Avessandro

Avessandro

Baronie Urktentrutz, Dorf Schwarze Au, 20. Travia 1029

 

Alles an Avessandro war faszinierend. Angefangen bei seinem plötzlichen Auftauchen am 20. Travia 1029. Geradewegs zur Rahjastunde war er am Dorfplatz der Siedlung Schwarze Au erschienen. Lang und hager, mit brauner Lockenmähne in die einzelne, farbige Bänder eingeflochten waren und einem Bart, der darauf schließen ließ, dass er sich seit etwa einer Woche nicht rasiert hatte. Lustige türkisblaue Augen blickten Ysilda aus einem praiosverwöhnten Gesicht an. Auf seinem Kopf saß ein breitkrempiger Hut mit mehreren Vogelfedern, eine mit bunten Lederflicken besetzte Hose steckte bis zu den Knien in Schaftstiefeln. Die Hose wurde von einem bunt geflochtenem Gürtel zusammengehalten, an dem eine silberne Flöte hing. An den Ärmeln des gelben Wamses sprang der Stoff der Länge nach auf und zeigte einen leuchtend blauen Unterstoff. Über die linke Schulter hatte der gutaussehende junge Mann lässig einen Reisemantel geworfen, die rechte Hand hielt einen beeindruckenden Wanderstecken, der in einem Wurzelknoten endete und mit bunten Bändern und Vogelfedern geschmückt war. Er grinste breit und nickte der 16 Winter zählenden Finsterbornerin zu, die geradewegs auf ihn zusteuerte.

"Wohin des Wegs, schönes Weidenröschen?"

Die Stimme klang sanft und keck zugleich. Es schwang ein Unterton mit, den Ysilda nicht zu deuten vermochte. War es dieser oder seine bunte und unkonventionelle Kleidung, die sie so magisch anzog?

"Ins Gasthaus zur Schwarzen Au, Fremder", sagte sie und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln.

 

Den ganzen Tag und bis in die Abendstunden hinein saßen sie zusammen und Ysilda hing an den Lippen des fremden Wandersmanns. Avessandro erzählte Geschichten von seinen Wanderungen, den Metropolen, die er besucht hatte, den Völkern, die er kennen gelernt, und den Abenteuern, die er erlebt hatte. Auf die Frage der Finsterbornerin wo er denn zuhause sei, erwiderte er: "Überall auf Deres Rund!" und lachte.

"Aber du musst doch einen Vater und eine Mutter haben?", insistierte Ysilda.

"Oh ja, kleines Weidenröschen. Das Praiosmal ist mein Vater, das Madamal meine Mutter!"

Ysilda fühlte sich auf den Arm genommen. Sie runzelte die Stirn.

"Wo ist denn deine Wiege gestanden, Avessandro?"

„Unter dem Himmelzelt, Lockenkopf! Und die Sterne sind meine Geschwister!"

Er lachte und eigentlich hätte die Jüngste des Junkers aus der Schwarzen Au beleidigt sein müssen, war es doch nur zu offensichtlich, dass der junge Mann, der wohl etwa 20 Winter gesehen haben mochte, mit ihr Scherze trieb. Doch stattdessen stimmte sie mit ihrem glockenhellen Lachen ein und spürte, dass Avessandro das gefiel.

 

Auch Ysilda gefiel der junge Zugvögel, wie der fröhliche Wanderer sich manchmal nannte. Eine mystische, geheimnisvolle Aura umgab ihn.
„Wohin führt dich dein Weg?“, fragte die Schwarzgelockte.

„Oach, mal hierhin, mal dahin. Wenn ich ehrlich bin, lasse ich mich treiben. Ich bin das erste Mal in Weiden und dachte ich sehe mir den Finsterkamm an bevor Firun mit seinen eisigen Fingern daherkommt. Dann würde ich weiterwandern gen Praios denn es ist bequemer dort im Winter, wenn du verstehst was ich meine.“

Ysilda wusste genau was er meinte, nämlich, dass Weiden von Hesinde bis mindestens Tsa oder Phex fest in den Händen des Alten vom Berge war, und sie kannte die Berichte ihrer Schwester von den schnee- und eisfreien Wintern im Lieblichen Feld.

