Muttern macht das schon

 

Dramatis Personae:

 

Der Hag, Baronie Weidenhag, 12. Travia 1042 BF

Travine von Weidenhag, die Hochgeweihte vom Hag des göttlichen Herdfeuers, tippte ungeduldig auf die Tischplatte vor sich. Sie war eine rundliche Frau mit einnehmendem Lächeln und streng zurückgebundenen, dunkelblonden Haaren. Gewandet war sie in den orange-gelben Ornat der Geweihtenschaft der gütigen Mutter, ergänzt um die silberne Gänsespange, welche sie als Tempelvorsteherin auswies. Gegenwärtig befand sie sich im Arbeitszimmer ihrer Nichte am Baronssitz Hag im Dorf Weidenhag.

Interessiert hatte Gwidûhenna von Gugelforst der Tante zugesehen. Ihre edel geschwungenen Lippen umspielte dabei ein leichtes Lächeln. Die Baronin war in ein hoch geschlossenes, dunkelblaues Kleid mit Stehkragen gewandet und hatte den Schwall an rabenschwarzen Haaren kunstvoll hochgesteckt. Sie trug den silbernen Baronsreif, besetzt mit Eisflockenquarzen – von denen einfältige Gemüter wissen wollen, dass es sich dabei um Tränen Ifirns handelte – und dazu dezente silberne Ohrringe. Schräg hinter ihr stand ein bildhübsches Mädchen mit offenem, dunkelblondem langem Haar in einem eher schmucklosen dunkelgrünen Kleid. Sie hatte ihren Kopf gesenkt und ihre Hände ineinander gelegt.

„Du machst mich ganz nervös, Tante“, meinte die Herrin Weidenhags knapp, als sie des Schauspiels vor ihr überdrüssig wurde. Das Licht, welches durch das große Butzenglasfenster in ihrem Rücken schien, verlieh Gwidûhenna einen erhabenen Anblick. „Wann soll er denn kommen?“

„Heute“, kam es zurück.

„Mhmm ...”, die Baronin nickte, „... und der andere Besuch?“

„Hoffentlich auch heute“, Travine fiel es schwer, den Blick ihrer Nichte zu halten. Sie hoffte, dass ihr Sohn es gefasst aufnehmen würde.

„Er weiß wohl nicht, was ihn hier erwartet?“ Es war mehr eine Feststellung, denn Frage. Zur Antwort folgte ein wortloses Kopfschütteln, was Gwidûhenna auflachen ließ. „Na, der wird sich freuen. Vor allem, wenn er sieht, wer seine Zukünftige sein wird. Die Dûrrwangens sind eine gute Familie, aber diese Gwendolyn? Du hältst das für eine gute Idee?“

„Wieso denn nicht? Eine hübsche junge Frau, was man so hört. Belesen und klug ...“, die Geweihte hob ihre Schultern.

„Genau“, nickte ihre Nichte. „Und so ganz anders als Leudane von Finsterkamm. Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass es mehr als der Titel war, der ihn um ihre Hand hat werben lassen?“

Travine schnaubte. Äußerlichkeiten waren bei der Wahl eines Ehegatten nicht von Bedeutung. Das war etwas für die Träume junger Burschen und Mädchen, die nicht viel mit der Realität zu tun hatten. „Unwichtig“, meinte sie knapp. „Er wird seiner Pflicht nachkommen und der Frau ein liebevoller Ehemann sein, weil ...“

„... weil du ihn so erzogen hast“, fiel ihr die Baronin ins Wort. „Ich weiß. Leichter wäre es für die beiden trotzdem, wenn das Herz mitsprechen würde. Denkst du, dass Gwendolyn glücklich damit ist, dass ihr Zukünftiger eine Burg im Finsterkamm bewohnt? Nach allem, was wir uns über sie erzählen haben lassen?“

Nun straffte die Hochgeweihte ihre Haltung: „Sie wird das tun, was ihr Bruder als Familienoberhaupt für sie als gut befindet!“

„Das unverheiratete Familienoberhaupt ...“, Gwidûhenna hob ihren Zeigefinger, „... das seine jüngere Schwester in den Finsterkamm schicken will.“

Abermals folgte ein Schnauben. „Henna, du vergisst dich“, ermahnte Travine ihre Nichte.
 
