuhl zurückgezogen hatte, an Widderich heran und hielt ihn an der Schulter fest. „Wenn Ihr gestattet: Auf ein Wort, Hochgeboren.“
Der Rotenforster war gerade dabei gewesen, den Weg zum Kamin anzutreten, um seine schlafende Tochter einzusammeln und hatte ganz offensichtlich nicht damit gerechnet, dass irgendjemand mit ihm auf Tuchfühlung gehen würde. Coran spürte, wie sich der Leib des Mannes kurz an-, dann aber auch gleich wieder entspannte. Er wandte sich mit fragend gehobenen Brauen zu ihm um, gab ein kurzes „Mhm ... ?!“ von sich, bedeutete Eberion hernach wortlos, dass er sich um Klein-Lyngherid kümmern sollte, und nickte seinem Gastgeber zu:
„Freilich, Wohlgeboren. Worum geht es denn?“
Mit einem Blick bat Coran seinen Gast darum, einen Moment zu warten bis die anderen den Raum verlassen hatten. Außerdem schickte er die Magd, die zwischenzeitlich zum Aufräumen durch die Küchentür hereinkam, mit einem kurzen Wink wieder zurück. Als sie schließlich alleine waren, wandte er sich mit ernster Miene an den über ihm aufragenden Baron.
„Der Weg durch die Wüstenei“, begann er ohne Umschweife. „Ich weiß, dass Ihr Eure Entscheidung bereits getroffen habt und wohl auch nur schwer davon abzubringen seid, aber ich muss Euch dennoch dringend raten, noch einmal darüber nachzudenken.“ Als sein Gegenüber keine Regung zeigte, sprach er weiter.
„Mir geht es nicht um irgendwelche Erlasse und Edikte“, erklärte der ältere Mann mit beschwörender Stimme, „denn auch wenn sich die Situation durchaus gebessert haben mag, ist es noch immer ein gefährlicher Ort, ein böser Ort.“ Er zögerte, bevor er fortfuhr, und drehte den Kopf ein wenig, um in das Kaminfeuer zu stieren und einmal tief ein- und wieder auszuatmen. „Glaubt mir, wir leben hier und spüren es jeden Tag. Ihr dürft die Schrecken dort nicht unterschätzen, denn nicht alle können mit dem Schwert bezwungen werden. Ihr und Eure Ritter werdet sicher damit zurechtkommen, auch ohne Bannstrahler“, er sah den Rotenforster jetzt wieder direkt an, „Aber was ist mit Eurer Gemahlin und vor allem mit Eurer Tochter?“
Widderich hatte Coran in aller Ruhe ausreden lassen. Auch nachdem der gebürtige Albernier seine kurze Ansprache beendet hatte, wahrte er noch einen Moment sein Schweigen. Einen sehr ausgedehnten Moment, um genau zu sein. Kurz bevor es unangenehm werden konnte, zwang der Rotenforster seine Zähne aber doch wieder auseinander. „Ihr habt Recht“, meinte er schlicht. „Mit allem ... fast allem, was ihr sagt. Es ist kein kluges Vorhaben und ich weiß zu schätzen, dass Ihr mir die Gefahren noch einmal in Erinnerung ruft. Allein, wir haben entschieden, diesen Weg zu nehmen, um Zeit zu sparen und die Fährnisse des Vorgebirges zu dieser Zeit des Jahres zu umgehen. Den Plan jetzt wieder über den Haufen zu werfen, würde Zeit kosten, die wir uns nicht leisten können ... oder wollen.“
Widderich erkannte offenbar, dass sich Widerspruch in Coran regte und er kurz davor stand abermals – sicher berechtigte – Einwände zu erheben. Er kam dem zuvor, indem er die rechte Hand hob. Entschieden, aber nicht herrisch. „Ich glaube, ich hatte erwähnt, dass ein paar von uns vor einigen Jahren schon mal auf der Strecke unterwegs waren? Ich weiß ganz sicher nicht um alle Schrecken, die in der Wüstenei lauern, aber ich weiß, dass wir es an einem Tag bis zum Tsatempel in Alt-Dragenfeld schaffen können. Und ich vertraue darauf, dass wir die Nacht dort gut überstehen werden. Am Tag darauf schaffen wir es aus dem Gebiet heraus, so die Guten Götter und Geister es wollen. Ich denke, das ist es wert.“
Er zögerte kurz und neigte den Kopf leicht zur Seite: „Selbstverständlich wäre es klüger, meine Tochter dem Ganzen nicht auszusetzen. Aber eine gefahrlose Alternative scheint mir der Sieben-Baronien-Weg momentan auch nicht.“
Corans Miene zeugte noch immer von deutlichen Zweifeln, doch dann zuckte er einmal resigniert mit den Schultern und beugte schließlich zum Zeichen, dass er nicht weiter nachhaken würde, sein ergrautes Haupt.
