Enthüllung eines Epitaphs auf Burg Urkenfurt

Enthüllung eines Epitaphs auf Burg Urkentrutz

Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, 10. Peraine 1043

Nachdenklich streichelte Coris ihrem rabenschwarzen Teshkaler „Eichenkönig“ über die samtweiche Schnauze. Der Riese beantwortete die Liebkosung mit einem wohligen Schnauben. Die Dienerin Golgaris lehnte sich an die Schulter des Wallachs und genoss die Wärme des Pferdekörpers. Ihr war kalt. Es hatte gefroren in der Nacht und auf den Dächern des Rhodensteins glitzerte der Reif im noch schwachen Licht des Praiosmals. Es würde ein schöner Tag werden, soviel versprach der Himmel an dem sich nur feine, weiße Wolkenfäden durch das blasse Blau woben. Die rosenfingerige Tsa hatte ihr morgendliches Gastspiel bereits beendet. Das pastellfarbene Rosa war einem wässrigen Himmelblau gewichen. Es war Zeit aufzubrechen.

Die letzte Etappe stand an: vom Rhodenstein bis zum Hauptort der Baronie Unkentrutz. Dort sollte sie ein Epitaph einweihen. Der Abt hatte ihr den Brief gezeigt, den die Junkerin der Schwarzen Au, Lyssandra von Finsterborn, geschrieben hatte. Sie war vorübergehend mit der Führung der Baronie betraut worden, bis die Gräfin von Bärwalde das Lehen neu vergab. Eine Herzensangelegenheit war ihr eine Gedenktafel für den schicksalhaften Tod der ehemaligen Baronsfamilie von Hartenau und ihres Vaters Theofried an der kleinen Burgkapelle anbringen zu lassen. Außerdem äußerte sie den Wunsch nach einem seelsorgerischen Gespräch. Sie sprach den Wunsch aus, den Ort von womöglich vorhandenen negativen Energien zu reinigen. Eslamo Etiliano de las Dardas hatte der Etilianerin den Brief in die Hand gedrückt und ihr den Segen des Ewigen für die Reise gegeben.

Mit einem sanften „na, komm, mein Schöner“, führte Coris den Rappen aus dem Stall, zurrte ihr Bündel fest und schwang sich in den Sattel. Der lange, schwarze Umhang fiel über die Kruppe des Tieres und über ihre Beine. Sie zog die Kapuze tief ins Gesicht, nahm die Zügel auf und verabschiedete sich schweigend mit einer Segensgeste von den Bewohnern des Rhodensteins, die um diese Zeit draußen waren. Dann trieb sie „Eichenkönig“ an.

Schon bald verließ sie den Alten Weg. Der einfache Fußweg, der den Rhodenstein mit dem Hauptort der Baronie Urkentrutz verband, ließ den Blautann rechts liegen. Düster und unheimlich streckte der sagenumwobene Wald seine dunkelgrünen Klauen nach den Wanderern aus. Als die Praiosscheibe auf ihrem Zenit angekommen war, zweigte ein Pfad nach rechts ab. Zwei Wegweiser wiesen die Orte Farnbrunn und Natternhag aus. Sie erkannte ein paar kleine Hofstellen und über dem Weg einen großen Gutshof. Coris überlegte dort einzukehren, entschied dann aber ohne Pause weiter nach Urkenfurt zu reiten. Der Weg führte weiter an einem Waldgebiet entlang Richtung Süden. Bislang hatte sie Urkentrutz nur von der bewaldeten Seite gesehen, doch das änderte sich nun, die Landschaft wurde lieblicher. Hatte sie zunächst nur alle paar Meilen einen kleineren Hof oder eine Holzfällerhütte gesehen, wurden die Behausungen nun zahlreicher. Die hügelige Landschaft änderte ihren Charakter. Sie wurde fruchtbar. Saftige Viehweiden wechselten mit Streuobstwiesen und kleinen Äckern, die die kleinen Hofstellen der Eigenhörigen oder die größeren Höfe der Freibauern begleiteten. Je näher sie an den Hauptort der Baronie kam, desto zahlreicher wurden die Bauernhöfe.

Als die Praiosscheibe sich dem Horizont näherte entdeckte die Borongeweihte die Dächer der Baronsburg, die sich über dem Mauerring erhoben, der sich schützend um die Gebäude schloss. Ein Pfad wand sich sanft den felsigen Vorsprung hinauf auf das Hochplateau. Auch hier gab es verstreute Hofstellen, Weiden, Äcker und Obstbäume. Eine steinerne Brücke überquerte einen künstlich geschaffenen Graben, der die Burg von dieser Seite schützen sollte. Die andere Seite war natürlich geschützt durch das steil abfallende Tal des Fialgralwas. Das letzte Stück der Brücke bestand aus einer hölzernen Zugbrücke, die den Zugang zur Burg im Angriffsfall erschweren sollte. Dennoch sah Burg Urkenfurt weniger wehrhaft aus als die Burgen in der Heldentrutz.

Das Klappern der Hufe ihres Eichenkönigs schien die Torwächter auf den Plan zu rufen. Zwei geharnischte Männer traten Coris in den Weg. Der Kopf des Teshkalers zuckte zurück. Er machte nervös ein paar tänzelnde Schritte rückwärts.

Bärnbart und Trauwald, die beiden Waffenknechte, die das Burgtor bewachten, musterten das rabenschwarze Paar mit sichtlichem Unbehagen. Borongeweihte gehörten in Weiden seit jeher zu den Personen, denen man am Liebsten nicht begegnete. Bärnbart, der ältere der beiden, war überaus abergläubisch. Einem Geweihten des Totengottes zu begegnen galt als böses Omen. Mit entsprechend abweisender Miene blickte er der blassen, jungen Frau ins schmale Gesicht. Der riesige Teshkalerrappe auf dem die kleine, zarte Dienerin Borons ein wenig verloren wirkte, machte jedoch Eindruck. Mit seinen breiten Hufen, die unter dem schwarzen Behang des zotteligen Fells hervorguckten, wollte Bärnbart keine Bekanntschaft machen. Er trat also zurück, um das Tor zu öffnen und die erwartete Borongeweihte einzulassen. Die Begrüßung überließ er damit Trauwald.

„Den Gruß der Eidmutter für Euch, Dienerin des Unausweichlichen. Ihr werdet erwartet“, sprach der Waffenknecht.

Coris nahm die Zügel ihres Pferdes in die linke Hand um mit der rechten eine Segensgeste über dem Torwächter zu machen. „Boron zum Gruße, guter Mann“, erwiderte sie.

Sie ließ Eichenkönig in den Burghof treten. Sogleich kam ihr ein Knecht entgegen, der ihr den Teshkaler abnehmen wollte. Der Rappe wich angstvoll zurück. Hilflos sah der Knecht die schwarzgewandete Geweihte an.
„Schon gut, er ist ein sehr ängstliches Tier“, erklärte Coris das Verhalten des Pferdes. „Ich führe ihn selbst in den Stall und sattle ihn ab. Wenn du mir wohl zeigen möchtest, wo ich ihn unterstellen kann. Nimm als Dank dafür den Segen des Ewigen.“
Mit diesen Worten saß sie ab.

Achselzuckend brachte der Knecht die Geweihte zu dem Stallgebäude, das sich gleich links vom Torturm befand. Es war angenehm warm und roch nach anderen Pferden und trockener Einstreu. Coris nickte zufrieden. Hier wurde auf Sauberkeit geachtet. Sie brachte Eichenkönig in die leere Box, die ihr zugeteilt wurde und sattelte ihn ab. Der Knecht übernahm Sattel und Zaumzeug und räumte beides weg. Dann nahm er ihre Satteltaschen und brachte sie zum Gästehaus. Als Coris sich überzeugt hatte, dass Eichenkönig gut versorgt war, trat sie zurück auf den Hof.

Eine Frau kam ihr in eiligem Schritt entgegen. Das blonde Haar trug sie zum straffen Knoten auf dem Hinterkopf zusammengebunden und durch ein Netz geschützt. Die spitze Nase stach förmlich aus dem schmalen Gesicht, das eine große Strenge ausstrahlte. Der Blick verriet nicht was sie von Borongeweihten hielt.
„Die Herrin Travia zum Gruße und den Herrn Boron natürlich auch“, begann die Blondine. „Mein Name ist Traugunde Plötzenbühler, ich bin die Hausdame auf Burg Urkenfurt.“

Coris schlug das Boronsrad in die Luft. „Boron zum Gruße, werte Traugunde Plötzenbühler. Der Segen des Unergründlichen möge euch schützen bis zu dem Tag an dem ER Euch zu sich ruft. Mein Name ist Schwester Etiliane, ich bin auf Geheiß der Baronin von Urkenfurt hier, um ein Epitaph zu segnen und auch sonst beratend zur Seite zu stehen.“

Die Hausdame nickte bestätigend. „Ich weiß, Schwester Etiliane. Dort drüben ist das Gästehaus. Ich habe Euch dort eine Kammer herrichten lassen. Lasst uns dorthin gehen.“

Traugunde Plötzenbühler übernahm die Führung. Sie betraten das Gebäude neben dem Stall. Die Hausdame führte Coris die hölzerne Stiege hinauf und bog sogleich ab, um die nächststehende Tür zu öffnen. Hinter der Tür befand sich eine einfache Gästekammer mit Bett, Tischchen mit Waschschüssel und einem Stuhl. Haken an der Wand dienten dem Aufhängen von Mantel oder Robe, eine Truhe konnte andere Habseligkeiten aufnehmen.

„Das hier ist Euer Reich, solange Ihr Gast auf der Burg seid“, erläuterte Traugunde. „Wenn Ihr ein Bad nehmen wollt, sagt mir Bescheid. Dann lasse ich Wasser heiß machen.“

Coris nickte. Sie wollte sich gerne den Dreck der staubigen Straßen und Karrenwege abwaschen. „Das würde ich gerne. Ich nehme an, die Baronin empfängt mich morgen?“

Die Hausdame stellte klar: „Sie wünscht Euch heute Abend schon zu sehen. Ihr seid Gast an ihrer Tafel! Also ist ein Bad sicherlich nicht falsch.“

Die Dienerin Golgaris sah überrascht auf. „So? Sie wünscht mich heute schon zu sehen? Na, dann werde ich dem Wunsch natürlich nachkommen. Nach dem Bad.“

 

Als Coris dem dampfenden Zuber entstiegen war, sich abgetrocknet und eine frische Robe übergeworfen hatte, erschien eine junge Frau, die sich Magd vorstellte.
„Mein Name ist Wigdis, Euer Gnaden. Die Junkerin Lyssandra von Finsterborn schickt mich, um Euch beim Richten der Haare oder anderen Handreichungen behilflich zu sein.“

Die Etilianerin sah die blonde Frau mit den Feenküsschen ungläubig an. Sie dürfte ungefähr Coris Alter haben.
„Habt Dank, Wigdis, aber ich benötige keine Hilfe. Auch sonst mache ich meine Haare selbst und um eine Robe anzusehen braucht es keine Zofe.“

Wigdis wirkte enttäuscht. „Oh, wirklich? Ihr habt so schönes, schwarzes Haar! Ich hätte Euch gerne beim Kämmen und richten der Haare geholfen.“

Die Enttäuschung verunsicherte Coris. „Ich wollte dich nicht verletzten, Wigdis, aber ich bin sicher, dass du wichtigere Aufgaben hast, als mein Haar zu kämmen.“

Die Zofe zuckte mit den Schultern. „Eigentlich habe ich gerade nichts anderes zu tun.“

Da gab sich die Borongeweihte geschlagen. „Nun gut, Wigdis, dann darfst du mir die Haare kämmen.“

Erfreut lächelnd machte sich die Blondine daran mit dem Beinkamm die langen, schwarzen Haare vorsichtig voneinander zu trennen. Als sie damit fertig war, drehte sie die vordersten zwei Strähnen ein wenig ein und führte sie in einander verdreht auf den Hinterkopf. Dann hielt sie der Geweihten einen polierten Silberspiegel hin.

