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Wald nahe dem Hag, am selben Tag
Jetzt verstand der Ritter auch, warum der Baron nach der Jagd seine Klinge wieder umgeschnallt hatte. Er hatte es ihm gleich getan, wollte er doch nicht auffallen. „Wenn ein Kampf Eure Prüfung sein soll, dann soll es so sein.“ Gorfried war gut eine Lanzenlänge vom Baron entfernt stehen geblieben und zog seine Klinge. „Doch ehe Ihr gezogen habt, werde ich meine Klinge nicht gegen Euch erheben. Keine Prüfung ließe mich so gegen die Gebote der Sturmherrin handeln.“
Er hatte mehr als einmal einen Kampf geführt. Andîlgarn mochte alt sein, doch das konnte er sicher mit seiner Erfahrung ausgleichen. Was immer er plante, er würde ihn nicht einfach angreifen. Er sollte ziehen. Dann würde er ihn mit einigen Finten testen, um zu sehen, wie er kämpfte.
Andîlgarn musterte sein junges Gegenüber eingehend und wartete einige Momente ab. „Meine Prüfung? Nein ich will nur sehen aus welchem Holz Ihr seid. Also, auf was wartet Ihr?“ Fragte er ungeduldig, doch machte Gorfried abermals keinerlei Anstalten seine Waffe gegen ihn zu erheben.
„Die donnernde Herrin möge mir verzeihen, aber es gibt Situationen da müssen ihre Gebote hinten anstehen. Es gibt Situationen in denen auch Eure persönliche Ehre hinten anstehen muss, Sturmfels. Wenn zum Beispiel ein Unbewaffneter die Hand gegen meine Familie erhebt, schlage ich ihm ohne viel Federlesen den Kopf ab und werfe ihm nicht erst eine Waffe zu. Deshalb reizt mich nicht und greift verdammt noch mal an!“
Der Baron bedeutete dem Sturmfelser mit seiner Hand, dass er näher kommen solle. „ Als ich so jung war wie Ihr, habe ich einen orkischen Khurkach einmal mit bloßen Händen erwürgt, also stellt Euch nicht so an.“
‚Ihr seid es, der mich zu reizen versucht‘, ging es Gorfried durch den Kopf. Aber es war anderes, was er sagte.
„Ich stand schon in vielen Gefechten und weiß was der Kampf bringen kann. Ich ritt gegen ausgehungerte Bauern ebenso wie Knechte aus den schwarzen Landen oder Goblinbanditen. Doch nichts was mir dort abverlangt wurde, gilt für diesen Augenblick.“ Der Ritter steckte seine Klinge zurück in die Scheide. „Henna warnte mich, ehe wir ausritten, meine Worte mit Bedacht zu wählen. Mein Handeln mag meine Aussichten mindern, doch werde ich nicht beginnen, gegen meine Überzeugungen zu handeln, Hochgeboren. Ringt mit mir, kreuzt die Klingen oder seht auf andere Weise von welcher Qualität mein Holz ist. Doch ich werde Euch nicht einfach so angehen.“
Er blickte den Baron fragend an. Wenn er sein Test nicht bestanden hatte, dann war es so. Er und Henna hatten die anderen, die Heuchler, deren Überzeugungen nur leere Worte waren, immer kritisiert. Er würde jetzt nicht beginnen, ebenso zu handeln.
Andîlgarns Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, während er fassungslos seinen Kopf schüttelte.
„Soso Eure Überzeugungen. Sturmfels habt Ihr mir überhaupt zugehört?“ Polterte der alternde Baron los. In einer schnellen Bewegung, die ihm der Sturmfelser ob seines Alters gar nicht zugetraut hätte, zog er sein Schwert. Gorfried merkte dabei, dass der alternde Baron sein Schwert in der Scheide schon soweit gelockert hatte, dass es ihm bei dieser Entfernung ein Leichtes gewesen wäre einem Angriff seines Gegenübers zu begegnen.