„Dann sei es so“, sagte er matt. „Meine Gebete und guten Wünsche werden Euch begleiten.“ Unvermittelt wandte er sich ab und drehte den Lehnstuhl, auf dem Satijana zuvor gesessen hatte, zum Kamin. „Habt eine geruhsame Nacht, Hochgeboren“, brachte er noch hervor, bevor er darauf niedersank und sich sein Blick in den Flammen verlor.
Widderich gab ein knappes „Euch dasselbe, Wohlgeboren!“ zurück, ehe er sich zum Gehen wandte. Er war schon halb aus der Tür, als ihn die Erkenntnis einholte, dass sich etwas an der Haltung seines Gastgebers maßgeblich verändert hatte, bevor er ihn entließ. Und zwar nicht unbedingt zum Guten. Der Rotenforster hielt also noch einmal an und warf einen Blick über die Schulter. Die zusammengehuddelte Gestalt des Branghainers vorm Kamin sorgte dafür, dass er fragend die Stirn runzelte.
Allerdings wirkte Coran nicht so, als ob er an einem weiteren Austausch interessiert ... oder gedanklich überhaupt noch vor Ort gewesen wäre. Also beließ Widderich es bei einem prüfenden Blick, hob dann gleichmütig die Schultern und zog ab.
***
In seinem Kämmerchen stieß der Baron von Rotenforst gleich wieder auf jemanden, der eine Denkerpose eingenommen hatte: Im Schneidersitz thronte Satijana auf dem Bett, da es hier sonst nicht wirklich ein Möbelstück gab, bei dem sich das angeboten hätte. Neben ihr lag die wie ein Kätzchen zusammengekringelte Lyngherid und schnurchelte leise vor sich hin. Dafür hatte sie im Moment aber weder Augen noch Ohren, sondern richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf Widderich, sobald dieser den Raum betrat. Ihr Blick wirkte dabei neugierig und ein klein bisschen pikiert, vor allem aber belustigt. Letzteres gab dem Rotenforster zu denken, denn ihm war nicht klar, mit welchem Fehltritt er diese Regung ausgelöst hatte. Mal wieder. Ohne Frage würde sie ihn das aber gleich wissen lassen. Das Funkeln in Satijanas Augen verriet nämlich, dass sie ihn umgehend zu triezen gedachte.
Er brummte ein leises „Was?“ in den Raum hinein, um ihr zu signalisieren, dass er erkannt hatte, was ihm blühte.
„Faszinierend“, sagte sie daraufhin schmunzelnd. „Einfach nur fazinierend!“
„Wie meinen?“
„Ich glaube, in all der Zeit, die wir uns nun schon kennen, habe ich dich in Gesellschaft Fremder noch nie so ... redselig erlebt, Widderich“, gab Satijana zurück. „Du bist verdächtig schnell mit Coran und Thorolf warm geworden und hast dir dann ausnahmsweise mal nicht mehr jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen lassen, sondern hin und wieder sogar aus eigenem Antrieb etwas zur Konversation beigetragen. Mir war nicht bewusst, dass so was überhaupt geht.“ Sie hob die Schultern, schüttelte den Kopf und schenkte ihm ein schiefes Grinsen. „Ich habe dich bisher offenbar zu billig davonkommen lassen und hätte mit mehr Nachdruck darauf bestehen sollen, dass du dich aktiv in Gespräche mit deinen Standesgenossen einbringst!“
„Hum“, machte Widderich, derweil er sein Schwert an das Tischlein lehnte und damit begann, seine Gürtel zu entwirren.