Irritiert betrachtete die Dienerin Golgaris ihr Spiegelbild. „Ich bin es nicht gewöhnt auf mein Äußeres achten zu müssen. Das ist bei der Junkerin mit Sicherheit anders. Man bittet sie um ihre Hilfe bei der Führung der Baronie und sie muss Gesellschaften geben. Ich bin in der Klostergemeinschaft keinen bewertenden Blicken ausgesetzt und bei meinen Terminen außerhalb des Klosters wird mehr auf meine priesterliche Tätigkeit das Augenmerk gelenkt.“

„Die Junkerin achtet sehr auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Ich glaube das wurde ihr schon in die Wiege gelegt und dazu dann ihre Zeit im Lieblichen Feld… das prägt schon sehr, denke ich. Sie liebt edle Stoffe, moderne Schnitte und die achtet auf die Etikette“, stellte Wigdis klar.

Die Geweihte hob die Augenbrauen. „Nun, gut, dass du es so deutlich machst und wie gut, dass du mir geholfen hast, den hohen Ansprüchen der Junkerin wenigstens annäherungsweise gerecht zu werden. Dann sollte ich vermutlich auch meine Ohrringe anlegen, nicht wahr?“

Sie hielt der Magd ein kleines Ledersäckchen mit zwei Ohrringen aus dünnem Silberdraht hin. Wigdis nahm die Schmuckstücke heraus und hielt sie vor das Licht. Der eine Ohrring zeigte den Seelenraben Golgari im Flug, der zweite den skelettierten Alptraumvogel Bishdariels.

Wigdis traute sich nicht, der Geweihten zu erkennen zu geben, dass sie Angst vor allem hatte, was mit dem Totengott Boron und seinen Helfern und Heiligen zu tun hatte. Sie hielt ihr stattdessen die Geschmeide hin. „Möchtet Ihr sie anlegen, Euer Gnaden, oder soll ich Euch behilflich sein?“

 „Ich lege sie gerne selbst an“, erwiderte Coris und schob geschickt die Ohrringe durch die kleinen Löcher in ihren Ohrläppchen. „Kann ich mich so der Junkerin präsentieren?“

Die blonde Magd nickte lächelnd. „Aber sicher, Euer Gnaden! Ihr werdet feststellen, dass die Junkerin sehr tolerant ist. Nur weil sie großen Wert auf ihr Äußeres legt, heißt das noch lange nicht, dass sie auf Menschen herabschaut, die Äußerlichkeiten keine Bedeutung beimessen oder die es sich nicht leisten können. Kommt mit!“

Wigdis führte die Geweihte über den Burghof zum Palas. Es ging eine hölzerne Stiege hinauf in den Thronsaal. Eine lange Tafel war gedeckt. Doch niemand saß bisher dort. An einem einfachen, kleinen Tischchen mit vier Stühlen saß eine Frau, die wohl etwas über 40 Winter gesehen hatte und ein Mädchen von knapp 10 Wintern. Sie spielten ein Spiel, das Coris in Almada kennengelernt hatte. Vor den beiden lag eine hölzerne Tafel mit einigen Mulden. In den meisten davon lagen, kleine, runde Kieselsteine. Gerade eben räumte die kleine Hand des Mädchens hämisch lachend eine der Mulden leer und verteilte die Kiesel auf die anderen Mulden. Das passierte noch zweimal, bis sich das dunkelhaarige Mädchen mit den langen Korkenzieherlocken zufrieden zurücklehnte. „Du bist!“, forderte sie die Mutter auf.

Doch die hatte bemerkt, dass sie nicht mehr alleine waren. „Entschuldige, Eylin, wir müssen wann anders weiterspielen. Wir haben einen Gast! Komm, wir begrüßen die Geweihte des Dunklen Vaters!“

Lyssandra von Finsterborn trug ein langes Kleid in den Farben ihrer Familie. Das Überkleid war schwarzgrundig und in sich gemustert mit spiralig gewebten Glanzfäden. Es war aus einem teuren Stoff gefertigt, wie man ihn in Weiden kaum bekommen konnte. Das naturweiße Unterkleid, war einfach, wurde nur am Ausschnitt und den Ärmelöffnungen von feinen Borten eingefasst. Beide Kleider wurden von einem breiten Gürtel zusammengehalten und betonten die schlanke Taille der Finsterbornerin. Im Ausschnitt der Junkerin prangte ein Silberhalsreif an dem ein blauer, tropfenförmiger Edelstein baumelte.

Lächelnd näherte sie sich der blassen, zarten Geweihten in der schwarzen Robe, deren Schließe am Halsausschnitt von zwei Raben gebildet wurde.
„Travia und Boron zum Gruße, Euer Gnaden!“, begrüßte sie die Etilianerin.

Ohne jegliche Gesichtsregung erwiderte Coris den Gruß.
„Den Gruß des Ewigen für Euch und die Euren, Wohlgeboren!“

Sie hob den rechten Arm und zeichnete ein Boronsrad in die Luft.

„Was macht die Frau da für komische Zeichen, Mutter?“, zischte das Mädchen an der Seite der Junkerin.

„Eylin!“, rügte die schlanke Frau mit dem kastanienroten Pagenschnitt. „Benimm dich und grüß die Geweihte, die dir eben den Segen des Dunklen Vaters erteilt hat.“

Das Mädchen schwieg betreten. Dann trat sie einen Schritt auf die Robenträgerin zu und knickste.

„Travia und Boron zum Gruße, Euer Gnaden“, sagte sie leise.

Nun entkam der sonst so beherrschten Coris ein sanftes Lächeln.
„Habt Dank, Wohlgeboren! Mein Name ist Schwester Etiliane, ich bin die Abgesandte des Klosters Etiliengrund in der Baronie Schneehag.“

Die Junkerin nickte erfreut. „Ich bin hocherfreut, Schwester Etiliane, dass der Abt Euch geschickt hat, um die Weihe des Epitaphs vorzunehmen und mich zu beraten. Gar schreckliche Geschehnisse haben die Burg vor einiger Zeit erschüttert und nun hoffe ich auf Euren Rat, wie wir damit umgehen sollen und welche Maßnahmen womöglich noch zusätzlich ergriffen werden müssen.“

Coris höre aufmerksam zu. Die Kunde der grausamen Mädchenmordserie sowie das schicksalhafte Ableben der gesamten Baronsfamilie von Hartenau, wie auch der Traviageweihten Mutter Marinad, war bereits bis nach Etiliengrund gedrungen. Über ersteres hatte das Fantholi berichtet, die unlängst erst geschehenen Unglücksfälle waren mittels einer Gerüchtewelle von Mund zu Ohr gegangen und hatten letztlich sogar das Boronkloster an den Ausläufern des Finsterkamms erreicht. Nun bot sich die Gelegenheit die Schilderung der Ereignisse aus erster Hand zu hören.

„Ich bin gespannt, von Euch Genaueres zu erfahren. Der Brief, den mir der Abt zeigte, ließ Schreckliches vermuten.“

Lyssandra nickte. „Ich will Euch die genauen Umstände schildern unter denen die Baronsfamilie, Mutter Marinad und letztlich auch mein Vater zu Tode kamen. Eylin, sei so gut und bitte die anderen in einem halben Stundenmaß zu Tisch und hilf bis dahin Dorntrud in der Küche, ja?“

Mit einem süßen Schmollmund trollte sich das Mädchen zunächst langsam, dann als sie die Tür des Thronsaals erreicht hatte, mit fröhlichen Hüpfern. „Dooorntruuud! Was gibt´s zum Essen?“

Während in der Küche die Vorbereitungen für das Abendessen ihren Lauf nahmen, setzte Lyssandra die blasse Geweihte über die Todesfälle in Kenntnis. Sie betonte, dass man die Todesursachen der Baronin Grimmwulf, ihres Gemahls und der Traviageweihten nur vermuten konnte, da sich der Baronet tagelang mit den Sterbenden oder Toten eingeschlossen hatte. Den Freitod von Ingrold und das Ableben ihres Vaters konnte sie selbst bezeugen.

Während die Junkerin sprach, saß die Etilianerin still mit im Schoß gefalteten Händen auf ihrem Stuhl und hörte aufmerksam zu. Ab und an schüttelte sie entsetzt den Kopf oder nickte mitfühlend. Als Lyssandra geendet hatte, ließ sie eine Schweigepause folgen. Dann richtete sie sich an die Finsterbornerin.
„Beim Herrn der Toten, das sind wirklich schreckliche Geschehnisse, von denen Ihr mir da berichtet. Ich bin zutiefst erschüttert, dass der Baronet so frevelhaft gelebt hat und dem ewigen und strengen Richter vorgegriffen hat, indem er sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeworfen hat. Sehr betrübt mich, dass auch Euer Vater, der sich trotz seines hohen Alters nicht davon abhalten ließ, dem frevelhaften Treiben persönlich ein Ende zu bereiten, diesen Einsatz mit seinem Leben bezahlen musste. Seid gewiss, dass der gerechte Vater ihm einen Ehrenplatz im den zwölfgöttlichen Paradiesen gewähren wird. Rethon wird ihm den Weg weisen.“

Die Älteste der Finsterborner dankte der Geweihten für ihre warmen Worte.

„Ja, das war eine schreckliche Zeit für mich und den Rest der Familie. Ganz besonders erschreckend finde ich, dass durch des Baronets Hand eine gesamte Familie ausgelöscht wurde und das wo es doch jeden Mann und jede Frau braucht in Weiden, um gegen die Feinde des Herzogtums aufzustehen.“

Coris nickte gelangweilt. Für Boron war es unwichtig, wie jemand starb. Er entschied wann es an der Zeit war zu gehen. Ob durch die Hand eines Orks, eines Goblins oder im Bett spielte dabei keine Rolle.

