Willkommen auf der Bärenburg

Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Anfang Travia 1047 BF

Eine Feste so groß, dass sie als eigener Stadtteil fungierte – so etwas war ihr bislang auch noch nicht untergekommen. Wahrscheinlich eine Weidener Spezialität?! Satijana bedachte die gewaltigen Mauern und die schier endlosen Fluten des Neunaugensees dahinter mit einem unsicheren Blick. So gänzlich von Stein und Stahl umschlossen überkam sie irgendwie das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein. Auf dem Weg hierher waren sie durch so viele Tore geritten, über so viele Höfe, an so vielen fremden Gebäuden vorbei, dass sie keine Ahnung mehr hatte, wo sie sich eigentlich gerade befand und wie sie im Zweifel entweichen sollte.

Sie kämpfte tapfer gegen das Unwohlsein an, wurde es aber leider nicht ganz los. Das Leben auf einer Burg war ihr zwar mittlerweile vertraut, im Vergleich zu diesem Gemäuer hier nahm sich der Klagenfels jedoch wahrlich ... wie Fliegenschiss aus. Leise seufzend wandte sich Satijana von dem Fenster ab, durch das sie bislang gestarrt hatte, und nahm stattdessen ihre Reisegesellschaft in den Fokus. Ließ den Blick prüfend über die hier versammelten Gestalten gleiten, um im Zweifel noch ein letztes Mal Hand anlegen zu können.

Höchstwahrscheinlich würden sie in wenigen Momenten dem Haushofmeister der Herzogin gegenüberstehen und nach allem, was frau so hörte, war das ein sehr korrekter Mann mit einem für die Bärenlande nachgerade skandalös gut ausgeprägten Standesbewusstsein. Da galt es, nicht gleich auf den ersten Blick zu enthüllen, was früher oder später ohnehin irgendwie zu Tage treten würde: Dass sie seinen hehren Ansprüchen mehrheitlich ganz bestimmt nicht gerecht werden konnten. Immerhin aber sahen ihre Begleiter bei einer oberflächlichen Betrachtung ziemlich adrett aus, wie sie gerade zufrieden feststellte.

Widderich war Widderich. Das mochte frau mögen oder es bleiben lassen, aber wer einfach nur Rüstung und Wappenrock trug, konnte nicht viel falsch machen. Algirdas Erscheinungsbild war makellos wie stets und Mirja ... Satijana trat an die Ahrfoldenerin heran, um die Falten von deren Rock in eine etwas gefälligere Form zu ziehen.

Danach fasste sie Theo ins Auge, der sich nervös am Griff seines Schwertes festklammerte und wirkte, als würde er sich weit weg von hier wünschen, ja, als stünde er kurz vor einer Ohnmacht. Widderichs Knappe war ein guter Junge, entstammte jedoch einer Familie ländlichen Kleinadels, sodass die Situation äußerst ungewohnt für ihn war. Und dann ... dieses Haar! Satijana lächelte dem Uhlenhainer ermutigend zu, während sie ein paar seiner fusseligen Locken zurechtzupfte, um wenigstens ein bisschen Ordnung zu schaffen.

Gern hätte sie noch etwas gesagt, um die angespannte Stimmung in dem kleinen Zimmer aufzulockern, aber dazu kam es nicht mehr: Just in diesem Moment wurde die Tür aufgetan und ein hagerer, in Brokat und Leinen gekleideter Mann Ende 40 trat ein. Gold und Braun. Groß. Kurzes Haar. Akkurat geschnittener Bart. Stechender Blick. Ja, das war wohl ...

„Da schau an! Pünktlich wie die Maurer. Famos.“

Satijana blinzelte irritiert und löste den Blick vom Weißensteiner, hinter dem just ein noch größerer und vor allem deutlich breiterer Mann eingetreten war. Anfang 30. Rüstung und Wappenrock. Goldene Locken. Dreitagebart. Breites Lächeln. Arlan!

Während sich der Prinz am Haushofmeister vorbeischob, gingen die Rotenforster wie eine Frau in die Reverenz. Verneigten sich oder knicksten elegant, so wie sie es auf dem langen Weg hierher fleißig geübt hatten – wozu sich Satijana jetzt stillzufrieden beglückwünschte. Allerdings nur kurz, denn der Löwenhaupter hatte keine Augen für die erfreulich gelungenen Willkommensgrüße, die ihm hier allenthalben entboten wurden.