„Und du? Kleiner Schmetterling?“, fragte der Charmeur. „Wo wirst du den Winter verbringen? Und womit verbringst du deine Zeit?“

Die Jüngste der Finsterbornerinnen begann von ihrer Familie zu erzählen und von den Erwartungen, die an sie gestellt wurden.
„Ich soll Ritterin werden! Und das obwohl ich überhaupt nicht zum Kämpfen tauge. Ganz und gar nicht. Meine Liebe gilt den schönen Künsten! Ich male gerne und bin sehr kreativ! Meine Schwester Lyssandra hat noch am ehesten Verständnis für mich. Sie war eine Weile im Horasreich und wollte für mich dort eine Ausbildung bei einer berühmten Künstlerin arrangieren, doch dann kam der Thronfolgekrieg im Lieblichen Feld dazwischen. Und nun drücken mir mein Vater und meine Schwester das Schwert in die Hand, zwingen mich, einen Weg zu gehen, den ich nicht gehen möchte!“

Avessandro horchte auf. „So ist das also! Ich sage dir was, mein Weidnenröschen, du bist nicht für den Weg der Ritterin gemacht! Niemals! Man muss den Weg erkennen, der für einen bestimmt ist! Du musst dein Schicksal in die Hand nehmen! Löse dich von der Schollengebundenheit, von der Familientradition! Was sind Traditionen anderes als Fesseln, mit denen deine Familie versucht, dich an sie zu binden? Sie ketten dich an ein Leben, das nicht deines ist! Glaub mir, kleiner Schmetterling, flieg hinaus in die Welt der Wunder! Höre die Melodie der Winde und male deinen Weg in deinen eigenen Farben!“

 

Gebannt lauschte Ysilda den Worten des Weltsuchenden. Ja, da war es! Der Avesjünger schlug eine Saite in ihr an, die gespielt werden wollte. Und sofort wurde aus einem einzelnen Ton eine ganze Melodie.

„Du hast recht, Avessandro! Ich muss meinen eigenen Weg gehen!“

„Ja, das musst du, mein Weidenröschen! Sieh mich an! Ich bin ungebunden und frei! Willst du das nicht auch sein? Ungebunden und frei!“

Türkisblaues Feuer flammte in seinen Augen. Wie hypnotisiert starrte Ysilda den wortgewandten Zugvogel an. Ja, das wollte sie auch! Frei und ungebunden sein, wie ein Vogel fliegen!

„Ja“, hauchte sie zunächst. Dann noch einmal lauter und mit fester Stimme. „Ja, ich will frei sein!“

 

Und als die Praiosscheibe unterging und Ysilda sich verabschiedete, fragte Avessandro ob er sie begleiten könne. Da zögerte die Finsterbornerin und dachte nach.

"Nun, ich glaube nicht, dass mein Vater dir die Tür weisen würde, doch ist er zurzeit nicht gut auf mich zu sprechen.“

Avessandro lächelte. „Dann erlaube, dass ich dich nach Hause begleite.“

Hand in Hand schritten sie aus dem Dorf und über den Urkenweg in Richtung Junkergut. Als sich das Blätterdach des Auwaldes lichtete und der umwehrte Gutshof in Sicht kam, blieb der Avesjünger stehen und hielt Ysilda am Arm fest.

„Sieh nur das Sternenzelt über uns. Ist es nicht Dach genug für uns?“

Mit klopfendem Herzen sah die Sechzehnjährige in den Himmel. „Es ist wunderschön! Das schönste Dach, das man sich vorstellen kann!“

„Nicht wahr?“ Avessandro löste die Flöte von seinem Gürtel und begann zu spielen. Eine wunderschöne Melodie erklang, sehnsuchtsvoll und romanisch. Ysilda war sogleich vollkommen verzaubert. Sie ließ sich auf einem Baumstumpf nieder und betrachtete im Schein des Madamals und der Sterne den gutaussehenden Mann, der sich an einen Baum gelehnt hatte und dem einfachen Instrument solch schöne Töne entlockte.

Plötzlich beschlich die Finsterbornerin eine Sorge.

"Bist du morgen noch da?", fragte sie.

Avessandro ließ die Flöte sinken und lächelte geheimnisvoll. "Das weiß man nie so genau", erwiderte er und berührte wie zufällig ihre Hand.

 

***

 

Am Morgen des 21. Travia 2029 fand Lyssandra von Finsterborn das Bett ihrer jüngsten Schwester leer vor. Kein Brief, kein Hinweis darauf, wohin Ysilda gegangen war.

Am vorangegangenen Abend war sie, sehr zum Ärger des Vaters, spät aus dem Dorf zurückgekommen. Sie hatte sich sogleich zur Nacht verabschiedet und war der drohenden Standpauke so entgangen. Nun war sie fort und Lyssandra ahnte, dass sich Ysilda auf der Flucht in ein neues Leben befand.