„Nein, im Ernst“, beharrte Satijana. „Was war das bitte? Irgendein ... Soldatendings etwa? Reichsheerverschworenheit oder so?“ Sie runzelte fragend die Stirn. „Es ist ja nun beileibe nicht das erste Mal gewesen, dass wir jemanden treffen, der in irgendeiner Form gedient hat. Gerade erst waren wir bei Herrn Lanzelund zu Gast, der ja offenbar sogar drüben im Tobrischen seinen Kopf für das Reich hingehalten hat. Trotzdem scheinst du mit ihm mehr zu fremdeln als mit den Leuten hier. Muss ich das verstehen?“
Widderich seufzte, während er seiner Frau einen prüfenden Blick zuwarf. Wie sinnvoll wäre es wohl, ihr erklären zu wollen, dass Dienen nicht gleich Dienen war? Dass da, wo er sich verdingt hatte, kaum ein anderer Adeliger anzutreffen gewesen wäre, weil die in solche Einheiten schlicht nicht hineingehörten. Normalerweise.
„Da kannst du stöhnen so viel du willst, das nimmt meiner Frage nicht die Berechtigung“, murmelte Satijana. „Ich meine ... dir muss doch klar sein, dass wir es deutlich leichter hätten, wenn du mit deinen Standesgenossen so reden würdest wie mit Coran und Konsorten? Und warum auch nicht? Sie sind genau wie du. Von deinem Blut. Diejenigen, die zählen, wenn du es irgendwann mal schaffen willst, als Baron von Rotenforst Fuß zu fassen. Du kannst sie nicht ewig mit Barschheit geißeln, sonst verlieren sie irgendwann die Geduld!“
„Dass sie genau wie ich sind, würden viele von denen entschieden zurückweisen“, entgegnete Widderich. „Wie ein Rauheneck will nun wahrlich niemand sein.“
„Ich beginne, hinter dieser Aussage mehr und mehr eine Schutzbehauptung zu sehen. Der Herr dieses Hauses hat schon Recht, wenn er sagt, dass man an einem Ruf arbeiten kann. Man muss es halt nur wollen!“ Satijanas Augen funkelten herausfordernd, als sie das sagte. „Bei dir ist es doch eher so, dass du gar nicht sein magst wie deine Standesgenossen, eh? Du verbrüderst dich lieber mit dem einfachen Volk. Warum? Was bringt dir das?“
„Mir sind Leute lieber, bei denen ich nicht das Gefühl habe, ständig auf dem Prüfstand zu stehen. Das bringt mir Frieden. Außerdem kann ich mit dem, wonach meine Standesgenossen streben, gemeinhin weit weniger anfangen als mit dem, wonach meine Vasallen streben“, gab Widderich gleichmütig zurück. „Ich habe solange ausschließlich mit Gemeinen zu tun gehabt, dass sie heuer mein gewohntes Umfeld sind, während ich mich unter Adeligen fremd fühle. Ich war ja auch schon vor meiner Zeit in Tobrien nicht fest im Weidener Adel verwurzelt. Woher also sollte das Gefühl kommen, zu dieser Gemeinschaft zu gehören?“
Nachdem das gesagt war, herrschte einen Moment Schweigen im Raum. Satijana beobachtete Widderich mit nachdenklichem Blick dabei, wie er sich langsam aus seinen Kleidern schälte. Er konnte schwer einschätzen, was in diesem Moment in ihrem Kopf vorging – glaubte aber, Betroffenheit aus ihren Augen herauslesen zu können. Wahrscheinlich, weil er erstmals etwas laut ausgesprochen hatte, das sie bislang nur vermuten konnte. Und weil die Gewissheit dazu führte, dass sie sich mit diesem ,Problem‘ künftig ernsthaft auseinandersetzen musste. Letzteres erklärte sicher auch die Entschiedenheit, die sich nach ein, zwei Herzschlägen Ratlosigkeit zu ihrer Betroffenheit gesellte. Sie schniefte und schob den Unterkiefer leicht vor. Ein klares Anzeichen dafür, dass sie seine Worte zwar gehört und verstanden hatte, aber nicht bereit war, sie ohne Gegenwehr hinzunehmen.