„Nein“, meinte diese und schüttelte sanft ihr Haupt. „Ich kenne deinen Sohn einfach ganz gut. Ich hätte ja einmal versucht, ihm Dylga“, sie wies auf ihre Zofe hinter sich, „als potenzielle Gemahlin anzutragen. Sie ist aus einem guten Weidener Haus und bildhübsch. Es interessierte ihn nicht. Dünne Frauen in feinen Kleidern scheinen sein Herz nicht wirklich schneller schlagen zu lassen.“

„Henna, bitte“, die Geweihte wedelte mit ihrer Hand durch die Luft. „Aus dem Alter, wo man solchen Oberflächlichkeiten Gewicht beimisst, solltest du schon heraußen sein.“

„Das bin ich“, eine Augenbraue der Baronin schnellte nach oben. Gwidûhenna schien nicht nachvollziehen zu können, wie leicht es Travine fiel, ihrem Sohn etwas aufzuzwingen, was sein Leben so grundlegend verändern würde. Gwendolyn von Dûrrwangen war bestimmt eine reizende junge Frau – eine Künstlerin gar, wie sie sich hatte berichten lassen – doch war sie eben auch die Zweitgeborene einer niederadeligen Familie – also nicht unbedingt eine extrem gewinnbringende Verbindung für das Haus. Ob es das wert war, dass zwei junge Menschen ins Unglück gestürzt werden? Sie schüttelte resignierend ihr Haupt.

„Ich empfange Seine Wohlgeboren von Dûrrwangen und die edle Dame Gwendolyn sehr gern als Gastgeberin“, sagte sie dann. „Gorfried freut sich auch schon auf den Junker. Er soll ja ein passionierter Jäger sein. Auch habe ich ihnen die zwei besten Zimmer herrichten lassen. Gutheißen tu ich die Sache jedoch nicht, Tante.“

„Danke“, Travine meinte, dass es hier nichts mehr zu diskutieren gab. Deshalb erhob sie sich aus dem Stuhl und strich ihren Ornat mit einer entschiedenen Geste zurecht. „Ich lasse nach dir schicken, wenn sie eingetroffen sind.“

***

Plötzlicher Trubel vor dem Hag des Göttlichen Herdfeuers ließ die Hochgeweihte Travine aufhorchen. Neugierig begab sie sich zum Portal des Göttinnenhauses und blickte hinaus auf den Hof. Just hatten drei Reiter den Baronssitz Weidenhags – ein mehrfach ausgebautes, geräumiges Rittergut im gleichnamigen Dorf – erreicht und machten sich daran, von ihren Pferden zu steigen. Zuvorderst war ein stattlicher junger Mann auf einem Teshkaler geritten, an seiner Seite hielten sich ein Knabe von vielleicht zehn, zwölf Sommern und ein schlanker Waffenknecht. Beide saßen auf kleineren Tieren. Der Ritter an der Spitze gab dem Knaben und dem Knecht ein paar knappe Anweisungen, streichelte mit einer beinahe schon liebevoll zu nennenden Geste über den muskulösen Hals seines Rosses und begrüßte dann die Stallmagd, welche herangekommen war, um dem Pagen mit den Pferden zu helfen.

Travine nickte zufrieden. Ihr Sohn war der Einladung gefolgt und seine Aufmachung in der Tat sehr ansehnlich. Nicht dass Trautmann von Gugelforst für gewöhnlich abgerissen umherlief, dennoch erleichterte es sie zu sehen, dass er auch ihrem Wunsch nachgekommen war, heute besondere Sorgfalt auf seine Kleidung zu verwenden. Der Junker von Lichtwacht trug eine feine Weste aus Wildleder und rot gefärbtem Bausch, eine Hose aus Wildleder und leichte Reitstiefel. Das alles war figurbetont geschnitten und zeigte somit seine breite Brust, die muskulösen Arme und Schultern sowie die kräftigen Beine und auch ... nun ja ... das feste Gesäß. An seinem Gürtel trug ihr Sohn ein edles Langschwert – ein Geschenk seines Schwertvaters zum Ritterschlag, wie Travine wusste.