„Meine Aufgabe hier ist nun ein Epitaph zu weihen, richtig?“, fragte die Dienerin Golgaris. „Wo sind die Verstorbenen denn bestattet?“

Die Junkerin aus der Schwarzen Au nickte. „Ja, ein Epitaph, das an den Tod der Familie Hartenau und den meines Vaters erinnert, soll hier an der Wand der Burgkapelle angebracht werden. Die ehemalige Baronsfamilie ist auf dem Boronanger Urkenfurts begraben. Die Urne meines Vaters ist in der Gruft der Finsterborns in der Schwarzen Au beigesetzt worden.“

Die Dienerin Golgaris nickte. „Dann werde ich auch das Grab der Baronsfamilie aufsuchen und segnen“, entschied sie. „Wenn Ihr es wünscht, kann ich natürlich auch in die Schwarze Au reisen und das Grab Eures Vaters einsegnen.“

Lyssandra nickte. „Sehr gerne, wobei ich momentan hier nicht abkömmlich bin. Ich würde Euch aber bitten, das nachzuholen, wenn Ihr wieder in der Baronie seid.“

Coris hob die Schultern. „Wie Ihr möchtet, Wohlgeboren. Ich bin allerdings das erste Mal in Urkentrutz“, gab sie zu.

Nun war die Junkerin peinlich berührt. „Ich hätte ohnehin gerne, dass Ihr noch einmal wiederkommt um den auf dem Urkenfurter Boronanger geplanten Schrein einzuweihen. Die verheerenden Überschwemmungen in diesem Frühjahr haben dem Gottesacker arg zugesetzt. Die hölzernden Boronstelen sind zum größten Teil verloren und auch im Bereich mit den Steinsetzungen hat es Verwüstungen gegeben. Ich möchte gerne einen Schrein im mittleren Feld errichten lassen, der zum einen dem Gebet und der Andacht dienen kann, zum anderen auch ein Archiv der Bestattungen enthalten soll. Vielleicht könntet ihr die Weihe des wiederhergestellten Totenackers und des geplanten Schreins übernehmen? Wäre es möglich, das mit einer Reise in die Schwarze Au verbinden? Selbstverständlich würde ich Euch begleiten. Es wäre mir schon ein Bedürfnis das Grab meines Vaters gesegnet zu sehen. Schließlich möchte ich, dass er friedlich ruht. Das ist überhaupt ein weiteres Anliegen an Euch, Euer Gnaden. Könnt Ihr überprüfen, ob die Seelen der Verstorbenen Ruhe gefunden haben? Ich möchte nicht, dass die Burgbewohner in Zukunft gestört werden von unruhigen Seelen, die ihren Frieden nicht gefunden haben.“

Die Dienerin Golgaris dachte nach. „Hm, ja das will ich gerne versuchen. Ich müsste wissen, wo die Personen gestorben sind und dann einige Zeit alleine dort verbringen. Dann sollte ich schon herausfinden können, ob alle der Verstorbenen ihre Ruhe in Boron gefunden haben.“

Die Baronin wirkte erleichtert. „Das sollte kein Problem sein. Gerne unterstütze ich Euch bei allem. Sagt mir nur Bescheid, was Ihr benötigt.“

Coris nickte und schwieg.

Kurz darauf erschienen die Burgbewohner, die am Tisch der Baronin zu Abendessen würde. Neben der Tochter Eylin kam an diesem Tag nur der Vogt, Winand Blaubinge an den Tisch. Er begrüßte die Borongeweihte förmlich mit einer angedeuteten Verbeugung. Coris wurde der Platz neben dem Vogt zugewiesen. Die Hausdame Traugunde Plötzenbühler fragte, ob es recht sei, das Abendessen aufzutragen. Die Junkerin und der Vogt nickten.

Es gab zur Begrüßung Knoblauchbrot. Winand Blaubinge war ein kleiner, hagerer Mann von vielleicht 60 Wintern. Sein Haupthaar hatte sich bis auf einen nahezu horizontal abstehenden, grauen Kranz gänzlich gelichtet. Die Oberlippe zierte ein schmaler, grauer Bart. Seine blassgrauen Augen musterten die junge Geweihte misstrauisch. Nach dem Knoblauchbrot servierten eine Magd und ein Knecht einen Eintopf und noch mehr des dunklen Brotes. Im Eintopf schwammen neben Karotten, weißen Rüben und Weißkraut auch einige Scheiben einer speckigen Wurst.

Winand Blaubinge hob die Augenbrauen als er mit seinem Löffel eines der Wurststücke aus dem Eintopf fischte. „Wurst? Woher ist die denn?“

Lyssandra atmete tief durch. Der knausrige Vogt, den die Gräfin eingesetzt hatte, achtete mehr als pingelig darauf, dass man sparsam mit den Gütern der Baronie umging, solange Griseldis das Lehen nicht neu vergeben hatte und er die Bücher führte. Die Junkerin aus der Schwarzen Au war es leid, ständig mit ihm über die Menüzusammensetzung zu diskutieren. Es störte sie nicht, dass es fast immer Eintopf gab, aber sie liebte die Abwechslung und ließ der Köchin Dorntrud freie Hand, die Suppengrundlage mal mit Wurst, mal mit Fisch oder auch mit Grießklöschen zu variieren. Winand Blaubinge konnte nicht anders als jede Zutat, die über das Nötigste hinausging mit tadelndem Unterton zu kommentieren. So auch an diesem Abend.

„Wir haben einen Gast, Winand, eine Dienerin des Ewigen, da gehört es sich schon, dass wir eine der Würste vom letzten Schlachttag in den Eintopf geben. Findet Ihr nicht, dass der Respekt vor einem Diener der Zwölfe das gebietet?“

Der Vogt knurrte nur und schob sich den nächsten Löffel in den Mund.

Die Geweihte Borons nahm die Spannungen zwischen der Junkerin und dem Vogt durchaus wahr. Gleichwohl war es nicht an ihr, das zu kommentieren. Sie löffelte still ihren Eintopf bis Eylin das Schweigen brach.

„Sagt, Euer Gnaden, findet Ihr Tote nicht auch ekelig?“

Die Junkerin fiel ihrer Tochter ins Wort. „Eylin! Das gehört sich nicht!“

Die Zehnjährige verstummte, schob aber mürrisch die Unterlippe vor. Die Borongeweihte hingegen brachte sogar ein Lächeln zustande.

„Wohlgeboren, es gibt schon Körper, die aufgrund der Umstände keinen schönen Anblick mehr bieten und deren Ausdünstungen alles andere als angenehm sind. Das ist wohl wahr. Dennoch hat jeder ein Recht auf eine göttergefällige Bestattung. Der Segen Borons und die letzte Ruhe in geweihter Erde darf niemandem verwehrt werden. Schließlich kann der Verstorbene in der Regel nichts dafür, dass seine sterbliche Hülle in diesem Zustand ist.“

Eylin lächelte die blasse Dienerin Golgaris an. „Da habt Ihr wohl recht, Euer Gnaden. Entschuldigt meine Neugier.“

Coris Lippen verzogen sich erneut zu einem sanften Lächeln. Dann fiel ihr Blick auf den Vogt. Ihm schien der Eintopf nicht mehr zu schmecken. Das Gesprächsthema schlug ihm offenbar auf den Magen. Nur mühsam und mit sichtlichem Widerwillen leerte er seine Schüssel, dann bat er darum, sich zur Ruhe begeben zu dürfen. Die Junkerin gab seinem Wunsch mit einem lässigen Handwinken nach. Sie war froh mit der Geweihten alleine zu sein.

„Morgen wird das Epitaph geliefert“, berichtete Lyssandra der Geweihten. „Gräfin Griseldis von Pallingen hat mir gütiger Weise einen ihrer Steinmetze zur Verfügung gestellt. Er liefert das Ehrenmal und wird es auch anbringen. Es soll an der Außenwand der Burgkapelle seinen Platz finden. Ich denke, das ist ein guter Platz dafür. Was meint Ihr?“

„Sicher“, nickte Coris. „Ich gehe davon aus, dass es hier auf der Burg keinen Boronanger oder eine Grabkapelle oder Gruft gibt?“

„Nein“, die Finsterbornerin schüttelte den Kopf. „Der Dunkle Vater wird hier nicht übermäßig geschätzt, Euer Gnaden.“

Die Dienerin Golgaris kniff die Lippen zusammen. Ja, das war in Weiden eigentlich überall dasselbe. Einzig in der direkten Umgebung des Klosters Etiliengrund hatten die Menschen Vertrauen in die Diener des Unergründlichen und die Lehren Borons.

„Deshalb“, führte die Junkerin fort, „möchte ich mich für den Bau eines Boronschreins auf dem örtlichen Boronanger einsetzen. Allerdings muss ich dafür zunächst den Vogt überzeugen, dass die Ausgabe dafür im Sinne der Gräfin ist. Noch ist es mir das nicht gelungen. Aber vielleicht gelingt es ja Euch, Euer Gnaden!“

Coris hob die Augenbrauen. „Mir?“, fragte sie ungläubig. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass der knausrige Vogt sich von ihr überzeugen lassen würde Geld für ein Gotteshaus des Unausweichlichen auszugeben.

Lyssandra zuckte mit den Achseln. „Warum nicht? Einer Geweihten glaubt er vielleicht eher als mir.“

Die Borongeweihte war sich nicht sicher, ob das funktionieren würde, wollte der Junkerin aber nicht widersprechen. Sie nickte deshalb still und legte die Hände in den Schoß.

Nach dem Abendessen saß die Dienerin Golgaris noch mit der Finsterbornerin bei einem Becher Kräutertee zusammen und hörte zu, was die Junkerin über ihren Vater und die Erinnerungen an ihre Kindheit berichtete. Es war deutlich, dass die Ritterin aus der Schwarzen Au ihren Vater sehr geliebt hatte. Die Ereignisse der vergangenen Tage hatten tiefe Spuren hinterlassen. Eine Seelsorge dieser Art war Coris sehr angenehm. Die Finsterbornerin brauchte einfach ein offenes Ohr, jemanden, der ihr zuhörte. Coris konnte schweigend Anteil nehmen, ab und an nickte sie, nur selten musste sie etwas erwidern.

 

  1. Peraine 1043

Trüb begann der Morgen über dem Fialgralwa. Coris hatte hervorragend geschlafen in dem Gästehaus der Burg. Als sie in den Burghof trat stieg ihr der Duft von frisch gebackenem Brot in die Nase. Vom Back- und Küchenhaus gegenüber kam die Köchin der Burg angelaufen. Sie trug einen Korb über dem Arm.

„Guten Morgen, Euer Gnaden! Ich bringe gerade das Frühstück. Die Junkerin hat mir gesagt, dass Ihr heute zunächst den dörflichen Boronanger besuchen wollt. Das wollt Ihr doch nicht ohne ein Frühstück tun, nicht wahr?“

Die Borongeweihte lächelte. Es hätte ihr nichts ausgemacht, den Weg ohne Frühstück auf sich zu nehmen, aber da sich die Köchin nun schon so bemühte wollte sie nicht unhöflich sein.