„Vielen Dank für die Offenheit“, meinte sie schließlich. „Ich nehme das jetzt erstmal einfach alles so zur Kenntnis. Aber glaube ja nicht, dass dieses Gespräch beendet ist. Ich vertage es lediglich, weil ich gerade schlicht und ergreifend zu müde bin, um mich auf eine Diskussion mit dir altem Dickschädel einzulassen.“
„Den Guten Geistern sei’s gedankt!“, brummelte Widderich – und hatte arge Not, das kleine, erstaunlich harte Kissen abzuwehren, das gleich darauf mit unerwarteter Geschwindigkeit auf seinen Kopf zu segelte.
Am nächsten Morgen
Gut Kressing, Baronie Ingerimms Steg, Ende Travia 1044 BF
Früh am nächsten Morgen versammelte sich die Reisegesellschaft auf dem Innenhof des Gutshauses. Das Wetter hatte sich zwar ein wenig gebessert – Wind und Schneeregen hatten sich in der Nacht zur Genüge ausgetobt – doch herrschte noch immer eine unbehaglich kriechende nasse Kälte, die, unbeeindruckt von gefettetem Leder, dicken Pelze und langen Wollmänteln, für allgemeines Frösteln sorgte. Die einzigen, denen dies nichts auszumachen schien, waren Lyngherid und Orla, die gemeinsam mit den Rotenforster Hunden ungestüm über den Platz tobten.
Das Kressinger Gesinde hatte beim Satteln und Beladen der Pferde geholfen und sich anschließend nach einer kurzen, aber herzlichen Verabschiedung von Wolfgard und Eberhelm – anscheinend hatte man sich gut untereinander verstanden – zum größten Teil wieder ins warme Innere des Gebäudes verzogen.
Während nun die letzten Vorbereitungen zur Abreise getroffen wurden, stand Coran dem Baron und seiner Gemahlin gegenüber.
„Vielen Dank für die Vorräte“, brummte er. „Wir können sie gut gebrauchen.“ Wie von Satijana vorgeschlagen, waren die mitgeführten überschüssigen Lebensmittel der Rotenforster inzwischen ins Lager des Gutshauses gewandert. Dem Branghainer war anzusehen, dass ihm das noch immer nicht so ganz behagte, doch die vernünftigen und durchaus energisch vorgebrachten Einwände seiner Tochter und seines Haushofmeisters hatten ihn letztlich einwilligen lassen.
„Als kleine Gegenleistung aber möchte ich auch Euch etwas überlassen“, sprach er weiter. Er zog unter seinem Umhang eine runde Holzscheibe hervor und hielt sie Satijana hin, die sogleich erkannte, um was es sich dabei handelte: Die Tsa- und Perainegefällige Schnitzerei, die über dem Kamin im Kressinger Rittersaal gehangen hatte. „Es ist nur eine Kleinigkeit, aber bei Eurem Vorhaben mag Euch alles, was die Götter wohlwollend auf Euch schauen lässt, von Nutzen sein“, ergänzte er mit einem kurzen Seitenblick auf Widderich. „Und vielleicht lasst Ihr das Stück bei der Gelegenheit gar im Tempel von Dragenfeld segnen.“
„Moment einmal ...“, Satijana nahm das gute Stück vorsichtig entgegen und bedachte es mit einem prüfenden Blick. „Bitte sagt mir, dass Ihr es nicht von Eurer Wand abgehängt habt und uns jetzt mitgebt, Wohlgeboren? Es ist ja nicht so, als ob Ihr hier auf das Wohlwollen der Götter verzichten könntet?“
„Doch, so ist es“, gab Coran zurück. „Und wenn Ihr schon meinen Rat nicht wollt, so nehmt wenigstens das hier an. Das erstere muss ich wohl akzeptieren, beim zweiteren dulde ich keine Zurückweisung.“ Obwohl er diese doch überraschend schroff vorgebrachten Worte zu Satijana sprach, war offensichtlich, wem sie eigentlich galten. „Ich bitt’ Euch“, schob er in versöhnlicherem Ton hinterher. „Ich würde ruhiger schlafen. Und Jann kann uns ja bald ein neues anfertigen.“
Es war offensichtlich, dass Corans Eröffnung Satijana Unbehagen bereitete. Sie schien drauf und dran, trotz seiner großen Entschiedenheit Widerworte zu leisten, als ihr wohl bewusst wurde, welches Drama sich hinter den Kulissen abspielte. Ihr Blick huschte vom Branghainer hinüber zu ihrem Gemahl und dann wieder zurück. Auf ihrer Stirn bildeten sich unterdessen ein paar tiefe Falten und sie seufzte leise. Statt aufzubegehren, biss sie sich aber schließlich auf die Unterlippe und nickte ergeben.