Trautmann war ein beliebter Gast am Hag, daher kamen mehr und mehr Leute heran, um ihn zu begrüßen. Erst Travegunde, Travines zweitgeborene Tochter und seine jüngere Schwester. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm in die Arme zu springen und sich von ihm auffangen zu lassen, als wären die beiden noch Kinder. Der Ritter liebte seine Schwester. Er lächelte breit und entblößte seine weißen Zähne, ehe er der jungen Geweihten dann einen Kuss auf die Wange gab.

Als nächstes war Wilfred heran, Gwidûhennas Bruder und ihr starker Arm. Er war ebenso groß wie Trautmann, seine Statur allerdings um einiges schmaler. Die Ritter umarmten sich zur Begrüßung, doch etwas war anders als zuvor bei Travegunde: Von einem auf den anderen Herzschlag gefror das Lächeln des Lichtwachters, während Wilfred auf ihn einredete – und spätestens als ihr Neffe sich mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck zu ihr umwandte, war Travine klar, dass er den Grund für ihre Einladung offenbart hatte.

Die Tempelmutter war nicht oft nervös, doch als ihr Sohn jetzt mit kräftigem Schritt auf sie zu stapfte und sein Antlitz dabei eine Mischung aus Belustigung und Ärger zeigte, schlug ihr das Herz bis zum Hals.

„Mutter“, grüßte Trautmann sie knapp, umarmte sie und küsste ihre Stirn. „Ich denke, du schuldest mir eine Erklärung. Warum meint Wilfred, dass meine Verlobte auf dem Weg hierher ist ... und warum gratuliert er mir zu diesem Weib?“

„Die Gütige zum Gruß, Trautmann”, dankte Travine erst einmal der quasi nicht vorhandenen Grußformel ihres Sohnes. Dann wies sie einladend auf den Tempel. „Das ist etwas, das wir beide nicht zwischen Tür und Angel besprechen sollten, meinst du nicht?“

Als Antwort folgte ein tiefes Seufzen, gefolgt von einem zustimmenden Nicken: „Nach dir.“

Wenig später saßen die beiden im genügsam eingerichteten Arbeitszimmer der Tempelmutter. Travine ließ etwas Gebäck und einen Krug Wasser auftragen, dann faltete sie ihre Hände ineinander und brach das nun schon unangenehm lange andauernde Schweigen: „Es ist nicht deine Verlobte, Trautmann. Du weißt, dass so was ohne deine Zustimmung nicht geht. Du bist ja inzwischen mündig.“

Ein Satz, der dem Ritter ein Augenrollen abrang: „Mutter, bitte ...“ Das Heben von Travines Rechter ließ ihn innehalten.

„Aber wenn alles gut läuft, wird sie das hoffentlich bald werden“, sagte die Geweihte. „Es ist eine gute Wahl, Trautmann.“

Der Junker rieb sich die Wurzel seiner prominenten Nase und schloss seine milden braunen Augen, aus denen kurz zuvor noch ein herausforderndes Blitzen gedrungen war. „Mutter ... das ist nicht nötig, ich ...“

„Doch es ist nötig, Sohn“, fuhr sie ihm sogleich dazwischen. „Du zählst 28 Winter und hast bisher erst um die Hand einer Frau geworben. Du bist entweder unwillig, deinen Pflichten nachzukommen, oder du benötigst Hilfe. In beiden Fällen muss ich es wohl oder übel in meine Hände nehmen und dir ein Eheweib suchen.“

„Mutter“, begehrte Trautmann auf, „du weißt genau, dass es meine Aufgaben in den letzten Jahren nicht zuließen. Ich hätte jetzt sowieso begonnen, mich umzusehen.“

„So?“ Die Augenbrauen der Tempelmutter schnellten nach oben. „Und wo? In den Schluchten des Finsterkamms? Ein Orkweib vielleicht ... eine Harpyie ... oder eine deiner Eigenhörigen?“, sie winkte ab. „Ich hatte damals ja fast schon gehofft, dass die Praiosdienerin auf deiner Burg dein Herz erwärmen würde ... nicht die Verrückte, die andere. Das wäre eine gute Partie gewesen, habe ich mir sagen lassen. Stammte einem Baronshaus ab. Aber du warst wohl so wenig interessiert, dass du nicht einmal das herausgefunden hast, habe ich recht?“

Der Junker ließ die Worte über sich ergehen. Seine Haltung war immer noch aufrecht und er fuhr mit Daumen und Zeigefinger seine Augenbrauen entlang. „Das ist doch ... .“ Er seufzte, brach ab und setzte neu an: „Und wer ist diese Frau, die du herbestellt hast?“

„Die junge Dame heißt Gwendolyn ...”, Travine kramte nach einem Pergament, „... ah ja ... Gwendolyn Adina Veliria von Dûrrnwangen. Die jüngere Schwester des Junkers Walram Arbogast Firminius von Dûrrnwangen zu Hollerstockhöhe in der Hollerheide.“

„Dûrrnwangen?“ Trautmann schob seine Augenbrauen zusammen.

