Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Praios 1046 BF
„Na, ich muss gleich weiter. Ich dachte nur, ich komme kurz vorbei und setze dich darüber in Kenntnis, dass ich der Frau meines Herzens gestern einen Antrag gemacht habe.“
„Der ... was? Wie ... ? Du hast ... was bitte getan?“
Walpurga bemühte sich redlich, ihre Züge vor dem Entgleisen zu bewahren, aber es gelang nicht. Einen Moment starrte sie ihren Sohn noch konsterniert an und richtete den Blick dann auf Eberwulf. Dabei wirkte sie irgendwie vorwurfsvoll und breitete die Arme zugleich in einer Geste allumfassender Ratlosigkeit aus.
Als sei er daran schuld, dass sich Arlan zu diesem Wahnsinn verstiegen hatte. Und als könne er ihr erklären, wie es dazu gekommen war. Beides traf nicht zu, weshalb der Haushofmeister die hilflose Geste der Herzogin einfach spiegelte und mit einem amüsierten Lächeln garnierte.
Na, nur halb amüsiert.
Die andere Hälfte war nackte Angst.
Nicht etwa, weil er fürchtete, dass seine Herrin ihn im nächsten Atemzug wegen irgendeiner eingebildeten Nachlässigkeit vor die Tür setzen könnte, sondern vielmehr, weil er fürchtete, wie dieses Gespräch weitergehen würde. Wohin es führen würde. Und – wahrlich nicht zuletzt –, dass der Kronprinz sich mal wieder spontan in eine Frau verschossen hatte, die seiner nicht ansatzweise würdig war. Dass die Absage, die dessenthalben unweigerlich von der Herzogin folgen würde, diplomatische Verwerfungen heraufbeschwören könnte. Ein Sturm, den er dann wieder irgendwie besänftigen durfte.
„Über derlei hast du mich nicht im Nachhinein in Kenntnis zu setzen, sondern im Vorfeld zu fragen, Bürschchen! Ich dachte, das wäre klar?“, donnerte es unterdessen aus Walpurgas Richtung. „Was, bist du denn des Wahnsinns fette Beute?“
Um einen festen Platz für ihre Hände zu finden, hatte sie sie geballt, in die Hüften gestemmt und stierte ihren Erben nun zornig an – die Nüstern bebend, die Augen gefährlich funkelnd. Das war schon recht beeindruckend, hätte aber sicher eine durchschlagendere Wirkung entfaltet, wenn sie dafür nicht zu ihm hätte aufsehen müssen.
Arlan reagierte mit einem gleichmütigen Achselzucken: „Sicher. Das hat ja die letzten paar Male schon so gut geklappt. Wenn wir das Spielchen weiter spielen, bin ich mit 50 noch Junggeselle, weil in deinen Augen einfach niemand gut genug für mich ist!“
„So ein bodenloser Unfug!“, rief Walpurga – und schnaubte gereizt, als sie sah, dass Eberwulf den Kopf zweifelnd wiegte. „Du nicht auch noch!“, fuhr sie ihn an.
„Bedingt. Mir ist bewusst, dass die meisten Anwärterinnen alles andere als geeignet waren, aber ich kann mich nicht ganz von dem Eindruck freimachen, dass du in der Tat ...“, hob er an, wurde jedoch sofort unterbrochen.
„Ebendies! Alles! Andere! Als! Geeignet! Danke, dass du es erwähnst. Ich schätze nämlich, meinem feinen Herrn Sohn ist praktischerweise entfallen, dass es jeweils gute Gründe für eine ablehnende Haltung gab?!“, motzte sie. „Was ist es denn diesmal, hum? Wieder die Herrscherin eines gescheiterten Königreichs, deren trauriges Schicksal dein Herz rührt? Oder ein alterndes Pferdemädchen, das zwar von niederstem Adel ist, aber gut ... reiten kann? Eine rassige Tänzerin aus gutbürgerlichem Haus, deren Grazie und Feuer dein Blut in Wallung gebracht haben? Oder ... warte ... vielleicht einfach gleich eine Bäuerin, weil das in unserer Ahnenreihe schon ein paarmal so gut hingehauen hat?“
Arlan biss die Zähne erst zusammen, schob den Unterkiefer dann störrisch vor und hob abermals die Schultern – nicht gleichgültig diesmal, sondern eher herausfordernd.
Das ließ nichts Gutes erahnen.