Er ging schnurstracks auf Widderich zu, bedeutete ihm mit einer beiläufigen Geste, dass er sich aufrichten sollte, und griff ohne Zögern nach seinem Schwertarm, um ihn so zu begrüßen, wie es sich unter Rittern geziemte.

„Den Göttern zum Gruße, Hochgeboren, Rondra und Travia voran. Willkommen auf der Bärenburg“, meinte er frohgemut. „Ich hoffe, Ihr seid gut durchgekommen?“

„Den Zwölfen zum Gruße, Hoheit, und habt abermals Dank für die Einladung. Es ist uns eine Ehre, Gastung im Heim der Herzoge zu finden“, gab Widderich mit einem knappen Nicken zurück. „Ja, wir sind gut durchgekommen. Das größte Problem war das Wetter, doch angesichts dessen, was sich andernorts in der Mittnacht gerade abspielt, mag ich darüber nicht klagen.“

„Ai“, Arlan gab Widderichs Arm frei, um den Rest der Anwesenden neugierig zu mustern. „Die Kinder habt Ihr zu Hause gelassen, hum?“

„Im Anbetracht der Umstände“, Widderich folgte dem Blick des Prinzen und schob ein „Meine Frau Satijana von Horadamm kennt ihr ja schon“ hinterher.

„In der Tat, sehr erfreut!“, der Löwenhaupter lächelte Satijana freundlich zu und schien dann kurz überlegen zu müssen, wie am besten mit einem Weichei ihrer Couleur zu verfahren sei, bei dem sich der Kriegergruß nun wahrlich nicht anbot. Schließlich trat ein amüsiertes Funkeln in seine Augen und er rang sich schulterzuckend zu einem angedeuteten Handkuss durch, ehe er ihr und den anderen bedeutete, sich ebenfalls zu erheben.

„Das ist Algirdas von Stockach, mein ... einer meiner Dienstritter“, fuhr Widderich unterdessen fort. „Daneben stehen Theodard von Uhlenhain, mein Knappe, und Mirja von Ahrfolden, die Schwester des Baronsgemahls von Herzogenthal und Zofe meiner Gemahlin.“

„Willkommen auf der Bärenburg“, wiederholte Arlan, derweil er auch nach Algirdas’ Arm griff und Theo und Mirja verbindlich zunickte. „Mehr habe ich erstmal nicht zu sagen, ich muss nämlich gleich weiter. Bin eh nur hier, weil Ihr meine Gäste seid und ich das Seiner Exzellenz noch mal in Erinnerung rufen wollte.“

Er grinste den Haushofmeister an, der pikiert die Nase rümpfte und wandte sich danach wieder direkt an Widderich:

„Richtet Euch ein und macht Euch mit den Gegebenheiten vertraut, Hochgeboren. Wir sehen uns morgen zur sechsten Stunde beim Göttinnendienst in der Kapelle, will ich meinen. Und danach hätte ich Euch gern bei den Schwertübungen im Ritterhof dabei. Ihr seid natürlich auch eingeladen, Herr Algirdas.“

Sprachs, wartete das zustimmende Nicken der beiden Rotenforster Ritter gerade eben noch so ab, verabschiedete sich dann mit einem knappen „Bis morgen!“, machte auf der Hacke kehrt und sich ohne ein weiteres Wort davon.

Satijana starrte dem Löwenhaupter wie vom Donner gerührt hinterher. Es kostete sie einiges an Beherrschung, sich ein verstörtes Schniefen zu verkneifen und den Blick von der Tür zu lösen, um ihn auf den Haushofmeister zu richten.

Der ließ sich nicht anmerken, was er vom Auftritt des Kronprinzen hielt: Seine Lippen wurden von einem stählernen Lächeln geziert, während er sie alle mit kritischer Miene musterte.

„Die Götter zum Gruße, Hochgeboren, Travia zuvörderst“, hob er schließlich mit kühler Stimme an. „Es freut mich, zu hören, dass Eure Reise hierher ereignislos verlaufen ist. Was für eine unermessliche Freude überdies, dass Ihr nach mehrfacher Einladung und Erinnerung doch noch genug Zeit freimachen konntet, um der Hochzeit Seiner allerprinzlichsten Hoheit, Eures künftigen Herzogs, beizuwohnen.“

Von Freude war auf seinen Zügen zwar nichts zu sehen und in seiner Stimme auch nichts zu hören, aber Satijana nahm das jetzt einfach mal so hin.

„Ein herzliches Willkommen auf der Bärenburg, Euch allen“, fuhr der Weißensteiner inzwischen fort. „Lasst uns einfach noch mal von vorn beginnen.“