„Gut. Wir werden Euer Geschenk in Ehren halten und ich hoffe, dass Ihr wirklich bald für Ersatz in Eurer Guten Stube sorgt“ meinte sie. „Im Gegenzug will ich Euch etwas geben, das Ihr hoffentlich in Ehren haltet. Ich weiß ja nun, dass es hier in Kressing Menschen gibt, die einem guten Schnaps etwas abgewinnen können. Also ... .“
Satijana wandte sich mit einem schiefen Grinsen ab und gab der Waffenmagd, die in Widderichs Gefolge reiste, einen knappen Wink.
„Und was meint Ihr, Herr Algirdas? Ob Euch Euer Weg in Zukunft noch einmal hierher führen, wird?“ An anderer Stelle im Hof hielt Elfwid unterdessen das Pferd des jungen Ritters am Zügel fest, während jener Bogen und Köcher am Sattel befestigte.
„Wann immer es mich vom äußersten Osten der Mittnacht aus nach Westen zieht, würde ich meinen“, antwortete der Stockacher, derweil er sich an seinem Ross verkünstelte. „Leider stehen solche Reisen bei uns nicht oft auf der Tagesordnung, weil der Weg lang und beschwerlich ist und es sich meistens einfacher gestaltet, noch weiter nach Osten zu schweifen, um im Bornland zu erwerben, was immer wir zum Leben brauchen.“
Nachdem das gesagt war, wandte er sich zu Elfwid um und schenkte ihr ein unsicheres Lächeln. „Oder, wenn meine Pflichten im Dienst des Barons es zulassen, sollte das hier ... eine Einladung gewesen sein ... ?!“ Er zögerte kurz und meinte dann: „Ihr seid auf dem Klagenfels jedenfalls willkommen, sollten Euch Eure Reisen dereinst durch Rotenforst führen. Herr Widderich wird Eurem Vater ohnehin jeden Moment eine Einladung aussprechen, da bin ich mir sicher. Aber ... ähm ...“ Algidas räusperte sich und hob die Schultern: „Ich denke, es schadet nicht, wenn ich Euch persönlich auch nochmal einlade. Für jemanden, der dem Alten vom Berg und seiner milden Tochter zugeneigt ist, gibt es in Rotenforst einiges zu sehen, seid versichert.“
Elfwid erwiderte das Lächeln, doch nicht unsicher, eher schalkhaft. „Nun ja, da Ihr Euch letztlich doch als ganz passable und einigermaßen interessante Gäste herausgestellt habt, denke ich, seid Ihr hier in Zukunft immer gerne gesehen“, gab sie von sich und überreichte ihm die Zügel. „Und da Ihr wohl jemand seid, der durchaus gute Ratschläge vertragen kann und ich jemand bin, der durchaus gern gute Ratschläge gibt, wäre es doch schade, wenn das hier unser letztes Zusammentreffen gewesen sein sollte, meint Ihr nicht auch?“
Die Blicke der beiden jungen Leute fanden einander. Für einen kurzen, verwirrend intensiven Moment sahen sie einander einfach nur an. Dann schien Algirdas plötzlich aufzugehen, dass er den Sitz seiner Ausrüstung doch noch einmal dringend überprüfen musste und Elfwid entdeckte unvermittelt etwas auf der anderen Seite des Hofes, was ihrer sofortigen Aufmerksamkeit bedurfte.