„Liebe Zeit!“, murmelte Walpurga denn auch. „Will ich es überhaupt wissen?“ Sie löste die rechte Hand von ihrer Hüfte und begann, sich damit die Stirn zu massieren, während ein gequältes Seufzen ihrer Kehle entwich. „Gut ... also, hast du schon mit ihren Eltern gesprochen, oder bislang nur mit dem Mädchen selbst?“
„Warum ist das wichtig?“
„Weil es sich leichter wieder zurückdrehen lässt, wenn du in deinem blinden Liebestaumel nur bei ihr und nicht gleich bei der ganzen Familie vorstellig geworden bist!“
„Ich werde das nicht zurückdrehen“, meinte Arlan – in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, wie ernst es ihm mit dieser Aussage war.
Das ließ nicht nur seine Mutter aufhorchen, sondern auch Eberwulf. Er bedachte den Kronprinzen mit einem prüfenden Blick.
Was war das denn?
In den Diskussionen, für die die meist doch ziemlich unglückliche Wahl seiner Angebeteten bislang so gesorgt hatte, war es zwar öfter Mal sehr hoch hergegangen, es hatten aber dennoch nie Zweifel daran bestanden, wer sich am Ende durchsetzen würde. Selten – äußerst selten nur – hatte Arlan während all dieser Streitereien in einem solchen Brustton der Überzeugung gesprochen wie jetzt gerade.
„Hört, hört!“ Walpurga starrte ihren Sohn noch einen Moment durchdringend an und stellte dann die Frage aller Fragen: „Wer ist es?“
Arlan nahm sich einen Herzschlag Zeit, um ihren Blick zu erwidern – mit einer stillen Entschiedenheit, die zwar nicht schneidend, aber ebenfalls recht eindrücklich war.
„Linnea“, sagte er dann knapp.
„Linnea? Was ... Linnea wie in ... . Linnea von Wertlingen etwa? Die hier bei uns am Hof ihren Dienst versieht?“
„Ja“, gab der Prinz zurück und verengte die Augen, als wolle er seine Mutter davor warnen, zu einer Wutrede darüber anzusetzen, warum auch seine neue Auserwählte völlig ungeeignet war.
„Linnea? DIE Linnea?“
„Ja doch!“
„Junge ... was ist denn in dich gefahren?“, Walpurgas Blick huschte erneut zu Eberwulf hinüber, weil sie ihren Unglauben bei ihm abladen wollte.
Er hob wieder die Schultern und lächelte milde.
„Du kennst das Mädchen seit elf Jahren und hast immer nur als Freundin von ihr gesprochen!“, die Herzogin nahm nun wieder den Prinzen ins Visier. „Herrin Rahja, du hast sie sogar mitgeschleift, als du seinerzeit nach Andergast bist, um dieser Sulva ... Sulvia … Eberwulf, jetzt hilf mir halt mal!“, sie schnipste ungeduldig.
„Sulvina. Sulvina Rotbaum von Teshkal.“
„Als du dieser Sulvina damals nachgestiegen bist, da hattest du die arme Wertlingerin im Schlepptau, als Flügelfrau, oder etwa nicht?! Und jetzt willst du sie auf einmal heiraten? Was ... ? Wie kommt denn das zustande?“
„Ich bin blind gewesen“, meinte Arlan ruhig. „Du hast Recht, ich habe sie die ganze Zeit als Freundin betrachtet, als enge Vertraute sogar, weil sie mir stets mit gutem Rat und unverzagter Tat zur Seite stand. Sie hat mit mir gekämpft und geblutet, gelacht und ... war halt einfach immer da! Sie kennt mich so gut wie kaum jemand sonst und ich vertraue ihr wie kaum jemandem sonst. Zwischen uns gibt keine Geheimnisse und ... ähm ... das ...“
„Jaaaa?“, Walpurga hob fragend die Brauen.
„Das bedeutet doch etwas!“, Arlan verschränkte die Arme und hob das Kinn. „Es ist mehr wert als ein trauriges Herz, Reitkünste oder Grazie, will ich meinen. Es fühlt sich richtig an, wenn du so willst. Wie etwas, das genau so gehört und auch so bleiben sollte!“
„Da schau an“, meinte die Herzogin leise, während sie ihr Gegenüber mit einem nachdenklichen Blick maß. „Wie lange geht das schon?“
„Nicht lange. Drei Monde etwa.“
Walpurga atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, ehe sie sie sinken ließ.