„Ihr habt Recht, Sturmfels. Ich wollte Euch damit prüfen. Ich wollte sehen, ob Ihr bereit seid, für den wichtigsten Menschen in Eurem Leben, Eure eigene Ehre hinten anzustellen. Ihr wusstet wohl was ich von Euch verlange, habt es aber Eurer Ehre wegen trotzdem nicht gemacht, obwohl Ihr Euch darüber bewusst wart, dass Eure gemeinsame Zukunft mit meiner Tochter davon abhängt.“
Der Baron ließ seine Worte einen Moment lang wirken, dann wies er mit seinem Schwert auf Gorfried. „Habt Ihr wirklich geglaubt, dass ich mich von Euch erschlagen lasse – das ich mein Schwert nicht ziehen würde?“ Er schüttelte lachend den Kopf. „Nein Ihr hättet wahrhaftig besser daran getan, das zu tun um was ich Euch gebeten hatte. Lasst Euch von einem alten Mann etwas sagen; ich kämpfte an der Seite meines Vaters bereits an der Trollpforte gegen die Oger, im Gefolge Herzog Waldemars auf den Weiden Vallusas, im weidener Heerbann vor Ysilia und in den vielen Schlachten gegen die Orks. Und hätte ich nicht in jeder dieser Schlachten meine Überzeugungen verraten, ich würde heute nicht vor Euch stehen. Wie wollt Ihr meine Tochter schützen, wenn Euch ständig Eure Ehre im Weg sein wird? Und nun zieht!“
Beobachtet von einem noch unerkannten, neugierigen Augenpaar bewegte Andîlgarn sich mit gezogener Waffe einige Schritt auf Gorfried zu.
„Offenbar hören wir beide dem Gegenüber nicht recht zu“, erwiderte der Sturmfelser während er schon seine Klinge zog. „Wenn es darauf ankommt, weiß ich, was Schutz von Familie, Heim und Herd bedeuten. Dafür haben meine Eltern Sorge getragen.“
Gorfried behielt den Baron fest im Blick und achtete auf seine Bewegungen und die Umgebung. Wenn sie die Klingen kreuzten, dann wollte er gut vorbereitet sein.
„Doch meine Ansichten habe ich nie verraten. Meine Ehre stand mir nie im Weg und dennoch wusste ich in der Wildermark zu bestehen. Es war unser beider Ehre und Sicht auf die Dinge, die mich und Henna zusammenführte.“ Mit diesen Worten ging der Darpate zum Angriff über. Er wählte die ‚Finsterfelser Eröffnung‘, benannt nach einem der Ritter und Ausbilder an der Knappenschule. Mit dieser Finte wollte er vor allem sehen, wie agil der Baron im Kampf tatsächlich war.
Der Baron parierte den ersten Angriff und wich etwas zurück. „Warum versteht Ihr nicht, dass es nicht um Euch allein geht, Sturmfels?“
Er führte einen kraftvollen Hieb, den sein Gegenüber jedoch problemlos abwehren konnte. „Habt Ihr meine Worte von vorhin etwa wieder vergessen?“ Es folgte abermals ein kurzer Schlagabtausch.
„Meine Henna braucht eine starke Person an ihrer Seite. Eine Person, die einen Vorteil auszunutzen versteht, wenn sich einer bietet und kein Vorbild an Ritterlichkeit, das seinen Arsch „der Ehre wegen“ nicht hochbekommt.“
Nun schien das erste Geplänkel beendet. Die beiden Ritter entblößten ihre Zähne zu einem grimmigen Lächeln und drangen aufeinander ein. Neben dem durchdringenden Klirren der aufeinanderprallenden Schwerter war auch Andîlgarns Schnaufen am Kampfplatz deutlich zu vernehmen. Der Baron war zwar kein schlechter Kämpfer, doch war er auch nicht mehr der Jüngste. Lange würde er diesen Kampf auf Augenhöhe mit Sicherheit nicht durchstehen. Einige Minuten später, beide Kontrahenten hatten bereits einige Schnitte und Stiche davon getragen, durchschnitt eine weibliche Stimme die Luft.
„Vater!“ Rief sie. Nun beging Gorfried einen entscheidenden Fehler. Er blickte kurz auf. Diese Unachtsamkeit nutzte Andîlgarn dazu einen Angriff auf die Beine seines Gegenübers zu führen, der daraufhin strauchelte.
„Vater es ist Schluss!“ Rief dieselbe Stimme in nun schon fast hysterischer Stimmlage. Als er seine Tochter Gwidûhenna aus dem Wald laufen sah, ließ der Baron seine Waffe sinken und streckte dem Sturmfelser seine Hand entgegen.
„Seht Ihr, das meinte ich. Trotzdem versteht Ihr es zu kämpfen Sturmfels.“ Flüsterte er ihm zu. Die Baroness strafte ihren Vater mit einem bösen Blick und kümmerte sich sogleich um Gorfried. Sie trug eine eng geschnittene Lederkleidung mit Fellbesatz und kniehohe Reiterstiefel.
„Was soll das hier werden Vater? Und Gorfried sagte ich dir nicht, dass du deine Worte vorsichtig wählen solltest.“
Der so gescholtene hatte die Hand Andîlgarns gepackt und kam eben wieder auf die Beine. Er lächelte Henna zu, die sich sogleich um ihn kümmern wollte. „Es ist nicht geschehen. Hab keine Sorge.“
Gorfried fuhr sich durch das schweißnasse Gesicht. Wahrlich, der Baron verstand auch in seinem Alter noch immer die Klinge zu führen.