„Boron zum Gruße. Nun, wenn Ihr Euch solche Mühe gemacht habt, will ich nicht nein sagen“, erwiderte sie und folgte der fülligen Köchin in die Gaststube des Gästehauses. Dort standen mehrere Tische mit Stühlen. Es war erkennbar, dass auf Burg Urkenfurt häufig Gäste bewirtet wurden.

Dorntrud stellte den Korb ab und nahm Teller, Becher, Brot und hartgekochte Eier heraus. Dazu zwei Töpfchen. Eines mit Honig und eines mit Marmelade. Dazu einen Holzteller mit ein paar Rädern von der Wurst, die am Vortag im Eintopf gewesen war und etwas Käse.
„Wenn Ihr lieber einen Getreidebrei möchtet, kann ich den gerne noch machen“, erbot sich die Köchin.

Coris, die aus dem Kloster sehr einfache Kost gewöhnt war, blickte mit großen Augen auf das reichhaltige Frühstück. Den einfachen Grützbrei, den sie in Etiliengrund frühstückten, würde sie an diesem Tag nicht vermissen.

„Danke für das Angebot, gute Frau, aber die Speisen sehen sehr gut aus. Ich benötige sonst nichts weiter.“

Dorntrud lächelte erfreut. „Dorntrud ist mein Name, Euer Gnaden. Dann bringe ich noch den Kräutertee.“ Sie deutete auf das eine irdene Gefäß, das Marmelade enthielt. „Das dort ist Trollbirnenmarmelade, falls Ihr einen anderen Fruchtaufstrich wünscht so haben wir noch Thosapfel- und Holzbirnen, Kornelkirschen und Sauerkirschen, Hagebutten, Kronsbeeren, Ribisel, Erd-, Brom- und Himbeeren. Ach ja, Pflaumen- und Kriechenmus gibt es noch und natürlich die Urkentrutzer Spezialität: Einbeerenmarmelade.“

Die Dienerin Golgaris schüttelte den Kopf. „Besten Dank, Dorntrud. Ich bin gut versorgt.“

Die mollige Köchin nickte und machte sich auf den Weg zum Backhaus. Wenig später brachte sie den Kräutertee.

Coris schien an diesem Tag der einzige Gast im Gästehaus zu sein. Sie genoss das ungestörte Frühstück mit einer Scheibe Brot mit Käse und Ei und einer weiteren mit der vorzüglichen Trollbirnenmarmelade. Die Urkentrutzer hatten es gut. Die fruchtbaren Auen ließen Obstbäume und Sträucher gut gedeihen. Bei ihnen in Etiliengrund gab es außer Hagebutten und Schlehen höchstens noch Brombeeren aus denen man Marmelade zubereiten konnte.

 

Nach dem Frühstück warf sich die Borongeweihte den Umhang über die Schultern und machte sich auf den Weg zum Boronanger im Tal. Der Nebel, der sich über dem Flusstal des Fialgralwa ausgebreitet hatte, schien hellgelb zu glühen. Noch drangen die wärmenden und trocknenden Strahlen der Praiosscheibe nicht durch den Morgennebel doch brachten sie die in der Luft stehenden Wassertröpfchen zum Leuchten. Eine magische Stimmung, die Coris ehrfürchtig werden ließ, vor der Schönheit der Schöpfung.

Am Fuße des Burgberges, im Dorf Urkenfurt, hatte das Leben bereits Einzug gehalten. An der Brücke machten sich Fronarbeiter daran, die Schäden des Hochwassers, das in diesem Tsa/Phex? schwere Schäden angerichtet hatte, zu beseitigen. Tagelange Regenfälle, begleitet von einer frühzeitigen Schneeschmelze hatten den Finsterbach und seine Nebenbäche zum Überfließen gebracht. Im Bärnwald und auch in anderen Wäldern am Oberlauf der Urkentrutzer Bäche hatte es Bäume entwurzelt und flussabwärts gespült. In Urkenfurt, wo eine mehrbogige steinerne Brücke den Fluss überspannte, hatten sich die Baumstämme an den Brückenpfeilern verfangen und, gleich einer natürlichen Barriere, das Wasser zusätzlich aufgestaut. Oberhalb der Brücke hatte der wild gewordene Fialgralwa deshalb noch mehr Schäden angerichtet. Die Steganlagen und einfachen Hütten der Eigenhörigen, die nah am Wasser gestanden hatten, wurden ein Raub des Fialgralwas. Und auch der Boronanger, der sich in einer Flussschleife oberhalb der Brücke und außerhalb der Siedlung befand, war gänzlich überflutet worden. Inzwischen war das Wasser zwar wieder abgelaufen, doch die Schäden waren nicht zu übersehen. Die hölzernen Stelen mit dem eingebrannten Boronsrad, die auf Weidener Totenackern üblich waren, hatte der Fluss mit sich fortgerissen und selbst von den steinernen Stelen, die sich im Gräberfeld links befanden, der immer noch so matschig war, dass jeder Schritt schmatzte und das Wasser unter der Sohle der Stiefel heraustreten ließ, waren einige unterspült. Die Steine standen schief oder waren gar umgefallen. Der Totenacker bot einen traurigen Anblick. Einzig das Boronsrad aus schwarzem Stein, das das mittlere Feld schmückte, stand aufrecht und vermittelte noch immer eine Vorstellung von Würde.

Coris seufzte. Es würde zunächst einmal einiges an Überzeugungskraft bedeuten, den Vogt von dringenden Instandsetzungsmaßnahmen zu überzeugen. Und damit nicht genug - so war der Totenacker kein Ort der Andacht und des Gebets, dem Dunklen Vater unwürdig.

Die Junkerin aus der Schwarzen Au hatte der Borongeweihten geschildert, wo die frischen Gräber der Baronsfamilie Hartenau und der Traviageweihten „Mutter Marinad“ lagen. Coris machte sich auf die Suche danach und tatsächlich, nachdem sie sich ein wenig orientiert hatte, die verschlammten Kieswege in Form des fünfspeichigen Rades wiederentdeckt hatte, erkannte sie auch die Bereiche, die dem Adel vorbehalten waren und dort die große Grabplatte unter der die Baronsfamilie ihre letzte Ruhe gefunden hatte. Das in Stein gemeißelte Boronsrad und das Wappen der Familie waren wie alles auf dem Boronanger vom Schlamm fast unkenntlich. Nur mit Mühe konnte man die Namen und Sterbedaten der Familienmitglieder lesen. Coris kratzte mit einem Zweig, den sie vom Boden aufgelesen hatte, die Inschrift frei. Nüchtern war der Stein gehalten. Mit keinem Wort wurden die unsäglichen Umstände des Ablebens erwähnt. So wie es in Weiden üblich war, schlicht und sachlich.

Die Dienerin Golgaris sprach ein Gebet für die Toten und versenkte sich in meditative Stille. Sie wollte lauschen, ob die Seelen der Toten unruhig waren. Es dauerte eine Weile bis Coris die ersten Stimmen aus der Welt der Geister vernahm. Dann aber drangen sie zuhauf an ihr inneres Ohr. Da waren nicht nur die Stimmen der von Hartenaus, sondern auch diverse andere. Manche beklagten sich, dass ihre Holzepitaphe vom Hochwasser weggerissen wurden. Coris bemühte sich allen Stimmen Gehör zu verschaffen, doch die Unruhe im Reich der Seelen war deutlich spürbar und so konnte sie nicht alle deutlich hören. Schließlich beschloss sie einen Versuch zu wagen, die Seelen zu beruhigen und stimmte den Choral der Toten an. Und tatsächlich, die Stimmen schwiegen. Coris sang und sang mit zarter, hoher Stimme. Sie fühlte sich selbst sehr weit entrückt in die Sphäre der Toten, fern von dem schlammigen Grund, der den Gebeinen oder der Asche der Toten eine letzte Ruhestätte bot.

Lang blieb sie dort stehen, wartete geduldig bis der Zustand der Entrückung nachließ und sie sich wieder ganz im Diesseits befand, bereit den Rückweg zur Burg anzutreten.

 

Coris traf die Junkerin der Schwarzen Au im Hof der Burg an. Dort stand sie neben einem großen, kräftigen Mann, dessen blondes Haar im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden war. Dieser entpuppte sich als der Steinmetz, dem die Gräfin den Auftrag gegeben hatte das Epitaph für die Familie von Hartenau und den Vater der Junkerin zu fertigen. Auf dem Ochsenkarren, der mitten im Hof stand lag eine große schwere Steintafel, etwa 2 Finger dick und ein mal anderthalb Schritt an den Längsseiten. Gemeinsam mit mehreren Knechten wuchtete der Steinmetz die Steintafel vom Wagen. An der von Lyssandra bezeichneten Stelle an der Stirnseite der Burgkapelle trieb der kräftig gebaute Mann einige Eisennägel in die Wand. Auf diese hievte er mit der Hilfe der Knechte das Epitaph und sicherte es mit mehren, eisernen Klammern.

Zufrieden betrachtete er das Werk. Die Tafel bestand aus einem dunkelgrauen Stein aus dem im oberen Drittel das Boronsrad in einem Halbrelief herausgearbeitet war. Darunter war eine Inschrift eingemeißelt:

 

In Gedenken an die bei den Ereignissen zwischen dem 17. und dem 21. Boron 1043 so grausam aus dem Leben Gerissenen.

Möge Boron ihren Seelen die ewige Ruhe schenken!

 

Es folgten das Wappen derer von Hartenau und die Namen von Grimmwulf und Ingrold, das Wappen und der Name von Grimmwulfs Gemahl, Pirejus von Gortdingen, dann das Wappen der Finsterborner und der Name von Lyssandras Vater Theofried von Finsterborn. Zuletzt das Signum der Göttin Travia und der Name von Mutter Marinad.  

Lyssandra sah die Borongeweihte an. „Ist das gut so, Euer Gnaden?“

Coris nickte zufrieden. „Ein sehr schöner Epitaph. Die Weihe ist für heute Nachmittag geplant?“, fragte sie.

Die Finsterbornerin nickte. „Die Dorfbewohner sind geladen. Es wird Seelen geben, Ihr kennt die Urkentrutzer Brotspezialität?“

Die Dienerin Golgaris schüttelte den Kopf. „Warum heißen sie so?“

„Es sind einfache, längliche Brote aus Dinkel oder Emmer, Hefe, Wasser und Salz. Man bestreut sie mit grobem Salz und Kümmel. Seelen sind seit alters her mit dem Totenfest zum 1. Boron verbunden und werden auch bei Beerdigungsfeiern an die gesamte Trauergemeinde ausgeteilt“, erklärte die Junkerin.

Interessiert blickte die Geweihte zum Backhaus hinüber. Man roch bereits den Duft frisch gebackenen Brotes. Sie war schon gespannt auf das Gebäck mit dem Namen „Seele“. Dann wandte sie sich wieder der Junkerin zu. „Kann ich euch vorher noch einmal sprechen?“

Lyssandra von Finsterborn nickte. „Aber sicher, Euer Gnaden. Folgt mir, bitte!“

Sie wies die Arbeiter an, das Epitaph mit dem vorbereiteten schwarzen Samttuch abzuhängen. Dann ging sie in Richtung des Palas.