Erst ein paar Herzschläge später ergriff sie wieder das Wort: „Ich würde gerne einmal nach Rotenforst kommen.“ Der gutmütig spöttische Tonfall war aus ihrer Stimme verschwunden, diesmal klang sie ernst. Was sie nicht aussprach, aber wusste – und Algirdas wohl ebenso –, war, dass es für einen Besuch so weit im Osten für die Kressinger eigentlich keine Notwendigkeit gab und sich damit auch nur schwerlich Gründe finden lassen würden, die ihren Vater von der Sinnhaftigkeit einer solchen Reise überzeugten. Aber das waren Probleme für morgen.
„Dann solltet Ihr das auf jeden Fall tun – wann und wie auch immer sich eine Gelegenheit dazu ergibt. Rotenforst ist nicht ganz so schlimm, wie es hier in der Sichelwacht allenthalben heißt, das verspreche ich Euch. Allzumal, wenn man mit der Familie Rauheneck auf gutem Fuß steht und sie sich nicht auf Gedeih und Verderb bemüht, einem den Aufenthalt zu vermiesen.“ Der Stockacher lächelte Elfwid noch einmal zu und schwang sich dann kraftvoll in den Sattel seines Zossen – als erster der Rotenforster. Ein bisschen so, als wolle er seine Mitreisenden daran erinnern, dass ein ordentliches Stück Weg durch eine alles andere als freundliche Umgebung vor ihnen lag und Trödeln daher keine Option war.
„Das ist gut zu wissen“, entgegnete die Kriegerin ebenfalls lächelnd, tätschelte dem Pferd noch einmal den Hals und reichte Algirdas dann die Hand zum Abschied. „Auf bald dann vielleicht. Rondra mit Euch.“
„Und mit Euch, Elfwid“, Algirdas griff ohne Zögern zu und hielt die Hand seines Gegenübers etwas länger, als es unbedingt nötig gewesen hatte. Dabei sah er ihr in die Augen und sie hatte das Gefühl, dass es etwas gab, was er dringend sagen wollte. Einen Moment arbeitete es hinter der Stirn des jungen Ritters, dann gab er einfach nur ein schlichtes „Und danke“ von sich und ergänzte nach kurzem Zögern: „Für alles.“
Derweil hatte die Waffenmagd ein kleines Fass vom Rücken eines der Rotenforster Packpferde gehoben und zu ihrer Herrschaft sowie dem Gastgeber hinüber geschleppt. Nun streckte sie es Coran wortlos entgegen – mit einer Miene, die irgendwie fast bedauernd wirkte.
„Zwar in Trallop erworben, aber, wie es sich gehört, in Meskinneskoje gebrannt“, erklärte Satijana, als der Branghainer einen fragenden Blick auf das Wappen warf, das auf dem Holz prangte. „Eine Spezialität aus meiner Heimat. Ich weiß nicht, inwiefern er mit dem Prutzer Rachenputzer mithalten kann, aber wenn Euch der irgendwann mal ausgehen sollte, könnt Ihr ohne Sorge hiermit weitermachen, würde ich meinen.“
Offensichtlich beruhigt, dass es keine weitere Debatte um sein Geschenk geben würde, nahm der Branghainer das Fässchen lächelnd entgegen. Seine Augenbrauen gingen anerkennend in die Höhe. „Ich danke Euch, Hochgeboren. Eine wohlüberlegte Gabe. Wobei der Rachenputzer wahrscheinlich das Letzte sein wird, was uns ausgeht, fürchte ich. Das hier wird auf jeden Fall für eine besondere Gelegenheit aufbewahrt.“ Er wog den Kopf kurz und grinste dann schief. „Wobei eine kleine Probeverköstigung am nächsten Praiostag sicherlich angemessen wäre – Euch zu Ehren und auf Euer Wohl selbstverständlich.“
Einen Augenblick lang standen die drei beisammen und sahen einander schweigend an. Was gab es mehr zu sagen?
Schließlich beendete Coran die Stille: „Ich wünsche eine gute Reise, Satijana. Mögen die Zwölfe über Euch wachen und jede Harm von Euch und Eurer Familie fernhalten. Es war mir wahrlich eine Freude, Euch kennengelernt zu haben.“ Der alte Ritter klemmte sich das Fass unter den linken Arm und ergriff mit der freien Hand die Rechte der Baronsgemahlin, um sich dann leicht zu verneigen und galant einen Handkuss anzudeuten. „Jederzeit zu Euren Diensten“, fügte er an.
