Grafenfeste zu Olat, Efferd 1042 BF
Unheilschwangerer Nebel lag wie so oft über den schwarzen Wogen des Neunaugensees und verschleierte die gräfliche Wasserburg an seinen Ufern. Das düstere, enge Gemäuer von Olats Feste hatte der weisen Gräfin Walderia von Löwenhaupt über 60 Götterläufe als Hofstatt gedient, doch schien es – wie Volkes Stimme munkelte – ihrer künftigen Thronfolgerin, der stolzen Griseldis von Pallingen, nicht mehr so recht passen zu wollen.
Mit höchst respektvoller, aber entschlossener Haltung hatte Gamhain von Brachfelde, edel, aber einfach gewandet, den gedrungenen Rittersaal betreten, wo ihn die beiden hochadligen Damen erwarteten. Routiniert zeigte der Baron sein zuversichtlichstes und jovialstes Lächeln, das ihn in prekären Verhandlungssituationen so oft schon Erfolg beschieden hatte. Dass er die Sache mit großem Fingerspitzengefühl angehen musste, war dem listenreichen Recken und Handelsherrn glasklar.
Mit harter Miene blickte die altersgebeugte Gräfin ihrem Vasallen entgegen. Lange war er ihr so treu ergeben gewesen, bis er sich vor einiger Zeit eine Frechheit herausgenommen hatte, die sie ihm immer noch nicht verzeihen mochte. Die junge Frau mit dem dunkelbraunen, langen Haar dagegen musterte ihn fast schon belustigt aus ihren ausdrucksstarken, grünen Augen. Doch vielmehr war Griseldis‘ Neugier davon geweckt, was denn wohl die beiden Waffenknechte hinter ihm hereintragen mochten: eine schmale, eisenbeschlagene Truhe mit dem Wappen des Brachfeldeners. Sie musste schwer sein, da die kräftigen Männer erleichtert aufschnauften, als sie die Truhe endlich vor den beiden Damen abstellen durften.
„Travia zum Gruße, werter Gamhain“, hob Walderia mit etwas kraftloser Stimme an, dabei deutete sie mit ihrem Gehstock auf die Truhe. „Was bringt Ihr uns da?“
„Die Zwölfe zum Gruße, Eure Hochwohlgeboren.“ Der kräftige Mann mit dem rotblonden, gelockten Haar, dem gepflegten Vollbart und den wachsamen, blauen Augen machte einen formvollendeten Kniefall. „Habt Dank, dass Ihr Eurem bescheidenen Diener diese Audienz gewährt. Ich weiß, dass Euch mein Verhalten sehr erzürnt hat. Auch wenn ich Euch meine aufrichtige Entschuldigung bereits ausgesprochen hatte, ließ mich der Gedanke nicht mehr los, dass Ihr mir immer noch Gram sein könntet, was ich sehr gut verstehen kann.“
Walderia schwieg eine Weile, bevor sie sprach: „So ist es.“ Noch immer war kein Anzeichen eines Lächelns zu bemerken.
„Es grämt mich selbst ungemein, dass ich es an Respekt mangeln ließ.“ Der auf Mitte 50 zugehende Baron wählte mit Bedacht seine Worte: „Lange habe ich mit mir gerungen, welche Form der Entschuldigung angemessener sein könnte. Eine, die unseren gemeinsamen Zielen dienlich sein könnte.“
„Wir sind ganz Ohr“, preschte Griseldis von Pallingen vor, was ihr einen strengen Blick der grauhaarigen Gräfin einbrachte.
„Ihr habt sicherlich von den Hadrokles-Paligan-Spielen in Punin gehört und dass es dazu einen Aufruf der Barone von Schneehag, Wolfenbinge und mir gab?“
Walderias Miene verfinsterte sich: „Wir hörten davon. Noch vielmehr erstaunte es uns, dass ihr euer Schreiben an Prinz Arlan gerichtet habt anstatt an meine Nichte. Wisst Ihr eigentlich, wie sehr ihr drei eure Herzogin vor den Kopf gestoßen habt?“ Die Worte der alten Dame wurden deutlich schärfer: „Habt Ihr denn vergessen, was sich für Weidener Vasallen geziemt?“
Gamhain sah zerknirscht zu Boden: „Dieser Teil der Geschichte verlief leider sehr … unglücklich. Es ging mir keineswegs darum, Herzogin Walpurga zu brüskieren. Vielmehr war ich der festen Überzeugung, dass sie eine an Dekadenz unübertroffene Feierlichkeit wie die des feisten Goldo Paligans, der sich selbst ‚den Prachtvollen‘ nennt, in keiner Weise für gut heißen würde und sicher nicht mit ihrer ritterlichen Anwesenheit ehren wollen würde. Prinz Arlan wäre aus meiner Sicht dagegen eher jemand gewesen, der sich seinen berechtigten Unmut über Prasserei und Eitelkeit des südländischen Adels nicht so sehr hätte anmerken lassen. Damit wäre er leichter zur Teilnahme zu bewegen gewesen, so der Gedanke.“
Die Bärwalder Gräfin überlegte wieder eine Weile. „Ich verstehe jetzt besser, was Euch bewogen hat. Dennoch solltet Ihr in Euch gehen und darüber gründlich nachdenken, wie Euer Aufruf auf meine Familie gewirkt haben mag. Eine Entschuldigung wäre abermals sehr angebracht.“
„Das werde ich tun, das verspreche ich!“, erwiderte Gamhain mit belegter Stimme.