 

Das Arbeitszimmer der vormaligen Baronin befand sich im ersten Obergeschoß des Palas. Es war eher funktionell eingerichtet. Ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz nahm einen großen Teil des Raumes ein. Dahinter stand ein großer Lehnstuhl, davor zwei einfachere Stühle für die Gäste. Ein Regal zur Linken enthielt einige Buchrollen und ein paar Erinnerungsstücke: einen Pokal, eine Gedenktafel und eine Medaille, die wohl Grimmwulf von Hartenau verliehen worden war.

Lyssandra von Finsterborn umrundete den Schreibtisch und bot, während sie sich hinsetzte, der Borongeweihten einen Stuhl an.
„Nun berichtet mir von Euren Erfahrungen auf dem Boronanger, Euer Gnaden“, forderte die Junkerin Coris auf.

Die Dienerin Golgaris sammelte ihre Gedanken. Sie überlegte womit sie beginnen sollte: mit dem schauderhaften Zustand des Totenackers oder mit den unruhigen Seelen. Da aber beides zusammenhing, entschied sie sich für eine Beschreibung des Ortes.

„Der dörfliche Boronanger ist in einem schauderhaften Zustand“, begann Coris. Sie sah die Junkerin an und forschte in deren Gesicht, ob sich die Junkerin der Schwarzen Au darüber im Klaren war.

Lyssandra nickte beschämt. „Das ist wahr! Die Überschwemmungen im Tsa/Phex haben ihn komplett verwüstet und da leider auch im Dorf einige Hütten fortgespült oder so schwer beschädigt worden sind, dass sie unbewohnbar waren, hatte das Wohl der Lebenden Vorrang. Die Aufräumarbeiten und erste Wiederaufbaumaßnahmen haben bislang keine Zeit für den Boronanger gelassen.“

Die blasse Borondienerin nickte verstehend. „Das ist verständlich. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass der Zustand des Totenfeldes mit zur Unruhe der Seelen beiträgt. Die hölzernen Grabstelen sind zum Großteil davongespült worden. Damit haben die Angehörigen keinen Platz mehr, an dem sie ihrer Verstorbenen gedenken können. Das beunruhigt die Seelen. Und selbst die steinernen Male sind entweder unterspült und umgefallen oder die Inschriften sind vom Schlamm unkenntlich, so wie bei der Familiengruft der Hartenaus und dem Gedenkstein für Mutter Marinad. Es ist an der Zeit für Ordnung zu sorgen!“

Die Finsterbornerin wirkte betroffen von der Schilderung. Sie musste zugeben, dass sie sich nicht wirklich um den Boronanger gekümmert hatte, seit der Beisetzung der Baronsfamilie und der Traviageweihten.
„Was schlagt Ihr vor, Euer Gnaden?“

Coris hatte sich auf dem Weg zurück zur Burg schon Gedanken darüber gemacht, wie man vorgehen könnte. Nun unterbreitete sie der Junkerin ihre Vorschläge.
„Heute Nachmittag werden sicherlich viele Dorfbewohner auf die Burg kommen. Ihr werdet sicherlich eine Ansprache an die Bevölkerung halten. Vielleicht könnt Ihr den Zustand des Boronangers zur Sprache bringen und eine gemeinsame Aktion vorschlagen, bei der der Totenacker gesäubert und neue hölzerne Grabstelen aufgestellt werden können. Gibt es denn ein Sterbearchiv?“

Die Junkerin aus der Schwarzen Au schüttelte bedauernd den Kopf. „Soviel ich weiß nicht. Zumindest nicht auf der Burg. Der Vogt und ich machen gerade Inventur. Bislang ist nichts dergleichen aufgetaucht.“

Die Borondienerin verzog ein wenig die schmalen Lippen. „Nun, dann kann ich Euch nur anbieten, von Haus zu Haus zu gehen und die Familien zu fragen, welche ihrer Angehörigen wann auf dem Boronanger bestattet worden sind. Dann könnten wir ein solches Register anlegen. Es wird dann vermutlich nur die letzte Generation umfassen, aber immerhin.“

Lyssandra fand den Vorschlag gut. „Das ist eine hervorragende Idee. Wenn Ihr dafür noch Zeit habt, Schwester Etiliane?“

Coris nickte schweigend. „Ich werde meine Abreise ein paar Tage verschieben. Eigentlich wäre es schön, wenn man einen Boronschrein auf dem Totenacker errichten würde. Dann hätten die Angehörigen auch für die Ahnen, deren Stelen nicht wiederaufgerichtet werden, einen Ort der Andacht und des Gebets. Das würde sicherlich die Seelen beruhigen.“

Die Finsterbornerin schien zuzustimmen. Sie beugte sich vor. „Den Vorschlag habe ich dem Vogt auch schon gemacht. Gerade angesichts der gewaltsamen Tode der Baronsfamilie und der Traviageweihten hätte ich gerne eine Umgestaltung des Boronangers vorgenommen und damit verbunden einen Schrein zu Ehren des Unausweichlichen errichten lassen. Doch der Vogt hält das für eine unnötige Geldausgabe. Er ist sehr bedacht darauf, dass keine Gelder verschwendet werden. Aber vielleicht könnt Ihr ihn ja überzeugen, Euer Gnaden. Wenn er nicht auf eine Geweihte des Dunklen Vaters hört, auf wen dann?“

Die Borongeweihte hob zweifelnd die Schultern. „Ich will es gerne versuchen, Wohlgeboren.“

„Gut“, schloss Lyssandra das Gespräch ab. „Dann will ich die Bewohner von Urkenfurt zu einer gemeinsamen Aktion ermutigen und Ihr versucht Euer Glück bei Winand Blaubinge.“

 

***

 

Als Coris in der Traviastunde aus dem Fenster des Gästehauses auf den Burghof blickte, hatte sich dieser bereits gefüllt. Zahlreich waren die Einwohner von Urkenfurt auf die Burg gekommen, neugierig auf die angekündigte Enthüllung der Gedenktafel zu Ehren der verstorbenen Baronsfamilie. Vor dem Backhaus bildete sich eine lange Schlange. Jeder wollte eine Seele bekommen. Gegenüber, vor dem Stallgebäude, hatte der Stallmeister Wunibald ein Fass mit frischem Bier aufgestellt, von dem ebenfalls jeder Burgbesucher einen Humpen umsonst ausgeschenkt bekam.

Die Geweihte strich noch einmal die Robe glatt und schob eine Haarsträhne ihres schwarzen Haares zurück in den geflochtenen Zopf. Dann öffnete sie die Kammertür und machte sich auf den Weg in den Burghof. Als sie die Tür des Gästehauses aufschob, erschlug sie die Enge beinahe. Coris atmete tief durch. Nichts hasste sie mehr als ein solches Gedränge. Sie sandte ein Stoßgebet gen Himmel, und als hätte der Dunkle Vater es gehört, machten ihr sogleich die Nächststehenden Platz. In den Mienen der Urkentrutzer mischten sich Respekt und Furcht, manche wichen förmlich angstvoll zurück, als sie die Borongeweihte kommen sahen oder griffen sich an ihre Talismane. Wie von selbst bildete sich eine Gasse, die Coris bis vor die kleine Burgkapelle führte. Dort war ein kleines, hölzernes Podest errichtet worden, auf das zwei Stufen führten. Auf dem Podest befanden sich ein Räucherbecken mit glühender Kohle und ein Kästchen mit Räucherwerk auf der eine große Rabenfeder lag. Das Epitaph war mit einem schwarzen Tuch verhüllt worden.

Zum Glück näherten sich in diesem Augenblick auch die Junkerin und der Vogt Winand Blaubinge der hölzernen Empore. Damit hatte Coris nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit der Anwesenden. Die Köpfe flogen herum, das Gemurmel nahm zu. Nachdem die Finsterbornerin und der Blaubinger das Podest erklommen hatten, erreichte es auch die Borongeweihte. Sie raffte die bodenlange Robe und stieg empor.

Lyssandra von Finsterborn blickte in das Publikum. Die Gespräche verebbten. Die Junkerin nickte lächelnd und ergriff dann das Wort.
„Liebe Urkentrutzer, es freut mich zutiefst, dass ihr so zahlreich erschienen seid, um der Enthüllung einer Gedenkschrift für die Familie von Hartenau, der Traviageweihten Mutter Marinad und für meinen Vater, Theofried von Finsterborn, den Junker der Schwarzen Au, beizuwohnen. In ihrer gütigen Großzügigkeit hat Gräfin Griseldis von Pallingen einen höfischen Steinmetz beauftragt ein Epitaph zu fertigen, das zukünftig die Wand der Burgkapelle zieren und an die gewaltsamen Todesfälle hier auf der Burg erinnern soll. Unglücklicherweise hat die verheerende Überschwemmung des Finsterbaches in diesem Frühjahr auch den Boronanger schwer verwüstet. Grabstelen wurden fortgerissen, Steine unterspült und die Gedenktafeln für die Baronsfamilie und die Geweihte mit Schlamm überschwemmt. Der Totenacker ist in einem grauenhaften Zustand. Ich bin euch, liebe Urkentrutzer, sehr dankbar für eure tatkräftige Mithilfe bei den Aufräumarbeiten und dem bereits begonnenen Wiederaufbau der zerstörten Häuser. Natürlich geht das Wohl der Lebenden vor, doch sollten wir nicht vergessen, dass auch die Seelen der Verstorbenen, sei es bei der Überschwemmungskatastrophe oder seien es eure Ahnen, der Pflege bedürfen. Aus diesem Grund bitte ich euch um eure Mithilfe. Ihro Gnaden, Schwester Etiliane, aus dem Boronkloster Etiliengrund in der Baronie Schneehag, die extra angereist ist, um die Weihe der Gedenkinschrift vorzunehmen, hat sich bereit erklärt, uns auch dabei zu unterstützen, die Namen der Verstorbenen, die auf dem Boronanger bestattet wurden und deren Stelen vom Hochwasser fortgetragen wurden, in einem Dokument niederzuschreiben. Auf dass wir ein Archiv mit den auf dem Totenacker begrabenen anlegen können. Ich bitte euch deshalb die Dienerin des Dunklen Vaters zu unterstützen, wenn sie in den kommenden Tagen an eure Türe klopft, um die Namen eurer Vorfahren niederzuschreiben. Des weiteren werden der Vogt und ich einen Tag festlegen, an dem wir euch zu einem weiteren Dienst im Sinne der Gemeinschaft rufen werden, nämlich dem Säubern des Boronangers und dem Wiederaufrichten der Steine und hölzernen Stelen.“
Die Junkerin machte eine Pause und blickte in die Gesichter der Urkentrutzer. Die Ausdruckslosigkeit der meisten Mienen ließ nicht erkennen, wie die Dorfbewohner über die Ankündigung eines weiteren Frondienstes dachten. Schließlich hatten sie bei und nach der Überschwemmung Tag und Nacht angepackt, um die durch angeschwemmte Baumstämme entstandene Barriere an den Brückenpfeilern, die zu einer Aufstauung des Wassers geführt hatte, zu beseitigen. Drei tapfere Urkentrutzer hatten den Tod gefunden bei der Flut und den gefährlichen Arbeiten, die zum Schutz der Brücke und zur Beseitigung des Stauungshindernisses notwendig gewesen waren.

