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Edlengut Hahnbrück, Baronie Hollerheide, Anfang Rahja 1030 BF
"Ich weiß, werte Ifirdane, dass dich dieses Schreiben sicher sehr überraschen wird, doch glaube mir, es lag mir die ganzen Götterläufe wie ein Mühlstein auf der Seele mich meiner Schwester damals nicht anvertraut zu haben. Selbst wenn ich stets in der Gewissheit gelebt hatte das Richtige getan zu haben, hat es mich doch belastet die Familie in dem Glauben zu lassen, dass ich tot sei…"
Fassungslos schaute die Edle von Hahnbrück erneut die Zeilen an, und überflog sie wohl schon zum fünften Mal. Endlich ließ sie das Dokument in den Schoß sinken. Mit leerem Blick schaute sie auf das Durcheinander auf ihrem Pult, doch die schiefen Stapel, die jeden Besucher in Sorge versetzt hätte, ließen sie kalt.
Die Starre die sich ihrer bemächtigt hatte begann ganz allmählich zu verfliegen, doch sie fühlte sich wie betäubt. Da kam ihr eine Idee. Nur mit einigem Fingerspitzengefühl gelang es ihr schließlich die sperrige Schublade ihres Schreibtisches aufzuziehen. Zielstrebig begann die junge Frau darin zu wühlen. Ein Knäuel Bindfaden, eine Kladde, Federn ein kleiner Schleifstein… . "Hab ich dich!" Ihr Onkel Gieselwulf hatte ihr bei seinem letzten Besuch eine kleine Kostprobe eines Birnenbrandes gebracht, den er ihr mit einem Augenzwinkern "Für die besonderen Momente" überreicht hatte. Selten genug kam der Ritter der Fee auf Hahnbrück vorbei, doch stets brachte er ihr etwas mit. Ohne lange nach einem Becher zu suchen, setzte sie die kleine Flasche nach dem Entkorken an. Kaum dass der Brand ihre Lippen benetzt hatte breitete sich in ihr die Gewissheit aus, dass sie unmöglich träumen konnte. Der Geschmack und die wohltuende Wärme waren viel zu real. Kurz darauf schossen ihr auch schon Tränen in die Augen und das Brennen im Schlund ließ sie ein wenig husten. So konnte sie sich wenigsten sicher sein - der Inhalt des Briefes war Wirklichkeit! Sie ließ sich wieder zurück in den Sessel plumpsen und schaute ungläubig auf das einfache Papier und die wenigen Zeilen. Bei den Zwölfen, wie lange hatte sie damit gehadert, dass ihre einst so große Familie derart geschrumpft war, und nun tauchte ein Totgeglaubter samt seiner Kinder wieder auf! Unglaublich... Nach einem weiteren großen Schluck aus der kleinen Flasche machte sich zusehends Wärme in ihr breit.
Marmwulf Hahnbrück von Blaubinge, ihr Onkel mütterlicherseits, war am Leben, hatte selbst zwei Kinder, zwar verwitwet aber derzeit in der Nähe, da er vor gehabt hatte die Familie zu besuchen. Ein Weidener auf Reisen hatte ihm aber die traurige Kunde übermittelt, dass seine Schwester und auch deren Mann ermordet worden waren. Nun fragte er an, ob sie, Ifirdane, ihn überhaupt kennen lernen wollte, bevor er wieder zurück ins Darpatische reiste. Was für eine Frage, der Mann hatte ja keine Ahnung!
Sie schaute hinaus in den makellos blauen Himmel. Sie war vor der Hitze geflohen. Hier ins kühle Gemäuer, das selbst im Sommer nie wirklich warm wurde, hatte sie sich zurück gezogen um die angefallene Post aufzuarbeiten. Lange genug hatte sie sich davor gedrücht. Ganz ausgeschlossen, dass er zurück reiste ohne auf dem elterlichen Gut gewesen zu sein. Egal was ihn damals dazu getrieben haben mochte, dies würden ihre Eltern sicher ganz genau so sehen. Die Namenlosen Tage standen ja auch noch kurz bevor fiel ihr dabei siedend heiß ein. Natürlich würde er ihr Gast sein solange er die Zeit aufbringen konnte. Seine Kinder ebenso, er schrieb wenig über sie. Er konnte ja auch kaum wissen was sie darüber dachte, wenn er einer fremden Person schrieb. Ifirdane war neugierig darauf die Zwillinge kennen zu lernen, sie mussten in ihrem Alter sein. Hastig stand sie auf, rief nach ihrer Magd, und packte die kleine Flasche für 'Besondere Anlässe' wieder in den Schreibtisch zurück. Dumm nur, dass ausgerechnet jetzt Varenas Traviabund anstand.
Mit geröteten Wangen verschaffte sie sich am Schreibpult etwas Platz und begann sorgfältig die Feder zu spitzen. Erst würde sie Marmwulf antworten, danach musste sie unbedingt Varena auch einen Boten schicken ... und der Besuch, den sie bei ihren Nachbarn den Pandlaril-Wellenwieses vor gehabt hatte, musste verschoben werden, am besten schrieb sie denen auch ein paar wenige Zeilen, vielleicht, nein sicher kannten sie Marmwulf auch.
Konzentriert aber gleichzeitig auch überaus beflügelt begann Ifirdane mit Freude die Nachrichten zu verfassen.