Satijana nahm die galante Geste mit einem formvollendeten Knicks auf und gab ein gutgelauntes „Die Freude ist ganz meinerseits, Wohlgeboren, und habt abermals Dank für die traviagefällige Aufnahme in Eurem Haus“ zurück, ehe sich Coran an Widderich wandte.
„Hochgeboren“, sagte er knapp und in seinem Blick lag wie schon am gestrigen Abend etwas, das der Rotenforster nicht ganz zu deuten vermochte. Missbilligung und Resignation vielleicht, aber irgendwie auch Akzeptanz und Verständnis. Es schien kurz, als würde Coran noch etwas auf den Lippen liegen – ‚verdammter Sturkopf‘ womöglich - doch dann nickte er nur einmal und streckte dem Baron die Hand entgegen. „Sollte es Euch noch einmal in diese Gegend verschlagen, so seid Ihr in Kressing immer willkommen.“
„Hört, hört“, entgegnete der Rauheneck, während er den skeptischen Blick seines Gegenübers mit einem Lächeln quittierte, das verdächtig nach Spott aussah. Dann griff er sich Crorans Unterarm statt seiner Hand, um sich nach Art der Krieger von ihm zu verabschieden. „Habt Dank für die Einladung und das damit verbundene Vertrauen, Hoher Herr. Und seid versichert, dass Ihr und die Euren in Rotenforst auch immer freundliche Aufnahme finden werdet. Falls es Euch irgendwann mal zu uns verschlägt, und der Weg zum Klagenfels Euch zu beschwerlich erscheinen sollte, lasst Euch in Birken oder Heitarloh nieder.“
Nachdem das gesagt war, gab er den Arm des Branghainers endlich wieder frei und warf seiner Gemahlin einen fragenden Blick zu. Die beantwortete seine unausgesprochene Frage mit einem Nicken und im nächsten Moment machten sich beide zu ihren Pferden auf. Wenig später saß die gesamte Rotenforter Reisegesellschaft in ihren Sätteln, bereit zum Aufbruch. Es wurde auf beiden Seiten gewinkt und die Knechte und Mägde riefen einander noch ein paar Grußworte zu, schließlich aber setzte sich der Zug in Bewegung – mit Widderich und Eberion an der Spitze und dem Knecht Eberhelm und Fählindis als Schlusslichtern.
Satijana drehte sich noch einmal im Sattel, um ihrem Gastgeber ein „Die Götter mit Euch und den Euren“ zuzurufen – und damit war das Abschiedsritual dann tatsächlich beendet.
Die Branghains traten gemeinsam in das Hoftor und sahen den Abreisenden hinterher, als eine energische Stimme ertönte:
„Ich will auch bald nach Rotenforst!“
Coran hob überrascht die Augenbrauen und drehte den Kopf zur Seite, um seine Tochter anzuschauen. Dann senkte er den Blick und bedachte die Quelle des Ausrufs mit seiner Aufmerksamkeit.
Orla hatte sich unter Elfwids Umhang gedrängelt und schmiegte nun ihren hageren Körper eng an den der Kriegerin. Nur ihre rote Rotznase lugte hinter dem dicken Wollstoff hervor, während sie zu Coran hinaufguckte.
„Und wie das?“, brummte der.
„Lyngie hat mich eingeladen“, entgegnete das Mädchen. „Eigentlich hat sie es sogar befohlen. Und was eine Hochgeboren sagt, das muss man ja tun“, ergänzte sie ernst. „Sie wohnt da in einer Burg, weißt du, ganz hoch oben.“
„Mhm, so so“, entgegnete der alte Ritter und kratzte sich den Bart, bevor er schief lächelnd den Kopf der Kleinen tätschelte. „Na ja, wir werden sehen. Irgendwann vielleicht.“
Hätte er den verstohlenen Seitenblick bemerkt, den Elfwid ihm in diesem Moment zuwarf, oder gar geahnt, dass deren Pläne doch sehr denen der kleinen Orla ähnelten – dabei allerdings weitaus konkreter waren -, hätte er womöglich weniger großmütig geantwortet.