„Schließlich sind wir das ja auch den bei der Beseitigung der Überschwemmungsschäden zu Tode Gekommenen schuldig. Auch ihnen gebührt die ewige Ruhe auf dem gesegneten Grund des dörflichen Boronangers. Im Beisein von Vogt Winand Blaubinge, dem Entsandten der Gräfin, der die Übergabe der Baronie an einen neuen Baron vorbereiten soll, möchten wir nun Ihro Gnaden, Schwester Etiliane, bitten, den Epitaph zu enthüllen und zu weihen!“

Der Vogt nickte bestätigend und trat ein wenig zur Seite um die blasse Borongeweihte vor das verhängte Epitaph zu lassen.

Coris trat vor. Sie hasste es im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Aber das war nun einmal an diesem Tag ihre Aufgabe. Sie atmete tief durch, sandte ein Gebet an den Ewigen und drehte sich dann zu der neugierig wartenden Zuhörerschaft. Sie räusperte sich.
„Vor Boron, dem Unausweichlichen, sind alle gleich! Diese Gewissheit gilt. Dasselbe gilt jedoch für Rethon, die Seelenwaage. Eine jede und ein jeder muss hier Rechenschaft darüber ablegen, wie sie oder er gelebt hat. Wer seine Sünden zu Lebzeiten nicht gebeichtet und gesühnt hat, wird sich vor Boron verantworten müssen.“

Die Dienerin Golgaris machte eine bedeutungsvolle Pause und ließ ihren gleichgültigen Blick in die Runde schweifen.
„Mögen Rethon und der Ewige die Verstorbenen gerecht bewerten, denn danach wird ihnen der Weg gewiesen werden. Der Einzug in die zwölfgöttlichen Paradiese winkt jenen, die tapfer und aufrichtig, fromm und altruistisch leben und handeln. Alle anderen werden sich in Borons Hallen wiederfinden. Doch seien wir gewiss, dass der Herr Boron sicher weiß, wie er die gewaltsamen Geschehnisse rund um die Baronsfamilie von Hartenau bewerten muss. Ihren Seelen jedoch soll genüge getan werden, auf dass wir Lebenden, die wir in der dritten Sphäre weilen, derer gedenken, die ihren Weg durch den Limbus in die vierte angetreten haben. Mögen ihre Seelen die ewige Ruhe finden!“

Coris streute eine handvoll Räucherharze in die glühende Kohle und zeichnete mit der Rechten das Boronsrad in den aufsteigenden Qualm. Dann griff sie nach dem unteren Zipfel des schwarzen Tuches, das das Epitaph verhüllte und zog daran. Der Stoff fiel herab und enthüllte die glänzende Steintafel mit dem Boronsrad, den Wappen und Namen.

Ein Raunen ging durch die Menge. Diejenigen, die nah genug dran standen betrachteten, wenn sie wohl auch die Schrift nicht lesen konnten, die unterschiedlichen Wappen. Gemurmel kam auf.

Die Geweihte fächelte den Rauch auf das Epitaph und fügte ein Gebet an.
„Heilige Marbo, bitte beim Ewigen um ein gerechtes und mildes Urteil für diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben und preise vor ihm die Mutigen und Gerechten. Der heilige Khalid segne die geschändeten Gebeine auf dass sie in Borons Acker Ruhe finden.“

Dann drehte sie sich wieder zum Publikum um. „Kehret nun zurück in die Welt der Lebenden und gedenkt der Endlichkeit eures Daseins! Wer die Gelegenheit für eine Beichte nutzen möchte oder das erbauliche Gespräch mit mir sucht, damit die eigene Seele dereinst Ruhe in Boron finden möge, der findet mich in der Burgkapelle.“

Sie steckte die Hände in ihre Ärmel, dann nickte sie der Junkerin und dem Vogt zu und stieg von der Empore herab. Auf dem Weg zur Burgkapelle drückte ihr jemand eine Seele und einen Becher frisch gebrautes Bier in die Hand. Coris nickte dankend und ließ sich das Gebäck schmecken.  

 

***

 

Es kamen nicht viele Personen zur Beichte. Also nutzte Coris die Ruhe der Kapelle zum Gebet und zur inneren Einkehr. Das Licht schwand und irgendwann schwang quietschend die Kapellentür auf. Mit einem respektvollen Räuspern verschaffte sich Traugunde Plötzenbühler Gehör.
„Entschuldigt bitte, Euer Gnaden, der Tisch ist gedeckt. Möchtet Ihr am Abendmahl teilnehmen?“

Die Borongeweihte erhob sich. Sie bedankte sich und folgte der Hausdame in den Palas. Auf dem Hof war bereits alles wieder aufgeräumt. Wie auch am Abend zuvor war die Tafel sehr schön gedeckt. Es roch nach Fisch. Die Junkerin und der Vogt warteten bereits. Coris war peinlich, dass sie spät war.
„Borons Segen für diese traviagefällige Tafel“, sagte sie. „Es tut mir leid, dass ich über der erbaulichen Stille der Burgkapelle und der tiefen Versenkung ins Gebet die Zeit vergaß.“

„Ich freue mich, dass ihr im Trubel der Enthüllungsfeierlichkeiten die notwendige Ruhe und Kontemplation gefunden habt, Euer Gnaden.“
Die Finsterbornerin lächelte und bot der Geweihten den Platz rechts neben sich an. Der Vogt saß ihr gegenüber. Der Platz neben ihm, der Tochter der Junkerin gegenüber, wurde an diesem Abend von einem älteren Mann eingenommen, der unverkennbar ein Ritter war. Er trug eine einfache Tunika mit dem Wappen der Baronie über seiner Bruche und dem Wams. Der Ritter durfte etwa das Alter des Vogtes haben. Er blickte äußerst griesgrämig.

„Darf ich Euch Ritter Ludopoldt vorstellen? Er ist der Dienstritter auf Burg Urkenfurt. Ritter Ludopoldt, dass ist Euer Gnaden, Schwester Etiliane aus dem Boronkloster Etiliengrund.“

Abschätzig musterte der Dienstritter die Borongeweihte. „N´Abend, Euer Gnaden“, grüßte er einsilbig. Sein Interesse galt viel mehr den Platten und Schüsseln auf dem Tisch. Der Vogt, der seinem Blick gefolgt war, erklärte.
„Zur Feier des außergewöhnlichen Tages gibt es heute Abend einmal keinen Eintopf, sondern Fisch aus dem Finsterbach.“

Lyssandra von Finsterborn nickte. „Es gibt zwei Forellen, zwei Rotaugen und einen Kretzer. Ihr seid unser Ehrengast und dürft Euch den Fisch aussuchen.“

Coris blickte irritiert von der Junkerin zu dem offensichtlich hungrigen Ritter. Sie aßen in Etiliengrund sehr selten Fisch. Da musste schon jemand seinen Fang dem Kloster zum Geschenk gemacht haben. Dort wo das Kloster lag, auf einer Erhebung vor dem Finsterkamm, gab es kein Gewässer, das ausreichend Fisch für die Klostergemeinschaft bot. Folglich kannte sie die meisten Fische nicht, konnte also kein Rotauge von einer Forelle oder einem Kretzer unterscheiden. Dazu kam, dass sie den Geschmack von Fisch nicht sonderlich leiden konnte.

„Hm, ich danke euch“, erwiderte die Geweihte. Sie versuchte zu verhehlen, dass sie nicht oft Fisch aß. „Ich denke, diesen hier.“ Sie zeigte auf den kleinsten der Fische, die auf einer großen irdenen Platte lagen.

„Wie ihr möchtet, Euer Gnaden! Wigdis, kannst du Schwester Etiliane bitte den Kretzer geben?“

Schnell landete der schmale, kleine Fisch mit seinem glänzenden Körper auf ihrem Teller. Die Junkerin aß eine Forelle, ebenso der Vogt, während sich Eylin und der Ritter über die Rotaugen beugten. Als Beilage gab es Karottengemüse und die Seelen, die man für die Feier am Nachmittag gebacken hatte.

Erleichtert stellte Coris fest, dass das Essen größtenteils schweigend eingenommen wurde. Sie sah den anderen dabei zu, wie die scheinbar mühelos die Fische von Haut, Kopf, Schwanz und Flossen befreiten und dann das Fleisch zumeist mit den Fingern, im Falle von Lyssandra und Eylin, auch mit der Gabel zum Mund führten. Die Etilianerin bewunderte die Junkerin für ihre Tischmanieren.
Mühsam versuchte Coris es den Tischgenossen nachzumachen. Sie musste schnell feststellen, dass der Kretzer viele Gräten hatte. Ein Blick auf die Teller der anderen zeigte ihr, dass auch diese mit vielen Gräten zu kämpfen hatten.

Ritter Ludopoldt schien die wenigsten Probleme mit den Gräten zu haben. Auch so genoss er sichtlich das Abendessen. Nachdem er sich zum Wohlschmecken ordentlich den Duft der Teller links und rechts von sich in die Nase gewedelt hatte, hob er wenig später die eine Hinterbacke und ließ deutlich hörbar einen fahren. Die Krönung war dann wie er mit dem Kopf des Fisches verfuhr. Er hielt ihn einen Moment lang unschlüssig in der Hand, roch kurz daran und steckte ihn sich schließlich als Ganzes in den Mund. Das anschließende Kauen dauerte etwas länger, knirschte hörbar und musste durch einige Schlucke seines Getränkes unterstützt werden, aber von seinem Fisch war am Ende kaum mehr was übrig.

Coris versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie den Fisch nicht übermäßig schmackhaft fand. Sie ließ sich deshalb gerne etwas mehr Karottengemüse und Brot geben. Mit spitzen Fingern zog die Geweihte das weiße Fleisch des Kretzers zwischen den Gräten heraus, ließ es mit der Zunge im Mund hin und hergleiten, um es nach weiteren spitzen Gräten zu durchsuchen. Erst wenn sie sich ganz sicher war, dass das Stück keine mehr enthielt, schluckte sie. So zog sich das Essen eine Weile hin. Alle außer Eylin waren bereits fertig, als Coris sich zurücklehnte. Sie hatte etwas mehr als die Hälfte des Fisches gegessen.
Eylin lächelte sie an. „Oh, seid Ihr auch schon satt, Schwester Etiliane? Ich auch!“ Sie schob ihren Teller von sich.

Entschuldigend nickte Coris. Ein missbilligender Blick des Vogtes traf sowohl die Borongeweihte wie die Jüngste Finsterbornerin.

„Seid Ihr etwa, ähnlich wie meine Tochter, keine Freundin von Efferds Gaben?“, fragte Lyssandra.