„Aber sprecht endlich! Was hat das alles mit der Truhe hier zu tun?“, drängelte Griseldis ungeduldig.
„Sehr wohl! Wie gesagt hatte ich unsere gemeinsamen Ziele vor Augen, als ich die lange Reise nach Almada auf mich nahm: Es geht uns darum, unsere Grenzen vor Gefahr zu schützen und ein starker Schild zu sein gegen die niederträchtigen Schwarzpelze! Um unsere Wehrhaftigkeit zu bewahren, brauchen wir Unterstützung, welcher Art auch immer – nicht nur von unseren Nachbarn, sondern vom ganzen Adel des Mittelreichs. Insofern sahen wir drei – der Schneehager, der Blauenburger und ich – eine gute Gelegenheit darin, in Punin für unsere gemeinsame Sache zu werben.“
„Wart Ihr denn erfolgreich?“, fragte Griseldis skeptisch.
„Das ist eine Sache des Standpunkts“, antwortete Gamhain vielsagend. „Der Baron von Wolfenbinge war leider verhindert und Baron Firian mühte sich sehr, schien aber auf wenig Interesse zu stoßen. Dennoch konnte er für sich einige Erfolge verbuchen. Ich dagegen wurde völlig unerwartet in Ereignisse höchst politischer Art verwickelt, die mich von meinem eigentlichen Vorhaben abhielten.“
„Was für Ereignisse?“, hakte Walderia nach.
„Es tut mir leid, ich musste einen heiligen Eid leisten, über das Geschehene Stillschweigen zu bewahren. Ich kann nur sagen, dass ich heilfroh bin, dass wir in Weiden keine vergleichbaren Intrigen erleben müssen, wie sie wohl im Süden gang und gäbe sind.“
„Fürwahr, fürwahr…“Erstmals zeigte die alte Gräfin ein feines Lächeln.
„Diese Truhe hier enthält das, was mir die Reise nach Punin eintrug. Es soll alles Eures sein!“ Der Baron wies einen der Waffenknechte den Deckel zu öffnen, dann fielen die drei Männer auf die Knie.
Bis zum Rand war die Truhe mit blinkenden Goldstücken gefüllt, was Griseldis mit einem freudig-erstaunten „Oh!“ quittierte.
„Ihr wisst, dass ich als Förderer des Handels gelte und daher auch dem Listenreichen zugetan bin. ‚Das Glück ist mit dem Mutigen‘, lautet mein Leitspruch. Und so war es mir mit Phexens Segen vergönnt, auf den Feierlichkeiten zu Punin diese 1.000 Dukaten zu erlangen.“
„Eine wahrlich stattliche Summe!“ Bewunderung lag in Griseldis Stimme.
„… die ich Euch hiermit übergeben möchte, als Ausdruck meiner Entschuldigung und in der Hoffnung auf Wiedergutmachung. Aber noch viel wichtiger: als Spende dafür, unsere Grenzen weiter zu stärken gegen die Orken!“
Walderia und Griseldis blickten sich nachdenklich an, dann nickte die weise Gräfin ihrer Erbin zu.
„Lieber Gamhain, erhebt Euch wieder“, sprach die künftige Gräfin lächelnd. „Habt Dank für Eure Gabe, die offenbar dank glücklicher Wirrungen den weiten Weg an unseren Hof gefunden hat. Wir haben beste Verwendung dafür! Seid gewiss, dass Ihr uns einen guten Dienst erwiesen habt, so wie Ihr Euch immer dafür eingesetzt habt, dass Brachfelde und Olats Wacht hier an der nördlichen Grenze Bärwaldes ein wichtiges Bollwerk gegen die Orken bilden. Eure Entschuldigung ist gerne angenommen.“
(ar)