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Was genug ist ...
Burg Tatzelschlund, Hahnfels
Frühling 1034 BF

Es war spät und wurde immer später. Und lauter. Und wilder. Und heißer. Und stickiger. Es war einer jener Abende, an denen die Wände der meisten Burgen höchstwahrscheinlich bedrohlich gewackelt hätten – vom Gebrüll der Feiernden, fürchterlich schrägem Gesang, schallendem Gelächter und zerberstenden Tonkrügen. Jede andere Burg in Weiden wäre erzittert oder vor Scham in sich zusammengefallen. Nicht aber der Tatzelschlund. Denn die Wände der uralten Höhlenburg waren teils dicker als die Räume breit. Sie widerstanden dem Getöse unbeschadet, warfen den Lärm tausendfach zurück und heizten sich im gleichen Maße wie die Gemüter ihrer Insassen auf.

Ellslins Wangen brannten wie Feuer und ihr Gesicht – das wusste sie, auch wenn sie es im Moment nicht sehen konnte – war bereits so rot wie ihr Haar. Das lag nicht nur am Alkohol, sondern auch an der unglaublich schlechten Luft im Rittersaal. Die schmauchenden Kamine jagten Hitze und Rauch in die Weite des Raums hinaus, es roch nach Spanferkel, nach Knoblauch, nach Alkohol und nach schwitzenden Menschenleibern. Wäre sie doch nur nicht so eitel gewesen, sich in das Kettenhemd zu zwängen, das ihre Mutter ihr zum Beginn der Knappenschaft geschenkt hatte ... . Leise fluchend fuhr die junge Hahnfelserin sich mit der Hand über die Stirn und wischte ihren triefenden Nacken trocken. Sie hätte auf ihre Schwester hören sollen, die sich in weiser Voraussicht leicht gekleidet hatte ... etwas zu leicht für ihren Geschmack.

Dann seufzte die Knappin ergeben und leerte ihren Stumpen in einem Zug. Schnaps führte zwar nicht gerade zu Abkühlung, aber er förderte den Gleichmut. Sie würde das Ganze hier irgendwie überstehen. Und zwar im Kettenhemd. Sie würde sich auf keinen Fall die Blöße geben, ihre Kleider zu wechseln. Oft genug spotteten die rauen Gefolgsleute ihrer Mutter über sie. Um keinen Preis der Welt würde sie ihnen das noch leichter machen. Ellslin sah die lange Tafel hinab, ließ ihren Blick nachdenklich über die lärmende Gesellschaft gleiten.

Ihre Mutter hatte geladen. Dabei war das eigentlich gar nicht nötig. Die meisten Anwesenden wären auch ohne Einladung gekommen, denn Mirnhildes Feste waren legendär. Ellslin konnte sich an keine Feier auf dem Tatzelschlund erinnern, die nicht mindestens 40 Besucher gesehen hatte – und sei der Anlass noch so nichtig. Wie heute zum Beispiel. Sie feierten den Geburtstag des neuen Gespielen ihrer Mutter. Der würde sich vermutlich nicht länger an ihrer Seite halten als irgendein anderer Mann, weswegen Ellslin sich weigerte, seinen Namen zu erinnern. Doch hatte Mirnhilde es sich nicht nehmen lassen wollen, die Volljährigkeit des Milchbubis gebührend zu feiern – und die grölende Meute fand großen Gefallen an dem Anlass.

Allerdings war niemandes Vergnügen so groß wie das ihrer Mutter. Deren dröhnendes Lachen schwebte über dem Chaos im Rittersaal und die schlüpfrigen Seitenhiebe, die sie in Richtung ihres jugendlichen Liebhabers abfeuerte, fanden ein dankbares Publikum. Die Herrin des Hauses hatte schon einiges getrunken und war noch lauter als sonst. Sie war gefährlich, wenn sie trank, weshalb es Ellslin nicht anfocht, dass sie hinter ihr stehen musste. Im Gegenteil: So befand sie sich außerhalb der Reichweite ihrer Mutter. Wenn die eine Maulschelle austeilen oder einen Tadel äußern wollte, würde sie sich dazu kaum extra umdrehen. Zufrieden grinsend blickte die junge Hahnfelserin auf den Hinterkopf ihrer Mutter und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Wie so oft sann sie darüber nach, ob sich ihr Leben mit dem anderer Weidener Baronskinder vergleichen ließ. Wenn sie die lange Tafel hinab blickte, an der die Gefolgschaft ihrer Mutter saß, zweifelte Ellslin daran. Diese ganzen bärtigen, zotteligen, gerüsteten oder auch halbnackten, auf jeden Fall aber schwer bewaffneten Weiber und Kerle ... die sich zum Großteil weit jenseits eines harmlosen Schwipses befanden und ungehörige Lieder schmetterten, Zoten erzählten ... oder direkt übereinander herfielen ... . Nein, das hier war keine Adelsfeier im klassischen Sinne. Auf den Burgen in Rotenforst oder Schwarzenstein würde es sowas kaum geben ... und schon gar nicht auf der Grafenfeste in Salthel.