„Ähm, ich,…“ Coris suchte nach den richtigen Worten. „Nun, unser Kloster liegt in den Vorbergen des Finsterkamms. Da gibt es nur sehr selten Fisch, muss ich zugeben. Es ist einfach ungewohnt für mich.“

„Das macht gar nichts, Euer Gnaden!“ Die Junkerin winkte der Magd, die ihr am nächsten stand. „Unsere gute Dorntrud kann auch aus den Resten noch etwas zaubern, nicht wahr?“

Die Magd nickte. „Sicher, Wohlgeboren! Das wird sie bestimmt!“

Der Vogt schien beruhigt. Er wischte sich das Gesicht mit dem Tuch ab, das unter seinem Teller gelegen hatte. Als abserviert war konnte man sehen, dass einzig der Platz an dem die Junkerin gegessen hatte, sauber geblieben war. Die anderen, allen voran derjenige von Ritter Ludopoldt, glichen einem Schlachtfeld. Gräten, hellrote Flecken von den Karotten und dunklere vom Fett und der Haut der Fische, sowie Brotbrösel bildeten eine Art Collage auf dem senffarbenen Damast. Lyssandra von Finsterborn ließ sich nichts anmerken. Sie griff das Gespräch wieder auf. Es sollte noch einmal um den Boronschrein auf dem Totenacker gehen.

Die Jukerin erhob das Wort. „Nun, werter Winand Blaubinge, wir müssen noch einmal über die Wiederherstellung des Boronangers reden. Ihro Gnaden, Schwester Etiliane, hat sich heute einen Überblick verschafft. Es ist vieles im Argen. Zahlreiche Grabstelen sind umgefallen, gänzlich zerstört oder weggeschwemmt worden. Die Seelen sind unruhig, der Anger benötigt eine erneute Konsekration.“

Der Vogt nickte zustimmend. „Nun, ich denke, das kann dann im Anschluss an die von Euch bereits in Aussicht gestellte Gemeinschaftsaktion im Sinne eines Frondienstes geschehen.“

Die Finsterbornerin insistierte. „So schnell geht das aber nicht. Zunächst muss festgestellt werden, soweit das überhaupt noch möglich ist, wer auf dem Anger begraben lag. Dazu hat sich Ihro Gnaden ja schon angeboten, dass sie noch bleibt und die Familien nach den auf dem Anger bestatteten Familienmitgliedern befragt. Es müssen aber auch neue Grabstelen angefertigt werden. Sowohl die hölzernen als auch zum Teil steinerne. Und ich bin unbedingt dafür, dass wir meinen Vorschlag in die Tat umsetzen, einen Boronschrein auf dem Anger zu errichten. Das würdet Ihr doch auch befürworten, nicht wahr, Euer Gnaden?“

Coris nickte. Doch in diesem Moment hob der Vogt abwehrend die Hand.
„Moment! Die Kosten! Habt Ihr das bedacht, Wohlgeboren? Was kostet die Errichtung eines Schreins! Und wozu? Bislang hat das steinerne Boronsrad doch auch als Bezugspunkt des Herrn Boron ausgereicht. Wozu jetzt einen Schrein setzen?“

Ein hilfesuchender Blick ging von der Junkerin zu der Borongeweihten. Coris, die sich nicht gerne rechtfertigte und überhaupt keine Künstlerin mit Worten war, musste sich bewusst ermahnen, dass es hier um eine wichtige Angelegenheit für ihren Herrn, den Dunklen Vater, ging. Sie atmete also tief ein und erwiderte dann dem Vogt.
„Nun, werter Vogt, ich gehe davon aus, dass die meisten Familien gerade noch die Namen der vorangegangenen Generation erinnern werden, die dort auf dem Boronanger ihre letzte Ruhe gefunden hatte. Es ist aber für die Ruhe der Seelen aller Generationen von Verstorbenen wichtig, dass ihrer gedacht wird und dass die Angehörigen einen Platz zur Inneren Einkehr und zum Gebet haben. Einen Ort, wo sie mit ihren Ahnen in Kontakt treten können.“

Winand Blaubinge klappte den Mund, den er bereits geöffnet hatte um eine Antwort zu geben, wieder zu. Er dachte kurz nach.
„Und da reicht der Boronanger alleine nicht? Könnte man nicht den Platz wo das steinerne Boronsrad steht etwas hübscher dafür herrichten, vielleicht mit einer Bank? Das wäre allemal günstiger als ein Schrein.“

Das erste Mal seit sie Schwester Etiliane kennengelernt hatte, sprach der Gesichtsausdruck der Borongeweihten Bände. Eine strenge Falte bildete sich zwischen den Augenbrauen.
„Ist das wahre Zwölfgötterfrömmigkeit? Habt ihr keine Sorge um Rethons Urteil, werter Vogt, wenn Ihr dereinst vor den Dunklen Vater tretet?“

Winand Blaubinge schien sich unter dem Blick der Geweihten zunehmend unangenehm zu fühlen. Er begann zu schwitzen.

„Ich gebe zu bedenken“, sprach die Dienerin Golgaris leise aber bestimmt, „, dass man im Schrein ein Sterberegister unterbringen könnte. All die Namen, die ich bei den Bewohnern des Dorfes aufschreibe, und die Sterbedaten der Ahnen soweit sie noch bekannt sind, könnten dort verzeichnet bleiben und somit eine Art von Archiv für Urkenfurt bilden.“

„Hm“, machte der Vogt, noch immer nicht überzeugt. „Das Register ließe sich gut auch hier in der Burg unterbringen. Aber die Entscheidung darüber muss ja auch nicht heute gefällt werden.“

Coris schwieg. Sie hatte ihre Argumente vorgebracht, mehr konnte sie nicht tun. Dem Gesichtsausdruck der Junkerin war zu entnehmen, dass sie sich über die Sparsamkeit des Vogtes ärgerte. Aber auch sie ließ es dabei bewenden. Sie bedankte sich jedoch noch einmal bei der Etilianerin für ihre Hilfsbereitschaft. Damit war die Tafel aufgehoben.


***

Winand Blaubinge träumte. Er machte einen Kontrollgang durch das Dorf Urkenfurt. Er wollte sehen inwieweit die Dörfler ihren Frondiensten nachkamen. An der Brücke waren zwei Männer dabei, das ausgespülte Ufer neu mit Steinen und Lehm zu befestigen. Winand bog auf den Weg der in Richtung Herzoglich Pallingen führte. Hier hatte der überschwemmte Finsterbach im Frühjahr die größten Schäden angerichtet. Vom Oberlauf und der Langen Klamm angeschwemmte Baumstämme, die Erdrutsche und unterspülte Ufer entwurzelt hatten, waren an den Brückenpfeilern hängen geblieben. So hatte sich einer Barriere gebildet, die gleich einem Damm das Wasser oberhalb der Brücke aufgestaut hatten. Dort war das Wasser schnell über die Ufer getreten, hatte die Stege, die wenigen Hütten und, was viel schwerer wog, die Mühle, die dort gestanden hatte, mit sich gerissen. Die Uferböschung war aufgeweicht worden, große Stücke herausgerissen und der Steg an der Mühle war ebenfalls zerstört worden. Die übriggebliebenen Stützen ragten wie starre Finger aus dem inzwischen wieder auf normalem Niveau befindlichen Fluss.
Auch hier waren Arbeiten im Gange. Die Mühle war existenziell wichtig für die Dorfgemeinschaft. Deshalb fanden sich genügend Freiwillige, um beim Wiederaufbau zu helfen. Lyssandra von Finsterborn hatte sich durchgesetzt in dem Disput mit Winand über den Wiederaufbau der Uferlinie und insbesondere der Mühle. Sie hatte dafür plädiert, dass alle essentiell notwendigen Bauten, wie die Uferböschung an der Brücke, an den Steganlagen oberhalb und unterhalb der Brücke und das Fundament der Mühle aus Stein gefertigt werden sollten. Winand hatte protestiert, die hohen Kosten in die Waagschale geworfen, doch die Junkerin legte dar, dass durch die Überschwemmungen auch eine Menge größerer und kleiner Steine aus der Langen Klamm angeschwemmt worden waren. Mit ihnen konnte man den größten Teil der Arbeiten ausführen. Den Rest würde man aus dem Steinbruch in der Klamm holen. Letztlich gab das Argument den Ausschlag, dass man auch in Zukunft sicherlich mit Überschwemmungen des Fialgralwas rechnen musste und die befestigten Ufer und Gebäude dem Wasser besser standhalten konnten. Für mehr als eine Generation.

Zufrieden mit den Wiederaufbauarbeiten ging Winand weiter. Er ließ die letzten Hütten hinter sich. Ein Stück entfernt lag der Bogen, den der Finsterbach machte bevor er in die Gerade, die auf die Brücke zuführte überging. In diesem Bogen lag der Boronanger des Dorfes. Bei der Anlage des Totenackers hatte man das natürliche Halbrund des Flusses genutzt um die Wege, die die Grabfelder trennten, dem Halbkreis eines Boronsrades anzupassen. Ein Weg führte außen am Flussufer entlang, einer schloss die offene Seite dieses Halbrundes mit einer Geraden ab und drei weitere bildeten die inneren Speichen des gebrochenen Rades. Das gesamte Areal war von einem Zaun umschlossen gewesen. Dieser war vollständig weggeschwemmt worden. Außer dem schwarzen Denkmal des Boronsrads, das im mittleren Segment den Totenacker zu überwachen schien, standen nur noch wenige steinerne und hölzerne Stelen. Die meisten waren schief oder gar umgefallen. Von den Hölzernen waren gar nur eine Handvoll übriggeblieben, die den heruntergekommenen Eindruck des Totenackers noch unterstrichen. 