„Weder habe ich Deine Worte vergessen, Liebste, noch die Euren, Hochgeboren.“ Er steckte seine treue Klinge zurück in die Schwertscheide und blickte Henna liebevoll an. „Wie kann ich aber erwarten Deinen Vater von mir zu überzeugen, wenn ich mein wahres Inneres verberge? Ihr wollt wissen, ob ich hart genug bin, um auch unangenehme Entscheidung zu treffen?“ Sein Blick ruhte nun wieder auf Andîlgarn und er zeigte deutlich, dass er dieses Spiel leid war. „Ich habe mich in den letzten Jahren zurückziehen müssen Habe ein Dorf gegen ein anderes abwägen müssen, wenn es darum ging gegen Plünderer vorzugehen. Immer wieder musste ich harte Entscheidung treffen, wo rein rondrianische Ehre was anderes geboten hätte. Wie könnte man ansonsten im Herzen der Wildermark auch bestehen? Fragt meine Herrn, die Baronin und den Baron von Ochsenweide, wenn Ihr es mir nicht glauben wollt. Doch das hier“, Gorfried machte ein Geste die Lichtung und Baron einschloss, „ist ein Messen unter Rittern, fern der Schlacht gewesen. Hier gelten andere Maßstäbe.“
Er suchte Hennas Hände, um sie zwischen die Seinen zu nehmen und blickte ihr in die Augen. „Ich mag meine Aussichten geschmälert haben. Doch unausgesprochene Gedanken und Lügen sind ein schlechtes Fundament für das Haus Familie.“
„Vater…“ Rief Gwidûhenna empört aus und schüttelte verständnislos den Kopf. „…welches Recht gibst du dir ihn so zu behandeln?“
„Henna ich…“ Setzte der Angesprochene an, wurde aber sogleich wieder unterbrochen. „Ich habe es gehört Vater, aber Gorfried wird sich sehr gut um mich sorgen.“
Andîlgarn verzog einen Mundwinkel und blickte den Sturmfelser abschätzend an.
„Ich habe meine Entscheidung getroffen und werde Gorfried heiraten, ob du willst, oder nicht. Solltest du dich weiterhin dagegen stellen, werde ich auf den Titel als Baronin zugunsten meines Bruders verzichten. Ich habe nämlich erst unlängst gehört, dass er nun schon seit einigen Götterläufen im Dienst des Barons von Brachfelde stehen soll und sich zu einem ehrbaren Ritter entwickelt hat.“
Der Baron blickte seine Tochter hilflos an, man merkte, dass ihm das eben gesagte einen Stich versetzte.
„Andîlgarn, höre auf deine Tochter.“ Nun traten auch Travine und die Dienstritterin Algrid aus dem nahen Waldrand. Andîlgarn seufzte – diese drei Weiber waren ihnen tatsächlich gefolgt. „Quod Dea conjunxit homo non separat (bosp. Was die Göttin verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen).“ Tadelte die Geweihte ihren Bruder. „Die beiden haben sich gefunden, sie lieben einander und geben sich gegenseitig Halt und Wärme, wie es der Göttin wohl gefällt. Ich selbst habe mit der Dienstherrin Gorfrieds ein langes Gespräch geführt und sie hat nicht ein schlechtes Wort über ihn verloren – er stammt aus einer guten Familie und ging in der Finsternis der Wildermark durch eine harte Schule. Gib den beiden ihren Segen, denn die Göttin will es.“ Der Baron fühlte sich nun sichtlich in die Ecke gedrängt und blickte einige Momente vor sich hin.
„Nun denn, dann sei es so.“ Er ging zu seiner Tochter und nahm sie in seine Arme. „Ich gebe dir und Gorfried meinen Segen, auf dass Eure Nachkommen deine Schönheit und Gorfrieds Sturkopf besitzen.“ Er lächelte und nahm nun auch den Sturmfelser in seine Arme. „Also, dann ab dafür. Es gilt eine Hochzeit vorzubereiten.“
Gorfried war über den plötzlichen Auflauf auf der Lichtung zunächst etwas überrascht gewesen. Doch wich seine Überraschung schnell der Freude über die letzten Worte. Herzlich erwiderte er die Umarmung seines künftigen Schwiegervaters. Als sich beide lösten, reichte der Sturmfelser ihm seinen Schwertarm zum Kriegergruß. Leise, so das nur Andîlgarn ihn hören konnte, schwor er ihm.
„Bei den Zwölfen, ich werde Henna behüten und wenn es mich mein Leben kostet.“ Mit diesen Worten löste er sich von dem Baron. Vor Glück strahlend schloss Gorfried Gwidûhenna fest in seine Arme. Diesen Augenblick hatte er seit den Tagen seiner Knappenschaft herbeigesehnt.