Bevor Ellslin die Frage, ob das nun eher gut oder schlecht war, für sich beantworten konnte, zog eine rasche Bewegung der Mutter ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die Baronin schüttelte ihre prächtige, feuerrote Lockenmähne und lachte. Irgendetwas in ihrer Stimme aber verriet Unmut. Vorsicht jetzt!

“Das ist doch Unsinn! Wer erzählt denn sowas? Das wüsste ich ja wohl, wenn das Gesocks auf meinem Land unterwegs wäre!”

“Na, wie ich’s schon sagte, Mirnhilde, das habe ich aus Schwarzenstein. Der Olko sagte mir, dass er es mit eigenen Augen gesehen hat.”

“Mumpitz! Wenn der eine solche Horde mit eigenen Augen gesehen hätte, wäre er jetzt tot. Der Kerl ist so ungeschickt, dass er es schaffen würde, sich mit der eigenen Saufeder beide Augen auszustechen. Da würde er den Goblin-Spähern bestimmt nicht entgehen.”

“Ich kann nur weitergeben, was ich gehört habe. Hat gesagt, die Goblins kamen aus dem Norden und sind nach Südosten weiter. Müssen also mittlerweile irgendwo hier auf unserem Land sein.”

“Kann ich nicht glauben. Der Schwarzensteiner hätte da doch längstens was gegen unternommen. Der ist doch froh, wenn der von seinem langweiligen Heimchen mal weg kommt und ein paar Schädel spalten kann, der alte Sack. Wir hätten was von Kämpfen hören müssen.”

“Wer weiß? Man kann ja nicht gerade sagen, dass unsere Nachbarn uns auf dem Laufenden halten würden, Mutter”, schaltete Bridlin sich ins Gespräch ein.

“Pffft. Scheißendreck! Was will dein Olko denn noch so gesehen haben, Bursche?”, wandte Mirnhilde sich gleich wieder an den Überbringer der schlechten Nachricht.

Ellslin machte einen Schritt zu Seite, um ihrer Mutter ins Gesicht sehen zu können. Der Hinterkopf war in dieser Situation nicht aussagekräftig genug.

“Er sagt, es seien eine ganze Menge Goblins gewesen. Mindestens 50. Und dass sie zum Teil auf Gebirgsböcken ritten. Und dass sie Lastentiere dabei hatten.”

“Auf Gebirgsböcken? Dass ich nicht lache. Das ist doch ... . Das weiß doch nun wirklich jedes Kind, dass das nicht stimmen kann. Nicht wahr, Auberlin?”

Ellslin warf ihrem kleinen Bruder einen mitleidigen Blick zu. Auberlin hatte bis eben noch schlaftrunken mit halb geschlossenen Augen am Tisch gesessen. Jetzt zuckte er erschrocken zusammen und blickte seine Mutter fragend an. “Was?”

“Auf was für Tieren reiten Goblins, Stöpsel?”

Auberlin schluckte. Seine Gesichtsfarbe näherte sich nun ebenfalls gefährlich der Haarfarbe an und er warf einen hilfesuchenden Blick in die Runde. Doch niemand wollte die betrunkene Baronin verärgern und so schwiegen alle. “Auf ... äh ... Wildschweinen?”, kam es schließlich reichlich fiepsig.

“Ha! Mein Junge. Noch so klein und schon so clever.” Mirnhilde lachte und zauste ihrem Jüngsten mit einer ruppigen, aber dennoch liebevollen Geste das Haar. “Genau. Auf Schweinen!”

Nachdem sich das Gelächter der Umsitzenden gelegt hatte, herrschte für einen Moment Schweigen am Kopfende des Tisches.

Dann räusperte sich Ellslin leise: “Entschuldige, Mutter?!”

“Ja, Pummelchen?”

Ellslin schniefte. Sie hasste es, so genannt zu werden. Trotzdem fuhr sie fort, denn sie wusste etwas, das ihrer Mutter im Rausch anscheinend entfallen war: “Es heißt, dass Tschak Chekrais Horde auf Gebirgsböcken reiten würde.”