Nebel zog auf. Winand schauderte. Das wabernde Weiß schien nicht nur vom Fluss heraufzuziehen sondern wie aus den Poren der Erde aufzusteigen. Schnell sah der Vogt kaum mehr die Hand vor Augen.
Urplötzlich vermeinte er eine Bewegung hinter sich wahrzunehmen. Er fuhr herum. Zunächst sah er nichts als den dichten Nebel. Dann aber schien sich jemand oder etwas auf ihn zuzubewegen. Das, was sich aus dem feuchten Weiß schälte, war kein Mensch… zumindest kein lebender Mensch. Winand stellte es die Nackenhaare auf. Ein Skelett schien sich ihm zu nähern. Faulende Fleischreste hingen von den modrigen Knochen, die irgendwie noch Zusammenhalt hatten. Aus tiefen Höhlen starrte ihn der Tod persönlich an. Zumindest schien es Winand so. Er stolperte rückwärts, begann stoßweise zu atmen.
Der Vogt versuchte aus der Reichweite des Skeletts zu kommen. Doch in diesem Moment tat sichvor ihm der Boden auf. Eine Leichenhand griff aus den Tiefen eines Grabes nach seinem Knöchel und klammerte sich darum.
Schreiend wich Winand noch weiter zurück bis er mit dem Rücken an eine der schiefen Steinstelen stieß. Erschrocken fuhr er herum. Doch für Erleichterung war keine Zeit. Das Skelett kam näher und zu ihm gesellte sich nun die Leiche, deren Hand eben nach seinem Knöchel geangelt hatte. Diese schien sich aus ihrem Erdgefängnis befreit zu haben. Gemeinsam schwankten sie auf Winand zu. Plötzlich tat sich unter seinen Füßen der Boden auf. Ein gähnender Abgrund offnete sich, ein frisches Grab…

 

Schweißgebadet wachte der Vogt der Bärwalder Gräfin auf. Er sprang aus dem Bett und griff nach dem Kienspan, der auf dem kleinen Tisch in seiner Kammer stand. Dabei zitterte er so sehr, dass es lange dauerte, bis der Funke den er schlug, den Span in Brand setzte. Im Schein des Spans untersuchte er seinen Knöchel, suchte nach Spuren des Klammergriffs der Leiche. Nichts war zu sehen. Dennoch fühlte sich der Vogt im Dunkel der Kammer nicht mehr wohl. Sein Herz schlug hart gegen den Brustkorb. Die Blase melde sich. Winand beschloss den Abort aufzusuchen, um sich zu erleichtern. Der Weg durch die dunklen Korridore der Burg trugen nicht zu seiner Beruhigung bei. Der Blaubinger hatte eine Gänsehaut. An ein Weiterschlafen war so nicht zu denken. Er zog sich einen Umhang über und trat auf den Hof hinaus. Das einzige Licht in dieser madamallosen Nacht war die Laterne der Wache am Burgtor. Oder war da nicht noch ein Licht gewesen? Ein seltsames, helles Leuchten? Eine durchscheinende Gestalt, die sich über den Hof auf die Kapelle neben dem Torturm zubewegte… schwebte sie gar? Wieder stellten sich die Nackenhaare des Vogtes auf. Er schauderte. Dann beobachtete der Blaubinger wie die seltsam glühende Gestalt in dem Epitaph zu verschwinden schien, welches sie am vergangenen Tag enthüllt hatten.

 

***

 

Als Coris am kommenden Morgen aus dem Gästehaus auf den Hof trat, sah sie Winand Blaubinge auf den Stufen des Backhauses sitzen. Er wirkte übernächtigt und mitgenommen. Tiefe, dunkle Ringe waren unter seinen Augen zu erkennen. Als er die Borongeweihte sah, beeilte er sich auf die Beine zu kommen. Der Vogt näherte sich und entbot der Dienerin Golgaris einen Morgengruß. Coris erwiderte. „Ich hoffe wohlgeruht zu haben!“

Der Blaubinger blickte ihr forschend ins Gesicht. Er suchte nach Anzeichen dafür, dass ihm die Borongeweihte den skelettierten Traumvogel geschickt haben mochte. Doch vergebens. Das Gesicht der Geweihten war ausdruckslos wie immer.
„Geht ihr gleich ins Dorf, Euer Gnaden?“, fragte er neugierig.
Die Etilianerin nickte. „Ich möchte die Junkerin noch um ein paar Wachstafeln bitten, damit ich mir die Namen aufschreiben kann. Später dann werde ich alles auf Pergament ins Reine schreiben. Ein richtiges Sterberegister anlegen.“

Der Vogt nickte. „Ich begleite Euch zur Junkerin. Wir haben ohnehin noch einiges zu tun.“

Sie trafen Lyssandra von Finsterborn im Schreibzimmer der Baronin an. Kopfüber hing sie über einer Truhe. Sie schien etwas zu suchen. Als sie das Klopfen an der bereits geöffneten Tür hörte, sie hatte den Blaubinger ja bereits erwartet, erhob sie sich. Das kastanienbraune Haar stand aufgeladen in alle Richtungen. Die Junkerin bemerkte es an den amüsierten Blicken der Eintretenden und bemühte sich eifrig die fliegenden Strähnen wieder glatt zu streichen.
„Tretet ein, tretet ein!“, munterte sie den Vogt und die Etilianerin auf. Zu Coris gewandt, fragte sie. „Kann ich Euch noch irgendwie behilflich sein, Schwester Etiliane?“

Coris nickte. Sie bat um Wachstafeln und einen Griffel mit dem sie die Namen der Verstorbenen, die auf dem Boronanger des Dorfes begraben lagen, notieren wollte. Lyssandra bestätigte, dass sie schon auf der Suche war. „Ich erinnere sich, in der Truhe mindestens zwei Wachstafeln gesehen zu haben.“

Sie beugte sich erneut kopfüber in die Truhe. „Wollt Ihr mir vielleicht einmal zur Hand gehen, Euer Gnaden?“
Die Finsterbornerin reichte der Geweihten verschiedene Utensilien, die sich in der Truhe befanden. Da waren diverse Pergamente, die man offenbar als Palimpseste benutzte, denn beim genaueren Hinsehen, konnte man erkennen, dass sie schon einmal beschrieben gewesen waren. Da Pergament teuer war machte man sich die Mühe es mittels eines Messers vorsichtig abzuschaben, um es von nicht mehr benötigten Texten zu befreien. Es folgten Siegelwachs, mehrere Siegelstempel und Griffel.
„Hier, da sind schon einige Griffel.“ Lyssandra kruschte weiter. „Ah, da!“ Eingewickelt in einige Bahnen einfaches Leinen erschienen die gesuchten Wachstafeln. Triumphierend hielt die Junkerin die Schreibunterlagen hoch.

Coris hatte bereits beide Hände voll mit Pergamentrollen und Siegelstempeln. Sie sah die Finsterbornerin hilflos an. Mit einem ungnädigen Blick auf den Vogt brachte Lyssandra diesen dazu, sich am Schreibtisch und der Borongeweihten vorbeizudrücken, um die Wachstafeln in Empfang zu nehmen. Unentwegt Entschuldigungen murmelnd schob sich Winand Blaubinge wiederum durch den Engpass zwischen Schreibtisch und der Etilianerrobe. Dass er dabei recht auf Tuchfühlung ging, war nicht nur ihm peinlich. Mit unnatürlich roten Bäckchen legte Coris die Pergamentrollen und die Siegel auf den Tisch. Dann nahm sie die Wachstafeln in Empfang, bedankte sich und trat eilig den Rückweg an. „Ich möchte dann auch gar nicht weiter stören, ich habe ja viel zu tun.“

  1. Peraine 1043

Nach über einer Woche, die Coris damit verbracht hatte, alles Namen und Sterbedaten an die sich die Familien aus Urkenfurt noch erinnern konnten, niederzuschreiben, war es an der Zeit sich von der Junkerin der Schwarzen Au und dem Vogt der Bärwalder Gräfin zu verabschieden.
Lyssandra von Finsterborn hatte die Köchin Dorntrud gebeten, ob sie der Geweihten vom entlegenen Boronkloster Etiliengrund einen Wunsch erfüllen konnte. Die Junkerin hatte nämlich im Gespräch herausgefunden, dass die Geweihte Mehlspeisen liebte. Also gab es am letzten Abend auf Burg Urkenfurt eine Koscher Spezialität: dicke, saftig-flauschige Pfannkuchenstückchen, die in Schmalz ausgebacken und mit Rübensirup und Kriechenmus serviert wurden.

Die Wangen der Borongeweihten glühten förmlich als sie von der Küchenhilfe die Mehlspeise aufgetischt bekam. Selbst Winand Blaubinge machte notgedrungen gute Miene zum bösen Spiel. Wer genau hinsah, der konnte die Mundwinkel angespannt zucken sehen. Nachdem die Teller abserviert waren und die Etilianerin zum wiederholten Male die Kochkünste Dorntruds gelobt hatte, ergriff der Vogt das Wort.
„Ähem, ähm, ähem, Ihro Gnaden. Ich möchte Euch noch mitteilen, dass ich mir die Sache mit dem Schrein für den Dunklen Vater auf dem dörflichen Totenacker noch einmal durch den Kopf habe gehen lassen. Ich … ich... habe das Ganze mehrfach überschlafen…“
Nachdem sich die Traumbilder in mehreren aufeinanderfolgenden Nächten wiederholt hatten, war Winand Blaubinge zu der Erkenntnis gekommen, dass der Herr der Träume ihm auf diesem Weg etwas mitteilen wollte. Natürlich hätte er die Borongeweihte um eine Traumanalyse bitten können. Doch damit hätte er ja zugeben müssen, dass er sehr wohl Angst vor dem endgültigen Urteil Rethons hatte. So also umging er die Beichte und pries die nächtlichen Eingebungen als seine ureigene Idee.
„Ich werde der Gräfin den Vorschlag machen, dass die Errichtung eines Boronschreins in jeder Hinsicht eine gute Investition in die Zukunft ist.“

Coris hob die Augenbrauen. „So? Es freut mich, dass Ihr das jetzt auch so seht! Ihr werdet dieses Unternehmen also unterstützen?“

Der Blaubinger nickte und als Coris die Junkerin der Schwarzen Au anblickte, konnte sie deren triumphierendes Lächeln sehen.
„Habt Dank, Schwester Etiliane! Euer Besuch hier in Urkenfurt hat uns sehr geholfen. Richtet bitte dem Abt unseren herzlichen Dank aus, dass er Euch geschickt hat und dass er so lang auf Eure Dienste in Etiliengrund verzichtet hat. Sobald der Boronanger wiederhergestellt und der neue Schrein errichtet ist, werde ich wieder nach Euch schicken. Es könnte sein, dass die Gräfin bis dahin die Baronswürde von Urkentrutz wieder neu vergeben hat. Dann werdet Ihr hier einen neuen Baron oder eine neue Baronin antreffen, aber in jedem Fall werden wir uns zum Grabsegen für meinen Vaters in der Schwarzen Au wiedersehen. Nicht wahr, Euer Gnaden?“

Die Dienerin Golgaris bestätigte die Aussagen der Junkerin mit einem stillen Kopfnicken.

Die Finsterbornerin fuhr fort. „Für dieses Mal haben der Vogt und ich uns überlegt, wie wir dem Kloster Eure Dienste entlohnen sollen und wir haben uns entschieden, Euch einige der wichtigsten Güter aus der Baronie Urkentrutz mitzugeben. Angefangen bei unserer über die Baroniegrenzen hinaus bekannten Einbeerenmarmelade, über einige Flaschen Urkentrutzer Obstsäfte und Obstbrände bis hin zum Urkentrutzer Leinen in modischem Rautenmuster.“

Die Etilianerin beeilte sich die großzügige Entlohnung der Urkentrutzer zu loben. Viel wichtiger als die materiellen Güter war ihr jedoch die Tatsache, dass der Vogt nun dem Bau eines Boronschreins auf dem Totenacker des Hauptortes der Baronie zugestimmt hatte. Sie bedankte sich mit einem Segen des Ewigen für alle Burgbewohner und der Versicherung jederzeit wieder zur Verfügung zu stehen, wenn es Bedarf dafür gab.