„Mutter, ich weiß, dass sie nur eine Bärenritterin ist, ihr Vater nicht mehr als der Bruder eines relativ frisch belehnten Landvo...“
„Pscht!“, Walpurga bedeutete Arlan mit einer herrischen Geste, zu schweigen. Dann wandte sie sich wieder an Eberwulf und forderte leise: „Sprich!“
„Selbstverfreilich“, er wusste sofort, was sie wollte, und konnte es ihr in diesem Fall mühelos liefern – aus gutem Grund. „Linnea Luminella von Wertlingen, Tochter des Regolan Erlfried von Gettersperg und der Brigida von Wertlingen. Regolan ist ein einfacher Ritter, sein älterer Bruder seit 1013 Landvogt von Weihenhorst, das nach dem Tod des alten Barons an die Markgräfin heimgefallen ist. Mehr kann ich über die Seite der Familie leider nicht sagen.“
„Aber über die andere, oder nicht?“
„Brigida von Wertlingen ist die Tochter Boronhards von Wertlingen, kaiserlicher Navigator und in den Namenlosen Tagen 1038 in der Schlacht im Selemgrund gefallen, als die Seeadler von Beilunk sank, nachdem sie die Plagenbringer gerammt hatte.“
„Ein Held also.“
„Und brillanter Nautiker.“
„In welchem Verwandtschaftsverhältnis stand er zu Irmenella?“
„Vetter zweiten Grades.“
„Das ist nicht so schlecht.“
Walpurga biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, während Arlan ein vorsichtiges Nicken wagte und Eberwulf dankbar ansah.
„Das ist aber noch nicht alles“, fuhr der Haushofmeister daraufhin fort und konnte sich ein feines Lächeln nicht verkneifen, weil er sicher war, dass die Herzogin die weiteren Informationen auch nicht schlecht finden würde.
Sie machte eine auffordernde Geste: „Erhelle mich.“
„Boronhards Witwe ist Alladt von Weißenstein, eine Base aus dem Saltheler Zweig meiner Familie.“
„Die Komischen?“
„Ein bisschen speziell vielleicht, aber Weidener durch und durch und dem Herzogenhaus treu ergeben, wie es in unseren Reihen gute Tradition ist.“
„Weißenstein ...“, Walpurga ließ sich den Namen förmlich auf der Zunge zergehen.
„Fîrnbold von Weißenstein, wenn wir präzise sein wollen.“
„Fîrnbold?“
„Ja. Alladts Mutter Odelinde war mit Cuno Fîrnbold von Erlbach verheiratet, Thûans Onkel.“
„Da brat mir doch einer nen Storch!“, die Herzogin sah Eberwulf noch kurz ungläubig an, schüttelte dann sacht mit dem Kopf und richtete den Blick auf ihren Sohn. „Eine Braut aus dem Haus von Schwester Greifenfurt, unserer engsten Verbündeten im Kampf gegen den Schwarzpelz, und mit dem Blut gleich zweier ebenso alter wie aufrechter Weidener Adelsgeschlechter in den Adern? Man könnte fast meinen, du hättest diesmal mit mehr als nur deinem ... Bauch gedacht.“
„Glücklicher Zufall“, er hob die Schultern und drehte die Händeflächen ergeben nach oben. „Ich kann nicht behaupten, dass ich darauf ernstlich geachtet hätte.“
Der Junge war einfach zu ehrlich. Schon immer gewesen!
„Du hättest die einmalige Chance gehabt, es danach aussehen zu lassen“, meinte Walpurga tadelnd, hielt sich damit aber nicht weiter auf, sondern wandte sich direkt wieder an Eberwulf. „Wir nehmen Kontakt zur Greifin auf. Unverzüglich. Lass sie ...“
„Moment ... was?“, unterbrach Arlan sie mit irritiert gerunzelter Stirn, aber auch einem vorsichtig hoffnungsvollen Funkeln in den hellen Augen. „Heißt das etwa, du machst das mit? Ganz ohne Gegenwehr? Willst du nicht wenigstens noch irgendwas Schlechtes über sie sagen?“
„Ich müsste dir für die Form das Fell gerben, denn du solltest es besser wissen, als derart kopflos voranzupreschen“, meinte die Herzogin streng, fuhr dann aber mit sanfterer Stimme fort, „Allein, nach der Vorrede, die du gerade gehalten hast, wie könnte ich ernsthaft Gegenwehr leisten wollen? Was hat Linnea denn zu deinem Antrag gesagt? Sie macht ja wohl hoffentlich auch mit?“
„Sie hat gefragt, ob ich wahnsinnig bin. Und dann darauf hingewiesen, dass ich das niemals hätte tun dürfen, ohne vorher mit dir zu reden.“
„Trefflich!“ Ein zufriedenes Schmunzeln eroberte Walpurgas Züge. „Gutes Mädchen! Nein, ich denke nicht, dass ich ein schlechtes Wort über sie verlieren will!“
Damit war das ja wohl geklärt.