Es war als würden die Worte in gewaltigen Wogen von ihren Lippen gerissen und bis in den hintersten Winkel des Saals schwappen. Schweigen folgte der Bewegung, und ungläubige Blicke. Was Mord und Totschlag nicht zuwege gebracht hätten, der Name des verhassten goblinischen Kriegshäuptlings schaffte es mit einem Schlag. Wenige Momente nachdem sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, herrschte absolute Stille im Saal und Ellslin hatte das Gefühl, ihr Kopf müsse vor Scham bersten. Jetzt starrte die ganze Bagage sie an ... und sie schwitzte wie ein Schwein ... hatte einen hochroten Kopf ... das Haar klebte ihr klatschnass an der Stirn ...

"Tschak Chekrai?" Die Rettung kam ausgerechnet von ihrer Mutter. Mirnhilde hatte kurz geschwiegen. Über ihrer langen Nase bildete sich eine steile Falte, während sie angestrengt überlegte und die Augen zusammenkniff. “Du hast recht, mein Kind”, meinte sie schließlich. “Das habe ich auch schon gehört.”

“Tschak Chekrai?”, der Jüngling an der Seite der Baronin wurde bleich. Er schien von dieser Kunde alles andere als erbaut.

Anders als Bridlin. Die straffte ihre Haltung und reckte das Kinn. “Das sind doch alles Spekulationen. Wenn Tschak in der Sichelwacht unterwegs wäre, wüssten wir das längst. Selbst wenn der Schwarzensteiner auf seiner Alten hängen geblieben ist und mit der Krakeelerei und fruchtlosen Scharmützeln ausnahmsweise mal nicht hinterher kommt: Wir haben gute Späher. Die hätten uns längst unterrichtet.”

“Jetzt wo du’s so sagst”, tönte da die Stimme Grimberts vom anderen Ende der Tafel herüber. Der direkte Vertreter ihrer Mutter erhob sich schwankend und fand schließlich an der Tischkante Halt, “Könnt’ sein, dass da seit einiger Zeit ein paar Berichte ausstehen. Also ... will meinen: Ein paar von den Jungs und Mädels sind überfällig ... .”

“Und wann wolltest du mir das mitteilen?”, Mirnhildes Stimme klang beängstigend ruhig.

“Nun ja ...”, Grimbert hob beide Hände in einer entschuldigenden Geste, verlor dabei das Gleichgewicht, kippte hintüber, stürzte schwer und verschwand damit aus Ellslins Sichtfeld. Niemand kümmerte sich um ihn. Auch nicht als er liegen blieb. So etwas kam hier öfter vor. Die junge Hahnfelserin grinste, während ihre Mutter verächtlich schnaubte und den Kopf schüttelte.

“Südosten, wo könnten die hin wollen?”, rief jemand in das Schweigen hinein.

“In unser Grenzgebiet natürlich. Nach Rotenforst oder Drachenstein”, meinte Mirnhilde, “Entweder dahin, wo der Graufenbeiner seit Jahr und Tag Rotpelze abschlachtet oder dahin, wo die verfluchte Goblinfreundin aus dem Hause Schwertestreich ihrer privaten kleinen Sippe ein kuschelig weiches Nest bereitet hat. In Drachenstein leben Hunderte von den Kriechern. Wenn sie sich mit denen zusammenschließen ... .”

Ein nervöses Lachen des Jünglings an Mirnhildes Seite sorgte für irritierte Gesichter. Als er das Unverständnis der anderen bemerkte, meinte der Tsatagsjunge schmunzelnd: “Harte Zeiten für den Herrn von Uhlengrund, würde ich meinen.”

Der sengende Blick der Baronin sorgte dafür, dass die Heiterkeit schlagartig von seinen hübschen Zügen schwand. “Halt den Mund, Dummkopf”, zischte sie leise, bevor sie ihrem Sohn einen nachdenklichen Blick zuwarf und sich mit fahriger Geste das Haar aus der Stirn strich. Schließlich erhob sie sich. Auch ihr Stand war nicht mehr der allersicherste, dennoch sah sie davon ab, sich an der Tischkante festzuklammern.

“Nun, meine Lieben, mir will scheinen, dass diese Feier zu einem günstigen Zeitpunkt stattfindet. Ihr habt es gehört. Sieht aus, als wären ein paar Rotpelze auf meinem Land unterwegs. Ich lasse das überprüfen. Würde euch derweilen jedoch raten, schon mal auszunüchtern und die Waffen in Schuss zu bringen. Könnte sein, dass es bald in Richtung Drachenstein geht. Den Spaß will sich doch sicher keiner von euch entgehen lassen?!”


 

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