„Ja, ein gutes Haus.“

„Die Familie ist mir ein Begriff, Mutter“, den Junker schien irgendetwas daran zu erheitern. „Ich kenne deren Gut von der Durchreise, wiewohl ich noch nie Gast des Junkers war. Hast du denn schon einmal in Person mit dieser Gwendolyn gesprochen?“

Travine schüttelte ihren Kopf: „Ich habe mich mit ihrem Bruder unterhalten und ihm auch die Einladung ausgesprochen.“

„Und der Bruder hat kein Problem damit, seine Schwester aus diesem Waldschloss nach Lichtwacht zu verheiratet?“

„Nein, hat er nicht“, die Geweihte war verwundert über diesen Gesprächsverlauf. Sie hatte mit Aufbegehren und Zorn gerechnet, doch schien ihr Sohn nun, da er wusste, um wen es sich handelte, die Ruhe in Person zu sein. Das alarmierte sie.

Der Grund dafür war einfach: Trautmann war sicher, dass sich die junge Dame von keinen zehn Ochsen dazu bewegen lassen würde, in eine zugige Burg im Finsterkamm zu ziehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diese Sache ein positives Ende nehmen würde. Deshalb entschied er sich dazu, seine Rolle zu spielen.

„Und wann erwartest du die Dame hier?“, fragte er.

„Noch heute“, gab ihm Travine zu verstehen. „Algrid begleitet sie.“

„A... Algrid ...“, die Information traf den Junker unvorbereitet.

„Genau“, nun errang Travine wieder die Oberhand und es ging leichter als gedacht. „Ich habe deinen Betthasen darum gebeten, deine Zukünftige hierher zu geleiten.“

„Meinen ... was?“

„Ach bitte, Sohn. Wer glaubst du denn, sitzt dir gegenüber? Denkst du, so was geht an mir vorbei?“ Sie wartete keine Antwort ab. Um ehrlich zu sein, wollte sie auch keine hören. „Du wirst deinen Pflichten nachkommen, Trautmann. Du wirst der edlen Dame den Hof machen und einem Bund zustimmen. Du lebst schon viel zu lange in Sünde und das hat nun ein Ende.“

Der Ritter sah für einige Momente still vor sich hin. Rote Flecken auf seinen Wangen belegten deutlich die Wirkung der eben gehörten Worte.

„Wenn es mit der Dûrrnwangin nichts werden sollte ... aus welchen Gründen auch immer ... stelle ich dir die nächste vor! Solange, bis sich eine Frau für dich findet – und wenn das bedeutet, dass ich dich alle zehn Praiosläufe hier antanzen lassen muss, dann sei es so.“ Die Worte der Hochgeweihten waren unmissverständlich und ließen keinen Raum für Interpretationen zu.

Trautmann wollte etwas erwidern, doch schnitt ihm Travine abermals das Wort ab: „Dein Zimmer ist schon hergerichtet. Mach dich frisch. Wir erwarten deine Zukünftige und ihren Bruder zum Abendmahl. Als der Junker den Worten seiner Mutter nicht sofort Folge leistete, wanderten ihre Augenbrauen abermals nach oben: „Du darfst dich entfernen.“

Daraufhin verließ er wort- und grußlos ihr Zimmer und die Tempelmutter blickte ihm für einen Moment nach. Es waren harte Worte gewesen, doch anders konnte sie ihm die Dringlichkeit und den Ernst dieser Sache offenbar nicht vermitteln. Trautmann war ein Mann, den man geradeheraus begegnen musste. Herumlavieren hatte noch nie den gewünschten Effekt erzielt, so aber war sie sicher, dass er sich fügen würde. Ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein war eine seiner positivsten Eigenschaften – man musste nur zu ihm durchdringen und ihm die Pflicht in den Kopf pflanzen.